„Die Sonne erwärmt und treibt allerlei Gewächse und Früchte, bis sie alles reif und vollkommen macht“ – Luthers Schrift „Der Segen, so man nach der Messe spricht über das Volk“ (Auslegung des aaronitschen Segens 4Mose 6,22-27) in heutigem Deutsch

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Nein, Luthers Kleinschrift „Der Segen, so man nach der Messe spricht über das Volk“ von 1532 ist alles andere als ein literarisches Kunstwerk. Voll von Redundanzen reihen sich endlosen Sätzen aneinander. Und doch enthält Luthers Auslegung zum aaronitischen Segen (4Mose 6,22-27) Bilder und Vergleiche, die zusprechend sind. So habe ich versucht, die Schrift in ein verständliches Deutsch zu übertragen:

Ebenso macht die liebe Sonne, wenn sie aufgeht, nicht allein die ganze Welt fröhlich mit ihrem lieblichen, schönen Licht, sondern wirkt, gibt und hilft, dass beide – Menschen und Vieh – allerlei tun, arbeiten, gehen, stehen und alle Glieder brauchen können. Die Sonne erwärmt und treibt allerlei Gewächse und Früchte, bis sie alles reif und vollkommen macht. So spricht hier der Segen auch uns zu, dass Gott uns nicht allein mit dem Wort der Gnade helle scheinen wolle und uns durch Vergebung der Sünden und dem Erweis seiner Gunst gegen uns fröhlich machen wolle. Sondern er will auch uns gnädig sein, also gnädiglich auf uns einwirken und uns mit Geist und Gaben stärken, um all seinen Willen zu tun. Darum heißt dieses Wort „gnädig sein“ so viel wie begnaden oder gnädiglich geben, so wie der Erzvater Jakob solch ein Wort gebraucht und zu Esau spricht: „Dies sind meine Kindlein, die mir der Herr begnadet, beschert oder gnädiglich gegeben hat.“ (1Mose 33,5)

Dieser Segen lehrt uns hier abermals, dass wir dankbar sein und erkennen sollen, wie wir unsere Sünde weder durch Verdienst noch durch Werke loswerden können. Alle Heiligkeit und Weisheit auf Erden und alle anderen Prediger und Lehrer – wer auch immer sie sein wollen – vermögen nicht ein einziges Gewissen in der allergeringsten Sünde zu stillen noch zu trösten. Sondern dies muss das Licht des göttlichen Worts alleine tun. Nicht, dass wir deswegen keine guten Werke tun sollen oder verrucht dahinleben. Vielmehr sollen wir uns in guten Werken üben und doch wissen, dass ein fröhliches Gewissen allein dort entsteht, wo Gott sein Angesicht über uns leuchten lässt. Das geschieht durch Vergebung der Sünde, aus lauter Gnade und Barmherzigkeit. Wir vermögen weder zu predigen oder zu bekennen, noch ein einziges rechtes christliches Werk oder Wort anzufangen, geschweige denn es zu vollenden, wo Gott uns nicht gnädiglich mit seinen Gaben begnadet, stärkt und treibt.

[…]

Wenn Gott sein Angesicht über uns leuchten oder scheinen lässt, machen doch die Anfechtung und die Verfolgung durch den Teufel, durch die Welt wie auch durch das Fleisch ein solches Ungewitter in unserem Herzen, dass es uns dünkt, das liebe Licht des teuren göttlichen Worts wolle untergehen und uns im Finstern lassen. Gleich als wenn die Sonne wohl hübsch und fein aufgeht, fröhlich scheint und lieblich leuchtet, und doch ein Gewölk und Ungewitter sich wider sie erhebt und ihr den Schein nimmt, dass man keine Sonne mehr sieht, und ist, als wolle sie versinken und sich das Ungewitter überwinden und unterdrücken lassen. Dann mag man wohl zur Sonne sagen: Halte fest, liebe Sonne, und lass dich nicht von den Wolken und vom Wetter unterdrücken. Lasse den Tag nicht zur Nacht machen, sondern erhebe dein schönes Licht über alle Wolken und das Wetter und erhalte uns den Tag, dass nicht die Wolken und das Wetter mit ihrer Finsternis den Sieg behalten, sondern du mit deinem schönen Lichte obsiegst und die Oberhand behältst.

Hier der vollständige Text meiner Übertragung in heutiges Deutsch als pdf.

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