„Was ich geworden bin, bin ich trotz aller Schulerziehung geworden“ – Aus dem Lebensporträt Gustav Heinemanns von Matthias Schreiber

Heinemann als Präsident
„Auf dem Feldherrnhügel“ (Karikatur von Maria Marcks über Gustav Heinemann aus der Süddeutschen Zeitung vom 13. September 1969)

Ein schönes Porträt über Gustav Heinemann hatte Matthias Schreiber unter dem Titel „Gustav Heinemann – Als Christ in der politischen Verantwortung“ seinerzeit für den von Günter Brakelmann, Traugott Jähnichen und Norbert Friedrich herausgegebenen Sammelband Kirche im Ruhrgebiet verfasst. Über seine Zeit als Bundespräsident resümiert Schreiber:

Gustav Heinemann war der wohl unbequemste Präsident den die Bundesrepublik Deutschland bisher hervorgebracht hat. Er selbst nannte sich auch lieber „Bürgerpräsident“, weil er den Menschen des Staates zuerst und dadurch dann dem Staat dienen wollte. Ein Zitat (als Bei­spiel für viele) zeigt, warum er von Politik, Wirtschaft und Kirche häufig kritisiert worden ist: „Ich sehe als erstes die Verpflichtung, dem Frieden zu dienen. Nicht der Krieg ist der Ernst­fall, in dem der Mann sich zu bewähren habe, wie meine Generation in der kaiserlichen Zeit auf den Schulbänken lernte, sondern der Frieden ist der Ernstfall, in dem wir alle uns zu bewähren haben. Hinter dem Frieden gibt es keine Existenz mehr.“

Gustav Heinemann blieb nur für eine Wahlperiode Bundespräsident. „Man soll gehen, so­lange man noch laufen kann. Und damit Schluß“, sagte er begründend. Im Grunde aber fühlte er sich einsam in diesem höchsten Amt. Der größte Teil des Tagesablaufs war vorgegeben. Heinemann beschrieb einem seiner Freunde gegenüber einmal seine Gefühle: Er fühle sich wie ein Strafgefangener im offenen Vollzug. Zum selben Freund sagte er Silvester 1974: „Ich bin froh, daß ich’s anständig überstanden habe.“

Mit seinem Testament setzte Gustav Heinemann schließlich ein monumentales Zeichen seines antinationalistischen, basisnahen Demokratieverständnisses. Er verbat sich nicht nur die am Sarge der Staatsoberhäupter übliche Ausstellung von Orden ausdrücklich, sondern er wollte gerade auch solche Personen beim Staatsakt anläßlich seines Todes anwesend wissen, die in der Bundesrepublik gesellschaftlich an den Rand gedrängt sind: ausländische Mitbürger, Schwerkriegsbeschädigte, körperlich Behinderte, Soldaten, Zivildienstleistende.

Als Gustav Heinemann am 1. Juli 1969 das Amt des Bundespräsidenten übernahm, beendete er seine erste Rede mit folgenden Sätzen: „Nicht weniger, sondern mehr Demokratie – das ist die Forderung, das ist das große Ziel, dem wir uns alle und zumal die Jugend zu verschreiben haben. Es gibt schwierige Vaterländer. Eines davon ist Deutschland. Aber es ist unser Vater­land. Hier leben und arbeiten wir. Darum wollen wir unseren Beitrag für die eine Menschheit mit diesem und durch dieses unser Land leisten.“

Hier der vollständige Text „Gustav Heinemann – Als Christ in der politischen Verantwortung“ als pdf.

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