„Millionen von Zweiflern werden nach Thomas kommen. Ihr Zweifel wird nicht durch Sehen und Tasten überwunden werden, sondern durch das Zeugnis von dem lebendigen Christus“ – Bonhoeffers Predigtmeditation über Johannes 20,19-31

 

 

nolde ungläubiger thomas
Emil Nolde – Der ungläubige Thomas (1912 – Bildausschnitt)

Für den Sonntag Quasimodogeniti 1940 hatte Dietrich Bonhoeffer folgende Predigtmeditation verfasst:

Predigtmeditation über Johannes 20,19-31

Von Dietrich Bonhoeffer

Am Abend aber desselben ersten Tages der Woche, da die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten ein und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch! Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, daß sie den Herrn sahen. Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Gleichwie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Und da er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmet hin den heiligen Geist! Wel­chen ihr die Sünden erlasset, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten. Thomas aber, der Zwölf einer, der da heißt Zwilling, war nicht bei ihnen, da Jesus kam. Da sagten die andern Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sprach zu ihnen: Es sei denn, daß ich in seinen Händen sehe die Nägelmale und lege meinen Finger in die Nägelmale und lege meine Hand in seine Seite, will ich’s nicht glauben. Und über acht Tage waren abermals seine Jünger drinnen und Thomas mit ihnen. Kommt Jesus, da die Türen verschlossen waren, und tritt mitten ein und spricht: Friede sei mit euch! Dar­nach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und siehe meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott! Spricht Jesus zu ihm: Dieweil du mich gesehen hast, Thomas, so glaubest du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben! Auch viele andere Zeichen tat Jesus vor seinen Jüngern, [555] die nicht geschrieben sind in diesem Buch. Diese aber sind geschrieben, daß ihr glaubet, Jesus sei Christus, der Sohn Gottes, und daß ihr durch den Glauben das Leben habet in seinem Namen.

1. Vers 19–20. Am Morgen war das Wunder geschehen. Am Abend sind die Jünger zusam­men, und als sich mit der hereinbrechenden Nacht die Schatten der Unruhe auf die Jünger legen wollen, als man vorsichtig die Türen verschließt, um angesichts der neuen Lage vor den erregten Juden sicher zu sein, – ohne freilich daran zu denken, daß man damit dem Herrn die Türe verschließen könnte, – „kam Jesus und trat mitten unter sie“. Seltsam, daß wir immer wieder in der Stunde, in der wir Jesu Gegenwart am sehnlichsten erhoffen, ihm aus Furcht vor allerlei andern Dingen die Türe verschließen. Aber weit wunderbarer, daß Jesus sich durch diese verschlossenen Türen nicht hindern läßt. Der Auferstandene läßt sich durch die Men­schen auf seinem Weg zu den Menschen nicht mehr aufhalten. Sein neuer Leib behindert und beschränkt ihn nicht mehr, wie unser Leib es tut, sondern Jesu Leib ist nun das vollkommene Werkzeug seines Geistes geworden. Der Auferstandene tritt unter seine furchtsamen Jünger. Er spricht: „Friede mit euch“. Gewiß, damals der alltägliche Gruß und ein guter Gruß dazu; denn es ist in ihm alles enthalten, was Menschen einander zum Gruß sagen können. Aber es ist ja schon bei uns ein Unterschied, wer einen Gruß ausspricht. Der fromme Gruß einer Mut­ter, eines altgewordenen Christen hat ein anderes Gewicht, als wenn irgendeiner ihn formel­haft gebraucht. „Friede mit euch“ – (statt „sei“ wäre hier besser „ist“ zu ergänzen!) – das heißt im Munde des Auferstandenen: Ende aller eurer Furcht, Ende der Herrschaft der Sünde und des Todes über euch, ihr habt nun Frieden mit Gott, mit den Menschen und darum mit euch selbst. So spricht der, der selbst für uns diesen Frieden errungen hat, und wie zum [556] sicht­baren Zeichen der geschlagenen Schlacht und des gewonnenen Sieges zeigt er seine durch­bohrten Hände und seine verwundete Seite. „Friede mit euch“ – das heißt: Er, der selber die­ser Friede ist, Jesus Christus ist mit euch, der Gekreuzigte und Auferstandene. Wort und Zei­chen des lebendigen Herrn machen die Jünger froh. Die Gemeinschaft mit dem Herrn ist nach bangen, dunklen Tagen wiedergefunden.

2. Vers 21–23. Es gibt aber keine Gemeinschaft mit Jesus, die nicht sogleich in den Dienst stellt. Nur im Dienst Jesu erfüllt sich die Gemeinschaft mit ihm. Das hat Jesus seinen Jüngern immer gesagt (vgl. Joh 15, 1 ff). Nun eröffnet er ihnen als der Verklärte die höchste Sendung, in der sie die Gemeinschaft mit ihm bewähren sollen. „Ich sende euch“ (Präsens!). Die Sen­dung der Jünger durch Jesus gleicht der Sendung Jesu durch den Vater. Jesus legt sein Werk in die Hände seiner Jünger, bevor er zum Vater geht. Derselbe Friede, der den Jüngern ge­schenkt ist, soll die Kraft ihres Dienstes sein. Darum spricht Jesus „abermals“ zu ihnen: „Frie­de mit euch“. Der Friede, der aus der Auferstehung Jesu herkommt, ist wirksame Kraft für die Sendung. Auch hier tritt zum Wort das Zeichen. Jesus tut an seinen Jüngern, was der Schöpfer am ersten Menschen tat. Der Hauch des neuen Lebens und der neuen Sendung, der Hauch der Auferstehung, berührt, erfüllt die Jünger. Der mit Sünde und Tod gerungen hat, der vom ge­wonnenen Sieg, vom Auferstehungsmorgen herkommt, vermag es, den Jüngern zu bringen, was kein Mensch erwerben konnte: den Heiligen Geist. „Empfanget den Heiligen Geist“. Hier gibt es kein Abschwächen und Wegdeuten. Es ist der Heilige Geist selbst, der Pfingstgeist, den der Auferstandene den Seinen gibt und durch den er sie für ihre Sendung ausrüstet. Das Werk Jesu kann nur im Besitz des Heiligen Geistes getan werden. Es heißt: Sünden vergeben und behalten in göttlicher Vollmacht. Das war Jesu Tun auf Erden, das ist der Auftrag der Jünger und mit ihnen aller Gläubigen (vgl. Mt 16, 19; 18, 18). [557] Was Jesus in den Augen der Frommen zum Räuber an Gottes alleiniger Ehre gemacht hatte, nämlich daß er Sünden vergab, das sollen nun seine Jünger tun. Was nur der durfte, der den Fluch der Sünde am eig­nen Leibe trug und doch ohne Sünde war, nämlich Sünden vergeben in Gottes Namen, das tun von nun an in seinem Namen und Geist die Jünger. Weil aber Vergebung der Sünden ein Ge­schenk der freien und reinen Gnade Gottes ist, darum muß dort, wo um der Verstockung des Herzens willen die Sünde nicht vergeben werden darf, die Sünde behalten werden, d. h. Got­tes Gericht verkündigt werden. Sünden vergeben wollen, aber nicht Sünden behalten wollen, macht aus der göttlichen Vergebung ein menschliches Werk, eine Spielerei mit der Sünde. Die Verschleuderung der Gnade entehrt Gott und tut dem Menschen Schaden. Dennoch dient die Verkündigung des Gerichtes der Verkündigung der Gnade, das Behalten der Sünde der zu­künftigen Buße, der Bekehrung und Vergebung. Sündenvergeben und Sündenbehalten soll der Jünger im Auftrag Christi mit großer Gewißheit und Freudigkeit; denn es ist das Werk seines Herrn, das ihm anvertraut ist. Er darf davor nicht zurückschrecken. Beides wird sich vollzie­hen in der öffentlichen Verkündigung des Wortes und in der persönlichen Beichte. Beides ist durchweht von dem Hauch des Auferstandenen. Weil Christus lebt und uns den Heiligen Geist gegeben hat, gibt es vollmächtige Predigt und Beichte.

3. Vers 24–29. Was hilft mir die Botschaft von dem herrlichsten Wunder, wenn ich es selbst nicht erfahren und prüfen kann? Tot ist tot und leichtgläubig macht der Wunsch die Men­schen. So spricht der Zweifel zu jeder Zeit, und so denkt Thomas, der Jünger Jesu. Aus den wenigen Worten, die uns von ihm erhalten sind (Joh 11, 16; 14, 5), kennen wir ihn als einen zu jedem Opfer bereiten Jünger, der aber seine Fragen, die er an Jesus hatte, offen bekannte und klare Antwort begehrte. Er hatte sich nach dem Tode Jesu von den andern Jüngern ge­trennt und war auch am Ostertag ferngeblieben. Er wollte sich nicht in kranke Schwärmerei hineinreißen lassen. „Ich werde es nicht glauben“, sagt er [558] hart, als ihn die Botschaft durch die andern Jünger erreicht, „ehe ich es selbst gesehen und betastet habe“. Thomas hat recht, wenn er seinen Glauben entweder selbst finden oder gar nicht glauben will; aber der Weg, auf dem er ihn sucht, ist falsch. Trotz seiner Weigerung zu glauben, kommt Thomas am folgenden Sonntagabend in den Jüngerkreis. Das ist wichtig; denn es zeigt die Bereitwilligkeit des Thomas, sich überzeugen zu lassen, zeigt die Aufrichtigkeit seines Zweifels. Es ist den­noch die freie Gnade des Auferstandenen, die nun auch dem Einzelnen nachgeht, den Zwei­felnden überwindet und in ihm den Osterglauben schafft. Jesus kommt, wiederum trotz ver­schlossener Türen. An der Wunderbarkeit seiner Gegenwart konnte darum kein Zweifel sein. Er spricht den Friedensgruß, der allen, aber diesmal wohl besonders dem friedlosen Herzen des Thomas, gilt. Jesus kommt um seines zweifelnden Jüngers willen. Er weiß alles, was in ihm vorgegangen ist, er kennt ihn durch und durch. Das geht aus seinem ersten Wort an Thomas hervor. Jesus stillt das zweifelnde Verlangen des Jüngers, indem er ihm gewährt, was er der Maria versagte ([Joh] 20, 17). Es ist eben ein Unterschied, ob wir uns etwas nehmen wollen oder ob der Herr uns etwas gibt. Maria wird zurückgewiesen, Thomas darf hören, sehen und betasten. Unbegreifliche Herablassung des Herrn zu seinem zweifelnden Jünger, sich von ihm auf die Probe stellen zu lassen. „Werde nicht ungläubig, sondern gläubig“ – Christus wirbt um seinen Jünger, noch ist die letzte Entscheidung nicht gefallen, wenn auch in bedrohlicher Nähe. Aber indem Jesus den Jünger als noch nicht gegen ihn Entschiedenen anspricht, gibt er ihm Freiheit zur Umkehr. Ob Thomas seine Hand auszustrecken gewagt hat, bleibt unausgesprochen. Es ist nicht wichtig. Wichtig ist, daß in Thomas der Osterglaube durchbricht: „Mein Herr und mein Gott“. Das ist das ganze Osterbekenntnis. So hatte vor diesem Zweifler noch keiner gesprochen. Die Überwindung ist vollständig. Die Antwort Jesu preist nicht den Zweifel, nicht das Schauen und Tasten, sondern allein den Glauben selig. Auf dem, was wir sehen, kann der Glaube nicht ruhen und gewiß [559] werden, sondern allein auf dem Worte Gottes. Millionen von Zweiflern werden nach Thomas kommen. Ihr Zweifel wird nicht durch Sehen und Tasten überwunden werden, sondern durch das Zeugnis von dem lebendigen Christus. Auch Thomas konnte nicht seinen Augen und Händen trauen, sondern Christus allein. Darum das Schweigen über das, was er tat, und der schlichte Bericht über sein Osterbekenntnis.

4. Vers 30–31. Ist uns weniger gegeben als den Jüngern, als Thomas? Macht uns Jesus den Zugang zu sich schwerer? Sind es nicht nur Bruchstücke der Taten Christi, die uns überliefert sind, so daß uns der volle Reichtum seiner Wunder, wie ihn die Jünger erfuhren, entgeht? Johannes sagt: zwar tat Jesus unendlich viel mehr, als wir Heutigen wissen, aber es ist genug, was uns aufgeschrieben ist, genug im Hinblick auf das Eine, worauf es ankommt: daß wir glauben, Jesus sei der Christus, Gottes Sohn, und wir haben in seinem Namen das ewige Leben. Um uns zu diesem Glauben zu helfen, setzt er uns Wort und Zeichen, Predigt und Sakrament. Mehr empfingen die Jünger auch nicht, auch Thomas nicht. Was sie sahen, Jesus in seiner Armut, seinem Tod und seiner verklärten Gestalt, war dem Zweifel nicht weniger ausgesetzt, als was wir sehen. Nur indem sie Ihm selbst glaubten, hatten sie ihn zum Herrn. Nur auf ihn, wie sie ihn glaubten und nicht sahen, nämlich als den Christus, den Sohn Gottes, nicht aber auf ihn als irgend eine überirdische Erscheinung, konnten sie ihr Leben gründen und so in seinem Namen ewiges Leben haben. Eben dazu aber ist auch uns Wort und Sakra­ment geschenkt, daß wir glaubend und nicht sehend selig werden.

Die Beziehung auf den Sonntag Quasimodogeniti ergibt sich zwanglos unter den drei Gesichtspunkten, daß die Auferstehung Jesu unser neues Leben ist, daß wir von nun an im Dienst Jesu leben, und daß beides nur im Glauben für uns wirklich wird.

Zuerst abgedruckt in dem von Georg Eich­holz herausgegebenen ersten Band der Predigthilfe „Herr, tue meine Lippen auf“.

Quelle: Dietrich Bonhoeffer Werke, Band 15: Illegale Theologenausbildung Sammelvikariate 1937-1940, hrsg. v. Dirk Schulz, München: Chr. Kaiser Verlag 1998, S. 554-559.

Hier der Text als pdf.

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