„Der Mensch, der sein eigener Herr ist, ist nur ein kümmerlicher Stellvertreter seines wirklichen Herrn“ – Karl Barths Predigt über den Guten Hirten (Johannes 10,11-13) vom April 1934

Christuskirche Paris3
Deutsche Evangelische Lutherische Christuskirche in Paris (Postkarte)

Sechs Wochen vor der Barmer Bekenntnissynode predigte Karl Barth am 15. April 1934 in der deutschsprachigen lutherischen Christuskirche in Paris 9e, 25 Rue Blanche über den Guten Hirten nach Johannes 10,11-13. Darin sagte Barth unter anderem:

Der gute Hirte läßt sein Leben für die Schafe, hören wir, und dann: daß dies ihn unterscheidet von dem Mietling, dem die Schafe nicht gehören und der darum, wenn der Wolf kommt, flieht und die Schafe dem Mörder preisgibt. Damit werden wir zunächst daran erinnert, daß wir nicht nur einen Hirten, sondern einen Feind haben. Und zwar wie die Schafe einen Feind, gegen den wir ohnmächtig sind, dessen wir uns nicht selbst erwehren können. Und zwar wie­derum wie die Schafe einen Feind, vor dem uns wohl manchmal ein Instinkt, eine Ahnung, warnen mag, den wir aber nicht im voraus kennen, sondern erst, wenn er da ist, und also, wenn es endgültig zu spät ist. Versuchen wir es darum gar nicht, über ihn zu philoso­phieren, sondern halten wir uns schlicht an die Tatsache, wie sie uns hier gesagt ist: Er bedroht uns. Wenn wir unser ganzes Leben ineinander rechnen, seine guten und bösen Stun­den, seinen Unmut und seine Freude, die Hoffnungen des Frühlings und die Wehmut des Herbstes, die Kraft und die Schwachheit des menschlichen Geistes in all seinen Anstrengun­gen und Ergötzungen, den Aufstieg und den Niedergang ganzer Völker und Kulturen – dann ist da noch immer als Rand und Grenze dieses Ganzen der Abgrund, die Finsternis, die letzte Gefahr, der dieses Ganze verfallen ist. Wer denkt an diese letzte Gefahr? Wir denken alle nicht daran. Wir haben ja auch alle auf den Höhen und in den Tiefen unseres Lebens so viel Anderes zu denken. Und um an sie zu denken, müßten wir sie kennen. Wir kennen sie aber so wenig, wie die Schafe den Wolf kennen, solange er nicht gekommen ist. Wenn sie da sein wird, wenn es zu spät sein wird, dann wird sie sein eine Frage, zu der wir nichts, gar nichts zu sagen haben werden, eine Anklage gegen unser ganzes Leben, vor der wir uns nicht werden verantworten und rechtfertigen können, ein Sturz ins Nichts, in welchem es kein Aufhalten, eine Qual, in der es keine Linderung geben wird. So erscheint sie uns doch manchmal, diese letzte Gefahr, nicht wahr?, wie ein Wetterleuchten am Horizont, am Rande unserer Gedanken, in einem schreckhaften Traum oder in gewissen Augenblicken ganz klarer, nüchterner Überle­gung! So ficht sie uns gelegentlich von weitem an, wenn wir uns fragen: Was nun, was nun mit meinem Leben? Und was nun, was nun mit diesem ganzen bunten, rätselhaften, unendlich unverständlichen Menschendasein? Aber wir kennen sie nicht. Nein, wir kennen sie nicht; wir müßten sonst wohl ununterbrochen an sie denken, und schon der Gedanke an sie würde uns verbrennen. Sie ist nur da, diese letzte Gefahr, ob wir daran denken oder nicht. Menschsein heißt dieser Gefahr verfallen sein. Woher wissen wir das? Wir hörten: der gute Hirte läßt sein Leben für die Schafe. Er läßt sein Leben wahrlich nicht umsonst: Jene Gefahr wurde Ereignis. Und er, er erlitt dieses Ereignis, und dieses Ereignis kostete ihm das Leben. Wir hören ihn rufen und schreien: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Es war unser aller letzte, tödliche Lebensgefahr, die da Ereignis wurde und die er da erlitt. Und von daher wissen wir es, daß es jene Gefahr gibt, daß unser Menschsein ihr verfallen ist, auch wenn wir sie nicht kennen, auch wenn wir sie nicht einmal ernstlich zu denken vermögen. Er, er hat sich für uns in diese Gefahr begeben, und er, er ist für uns darin umge­kommen. Von daher wissen wir um diese Gefahr.

Und nun lassen wir uns sagen, daß nichts und niemand Anderes dies für uns tut und uns damit vor jener letzten Gefahr errettet. Wir hörten von dem Mietling, der, wenn der Wolf kommt, flieht, der uns also angesichts jener letzten Gefahr im Stich laßt. Wer mag das sein? Es kommt hier eigentlich nur Einer in Betracht. Die Gestalt dieses Einen können wir uns freilich nicht mannigfaltig genug vorstellen. Dieser Eine ist der Mensch selber, der in jenem ganzen Um­kreis seines Daseins sein eigener Herr und Hüter ist. Seht, wie ist er so reich und stark und lebendig! Wie versteht er es, in immer höher, immer kühner sich schraubenden Kurven sein Dasein zu gestalten und zu meistern! Wie weiß er den Rätseln dieses Daseins auf die Spur zu kommen! Wie für sich nutzbar zu machen! Und wie seine verborgenen Schönheiten zu ent­decken und jubelnd zu genießen! Was kann er aushaken an Leid und Schmerz und Verzweif­lung! Wie versteht er die Kunst, sich im Notfall vor sich selber zu verbergen, ja, sich selber draus zu laufen in der äußersten Not: indem er Hand an sein Leben legt – aber auch die noch größere Kunst, zusammenzubrechen einmal, zweimal, dreimal und immer wieder aufzustehen oder aber in endgültigem Erliegen dennoch ein Held zu sein! Wollen wir uns ihm nicht anver­trauen, diesem Herrn und Hüter, der so Vieles, der, so weit das Auge reicht, eigentlich alles kann? Vielleicht tun wir es nur darum nicht, weil wir noch gar nicht gemerkt haben, wie viel er tatsächlich kann: vom himmelhohen Jauchzen bis zum Betrübtsein zum Tode eigentlich alles, was es gibt. Vielleicht müßten uns erst die Augen aufgehen darüber, wie viel das ist, damit wir dann ermessen könnten, was das heißen würde: uns diesem Einen, dem Menschen selber, nun gerade nicht anzuvertrauen. Es kann nur einen ernsthaften Grund geben, dies nicht zu tun: vor der letzten Gefahr wird er uns nicht bewahren. Er ist wohl in seiner Weise ein vortrefflicher Herr und Hüter im Ganzen unseres Lebens; aber wenn es um dieses Ganze als solches geht, wenn von dessen Grenze her jener Feind droht, jener Abgrund, jene Finsternis, die Frage und Anklage, der Sturz und die Qual hinter und über dem Ganzen – dann versagt er, dann übernimmt er keine Verantwortlichkeit, dann wird er auf einmal unsichtbar, und ganz allein stehen wir dann vor dem Unentrinnbaren, dem Schrecklichen. «Der Mietling sieht den Wolf kommen und verläßt die Herde und flieht.» Der Mensch kann und vermag viel, aber er ist sich selbst zuletzt doch ein schlechter, ein ungetreuer Herr und Hüter. Sieh, sieh, wie er sich selber, wenn es nun ganz ernst wird, erschrocken, ratlos, feige dem Feind preisgibt! Sieh, wie er dann dran ist in den unbarmherzigen Händen dieses Feindes: Herr und Hüter, wo bist du nun? Klagen wir ihn nicht zu herb an wegen seiner Flucht! Jener Mietling ist ja auch ein gut Stück weit entschuldigt damit, daß er nur ein Mietling, nicht der Hirte ist, dem die Schafe gehören. Der Mensch gehört nicht sich selber. Der Mensch, der sein eigener Herr ist, ist nur ein kümmerlicher Stellvertreter seines wirklichen Herrn. Darum sind wir in seinen Händen nicht gut aufgehoben. Es mag alles scheinbar gut gehen unter dieser Herrschaft, bis es ums Ganze geht. Geht es ums Ganze, bricht die letzte Gefahr herein, dann zeigt es sich, was das bedeutet, daß der Mensch nicht sich selber gehört, dann wird er sich selbst untreu. Reicher, starker, lebendiger Mensch! Du schaffst Vieles, aber dieses Eine wirst du nicht schaffen, du wirst dich selber dort, wo es wirklich nötig wäre – alles Andere ist ja vielleicht noch gar keine wirkliche Not gewesen –, nicht erretten. Nein, wer die letzte Gefahr fürchtet, wird sich dir gerade hier nicht anvertrauen! Er weiß, daß er nicht sich selber gehört, daß er selber sich in der großen Gefahr doch untreu werden würde.

Woher wissen wir das? Wir wissen auch das nicht aus uns selber, so wenig wir aus uns selber um die letzte Gefahr wissen. Aus uns selber würden wir wohl immer meinen, daß wir eben doch uns selber gehören und daß es uns dabei unter allen Umständen und in alle Ewigkeit gut gehen werde. Aus uns selber würden wir uns wohl zutrauen, daß wir uns selber auch bis zum bittersten Ende treu sein und bleiben würden. Aber weil wir den guten Hirten haben, der das für uns tut, was wir selber nicht für uns tun können: der sein Leben läßt für die Schafe – da­rum und von daher wissen wir um die letzte Gefahr, wissen wir auch das, daß wir nicht uns selber gehören, daß wir bei dem Mietling schlecht aufgehoben wären.

Hier der vollständige Text der Predigt als pdf.

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