„Der Nachfolgende sieht allein auf den, dem er folgt“ – Dietrich Bonhoeffers Nachfolge von 1937 als vollständiger, zitierfähiger Text

Bonhoeffer - Nachfolge

Die wohl radikalste theologische Schrift des 20. Jahrhunderts – neben Karl Barths Der Römerbrief von 1922 – dürfte Dietrich Bonhoeffers Nachfolge von 1937 sein. Als das Manuskript in die Hände des Verlagsleiters Otto Salomon kam, wühlte es diesen wie kaum eine andere theologische Schrift auf. So wurde gegen Einwände theologischer Berater des Christian-Kaiser-Verlags das Buch umgehend gedruckt. Der Text basiert auf Bonhoeffers »Nachfolge«-Vorlesungen im Predigerseminar in Zingst und später in Finkenwalde sowie parallel an der Berliner Universität (bis zum Entzug seiner Lehrbefugnis am 5. August 1936). In der Auslegung der Bergpredigt und anderer neutestamentlicher Perikopen entfaltet Bonhoeffer, was Christsein in der Jüngergemeinde unter dem Wirklichkeitsanspruch Jesu Christi ausmacht. So lauten Bonhoeffers Schlussworte:

Das Leben Jesu Christi ist auf dieser Erde noch nicht zu Ende gebracht. Christus lebt es weiter in dem Leben seiner Nachfolger. Nicht von unserem christlichen Leben, sondern von dem wahrhaftigen Leben Jesu Christi in uns ist nun zu reden. „Nun aber lebe nicht ich, sondern Christus lebt in mir“ (Gal. 2,20). Der Menschgewordene, der Gekreuzigte, der Verklärte ist in mich eingegangen und lebt mein Leben. „Christus ist mein Leben“ (Phil. 1,21). Mit Christus aber wohnt der Vater bei mir, und Vater und Sohn durch den Heiligen Geist. Es ist die heilige Dreieinigkeit selbst, die in dem Christen Wohnung gemacht hat, ihn erfüllt und ihn zu ihrem Ebenbilde macht. Der menschgewordene, der gekreuzigte und der verklärte Christus nimmt Gestalt an in den Einzelnen, weil sie Glieder seines Leibes, der Kirche sind. Die Kirche trägt die Menschengestalt, die Todesgestalt und die Auferstehungsgestalt Jesu Christi. Sie ist zuerst sein Ebenbild (Eph. 4,24; Kol. 3,10), und durch sie sind es alle ihre Glieder. Im Leibe Christi sind wir „wie Christus“ geworden.

Nun wird es begreiflich, daß das Neue Testament immer wieder davon spricht, daß wir sein sollen „wie Christus“ (kathṑs Christós). Weil wir zum Ebenbilde Christi gemacht sind, darum sollen wir sein wie Christus. Weil wir Christi Bild schon tragen, darum allein kann Christus das „Vorbild“ sein, dem wir folgen. Weil er selbst sein wahrhaftiges Leben in uns führt, darum können wir „wandeln gleichwie er gewandelt ist“ (1. Joh. 2,6), „tun wie er getan“ hat (Joh. 13,15), „lieben wie er geliebt hat“ (Eph. 5,2; Joh. 13,34; 15,12), „vergeben wie er vergeben hat“ (Kol. 3,13), „gesinnt sein wie Jesus Christus auch war“ (Phil. 2,5), darum können wir dem Beispiel folgen, das er uns gelassen hat (1. Petr. 2,21), unser Leben lassen für unsere Brüder, wie er es für uns gelassen hat (1. Joh. 3,16). Allein darum können wir sein, wie er war, weil er war, wie wir sind. Allein darum können wir sein „wie Christus“, weil wir ihm gleichgemacht sind. Nun da wir zum Bilde Christi gemacht sind, können wir nach seinem Vorbild leben. Hier geschehen nun wirklich Taten, hier wird in der Einfalt der Nachfolge ein Leben gelebt, das Christus gleich ist. Hier geschieht der schlichte Gehorsam gegen das Wort. Kein Blick fällt mehr auf mein eigenes Leben, auf das neue Bild, das ich trage. Ich müßte es in demselben Augenblick verlieren, in dem ich es zu sehen begehrte. Es ist ja nur der Spiegel für das Bild Jesu Christi, auf das ich unverwandt schaue. Der Nachfolgende sieht allein auf den, dem er folgt. Von ihm aber, der in der Nachfolge das Bild des menschgewordenen, gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus trägt, von ihm, der zum Ebenbild Gottes geworden ist, darf es nun zuletzt heißen, daß er berufen ist, „Gottes Nachahmer“ zu sein. Der Nachfolger Jesu ist der Nachahmer Gottes. „So seid nun Gottes Nachahmer als die lieben Kinder“ (Eph. 5,1).

Hier der vollständige und zitationsfähige Text von Dietrich Bonhoeffer, Nachfolge, mit der Paginierung der 15. Auflage (1985) als pdf.

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