„Das ist aber der alte Wahn des Menschen, dass er glaubt, von seinem frei bezogenen Standpunkt, von seiner Gottesidee aus Gott besser zu verstehen als wenn er sich seinem Wort unterstellen würde“ – Gerhard von Rads Auslegung der Geschichte vom Sündenfall (1.Mose 3,1-24 )

Hans Thoma - Adam und Eva
Hans Thoma – Adam und Eva (1897, Sankt Petersburg, Eremitage)

Da mögen manche exegetische Ansichten und sprachliche Formulierungen überholt sein. Und dennoch ist Gerhard von Rads Auslegung der Geschichte vom Sündenfall aus seinem Genesis-Kommentar noch immer eine Lektüre wert:

3,1 Die Schlange, von der nun erzählt wird, ist als eines der von Gott erschaffenen Tiere (2,19) bezeichnet; sie ist also im Sinne des Erzählers nicht die Symbolisierung einer „dämo­nischen“ Macht und gewiß nicht des Satans. Was sie aus der Menge der Tiere ein wenig heraushebt, ist lediglich ihre größere Klugheit. Allein von dieser Eigenschaft her begründet der Erzähler die nun folgende Anrede. Es wäre gut, diesem Anfang der Erzählung das große theologische Gewicht, das die kirchliche Auslegung fast ausnahmslos ihm beigelegt hat, zunächst einmal fernzuhalten. Die Erwähnung der Schlange hat hier fast etwas Beiläufiges, jedenfalls handelt es sich bei der „Versuchung“ durch sie um einen ganz unmythologischen Vorgang, und zwar ist das deshalb so dargestellt, weil der Erzähler offenbar bestrebt ist, die Verantwortung so wenig wie möglich aus dem Menschen heraus zu verlegen. Es geht allein um den Menschen und seine Schuld, und deshalb hat sich der Erzähler sehr gehütet, das Böse in irgendeiner Weise zu verobjektivieren, und deshalb hat er es so wenig wie möglich als eine von außen kommende Macht personifiziert. Daß er den Anstoß zur Versuchung aus dem Menschen herausverlegt, das war fast mehr ein Erfordernis der Veranschaulichung, als daß damit das Böse als etwas jenseits des Menschen Stehendes vergegenständlicht werden sollte. „Für die Herkunft des Bösen gibt es keine Ätiologie“ (Westermann z.St.). Durch die ganze Geschichte hindurch bleibt dieser Gegenspieler der Menschen in einem schwer definierbaren Incognito und unenträtselt. Wohl ist in der Religionsgeschichte die Schlange das unheimliche, fremdartige Tier kath exochen (v. d. Leeuw) und man kann auch annehmen, daß hinter unse­rer Erzählung in großer Feme einmal ein Mythus gestanden hat. Aber so wie sie uns jetzt vor­liegt, in dieser ihrer Durchsichtigkeit und Verständlichkeit ist sie alles andere als ein Mythus.

Nicht was die Schlange ist, sondern was sie sagt, soll uns beschäftigen. Sie eröffnet das Ge­spräch – ein Meisterwerk feiner psychologischer Abtönungen! – auf eine behutsame Weise, nämlich in Gestalt einer interessierten und noch ganz allgemeinen Frage (sie nennt ja ihrer­seits den heimlich angesteuerten Gegenstand des Gespräches, den Erkenntnisbaum, nicht; das zu tun überläßt sie der Ahnungslosigkeit des Weibes!). Nun enthält die Frage der Schlange freilich eine völlige Verdrehung, denn Gott hat keineswegs gesagt, daß die Menschen von keinem Baum essen dürfen; aber gerade so hat sie das Weib in ein Gespräch gezogen. Sie gibt ihr zunächst einmal Gelegenheit recht zu haben und sich für Gott zu wehren (Zimmerli). In der Form dieser Frage hat sie aber schon einen tödlichen Angriff auf die Einfalt des Gehor­sams geführt. 2-3 Das Weib ist dieser Bosheit gegenüber ganz unbefangen. Es stellt die Ver­drehung richtig; aber dabei geht es im Eifer einen kleinen Schritt zu weit. Wohl hat Gott nur einen Baum den Menschen vorenthalten (den Lebensbaum scheint dieser Teil der Erzählung nicht zu kennen!); aber daß er nicht einmal angerührt werden dürfe, hat Gott nicht gesagt. Dieser Zusatz aber hat doch schon eine leise Schwäche in der Position des Weibes gezeigt. Es ist, als wolle sie durch diese Übertreibung sich selbst ein Gesetz geben. 4-5 Jedenfalls jetzt kann die Schlange die Maske, unter der sie ernsthafte Anteilnahme an der Weisung Gottes geheuchelt hatte, fallen lassen; sie fragt nicht mehr, sondern behauptet – und zwar stilistisch in ungewöhnlicher Betonung! – daß das, was Gott gesagt hat, gar nicht wahr sei, und sie be­gründet das auch. Sie behauptet, Gott besser zu kennen als das Weib in seinem gläubigen Gehorsam, und so veranlaßt sie das Weib, aus dem Gehorsam herauszutreten und über Gott und sein Gebot wie von einem neutralen Ort aus zu urteilen. Sie unterstellt Gott mißgünstige Absichten. Es ist der uralte und weitverbreitete Gedanke vom Neid der Gottheit, mit dem sie Gottes gutes Gebot verdächtigt. Das ist aber der alte Wahn des Menschen, daß er glaubt, von seinem frei bezogenen Standpunkt, von seiner Gottesidee aus Gott besser zu verstehen als wenn er sich seinem Wort unterstellen würde. „Dort, wo der Mensch aber mit der Waffe eines Prinzips, einer Gottesidee gegen das konkrete Gotteswort angeht, dort ist er der Herr Gottes geworden.“[1] In dem Folgenden ist die grammatische Konstruktion zweifelhaft: Ist das jodee tob wara appositionell mit elohim verbunden (Sinn: wie göttliche Wesen, die Gut und Böse kennen)? Näher liegt es [63] aber wohl, das jodee tob wara als zweite prädikative Bestim­mung zu verstehen (wie Gott – oder göttliche Wesen – und Gutes oder Böses erkennen). Im ersteren Fall läge der Hauptton auf „wie göttliche Wesen“, im zweiten mehr auf der Erkennt­nis von Gut und Böse. Das elohim kann pluralisch verstanden werden (LXX); die Einflüste­rung meint schwerlich, daß die Menschen wie Jahwe, sondern, daß sie göttlich, göttergleich werden könnten. Was die Erkenntnis von Gut und Böse anlangt, so ist erstens zu bedenken, daß das hebräische jāda‛ („erkennen“) begrifflich keineswegs allein das intellektuelle Erken­nen, sondern in einem viel weiteren Sinn ein „Erfahrung haben“, ein „Vertrautwerden mit“, ja geradezu ein „Können“ bedeutet. „Wissen ist der alten Welt immer zugleich auch Können“ (Wellhausen). Bei dem „Erkennen des Guten“ sollte man also nicht gleich an ein Unterschei­dungsvermögen auf dem engeren Gebiet des Sittlichen denken, überhaupt nicht an die Er­kenntnis absoluter sittlicher Maßstäbe oder an die Konfrontation mit einer objektiven Idee. Es handelt sich überhaupt um nichts Objektives. Das Gute war für die Alten nie etwas nur Ideel­les, sondern als gut galt das, was guttut; demnach hätte man das „gut und böse“ in diesem Zusammenhang mehr im Sinne von „förderlich“, „heilsam“ – „hinderlich“, „schädlich“ zu verstehen. Was die Schlange in Aussicht stellt, ist also weniger eine Ausweitung des Erkennt­nisvermögens als jene Eigenmächtigkeit, die es dem Menschen verstattet, über das ihm Heil­same oder Schädliche selbst zu entscheiden. Das ist insofern etwas völlig Neues, als er damit heraustritt aus dem Umfangensein von Gottes Fürsorge. Er hatte darüber befunden, was gut für den Menschen war (2,18!), und darin hatte er ihm völlige Geborgenheit gewährt. Nun aber wird der Mensch dazu übergehen, für sich selbst zu entscheiden[2]. Die Frage steht wohl im Raum, ob denn nicht die begehrte Autonomie zu der größten Bürde seines Lebens werden könnte. Aber wer denkt jetzt daran. Der Schritt, der zu tun wäre, ist ja so klein! In dem Gren­zenlosen, dem Unbegreifbaren dieser Aussage liegt ja gerade das Verlockende; sie ist gewollt geheimnisvoll, und nachdem sie die Gedanken des Menschen in eine bestimmte Richtung in Bewegung gebracht hat, ist sie doch wieder nach allen Seiten hin offen und läßt der geheim­nislüsternen Phantasie allen Spielraum. Was die Einflüsterung der Schlange meint, ist die Möglichkeit einer Ausweitung des menschlichen Wesens über die von Gott in seiner Schöp­fung gesetzten Schranken hinaus, einer Lebenssteigerung, nicht nur im Sinne einer rein er­kenntnismäßigen Bereicherung, sondern auch eines Vertrautwerdens, eines Mächtigwerdens über Geheimnisse, die jenseits des Menschen liegen. Daß die Erzählung den Fall des Men­schen, seine eigentliche Trennung von Gott auf diesem Gebiet vollzogen und sich immer wie­der vollziehen sieht, (und nicht etwa in einem Absturz ins moralisch Böse, ins Unter­mensch­liche!), also in dem, was wir den Titanismus, die Hybris des Menschen nennen, das ist wohl eines ihrer bedeutendsten Zeugnisse. – Die Schlange hat weder gelogen, noch wahr gespro­chen; man hat schon immer in dem Halbwahren das Raffinierte ihrer Aussage gesehen. Die Schlange „weiß mit winzigen Umakzentuierungen, mit Halbwahrheit und Dop­pelsinnigkeit den arglosen Partner soweit zu bringen, daß er von selbst in [64] ihrem Sinne mitspielt und agiert, wie sie es haben will“ (Steck). Auch das ist zu beachten, daß sie kein Wort der Auffor­derung sagt; sie hat den großen Anreiz einfach in den Menschen hineinge­sprochen, bei dem die Entscheidung dann doch ganz frei gefällt wird. Auch hierin sehen wir das Bestreben des Erzählers, die Sache und demgemäß die Schuldfrage so wenig wie möglich aus dem Men­schen herauszuverlegen.

6 Das Gespräch ist zu Ende, die Schlange tritt vorläufig ganz aus dem Blickfeld des Lesers; das Weib ist nun allein. „Der Mensch schweigt gegenüber der Behauptung, daß eine Übertre­tung des Verbotes ihn nicht in den Tod, sondern in die Gottgleichheit bringen werde. Er läßt sich diese These gesagt sein.“ Es beginnt ihm einzuleuchten, daß er in seiner Selbstherrlich­keit bessergestellt ist, als im Gehorsam Gottes[3] Es ist ein wunderbares Bild, das der Erzähler in V.6 zeichnet, jene wortlose Szene, in der das Weib überlegend vor dem Baum steht und dann die Entscheidung fällt. Wir durcheilen mit ihm eine ganze Skala der Gefühle. „Köstlich zu Speise“: das ist der grob sinnliche, „eine Augenweide“, das ist der feinere, ästhetische Anreiz, und „begehrenswert für das Klugwerden“, das ist die höchste und durchschlagende Verlockung (vgl. 1.Joh. 2,16: „des Fleisches Lust und der Augen Lust und hoffärtiges We­sen“!); und dann folgt das Pflücken und Essen. Der Erzähler äußert kein Entsetzen; er legt es auch dem Leser nicht nahe, sich zu entrüsten; im Gegenteil: Das Unbegreifliche und Furcht­bare ist denkbar einfach und unsensationell beschrieben, ganz ohne den Rumor des Außerge­wöhnlichen oder eines dramatischen Bruches, so daß es sich vom Standpunkt des Menschen aus fast als etwas Selbstverständliches, innerlich Folgerichtiges darstellt!

[1] D. Bonhoeffer, Schöpfung und Fall, 19552, S. 61.

[2] H. Stoebe, Gut und böse in der jahwistischen Quelle des Pentateuch, ZAW 1953, S. 188 ff. O.H. Steck, Die Paradieserzählung, Bibl. Studien 60, 1970, S. 34 ff. u. ö.

[3] E. Osterloh, in: Ev. Theologie 1937, S. 439.

Hier der vollständige Text als pdf.

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