opak 4 – die theologische Kreuzigung Gottes

opak 4 Lawinenschnur (Mittel)

Da finden sich der Aufsatz wieder, den ich 1993 am Ende meiner Studentenzeit zusammen mit Harald Olschner geschrieben hatte:

opak 4 – die theologische Kreuzigung Gottes

Von Harald Olschner und Jochen Teuffel

Im vergangenen Jahr [1992] ist in der Erlanger Theologischen Fakultät „opak 4“ freigelegt wor­den. An der Decke des Treppenhauses war eine rote Lawinenschnur, deren Richtungspfeile nach oben wiesen, aufgehängt worden. Die Schnur reichte bis in den Keller des Gebäudes. Dort war das zu einem Knäuel aufgewickelte Schnurende auf einem Schreibtisch festgenagelt wur­den, daneben lag ein Hammer. Knäuel und Tisch wurden während der Freilegung mit einem halben Liter Blut übergossen.

Verantwortlich für die Installation zeichnete die „organisation zur projektion autorenloser kunst“ (opak). Zwei der Initiatoren, die Studenten Harald Olschner und Jochen Teuffel stellen das Projekt vor.

Die Theologie scheint in der Welt ein privilegierter Raum zu sein, in dem Gott beobachtet werden kann. Daher läßt sich auch die Theologie als göttliches Observatorium bezeichnen. Dieses Observatorium verfügt über ein eigenes Archiv, in dem unzählige Beobachtungen Gottes gesammelt und verzeichnet worden sind.

Die meiste Zeit verbringt die Theologie mit Archivarbeiten, das heißt, sie sortiert, inter­pre­tiert, editiert, kombiniert, archäologisiert, reformiert, historisiert und kritisiert die einge­lager­ten Beobachtungen Gottes. Aber hat die Theologie eigentlich eine Zukunft, kann oder soll sie auch weiterhin Gott beobachten?

An dieser Stelle will nun „opak 4“ ansetzen, indem es die „Architektur“ des theologischen „Lehrgebäudes“ aufgreift. „Gott im Himmel und du auf der Erde“ (Prediger 5,1). Die Rich­tungspfeile der Lawinenschnur weisen tatsächlich nach oben! Was die Theologie einzuholen sucht, ist der Gott über uns, der durch die Aufklärung scheinbar verschüttet worden ist. Dieser Gott hat jedoch in seiner Voraussicht nicht versäumt, einen roten Faden, eine „Lawinen­schnur“, für seine Bergung zu hinterlassen.

Für die Bergung Gottes hat es in der Theologiegeschichte eine Vielzahl subtiler Formulierun­gen gegeben, so daß an dieser Stelle aus dem Archiv nur stellvertretend zitiert werden kann: Gott ist die „alles bestimmende Wirklichkeit“, wie sie sich „in den antizipativen Erfahrungen der Sinntotalität der Wirklichkeit“ indirekt selbstbekundet[1]. Gott ist das „Sein-Selbst“, das „jenseits des Gegensatzes von essentiellem und existentiellem Sein“ steht[2]. Diese Formulie­rungen sind nicht jedermann einsichtig, aber man befindet sich ja schließlich in einem [37] Observatorium, von dem ein kompliziertes, feingeschliffenes Beobachtungsinstrumentarium erwartet werden darf.

Und dennoch, bei genauerem Hinsehen läßt sich erkennen, daß dieses theologische Unter­nehmen keine Zukunft hat. Die Schnur ist ausgespannt; es geht nicht mehr weiter. Durch die Aufhängung der Lawinenschnur an der Decke der Fakultät wird die Abhängigkeit dieser Theologie von einem metaphysisch konzipierten Welthorizont sichtbar gemacht.

Die Beobachtung Gottes vermag diesem Horizont nicht zu durchdringen: Die Theologie projiziert ihr metaphysisches Gottesbild an die Decke des eigenen Lehrgebäudes (weshalb man das Observatorium auch als Planetarium bezeichnen könnte). So wird denn auch in der Außenperspektive die Beschränktheit dieses Lehrgebäudes deutlich, da sich dort der Gegen­standsbezug der Theologie zu verflüchtigen scheint.

In der Erkenntnis dieser metaphysischen Diffusion Gottes sieht sich die Theologie veranlaßt, eine andere Beobachtungsform zu wählen: „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns“ Johannes 1,14).

Die Aufmerksamkeit der Theologie gilt daher der Gegenwart Gottes in der Welt. Was immer die Theologie dabei Gott zuzuschreiben weiß, verdankt sie ihren eigenen Distinktionen. Die Unterscheidungen, die Gott markieren, sind also nicht aus der Luft gegriffen, sondern von der Theologie selbst eingeführt worden. Auch hier kann auf das Archiv zurückgegriffen werden: „Gott ist der, dessen Name und Sache von Jesus Christus geführt  wird.“[3] „Im Gekreuzigten  ist Gott selber zur Sprache gekommen. (…) In dieser Existenz Gottes bei dem Menschen Jesus vollzieht sich das göttliche Weisen.“[4]

opak 4 theographisches Opfer (Mittel)

Gott hat sich selbst definiert – in den Augen der Theologie! Für diese Sichtweise Gottes als Gekreuzigten ist die Theologie allein verantwortlich zu machen. In der Reflexion dieser Beob­achtung vollzieht sich eine folgenschwere Umkehrung: Gott wird als Gekreuzigter von der Theologie vorgeführt und festgenagelt. Der Schreibtisch ist der Altar, auf dem die Theolo­gie dieses Opfer Gottes dargebracht und mit ihrer theologia crucis konsekriert hat. Das Blut auf dem Schreibtisch stellt dieses theographische Opfer plastisch dar.

Metaphysische Diffusion oder theographisches Opfer sind also die Resultate einer privile­gier­ten theologischen Beobachtung Gottes. In der semantischen Geschlossenheit des theologi­schen Lehrgebäudes findet sich kein Ausweg, dafür aber eine Vielzahl von Ausflüchten. Auch für die Theologie gibt es den berühmt-berüchtigten „Blinden Fleck“, der für eine letztendliche Uneinsichtigkeit der eigenen Beobachtung steht. Diese Form der eigenen Ignoranz bewahrt vor der Schließung des göttlichen Observatoriums.

Soweit also die Interpretation. Nachzutragen bleibt das Ende von „opak 4“: Das Kunstwerk mußte nach zwei Wochen aus „hygienischen Gründen“ entfernt werden.

Anmerkungen
[1] Wolfhart Pannenberg, Wissenschaftstheorie und Theologie, Frankfurt 1973, S. 330.
[2] Paul Tillich, Systematische Theologie, Bd. 1, 7. A., Frankfurt 1983, S. 274.
[3] Karl Barth, Kirchliche Dogmatik, Bd. III/4, 3. A., Zürich 1969, S. 549.
[4] Eberhard Jüngel, Gott als Geheimnis der Welt, 4 . A., Tübingen 1982, S. 258f.

EVANGELISCHE ASPEKTE, 3. Jg., Nr. 1, 15. Februar 1993, Seite 36f.

Hier der Text als pdf.

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