Karl Barths Predigt über den Guten Hirten (Johannes 10,11-13) vom April 1934: „Der Mensch, der sein eigener Herr ist, ist nur ein kümmerlicher Stellvertreter seines wirklichen Herrn“

Christuskirche Paris3
Deutsche Evangelische Lutherische Christuskirche in Paris (Postkarte)

Sechs Wochen vor der Barmer Bekenntnissynode predigte Karl Barth am 15. April 1934 in der deutschsprachigen lutherischen Christuskirche in Paris 9e, 25 Rue Blanche über den Guten Hirten nach Johannes 10,11-13.

Der gute Hirte. Predigt über Johannes 10,11-13

Von Karl Barth

Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässet sein Leben für die Schafe. Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, des die Schafe nicht eigen sind, stehet den Wolf kommen und verlässet die Schafe und flieht; und der Wolf erhaschet und zerstreuet die Schafe. Der Mietling aber flieht; denn er ist ein Mietling und achtet der Schafe nicht. [306]

Lasset uns ohne Verweilen mit der entscheidenden Tatsache einsetzen und beginnen: Wir ha­ben in dem, was verlesen wurde, nicht jemand reden hören über den guten Hirten, sondern wir hörten jemand von sich selber sagen und sich selber erklären: Ich bin der gute Hirte. Es würde sich also nicht etwa lohnen, wenn wir jetzt dem nachgehen wollten, was wir aus Büchern oder aus unserer Phantasie oder auch aus der Wirklichkeit über einen guten Hirten zu wissen mei­nen, sondern wir müssen uns an den halten, der das selber von sich selber sagt: Ich bin der gute Hirte!, müssen ihn selber verstehen, um dann vielleicht von da aus ein wenig zu verste­hen, was das Bild vom guten Hirten sagen will. Das Bild könnte ihn nicht wahr machen, wenn er nicht das Bild wahr machte.

Aber wer ist das, der das sagt? Jesus Christus! Ja, aber wer ist Jesus Christus? Stellen wir auch hier einen Augenblick alles zurück, was wir [307] über ihn schon zu wissen meinen, und lassen wir uns einfach antworten: Jesus Christus ist derjenige, der jenes Ich bin! nicht nur aussprechen kann ohne wahnwitzige Überhebung, sondern der es aussprechen muß, in dessen Munde es selbstverständlich ist. Jesus Christus ist derjenige, der dieses Bild vom guten Hirten wahr macht, der das ist, was es sagen will, aber ohne ihn selbst niemals sagen könnte. Jesus Christus ist derjenige, der mit und in diesem seinem Wort jetzt hier in unserer Mitte ist, unser guter Hirte ist und uns alle: die Gläubigen und die Weltkinder, die Nachdenklichen und die Oberflächlichen, die Neugierigen und die Gleichgültigen, die Offenen und die Mißtrauischen zu dem macht, was wir sind, was wir aus uns selber allerdings weder werden noch sein könn­ten: zu seinem Volk und zu Schafen seiner Weide [Ps. 100,3]. Das ist Jesus Christus: eben der, der jetzt und hier in diesem seinem Wort: Ich bin der gute Hirte! uns begegnet als der Herr. Der, ob wir es wissen oder nicht, als der Herr auch mitten in unser aller Leben steht, wie es uns allen mit der Taufe, die wir empfangen haben, im voraus gesagt wurde und wie es auch endgültig wahr bleiben wird. Der, wiederum ob wir es wissen oder nicht, als der Herr auch mitten durch die Völker, mitten durch die Wandlungen und Katastrophen der Geschichte geht und beruft, sammelt, regiert, erleuchtet und tröstet seine heilige Kirche, deren Glieder – er sagt es uns heute — auch du und du und ich sind und ewig bleiben werden. – Aber nun soll er selber uns weiter sagen und erklären, was das alles heißt und bedeutet.

Der gute Hirte läßt sein Leben für die Schafe, hören wir, und dann: daß dies ihn unterscheidet von dem Mietling, dem die Schafe nicht gehören und der darum, wenn der Wolf kommt, flieht und die Schafe dem Mörder preisgibt. Damit werden wir zunächst daran erinnert, daß wir nicht nur einen Hirten, sondern einen Feind haben. Und zwar wie die Schafe einen Feind, gegen den wir ohnmächtig sind, dessen wir uns nicht selbst erwehren können. Und zwar wie­derum wie die Schafe einen Feind, vor dem uns wohl manchmal ein Instinkt, eine Ahnung, warnen mag, den [308] wir aber nicht im voraus kennen, sondern erst, wenn er da ist, und also, wenn es endgültig zu spät ist. Versuchen wir es darum gar nicht, über ihn zu philoso­phieren, sondern halten wir uns schlicht an die Tatsache, wie sie uns hier gesagt ist: Er bedroht uns. Wenn wir unser ganzes Leben ineinander rechnen, seine guten und bösen Stun­den, seinen Unmut und seine Freude, die Hoffnungen des Frühlings und die Wehmut des Herbstes, die Kraft und die Schwachheit des menschlichen Geistes in all seinen Anstrengun­gen und Ergötzungen, den Aufstieg und den Niedergang ganzer Völker und Kulturen – dann ist da noch immer als Rand und Grenze dieses Ganzen der Abgrund, die Finsternis, die letzte Gefahr, der dieses Ganze verfallen ist. Wer denkt an diese letzte Gefahr? Wir denken alle nicht daran. Wir haben ja auch alle auf den Höhen und in den Tiefen unseres Lebens so viel Anderes zu denken. Und um an sie zu denken, müßten wir sie kennen. Wir kennen sie aber so wenig, wie die Schafe den Wolf kennen, solange er nicht gekommen ist. Wenn sie da sein wird, wenn es zu spät sein wird, dann wird sie sein eine Frage, zu der wir nichts, gar nichts zu sagen haben werden, eine Anklage gegen unser ganzes Leben, vor der wir uns nicht werden verantworten und rechtfertigen können, ein Sturz ins Nichts, in welchem es kein Aufhalten, eine Qual, in der es keine Linderung geben wird. So erscheint sie uns doch manchmal, diese letzte Gefahr, nicht wahr?, wie ein Wetterleuchten am Horizont, am Rande unserer Gedanken, in einem schreckhaften Traum oder in gewissen Augenblicken ganz klarer, nüchterner Überle­gung! So ficht sie uns gelegentlich von weitem an, wenn wir uns fragen: Was nun, was nun mit meinem Leben? Und was nun, was nun mit diesem ganzen bunten, rätselhaften, unendlich unverständlichen Menschendasein? Aber wir kennen sie nicht. Nein, wir kennen sie nicht; wir müßten sonst wohl ununterbrochen an sie denken, und schon der Gedanke an sie würde uns verbrennen. Sie ist nur da, diese letzte Gefahr, ob wir daran denken oder nicht. Menschsein heißt dieser Gefahr verfallen sein. Woher wissen wir das? Wir hörten: der gute Hirte läßt sein Leben für die Schafe. Er läßt sein Leben wahrlich nicht umsonst: Jene Gefahr wurde Ereignis. Und er, er erlitt dieses Ereignis, und dieses Ereignis kostete ihm das Leben. Wir hören ihn rufen und schreien: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? [Mk. 15,34 par.]. Es war unser aller letzte, tödliche Lebensgefahr, die da Ereignis wurde und die er da erlitt. Und von daher wissen wir es, daß es jene Gefahr gibt, daß unser Menschsein ihr verfallen ist, auch wenn [309] wir sie nicht kennen, auch wenn wir sie nicht einmal ernstlich zu denken vermögen. Er, er hat sich für uns in diese Gefahr begeben, und er, er ist für uns darin umge­kommen. Von daher wissen wir um diese Gefahr.

Und nun lassen wir uns sagen, daß nichts und niemand Anderes dies für uns tut und uns damit vor jener letzten Gefahr errettet. Wir hörten von dem Mietling, der, wenn der Wolf kommt, flieht, der uns also angesichts jener letzten Gefahr im Stich laßt. Wer mag das sein? Es kommt hier eigentlich nur Einer in Betracht. Die Gestalt dieses Einen können wir uns freilich nicht mannigfaltig genug vorstellen. Dieser Eine ist der Mensch selber, der in jenem ganzen Um­kreis seines Daseins sein eigener Herr und Hüter ist. Seht, wie ist er so reich und stark und lebendig! Wie versteht er es, in immer höher, immer kühner sich schraubenden Kurven sein Dasein zu gestalten und zu meistern! Wie weiß er den Rätseln dieses Daseins auf die Spur zu kommen! Wie für sich nutzbar zu machen! Und wie seine verborgenen Schönheiten zu ent­decken und jubelnd zu genießen! Was kann er aushaken an Leid und Schmerz und Verzweif­lung! Wie versteht er die Kunst, sich im Notfall vor sich selber zu verbergen, ja, sich selber draus zu laufen in der äußersten Not: indem er Hand an sein Leben legt – aber auch die noch größere Kunst, zusammenzubrechen einmal, zweimal, dreimal und immer wieder aufzustehen oder aber in endgültigem Erliegen dennoch ein Held zu sein! Wollen wir uns ihm nicht anver­trauen, diesem Herrn und Hüter, der so Vieles, der, so weit das Auge reicht, eigentlich alles kann? Vielleicht tun wir es nur darum nicht, weil wir noch gar nicht gemerkt haben, wie viel er tatsächlich kann: vom himmelhohen Jauchzen bis zum Betrübtsein zum Tode eigentlich alles, was es gibt. Vielleicht müßten uns erst die Augen aufgehen darüber, wie viel das ist, damit wir dann ermessen könnten, was das heißen würde: uns diesem Einen, dem Menschen selber, nun gerade nicht anzuvertrauen. Es kann nur einen ernsthaften Grund geben, dies nicht zu tun: vor der letzten Gefahr wird er uns nicht bewahren. Er ist wohl in seiner Weise ein vortrefflicher Herr und Hüter im Ganzen unseres Lebens; aber wenn es um dieses Ganze als solches geht, wenn von dessen Grenze her jener Feind droht, jener Abgrund, jene Finsternis, die Frage und Anklage, der Sturz und die Qual hinter und über dem Ganzen – dann versagt er, dann [310] übernimmt er keine Verantwortlichkeit, dann wird er auf einmal unsichtbar, und ganz allein stehen wir dann vor dem Unentrinnbaren, dem Schrecklichen. «Der Mietling sieht den Wolf kommen und verläßt die Herde und flieht.» Der Mensch kann und vermag viel, aber er ist sich selbst zuletzt doch ein schlechter, ein ungetreuer Herr und Hüter. Sieh, sieh, wie er sich selber, wenn es nun ganz ernst wird, erschrocken, ratlos, feige dem Feind preisgibt! Sieh, wie er dann dran ist in den unbarmherzigen Händen dieses Feindes: Herr und Hüter, wo bist du nun? Klagen wir ihn nicht zu herb an wegen seiner Flucht! Jener Mietling ist ja auch ein gut Stück weit entschuldigt damit, daß er nur ein Mietling, nicht der Hirte ist, dem die Schafe gehören. Der Mensch gehört nicht sich selber. Der Mensch, der sein eigener Herr ist, ist nur ein kümmerlicher Stellvertreter seines wirklichen Herrn. Darum sind wir in seinen Händen nicht gut aufgehoben. Es mag alles scheinbar gut gehen unter dieser Herrschaft, bis es ums Ganze geht. Geht es ums Ganze, bricht die letzte Gefahr herein, dann zeigt es sich, was das bedeutet, daß der Mensch nicht sich selber gehört, dann wird er sich selbst untreu. Reicher, starker, lebendiger Mensch! Du schaffst Vieles, aber dieses Eine wirst du nicht schaffen, du wirst dich selber dort, wo es wirklich nötig wäre – alles Andere ist ja vielleicht noch gar keine wirkliche Not gewesen –, nicht erretten. Nein, wer die letzte Gefahr fürchtet, wird sich dir gerade hier nicht anvertrauen! Er weiß, daß er nicht sich selber gehört, daß er selber sich in der großen Gefahr doch untreu werden würde.

Woher wissen wir das? Wir wissen auch das nicht aus uns selber, so wenig wir aus uns selber um die letzte Gefahr wissen. Aus uns selber würden wir wohl immer meinen, daß wir eben doch uns selber gehören und daß es uns dabei unter allen Umständen und in alle Ewigkeit gut gehen werde. Aus uns selber würden wir uns wohl zutrauen, daß wir uns selber auch bis zum bittersten Ende treu sein und bleiben würden. Aber weil wir den guten Hirten haben, der das für uns tut, was wir selber nicht für uns tun können: der sein Leben läßt für die Schafe – da­rum und von daher wissen wir um die letzte Gefahr, wissen wir auch das, daß wir nicht uns selber gehören, daß wir bei dem Mietling schlecht aufgehoben wären.

Wir haben aber den guten Hirten. Das ist der gute Hirte, der sein Leben läßt für die Schafe und damit bezeugt und bestätigt, daß sie seine Schafe sind. Der gute Hirte ist also vor allem der, dem wir schlechterdings gehören. Laßt uns jetzt alle unnützen Einwände gegen diese große Wahrheit [311] zurückstellen. Ihm gehören auch die einsamen Menschen, die, mensch­lich gesprochen, äußerlich oder innerlich niemand gehören. Ihm gehören auch die Stolzen, die Freiheitsliebenden, denen es ein ihrem Wesen fremder Gedanke zu sein scheint, daß sie einem Anderen gehören sollten. Ihm gehören auch alle die, in deren Weltanschauung dieser gute Hirte als ihr Eigentümer durchaus keine Rolle spielt. Denn wie wir alle, ohne gefragt zu sein, der letzten Gefahr verfallen sind, so gehören wir alle, ohne gefragt zu sein, dem, der noch größer ist als diese letzte Gefahr. Eben da, dieser letzten Gefahr gegenüber, wo es sich zeigt, daß wir nicht uns selbst gehören, eben da zeigt es sich auch, wem wir gehören. Eben da, wo wir als unsere eigenen Herren und Hüter versagen, tritt er ein für uns und handelt als unser wirklicher Herr und Hüter. Nun müssen wir freilich erst recht sagen: das können wir nicht aus uns selbst wissen oder willkürlich entdecken und in Erfahrung bringen, daß wir diesen guten Hirten haben. Kein Wunder, wenn jemand sagen wollte: diese Gestalt kommt in meiner Weltanschauung und Lebensordnung nicht vor! Wie sollte sie schon? Der gute Hirte ist das ewige Geheimnis, das allen Geschlechtern und Zeiten verborgen geblieben wäre, wenn es sich nicht, als die Zeit erfüllt war [vgl. Gal. 4,4], offenbart hätte – und das noch heute auch den scharfsichtigsten und tiefsinnigsten Menschen Geheimnis sein müßte, wenn es sich nicht offenbarte, so offenbarte, daß es auch einem Kindlein kein Geheimnis zu bleiben braucht, so, daß wir alle hingehen und ihn, den guten Hirten, wirklich haben dürfen. Lassen wir es uns also vorhalten, wie es uns in der heiligen Schrift gesagt ist, wie es die ganze Kirche bekennt und verkündigt, wie es in Taufe und Abendmahl uns allen bezeugt wird: Größer als die ganze Welt mit allen ihren Höhen und Tiefen und größer auch als die letzte Gefahr ist der, der alles und alle geschaffen hat. Weil wir ihn, Gott, vergaßen, weil wir ihm nicht gehorchten, darum sind wir jener letzten Gefahr verfallen. Darum ist sie so schrecklich, so letztlich gefährlich, weil sie nichts Anderes ist als das Leben in der Schuld gegen ihn und in der Scheidung von ihm. Dieses Leben ist das Leben in der Hölle. Aber vor diesem Leben, dem wir eigentlich verfallen sind, sind wir bewahrt. Denn er, Gort, hat uns gesehen in dieser Gefahr und wollte nicht, daß wir ihr verfielen und in ihr umkämen. So groß war sie, daß nur er selber sie abwen­den konnte und nur so abwenden, daß er selber sie auf sich nahm, litt und in ihr umkam. Und so groß war seine Liebe zu uns, daß er eben dies tat, daß er seine Gottheit verbarg und in seinem eingeborenen Sohn ein [312] Mensch wurde wie wir, und über ihn selbst brach die letzte Gefahr herein: die Not des Menschenlebens ohne Gott, die Strafe der Sünde, der Tod und die Qual der Hölle, wie sie nie – ihm sei Dank dafür! – über einen Menschen hereinge­brochen ist. Und indem er, Gottes Sohn, Jesus Christus unser Herr in ihr umkam, wurde sie ungefährlich und kann sie über uns nicht hereinbrechen. Seine Leiden am Kreuz waren die Geburtswehen des neuen, des befreiten Menschenlebens, das er in seiner Auferstehung von den Toten ans Licht gebracht hat [vgl. 2. Tim. 1,10]. Er hat sie abgetan und erledigt, die letzte Gefahr, der wir alle verfallen sind und in der wir alle umkommen müßten. So hat er sich bezeugt und betätigt als der gute Hirte, dem die Schafe gehören. Dieser Hirte war und blieb uns treu. Dieser Hirte hat alles für uns getan. Er ließ sein Leben für uns, damit wir das Leben hätten.

Und das ist das Evangelium, das eröffnete Geheimnis, die Botschaft des Lebens. Gott Lob und Dank, daß wir sie immer wieder ausrichten und hören dürfen! Gott Lob und Dank, daß sie wahrer ist als alles, was wir von uns aus für wahr halten, wahr auch über unseren Zweifeln und unserer Verzweiflung, wahr auch über dem ganzen Meer von menschlichem Unglauben, Halbglauben, Irrglauben und Aberglauben in der Welt und in der Kirche! Gott Lob und Dank, daß dafür gesorgt ist, daß das Licht dieser Botschaft immer wieder leuchten wird über unseren Finsternissen und vor allem auch über den vielen künstlichen Lichtern, mit denen wir uns über unsere Finsternisse hinwegtäuschen möchten! Wir gehören doch nicht uns selber, son­dern wir gehören Jesus Christus unserem Herrn. Und dieser unser Herr ist unser Heiland: unser Tröster und Helfer. Das ist unsere Rettung vor der letzten Gefahr: daß wir ihm gehören.

Uns aber bleibt, indem wir einstimmen in dieses: Gott Lob und Dank!, der heilsame Schre­cken, der die in ihrem Innersten bewegen muß, denen es offenbar ist, daß sie gerettet wurden, bevor sie noch wußten und verstanden, daß sie bedroht waren und was sie bedrohte. Der ist auf dem Wege zur Demut und zur Weisheit, der sich hat sagen lassen, daß die letzte Gefahr ihn bedrohte und daß sie ihn nur darum nicht bedroht, weil Gott selber sich zu seinem Schutz und Schirm gemacht hat. Uns bleibt das Gesetz, das denen ins Herz geschrieben [vgl. Jer. 31,33] ist, denen es offenbar ist: Wir können uns selbst gerade da, wo es darauf ankäme, nur enttäuschen, untreu sein und im Stich lassen. Der empfängt Leitung und Weisung auf seinem Weg, dem das Vertrauen zu sich selbst genommen [313] ist; von diesem Verlust an lernt er es, in den Schranken der Gebote zu laufen. Uns bleibt die Freiheit, in der die und nur die leben, denen es offenbar ist: Der Herr ist mein Hirte [vgl. Ps. 23,1], und dieser gute Hirte läßt sein Leben für die Schafe. Denn alle geheime und offene Ängstlichkeit, Sorge und Abhängigkeit kommt aus der Ungewißheit, die so lange unvermeidlich ist, als wir meinen, uns selbst regie­ren und schützen zu müssen. Sie fällt – sie fällt von Tag zu Tag mehr, je besser wir von Tag zu Tag sehen, in wessen Hand und Hut wir sind. Uns bleibt schließlich die Sendung, der Auf­trag, welchen die, denen das alles offenbar ist, ganz unvermeidlich haben an alle die, denen es noch nicht offenbar ist. Denn von daher kommen die Mißverständnisse, die Scheidungen zwi­schen uns, von daher kommt die böse Gleichgültigkeit, in der wir aneinander vorbeigehen, von daher kommt der heidnische Haß und Kampf aller gegen alle: daß wir immer noch nicht wissen und immer wieder vergessen, daß wir dem Sohne Gottes gehören und daß wir durch ihn vor dem Sturz in den Abgrund bewahrt sind. Wenn wir leben wollen, dann muß das im­mer wieder allen gesagt werden, und keines von uns ist nicht verantwortlich dafür, daß das geschieht. Wenn die Welt leben will, muß es Kirche geben als den Ort, wo das unermüdlich gesagt wird. Das ist unser Teil, wenn wir einstimmen in jenes «Gott Lob und Dank!» Aber daß wir das tun, weil unsere Augen offen sind für das Wunder der Barmherzigkeit, das ist selber Barmherzigkeit, das gehört selber zu dem, was Gott der Vater, der Sohn und der Heilige Geist in freier, unbegreiflicher Liebe den Seinen gegeben hat.

Gehalten am 15. April 1934, Deutsche Evangelisch-Lutherische Christuskirche Paris.

Quelle: Karl Barth, Predigten 1921-1935 (GA I.31), hrsg. v. Holger Finze-Michaelsen, Zürich: TVZ 1998, S. 305-313.

Hier die Predigt als pdf.

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