„Wer den Jordan ohne Verheißung eigenmächtig zu übergehen sucht, überlässt sich dem Fluss der Zeit; dessen Leben mündet schlussendlich in das Tote Meer der Vergangenheit“ – Predigt über Josua 3,5-11.17

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Benjamin West – Joshua passing the River Jordan with the Ark of the Covenant (1800 – Art Gallery of New South Wales)

Josua sprach zum Volk: Heiligt euch, denn morgen wird der HERR Wunder unter euch tun. Und Josua sprach zu den Priestern: Hebt die Bundeslade auf und geht vor dem Volk her! Da hoben sie die Bundeslade auf und gingen vor dem Volk her. Und der HERR sprach zu Josua: Heute will ich anfangen, dich groß zu machen vor ganz Israel, damit sie wissen: Wie ich mit Mose gewesen bin, so werde ich auch mit dir sein. Und du gebiete den Priestern, die die Bundeslade tragen, und sprich: Wenn ihr an das Wasser des Jordans herankommt, so bleibt im Jordan stehen. Und Josua sprach zu den Israeliten: Herzu! Hört die Worte des HERRN, eures Gottes! Daran sollt ihr merken, dass ein lebendiger Gott unter euch ist und dass er vor euch vertreiben wird die Kanaaniter, Hetiter, Hiwiter, Perisiter, Girgaschiter, Amoriter und Jebusiter: Siehe, die Lade des Bundes des Herrn der ganzen Erde wird vor euch hergehen in den Jordan. […] Und die Priester, die die Lade des Bundes des HERRN trugen, standen still im Trockenen mitten im Jordan. Und ganz Israel ging auf trockenem Boden hindurch, bis das ganze Volk über den Jordan gekommen war. (Jos 3,5-11.17]

Wer an einem Flussufer zu stehen kommt, mag sich sagen: Dort drüben, am anderen Ufer geht der Weg weiter. Zwischen Dasein und Weiterziehen liegt der Fluss, dessen Wasserstrom die Zeit mitzuführen weiß. „panta rhei – alles fließt“. Durch den Fluss der Zeit hat der eigene Lebensweg zu gehen. Und was sich in diesem Zeitfluss ereignet, ist einem selbst unwiederbringlich verflossen. „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen“ heißt es dazu beim griechischen Philosophen Heraklit.

Und doch gibt es einen Fluss, der uns nicht die Zeit nimmt, sondern einen unvergänglichen Lebensraum erschließt. In der Gefolgschaft Israels gilt es am Jordan zu stehen, dem biblischsten Fluss aller Flüsse. Nach vierzig Jahren Wüstenwanderung findet sich das Volk Israel an seinem Ostufer wieder. Vor ihren Augen tut sich am Westufer das verheißene Land auf. Der Auszug aus Ägypten war mehr als nur die Befreiung aus der Sklaverei, sondern sah ein Heimatland vor, das der HERR Gott diesem Volk zugeschworen hatte:

Siehe, ich habe das Land vor euren Augen dahingegeben. Zieht hinein und nehmt das Land ein, von dem der HERR euren Vätern Abraham, Isaak und Jakob geschworen hat, dass er’s ihnen und ihren Nachkommen geben wolle. (Dtn 1,8)

So führt Josua, der von Mose eingesetzte Anführer, das Volk runter an das Ufer des Jordans. Ohne mitreißende Flut und ohne Untiefen kann dieser Flussstrom leichtfüßig durchschritten werden. Und doch lässt Josua das Volk nicht einfach durchs Wasser ziehen: „Heiligt euch, denn morgen wird der HERR Wunder unter euch tun.

Das Land vor ihren Augen darf Israel nicht von sich aus ungeheiligt betreten, entspringt es doch nicht eigener Wunschvorstellungen oder Sehnsüchten. Nur im Bund mit dem HERRN kann Israel es in Besitz nehmen. Wenn es ins gelobte Land gehen soll, darf das Volk dem Sinaibund mit dessen Geboten nicht entgehen:

Habt nun acht, dass ihr tut, wie euch der HERR, euer Gott, geboten hat, und weicht nicht, weder zur Rechten noch zur Linken, sondern wandelt auf dem Weg, den euch der HERR, euer Gott, geboten hat, damit ihr leben könnt und es euch wohlgeht und ihr lange lebt in dem Lande, das ihr einnehmen werdet.“ (Dtn 5,32f)

Unübersehbares Zeichen dafür ist die Bundeslade mit den zehn Geboten, die Josua von Priestern voraus in den Fluss tragen lässt. Ihr Stillstand dort in der Flussmitte bringt das Wasser des Jordans zum Stehen. Die Gebote des HERRN wirken in den Lauf der Natur, nehmen es mit dem Fluss der Zeit auf, lassen Israel trockenen Fußes durch den Jordan ziehen – mit dem angespannten Blick auf die Bundeslade, die ja angestaute Wassermassen zurückzuhalten weiß. Fürwahr, der Gottesbund lässt keine Dämme brechen. So zieht das geheiligte Israel in diesem Bund in das gelobte Land ein. Das göttliche Wunder, das Josua dem Volk angekündigt hatte, ist geschehen.

„Über den Jordan gehen“ – befremdlich nach Sterben und den Tod klingt die Wendung, die auf den Abgang des Propheten Elia anspielt. Dieser hatte ebenfalls trockenen Fußes den Jordan durchschritten, wo er am Ostufer in einem feurigen Pferdewagen in den Himmel entrückt worden ist. „Über den Jordan gehen“ verheißt Israel beides – irdisches Heimatland wie auch Himmelsheimat. Entscheidend ist, mit welcher Aussicht und mit welcher Zusage man über den Jordan geht. Wer den Jordan ohne Verheißung eigenmächtig zu übergehen sucht, überlässt sich dem Fluss der Zeit; dessen Leben mündet schlussendlich in das Tote Meer der Vergangenheit.

Mit Blick auf die Bundeslade entscheidet sich Israels Zukunft im Gehorsam gegenüber der Stimme der HERRN:

Ich nehme Himmel und Erde heute über euch zu Zeugen: Ich habe euch Leben und Tod, Segen und Fluch vorgelegt, dass du das Leben erwählst und am Leben bleibst, du und deine Nachkommen, dass du den HERRN, deinen Gott, liebst und seiner Stimme gehorchst und ihm anhangest. Denn das bedeutet für dich, dass du lebst und alt wirst und wohnen bleibst in dem Lande, das der HERR deinen Vätern Abraham, Isaak und Jakob geschworen hat, ihnen zu geben.“ (Dtn 30,19f)

In der Gefolgschaft Israels gelangen auch wir an das Ufer des Jordan. Doch im Unterschied zu Israel kommen wir nicht trockenen Fußes hindurch. Um selbst ins gelobte Land zu kommen, heißt es für uns ins Wasser zu gehen. In der Mitte des Flusses begegnet uns Christus; selbst im Wasser des Jordans getauft hat er sich uns Sündern gleichgestellt. Was Menschensünde ihm, dem Gottessohn, aufbürdet, hat er totgetaucht in diesen Fluss hineingenommen. Unsere Sünde fortgespült in das Tote Meer kann uns nicht länger angehängt werden kann.

So begegnet uns Jesus Christus in der Mitte des Flusses. Auferstanden aus der Todesflut hält er unserem Leben den Fluss der Zeit an. Der Himmel steht offen, und die göttliche Zusage kommt uns zu Ohren: „Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ (Mt 3,17) Wer ihm glaubt, dem steht die Zeit himmelsstill. Auf Jesu Namen getauft sind wir in SEINE Ewigkeit getaucht. Den Kindern Gottes verrinnt nicht das eigene Leben; es entfließt nicht in ein totes Meer.

Und doch kann es in der Mitte eines Flusses kein Bleiben geben. Die Kinder Gottes gehen in ein neues Jahr des Herrn. Im Glauben an Jesus Christus sind unsere Lebensschritte nicht vergeblich, gehen uns nicht verloren. Als Zukunftsschritte lassen sie uns der zugesagten Heimat beim dreieinigen Gott näherkommen – unter dem offenen Himmel. Unsere Heimatschritte – irdisch wie himmlisch – halten mit der adventlichen Erwartung Schritt: „Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.“ (2Petr 3,13)

Wer den Jordan ohne göttliche Verheißung eigenmächtig zu übergehen sucht, verliert sich im Niemandsland. Wir gehen im Glauben an Christus weiter IHM entgegen unter dem offenen Himmel – unser Heimweg ins gelobte Land. Amen.

Hier der Text der Predigt als pdf.

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