„Wir wachsen, wenn uns Gott segnet, und wir wachsen, wenn wir Gott preisen“ (Augustin) – Über Segnungen und Realbenediktionen nach dem Benediktionale

Aspergill
Aspergill der Firma SCHREIBMAYR [CC BY-SA 2.5], via Wikimedia Commons
„Danach von Lichtweihen, Palmen-, Fladenweihen, Gewürzweihen, Haferweihen  usw., was doch nicht geweiht heißen noch sein kann, sondern nichts als Spott und Betrug ist. Und von diesem Gaukelwerk gibt es unzählig viel. Das befehlen wir ihrem Gott an und überlassen ihnen selbst, es anzubeten, bis sie es müde werden; wir wollen damit nichts zu tun haben.“ Luthers Verdikt über gegenständliche Weihen in seinen Schmalkaldischen Artikeln (Teil 3., Art. 15) hat in der Evangelischen Kirche über die Kirchenordnungen nachhaltige Wirkung gezeigt, sind doch damit Realbenediktionen verworfen worden.

In der Tat sind gegenständliche Segnungen als pastoral applizierte Kreuzbezeichnungen  (obsignatio crucis) außerhalb eines gottesdienstlichen Dialoggeschehens in der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Volksfrömmigkeit „magisch“ verstanden worden: Durch eine rituell vorgegebene Handlung wird selbstwirksam (ex opere operato) eine besondere Kraft in den jeweiligen Gegenstand eingestiftet [vgl. dazu Arnold Angenendt, Geschichte der Religiosität im Mittelalter, Darmstadt 42009, 398-400]. Als gestisches Kreuzzeichen produziert der Segen sozusagen beständiges Heil, das in der Anwendung der trinitarischen Formel göttlich rückversichert sein soll. Gerade wegen deren vorgeblichen Selbstwirksamkeit waren protestantischerseits Realbenediktionen über Jahrhunderte hinweg ein Ding der Unmöglichkeit. Göttlicher Segen lässt sich menschlich nicht machen, er ist kein „Machwerk“.

Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.“ (1Timotheus 4,4-5) Was Segnungen im biblischen Verständnis vorsehen, ist der gotteslöbliche Einbezug von Gegenständen wie auch von Personen in die göttliche Heilsökonomie. An Stelle einer magischen Kraftübertragung wird das Gesegnete in seiner Gottesverbindung heilsam wahrgenommen, so wie dies ja mit den Berachot (Lobsprüchen) jüdischerseits praktiziert wird.

Genau dieses gottesdienstliche Lobpreis-Verhältnis ist in der römisch-katholischen Kirche nach dem 2. Vatikanum neu zur Geltung gebracht worden, insbesondere mit dem deutschsprachigen Benediktionale von 1978. Auch für Evangelische ist lesenswert, was in deren pastoralen Einführung über den Sinn der Segnung geschrieben ist:

Gott, die Quelle des Segens

  1. Der Mensch ist segensbedürftig. Er verlangt nach Heil, Schutz, Glück und Erfüllung seines Lebens. Darum sprechen sich Menschen gegenseitig Segen zu: Sie wünschen sich Gutes. Vor allem erhoffen und erbitten sie Segen von Gott.
  2. Gott ist die Quelle alles Guten und allen Segens (Gen 1,22.28). Das hat Israel deutlicher als andere Völker erfahren und erkannt. Nach den Aussagen des Alten Testaments mehrt Segen das Leben, während Fluch das Leben mindert. Der Segen Gottes wirkt sich zunächst in der Schöpfung aus; er ist bleibende Gabe Gottes, vornehmlich an die Menschen (vgl. Gen 1,26).
  3. Das Segnen gehört zu den Urgesten des Menschen. Es ist in allen Religionen anzutreffen. Eine besondere Bedeutung gewinnt der Segen in der Geschichte Israels. Mit einem Segen eröffnet Gott seinen Dialog mit Abraham (vgl. Gen 12,1-3), mit einem Segen nimmt Gott die Gemeinschaft mit den Menschen auf (vgl. Gen 24,27.31). Damit gewinnt der Segen als Heils­macht auch im Sinaibund eine besondere Stellung. Wenn das auserwählte Volk treu zu seinem Gott steht, sind ihm Segen und Leben geschenkt; durch Untreue verfällt es dem Fluch und damit dem Tod (vgl. Dtn 28 und 30,15-20). Durch den Priestersegen (Num 6,22-27) soll Gottes Name in alle Zukunft auf das auserwählte Volk gelegt werden, um es so in das Heil Gottes zu stellen. Denn Gott hat Israel für alle Zukunft seine bleibende Fürsorge und Treue zugesichert.
  4. Auf diese Lebensgemeinschaft zwischen Gott und Mensch weist in der Bibel der eigenartig wechselnde Gebrauch des Wortes „berek“ hin: Spricht es vom Wirken Gottes, dann bedeutet es segnen; spricht es aber vom Tun des Menschen, dann bedeutet es lobpreisen. Das Segnen Gottes hat demnach sein Ziel erst dann erreicht, wenn der Mensch auf diesen Segen im Lob­preis Gottes antwortet. Dieser Lobpreis bewirkt wiederum Segen. In diesem Sinn sagt Augu­stinus: „Wir wachsen, wenn uns Gott segnet, und [10] wir wachsen, wenn wir Gott preisen. Beides ist gut für uns. Das erste ist, dass Gott uns segnet. Und weil er uns segnet, können wir ihn preisen. Von oben kommt der Regen; aus unserem Erdreich wächst die Frucht.“[1]

Jesus Christus, die Fülle des Segens

  1. In Jesus Christus ist die Heilsoffenbarung Gottes in der Geschichte der Menschheit zu ihrem Höhepunkt gelangt. Christus „ist das Ja zu allem, was Gott verheißen hat“ (2 Kor 1,20). Als der Sohn Gottes verfügt er über den Geist Gottes in Fülle (Lk 1,30-36), richtet durch Wort und Tat zeichenhaft die Herrschaft Gottes auf (vgl. Apg 10,37f.; Lk 4,18f.; 11,20) und wendet allen in Israel die Gnade und den Segen Gottes zu. Durch seinen Tod und seine Auferstehung wird die Heilsmacht Christi allen Menschen zugänglich gemacht und im heiligen Geist mitge­teilt, vorzüglich durch die Sakramente, aber auch durch die Segnungen.
  2. Die Schrift bezeugt, dass Jesus „umherzog, Gutes tat und alle heilte, die in der Gewalt des Teufels waren“ (Apg 10,38); er schloss alle Kinder in seine Arme und segnete sie (Mk 10,16); er legte Kranken die Hände auf (Lk 4,40); denen, die auf ihn hörten, brach er das Brot und segnete es (Mk 6,41); seine Jünger ließ er an seiner Heilssendung teilnehmen (vgl. Mk 6,6-12; Lk 10,1-2); bevor er zum Himmel emporgehoben wurde segnete er sie (Lk 24,50f.). Das Segens- und Dankgebet, das er beim Letzten Abendmahl über Brot und Wein sprach (Mt 26,26f.; Mk 14,22f.; Lk 22,19; 1 Kor 11,24), wurde das Herzstück christlichen Gottesdienstes.

 Der Auftrag der Kirche

  1. Mit den Aposteln wird die Kirche zur Trägerin der Gnade und des Segens Christi (vgl. Mt 28,18-20; Lk 24,50f.; Apg 1,9; Joh 20,19-23; Mk 16,15-18). Sie vermittelt diesen Segen „im Namen“ oder „unter Anrufung des Namens“ Jesu. Die Glaubenden haben auf vielfältige Wie­se an diesem Segen Anteil (vgl. Eph 1,3; 1 Kor 12,4-11) und sind dazu berufen, Gott zu prei­sen und zu segnen (1 Petr 3,9).
    Wenn die Kirche segnet, handelt sie im Auftrag des auferstandenen Herrn und in der Kraft seines Geistes, den er ihr als bleibenden Beistand verliehen hat. Sie preist Gott für seine Gaben. Sie [13] ruft seinen Segen auf die Menschen herab und auf das, was sie schaffen und was ihnen dient. So bezeugen auch die Segnungen der Kirche die liebende Sorge Gottes um den Menschen und seine Welt.

 Wirksame Zeichen

  1. Segnungen sind Zeichenhandlungen. Sie sollen das Leben der einzelnen und der menschli­chen Gemeinschaft in seinen verschiedenen Phasen und Bereichen aus dem Glauben deuten und gestalten[2].
    Manche Segnungen machen die Gemeinde in besonderer Weise auf die Geheimnisse des Glaubens aufmerksam und helfen ihr, sie besser zu erfassen und tiefer zu verehren.
    Der Christ liebt die von Gott geschaffenen Dinge: Von ihm empfängt er sie und schätzt sie als Gaben aus Gottes Hand. In den Segnungen werden sie als Zeichen gedeutet, in denen der Mensch die in der Natur und im Schaffen des Menschen wirkende Schöpfermacht und das Werk des Menschen zum Anlass, sich zu Gott hinzukehren, ihm zu danken, ihn zu preisen und ihn um Hilfe anzurufen[3].
  2. Durch die Segnungen werden „in einer gewissen Nachahmung der Sakramente Wirkungen, besonders geistlicher Art, bezeichnet und kraft der Fürbitte der Kirche erlangt“[4]. Daher brin­gen sie die Menschen der Vollendung in Christus näher.
    Ebenso sind die Segnungen Zeichen dafür, dass auch die Schöpfung „von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden“ soll „zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes“ (Röm 8,21). Die Kirche bittet Gott durch ihr vom Heiligen Geist getragenes Gebet, die schöpfungs­widrige Macht des Bösen zu zerstören und die Dinge dieser Welt in die Ordnung der Schöp­fung und des Heiles einzufügen. „Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, wenn es mit Dank genossen wird, es wird geheiligt durch Gottes Wort und durch das Gebet“ (1 Tim 4,4-5).
    So erfahren der einzelne und die Gemeinschaft in den Segnungen sich selbst, die Gaben der Natur und die Frucht ihrer Arbeit als Geschenk der Güte Gottes; sie erkennen seine ordnende und schützende Macht und können mit seiner Hilfe besser in ihrem Leben und in der Welt dem Reich Gottes dienen. [14]
  3. Segnungen sind Zeichen des Heiles. Sie setzen daher zumindest beim Spender den Glau­ben voraus. Damit ist magisches Missverständnis grundsätzlich ausgeschlossen.

„Segnungen“ und „Weihen“

  1. Jede Segnung ist Lobpreis Gottes und Bitte um seinen Segen. Mit bestimmten Segnungen ist aber eine Wirkung bleibender Art, die auch rechtliche Folgen haben kann, verbunden, so dass Menschen (z.B. bei der Abts- und Jungfrauenweihe) für den besonderen Dienst vor Gott bestimmt oder Dinge (z.B. Geräte oder Räume) für den gottesdienstlichen Gebrauch ausge­sondert werden. Sie werden so in besonderer Weise zu Zeichen für die letzte Bestimmung und Würde aller Geschöpfe. In diesen Fällen spricht man zumeist von einer „Weihe“[5].

[1] Enarr. in Ps. 66: CCL 39, 856.
[2] Vgl. Konstitution über die heilige Liturgie, Art. 60.
[3] Vgl. Pastorale Konstitution über die Kirche in der Welt von heute, Art. 37.
[4] Konstitution über die heilige Liturgie, Art. 60.
[5] Die Verwendung von „Weihen“ bzw. „Segnen“ ist im deutschen Sprachgebiet unterschiedlich und in den neuen liturgischen Büchern fließend.

Hier der vollständige Text der Pastoralen Einführung in das Benediktionale als pdf.

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