Dietrich Bonhoeffers und Franz Hildebrandts „Glaubst du, so hast du“. Versuch eines Lutherischen Katechismus von 1931: „Ein Gott, der sich von uns beweisen ließe, wäre ein Götze“

Dietrich Bonhoeffer mit Konfirmanden im Harz, 1932
Dietrich Bonhoeffer mit Konfirmanden im Harz, 1932

Zusammen mit seinem Freund Franz Hildebrandt hatte Bonhoeffer 1931 einen kleinen Katechismus für Konfirmanden konzipiert, dessen Titel an eine Kurz-Formulierung des Glaubensbekenntnisses durch Luther 1528 angelehnt ist:

„Glaubst du, so hast du“. Versuch eines Lutherischen Katechismus (1931)

Von Dietrich Bonhoeffer und Franz Hildebrandt

Vorwort

Dieser Katechismus ist für Konfirmanden und doch nicht nur für sie bestimmt. Er dient ihrem eigenen Anliegen, wenn er versucht zu formulieren, was der Lutherische Glaube heute sagt. Fragen und Antworten sind auf konzentriertes Lesen eingestellt. Ergänzungen und Erklärun­gen bleiben dem Unterricht vorbehalten. [229]

Was ist Evangelium?

Die Botschaft vom Heil Gottes, das in Jesus Christus erschienen und durch seinen Geist uns zugetragen ist. Die Botschaft vom Reich Gottes, das in der Welt bestritten und seinen Gerech­ten bestimmt ist. Die Botschaft vom Willen Gottes, der heute redet und entscheidet über Le­ben und Tod.

Wer ist evangelisch?

Wer sich der Gnade Gottes freut, den Namen Christi bekennt und um den Heiligen Geist bit­tet. Wer für Gottes Herrschaft bereit ist, sich nicht fürchtet vor fremder Gewalt und von der letzten Vollendung weiß. Wer Gottes Wort in der Predigt hört, wer seine Gemeinde liebt und von der Vergebung lebt.

Daß Gott sich uns ganz und gar gegeben hat, mit allem, was er ist und hat (Luther), bekennt der evangelische Glaube mit diesen Worten:

„Ich glaube an Gott, daß er mein Schöpfer sei, an Jesum Christum, daß er mein Herr sei, an den Heiligen Geist, daß er mein Heiligmacher sei. Gott hat mich geschaffen und mir Leben, Seele, Leib und alle Güter gegeben; Christus hat mich gebracht in seine Herrschaft durch seinen Leib, und der Heilige Geist heiligt mich durch sein Wort und die Sakramente, die in der Kirche sind, und wird uns völlig am jüngsten Tage heiligen. Das aber ist der christliche Glaube: wissen, was du tun sollst und was dir geschenkt ist.“ (Luther, W. A. 30, I, 94.)

Vom wahren Gott

Woher weiß ich von Gott?

Aus deiner Taufe, denn ehe du fragtest, hat Gott zu dir geredet. Aus deiner Kirche; denn als du Gott suchtest, gehörtest [230] du schon zur Gemeinde. Aus deiner Bibel; denn von der Kraft ihrer Predigt lebt deine Kirche.

Warum ist Gott gerade hier?

Er allein ist der Herr, er kann von sich reden, wo er will. Aber es ist seine Barmherzigkeit, daß er uns in irdischer Gestalt begegnet, und daß wir wissen können, wo er zu finden ist. Das ist die Offenbarung in Christus und seiner Kirche.

Ist das der einzige Gott?

In jedem andern betest du zum Gott deiner Wünsche. Nur einer ist es, der selbst zu dir kommt, so daß du ihm nicht mehr entgehst. Sein Wort allein ruft die ganze Welt ins Leben und auch dich zu seinem Eigentum.

Vom Glauben

Wie kann ich dessen gewiß werden?

Allein durch den Glauben, der mit beiden Händen die frohe Botschaft ergreift. Ein anderer Weg ist uns nicht gegeben, denn sähen wir Gott, so wären wir im ewigen Leben. Darum wagt es der Glaube auf die Treue Gottes.

Wo bleibt der Beweis dafür?

Ein Gott, der sich von uns beweisen ließe, wäre ein Götze. Der Herr, dem wir trauen, bindet uns so fest an sich, daß wir frei werden von Aberglauben und Wundersucht. Wem Gott den Glauben geschenkt hat, der schenkt auch ihm Glauben, was immer ihm geschieht.

Fragt Gott wirklich nach mir?

Wer sich allzu fromm dagegen aufspielt, meint nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist. Denn das ist Gottes Ehre, daß er in Christus zu uns herabkommt, um uns im Geist zu sich zu erheben. Er ist der dreieinige Gott.

Daß Gott uns gehört und wir ihm, sprechen wir aus im Glauben an den Vater: ich glaube an Gott, daß er mein Schöpfer sei.

Darf man Gott seinen Vater nennen?

Es ist der einzige Name, der uns sein Geheimnis verrät. Er [231] kann nicht vergessen, was er geschaffen hat. Wie sollten wir vergessen, daß wir seine Kinder sind.

Widerspricht nicht die Schöpfung der Wissenschaft?

Es ist zweierlei, zu forschen und zu glauben; die Wissenschaft hat ihr volles eigenes Recht. Daß die Erde nicht in sechs Tagen entstanden ist, das weiß jedes Kind. Aber nicht jeder weiß, daß Gott die Welt durch seinen Geist und den Menschen nach seinem Bild schafft.

Warum sieht man das niemandem an?

Es klingt uns wahrhaftig fremd. Die Dämonen der Welt, Geld, Macht, Trieb rauben uns Got­tes Licht, so daß wir sterben müssen. Gottes Ordnungen sind zerstört. Das tut unser Unglaube, der die Freiheit gegen Gott mißbraucht und uns zu Knechten unserer Götzen macht.

Wie kann ein gerechter Gott so viel Unrecht zulassen?

Die Katastrophen der Natur und des Menschen bringen unsere Weisheit zum Schweigen. Wo Gottes gnädiger Wille sich uns gänzlich verbirgt, kann ihn doch unser Wille nicht richten. Wir wissen aber, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.

Was soll ich dann in der Welt anfangen?

Das, was dein Beruf dir zu tun gibt. Gott hat jeden von uns zu seiner Zeit in seine Arbeit berufen – das ist sein Gesetz. Und wir sind ihm Gehorsam schuldig, bis er uns abruft.

Gibt es im Beruf kein Unrecht?

Allerdings nimmt heute jeder, der verdient, dem andern das Brot. Arbeit wird zum Fluch, wo unsere Macht über die Dinge sich verkehrt zur Macht der Dinge über uns. Wer das weiß, der wird demütig und bittet Gott, daß er ihn wieder fröhlich mache in seiner Arbeit.

Wie darf der Christ Eigentum haben?

Er wäre wohl oft froh, er hätte es nicht. Er kennt Macht und List des Geldes, aber er will sich damit sorgen für den andern. So soll er alle Dinge haben, als hätte er sie nicht.

Ist der Selbsterhaltungstrieb schon Sünde? [232]

Natur und Unnatur sind ganz in ihm verflochten. Wir glauben als Christen, daß unser Leib zu Gott gehört. Aber wo sich die Triebe des Hungers und Geschlechts von ihrem Ursprung los­reißen, gehen sie blind in die Irre.

Gibt es keine Regeln für das leibliche Leben?

Die Gesundheit mutwillig zerstören, heißt seine Seele und Gottes Eigentum verletzen. Als Erfüllung der Gemeinschaft des Leibes und der Seele ist uns von Gott die Ehe gegeben. Wem offene Augen geschenkt sind für das Wunder jeder Geburt, der scheut sich, anderes Leben anzutasten und bittet Gott, ihm zu vergeben, wo er gesündigt im Hochmut und im Fall.

Aber muß man nicht im Krieg das Leben zerstören?

Eben darum weiß die Kirche nichts von einer Heiligkeit des Krieges. Hier wird mit ent­menschten Mitteln der Kampf ums Dasein geführt. Die Kirche, die das Vaterunser betet, ruft Gott nur um den Frieden an.

Ist das nicht vaterlandslos?

Gott hat gemacht, daß von einem Blut aller Menschen Geschlechter auf dem ganzen Erdboden wohnen (Apg. 17, 26). Darum ist ein völkisches Trotzen auf Fleisch und Blut Sünde wider den Geist. Der blinde Eifer, der nur sich selbst behauptet, wird im Staat gebändigt; ihn hat Gott in sein Amt eingesetzt, daß wir als Christen ihm dienen.

Wie soll sich der Christ politisch verhalten?

Bliebe er auch am liebsten dem politischen Kampf fern, so drängt ihn doch das Gebot der Liebe, sich auch hier für seinen Nächsten einzusetzen. Ob ihn der Befehl des Staates gegen das Gewissen führen darf, muß sein Glaube und seine Liebe wissen. In jeder Entscheidung erfährt er den unversöhnlichen Zwiespalt zwischen dem Frieden Christi und dem Haß der Welt. [233]

Haben die Christen keine andere Lösung?

Wir erkennen das Unrecht unserer Gedanken und Werke. Darum hofft alle Welt ruhelos auf die Erscheinung des Erlösers und seiner Gerechtigkeit. Wir bitten Gott, daß er uns nicht richte, sondern uns für sein Werk recht fertig mache.

Daß Gott für uns eintritt und wir für ihn, sprechen wir aus im Glauben an den Sohn: ich glaube an Jesum Christum, daß er mein Herr sei.

Hat Jesus gelebt?

Wer die Bibel kennt und die heidnischen Zeugnisse über Jesus, sieht in Mannigfaltigkeit und Widersprüchen den Beweis seines Lebens. Das haben selbst die Juden nie bestritten. Worte wie Matth. 11, 19; 21, 31; Marc. 10, 18; 15, 34; Luc. 14, 26 und Bilder wie Matth. 15, 21 ff; Marc. 10, 13 ff; 14, 32 ff; Luc. 7, 36 ff; 15, 1 ff. können nicht erfunden sein. Alle Versuche, mit der Leugnung Jesu seine Kirche abzutun, scheitern an der Erfahrung seiner unausweichlichen Gegenwart.

Was hilft mir heute Jesus von Nazareth?

Von Jesus wissen heißt noch nicht an ihn glauben, das bloße Fürwahrhalten ist freilich tot. Der Glaube hängt nicht an toten Buchstaben, sondern an dem lebendigen Herrn, der über allem Zweifel an der Bibel und ihren Geschichten sich gebietend vor uns stellt.

Warum ist gerade er der Herr?

Er ist die Antwort auf alle Fragen des Menschen. Er ist das Heil in allen Leiden der Welt. Er ist der Sieg über alle unsere Sünden. In ihm hast du Gott selbst in seiner Macht und den Menschen ganz in seiner Ohnmacht.

Wie kann ein Mensch Gott sein?

Nicht anders als daß Gott sich wunderbar erniedrigt und alles mit uns teilt. Der Mensch Jesus, geboren von der Mutter Maria, durch Versuchung und Leiden bis zum Tod am Kreuz, ist das Wunder und Wort Gottes. Das sagt er selbst, und aus dieser [234] Vollmacht handelt er. „Auf diesen Menschen sollst du zeigen und sprechen: das ist Gott.“ (Luther).

Warum lassen sich so wenige darauf ein?

Auch wenn er heute noch Wunder täte, blieben wir unbekehrt. Wir wollen einen stolzeren Gott als den, der in Krippe und Kreuz unser Bruder geworden ist. Gott aber hüllt sich um unsertwillen in Sünde und Tod, daß allein der Glaube sehe, was aller Welt unbegreiflich bleibt.

Warum mußte Jesus ans Kreuz gehen?

Das bleibt Gottes Geheimnis. Wir können nur dies davon sagen: was hier geschieht, ist nicht menschliches Heldentum, hier handelt Gott selbst. Der Heilige geht in die gottfremde Welt, um die Sünder in die Heimat zu holen. Er muß Gottverlassenheit und Tod leiden wie wir, es ist sein eigenes Opfer für uns, das unsere Sünde richtet und besiegt und uns die Tür zum Vaterhaus öffnet.

Ist damit das Böse wirklich aus der Welt geschafft?

Christus ist auferstanden, er hat dem Teufel die Macht genommen. Aber niemand sieht das, und in der Welt kämpfen noch Christus und Antichrist. Nur seiner Gemeinde erscheint er als der Überwinder, nur seinen Gliedern als das Haupt; er macht die Kirche zu seinem Leibe und in ihr sein Leben offenbar.

Tut denn die Kirche den Willen Christi?

Die Kirche weiß heute mehr denn je, wie wenig sie der Bergpredigt gehorcht. Aber je größer die Zwietracht in der Welt wird, desto mehr will Christus den Frieden Gottes verkündigt haben, der in seinem Reich herrscht. Noch steht die Kirche [235] täglich im Gebet um die Wiederkunft ihres himmlischen Herrn, und er legt seine Hand auf sie, bis er sie zur Vollendung führt.

Daß Gott uns verherrlicht und wir ihn, sprechen wir aus im Glauben an den Heiligen Geist: ich glaube an den Heiligen Geist, daß er mein Heiligmacher sei.

Wer ist der Heilige Geist?

Kein Geist von der Welt, sondern Gottes und Christi Geist, der in der Kirche gegenwärtig ist. Ohne ihn wüßten wir von Christus nichts, wie wir ohne Christus nichts von Gott wüßten. In ihm vollendet sich die Gottheit auf Erden, denn „hättest du keine Kirche, so wärest du nicht Gott“ (Luther).

Ist Gott nur in der christlichen Kirche?

In allen Völkern aller Zeiten hat der Geist der Hoffnung gesprochen. Aber der Heilige Geist ist der Geist der Erfüllung, an dem jeder andere Geist gerichtet wird. Wo außer Christus Furcht oder Wahn die Religion des Menschen bestimmt, führt der Geist seine Christenheit zu Gnade und Wahrheit.

Warum gibt es aber dann so viele Kirchen?

Wir sollten wirklich eine Kirche sein. Aus unserer unbegreiflichen Zerrissenheit dringen wir auf eine neue Gemeinschaft aller Christen. Sie zu haben, ist uns Menschen nie anders möglich als im Warten und im Glauben, der seiner Kirche treu ist.

Wo ist die wahre Kirche?

Wo die Predigt steht und fällt mit dem reinen Evangelium vom gnädigen Gott gegen alle menschliche Selbstgerechtigkeit. Wo die Sakramente hängen am Wort Christi ohne alle Zauberei. Wo die Gemeinschaft des Geistes im Dienen steht und nicht im Herrschen.

Brauche ich die Kirche?

Wüßtest du, was die Kirche ist und wozu sie dich braucht, so fragtest du nicht, sondern freutest dich. Die frohe Botschaft ließe dir keine Ruhe, solange du sie haben kannst. Du suchtest die Gemeinschaft, wo einer für den anderen im Gebet steht, [236] ihm alles sagt und alles vergibt, und die Verheißung, daß hier „einer dem andern ein Christus“ werden darf (Luther).

Wird man durch die Kirche ein anderer Mensch?

Hier weckt dich Gott aus dem Schlaf zur Nüchternheit, aus der Enge in die Weite, aus der Knechtschaft zur Freiheit. Hier gibst du dich täglich selbst auf und wirst in der Gefolgschaft Christi ein Herr aller Dinge. Das ist der Glaube und das neue Leben. Aber solange die Kirche in der Welt ist, kann niemand entscheiden, wen Gott für die Ewigkeit erwählt hat.

Wer ist erwählt?

Am Anfang und Ende alles Lebens steht das Geheimnis des göttlichen Geistes, der begnadigt und verwirft, wen er will, und alles Fragen und Rechten verstummen läßt. In der Mitte der Geschichte steht das Kreuz des Christus, der für alle gestorben ist. Zu ihm fliehen wir und beten, daß er uns seiner Gnade gewiß mache, bis alle Welt Gott allein die Ehre gibt.

Was wissen wir vom ewigen Leben?

Ob wir wollen oder nicht – so wahr Gott lebt, ist unser Leben seinem Gericht verfallen und in seiner Hand aufgehoben. Nicht Fleisch und Blut, sondern Geist, Seele und Leib sollen vom Tode auferstehen. Wir wissen nicht, wann die Stunde kommt, aber die Kirche freut sich mit aller Kreatur auf eine neue Erde und einen neuen Himmel.

Das aber ist der christliche Glaube: wissen, was du tun sollst und was dir geschenkt ist.

Konfirmation

Du sollst Gott danken, daß deine Kirche das Evangelium hat. Du sollst Gott bitten, daß ihm dein Glaube die Treue halte. Du sollst Gott geloben, daß du dein Leben auf sein Wort wagst. [237]

Abendmahl

Du hast das erste Abendmahl, das dir Christus selbst gibt. Du hast das heilige Abendmahl, das tägliche Brot der Gemeinde und aller Traurigkeit Trost. Du hast das ewige Abendmahl in der Seligkeit im Reiche des Vaters.

Quelle: Dietrich Bonhoeffer Werke, Band 11: Ökumene, Universität, Pfarramt: 1931-1932, hrsg. v. Eberhard Amelung u. Christoph Strohm, München: Chr. Kaiser Verlag 1994, S. 228-237.

Hier der Text des Katechismus als pdf.

1 Kommentar

  1. Der Titel verspricht, was der Textauszug nicht hält.
    Ich habe jedoch Jochen Teuffel bisher nicht dialogbereit erlebt.

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