„Im Glauben an das Wort vom Kreuz vereinsamt dein Leben nicht in deiner Gerechtigkeit“ – Prediger (Kohelet) 7,15-18 kreuzestheologisch gepredigt

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Willem van de Velde der Jüngere (1633–1707) – Schiff in Seenot (Rijksmuseum Amsterdam)

15 Dies alles hab ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens: Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit. 16 Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest. 17 Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht stirbst vor deiner Zeit. 18 Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt; denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen.

Dies alles hab ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens“ sagt einer aus seiner Lebens­erfahrung. Schwarz oder weiß – so einfach lassen sich die Dinge nicht länger sehen. Was das eigene Leben betrifft hat seine zwei Seiten, die beide im rechten Licht betrachtet sein wollen. Und doch gehen Wahrnehmungen an das eigene Herz, wenn es heißen muss: „Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit.“

Das ist für Opfer und deren Angehörigen bittere Wahrheit: Lebenserwartung hängt nicht von moralischem Tun ab. Menschen, der anderen Schlimmes angetan haben, führen mitunter ein unerträglich langes Täterleben, scheinen sich sogar in ihren eigenen Untaten ansehnlich zu sonnen. Hier auf Erden gibt es keine höhere Gerechtigkeit, sondern nur die niedere Gerichtsbarkeit, deren Blick und Urteil vieles, allzu vieles entgeht.

Der lebenserfahrene Blick des Predigers fällt jedoch auf die Gerechten. „Dies alles hab ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens: Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit.“ Wie hat man sich das vorzustellen – an der eigenen Gerechtigkeit zugrunde gehen? Ja, als Selbstgerechtigkeit verfehlt die Gerechtigkeit das eigene Leben. Der Mensch, der sich selbst im Recht sieht, kann an sich selbst zugrunde gehen. Sein Urteilsspruch über den anderen und dessen (vermeintliches) Fehlverhalten erwartet, dass der andere das eigene Urteil für sich anzunehmen und damit der eigenen Gerechtigkeit zu entsprechen weiß. Tut der andere dieses jedoch nicht – was meist zu erwarten ist –, kehrt sich das eigene Urteil gegen sich selbst. Um den eigenen Gerechtigkeitsanspruch für sich selbst zu erhalten, muss man eigene Lebensbeziehungen preisgeben. Weil der andere sich in Bezug zu mir nicht so sieht, wie ich ihn gerechterweise sehe, ist er (ein für alle Mal) für mich gestorben. Zutiefst verletzt im eigenen Recht-behalten-müssen isoliert man sich selbst und kann nicht länger positiv am Leben der Anderen – seien es die eigenen Kinder, Eltern, Geschwister oder Freunde positiv anteilnehmen. Wer selbstgerecht Recht behalten will, richtet sich auf Dauer selbst zugrunde.

Gerechtigkeitsgefangenen will der Prediger einen Ausweg zeigen, wenn er schreibt: „Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest.“ Wenn du meinst, du könntest mit deinem Gerechtigkeitsanspruch die Dinge in der Welt dir selbst zurecht­rücken, wirst du zum Alterstor, verkämpfst dich für etwas, was über deine Lebensmöglich­keiten hinausgeht.

Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt“. Mach dich nicht einseitig an dem fest, was dir selbst als gerecht erscheint. Dein Leben ist kein geradliniger Gang, bei dem du dich auf der Seite der Gerechtigkeit festmachen kannst. Wenn dein Leben ins Schlingern kommt – wie auf einem Fährschiff im starken Seegang – musst du dich unweigerlich auch die andere Seite ergreifen, um nicht über Bord zu gehen. Da gibt es nicht länger die eine richtige Seite, an der dein Leben gut ausgeht. An dem, was du für dich selbst als gerecht zu begreifen suchst, kann dein Leben keinen letzten Halt finden.

Der Ausweg aus der eigenen Haltlosigkeit ist für den Prediger die Gottesfurcht, „denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen.“ Nicht die eigene Gerechtigkeit, deren man sich selbst sicher zu sein scheint, sondern die befremdliche Gottesgerechtigkeit muss dir zukommen. Sie verunsichert dich, um dich deiner hoffnungslosen Selbstgewissheit zu entreißen.

So führt der Apostel Paulus in seinem ersten Brief an die Korinther die Lehre des Predigers als „Wort vom Kreuz“ (1,18) fort: „Was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist; und was gering ist vor der Welt und was verachtet ist, das hat Gott erwählt, was nichts ist, damit er zunichtemache, was etwas ist, auf dass sich kein Mensch vor Gott rühme.“ (1,27-29) Worte, die es mit der Gerechtigkeit wahrhaft aufnehmen, sind uns keine Selbstbestätigung, sondern bleiben Anfechtung und Zumutung.

Im Buch des Predigers heißt es dazu abschließend: „Die Worte der Weisen sind wie Stacheln, und wie eingeschlagene Nägel sind die einzelnen Sprüche; sie sind von einem einzigen Hirten gegeben.“ (Prediger 12,11) Gottes Gerechtigkeit, die dir zukommt, zeigt sich am Kreuz Christi – „das ist mein Leib, der für euch gegeben wird“ (Lukas 22,19). Im Glauben an das Wort vom Kreuz vereinsamt dein Leben nicht in deiner Gerechtigkeit, sondern findet sich wieder „in Christus Jesus, der für uns zur Weisheit wurde durch Gott und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung, auf dass gilt, wie geschrieben steht: »Wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn!«“ (1Korinther 1,30f)

Hier die Predigt als pdf.

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