„Als Volk auf den Weg Gottes bezogen zu sein, ist Judentum, oder es hat nie ein Judentum gegeben“ – Martin Buber Gerechtigkeitsanfrage an den Staat Israel in „Die Söhne Amos'“

Martin Buber1
Martin Buber (1878-1965)

Kann der moderne Staat Israel den göttlichen Anspruch bewahrheiten, den Israel im Alten Testament prophetisch zugesprochen worden ist: „Ich habe dich auch zum Licht der Völker gemacht, dass mein Heil reiche bis an die Enden der Erde“ (Jes 49,6)? Wo scheint das „Licht für die Völker“ auf, wenn der Staat Israel sich mit militärischer Gewalt gegen Terrorattentate und gewaltsame Übergriffe zu verteidigen hat und wenn zugleich der Konflikt mit den Palästi­nensern durch Bau neuer Siedlungen im besetzten Westjordanland bzw. der anhaltenden Ab­riegelung des Gazastreifens intensiviert wird? Martin Buber hat sich 1950, also kurz nach der Gründung des modernen Staates Israel mit der prophetischen Gerechtigkeitsanfrage in seinem Text „Die Söhne Amos'“ auseinandergesetzt und dazu geschrieben:

Die Sehnsucht, die Selbständigkeit wiederzugewinnen, ist dem jüdischen Volk in der Form eines modernen Staatswesens in Erfüllung gegangen. Für das Judentum bedeutet diese histo­rische Tatsache, daß es nunmehr der schwersten Krisis seiner Geschichte entgegensieht.

Die herrschende Ansicht ist dieser entgegengesetzt. Man meint zumeist, gerade erst die Kon­stituierung als Staat schaffe die Grundlage für einen großen Aufschwung des jüdischen Gei­stes, somit des Judentums.

Aber nicht bloß, daß Macht eines Staates und Blüte, einer Kultur durchaus nicht immer paral­lel gehen: wichtiger ist, daß auch die reiche geistige Produktivität des jüdischen Volkes in seinem Lande keineswegs ein neues großes Leben des Judentums zur Folge haben mußte.

Versteht man Judentum streng in seinem Einzigkeitscharakter, dann kann es keinen anderen Sinn haben als diesen: göttliches Geheiß über einem Volke, als Volk, stehend.

Nur ein einziges Mal ist es geschehen, daß ein Volk, sich auf den Weg seiner Geschichte begebend, ihn als einen von Gott gewiesenen und gebotenen sah, als eine von ihm zu vollzie­hende göttliche Satzung.

Wie sehr auch der faktische Weg seiner Geschichte von jenem abwich, jede Abweichung ist eben als solche gekennzeichnet und gerügt worden: jeder Punkt des faktischen Wegs ist auf einen des befohlenen, des „Weges Gottes“, des Wegs der Gerechtigkeit, bezogen worden. Stets wurde die „Umkehr“ zu ihm gefordert, stets blieb der eine „Weg Gottes“ sichtbar.

Dieses, als Volk auf den Weg Gottes bezogen zu sein, ist Judentum, oder es hat nie ein Juden­tum gegeben.

Aber man verkenne nicht, was damit gemeint ist! Etwas anderes als was wir leichten Herzens Moral zu nennen pflegen! Gott will — das war die Botschaft — daß Israel ein Volksleben in Gerechtigkeit nach innen und nach außen lebe: nicht bloß gerechte Institutionen, sondern gerechte Beziehungen, ein Lebenssystem gerechter Beziehungen in Wirtschaft, Gesellschaft und Staat, gerechter Beziehungen auch als Volk zu anderen Völkern. Das heißt: Gott will, daß Israel mit der Gerechtigkeit auf Erden beginne. Daß es beginne, mit der Gerechtigkeit auf Erden Ernst zu machen, Welch ein Risiko! und welch eine Verheißung!

Das Volk hat versagt. Aber es hat nicht gezweifelt. Es hat nicht allein daran nicht gezweifelt, daß Gott, Gott selber, von ihm, von Israel, lebende Gerechtigkeit erwartet: es hat auch, in all den Zeiten des Exils, daran nicht gezweifelt, daß es sie verwirklichen würde, wenn es seine Selbstbestimmung, die Freiheit, seine eigenen Lebensformen als Volk zu bestimmen, wieder­erlange!

Jetzt, nach fast zwei Jahrtausenden, hat Israel die Voraussetzungen der Verwirklichung wie­dererlangt.

Nun aber scheint es dafürzuhalten, daß ihm. als Staat, allen modernen Staaten gleich, das Recht und die Pflicht zuteil geworden seien, in der Forderung seiner jeweilen Interes­sen, wie seine Vertreter sie verstehen, die entscheidende, ja die absolute zu sehen. Die göttli­che ist wie verschwun­den. Einst, in der ersten Staatszeit Israels, hatten sich — an diesem Ort al­lein und in jener Stunde allein auf Erden — Propheten erhoben und hatten das Volk und seine Herrscher ermahnt, wo das Interesse des Augenblicks, das was im gegebenen Augen­blick als das Interesse der Gemeinschaft er­scheint, im Gegensatz zum umwandelbaren gött­lichen Willen, dem Wil­len zur Gerechtigkeit, steht, da dürfe man nur diesem und nicht jenem folgen, sonst drohe Unheil und Zerfall. Unheil und Zerfall sind gekom­men. Das große Exil hat begonnen. Heute, da in seine Mauern eine breite Bresche geschlagen ist, scheint die Situa­tion, in der die Propheten spra­chen, wiederkehren zu sollen, noch verschärft durch die Schein­weisheit der modernen Staatsraison und den zur vollkommenen Ausbildung ge­diehenen Irr­glauben, daß es die Augenblickserfolge seien, die den Gang der Geschichte bestimmen.

Gewiß, man sagt der prophetischen Überlieferung nicht ab. Man ehrt und verehrt sie, aber nicht als verbindliche Lebenswahrheit, nur als ei­nen ideellen Besitz der Nation, geeignet, in der nationalen Propaganda zweckmäßig verwendet zu werden. Nichts Schlimmeres als dies kann der menschlichen Artikulation göttlichen Worts widerfahren. Es ist an der Zeit, die Pro­phetie Israels dem Zugriff der Phrase zu entwinden, indem man sie ernst nimmt und sie, das wahre Licht der Menschenwelt, dem trü­gerischen Gefunkel der sogenannten Interessen entge­genstellt. Es ist die Wahrheit: durch Gerechtigkeit allein kann der Mensch als Mensch, kön­nen die Menschenvölker als Menschenvölker bestehen. Menschliches aber, das nicht mehr menschlich, das heißt, in der Verwirklichung des Geistes, bestehen kann, ist dem Los alles Nur-Stofflichen, der Zersetzung, überantwortet.

Hier der vollständige Text „Die Söhne Amos'“ als pdf.

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