„Am Totensonntag werden wir an den Gräbern unserer Lieben gefragt: worauf willst auch du einmal sterben? Glauben wir an die Macht des Todes und der Sünde oder glauben wir an die Macht Jesu Christ?“ – Bonhoeffers Predigt zu 1. Korinther 15,55 am Totensonntag 1939

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Sammelvikariat der Bekennenden Kirche vor dem Jagdhaus Sigurdshof (Winter 1939/40) – Von links: B. Kerlin, D. Bonhoeffer, Frau Struwe, W. Litterscheid, H. Vollriede, H. Birk, M. Mebes, Probsthain, D. Muschne.

Da war der kriegsverbrecherische Überfall Nazi-Deutschlands auf Polen schon 50 Tage abgeschlossen, als Dietrich Bonhoeffer am Totensonntag 1939 auf dem Sigurds­hof (Tychow) bei einer Abendmahlsfeier zu den Teilnehmern des illegale Predigerseminars der Bekennenden Kirche predigte:

Predigt zu 1 Korinther 15,55 am Totensonntag 1939

1 Korinther 15, 55 [„Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?“]

Das war ein wunderlicher Krieg, da Tod und Leben rungen. Das Leben behielt den Sieg, es hat den Tod bezwungen.

Zu einer Siegesfeier seid ihr geladen, zu der Feier des größten Sieges, der in der Welt errun­gen wurde, des Sieges Jesu Christi über den Tod. Brot und Wein, Leib und Blut unseres Herrn Jesu Christi sind die Siegeszeichen; denn in ihnen ist Jesus heute lebendig gegenwärtig, der­selbe der vor fast 2000 Jahren ans Kreuz geschlagen und ins Grab gelegt wurde. Jesus stand auf vom Tod, [489] er sprengte die Grabesfelsen, Jesus blieb Sieger. Ihr aber sollt heute die Zeichen seines Sieges empfangen. Und wenn ihr nachher das gesegnete Brot und den gesegne­ten Kelch empfangt, so sollt ihr dabei wissen: so gewiß ich dieses Brot esse, diesen Wein trin­ke, so gewiß ist Jesus Christus Sieger geblieben über den Tod, so gewiß ist er der leben­dige Herr, der mir begegnet.

Wir sprechen in unserem Leben nicht gern von Siegen. Es ist ein zu großes Wort für uns. Wir haben in unsrem Leben zu viele Niederlagen erlitten; zu viele schwache Stunden, zu viel gro­be Sünden haben den Sieg immer wieder zunichte gemacht. Aber, nicht wahr, der Geist in uns sehnt sich nach diesem Wort, nach endlichem Sieg über die Sünde, über die bange Todes­furcht in unserem Leben. Und nun sagt uns Gottes Wort auch nichts von unserem Sieg, es verspricht uns nicht, daß von nun an wir siegen werden über Sünde und Tod, aber es spricht mit aller Macht davon, daß einer diesen Sieg errungen hat und daß dieser, wenn wir ihn zum Herrn haben, auch über uns den Sieg erringen wird. Nicht wir siegen, aber Jesus siegt.

Das verkündigen und glauben wir heute gegen alles, was wir um uns herum sehen, gegen die Gräber unserer Lieben, gegen die sterbende Natur draußen, gegen den Tod, den der Krieg wieder über uns bringt: wir sehen die Herrschaft des Todes, aber wir verkündigen und glauben den Sieg Jesu Christi über den Tod. Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Jesus ist Sieger, Auferstehung der Toten und ewiges Leben.

Es ist wie ein triumphierendes Spottlied über Tod und Sünde, das die Heilige Schrift hier singt: Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg? Da blähen sich Tod und Sünde auf, jagen den Menschen Angst ein, als seien sie noch die Herren der Welt. Aber es ist nur Schein. Sie haben ihre Macht längst verloren. Jesus hat sie ihnen genommen. Seitdem braucht kein Mensch mehr, der mit Jesus ist, diese finsteren Herren zu fürchten. Der Stachel des Todes, das, womit der Tod uns weh tut, die Sünde, hat keine Gewalt mehr. Die Hölle vermag nichts mehr gegen uns, die wir mit Jesus sind. Sie sind ohnmächtig, sie wüten noch wie ein böser Hund an der Kette, aber sie können uns nichts anhaben; denn Jesus hält sie fest. Er ist der Sieger geblieben. [490]

Aber, so fragen wir, wenn das so ist, warum sieht es in unserem Leben dann so ganz anders aus, warum sieht man so wenig von diesem Sieg? Warum herrschen Sünde und Tod so schrecklich über uns? Ja, eben diese Frage ist Gottes Frage an euch: Das alles habe ich für euch getan, und ihr lebt als sei nichts geschehen! Ihr unterwerft euch der Sünde und der Todesfurcht als könnte sie euch noch knechten! Warum ist so wenig Sieg in eurem Leben? Weil ihr es nicht glauben wollt, daß Jesus der Sieger ist über Tod und Sünde, über euer Leben. Euer Unglaube trägt euch eure Niederlagen ein. Nun aber wird euch heute noch einmal der Sieg Jesu verkündigt im Heiligen Abendmahl, der Sieg über Sünde und Tod auch für dich, wer du auch seist. Fasse es im Glauben, Jesus wird dir heute noch einmal alle deine schweren und vielfachen Sünden vergeben, er wird dich ganz rein und unschuldig machen und von nun an brauchst du nicht mehr zu sündigen, braucht die Sünde nicht mehr über dich zu herrschen. Jesus wird über dich herrschen und er ist stärker als jede Versuchung. Jesus wird in der Stun­de der Anfechtung und in der Todesfurcht über dich siegen und du wirst bekennen: Jesus ist Sieger geworden über meine Sünde, über meinen Tod. So oft du von diesem Glauben läßt, wirst du versinken und unterliegen, sündigen und sterben müssen, so oft du diesen Glauben ergreifst, wird Jesus den Sieg behalten.

Am Totensonntag werden wir an den Gräbern unserer Lieben gefragt: worauf willst auch du einmal sterben? Glauben wir an die Macht des Todes und der Sünde oder glauben wir an die Macht Jesu Christ? Eins von bei den gibt es nur. Als ein Gottesmann des vorigen Jahrhun­derts auf dem Sterbebett lag, der in seinem Leben oft den Sieg Jesu Christi gepredigt hatte und wunderbare Dinge in seinem Namen getan hatte, als er in großer Qual und Not lag, da beugte sich sein Sohn an sein Ohr und schrie dem Sterbenden zu: Vater, es wird gesiegt. Wenn über uns dunkle [491] Stunden und wenn die dunkelste Stunde kommt, dann wollen [wir] die Stimme Jesu Christi hören, die uns ins Ohr ruft: es wird gesiegt. Der Tod ist ver­schlungen in den Sieg. Sei getrost. Und Gott gebe, daß wir dann sprechen können: ich glaube die Vergebung der Sünden, Auferstehung des Fleisches und ein ewiges Leben. In diesem Glauben wollen [wir] leben und sterben. Dazu hilft uns das Heilige Abendmahl. Amen.

Gehalten bei einer Abendmahlsfeier am 26. November 1939 (Totensonntag) auf dem Sigurds­hof (Tychow), in dessen Gutshaus 1939/1940 das illegale Predigerseminar der Bekennenden Kirche unter Dietrich Bonhoeffer versteckt arbeitete.

Quelle: Dietrich Bonhoeffer Werke, Band 15: Illegale Theologenausbildung Sammelvikariate 1937-1940, hrsg. v. Dirk Schulz, München: Chr. Kaiser Verlag 1998, S. 488-491.

Hier die Predigt als pdf.

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