„Als eschatologische Größe muss die Gottesherrschaft zunächst als Instanz der Hoffnung ausgelegt werden“ – Helmut Merklein über das Reich Gottes

Helmut Merklein
Helmut Merklein (1940-1999)

Helmut Merkleins „Jesu Botschaft von der Gottesherrschaft“ (Stuttgart: Katholisches Bibelwerk, 3. A., 1989) war eines der Bücher, die mich zu Beginn meines Theologiestudiums beeindruckt hatten. Bei den damaligen katholischen Exegeten spürte man, dass ihr wissenschaftliches Arbeiten auf die Kirche ausgerichtet war. So hatte Merklein in einem Beitrag von 1986 für das „Handbuch religionspädagogischer Grundbegriffe“ zum Reich Gottes bzw. zur Gottesherrschaft Folgendes geschrieben:

Nachdrücklich ist zu betonen, daß die Gottesherrschaft, die Jesus verkündigt hat, nach seinem Tod nicht vermittelt werden kann ohne das christologische Kerygma. Die Rede von der Gottesherrschaft darf daher der Konfrontation mit dem Gott nicht ausweichen, der zu eschatologischer creatio ex nihilo fähig ist und diese in der Auferweckung des Gekreuzigten bereits geschaffen hat. Die Botschaft von der Gottesherrschaft zielt letztlich auf einen Glauben, der sich gegen alle Erfahrung zur Wehr setzt; erst in diesem Glauben kann die Botschaft auch angenommen werden.

Als eschatologische Größe muss die Gottesherrschaft zunächst als Instanz der Hoffnung ausgelegt werden. Die Zukunft kann ihrer Ängste und Schrecken entkleidet werden. Denn Gott wird umfassendes Heil für Mensch und Welt heraufführen. Die gegenwärtige Welt und vor allem ihre Negativität relativieren sich, da diese Welt nur vorläufige Welt sein kann, die als Schöpfung zwar auf die neue Schöpfung hingeordnet ist, zugleich aber darauf angelegt ist, von dieser aufgehoben zu werden. Die Wundergeschichten der Evangelien, die an Taten Jesu erinnern und zugleich die neue Welt erzählerisch vorwegnehmen, sind Geschichten solcher Hoffnung.

Die Gottesherrschaft richtet den Blick aber nicht nur in die Zukunft, als gegenwärtiges Geschehen drängt sie auch zur Gestaltung der Gegenwart. Alles Leid beseitigende und Not heilende menschliche Tun darf – im Auftrag Jesu und in Analogie zu seinen Taten – als Ereignis dieses von Gott getragenen Geschehens geglaubt werden. Das menschliche Tun verliert unter dieser Rücksicht einerseits den Anspruch, selbst die heile Welt schaffen zu müssen bzw. zu können, und kann andererseits trotz scheinbarer Aus­sichtslosigkeit sich doch als Vor-Bild des kommenden Heils verstehen.

Als Ausdruck des bereits gegenwärtigen Geschehens der Gottesherrschaft ist vor allem das erwählende, vergebende und gerechtmachende Handeln Gottes zu verstehen, das zur Konstituierung der Kirche als Sammlungsort für das Reich Gottes führt. Unter dieser Rücksicht muss dann auch der Dienst der Kirche (in Verkündigung und Sakrament) selbst als Ereignis des heilvollen Geschehens der Gottesherrschaft gewürdigt werden. Doch handelt es sich hierbei um ein opus alienum, das die Kirche nicht für sich selbst beanspruchen kann.

Die Botschaft von der Gottesherrschaft ist als Befähigung zu einem neuen Ethos auszulegen. Die Vergebung und die erwählende Liebe, von der die Kirche lebt, lassen diese selbst zu einem Ort der Barmherzigkeit und der praktizierten Liebe werden, der freilich in freier Entscheidung je neu eingenommen und verwirklicht werden muss. Zu wenig ist es, wenn die Kirche sich als Kontrastgesellschaft versteht, die durch ihre Andersartigkeit von selbst attraktiv ist; sie muss vielmehr unmittelbar in die Welt hineinwirken und diese im Blick auf die erhoffte und schon in Gang gesetzte neue Schöpfung hin gestalten. Daß die Kirche dabei und in all ihrem Wirken hinter den ihr von Gott eröffneten Möglichkeiten zurückbleibt, nimmt ihr alle Selbstsicherheit und verweist sie auf die Hoffnung, daß Gott ihr mit seinem erwählenden und vergebenden Handeln, dem sie ihre Begründung verdankt, treu bleibt, bis sie selbst aufgehoben ist im vollendeten Reich Gottes.

Hier der vollständige Text von Helmut Merklein als pdf.

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