Jürgen Moltmann über die Auferstehung Jesu (2019): „Das Grab war leer, sonst hätten die Jünger die Auferstehung Jesu Christi nicht verkündigen können. In Jerusalem hätten die Juden darauf verwiesen: Da liegt er doch im Grab, er ist nicht auferstanden. Der Leichnam wurde auferweckt und ist wieder lebendig geworden. Jesus ist also der gleiche Mensch, der er vorher war. Sonst hätten die Jünger ihn nicht erkannt. Und sie erkennen ihn an seiner Stimme und an den Wundmalen. Jesus ist in der ersten Gegenwart den Jüngern erschienen und in der zweiten Gegenwart uns. Im Wort der Verkündigung und im Sakrament ist er gegenwärtig.  Für mich bedeutet dies: im Ende der Anfang. Christi Ende war sein wahrer Anfang. Das erlebe ich mit meinen 92 Jahren immer wieder: Im Ende der Anfang. Das hab ich erlebt, als ich ohne Hoffnung war, in dem ersten Jahr meiner Gefan­genschaft nach dem 2. Weltkrieg. Da habe ich in meinem Ende den Anfang mit Christus erlebt.“

„Wage es, mit der Gewissheit der Auferstehung zu leben“

Ein Gespräch mit dem Tübinger Theologieprofessor Dr. Jürgen Moltmann über die Aufer­stehung, die zweite Gegenwart, über die Aufrichtung des Lebens, den rar gewordenen Vor­stellungen vom ewigen Leben und der Auferstehungsbotschaft „We shall overcome“…

Wolfgang Noack/Rainer Brandt

Herr Moltmann, was ist für Sie damals an Ostern in Palästina geschehen?

Die Jünger waren vom Kreuz geflohen, weil sie enttäuscht waren. Für sie hing Jesus ohn­mächtig am Römerkreuz. Und die Frauen waren erschrocken und entsetzt, weil sie den Toten nicht mehr fanden. Damit ist ihr Weltbild von Leben und Tod erschüttert worden. Fünfzig Tage nach Ostern sind die Jünger dann wieder in Jerusalem und verkünden die Auferstehung Jesu Christi. Das war mit Todesgefahr verbunden, da sie in den Augen der Römer ja einem Terroristen nachgefolgt waren.

Ist Jesus an Ostern wirklich auferstanden?

Ja, ganz wirklich. Wirklicher, als wir die Wirklichkeit der Welt sehen.

Zweidrittel der Menschen in diesem Land glauben aber nicht an die Auferstehung, eher viel­leicht noch an eine Reinkarnation. Sie aber sagen, Jesus ist leiblich auferstanden.

Ja, und das ist der Anfang der Totenauferstehung. Die Jünger hatten nur die Erinnerung an sein Sterben und aus den Erscheinungen danach zogen sie den Schluss, dass Jesus von den Toten auferweckt sei. Auferweckung geht vor Auferstehung.

Was ist Auferweckung und was ist Auferstehung?

Wenn Sie morgens aufgeweckt werden, ist die Reaktion dann die Auferstehung. Auf Gottes Auferweckung hin, steht Jesus auf. Erstaunlich ist, dass dies schon bei den Propheten Israels so steht. Am Tag Gottes werden die Toten lebendig gemacht heißt es in Hesekiel 37. Jesus wurde von den Toten auferweckt, nicht als Ausnahme, sondern als Anfang. Er ist der Erstling der Entschlafenen, sagt Paulus.

Die Auferstehung Jesu wird ja in der Theologie durchaus kontrovers diskutiert. Die Hambur­ger Bischöfin Fehrs schrieb im vergangenen Jahr: „Er ist wahrhaftig auferstanden. Und wahr­haftig meint: ganz und gar, mit Leib und Seele, mit Stimme und Kleidern, Wunden und Ge­fühlen“. Weil Gott Mensch geworden sei, gehöre der Körper unabdingbar dazu. Andere wider­sprachen ihr und sagten, dies sei eine oberflächliche Betrachtung biblischer Texte.
Ist die leibliche Auferstehung eine oberflächliche Betrachtung von Ostern?

Nein, das ist die wirkliche Betrachtung, sonst wüssten wir von Jesus nichts und ohne die Auferstehung gäbe es kein Christentum.

Deswegen ist das Grab leer.

Das Grab war leer, sonst hätten die Jünger die Auferstehung Jesu Christi nicht verkündigen können. In Jerusalem hätten die Juden darauf verwiesen: Da liegt er doch im Grab, er ist nicht auferstanden.

Jesus ist als Mensch mit Fleisch und Körper auferstanden? Oder wie können wir uns das vorstellen?

Der Leichnam wurde auferweckt und ist wieder lebendig geworden.

Jesus ist also der gleiche Mensch, der er vorher war.

Ja. Sonst hätten die Jünger ihn nicht erkannt. Und sie erkennen ihn an seiner Stimme und an den Wundmalen.

Sie schrieben einmal, dass Verstorbene nicht in ein jenseitiges Todesreich eingehen, sondern in einer zweiten Gegenwart gegenwärtig sind. Trifft das so auch für Jesus zu?

Jesus ist in der ersten Gegenwart den Jüngern erschienen und in der zweiten Gegenwart uns. Im Wort der Verkündigung und im Sakrament ist er gegenwärtig.

Warum ist das für Menschen heute alles so schwer nachvollziehbar?

Das kann ich schwer sagen. Für mich bedeutet dies: im Ende der Anfang. Christi Ende war sein wahrer Anfang. Das erlebe ich mit meinen 92 Jahren immer wieder: Im Ende der Anfang.

Haben Sie das immer so gesehen oder hat sich das entwickelt?

Das hab ich erlebt, als ich ohne Hoffnung war, in dem ersten Jahr meiner Gefan­genschaft nach dem 2. Weltkrieg. Da habe ich in meinem Ende den Anfang mit Christus erlebt.

Führt der Glaube an die Auferstehung aus der Welt hinaus oder in die Welt hinein? Anders gefragt: Wird diese große Hoffnung umgemünzt mit der Vertröstung auf den St.-Nimmerleins-Tag?

Wenn ich gewiss bin, dass ich vom Tode auferweckt werde in das ewige Leben, dann kann ich mich hier in diesem Leben voll ausleben. Ich muss nicht meine Seele festhalten und muss mich nicht an irgendwelche Dinge klammern. Ich bin gewiss, wie Paulus sagt, das Korn muss in die Erde und muss sterben, dann wird es viel Frucht bringen.

Es ist so schwierig sich die Auferstehung vorzustellen. Kommen dann alle Menschen, die jemals auf der Erde gelebt haben aus den Gräbern heraus? Das Gedränge könnte groß werden.

Wie viel Endlichkeit hat Platz in der Unendlichkeit? Das ist kein Problem.

Das heißt, wir können uns das nur nicht so richtig vorstellen?

Nein, wir werden nicht aus den Gräbern kommen. Die Auferstehung geschieht unmittelbar nach dem Tod.

Das müssen Sie erklären.

Christoph Blumhardt hat Sterbende getröstet und ihnen gesagt: es dauert nur eine Sekunde bis du auferweckt wirst.

Wo sind die Menschen dann, die auferweckt wurden?

Im ewigen Leben.

Ist das eine Parallelwelt? Sind das gleichzeitige Welten, sichtbare und unsichtbare, die wir nur nicht sehen?

Ja.

Wir haben keinen Zugang in diese Parallelwelt oder in diese Unendlichkeit.

Luther sagte einmal, der letzte Mensch, der gestorben ist, ist Gott genauso nah, wie der erste Mensch, der gestorben ist. Ewigkeit ist an jedem Todesende, es gibt keine Dimension der Zeit.

Sie sagen, die Auferstehung tritt unmittelbar nach dem leiblichen Tod ein. Was ist dann mit dem jüngsten Tag, an dem Gott richtet, die Lebenden und die Toten?

Das Gericht ist die Aufrichtung, die Aufrichtung des Lebens. Auferstehung der Toten hieß früher im Glaubensbekenntnis Auferstehung des Fleisches. Fleisch ist aber nicht nur körper­lich gemeint, basar heißt es im Hebräischen und das meint alles Lebendige. Auferstehung bedeutet dann Auferstehung des ganzen Lebens, alles Lebendigen.

Als was oder wie existieren die auferweckten Menschen dann?

Auferstehung bedeutet dann Auferstehung des ganzen Lebens, alles Lebendigen. Paulus spricht von einem geistlichen Leib, der aufersteht. Das ist ein Leib, der vom ewigen Leben durchdrungen ist.

Glauben Sie, dass Sie Ihre vor zwei Jahren verstorbene Frau wiedertreffen?

Ja, die Auferstehung der Toten ist personal gedacht. Jesus ist von den Toten auf­erstanden und macht die, die sterben müssen, lebendig in der Hoffnung. Das hat aber auch noch eine andere Seite: In Jesu Auferstehung hat Gott den Tod überwunden und ewiges Leben ans Licht ge­bracht. Darum ist die Auferstehung Jesu der Anfang der Neuschöpfung der gan­zen Welt. Bei dem Tod meiner Frau vor zwei Jahren habe ich das Ende erlebt und gewusst, das ist der Neu­anfang.

Wo glauben Sie, dass Ihre Frau jetzt ist?

Gegenwärtig. Sie ist gegenwärtig in der zweiten Gegenwart. Die Vorstellungen vom ewigen Leben sind rar geworden. Ernst Bloch hat, auf den Tod angesprochen, gesagt: Ich bin doch neugierig, da kommt noch etwas. Wir können sagen, dass die Menschen gestorben sind, aber nicht, dass sie tot sind.

Können wir uns das ewige Leben nur nicht vorstellen?

Wir können es erwarten, wir können die Überraschung erwarten.

Wie würden Sie Jugendlichen diese Ihre Hoffnungsbotschaft sagen?

Im Ende der Anfang. Und: We shall overcome, deep in my Heart, I do believe, we shall overcome someday. Das ist die Auferstehungsbotschaft als Hoffnung.

Was passiert in dem Moment des Leiblichen Todes? Wenn das Herz aufhört zu schlagen und die Gehirnströme nicht mehr messbar sind?

Dann geht die Seele, gleich das Leben, über in den Ewigkeitszustand und wird erfüllt von Gottes Lebensgeist.

Haben diese zwei Welten irgendetwas miteinander zu tun? Korrespondieren sie miteinander?

Ja, in Christus. Er ist in die Welt gekommen , in diese Welt und ist in der neuen Welt aufer­weckt worden. Wir sind verbunden durch den Geist. Glauben heißt, in der Gemeinschaft Christi zu leben, an dem Leiden und der Verlassenheit Jesu teilzunehmen und an den Freuden der Auferstehung.

Gilt das für alle Menschen gleichermaßen?

Objektiv für alle Menschen, subjektiv nur für die Glaubenden. Die Glaubenden erkennen etwas, was für alle Menschen gilt. Gott glaubt an jeden Menschen. Und der Mensch glaubt im Grunde, dass Gott an ihn glaubt.

Gott glaubt an jeden Menschen?

Die Würde des Menschen ist unantastbar, das heißt, sie ist heilig und von Gott gegeben.

Auch wenn ich selbst nicht glaube?

Ich vergleiche nicht den Glauben der Christen, der Juden, der Moslems oder der Hindus miteinander. Ich glaube, dass Jesus für alle Menschen gestorben ist, darum sind auch alle Menschen erlösungsfähig.

Es gibt aber doch Christen, die sagen, wer nicht glaubt, wird verdammt. Gibt es Verdammte?

Nein. Es gibt nur einen Verdammten – Jesus Christus, der in der Hölle gewesen ist, verdammt und verflucht von Gott: Er ist ein Fluch geworden für uns, heißt es in Galater 3,13. Damit ist die ganze Verdammnis aufgehoben und die Hölle geöffnet.

Was ist eigentlich mit einem Menschen wie Hitler? Lebt der auch fort?

Menschen wie Hitler oder Stalin sollten wir Gott überlassen.

Gibt es eine Hölle?

Die Hölle ist leer, man kann herausgehen. Wie auf der orthodoxen Ikone zu sehen ist, auf der Jesus Adam und Eva aus der Hölle herausholt. Das ist die Ikone, die ich täglich meditiere.

Wenn Sie sagen, Christus ist für alle gestorben, dann sagen andere Religionen, das Christen­tum erhebt sich über andere Religionen.

Nein, das Christentum erhebt sich nicht über andere Religionen. Alle Religionen haben einen Universalanspruch. Und Christen auch. Ich begegne einem Moslem aber anders, wenn ich mir vergegenwärtige, dass Christus auch für ihn gestor­ben ist. Das ist für mich eine Grundhaltung in der Begegnung mit anderen Menschen.

Sie sprechen über Ihren Glauben und Ihre Theologie mit Gewissheit. Viele Menschen tun sich schwer, in dieser Klarheit zu glauben.

Das war aber zu allen Zeiten so. Diese Überzeugungen sind auch eine Entwicklung. Ich bin nun 92 Jahre, da bleiben die Gewissheiten, und die Zweifel und die Ungewissheiten treten zurück.

Was würden Sie einem jugendlichen heute dazu sagen?

Wage es, mit dieser Gewissheit zu leben, und du wirst neue Lebenserfahrungen machen.

Jürgen Moltmann, Jahrgang 1926, war von 1967 bis 1994 Professor für Systematische Theo­logie an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. 1964 erschien sein Buch »Theologie der Hoffnung« und wurde zu einem der erfolgreichsten theologischen Bücher aus Deutschland.

Quelle: Evangelische Sonntagsblatt, Nr. 16, 21. April 2019, S. 4f.

Hier der Text als pdf.

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