„Lasst uns der Welt antworten, wenn sie uns furchtsam machen will: Eure Herren gehen, unser Herr aber kommt!“ – Gustav Heinemanns Rede auf dem Essener Kirchentag 1950 (vollständiger Text)

Bethel, Generalsynode, Gustav Heinemann spricht
Gustav Heinemann (stehend) auf der Generalsynode der Evangelischen Kirche in Deutschland, Januar 1949

Der Satz ist bekannt: „Lasst uns der Welt antworten, wenn sie uns furchtsam machen will: Eure Herren gehen, unser Herr aber kommt!“ Gustav Heinemann hatte ihn auf der Schlusskundgebung des 2. Deutschen Evangelischen Kirchentages am 27. August 1950 in in seiner Heimatstadt Essen ausgesprochen. Zu diesem Zeitpunkt war Heinemann Präses der gesamtdeutschen Synode der EKD und Bundesinnenminister im Kabinett Adenauers. Als dieser drei Tage später im Bundeskabinett seine Wiederbewaffnungspläne vorstellte, widersprach ihm Heinemann und trat als Minister zurück. Interessant ist Gustav Heinemanns „Christwerdung“, die sich nach der Eheschließung 1926 mit seiner Frau Hilde Ordemann (sie hatte bei Rudolf Bultmann in Marburg studiert) vollzog. Aus dem vormaligen Mitglied im Deutschen Monistenbund wurde ein CVJM-Vorsitzender und aktives Mitglied der Bekennenden Kirche. Hier der vollständige Text von Heinemanns Rede:

Glaubt an den Retter!

Von Gustav Heinemann

»Ich bin gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist«, – das war die Antwort Jesu Christi, als die so Frommen sich über ihn aufregten (Luk. 19,10). Die Aufregung ent­stand, als Jesus im Hause des Zachäus einkehrte. Zachäus aber war ein reicher Steuereinneh­mer, der seine Mitmenschen nach Kräften übers Ohr haute und in die eigene Tasche wirt­schaftete. Er war, um es in unsere Begriffswelt abzuwandeln, ein Menschenschinder oder ein Schieber. Mit solchen Menschen wollen doch fromme Leute bekanntlich nicht gern etwas zu tun haben. Man weiß doch, was man sich schuldig ist. Möchte man denn mit jedermann am gleichen Tische gesehen sein? Jesus Christus aber stört sich aufregend wenig an Moralbegrif­fen; er geht vor aller Augen bei hellem Tage geradewegs hinein in das Haus des Zachäus. Er geht dem einen nach, der da verloren ist, und nimmt das Murren der neunundneunzig Gerech­ten auf sich. Er bringt die Liebe Gottes zu dem, der sich aus der Herrlichkeit Gottes noch wei­ter entfernt hat als die anderen. Er tut es unter Berufung darauf, daß er eigens deshalb gekom­men ist, so und nicht anders zu handeln.

Sollten wir nicht zugeben, daß auch uns gar eilig ein Achselzucken überfällt, wenn wir einen von uns in schlechter Gesellschaft sehen? Wir »Christen« wollen doch rechtschaffene Leute sein; wir haben doch ein bürgerliches Ansehen aufs Spiel zu setzen. Können wir; denn wirk­lich mit Menschen, die sich um ihren guten Ruf gebracht haben, verkehren?

Liebe Brüder, hier hängt ein Entscheidendes, ob wir glaubwürdige Kirche sind oder sein werden! Wenn Jesus Christus seinen guten Ruf mehr geliebt hätte als Zachäus, als den verlo­renen Sünder, so wäre die Welt insgesamt in ihrer Verlorenheit steckengeblieben! Mögen zwischen uns nach den guten oder schlechten Maßstäben der bürgerlichen Welt noch so große Unterschiede sein, so sind wir doch vor Gott allesamt in gleicher Weise verlorene Menschen, wenn Christus nicht zu uns kommt. Auch ein Präses der Kirche macht keine Ausnahme. Er steht in Gottes Augen mit dem Geringsten sehr eindeutig in Reih und Glied und sollte zu kei­ner Stunde vergessen, daß aus Ersten Letzte werden und nach Gottes Gnade aus Letzten Erste werden.

Daß Christus gekommen ist, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist, ist unser aller Rettung, der bürgerlich rechtschaffenen Menschen ebensosehr wie der bürgerlich verworfenen Menschen. Was haben wir denn für einen anderen Reichtum als diesen, daß Christus uns ge­funden hat, genau so, wie er diesen anrüchigen Zachäus fand? Deshalb laßt uns um der Dank­barkeit willen für solche Begnadigung die Schranken niederbrechen, die wir aus menschlichen Urteilen unter uns selbst oder zwischen uns und den Menschen auf Straßen und Plätzen, in Kellern und Lagern, in Freiheit und Unfreiheit, in guten und schlechten Kleidern aufrichten. Das wäre glaubwürdiger Christenstand in der Nachfolge des Herrn, der zu allen kommen will, die Gottes Ebenbild tragen.

Laßt mich noch ein Letztes sagen: Aus der Verlorenheit führt Jesus Christus uns schon hier und heute in die Geborgenheit seiner göttlichen Allmacht. Wo wir aufhören, herrenlos zu sein, hören wir auch auf, schutzlos zu sein. Wenn irgend etwas die Verlorenheit des Menschen unserer Tage sichtbar macht, so ist es das Ausmaß von Angst und Furcht, die unter uns um­geht. Furcht ist das Kainszeichen unserer Zeit.

Laßt uns deutlich machen, daß es einen Weg gibt, um der Furcht zu entrinnen. Dieser Weg heißt: die Vergebung ergreifen, die Jesus Christus uns anbietet. Wer sich von ihm finden läßt, wird ein geretteter Mensch, wird sein Eigentum im Leben und Sterben und durch den Tod hindurch bis in sein himmlisches Reich. Laßt uns der Welt bezeugen, daß nichts diese Rettung zunichte machen kann, weil Gott stärker ist als alle Menschengewalt.

Unsere Freiheit wurde durch den Tod des Sohnes Gottes teuer erkauft. Niemand kann uns in neue Fesseln schlagen, denn Gottes Sohn ist auferstanden. Laßt uns der Welt antworten, wenn sie uns furchtsam machen will:

Eure Herren gehen, unser Herr aber kommt!

Quelle: Gustav W. Heinemann, Glaubensfreiheit – Bürgerfreiheit. Reden und Aufsätze Kirche – Staat – Gesellschaft 1945-1975, hrsg. v. Dieter Koch, München: Chr. Kaiser 21990, S. 66-68.

Hier Heinemanns Text als pdf.

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