Dietrich Bonhoeffers Nachfolge von 1937 als vollständiger, zitierfähiger Text: „Der Nachfolgende sieht allein auf den, dem er folgt. Von ihm aber, der in der Nachfolge das Bild des menschgewordenen, gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus trägt, von ihm, der zum Ebenbild Gottes geworden ist, darf es nun zuletzt heißen, daß er berufen ist, „Gottes Nachahmer“ zu sein. Der Nachfolger Jesu ist der Nachahmer Gottes. „So seid nun Gottes Nachahmer als die lieben Kinder“ (Eph. 5,1).“

Bonhoeffer - Nachfolge

Die wohl radikalste theologische Schrift des 20. Jahrhunderts – neben Karl Barths Der Römerbrief von 1922 – dürfte Dietrich Bonhoeffers Nachfolge von 1937 sein. Als das Manuskript in die Hände des Verlagsleiters Otto Salomon kam, wühlte es diesen wie kaum eine andere theologische Schrift auf. So wurde gegen Einwände theologischer Berater des Christian-Kaiser-Verlags das Buch umgehend gedruckt. Der Text basiert auf Bonhoeffers »Nachfolge«-Vorlesungen im Predigerseminar in Zingst und später in Finkenwalde sowie parallel an der Berliner Universität (bis zum Entzug seiner Lehrbefugnis am 5. August 1936). In der Auslegung der Bergpredigt und anderer neutestamentlicher Perikopen entfaltet Bonhoeffer, was Christsein in der Jüngergemeinde unter dem Wirklichkeitsanspruch Jesu Christi ausmacht. So lauten Bonhoeffers Schlussworte:

„Nun da wir zum Bilde Christi gemacht sind, können wir nach seinem Vorbild leben. Hier geschehen nun wirklich Taten, hier wird in der Einfalt der Nachfolge ein Leben gelebt, das Christus gleich ist. Hier geschieht der schlichte Gehorsam gegen das Wort. Kein Blick fällt mehr auf mein eigenes Leben, auf das neue Bild, das ich trage. Ich müßte es in demselben Augenblick verlieren, in dem ich es zu sehen begehrte. Es ist ja nur der Spiegel für das Bild Jesu Christi, auf das ich unverwandt schaue. Der Nachfolgende sieht allein auf den, dem er folgt. Von ihm aber, der in der Nachfolge das Bild des menschgewordenen, gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus trägt, von ihm, der zum Ebenbild Gottes geworden ist, darf es nun zuletzt heißen, daß er berufen ist, „Gottes Nachahmer“ zu sein. Der Nachfolger Jesu ist der Nachahmer Gottes. „So seid nun Gottes Nachahmer als die lieben Kinder“ (Eph. 5,1).“

DIETRICH BONHOEFFER

Nachfolge

15. Auflage

Chr. Kaiser Verlag München 1985

Inhalt

Vorwort                                                              7

I.

Die teure Gnade                                               13

Der Ruf in die Nachfolge                           28

Der einfältige Gehorsam                          53

Die Nachfolge und das Kreuz                 61

Die Nachfolge und der Einzelne           70

Die Bergpredigt (Auslegung)                   79

Matthäus 5. Vom „Außerordentlichen“                    79
des christlichen Lebens                     

Die Seligpreisungen                                                   79

Die sichtbare Gemeinde                                            90

Christi Gerechtigkeit                                                 95

Der Bruder                                                                102

Das Weib                                                                   106

Die Wahrhaftigkeit                                                    110

Die Vergeltung                                                          114

Der Feind – das „Außerordentliche“                         120

Matthäus 6. Von der Verborgenheit                          130
des christlichen Lebens

Die verborgene Gerechtigkeit                                   130

Die Verborgenheit des Gebets                                  137

Die Verborgenheit der frommen Übung       .           144

Die Einfalt des sorglosen Lebens                              147

Matthäus 7. Die Aussonderung der                           157
Jüngergemeinde

Die Jünger und die Ungläubigen                               157

Die große Scheidung                                                 164

Der Schluß                                                                 172

Die Boten (Auslegung von                        174
Matthäus 10)

II.

Die Kirche Jesu Christi und die Nachfolge

Vorfragen                                                         195

Die Taufe                                                              199

Der Leib Christi                                                207

Die sichtbare Gemeinde                              220

Die Heiligen                                                        246

Das Bild Christi                                               275

Vorwort

Es stellt sich in Zeiten der kirchlichen Erneuerung von selbst ein, daß uns die Heilige Schrift reicher wird. Hinter den notwendigen Tages- und Kampfparolen der kirchlichen Auseinander­setzung regt sich ein stärkeres Suchen und Fragen nach dem, um den es allein geht, nach Jesus selbst. Was hat Jesus uns sagen wollen? Was will er heute von uns? Wie hilft er uns dazu, heute treue Christen zu sein? Nicht was dieser oder jener Mann der Kirche will, ist uns zuletzt wichtig, sondern was Jesus will, wollen wir wissen. Sein eigenes Wort wollen wir hören, wenn wir zur Predigt gehen. Daran liegt uns nicht nur um unsertwillen, sondern auch um all der vielen willen, denen die Kirche und ihre Botschaft fremd geworden ist. Wir sind wohl auch der Meinung, daß ganz andere Menschen das Wort hören und auch ganz andere Men­schen sich wieder abwenden würden, wenn es dazu käme, daß Jesus selbst und Jesus allein mit seinem Worte in der Predigt unter uns wäre. Nicht als wäre die Predigt unserer Kirche nicht mehr Gottes Wort, aber wieviel unreiner Klang, wieviele menschliche, harte Gesetze und wieviele falsche Hoffnungen und Tröstungen trüben noch das reine Wort Jesu und erschweren die echte Entscheidung! Es ist doch nicht nur die Schuld der anderen, wenn sie unsere Predigt, die ja gewiß ganz allein Christuspredigt sein will, hart und schwer finden, weil sie belastet ist mit Formeln und Begriffen, die ihnen fremd sind. Es ist doch nicht wahr, daß jedes Wort, das sich heute gegen unsere Predigt richtet, schon eine Absage an Christus, Antichristentum ist. Wollen wir wirklich die Gemeinschaft mit denen verleugnen, deren es heute eine große Zahl gibt, die zu unserer Predigt kommen, sie hören wollen und doch immer wieder betrübt bekennen müssen, daß wir ihnen den Zugang zu Jesus zu [8] schwer machen? Sie glauben, daß es nicht das Wort Jesu selbst sei, dem sie sich entziehen wollten, aber daß zuviel Menschliches, Institutionelles, Doktrinäres zwischen sie und Jesus träte. Wer von uns wüßte nun nicht sogleich all die Antworten, die man hier geben könnte, und mit denen man sich der Verantwortung für jene Menschen leicht entziehen kann. Wäre es aber nicht auch eine Antwort, wenn wir uns fragten, ob nicht wir selbst dem Worte Jesu oft in den Weg treten, indem wir vielleicht zu stark an bestimmten Formulierungen, an einem für seine Zeit, seinen Ort und seine Gesellschaftsstruktur bestimmten Predigttypus hängen, indem wir vielleicht wirklich zu „dogmatisch“ und zu wenig „aufs Leben“ hin predigen, indem wir gewisse Gedanken der Schrift gern immer wieder sagen und dabei an wichtigen andern Worten zu achtlos vorübergehen, indem wir doch immer noch zu viel eigene Meinungen und Überzeugungen und zu wenig Jesus Christus selbst predigen? Es gäbe ja nichts, was unserer eigenen Absicht tiefer widerspräche und was zugleich verderblicher wäre für unsere Verkündigung, als wenn wir die Mühseligen und Beladenen, die Jesus zu sich ruft, mit schweren Menschensatzungen belasteten und sie so wieder von ihm forttrieben. Wie würde die Liebe Jesu Christi damit verspottet vor Christen und vor Heiden! Weil aber hier nicht allgemeine Fragen und Selbstbeschuldigungen etwas helfen, lassen wir uns zur Schrift, zum Wort und Ruf Jesu Christi selbst zurückführen. Hier suchen wir aus der Armut und Enge unserer eigenen Überzeugungen und Fragen die Weite und den Reichtum, die uns in Jesus geschenkt sind.

Wir wollen von dem Ruf in die Nachfolge Jesu sprechen. Laden wir damit den Menschen ein neues, schwereres Joch auf? Sollen hier zu all den Menschensatzungen, unter denen Seelen und Leiber seufzen, noch härtere, unerbittlichere hinzugefügt werden? Soll mit der Erinnerung an die Nach-[9]folge Jesu nur noch ein spitzerer Stachel in die beunruhigten und verletzten Gewissen getrieben werden? Sollen hier etwa zum soundsovielten Male in der Kirchengeschichte unmögliche, quälerische, exzentrische Forderungen aufgestellt werden, deren Befolgung wohl ein frommer Luxus einiger weniger sein mag, die aber von dem arbeitenden, um sein Brot, um seinen Beruf, um seine Familie sorgenden Menschen als das gottloseste Gottversuchen verworfen werden müssen? Geht es denn der Kirche darum, eine geistliche Gewaltherrschaft über die Menschen aufzurichten, indem sie eigenmächtig unter Androhung irdischer und ewiger Strafen setzt und befiehlt, was alles ein Mensch zu glauben und zu tun habe, um selig zu werden? Soll das Wort der Kirche neue Tyrannei und Vergewaltigung über die Seelen bringen? Es mag ja sein, daß manche Menschen sich nach solcher Knechtung sehnen. Aber könnte die Kirche jemals einem solchen Verlangen dienen?

Wenn die Heilige Schrift von der Nachfolge Jesu spricht, so verkündigt sie damit die Befreiung des Menschen von allen Menschensatzungen, von allem, was drückt, was belastet, was Sorge und Gewissensqual macht. In der Nachfolge kommen die Menschen aus dem harten Joch ihrer eigenen Gesetze unter das sanfte Joch Jesu Christi. Wird damit dem Ernst der Gebote Jesu Abbruch getan? Nein, vielmehr wird erst dort, wo das ganze Gebot Jesu, der Ruf in die uneingeschränkte Nachfolge bestehen bleibt, die volle Befreiung der Menschen zur Gemeinschaft Jesu möglich. Wer ungeteilt dem Gebote Jesu folgt, wer das Joch Jesu ohne Widerstreben auf sich ruhen läßt, dem wird die Last leicht, die er zu tragen hat, der empfängt in dem sanften Druck dieses Joches die Kraft, den rechten Weg ohne Ermatten zu gehen. Das Gebot Jesu ist hart, unmenschlich hart, für den, der sich dagegen wehrt. Jesu Gebot ist sanft und nicht schwer für den, der sich willig darein ergibt. „Seine Gebote sind nicht [10] schwer“ (1. Joh. 5,3). Das Gebot Jesu hat nichts zu tun mit seelischen Gewaltkuren. Jesus fordert nichts von uns, ohne uns die Kraft zu geben, es auch zu tun. Jesu Gebot will niemals Leben zerstören, sondern Leben erhalten, stärken, heilen.

Aber noch bedrängt uns die Frage, was der Ruf in die Nachfolge Jesu heute für den Arbeiter, für den Geschäftsmann, für den Landwirt, für den Soldaten bedeuten könne, die Frage, ob hier nicht ein unerträglicher Zwiespalt in das Dasein des in der Welt arbeitenden Menschen und Christen getragen werde. Ist das Christentum der Nachfolge Jesu nicht doch eine Sache für eine gar zu kleine Zahl von Menschen? Bedeutet es nicht ein Zurückstoßen der großen Massen des Volkes, eine Verachtung der Schwachen und Armen? Wird aber nicht gerade damit die große Barmherzigkeit Jesu Christi verleugnet, der zu den Sündern und Zöllnern, den Armen und Schwachen, den Irrenden und Verzweifelnden kam? Was sollen wir dazu sagen? Sind es wenige oder sind es viele, die zu Jesus gehören? Jesus starb am Kreuz allein, verlassen von seinen Jüngern. Neben ihm hingen nicht zwei seiner Getreuen, sondern zwei Mörder. Aber unter dem Kreuz standen sie alle, Feinde und Gläubige, Zweifelnde und Furchtsame, Spötter und Überwundene, und ihnen allen und ihrer Sünde galt in dieser Stunde das Gebet Jesu um Vergebung. Die barmherzige Liebe Gottes lebt mitten unter ihren Feinden. Es ist derselbe Jesus Christus, der uns aus Gnade in seine Nachfolge ruft und dessen Gnade den Schächer am Kreuz in seiner letzten Stunde selig macht.

Wohin wird der Ruf in die Nachfolge diejenigen führen, die ihm folgen? Welche Entscheidungen und Scheidungen wird er mit sich bringen? Wir müssen mit dieser Frage zu dem gehen, der allein die Antwort weiß. Jesus Christus, der Nachfolge gebietet, weiß allein, wo der Weg hingeht. Wir [11] aber wissen, daß es ganz gewiß ein über alle Maßen barmherziger Weg sein wird. Nachfolge ist Freude. Es scheint heute so schwer zu sein, den schmalen Weg der kirchlichen Entscheidung in aller Gewißheit zu gehen und doch in der ganzen Weite der Christusliebe zu allen Menschen, der Geduld, der Barmherzigkeit, der „Philanthropie“ Gottes (Tit. 3,4) mit den Schwachen und Gottlosen zu bleiben; und doch muß beides beieinander sein, sonst gehen wir Menschenwege. Gott schenke uns in allem Ernst des Nachfolgens die Freude, in allem Nein zur Sünde das Ja zum Sünder, in aller Abwehr der Feinde das überwindende und gewinnende Wort des Evangeliums. „Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht“ (Mt. 11,28 ff.). [12/13]

I.

Die teure Gnade

Billige Gnade ist der Todfeind unserer Kirche. Unser Kampf heute geht um die teure Gnade. Billige Gnade heißt Gnade als Schleuderware, verschleuderte Vergebung, verschleuderter Trost, verschleudertes Sakrament; Gnade als unerschöpfliche Vorratskammer der Kirche, aus der mit leichtfertigen Händen bedenkenlos und grenzenlos ausgeschüttet wird; Gnade ohne Preis, ohne Kosten. Das sei ja gerade das Wesen der Gnade, daß die Rechnung im voraus für alle Zeit beglichen ist. Auf die gezahlte Rechnung hin ist alles umsonst zu haben. Unendlich groß sind die aufgebrachten Kosten, unendlich groß daher auch die Möglichkeiten des Gebrauchs und der Verschwendung. Was wäre auch Gnade, die nicht billige Gnade ist?

Billige Gnade heißt Gnade als Lehre, als Prinzip, als System; heißt Sündenvergebung als allgemeine Wahrheit, heißt Liebe Gottes als christliche Gottesidee. Wer sie bejaht, der hat schon Vergebung seiner Sünden. Die Kirche dieser Gnadenlehre ist durch sie schon der Gnade teilhaftig. In dieser Kirche findet die Welt billige Bedeckung ihrer Sünden, die sie nicht bereut und von denen frei zu werden sie erst recht nicht wünscht. Billige Gnade ist darum Leugnung des lebendigen Wortes Gottes, Leugnung der Menschwerdung des Wortes Gottes.

Billige Gnade heißt Rechtfertigung der Sünde und nicht des Sünders. Weil Gnade doch alles allein tut, darum kann alles beim alten bleiben. „Es ist doch unser Tun umsonst“. Welt [14] bleibt Welt, und wir bleiben Sünder „auch in dem besten Leben“. Es lebe also auch der Christ wie die Welt, er stelle sich der Welt in allen Dingen gleich und unterfange sich ja nicht – bei der Ketzerei des Schwärmertums! – unter der Gnade ein anderes Leben zu führen als unter der Sünde! Er hüte sich gegen die Gnade zu wüten, die große, billige Gnade zu schänden und neuen Buchstabendienst aufzurichten durch den Versuch eines gehorsamen Lebens unter den Geboten Jesu Christi! Die Welt ist durch Gnade gerechtfertigt, darum – um des Ernstes dieser Gnade willen!, um dieser unersetzlichen Gnade nicht zu widerstreben! – lebe der Christ wie die übrige Welt! Gewiß, er würde gern ein Außerordentliches tun, es ist für ihn unzweifelhaft der schwerste Verzicht, dies nicht zu tun, sondern weltlich leben zu müssen. Aber er muß den Verzicht leisten, die Selbstverleugnung üben, sich von der Welt mit seinem Leben nicht zu unterscheiden. Soweit muß er die Gnade wirklich Gnade sein lassen, daß er der Welt den Glauben an diese billige Gnade nicht zerstört. Der Christ aber sei in seiner Weltlichkeit, in diesem notwendigen Verzicht, den er um der Welt – nein, um der Gnade willen! – leisten muß, getrost und sicher (securus) im Besitz dieser Gnade, die alles allein tut. Also, der Christ folge nicht nach, aber er tröste sich der Gnade! Das ist billige Gnade als Rechtfertigung der Sünde, aber nicht als Rechtfertigung des bußfertigen Sünders, der von seiner Sünde läßt und umkehrt; nicht Vergebung der Sünde, die von der Sünde trennt. Billige Gnade ist die Gnade, die wir mit uns selbst haben. Billige Gnade ist Predigt der Vergebung ohne Buße, ist Taufe ohne Gemeindezucht, ist Abendmahl ohne Bekenntnis der Sünden, ist Absolution ohne persönliche Beichte. Billige Gnade ist Gnade ohne Nachfolge, Gnade ohne Kreuz, Gnade ohne den lebendigen, menschgewordenen Jesus Christus. [15]

Teure Gnade ist der verborgene Schatz im Acker, um dessentwillen der Mensch hingeht und mit Freuden alles verkauft, was er hatte; die köstliche Perle, für deren Preis der Kaufmann alle seine Güter hingibt; die Königsherrschaft Christi, um derentwillen sich der Mensch das Auge ausreißt, das ihn ärgert, der Ruf Jesu Christi, auf den hin der Jünger seine Netze verläßt und nachfolgt. Teure Gnade ist das Evangelium, das immer wieder gesucht, die Gabe, um die gebeten, die Tür, an die angeklopft werden muß.

Teuer ist sie, weil sie in die Nachfolge ruft, Gnade ist sie, weil sie in die Nachfolge Jesu Christi ruft; teuer ist sie, weil sie dem Menschen das Leben kostet, Gnade ist sie, weil sie ihm so das Leben erst schenkt; teuer ist sie, weil sie die Sünde verdammt, Gnade, weil sie den Sünder rechtfertigt. Teuer ist die Gnade vor allem darum, weil sie Gott teuer gewesen ist, weil sie Gott das Leben seines Sohnes gekostet hat – „ihr seid teuer erkauft“ –, und weil uns nicht billig sein kann, was Gott teuer ist. Gnade ist sie vor allem darum, weil Gott sein Sohn nicht zu teuer war für unser Leben, sondern ihn für uns hingab. Teure Gnade ist Menschwerdung Gottes.

Teure Gnade ist Gnade als das Heiligtum Gottes, das vor der Welt behütet werden muß, das nicht vor die Hunde geworfen werden darf, sie ist darum Gnade als lebendiges Wort, Wort Gottes, das er selbst spricht, wie es ihm gefällt. Es trifft uns als gnädiger Ruf in die Nachfolge Jesu, es kommt als vergebendes Wort zu dem geängsteten Geist und dem zerschlagenen Herzen. Teuer ist die Gnade, weil sie den Menschen unter das Joch der Nachfolge Jesu Christi zwingt, Gnade ist es, daß Jesus sagt: „Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“

Zweimal ist an Petrus der Ruf ergangen: Folge mir nach! Es war das erste und das letzte Wort Jesu an seinen Jün-[16]ger (Mk. 1,17; Joh. 21,22). Sein ganzes Leben liegt zwischen diesen beiden Rufen. Das erstemal hatte Petrus am See Genezareth auf Jesu Ruf hin seine Netze, seinen Beruf verlassen und war ihm aufs Wort nachgefolgt. Das letztemal trifft ihn der Auferstandene in seinem alten Beruf, wiederum am See Genezareth, und noch einmal heißt es: Folge mir nach! Dazwischen lag ein ganzes Jüngerleben in der Nachfolge Christi. In seiner Mitte stand das Bekenntnis zu Jesus als dem Christus Gottes. Es ist dem Petrus dreimal ein und dasselbe verkündigt, am Anfang, am Ende und in Cäsarea Philippi, nämlich daß Christus sein Herr und Gott sei. Es ist dieselbe Gnade Christi, die ihn ruft: Folge mir nach! und die sich ihm offenbart im Bekenntnis zum Sohne Gottes.

Es war ein dreifaches Anhalten der Gnade auf dem Wege des Petrus, die Eine Gnade dreimal verschieden verkündigt; so war sie Christi eigene Gnade, und gewiß nicht Gnade, die der Jünger sich selbst zusprach. Es war dieselbe Gnade Christi, die den Jünger überwand, alles zu verlassen um der Nachfolge willen, die in ihm das Bekenntnis wirkte, das aller Welt eine Lästerung scheinen mußte, die den untreuen Petrus in die letzte Gemeinschaft des Martyriums rief und ihm damit alle Sünden vergab. Gnade und Nachfolge gehören für das Leben des Petrus unauflöslich zusammen. Er hatte die teure Gnade empfangen.

Mit der Ausbreitung des Christentums und der zunehmenden Verweltlichung der Kirche ging die Erkenntnis der teuren Gnade allmählich verloren. Die Welt war christianisiert, die Gnade war Allgemeingut einer christlichen Welt geworden. Sie war billig zu haben. Doch bewahrte die römische Kirche einen Rest der ersten Erkenntnis. Es war von entscheidender Bedeutung, daß das Mönchtum sich nicht von der Kirche trennte und daß die Klugheit der Kirche das Mönchtum ertrug. Hier war am Rande der Kirche der Ort, [17] an dem die Erkenntnis wachgehalten wurde, daß Gnade teuer ist, daß Gnade die Nachfolge einschließt. Menschen verließen um Christi willen alles, was sie hatten, und versuchten, den strengen Geboten Jesu zu folgen in täglicher Übung. So wurde das mönchische Leben ein lebendiger Protest gegen die Verweltlichung des Christentums, gegen die Verbilligung der Gnade. Indem aber die Kirche diesen Protest ertrug und nicht zum letzten Ausbruch kommen ließ, relativierte sie ihn, ja sie gewann nun aus ihm sogar die Rechtfertigung ihres eigenen verweltlichten Lebens; denn jetzt wurde das mönchische Leben zu der Sonderleistung Einzelner, zu der die Masse des Kirchenvolkes nicht verpflichtet werden konnte. Die verhängnisvolle Begrenzung der Gebote Jesu in ihrer Geltung auf eine bestimmte Gruppe besonders qualifizierter Menschen führte zu der Unterscheidung einer Höchstleistung und einer Mindestleistung des christlichen Gehorsams. Damit war es gelungen, bei jedem weiteren Angriff auf die Verweltlichung der Kirche hinzuweisen auf die Möglichkeit des mönchischen Weges innerhalb der Kirche, neben dem dann die andere Möglichkeit des leichteren Weges durchaus gerechtfertigt war. So mußte der Hinweis auf das urchristliche Verständnis der teuren Gnade, wie er in der Kirche Roms durch das Mönchtum erhalten bleiben sollte, in paradoxer Weise selbst wieder der Verweltlichung der Kirche die letzte Rechtfertigung geben. Bei dem allen lag der entscheidende Fehler des Mönchtums nicht darin, daß es – bei allen inhaltlichen Mißverständnissen des Willens Jesu – den Gnadenweg der strengen Nachfolge ging. Vielmehr entfernte sich das Mönchtum wesentlich darin vom Christlichen, daß es seinen Weg zu einer freien Sonderleistung einiger Weniger werden ließ und damit für ihn eine besondere Verdienstlichkeit in Anspruch nahm.

Als Gott durch seinen Knecht Martin Luther in der Reformation das Evangelium von der reinen, teuren Gnade wieder [18] erweckte, führte er Luther durch das Kloster. Luther war Mönch. Er hatte alles verlassen und wollte Christus in vollkommenem Gehorsam nachfolgen. Er entsagte der Welt und ging an das christliche Werk. Er lernte den Gehorsam gegen Christus und seine Kirche, weil er wußte, daß nur der Gehorsame glauben kann. Der Ruf ins Kloster kostete Luther den vollen Einsatz seines Lebens. Luther scheiterte mit seinem Weg an Gott selbst. Gott zeigte ihm durch die Schrift, daß die Nachfolge Jesu nicht verdienstliche Sonderleistung Einzelner, sondern göttliches Gebot an alle Christen ist. Das demütige Werk der Nachfolge war im Mönchtum zum verdienstlichen Tun der Heiligen geworden. Die Selbstverleugnung des Nachfolgenden enthüllte sich hier als die letzte geistliche Selbstbehauptung der Frommen. Damit war die Welt mitten in das Mönchsleben hineingebrochen und in gefährlichster Weise wieder am Werk. Die Weltflucht des Mönches war als feinste Weltliebe durchschaut. In diesem Scheitern der letzten Möglichkeit eines frommen Lebens ergriff Luther die Gnade. Er sah im Zusammenbruch der mönchischen Welt die rettende Hand Gottes in Christus ausgestreckt. Er ergriff sie im Glauben daran, daß „doch unser Tun umsonst ist, auch in dem besten Leben“. Es war eine teure Gnade, die sich ihm schenkte, sie zerbrach ihm seine ganze Existenz. Er mußte seine Netze abermals zurücklassen und folgen. Das erstemal, als er ins Kloster ging, hatte er alles zurückgelassen, nur sich selbst, sein frommes Ich, nicht. Diesmal war ihm auch dieses genommen. Er folgte nicht auf eigenes Verdienst, sondern auf Gottes Gnade hin. Es wurde ihm nicht gesagt: du hast zwar gesündigt, aber das ist nun alles vergeben, bleibe nur weiter, wo du warst, und tröste dich der Vergebung! Luther mußte das Kloster verlassen und zurück in die Welt, nicht weil die Welt an sich gut und heilig wäre, sondern weil auch das Kloster nichts anderes war als Welt. [19]

Luthers Weg aus dem Kloster zurück in die Welt bedeutete den schärfsten Angriff, der seit dem Urchristentum auf die Welt geführt worden war. Die Absage, die der Mönch der Welt gegeben hatte, war ein Kinderspiel gegenüber der Absage, die die Welt durch den in sie Zurückgekehrten erfuhr. Nun kam der Angriff frontal. Nachfolge Jesu mußte nun mitten in der Welt gelebt werden. Was unter den besonderen Umständen und Erleichterungen des klösterlichen Lebens als Sonderleistung geübt wurde, war nun das Notwendige und Gebotene für jeden Christen in der Welt geworden. Der vollkommene Gehorsam gegen das Gebot Jesu mußte im täglichen Berufsleben geleistet werden. Damit vertiefte sich der Konflikt zwischen dem Leben des Christen und dem Leben der Welt in unabsehbarer Weise. Der Christ war der Welt auf den Leib gerückt. Es war Nahkampf.

Man kann die Tat Luthers nicht verhängnisvoller mißverstehen als mit der Meinung, Luther habe mit der Entdeckung des Evangeliums der reinen Gnade einen Dispens für den Gehorsam gegen das Gebot Jesu in der Welt proklamiert; die reformatorische Entdeckung sei die Heiligsprechung, die Rechtfertigung der Welt durch die vergebende Gnade gewesen. Der weltliche Beruf des Christen erfährt vielmehr seine Rechtfertigung für Luther allein dadurch, daß in ihm der Protest gegen die Welt in letzter Schärfe angemeldet wird. Nur sofern der weltliche Beruf des Christen in der Nachfolge Jesu ausgeübt wird, hat er vom Evangelium her neues Recht empfangen. Nicht Rechtfertigung der Sünde, sondern Rechtfertigung des Sünders war der Grund für Luthers Rückkehr aus dem Kloster. Teure Gnade war Luther geschenkt worden. Gnade war es, weil sie Wasser auf das durstige Land, Trost für die Angst, Befreiung von der Knechtschaft des selbstgewählten Weges, Vergebung aller Sünden war. Teuer war die Gnade, weil sie nicht dispensierte vom Werk, sondern den Ruf in die [20] Nachfolge unendlich verschärfte. Aber gerade worin sie teuer war, darin war sie Gnade, und worin sie Gnade war, darin war sie teuer. Das war das Geheimnis des reformatorischen Evangeliums, das Geheimnis der Rechtfertigung des Sünders.

Und dennoch bleibt der Sieger der Reformationsgeschichte nicht Luthers Erkenntnis von der reinen, teuren Gnade, sondern der wachsame religiöse Instinkt des Menschen für den Ort, an dem die Gnade am billigsten zu haben ist. Es bedurfte nur einer ganz leichten, kaum merklichen Verschiebung des Akzentes, und das gefährlichste und verderblichste Werk war getan. Luther hatte gelehrt, daß der Mensch auch in seinen frömmsten Wegen und Werken vor Gott nicht bestehen kann, weil er im Grund immer sich selbst sucht. Er hatte in dieser Not die Gnade der freien und bedingungslosen Vergebung aller Sünden im Glauben ergriffen. Luther wußte dabei, daß ihm diese Gnade ein Leben gekostet hatte und noch täglich kostete; denn er war ja durch die Gnade nicht dispensiert von der Nachfolge, sondern erst recht in sie hineingestoßen. Wenn Luther von der Gnade sprach, so meinte er sein eigenes Leben immer mit, das durch die Gnade erst in den vollen Gehorsam Christi gestellt worden war. Er konnte gar nicht anders von der Gnade reden, als eben so. Daß die Gnade allein es tut, hatte Luther gesagt, und wörtlich so wiederholten es seine Schüler, mit dem einzigen Unterschied, daß sie sehr bald das ausließen und nicht mitdachten und sagten, was Luther immer selbstverständlich mitgedacht hatte, nämlich die Nachfolge, ja, was er nicht mehr zu sagen brauchte, weil er ja immer selbst als einer redete, den die Gnade in die schwerste Nachfolge Jesu geführt hatte. Die Lehre der Schüler war also unanfechtbar von der Lehre Luthers her, und doch wurde diese Lehre das Ende und die Vernichtung der Reformation als der Offenbarung der teuren Gnade Gottes auf Erden. Aus der [21] Rechtfertigung des Sünders in der Welt wurde die Rechtfertigung der Sünde und der Welt. Aus der teuren Gnade wurde die billige Gnade ohne Nachfolge.

Sagte Luther, daß unser Tun umsonst ist, auch in dem besten Leben, und daß darum bei Gott nichts gilt „denn Gnad und Gunst, die Sünden zu vergeben“, so sagte er es als einer, der sich bis zu diesem Augenblick und schon im selben Augenblick wieder neu in die Nachfolge Jesu, zum Verlassen von allem, was er hatte, berufen wußte. Die Erkenntnis der Gnade war für ihn der letzte radikale Bruch mit der Sünde seines Lebens, niemals aber ihre Rechtfertigung. Sie war im Ergreifen der Vergebung die letzte radikale Absage an das eigenwillige Leben, sie war darin selbst erst eigentlich ernster Ruf zur Nachfolge. Sie war ihm jeweils „Resultat“, freilich göttliches, nicht menschliches Resultat. Dieses Resultat aber wurde von den Nachfahren zur prinzipiellen Voraussetzung einer Kalkulation gemacht. Darin lag das ganze Unheil. Ist Gnade das von Christus selbst geschenkte „Resultat“ christlichen Lebens, so ist dieses Leben keinen Augenblick dispensiert von der Nachfolge. Ist aber Gnade prinzipielle Voraussetzung meines christlichen Lebens, so habe ich damit im voraus die Rechtfertigung meiner Sünden, die ich im Leben in der Welt tue. Ich kann nun auf diese Gnade hin sündigen, die Welt ist ja im Prinzip durch Gnade gerechtfertigt. Ich bleibe daher in meiner bürgerlich-weltlichen Existenz wie bisher, es bleibt alles beim alten, und ich darf sicher sein, daß mich die Gnade Gottes bedeckt. Die ganze Welt ist unter dieser Gnade „christlich“ geworden, das Christentum aber ist unter dieser Gnade in nie dagewesener Weise zur Welt geworden. Der Konflikt zwischen christlichem und bürgerlich-weltlichem Berufsleben ist aufgehoben. Das christliche Leben besteht eben darin, daß ich in der Welt und wie die Welt lebe, mich in nichts von ihr unterscheide, ja mich auch gar nicht – um der [22] Gnade willen! – von ihr unterscheiden darf, daß ich mich aber zu gegebener Zeit aus dem Raum der Welt in den Raum der Kirche begebe, um mich dort der Vergebung meiner Sünden vergewissern zu lassen. Ich bin von der Nachfolge Jesu befreit – durch die billige Gnade, die der bitterste Feind der Nachfolge sein muß, die die wahre Nachfolge hassen und schmähen muß. Gnade als Voraussetzung ist billigste Gnade; Gnade als Resultat teure Gnade. Es ist erschreckend, zu erkennen, was daran liegt, in welcher Weise eine evangelische Wahrheit ausgesprochen und gebraucht wird. Es ist dasselbe Wort von der Rechtfertigung aus Gnaden allein; und doch führt der falsche Gebrauch desselben Satzes zur vollkommenen Zerstörung seines Wesens.

Wenn Faust am Ende seines Lebens in der Arbeit an der Erkenntnis sagt: „Ich sehe, daß wir nichts wissen können“, so ist das Resultat, und etwas durchaus anderes, als wenn dieser Satz von einem Studenten im ersten Semester übernommen wird, um damit seine Faulheit zu rechtfertigen (Kierkegaard). Als Resultat ist der Satz wahr, als Voraussetzung ist er Selbstbetrug. Das bedeutet, daß eine Erkenntnis nicht getrennt werden kann von der Existenz, in der sie gewonnen ist. Nur wer in der Nachfolge Jesu im Verzicht auf alles, was er hatte, steht, darf sagen, daß er allein aus Gnaden gerecht werde. Er erkennt den Ruf in die Nachfolge selbst als Gnade und die Gnade als diesen Ruf. Wer sich aber mit dieser Gnade von der Nachfolge dispensieren will, betrügt sich selbst. Aber geriet nicht Luther selbst in die gefährlichste Nähe dieser völligen Verkehrung im Verständnis der Gnade? Was bedeutet es, wenn Luther sagen kann: „Pecca fortiter, sed fortius fide et gaude in Christo“ – „Sündige tapfer, aber glaube und freue dich in Christo um so tapferer!“[1] Also, [23] du bist nun einmal ein Sünder, und kommst doch nie aus der Sünde heraus; ob du ein Mönch bist oder ein Weltlicher, ob du fromm sein willst oder böse, du entfliehst dem Stricke der Welt nicht, du sündigst. So sündige denn tapfer – und zwar gerade auf die geschehene Gnade hin! Ist das die unverhüllte Proklamation der billigen Gnade, der Freibrief für die Sünde, die Aufhebung der Nachfolge? Ist das die lästerliche Aufforderung zum mutwilligen Sündigen auf Gnade hin? Gibt es eine teuflischere Schmähung der Gnade, als auf die geschenkte Gnade Gottes hin zu sündigen? Hat der katholische Katechismus nicht recht, wenn er hierin die Sünde wider den heiligen Geist erkennt?

Es kommt hier zum Verständnis alles darauf an, die Unterscheidung von Resultat und Voraussetzung in Anwendung zu bringen. Wird Luthers Satz zur Voraussetzung einer Gnadentheologie, so ist die billige Gnade ausgerufen. Aber eben nicht als Anfang, sondern ganz ausschließlich als Ende, als Resultat, als Schlußstein, als allerletztes Wort ist Luthers Satz recht zu verstehen. Als Voraussetzung verstanden, wird das pecca fortiter zum ethischen Prinzip; einem Prinzip der Gnade muß ja das Prinzip des pecca fortiter entsprechen. Das ist Rechtfertigung der Sünde. So wird Luthers Satz in sein Gegenteil verkehrt. „Sündige tapfer“ – das konnte für Luther nur die allerletzte Auskunft, der Zuspruch für den sein, der auf seinem Wege der Nachfolge erkennt, daß er nicht sündlos werden kann, der in der Furcht vor der Sünde verzweifelt an Gottes Gnade. Für ihn ist das „Sündige tapfer“ nicht etwa eine grundsätzliche Bestätigung seines ungehorsamen Lebens, sondern es ist das Evangelium von der Gnade Gottes, vor dem wir immer und in jedem Stande Sünder sind und das uns gerade als Sünder sucht und rechtfertigt. Bekenne dich tapfer zu deiner Sünde, versuche ihr nicht zu entfliehen, aber „glaube noch viel tapferer“. Du bist ein Sünder, so sei nun auch ein Sün-[24]der, wolle nicht etwas anderes sein, als was du bist, ja werde täglich wieder ein Sünder und sei tapfer darin. Zu wem aber darf das gesagt sein als zu dem, der täglich von Herzen der Sünde absagt, der täglich allem absagt, was ihn an der Nachfolge Jesu hindert, und der doch ungetröstet ist über seine tägliche Untreue und Sünde? Wer anders kann das ohne Gefahr für seinen Glauben hören, als der, der sich durch solchen Trost erneut in die Nachfolge Christi gerufen weiß? So wird Luthers Satz, als Resultat verstanden, zur teuren Gnade, die allein Gnade ist.

Gnade als Prinzip, pecca fortiter als Prinzip, billige Gnade ist zuletzt nur ein neues Gesetz, das nicht hilft und nicht befreit. Gnade als lebendiges Wort, pecca fortiter als Trost in der Anfechtung und Ruf in die Nachfolge, teure Gnade ist allein reine Gnade, die wirklich Sünden vergibt und den Sünder befreit.

Wie die Raben haben wir uns um den Leichnam der billigen Gnade gesammelt; von ihr empfingen wir das Gift, an dem die Nachfolge Jesu unter uns starb. Die Lehre von der reinen Gnade erfuhr zwar eine Apotheose ohnegleichen, die reine Lehre von der Gnade wurde Gott selbst, die Gnade selbst. Überall Luthers Worte und doch aus der Wahrheit in Selbstbetrug verkehrt. Hat unsere Kirche nur die Lehre von der Rechtfertigung, dann ist sie gewiß auch eine gerechtfertigte Kirche! so hieß es. Darin sollte also das rechte Erbe Luthers erkennbar werden, daß man die Gnade so billig wie möglich machte. Das sollte lutherisch heißen, daß man die Nachfolge Jesu den Gesetzlichen, den Reformierten oder den Schwärmern überließ, alles um der Gnade willen; daß man die Welt rechtfertigte und die Christen in der Nachfolge zu Ketzern machte. Ein Volk war christlich, war lutherisch geworden, aber auf Kosten der Nachfolge, zu einem allzu billigen Preis. Die billige Gnade hatte gesiegt.

Aber wissen wir auch, daß diese billige Gnade in höchstem [25] Maße unbarmherzig gegen uns gewesen ist? Ist der Preis, den wir heute mit dem Zusammenbruch der organisierten Kirchen zu zahlen haben, etwas anderes als eine notwendige Folge der zu billig erworbenen Gnade? Man gab die Verkündigung und die Sakramente billig, man taufte, man konfirmierte, man absolvierte ein ganzes Volk, ungefragt und bedingungslos, man gab das Heiligtum aus menschlicher Liebe den Spöttern und Ungläubigen, man spendete Gnadenströme ohne Ende, aber der Ruf in die strenge Nachfolge Christi wurde seltener gehört. Wo blieben die Erkenntnisse der alten Kirche, die im Taufkatechumenat so sorgsam über der Grenze zwischen Kirche und Welt, über der teuren Gnade wachte? Wo blieben die Warnungen Luthers vor einer Verkündung des Evangeliums, die die Menschen sicher machte in ihrem gottlosen Leben? Wann wurde die Welt grauenvoller und heilloser christianisiert als hier? Was sind die 3000 von Karl dem Großen am Leibe getöteten Sachsen gegenüber den Millionen getöteter Seelen heute? Es ist an uns wahr geworden, daß die Sünde der Väter an den Kindern heimgesucht wird bis ins dritte und vierte Glied. Die billige Gnade war unserer evangelischen Kirche sehr unbarmherzig.

Unbarmherzig ist die billige Gnade gewiß auch den meisten von uns ganz persönlich gewesen. Sie hat uns den Weg zu Christus nicht geöffnet, sondern verschlossen. Sie hat uns nicht in die Nachfolge gerufen, sondern in Ungehorsam hart gemacht. Oder war es nicht unbarmherzig und hart, wenn wir dort, wo wir den Ruf in die Nachfolge Jesu wohl einmal gehört hatten als den Gnadenruf Christi, wo wir vielleicht einmal die ersten Schritte der Nachfolge in der Zucht des Gehorsams gegen das Gebot gewagt hatten, überfallen wurden mit dem Wort von der billigen Gnade? Konnten wir dieses Wort anders hören, als daß es unseren Weg aufhalten wollte mit dem Ruf zu einer höchst weltlichen [26] Nüchternheit, daß es die Freudigkeit zur Nachfolge in uns erstickte mit dem Hinweis, das alles sei ja nur unser selbstgewählter Weg, ein Aufwand an Kraft, Anstrengung und Zucht, der unnötig, ja höchst gefährlich sei? denn es sei ja eben in der Gnade schon alles bereit und vollbracht! Der glimmende Docht wurde unbarmherzig ausgelöscht. Es war unbarmherzig, zu einem Menschen so zu reden, weil er, durch solches billiges Angebot verwirrt, seinen Weg verlassen mußte, auf den ihn Christus rief, weil er nun nach der billigen Gnade griff, die ihm die Erkenntnis der teuren Gnade für immer versperrte. Es konnte ja auch nicht anders kommen, als daß der betrogene schwache Mensch sich im Besitz der billigen Gnade auf einmal stark fühlte und in Wirklichkeit die Kraft zum Gehorsam, zur Nachfolge verloren hatte. Das Wort von der billigen Gnade hat mehr Christen zugrunde gerichtet als irgendein Gebot der Werke.

Wir wollen nun in allem folgenden das Wort für diejenigen ergreifen, die eben darin angefochten sind, denen das Wort der Gnade erschreckend leer geworden ist. Es muß um der Wahrhaftigkeit willen für die unter uns gesprochen werden, die bekennen, daß sie mit der billigen Gnade die Nachfolge Christi verloren haben und mit der Nachfolge Christi wiederum das Verständnis der teuren Gnade. Einfach, weil wir es nicht leugnen wollen, daß wir nicht mehr in der rechten Nachfolge Christi stehen, daß wir wohl Glieder einer rechtgläubigen Kirche der reinen Lehre von der Gnade, aber nicht mehr ebenso Glieder einer nachfolgenden Kirche sind, muß der Versuch gemacht werden, Gnade und Nachfolge wieder in ihrem rechten Verhältnis zueinander zu verstehen. Hier dürfen wir heute nicht mehr ausweichen. Immer deutlicher erweist sich die Not unserer Kirche als die eine Frage, wie wir heute als Christen leben können.

Wohl denen, die schon am Ende des Weges, den wir ge-[27]hen wollen, stehen und staunend begreifen, was wahrhaftig nicht begreiflich erscheint, daß Gnade teuer ist, gerade weil sie reine Gnade, weil sie Gnade Gottes in Jesus Christus ist. Wohl denen, die in einfältiger Nachfolge Jesu Christi von dieser Gnade überwunden sind, daß sie mit demütigem Geist die alleinwirksame Gnade Christi loben dürfen. Wohl denen, die in der Erkenntnis solcher Gnade in der Welt leben können, ohne sich an sie zu verlieren, denen in der Nachfolge Jesu Christi das himmlische Vaterland so gewiß geworden ist, daß sie wahrhaft frei sind für das Leben in dieser Welt. Wohl ihnen, für die Nachfolge Jesu Christi nichts heißt, als Leben aus der Gnade, und für die Gnade nichts heißt, als Nachfolge. Wohl ihnen, die in diesem Sinne Christen geworden sind, denen das Wort der Gnade barmherzig war. [28]

Der Ruf in die Nachfolge

Und da Jesus vorüberging, sah er Levi, den Sohn des Alphäus, am Zoll sitzen und sprach zu ihm: Folge mir nach! Und er stand auf und folgte ihm nach“ (Mk. 2,14).

Der Ruf ergeht, und ohne jede weitere Vermittlung folgt die gehorsame Tat des Gerufenen. Die Antwort des Jüngers ist nicht ein gesprochenes Bekenntnis des Glaubens an Jesus, sondern das gehorsame Tun. Wie ist dieses unmittelbare Gegenüber von Ruf und Gehorsam möglich? Es ist der natürlichen Vernunft überaus anstößig, sie muß sich bemühen, dieses harte Aufeinander zu trennen, es muß etwas dazwischentreten, es muß etwas erklärt werden. Es muß unter allen Umständen eine Vermittlung gefunden werden, eine psychologische, eine historische. Man stellt die törichte Frage, ob nicht der Zöllner Jesus schon vorher gekannt habe und daher bereit gewesen sei, auf seinen Ruf hin zu folgen. Eben hierüber aber schweigt der Text hartnäckig, es liegt ihm ja gerade alles an dem gänzlich unvermittelten Gegenüber von Ruf und Tat. Psychologische Begründungen für die frommen Entscheidungen eines Menschen interessieren ihn nicht. Warum nicht? Weil es nur eine einzige gültige Begründung für dieses Gegenüber von Ruf und Tat gibt: Jesus Christus selbst. Er ist es, der ruft. Darum folgt der Zöllner. Die unbedingte, unvermittelte und unbegründbare Autorität Jesu wird in dieser Begegnung bezeugt. Nichts geht hier voraus, und es folgt nichts anderes als der Gehorsam des Gerufenen. Daß Jesus der Christus ist, gibt ihm Vollmacht zu rufen und auf sein Wort Gehorsam zu fordern. Jesus ruft in die Nachfolge, nicht als Lehrer und Vorbild, sondern als der [29] Christus, der Sohn Gottes. So wird in diesem kurzen Text Jesus Christus und sein Anspruch auf den Menschen verkündigt, sonst nichts. Kein Lob fällt auf den Jünger, auf sein entschiedenes Christentum. Der Blick soll nicht auf ihn fallen, sondern allein auf den, der ruft, auf seine Vollmacht. Auch nicht ein Weg zum Glauben, zur Nachfolge ist gewiesen, es gibt keinen anderen Weg zum Glauben als den Gehorsam gegen den Ruf Jesu.

Was wird über den Inhalt der Nachfolge gesagt? Folge mir nach, laufe hinter mir her! Das ist alles. Hinter ihm hergehen, das ist etwas schlechthin Inhaltloses. Es ist wahrhaftig kein Lebensprogramm, dessen Verwirklichung sinnvoll erscheinen könnte, kein Ziel, kein Ideal, dem nachgestrebt werden sollte. Es ist gar keine Sache, für die es sich nach menschlicher Meinung verlohnte, irgendetwas oder gar sich selbst einzusetzen. Und was geschieht? Der Gerufene verläßt alles, was er hat, nicht, um damit etwas besonders Wertvolles zu tun, sondern einfach um des Rufes willen, weil er sonst nicht hinter Jesus hergehen kann. Diesem Tun ist an sich nicht der geringste Wert beigemessen. Es bleibt in sich selbst etwas völlig Bedeutungsloses, Unbeachtliches. Die Brücken werden abgebrochen, und es wird einfach vorwärtsgegangen. Man ist herausgerufen und soll „heraustreten“ aus der bisherigen Existenz, man soll „existieren“ im strengen Sinn des Wortes. Das Alte bleibt zurück, es wird ganz hingegeben. Aus den relativen Sicherungen des Lebens heraus in die völlige Unsicherheit (d. h. in Wahrheit in die absolute Sicherheit und Geborgenheit der Gemeinschaft Jesu); aus dem übersehbaren und Berechenbaren (d. h. dem in Wahrheit ganz Unberechenbaren) in das gänzlich Unübersehbare, Zufällige (d. h. in Wahrheit in das einzig Notwendige und Berechenbare); aus dem Bereich der endlichen Möglichkeiten (d. h. in Wahr-[30]heit der unendlichen Möglichkeiten) in den Bereich der unendlichen Möglichkeiten (d. h. in Wahrheit in die einzig befreiende Wirklichkeit) ist der Jünger geworfen. Das ist wiederum kein allgemeines Gesetz; vielmehr das genaue Gegenteil von aller Gesetzlichkeit. Es ist abermals nichts anderes, als die Bindung an Jesus Christus allein, d. h. gerade die vollkommene Durchbrechung jeder Programmatik, jeder Idealität, jeder Gesetzlichkeit. Darum ist kein weiterer Inhalt möglich, weil Jesus der einzige Inhalt ist. Neben Jesus gibt es hier keine Inhalte mehr. Er selbst ist es.

Der Ruf in die Nachfolge ist also Bindung an die Person Jesu Christi allein, Durchbrechung aller Gesetzlichkeiten durch die Gnade dessen, der ruft. Er ist gnädiger Ruf, gnädiges Gebot. Er ist jenseits der Feindschaft von Gesetz und Evangelium. Christus ruft, der Jünger folgt. Das ist Gnade und Gebot in einem. „Ich wandle fröhlich, denn ich suche deine Befehle“ (Psalm 119,45).

Nachfolge ist Bindung an Christus; weil Christus ist, darum muß Nachfolge sein. Eine Idee von Christus, ein Lehrsystem, eine allgemeine religiöse Erkenntnis von der Gnade oder Sündenvergebung macht Nachfolge nicht notwendig, ja schließt sie in Wahrheit aus, ist der Nachfolge feindlich. Zu einer Idee tritt man in ein Verhältnis der Erkenntnis, der Begeisterung, vielleicht auch der Verwirklichung, aber niemals der persönlichen gehorsamen Nachfolge. Ein Christentum ohne den lebendigen Jesus Christus bleibt notwendig ein Christentum ohne Nachfolge, und ein Christentum ohne Nachfolge ist immer ein Christentum ohne Jesus Christus; es ist Idee, Mythos. Ein Christentum, in dem es nur den Vatergott, aber nicht Christus als lebendigen Sohn gibt, hebt die Nachfolge geradezu auf. Hier gibt es Gottvertrauen, aber nicht Nachfolge. Allein weil der Sohn Gottes Mensch wurde, weil er Mittler ist, ist Nachfolge das rechte Verhältnis zu ihm. Nachfolge ist gebunden an den Mittler, und wo von Nachfolge recht gesprochen wird, dort wird von dem Mittler [31] Jesus Christus, dem Sohn Gottes gesprochen. Nur der Mittler, der Gottmensch kann in die Nachfolge rufen.

Nachfolge ohne Jesus Christus ist Eigenwahl eines vielleicht idealen Weges, vielleicht eines Märtyrerweges, aber sie ist ohne Verheißung. Jesus muß sie verwerfen.

Und sie gingen in einen anderen Markt. Es begab sich aber, da sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wo du hin gehst. Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber des Menschen Sohn hat nicht, da er sein Haupt hin lege. Und er sprach zu einem anderen: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, daß ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Aber Jesus sprach zu ihm: Laß die Toten ihre Toten begraben; gehe du aber hin und verkündige das Reich Gottes! Und ein anderer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, daß ich einen Abschied mache mit denen, die in meinem Hause sind. Jesus aber sprach zu ihm: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt zum Reiche Gottes“ (Lk. 9,57-62).

Der erste Jünger trägt Jesus die Nachfolge selbst an, er ist nicht gerufen, die Antwort Jesu verweist den Begeisterten darauf, daß er nicht weiß, was er tut. Er kann es gar nicht wissen. Das ist der Sinn der Antwort, in der dem Jünger das Leben mit Jesus in seiner Wirklichkeit gezeigt wird. Hier spricht der, der zum Kreuz geht, dessen ganzes Leben im Apostolikum mit dem einen Wort „gelitten“ bezeichnet wird. Das kann kein Mensch aus eigner Wahl wollen. Es kann sich keiner selbst rufen, sagt Jesus, und sein Wort bleibt ohne Antwort. Die Kluft zwischen dem freien Angebot der Nachfolge und der wirklichen Nachfolge bleibt aufgerissen.

Wo aber Jesus selbst ruft, da überwindet er auch die tiefste Kluft. Der zweite will seinen Vater begraben, bevor er [32] nachfolgt. Das Gesetz bindet ihn. Er weiß, was er tun will und tun muß. Erst soll das Gesetz erfüllt werden, dann will er folgen. Ein klares Gebot des Gesetzes steht hier zwischen dem Gerufenen und Jesus. Dem tritt der Ruf Jesu mächtig entgegen, gerade jetzt unter keinen Umständen irgendetwas zwischen Jesus und den Gerufenen treten zu lassen, und sei es das Größte und Heiligste, sei es das Gesetz. Gerade jetzt muß es geschehen, daß um Jesu willen das Gesetz, das sich dazwischenstellen wollte, durchbrochen wird; denn es hat zwischen Jesus und dem Gerufenen kein Recht mehr. So stellt sich Jesus hier gegen das Gesetz und gebietet Nachfolge. So redet allein der Christus. Er behält das letzte Wort. Der Andere kann nicht widerstreben. Dieser Ruf, diese Gnade ist unwiderstehlich.

Der dritte versteht die Nachfolge wie der erste als allein von ihm zu leistendes Angebot, als eigenes, selbstgewähltes Lebensprogramm. Er fühlt sich aber im Unterschied zu jenem berechtigt, auch seinerseits Bedingungen zu stellen. Damit verwickelt er sich in einen vollkommenen Widerspruch. Er will sich zu Jesus stellen, aber zugleich stellt er etwas zwischen sich und Jesus: „Erlaube mir zuvor.“ Er will nachfolgen, aber er will sich selbst die Bedingungen für die Nachfolge schaffen. Die Nachfolge ist ihm eine Möglichkeit, zu deren Verwirklichung die Erfüllung von Bedingungen und Voraussetzungen gehört. So wird die Nachfolge etwas menschlich Einsichtiges und Verständliches. Erst tut man das Eine, und dann das Andere. Es hat alles sein Recht und seine Zeit. Der Jünger selbst stellt sich zur Verfügung, hat aber damit auch das Recht, seine Bedingungen zu stellen. Es ist offenbar, daß in diesem Augenblick Nachfolge aufhört, Nachfolge zu sein. Sie wird zum menschlichen Programm, das ich mir einteile nach meinem Urteil, das ich rational und ethisch rechtfertigen kann. Dieser dritte also will nachfolgen, aber schon indem er es ausspricht, will er nicht mehr [33] nachfolgen. Er hebt durch sein Angebot selbst die Nachfolge auf; denn Nachfolge verträgt keine Bedingungen, die zwischen Jesus und den Gehorsam treten könnten. Dieser dritte gerät also nicht nur mit Jesus, sondern schon mit sich selbst in Widerspruch. Er will nicht, was Jesus will, und er will auch nicht, was er selbst will. Er richtet sich selbst, zerfällt mit sich selbst, und dies alles durch das: „Erlaube mir zuvor.“ Die Antwort Jesu bestätigt ihm im Bilde diesen Zerfall mit sich selbst, der die Nachfolge ausschließt: „Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt zum Reiche Gottes.“

Nachfolgen heißt bestimmte Schritte tun. Bereits der erste Schritt, der auf den Ruf hin erfolgt, trennt den Nachfolgenden von seiner bisherigen Existenz. So schafft sich der Ruf in die Nachfolge sofort eine neue Situation. In der alten Situation bleiben und nachfolgen schließt sich aus. Das war zunächst ganz sichtbar so. Der Zöllner mußte den Zoll, Petrus die Netze verlassen, um hinter Jesus herzugehen. Es hätte ja nach unserm Verständnis auch damals schon durchaus anders sein können. Jesus hätte dem Zöllner eine neue Gotteserkenntnis vermitteln und ihn in seiner alten Situation lassen können. Wäre Jesus nicht der menschgewordene Sohn Gottes gewesen, so wäre das möglich. Weil aber Jesus der Christus ist, darum mußte es von vornherein deutlich werden, daß sein Wort nicht eine Lehre, sondern eine Neuschöpfung der Existenz ist. Es galt, mit Jesus wirklich zu gehen. Wen er rief, dem war damit gesagt, daß für ihn nur noch eine einzige Möglichkeit des Glaubens an Jesus besteht, nämlich die, daß er alles verläßt und mit dem menschgewordenen Sohn Gottes geht.

Mit dem ersten Schritt ist der Nachfolgende in die Situation gestellt, glauben zu können. Folgt er nicht, bleibt er zurück, so lernt er nicht glauben. Der Gerufene muß aus seiner Situation, in der er nicht glauben kann, in die Situa[34]tion, in der allererst geglaubt werden kann. In sich hat dieser Schritt keinerlei programmatischen Wert, er ist gerechtfertigt allein durch die Gemeinschaft mit Jesus Christus, die gewonnen wird. Solange Levi am Zoll sitzt oder Petrus bei den Netzen, so lange mögen sie ihren Beruf redlich und treu tun, solange mögen sie alte oder neue Gotteserkenntnisse haben, aber wenn sie Gott glauben lernen wollen, so müssen sie dem menschgewordenen Sohn Gottes folgen, mit ihm gehen.

Vorher war das anders. Da konnten sie als die Stillen im Lande unerkannt in ihrer Arbeit leben, sie hielten das Gesetz und warteten auf den Messias. Jetzt aber war er da, jetzt erging sein Ruf. Jetzt hieß glauben nicht mehr stille sein und warten, sondern mit ihm gehen in der Nachfolge. Jetzt löste sein Ruf in die Nachfolge alle Bindungen um der einzigen Bindung an Jesus Christus willen. Jetzt mußten alle Brücken abgebrochen werden, der Schritt in die unendliche Unsicherheit mußte getan werden, um zu erkennen, was Jesus fordert und was Jesus gibt. Levi am Zoll hätte Jesus wohl haben können als einen Helfer in allerlei Not, aber er hätte ihn nicht erkannt als den einen Herrn, dem er sein ganzes Leben in die Hand legen soll, er hätte nicht glauben gelernt. Es muß die Situation geschaffen werden, in der Jesus der menschgewordene Gott geglaubt werden kann, die unmögliche Situation, in der alles auf eines gesetzt wird, nämlich auf das Wort Jesu. Petrus muß aus dem Schiff heraustreten auf das schwankende Wasser, um seine Ohnmacht und die Allmacht seines Herrn zu erfahren. Wäre er nicht herausgetreten, so hätte er nicht glauben gelernt. Die völlig unmögliche, ethisch schlechthin unverantwortliche Lage auf dem schwankenden Meer muß herausgestellt werden, damit geglaubt werden kann. Der Weg zum Glauben geht durch den Gehorsam gegen den Ruf Christi. Der Schritt wird gefordert, sonst geht der Ruf Jesu ins Leere, und alle ver-[35]meintliche Nachfolge ohne diesen Schritt, zu dem Jesus ruft, wird zur unwahren Schwärmerei.

Die Gefahr der Unterscheidung einer Situation, in der geglaubt werden kann, von einer solchen, in der nicht geglaubt werden kann, ist groß. Es muß dabei ganz klar sein, daß es erstens niemals in der Situation als solcher liegt oder erkennbar ist, welcher Art sie ist. Allein der Ruf Jesu Christi qualifiziert sie als Situation, in der geglaubt werden kann. Zweitens ist die Situation, in der geglaubt werden kann, niemals vom Menschen aus herauszustellen. Nachfolge ist kein Angebot des Menschen. Allein der Ruf schafft die Situation. Drittens enthält diese Situation niemals in sich selbst einen eigenen Wert. Allein durch den Ruf ist sie gerechtfertigt. Schließlich und hauptsächlich ist auch die Situation, in der geglaubt werden kann, bereits selbst immer nur im Glauben ermöglicht.

Der Begriff einer Situation, in der geglaubt werden kann, ist nur die Umschreibung des Sachverhalts, in dem die folgenden zwei Sätze gelten, die in gleicher Weise wahr sind: Nur der Glaubende ist gehorsam, und nur der Gehorsame glaubt.

Es ist eine schwere Einbuße an biblischer Treue, wenn wir den ersten Satz ohne den zweiten lassen. Nur der Glaubende ist gehorsam, das meinen wir zu verstehen. Der Gehorsam folge ja dem Glauben, wie die gute Frucht dem guten Baum, sagen wir dann. Erst ist der Glaube, dann erst Gehorsam. Soll damit nur dies bezeugt sein, daß allein der Glaube rechtfertigt und nicht das Tun des Gehorsams, so ist das allerdings die notwendige und unumstößliche Voraussetzung für alles weitere. Sollte aber damit irgendeine zeitliche Bestimmung gegeben sein, daß erst geglaubt werden müsse und später der Gehorsam folge, so werden Glaube und Gehorsam auseinandergerissen, und es bleibt dann die höchst praktische Frage offen, wann der Gehorsam anzufangen habe. Der [36] Gehorsam bleibt vom Glauben getrennt. Um der Rechtfertigung willen müssen ja Glaube und Gehorsam getrennt werden, aber diese Trennung darf niemals die Einheit beider aufheben, die darin liegt, daß Glaube nur im Gehorsam existiert, niemals ohne Gehorsam ist, daß Glaube nur in der Tat des Gehorsams Glaube ist.

Um der Uneigentlichkeit der Rede vom Gehorsam als einer Folge des Glaubens willen, um des Hinweises auf die unauflösliche Einheit von Glauben und Gehorsam willen muß nun dem Satz, daß nur der Glaubende gehorsam sei, der andere gegenübergestellt werden: Nur der Gehorsame glaubt. Ist dort der Glaube die Voraussetzung des Gehorsams, so ist hier der Gehorsam die Voraussetzung des Glaubens. In genau derselben Weise, in der der Gehorsam Folge des Glaubens genannt wird, ist er auch Voraussetzung des Glaubens zu nennen.

Nur der Gehorsame glaubt. Es muß Gehorsam geleistet werden gegen einen konkreten Befehl, damit geglaubt werden kann. Es muß ein erster Schritt des Gehorsams gegangen werden, damit Glaube nicht frommer Selbstbetrug, billige Gnade werde. Es liegt an dem ersten Schritt. Er ist von allen folgenden qualitativ unterschieden. Der erste Schritt des Gehorsams muß den Petrus fort von den Netzen, aus dem Schiff heraus, muß den Jüngling aus dem Reichtum führen. Nur in dieser neuen, durch den Gehorsam geschaffenen Existenz kann geglaubt werden.

Dieser erste Schritt ist nun zuerst zu betrachten als das äußerliche Werk, das im Vertauschen einer Existenzweise mit einer anderen besteht. Diesen Schritt kann jeder tun. Der Mensch hat Freiheit dazu. Es ist ein Tun innerhalb der iustitia civilis, in der der Mensch frei ist. Petrus kann sich nicht bekehren, aber er kann seine Netze verlassen. Inhaltlich ist in den Evangelien mit dem ersten Schritt bereits ein Tun gefordert, das das Lebensganze betrifft. Die römische [37] Kirche verlangte einen solchen Schritt nur als die außerordentliche Möglichkeit des Mönchtums, während für die anderen Gläubigen die Bereitschaft genügte, sich der Kirche und ihren Geboten bedingungslos zu unterwerfen. Auch in den lutherischen Bekenntnisschriften ist in bedeutsamer Weise die Wichtigkeit eines ersten Schrittes erkannt: Nachdem die Gefahr des synergistischen Mißverständnisses grundsätzlich beseitigt ist, kann und muß ein Raum gelassen werden für jenes erste äußere Tun, das zum Glauben gefordert wird: Es ist hier der Schritt zur Kirche, in der das Wort des Heils gepredigt wird. Dieser Schritt kann in voller Freiheit getan werden. Komm zur Kirche! das kannst du kraft deiner menschlichen Freiheit. Du kannst am Sonntag dein Haus verlassen und zur Predigt gehen. Tust du es nicht, so schließt du dich willkürlich von dem Ort aus, an dem geglaubt werden kann. Damit bezeugen die lutherischen Bekenntnisschriften, daß sie von einer Situation wissen, in der geglaubt werden kann, und von einer solchen, in der Glaube nicht möglich ist. Zwar bleibt diese Erkenntnis hier sehr im Versteck, fast als schäme man sich ihrer, aber sie ist vorhanden als eine und dieselbe Erkenntnis von der Bedeutung des ersten Schrittes als eines äußeren Tuns.

Ist diese Erkenntnis gesichert, dann muß als zweites gesagt werden, daß dieser erste Schritt als rein äußerliches Tun ein totes Werk des Gesetzes ist und bleibt, das durch sich selbst niemals zu Christus führt. Als äußeres Tun bleibt die neue Existenz durchaus die alte; es wird bestenfalls ein neues Lebensgesetz, ein neuer Lebensstil erreicht, der aber nichts mit dem neuen Leben mit Christus zu tun hat. Der Trinker, der den Alkohol läßt, der Reiche, der sein Geld weggibt, wird dadurch wohl vom Alkohol und vom Gelde frei, aber nicht von sich selbst. Er bleibt also ganz bei sich selbst, möglicherweise näher bei sich selbst als vorher, er bleibt unter der Forderung des Werkes ganz im Tode des alten Lebens. [38] Zwar muß das Werk getan werden, aber es führt durch sich selbst aus dem Tod, dem Ungehorsam und der Gottlosigkeit nicht heraus. Verstehen wir selbst etwa unsern ersten Schritt als Voraussetzung für die Gnade, für den Glauben, so sind wir darin durch unser Werk schon gerichtet und von der Gnade gänzlich abgeschnitten. Dabei ist in das äußere Werk alles eingeschlossen, was wir Gesinnung, guten Vorsatz zu nennen pflegen, alles was die römische Kirche facere quod in se est nennt. Tun wir den ersten Schritt in der Absicht, uns damit in die Situation des Glaubenkönnens zu versetzen, so ist auch dieses Glaubenkönnen wieder nichts als ein Werk, als eine neue Lebensmöglichkeit innerhalb unserer alten Existenz und damit völlig mißverstanden, wir bleiben im Unglauben.

Und doch muß das äußere Werk geschehen, doch müssen wir in die Situation des Glaubenkönnens hinein. Wir müssen den Schritt tun. Was heißt das? Es heißt, daß dieser Schritt nur recht geschieht, wenn wir ihn nicht im Blick auf unser Werk, das getan werden muß, sondern allein im Blick auf das Wort Jesu Christi hin tun, das uns dazu ruft. Petrus weiß, er darf nicht eigenmächtig aus dem Schiff steigen, der erste Schritt wäre schon sein Untergang, darum ruft er: „Heiße mich zu dir kommen auf dem Wasser“ und Christus antwortet: „Komm her.“ Also Christus muß gerufen haben, allein auf sein Wort hin kann der Schritt getan werden. Dieser Ruf ist seine Gnade, die aus dem Tod in das neue Leben des Gehorsams ruft. Jetzt aber, da Christus gerufen hat, muß Petrus aus dem Schiff heraus, um zu Christus zu kommen. So ist in der Tat der erste Schritt des Gehorsams schon selbst ein Tun des Glaubens an das Wort Christi. Es würde aber den Glauben als Glauben völlig verkennen, wenn nun daraus wieder geschlossen würde, es sei also der erste Schritt doch nicht mehr nötig, weil doch der Glaube schon da sei. Demgegenüber muß dann geradezu der Satz [39] gewagt werden: erst muß der Schritt des Gehorsams getan sein, ehe geglaubt werden kann. Der Ungehorsame kann nicht glauben.

Du beklagst dich darüber, daß du nicht glauben kannst? Es darf sich keiner wundern, wenn er nicht zum Glauben kommt, solange er sich an irgendeiner Stelle in wissentlichem Ungehorsam dem Gebot Jesu widersetzt oder entzieht. Du willst irgendeine sündige Leidenschaft, eine Feindschaft, eine Hoffnung, deine Lebenspläne, deine Vernunft nicht dem Gebot Jesu unterwerfen? Wundere dich nicht, daß du den heiligen Geist nicht empfängst, daß du nicht beten kannst, daß dein Gebet um den Glauben leer bleibt! Gehe vielmehr hin und versöhne dich mit deinem Bruder, laß von der Sünde, die dich gefangenhält, und du wirst wieder glauben können! Willst du Gottes gebietendes Wort ausschlagen, so wirst du auch sein gnädiges Wort nicht empfangen. Wie solltest du die Gemeinschaft dessen finden, dem du dich wissentlich an irgendeiner Stelle entziehst? Der Ungehorsame kann nicht glauben, nur der Gehorsame glaubt.

Hier wird der gnädige Ruf Jesu Christi in die Nachfolge zum harten Gesetz: Tue dies! Laß jenes! Komm heraus aus dem Schiff zu Jesus! Wer mit seinem Glauben oder seinem Unglauben seinen tatsächlichen Ungehorsam gegen den Ruf Jesu entschuldigt, zu dem sagt Jesus: Erst sei gehorsam, tue das äußere Werk, laß, was dich bindet, gib auf, was dich vom Willen Gottes scheidet! Sage nicht: Ich habe den Glauben dazu nicht. Du hast ihn solange nicht, als du in Ungehorsam bleibst, solange du den ersten Schritt nicht tun willst. Sage nicht: Ich habe ja den Glauben, ich brauche den ersten Schritt nicht mehr zu tun. Du hast ihn nicht, solange und weil du den Schritt nicht tun willst, sondern dich im Unglauben unter dem Schein des demütigen Glaubens verstockst. Es ist eine böse Ausflucht, vom mangelnden Gehorsam auf den mangelnden Glauben und vom mangelnden Glauben wieder [40] auf den mangelnden Gehorsam zurückzuverweisen. Es ist der Ungehorsam der „Glaubenden“, dort wo ihr Gehorsam gefordert wird, ihren Unglauben zu bekennen und mit diesem Bekenntnis (Mk. 9,24) Spiel zu treiben. Glaubst du – so tu den ersten Schritt! Er führt zu Jesus Christus. Glaubst du nicht – so tu eben denselben Schritt, er ist dir geboten! Die Frage nach deinem Glauben oder deinem Unglauben ist dir nicht aufgetragen, sondern die Tat des Gehorsams ist dir befohlen und sofort zu tun. In ihr wird die Situation gegeben, in der Glaube möglich wird und wirklich existiert.

Also nicht es gibt, sondern Er gibt dir eine Situation, in der du glauben kannst. In jene Situation gilt es zu kommen, damit der Glaube rechter Glaube und nicht Selbstbetrug sei. Gerade weil es allein um das rechte Glauben an Jesus Christus geht, weil der Glaube allein das Ziel ist und bleibt („aus Glauben in Glauben“, Römer 1,17), ist diese Situation unerläßlich. Wer hier allzuschnell und allzu protestantisch protestiert, der muß sich fragen lassen, ob es nicht die billige Gnade sei, für die er spricht. Denn in der Tat können die beiden Sätze, wenn sie nur nebeneinander stehen bleiben, dem rechten Glauben nicht zum Anstoß werden, während freilich jeder für sich allein ein großes Ärgernis sein muß. Nur der Glaubende ist gehorsam – das ist dem Gehorsamen im Glaubenden gesagt; nur der Gehorsame glaubt – das ist dem Glaubenden im Gehorsamen gesagt. Bleibt der erste Satz allein, so wird der Glaubende der billigen Gnade, d. h. der Verdammnis ausgeliefert; bleibt der zweite Satz allein, so wird der Glaubende dem Werk, d. h. der Verdammnis ausgeliefert.

Von hier aus dürfen wir nun einen Blick tun in die christliche Seelsorge. Es ist für den Seelsorger von großer Wichtigkeit, daß er aus der Kenntnis beider Sätze spricht. Er muß wissen, daß die Klage über den Mangel an Glauben immer wieder aus bewußtem oder schon nicht mehr bewußtem Un-[41]gehorsam kommt, und daß dieser Klage allzu leicht der Trost der billigen Gnade entspricht. Dabei bleibt aber der Ungehorsam ungebrochen, und das Wort von der Gnade wird zu dem Trost, den sich der Ungehorsame selbst zuspricht, zu der Sündenvergebung, die er sich selbst erteilt. Damit aber wird ihm die Verkündigung leer, er hört sie nicht mehr. Und ob er sich tausendmal die Sünden selbst vergibt, vermag er doch nicht an die wirkliche Vergebung zu glauben, eben weil sie ihm in Wahrheit auch gar nicht geschenkt worden ist. Der Unglaube nährt sich an der billigen Gnade, weil er im Ungehorsam beharren will. Das ist eine häufige Situation in der heutigen christlichen Seelsorge. Es muß nun dahin kommen, daß sich der Mensch durch selbsterteilte Sündenvergebung in seinem Ungehorsam verstockt, daß er vorgibt, das Gute und das Gebot Gottes nicht erkennen zu können. Es sei zweideutig und lasse mancherlei Auslegungen zu. Das anfänglich noch klare Wissen um den Ungehorsam verdunkelt sich mehr und mehr und wird zur Verstockung. Hier hat sich der Ungehorsame selbst so verfangen und verstrickt, daß er das Wort nicht mehr hören kann. Hier kann in der Tat nicht mehr geglaubt werden. Es wird sich dann zwischen dem Verstockten und dem Seelsorger etwa folgendes Gespräch ergeben: „Ich kann nicht mehr glauben.“ – „Höre das Wort, es wird dir gepredigt!“ – „Ich höre es, aber es sagt mir nichts, es bleibt mir leer, es geht an mir vorbei.“ – „Du willst nicht hören.“ – „Doch, ich will.“ – Jetzt ist der Punkt erreicht, an dem das seelsorgerliche Gespräch meist abbricht, weil der Seelsorger nicht weiß, woran er ist. Er kennt nur den einen Satz: Nur der Glaubende ist gehorsam. Mit diesem Satz vermag er dem Verstockten nicht mehr zu helfen, der eben diesen Glauben nicht hat und nicht haben kann. Der Seelsorger meint also schon hier vor dem letzten Rätsel zu stehen, daß Gott dem einen den Glauben schenkt, den er dem anderen versagt. Mit diesem Satz wird dann kapi-[42]tuliert. Der Verstockte bleibt allein und beklagt resigniert weiter seine Not. Aber gerade hier liegt der Wendepunkt des Gesprächs. Die Wendung ist eine totale. Es wird nicht mehr argumentiert, die Fragen und die Nöte des Anderen werden nicht mehr letztlich ernstgenommen, dafür um so mehr der Andere selbst, der sich hinter ihnen verbergen will. Jetzt geschieht der Einbruch in die Festung, die dieser sich gebaut hat, mit dem Satz: Nur der Gehorsame glaubt. Also, das Gespräch wird abgebrochen, und der nächste Satz des Seelsorgers heißt: „Du bist ungehorsam, du verweigerst Christus den Gehorsam, du willst ein Stück eigener Herrschaft für dich behalten. Du kannst Christus nicht hören, weil du ungehorsam bist, du kannst die Gnade nicht glauben, weil du nicht gehorchen willst. Du verstockst dich an irgendeiner Stelle deines Herzens gegen den Ruf Christi. Deine Not ist deine Sünde.“ Jetzt ist Christus selbst wieder auf dem Plan, jetzt greift er den Teufel im Anderen an, der sich bisher hinter der billigen Gnade versteckt hielt. Jetzt wird alles darauf ankommen, daß der Seelsorger die beiden Sätze bereit hat: Nur der Gehorsame glaubt, und nur der Glaubende gehorcht. Er muß im Namen Jesu zum Gehorsam, zur Tat, zum ersten Schritt aufrufen. Verlasse, was dich bindet und folge ihm nach! In diesem Augenblick hängt alles an diesem Schritt. Die Stellung, die der Ungehorsame bezogen hatte, muß durchbrochen werden; denn in ihr konnte Christus nicht mehr gehört werden. Der Flüchtling muß heraus aus seinem Versteck, das er sich gebaut hat. Erst draußen kann er wieder frei sehen, hören, glauben. Zwar ist vor Christus nichts damit gewonnen, daß das Werk getan ist, es bleibt an sich ein totes Werk. Dennoch muß Petrus auf das schwankende Meer, damit er glauben kann.

Der Tatbestand ist also kurz der: Der Mensch hat sich durch den Satz, daß der Glaubende allein gehorsam sei, vergiftet mit der billigen Gnade. Er bleibt im Ungehorsam und trö-[43]stet sich einer Vergebung, die er sich selbst zuspricht, und verschließt sich damit dem Wort Gottes. Der Einbruch in die Festung mißlingt, solange ihm allein der Satz wiederholt wird, hinter dem er sich versteckte. Es muß die Wendung eintreten, der Andere muß zum Gehorsam gerufen werden: Nur der Gehorsame glaubt!

Wird einer damit auf den Weg der eigenen Werke verführt? Nein, vielmehr wird er darauf verwiesen, daß sein Glaube kein Glaube ist, er wird aus der Verstrickung in sich selbst befreit. Er muß in die freie Luft der Entscheidung. So wird ihm der Ruf Jesu zum Glauben und zur Nachfolge neu hörbar gemacht.

Damit stehen wir bereits mitten in der Geschichte vom reichen Jüngling.

Und siehe, einer trat zu ihm und sprach: Guter Meister, was soll ich Gutes tun, daß ich das ewige Leben möge haben? Er aber sprach zu ihm: Was heißest du mich gut? Niemand ist gut denn der einige Gott. Willst du aber zum Leben eingehen, so halte die Gebote. Da sprach er zu ihm: Welche? Jesus aber sprach: „Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsch Zeugnis geben; ehre Vater und Mutter!“ und: „du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Da sprach der Jüngling zu ihm: Das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf; was fehlt mir noch? Jesus sprach zu ihm: Willst du vollkommen sein, so gehe hin, verkaufe was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; und komm und folge mir nach! Da der Jüngling das Wort hörte, ging er betrübt von ihm; denn er hatte viele Güter“ (Mt. 19,16-22).

Die Frage des Jünglings nach dem ewigen Leben ist die Frage nach dem Heil, sie ist die einzig ernste Frage schlechthin. Aber es ist nicht leicht, diese Frage recht zu stellen. Das zeigt sich daran, daß der Jüngling, der doch offenbar diese [44] Frage meint, im Grunde schon eine ganz andere Frage stellt, ja daß er tatsächlich der Frage ausweicht. Er richtet nämlich seine Frage an den „guten Meister“. Er will die Meinung, den Rat, das Urteil des guten Meisters, des großen Lehrers zu dieser Frage hören. Er gibt damit zweierlei zu erkennen: Erstens, ihm ist seine Frage von größter Wichtigkeit, Jesus muß zu ihr etwas Bedeutungsvolles zu sagen haben. Zweitens aber erwartet er von dem guten Meister, dem großen Lehrer wohl eine wesentliche Äußerung, aber doch nicht eine unbedingt verbindliche göttliche Weisung. Die Frage nach dem ewigen Leben ist dem Jüngling eine Frage, über die er mit einem „guten Meister“ zu sprechen und zu diskutieren wünscht. Aber schon hier stellt sich ihm das Wort Jesu in den Weg: „Was heißest du mich gut? Niemand ist gut denn der einige Gott.“ Die Frage hat schon sein Herz verraten. Er wollte mit einem guten Rabbi über das ewige Leben reden, jetzt bekommt er zu hören, daß er in Wahrheit mit dieser Frage nicht vor einem guten Meister, sondern vor Gott selbst steht. Er wird also keine Antwort vom Sohne Gottes empfangen, die etwas anderes wäre, als der klare Hinweis auf das Gebot des einigen Gottes. Er wird keine Antwort eines „guten Meisters“ empfangen, die zu dem offenbaren Willen Gottes noch eine eigene Meinung hinzufügte. Jesus weist auf den allein guten Gott von sich weg und bewährt sich gerade darin als der vollkommene gehorsame Sohn Gottes. Steht aber der Frager vor Gott selbst, so ist er zugleich ertappt als einer, der auf der Flucht war vor dem offenbaren Gebot Gottes, das er ja selbst kennt. Der Jüngling weiß ja die Gebote. Aber dies eben ist seine Lage, daß er sich nicht mit ihnen zufriedengeben kann, daß er über sie hinaus will. Seine Frage ist durchschaut als die Frage einer selbsterdachten und selbsterwählten Frömmigkeit. Warum hat der Jüngling nicht genug an dem offenbaren Gebot? Warum tut er, als wüßte er nicht längst die Antwort auf [45] seine Frage? Warum will er Gott beschuldigen, er habe ihn in dieser entscheidenden Frage des Lebens in Unwissenheit gelassen? So ist der Jüngling bereits gefangen und vor Gericht gezogen. Er wird von der unverbindlichen Frage nach dem Heil zurückgerufen zum schlichten Gehorsam gegen die offenbaren Gebote.

Es folgt ein zweiter Fluchtversuch. Der Jüngling antwortet mit einer weiteren Frage: „Welche“? In dieser einen Frage steckt der Satan selbst. Hier war ja der einzig mögliche Ausweg für den, der sich gefangen sah. Natürlich weiß der Jüngling die Gebote; aber wer will denn aus der Fülle der Gebote wissen, welches Gebot gerade ihm, gerade jetzt gilt? Die Offenbarung des Gebotes ist vieldeutig, ist unklar, sagt der Jüngling. Er sieht nicht die Gebote, sondern er sieht wiederum nur sich selbst, seine Probleme, seine Konflikte. Vom klaren Gebot Gottes zieht er sich zurück auf die interessante unbestreitbar menschliche Situation des „ethischen Konflikts“. Nicht dies ist daran falsch, daß er diesen Konflikt kennt, sondern daß dieser Konflikt ausgespielt wird gegen die Gebote Gottes. Vielmehr sind die Gebote gerade dazu gegeben, um den ethischen Konflikt zu Ende zu bringen. Der ethische Konflikt als das ethische Urphänomen des Menschen nach dem Fall ist selbst der Widerspruch des Menschen gegen Gott. Die Schlange im Paradies legte diesen Konflikt in das Herz des ersten Menschen. „Sollte Gott gesagt haben?“ Vom klaren Gebot und vom einfältigen kindlichen Gehorsam wird der Mensch losgerissen durch den ethischen Zweifel, durch den Hinweis darauf, daß das Gebot ja noch durchaus der Auslegung und Deutung bedarf. „Sollte Gott gesagt haben?“ Der Mensch selbst soll darüber entscheiden, in der Kraft seines Wissens um Gut und Böse, in Kraft seines Gewissens, was das Gute sei. Das Gebot ist vieldeutig, Gott will, daß der Mensch es deute und auslege und sich in Freiheit entscheide. [46]

Damit ist der Gehorsam gegen das Gebot schon verweigert. An die Stelle des einfältigen Tuns ist ein zwiefältiges Denken getreten. Der Mensch des freien Gewissens rühmt sich gegen das Kind des Gehorsams. Die Berufung auf den ethischen Konflikt ist die Aufsage des Gehorsams. Es ist der Rückzug von der Wirklichkeit Gottes auf das Mögliche des Menschen, vom Glauben auf den Zweifel. So geschieht nun das Unerwartete, daß dieselbe Frage, in der der Jüngling seinen Ungehorsam zu verhüllen sucht, ihn enthüllt als den, der er ist, nämlich als den Menschen unter der Sünde. Diese Enthüllung vollzieht sich durch die Antwort Jesu. Die offenbaren Gebote Gottes werden genannt. Indem Jesus sie nennt, bestätigt er sie aufs neue als Gottes Gebote. Abermals ist der Jüngling gestellt. Er hoffte noch einmal in die Unverbindlichkeit eines Gespräches über ewige Fragen durchbrechen zu können. Er hoffte, Jesus werde ihm eine Lösung des ethischen Konflikts bieten. Statt dessen wird nicht die Frage, sondern er selbst angepackt. Die einzige Antwort auf die Not des ethischen Konflikts ist das Gebot Gottes selbst und damit die Forderung, jetzt nicht mehr zu diskutieren, sondern endlich zu gehorchen. Nur der Teufel hat eine Lösung des ethischen Konflikts anzubieten, und die heißt: Bleibe im Fragen, so bist du frei vom Gehorchen. Jesus zielt nicht auf das Problem des Jünglings, sondern auf den Jüngling selbst. Er nimmt den von dem Jüngling so todernst genommenen ethischen Konflikt gar nicht ernst. Ernst ist ihm nur eines, nämlich daß der Jüngling endlich das Gebot hört und gehorcht. Gerade dort, wo der ethische Konflikt so ernst genommen sein will, wo er den Menschen quält und knechtet, weil er ihn nicht zur befreienden Tat des Gehorsams kommen läßt, gerade dort enthüllt sich seine ganze Gottlosigkeit, dort muß er in seiner ganzen ungöttlichen Unernsthaftigkeit als definitiver Ungehorsam offenbar werden. Ernst ist allein die gehorsame Tat, die den Konflikt beendet und [47] zerstört, in der wir befreit sind zum Kinde Gottes. Das ist die göttliche Diagnose, die dem Jüngling gestellt wird.

Zweimal ist der Jüngling nun unter die Wahrheit des Wortes Gottes gestellt. Er kommt um das Gebot Gottes nicht mehr herum. Jawohl, das Gebot ist klar, und man muß ihm gehorchen! Aber – es genügt nicht! „Das habe ich alles gehalten von meiner Jugend auf, was fehlt mir noch?“ Der Jüngling wird bei dieser Antwort von der Aufrichtigkeit seines Anliegens ebenso überzeugt gewesen sein, wie in allem Vorangegangenen. Eben darin liegt ja sein Trotz gegen Jesus. Er kennt das Gebot, er hat es gehalten, aber er meint, das könne nicht der ganze Wille Gottes sein, es müsse noch etwas dazukommen, etwas Außerordentliches, Einzigartiges. Das will er tun. Das offenbare Gebot Gottes ist unvollkommen, sagt der Jüngling in seiner letzten Flucht vor dem wahren Gebot, in seinem letzten Versuch, bei sich selbst zu bleiben, selbst zu entscheiden über Gut und Böse. Das Gebot wird jetzt bejaht, aber es wird zugleich frontal angegriffen. „Das habe ich alles gehalten; was fehlt mir noch?“ Markus fügt an dieser Stelle ein: „Und Jesus sah ihn an und liebte ihn“ (10,21). Jesus erkennt, wie hoffnungslos sich der Jüngling verschlossen hat gegen das lebendige Wort Gottes, wie er mit ganzem Ernst, mit seinem ganzen Wesen wütet gegen das lebendige Gebot, gegen den schlichten Gehorsam. Er will dem Jüngling helfen, er liebte ihn. Darum gibt er ihm die letzte Antwort: „Willst du vollkommen sein, so gehe hin, verkaufe, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben; und komm und folge mir nach!“ – Dreierlei ist in diesen Worten an dem Jüngling zu beachten:

Erstens, es ist jetzt Jesus selbst, der gebietet. Jesus, der eben noch den Jüngling von dem guten Meister an den allein guten Gott gewiesen hatte, nimmt nun selbst die Vollmacht in Anspruch, das letzte Wort und Gebot zu sagen. Der Jüng-[48]ling muß erkennen, daß vor ihm der Sohn Gottes selbst steht. Es war die dem Jüngling verborgene Sohnschaft Jesu, die ihn von sich weg auf den Vater weisen ließ, womit er sich vollkommen mit seinem Vater einte. Es ist die selbe Einheit, die Jesus jetzt das Gebot des Vaters selbst sprechen läßt. Unmißverständlich klar muß das dem Jüngling werden, als er den Ruf Jesu in die Nachfolge vernimmt. Das ist die Summe aller Gebote, der Jüngling soll in der Gemeinschaft des Christus leben, Christus ist das Ziel der Gebote. Dieser Christus steht ihm jetzt gegenüber und ruft ihn. Es gibt keine Ausflucht mehr in die Unwahrheit des ethischen Konflikts Das Gebot ist eindeutig: Folge mir nach.

Das zweite ist dies: Auch dieser Ruf in die Nachfolge bedarf noch einer Klärung, um unmißverständlich zu sein. Es muß dem Jüngling unmöglich gemacht werden, die Nachfolge selbst wiederum als ethisches Abenteuer, als absonderlichen interessanten, aber gegebenenfalls doch noch revozierbaren Weg und Lebensstil mißzuverstehen. Die Nachfolge wäre auch dann noch mißverstanden, wenn der Jüngling sie als einen letzten Abschluß seines bisherigen Tuns und Fragens ansehen könnte, als eine Addition des Vorangegangenen, als Ergänzung, Vervollständigung, Vervollkommnung des Bisherigem. Es muß darum zur unmißverständlichen Klärung eine Situation geschaffen werden, die es nicht zuläßt, daß man hinter sie wieder zurück kann, eine unrevozierbare Situation, und zugleich muß in ihr deutlich werden, daß sie keineswegs nur eine Ergänzung des Bisherigen ist. Diese erforderte Situation wird geschaffen durch die Aufforderung Jesu zur freiwilligen Armut. Sie ist die existentielle, die seelsorgerliche Seite der Sache. Sie will dem Jüngling helfen, endlich recht zu verstehen und recht gehorsam zu sein. Sie entspringt der Liebe Jesu zu dem Jüngling. Sie ist nur das Zwischenglied zwischen dem bisherigen Weg des Jünglings und der Nachfolge. Aber sie ist – wohlgemerkt – [49] nicht identisch mit der Nachfolge selbst, sie ist nicht einmal der erste Schritt in der Nachfolge, sondern der Gehorsam, in dem Nachfolge erst wirklich werden kann. Erst soll der Jüngling hingehen, alles verkaufen und den Armen geben, und dann kommen und nachfolgen. Das Ziel ist die Nachfolge, der Weg in diesem Falle die freiwillige Armut.

Und das dritte: Jesus nimmt die Frage des Jünglings, was ihm noch fehle, auf. „Willst du vollkommen sein, …“, das könnte den Anschein erwecken, als werde hier tatsächlich von einer Hinzufügung zum Bisherigen geredet. Es ist auch eine Hinzufügung, in deren Inhalt aber bereits die Aufhebung alles Bisherigen beschlossen ist. Der Jüngling ist eben bisher nicht vollkommen; denn er hat das Gebot falsch verstanden und falsch getan. Er kann es jetzt nur recht verstehen und recht tun in der Nachfolge, aber eben auch hier nur, weil Jesus Christus ihn dazu beruft. Indem er die Frage des Jünglings aufnimmt, entwindet er sie ihm. Der Jüngling fragte nach seinem Weg zum ewigen Leben, Jesus antwortet: Ich rufe dich, das ist alles.

Der Jüngling suchte eine Antwort auf seine Frage. Die Antwort heißt: Jesus Christus. Der Jüngling wollte das Wort des guten Meisters hören, nun erkennt er, daß dieses Wort – der Mann, den er fragte, selbst ist. Der Jüngling steht vor Jesus, dem Sohne Gottes, die volle Begegnung ist da. Es gibt nur noch Ja oder Nein, Gehorsam oder Ungehorsam. Die Antwort des Jünglings ist Nein. Traurig ging der Jüngling davon, er sah sich enttäuscht, betrogen um seine Hoffnung, und er kann doch von seiner Vergangenheit nicht lassen. Er hatte viele Güter. Der Ruf in die Nachfolge bekommt auch hier keinen anderen Inhalt als Jesus Christus selbst, die Bindung an ihn, die Gemeinschaft mit ihm. Aber nicht schwärmerische Verehrung eines guten Meisters, sondern Gehorsam gegen den Sohn Gottes ist die Existenz des Nachfolgenden. [50]

Diese Geschichte vom reichen Jüngling hat ihre genaue Entsprechung in der Rahmenerzählung zum Gleichnis vom barmherzigen Samariter.

Und siehe, da stand ein Schriftgelehrter auf, versuchte ihn und sprach: Meister, was muß ich tun, daß ich das ewige Leben ererbe? Er aber sprach zu ihm: Wie stehet im Gesetz geschrieben? Wie liesest du? Er antwortete und sprach: „Du sollst Gott, deinen Herrn, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüte und deinen Nächsten als dich selbst.“ Er aber sprach zu ihm: Du hast recht geantwortet. Tue das, so wirst du leben. Er aber wollte sich selbst rechtfertigen und sprach zu Jesu: Wer ist denn mein Nächster?“ (Lk. 10,25-29).

Die Frage des Schriftgelehrten ist dieselbe wie die des Jünglings. Nur ist hier von vornherein festgestellt, daß es eine versucherische Frage ist. Die Lösung steht für den Versucher schon fest. Sie soll in der Aporie des ethischen Konflikts auslaufen. Jesu Antwort gleicht der an den reichen Jüngling vollkommen. Der Fragende weiß im Grunde die Antwort auf seine Frage, aber indem er noch fragt, obwohl er schon weiß, will er sich dem Gehorsam gegen Gottes Gebot entziehen. Es bleibt für ihn nur noch die Auskunft: Tue was du weißt, so wirst du leben.

So ist ihm seine erste Position abgewonnen. Es folgt, abermals wie beim Jüngling, die Flucht in den ethischen Konflikt: Wer ist denn mein Nächster? Unzählige Male ist seither dem versucherischen Schriftgelehrten diese Frage gutgläubig und unwissend nachgesprochen worden, sie erfreut sich des Ansehens einer ernsten und vernünftigen Frage eines suchenden Menschen. Aber man hat den Zusammenhang nicht recht gelesen. Die ganze Geschichte vom barmherzigen Samariter ist eine einzige Abwehr und Zerstörung dieser Frage als einer satanischen durch Jesus. Sie ist eine Frage ohne Ende, ohne Antwort. Sie entspringt den „zer-[51]rütteten Sinnen derer, die der Wahrheit beraubt sind“, „die die Seuche der Fragen und Wortkriege haben“. Aus ihr „entspringt Neid, Hader, Lästerung, böser Argwohn, Schulgezänk“ (1. Tim. 6,4f.). Es ist die Frage der Aufgeblasenen, die „immerdar lernen und können doch nimmer zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“, „die den Schein eines gottseligen Wesens haben, aber seine Kraft verleugnen sie“ (2. Tim. 3,5ff.). Sie sind untüchtig zum Glauben, sie fragen so, weil sie „ein Brandmal im Gewissen haben“ (1. Tim. 4,2), weil sie nicht gehorsam sein wollen dem Worte Gottes. Wer ist mein Nächster? Gibt es eine Antwort darauf, ob es mein leiblicher Bruder, mein Volksgenosse, mein Bruder in der Gemeinde oder mein Feind sei? Läßt sich nicht eins wie das andere mit gleichem Recht behaupten und verneinen? Ist nicht das Ende dieser Frage Zwiespalt und Ungehorsam? Ja, diese Frage ist der Aufruhr gegen Gottes Gebot selbst. Ich will ja gehorsam sein, aber Gott sagt mir nicht, wie ich es kann. Gottes Gebot ist zweideutig, es läßt mich im ewigen Konflikt. Die Frage: was soll ich tun?, war der erste Betrug. Die Antwort ist: Tue das Gebot, das du weißt. Nicht fragen sollst du, sondern tun. Die Frage: Wer ist denn mein Nächster? ist die letzte Frage der Verzweiflung oder der Selbstsicherheit, in der der Ungehorsam sich rechtfertigt. Die Antwort ist: Du selbst bist der Nächste. Gehe hin und sei gehorsam in der Tat der Liebe. Nächster zu sein, ist nicht eine Qualifikation des Anderen, sondern ist sein Anspruch an mich, sonst nichts. In jedem Augenblick, in jeder Situation bin ich der zum Handeln, zum Gehorsam Geforderte. Es ist buchstäblich keine Zeit dafür übrig, nach einer Qualifikation des Anderen zu fragen. Ich muß handeln und muß gehorchen, ich muß dem Anderen der Nächste sein. Fragst du abermals erschreckt, ob ich denn nicht vorher wissen und bedenken müsse, wie ich zu handeln habe, – so gibt es darauf nur die Auskunft, daß ich das nicht anders wissen und bedenken kann, als indem ich eben [52] immer schon handle, indem ich mich selbst immer schon als den Geforderten weiß. Was Gehorsam ist, lerne ich allein im Gehorchen, nicht durch Fragen. Erst im Gehorsam erkenne ich die Wahrheit. Aus dem Zwiespalt des Gewissens und der Sünde trifft uns der Ruf Jesu zur Einfalt des Gehorsams. Aber der reiche Jüngling wurde von Jesus in die Gnade der Nachfolge gerufen, der versucherische Schriftgelehrte wird zurückgestoßen ins Gebot. [53]

Der einfältige Gehorsam

Als Jesus vom reichen Jüngling freiwillige Armut forderte, da wußte dieser, daß es hier nur Gehorsam oder Ungehorsam gab. Als Levi vom Zoll, Petrus von den Netzen gerufen wurde, da war es nicht zweifelhaft, daß es Jesus mit diesem Ruf ernst war. Sie sollten alles verlassen und nachfolgen. Als Petrus auf das schwankende Meer gerufen wird, da muß er aufstehen und den Schritt wagen. Es war in all dem nur eines gefordert, sich auf das Wort Jesu Christi zu verlassen, dieses Wort für einen tragfähigeren Boden zu halten als alle Sicherheiten der Welt. Die Mächte, die sich zwischen das Wort Jesu und den Gehorsam stellen wollten, waren damals ebenso groß wie heute. Die Vernunft widersprach, das Gewissen, die Verantwortung, die Pietät, ja selbst das Gesetz und das Schriftprinzip traten ins Mittel, um dieses Äußerste, diese gesetzlose „Schwärmerei“ zu verhüten. Aber der Ruf Jesu durchbrach dieses alles und schuf sich Gehorsam. Es war Gottes eigenes Wort. Einfältiger Gehorsam war gefordert.

Würde Jesus Christus durch die heilige Schrift heute zu einem von uns so sprechen, so würden wir wohl folgendermaßen argumentieren: Jesus befiehlt etwas ganz Bestimmtes, das ist wahr. Wenn aber Jesus befiehlt, dann soll ich wissen, daß er niemals gesetzlichen Gehorsam fordert, sondern daß er nur eines von mir will, nämlich daß ich glaube. Mein Glaube aber ist nicht gebunden an Armut oder Reichtum oder ähnliches, vielmehr kann ich im Glauben beides, arm und reich sein. Nicht darauf kommt es an, daß ich keine Güter habe, sondern daß ich die Güter so habe, als hätte ich sie nicht, und daß ich innerlich von ihnen frei bin, daß [54] ich mein Herz nicht an meinen Reichtum hänge. Also, Jesus sagt etwa: Verkaufe deine Güter! Jesus meint aber: Nicht darauf kommt es in Wahrheit an, daß du das nun auch äußerlich vollziehst, vielmehr sollst du die Güter ruhig behalten, aber du sollst sie haben, als hättest du sie nicht. Hänge dein Herz nicht an die Güter. Unser Gehorsam gegen das Wort Jesu würde also darin bestehen, daß wir den einfältigen Gehorsam als gesetzlich gerade verweigern, um dann „im Glauben“ gehorsam zu sein. Damit unterscheiden wir uns vom reichen Jüngling. Er vermag sich in seiner Traurigkeit nicht damit zu beruhigen, daß er zu sich sagte: ich will nun zwar trotz des Wortes Jesu reich bleiben, aber ich will innerlich von meinem Reichtum frei werden und mich in aller meiner Unzulänglichkeit der Vergebung der Sünde trösten und im Glauben mit Jesus Gemeinschaft haben; sondern er ging traurig davon und war mit dem Gehorsam um den Glauben gekommen. Darin war der Jüngling ganz aufrichtig. Er trennte sich von Jesus, und gewiß hat diese Aufrichtigkeit größere Verheißung als eine Scheingemeinschaft mit Jesus, die auf dem Ungehorsam beruht. Offenbar stand es nach der Meinung Jesu mit dem Jüngling so, daß dieser sich eben nicht innerlich von seinem Reichtum freimachen konnte. Vermutlich hatte der Jüngling als ernster und strebender Mensch das tausendmal selbst versucht. Daß es mißlang, zeigt die Tatsache, daß er im entscheidenden Augenblick dem Wort Jesu nicht zu gehorchen vermochte. Darin war also der Jüngling aufrichtig. Wir unterscheiden uns aber mit unserer Argumentation vom biblischen Hörer des Wortes Jesu überhaupt. Sagt Jesus zu diesem: Laß alles andere zurück und folge mir nach, geh aus deinem Beruf, aus deiner Familie, aus deinem Volk und Vaterhaus!, so hatte dieser gewußt: Auf diesen Ruf gibt es nur die Antwort des einfältigen Gehorsams und dies darum, weil eben diesem Gehorsam die Verheißung der Gemeinschaft mit Jesus gegeben [55] ist. Wir aber würden sagen: Der Ruf Jesu ist zwar „unbedingt ernstzunehmen“, aber der wahre Gehorsam gegen ihn besteht darin, daß ich nun gerade in meinem Beruf, in meiner Familie bleibe und ihm dort diene, und zwar in wahrer innerer Freiheit. Jesus würde also rufen: Heraus! – Wir verstehen ihn aber, wie er es eigentlich meint: Bleib drinnen!, freilich als einer, der innerlich herausgetreten ist. Oder Jesus würde sagen: Sorget nicht; wir aber würden verstehen: Natürlich müssen wir sorgen und arbeiten für die Unsern und für uns. Alles andere wäre ja unverantwortlich. Aber innerlich sollen wir freilich von solcher Sorge frei sein. Jesus würde sagen: So dir jemand einen Streich gibt auf die rechte Backe, so biete ihm auch die andere dar; wir würden verstehe: Gerade im Kampf, gerade im Widerschlagen soll erst die wahre Liebe zum Bruder ganz groß werden. Jesus würde sagen: Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes; wir würden verstehen: Natürlich hätten wir zuerst nach allerlei anderen Dingen zu trachten. Wie sollten wir sonst existieren? Gemeint sei eben die letzte innere Bereitschaft, für das Reich Gottes alles einzusetzen. Es ist überall dasselbe, nämlich die bewußte Aufhebung des einfältigen, wörtlichen Gehorsams.

Wie ist solche Verkehrung möglich? Was ist geschehen, daß das Wort Jesu sich dieses Spiel gefallen lassen muß? daß es so dem Spott der Welt ausgeliefert wird? Wo immer sonst in der Welt Befehle ausgegeben werden, sind die Verhältnisse klar. Ein Vater sagt zu seinem Kind: Geh ins Bett!, so weiß das Kind wohl, woran es ist. Ein pseudotheologisch dressiertes Kind aber müßte nun folgendermaßen argumentieren: Der Vater sagt: Geh ins Bett. Er meint, du bist müde; er will nicht, daß ich müde bin. Ich kann über meine Müdigkeit auch hinwegkommen, indem ich spielen gehe. Also, der Vater sagt zwar: Geh ins Bett!, er meint aber eigentlich: Geh spielen. Mit einer solchen Argumentation würde [56] das Kind beim Vater, würde der Bürger bei der Obrigkeit auf eine sehr unmißverständliche Sprache stoßen, nämlich auf Strafe. Nur dem Befehl Jesu gegenüber soll das anders sein. Hier soll einfältiges Gehorchen verkehrt, ja Ungehorsam sein. Wie ist das möglich?

Es ist dadurch möglich, daß dieser verkehrten Argumentation tatsächlich etwas ganz richtiges zugrunde liegt. Der Befehl Jesu an den reichen Jüngling bzw. der Ruf in die Situation, in der geglaubt werden kann, hat tatsächlich nur das eine Ziel, den Menschen zum Glauben an ihn, d. h. in seine Gemeinschaft zu rufen. Es hängt letzten Endes gar nichts an dieser oder jener Tat des Menschen, sondern es hängt alles an dem Glauben an Jesus als den Sohn Gottes und Mittler. Es hängt letzten Endes allerdings nichts an Armut oder Reichtum, Ehe oder Ehelosigkeit, Beruf oder Nicht-Beruf, sondern es hängt alles am Glauben. Soweit haben wir also ganz recht, es ist möglich, in Reichtum und Besitz der Güter der Welt an Christus zu glauben, so daß man diese Güter hat, als hätte man sie nicht. Aber diese Möglichkeit ist eine letzte Möglichkeit christlicher Existenz überhaupt, eine Möglichkeit angesichts der ernsten Erwartung der unmittelbar bevorstehenden Wiederkunft Christi, und gerade nicht die erste und einfältigste Möglichkeit. Das paradoxe Verständnis der Gebote hat sein christliches Recht, aber es darf niemals dazu führen, daß es das einfältige Verständnis der Gebote aufhebt. Es hat vielmehr sein Recht und seine Möglichkeit nur für den, der an irgendeinem Punkt seines Lebens mit dem einfältigen Verständnis schon ernstgemacht hat, der so in der Gemeinschaft Jesu, in der Nachfolge, in der Erwartung des Endes steht. Es ist die unendlich viel schwerere, ja die menschlich gesprochen unmögliche Möglichkeit, Jesus Ruf paradox zu verstehen, und sie ist gerade als solche dauernd in der äußersten Gefahr, in ihr Gegenteil umzuschlagen und zum bequemen Ausweg, zur [57] Flucht vor dem konkreten Gehorsam zu werden. Wer nicht weiß, daß es ihm unendlich viel leichter wäre, das Gebot Jesu einfältig zu verstehen und wörtlich zu gehorchen, also etwa die Güter auf einen Befehl Jesu tatsächlich hinzugeben, statt sie zu behalten, der hat kein Recht zu dem paradoxen Verständnis des Wortes Jesu. Es ist also notwendig in dem paradoxen Verständnis des Gebotes Jesu das wörtliche immer mit eingeschlossen.

Der konkrete Ruf Jesu und der einfältige Gehorsam hat seinen unwiderruflichen Sinn. Jesus ruft damit in die konkrete Situation, in der ihm geglaubt werden kann; darum ruft er so konkret und will eben so verstanden sein, weil er weiß, daß nur im konkreten Gehorsam der Mensch frei wird zum Glauben.

Wo der einfältige Gehorsam grundsätzlich eliminiert wird, dort ist abermals aus der teuren Gnade des Rufes Jesu die billige Gnade der Selbstrechtfertigung geworden. Dort ist aber damit auch ein falsches Gesetz aufgerichtet, das das Ohr gegen den konkreten Ruf Christi verstockt. Dieses falsche Gesetz ist das Gesetz der Welt, dem das Gesetz der Gnade gegenübertritt und entspricht. Die Welt ist hier nicht die in Christus überwundene und in seiner Gemeinschaft täglich neu zu überwindende, sondern sie ist zum starren, undurchbrechbaren prinzipiellen Gesetz geworden. Gnade aber ist dann auch nicht mehr das Geschenk des lebendigen Gottes, in dem wir der Welt entrissen und in den Gehorsam Christi gestellt werden, sondern sie ist ein allgemeines göttliches Gesetz, ein göttliches Prinzip, um dessen Anwendung auf den Spezialfall es allein noch geht. Der prinzipielle Kampf gegen „die Gesetzlichkeit“ des einfältigen Gehorsams richtet selbst das allergefährlichste Gesetz auf, das Gesetz der Welt und das Gesetz der Gnade. Der prinzipielle Kampf gegen die Gesetzlichkeit ist selbst am allergesetzlichsten. Gesetzlichkeit wird allein überwunden durch den wirk-[58]lichen Gehorsam gegen den gnädigen Ruf Jesu in seine Nachfolge, in der das Gesetz durch Jesus selbst erfüllt und aufgehoben ist.

Wo der einfältige Gehorsam grundsätzlich eliminiert wird, dort wird ein unevangelisches Schriftprinzip eingeführt. Voraussetzung für das Schriftverständnis ist dann die Verfügung über einen Schlüssel zum Schriftverständnis. Dieser Schlüssel ist aber hier nicht der lebendige Christus selbst in Gericht und Gnade, und die Handhabung dieses Schlüssels liegt nicht mehr allein im Willen des lebendigen heiligen Geistes, sondern der Schlüssel der Schrift ist eine allgemeine Gnadenlehre, und wir selbst verfügen über seine Handhabung. Das Problem der Nachfolge erweist sich hier auch als ein hermeneutisches Problem. Es muß einer evangelischen Hermeneutik klar sein, daß es zwar nicht ohne weiteres angeht, uns mit den von Jesus Gerufenen unmittelbar zu identifizieren; vielmehr gehören ja die Gerufenen der Schrift selbst mit zum Worte Gottes und damit zur Verkündigung. Wir hören in der Predigt nicht nur die Antwort Jesu auf die Frage eines Jüngers, die auch unsere Frage wäre, sondern Frage und Antwort zusammen sind als Wort der Schrift Gegenstand der Verkündigung. Einfältiger Gehorsam wäre also hermeneutisch mißverstanden, wenn wir in direkter Gleichzeitigkeit mit dem Gerufenen handeln und nachfolgen wollten. Aber der Christus, der uns in der Schrift verkündigt wird, ist durch sein ganzes Wort hindurch ein solcher, der den Glauben nur dem Gehorsamen und nur dem Gehorsamen den Glauben schenkt. Nicht zurück hinter das Wort der Schrift zu den realen Vorgängen können und dürfen wir gehen, sondern unter dem ganzen Worte der Schrift werden wir in die Nachfolge gerufen, eben weil wir der Schrift nicht durch das Prinzip, und sei es eine Gnadenlehre, gesetzlich Gewalt antun wollen.

Es bleibt also dabei, daß das paradoxe Verständnis des Ge-[59]botes Jesu das einfältige Verständnis einschließt, gerade weil wir nicht ein Gesetz aufrichten, sondern Christus verkündigen wollen. Damit erübrigt sich nun fast ein Wort gegen den Verdacht, es könne mit diesem einfältigen Gehorsam von irgendeiner Verdienstlichkeit des Menschen, von einem facere quod in se est, von einer zu erfüllenden Vorbedingung des Glaubens geredet werden. Gehorsam gegen den Ruf Jesu ist niemals die eigenmächtige Tat des Menschen. Es ist also auch keineswegs etwa die Weggabe der Güter an sich schon geforderter Gehorsam; es könnte durchaus sein, daß mit solchem Schritt gerade nicht Gehorsam gegen Jesus geschieht, sondern freie Setzung eines eigenen Lebensstils, eines christlichen Ideals, eines franziskanischen Armutsideals. Es könnte also gerade in der Weggabe der Güter der Mensch sich selbst und ein Ideal bejahen und nicht das Gebot Jesu, nicht frei von sich, sondern noch mehr in sich gefangen werden. Der Schritt in die Situation ist eben kein Angebot des Menschen an Jesus, sondern immer das gnädige Angebot Jesu an den Menschen. Nur wo er so getan wird, ist er legitim, aber dort ist er allerdings keine freie Möglichkeit des Menschen mehr.

Jesus aber sprach zu seinen Jüngern: Wahrlich, ich sage euch: Ein Reicher wird schwer ins Himmelreich kommen. Und weiter sage ich euch: Es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, denn daß ein Reicher ins Reich Gottes komme. Da das seine Jünger hörten, entsetzten sie sich sehr und sprachen: Ja, wer kann denn selig werden? Jesus aber sah sie an und sprach zu ihnen: Bei den Menschen ist’s unmöglich; aber bei Gott sind alle Dinge möglich“ (Mt. 19,23-26).

Aus dem Entsetzen der Jünger über das Wort Jesu und aus ihrer Frage, wer denn selig werden könne, geht hervor, daß sie den Fall des reichen Jünglings nicht für einen Einzelfall halten, sondern für den allgemeinsten Fall schlechthin. [60] Sie fragen ja nicht: Welcher Reiche?, sondern ganz allgemein: „Wer“ kann denn selig werden?, eben weil ja alle, weil die Jünger selbst zu diesen Reichen gehören, für die es so schwer ist, in das Himmelreich zu kommen. Die Antwort Jesu bestätigt diese Auslegung seiner Worte durch die Jünger. Selig werden in der Nachfolge ist keine Möglichkeit bei den Menschen, aber bei Gott sind alle Dinge möglich. [61]

Die Nachfolge und das Kreuz

Und er hob an, sie zu lehren: Des Menschen Sohn muß viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und über drei Tage auferstehen. Und er redete das Wort frei offenbar. Und Petrus nahm ihn zu sich, fing an, ihm zu wehren. Er aber wandte sich um und sah seine Jünger an und bedrohte Petrus und sprach: Gehe hinter mich, du Satan! denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist. Und er rief zu sich das Volk samt seinen Jüngern und sprach zu ihnen: Wer mir will nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben will behalten, der wird es verlieren; und wer sein Leben verliert um meinet- und des Evangeliums willen, der wird’s behalten. Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme an seiner Seele Schaden? Oder was kann der Mensch geben, damit er seine Seele löse? Wer sich aber mein und meiner Worte schämt unter diesem ehebrecherischen und sündigen Geschlecht, des wird sich auch des Menschen Sohn schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln“ (Mk. 8,31-38).

Der Ruf in die Nachfolge steht hier im Zusammenhang mit der Leidensverkündigung Jesu. Jesus Christus muß leiden und verworfen werden. Es ist das Muß der Verheißung Gottes, auf daß die Schrift erfüllet werde. Leiden und Verworfenwerden ist nicht dasselbe. Jesus konnte ja der im Leiden noch gefeierte Christus sein. Auf dem Leiden könnte ja noch das ganze Mitleid und die Bewunderung der Welt liegen. [62] Das Leiden könnte als tragisches noch in sich selbst eigenen Wert, eigene Ehre und Würde tragen. Jesus ist aber der im Leiden verworfene Christus. Das Verworfenwerden nimmt dem Leiden jede Würde und Ehre. Es soll ein ehrloses Leiden sein. Leiden und Verworfenwerden sind der zusammenfassende Ausdruck für das Kreuz Jesu. Kreuzestod heißt als Verworfener, Ausgestoßener leiden und sterben. Jesus muß leiden und verworfen werden kraft göttlicher Notwendigkeit. Jeder Versuch, das Notwendige zu verhindern, ist satanisch. Selbst oder gerade dort, wo er aus dem Kreis der Jünger kommt; denn er will Christus nicht Christus sein lassen. Daß es Petrus, der Fels der Kirche, ist, der sich hier schuldig macht unmittelbar nach seinem Bekenntnis zu Jesus Christus und nach seiner Einsetzung durch ihn, besagt, daß die Kirche von Anbeginn an selbst an dem leidenden Christus Anstoß nimmt. Sie will einen solchen Herrn nicht, und sie will sich als Kirche Christi nicht das Gesetz des Leidens durch ihren Herrn aufzwingen lassen. Der Einspruch des Petrus ist sein Unwille, sich zum Leiden zu schicken. Damit ist der Satan in die Kirche gefahren. Er will sie vom Kreuz ihres Herrn losreißen.

So ist für Jesus die Notwendigkeit gegeben, das Muß des Leidens nun auch klar und eindeutig auf seine Jünger zu beziehen. Wie Christus nur Christus ist als der leidende und verworfene, so ist der Jünger nur Jünger als der leidende und verworfene, als der mitgekreuzigte. Die Nachfolge als die Bindung an die Person Jesu Christi stellt den Nachfolgenden unter das Gesetz Christi, d. h. unter das Kreuz.

Die Mitteilung dieser unveräußerlichen Wahrheit an die Jünger aber beginnt nun merkwürdigerweise damit, daß Jesus seine Jünger noch einmal ganz freigibt. „Wenn einer mir nachfolgen will“ – sagt Jesus. Es ist ja keine Selbstverständlichkeit, nicht einmal unter den Jüngern. Es kann ja keiner gezwungen werden, es kann ja nicht einmal von ir-[63]gendeinem erwartet werden, vielmehr: „Wenn einer“, allen anderen Angeboten, die an ihn herantreten, zum Trotz nachfolgen will –. Noch einmal ist alles auf die Entscheidung gestellt, mitten in der Nachfolge, in der die Jünger stehen, wird noch einmal alles abgebrochen, alles offengelassen, nichts erwartet, nichts erzwungen. So einschneidend ist das, was jetzt gesagt werden soll. Also noch einmal, bevor das Gesetz der Nachfolge verkündigt wird, müssen sich selbst die Jünger freigeben lassen.

„Wenn einer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst“. Wie Petrus in der Verleugnung Christi sagte: ich kenne diesen Menschen nicht, so soll der Nachfolgende nun zu sich selbst sagen. Selbstverleugnung kann niemals aufgehen in einer noch so großen Fülle einzelner Akte der Selbstzermarterung oder asketischen Übungen; es heißt nicht Selbstmord, weil auch hier noch der Eigenwille des Menschen sich durchsetzen kann. Selbstverleugnung heißt nur Christus kennen, nicht mehr sich selbst, nur noch ihn sehen, der vorangeht, und nicht mehr den Weg, der uns zu schwer ist. Selbstverleugnung sagt wiederum nur: Er geht voran, halte dich fest an ihn.

„– und nehme sein Kreuz auf sich“. Es ist die Gnade Jesu, daß er seine Jünger auf dieses Wort vorbereitet hat durch das Wort von der Selbstverleugnung. Haben wir uns wirklich ganz vergessen, kennen wir uns selbst nicht mehr, dann allein können wir bereit sein, das Kreuz zu tragen um seinetwillen. Kennen wir nur noch ihn, dann kennen wir auch die Schmerzen unseres Kreuzes nicht mehr, dann sehen wir ja nur noch ihn. Hätte uns Jesus nicht so freundlich vorbereitet auf dieses Wort, so könnten wir es nicht tragen. So aber hat er uns instandgesetzt, auch dieses harte Wort als Gnade zu vernehmen. Es trifft uns an in der Freude der Nachfolge und bestärkt uns in ihr.

Kreuz ist nicht Ungemach und schweres Schicksal, sondern [64] es ist das Leiden, das uns aus der Bindung an Jesus Christus allein erwächst. Kreuz ist nicht zufälliges, sondern notwendiges Leiden. Kreuz ist nicht an die natürliche Existenz gebundenes Leiden, sondern an das Christsein gebundenes Leiden. Kreuz ist überhaupt nicht nur wesentlich Leiden, sondern Leiden und Verworfenwerden, und auch hier streng genommen, um Jesu Christi willen verworfen werden, nicht um irgendeines anderen Verhaltens oder Bekenntnisses willen. Eine Christlichkeit, die die Nachfolge nicht mehr ernst nahm, die aus dem Evangelium allein den billigen Glaubenstrost gemacht hatte und für die im übrigen natürliche und christliche Existenz ungeschieden ineinander lag, mußte das Kreuz als das tägliche Ungemach, als die Not und Angst unseres natürlichen Lebens verstehen. Hier war vergessen, daß Kreuz immer zugleich Verworfensein bedeutet, daß die Schmach des Leidens zum Kreuz gehört. Im Leiden ausgestoßen, verachtet und verlassen zu sein von den Menschen, wie es die nicht endenwollende Klage des Psalmisten ist, dieses wesentliche Merkmal des Kreuzesleidens kann eine Christlichkeit nicht mehr begreifen, die bürgerliche und christliche Existenz nicht zu unterscheiden weiß. Kreuz ist Mitleiden mit Christus, Christusleiden. Allein die Bindung an Christus, wie sie in der Nachfolge geschieht, steht ernstlich unter dem Kreuz.

„– der hebe sein Kreuz auf“ – es liegt schon bereit, von Anfang an, er braucht es nur aufzuheben. Damit aber keiner meine, er müsse sich selbst irgendein Kreuz suchen, er müsse willkürlich ein Leiden aufsuchen, sagt Jesus, es sei einem jeden sein Kreuz schon bereit, ihm von Gott bestimmt und zugemessen. Er soll das ihm verordnete Maß von Leiden und Verworfensein tragen. Es ist für jeden ein anderes Maß. Den einen würdigt Gott großer Leiden, er schenkt ihm die Gnade des Martyriums, den anderen läßt er nicht über seine Kraft versucht werden. Doch ist es das Eine Kreuz. [65]

Jedem Christen wird es auferlegt. Das erste Christusleiden, das jeder erfahren muß, ist der Ruf, der uns aus den Bindungen dieser Welt herausruft. Es ist das Sterben des alten Menschen in der Begegnung mit Jesus Christus. Wer in die Nachfolge eintritt, gibt sich in den Tod Jesu, er setzt sein Leben ins Sterben, das ist von Anfang an so; das Kreuz ist nicht das schreckliche Ende eines frommen glücklichen Lebens, sondern es steht am Anfang der Gemeinschaft mit Jesus Christus. Jeder Ruf Christi führt in den Tod. Ob wir mit den ersten Jüngern Haus und Beruf verlassen müssen, um ihm zu folgen, oder ob wir mit Luther aus dem Kloster in den weltlichen Beruf hineingehen, es wartet in beidem der eine Tod auf uns, der Tod an Jesus Christus, das Absterben unseres alten Menschen an dem Rufe Jesu. Weil der Ruf Jesu an den reichen Jüngling ihm den Tod bringt, weil er nur als einer, der seinem eigenen Willen abgestorben ist, folgen kann, weil jedes Gebot Jesu uns sterben heißt mit allen unseren Wünschen und Begierden, und weil wir unseren eigenen Tod nicht wollen können, darum muß Jesus Christus in seinem Wort unser Tod und unser Leben sein. Der Ruf in die Nachfolge Jesu, die Taufe auf den Namen Jesu Christi ist Tod und Leben. Der Ruf Christi, die Taufe stellt den Christen in den täglichen Kampf gegen Sünde und Teufel. So bringt jeder Tag mit seiner Anfechtung durch Fleisch und Welt neue Leiden Jesu Christi über den Jünger. Die Wunden, die hier geschlagen werden und die Narben, die ein Christ aus diesem Kampf davonträgt, sind lebendige Zeichen der Kreuzesgemeinschaft mit Jesus. Aber noch ein anderes Leiden und eine andere Entehrung bleibt keinem Christen erspart. Zwar ist allein Christi eigenes Leiden Versöhnungsleiden, aber weil Christus um der Sünde der Welt willen gelitten hat, weil auf ihn alle Last der Schuld fiel und weil Jesus Christus seinen Nachfolgern die Frucht seines Leidens zueignet, darum fällt auch auf den [66] Jünger die Anfechtung und die Sünde, sie bedeckt ihn mit lauter Schande und stößt ihn wie den Sündenbock aus den Toren der Stadt. So wird der Christ zum Träger von Sünde und Schuld für andere Menschen. Er müßte darunter zusammenbrechen, wenn er nicht selbst von dem getragen wäre, der alle Sünden trug. So aber kann er in der Kraft des Leidens Christi die Sünden, die auf ihn fallen, überwinden, indem er sie vergibt. Der Christ wird zum Lastträger, – einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen (Gal. 6,2). Wie Christus unsere Last trägt, so sollen wir die Last der Brüder tragen, das Gesetz Christi, das erfüllt werden muß, ist das Kreuztragen. Die Last des Bruders, die ich zu tragen habe, ist nicht nur dessen äußeres Geschick, dessen Art und Veranlagung, sondern sie ist im eigentlichsten Sinne seine Sünde. Ich kann sie nicht anders tragen, als indem ich sie ihm vergebe, in der Kraft des Kreuzes Christi, dessen ich teilhaftig geworden bin. So stellt der Ruf Jesu zum Kreuztragen jeden Nachfolgenden in die Gemeinschaft der Sündenvergebung. Sündenvergebung ist gebotenes Christusleiden des Jüngers. Es ist allen Christen auferlegt.

Wie aber soll der Jünger wissen, was sein Kreuz ist? Er wird es empfangen, wenn er in die Nachfolge des leidenden Herrn eintritt, er wird in der Gemeinschaft Jesu sein Kreuz erkennen.

So wird das Leiden zum Kennzeichen der Nachfolger Christi. Der Jünger ist nicht über seinen Meister. Nachfolge ist passio passiva, Leidenmüssen. So hat Luther unter die Zeichen der rechten Kirche das Leiden zählen können. So hat eine Vorarbeit zur Augustana die Kirche bestimmt als die Gemeinde derer, „die verfolgt und gemartert werden über dem Evangelium“. Wer sein Kreuz nicht aufnehmen will, wer sein Leben nicht zum Leiden und zur Verwerfung durch die Menschen geben will, der verliert die Gemeinschaft mit [67] Christus, der ist kein Nachfolger. Wer aber sein Leben in der Nachfolge verliert, im Kreuztragen, der wird es in der Nachfolge selbst, in der Kreuzesgemeinschaft mit Christus wiederfinden. Das Gegenteil zur Nachfolge ist das Sichschämen Christi, sich des Kreuzes schämen, das Ärgernis am Kreuz.

Nachfolge ist Bindung an den leidenden Christus. Darum ist das Leiden der Christen nichts Befremdliches. Es ist vielmehr lauter Gnade und Freude. Die Akten der ersten Märtyrer der Kirche bezeugen es, daß Christus den Seinen den Augenblick des höchsten Leidens verklärt durch die unbeschreibliche Gewißheit seiner Nähe und Gemeinschaft. So wurde ihnen mitten in der furchtbarsten Qual, die sie um ihres Herrn willen ertragen, die höchste Freude und Seligkeit seiner Gemeinschaft zuteil. Das Tragen des Kreuzes erwies sich ihnen als die einzige Überwindung des Leidens. Das aber gilt für alle, die Christus nachfolgen, weil es für Christus selbst galt.

Jesus ging hin ein wenig, fiel nieder auf sein Angesicht und betete und sprach: Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch von mir; doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst! … Zum andernmal ging er wieder hin, betete und sprach: Mein Vater, ist’s nicht möglich, daß dieser Kelch von mir gehe, ich trinke ihn denn, so geschehe dein Wille!“ (Mt. 26,39 u. 42).

Jesus bittet den Vater, der Kelch möge vorüber gehen, und der Vater erhört die Bitte des Sohns. Der Kelch des Leidens wird an Jesus vorübergehen, aber allein darin, daß er getrunken wird. Das weiß Jesus, als er in Gethsemane zum zweiten Male niederkniet, daß das Leiden vorübergehen wird, indem er es erleidet. Allein durch das Tragen wird er das Leiden überwinden und besiegen. Sein Kreuz ist seine Überwindung.

Leiden ist Gottferne. Darum kann der, der in der Gemeinschaft Gottes steht, nicht leiden. Jesus hat diesen Satz des [68] Alten Testaments bejaht. Darum gerade nimmt er das Leiden der ganzen Welt auf sich und überwindet es darin. Er trägt die ganze Gottferne. Eben darin, daß er den Kelch trinkt, geht er vorüber. Jesus will das Leiden der Welt überwinden, darum muß er es ganz auskosten. So bleibt zwar das Leiden Gottferne, aber in der Gemeinschaft des Leidens Jesu Christi ist das Leiden durch Leiden überwunden, ist Gottesgemeinschaft gerade im Leiden geschenkt.

Das Leiden muß getragen werden, damit es vorübergeht. Entweder die Welt muß es tragen und daran zugrundegehen, oder es fällt auf Christus und wird in ihm überwunden. So leidet Christus stellvertretend für die Welt. Allein sein Leiden ist erlösendes Leiden. Aber auch die Gemeinde weiß nun, daß das Leiden der Welt einen Träger sucht. So fällt in der Nachfolge Christi das Leiden auf sie, und sie trägt es, indem sie selbst von Christus getragen ist. Stellvertretend steht die Gemeinde Jesu Christi für die Welt vor Gott, indem sie nachfolgt unter dem Kreuz.

Gott ist ein Gott des Tragens. Der Sohn Gottes trug unser Fleisch, er trug darum das Kreuz, er trug alle unsere Sünden und schuf durch sein Tragen Versöhnung. So ist auch der Nachfolger zum Tragen berufen. Im Tragen besteht das Christsein. Wie Christus im Tragen die Gemeinschaft des Vaters bewahrt, so ist das Tragen des Nachfolgenden Gemeinschaft mit Christus. Der Mensch kann die ihm auferlegte Last auch abschütteln. Aber er wird damit nicht von der Last überhaupt frei, sondern er trägt nun eine viel schwerere, unerträglichere Last. Er trägt das selbstgewählte Joch seiner selbst. Jesus hat alle, die mit mancherlei Leiden und Lasten beladen sind, gerufen, ihr Joch abzuwerfen und sein Joch auf sich zu nehmen, das sanft, und seine Last, die leicht ist. Sein Joch und seine Last ist das Kreuz. Unter diesem Kreuz zu gehen ist nicht Elend und Verzweiflung, sondern Erquickung und Ruhe für die Seelen, ist höchste Freude. [69] Hier gehen wir nicht mehr unter selbstgemachten Gesetzen und Lasten, sondern unter dem Joch dessen, der uns kennt und der selbst mit unter dem Joch geht. Unter seinem Joch sind wir seiner Nähe und Gemeinschaft gewiß. Er selbst ist es, den der Nachfolgende findet, wenn er sein Kreuz aufnimmt.

„Es muß gehen nicht nach deinem Verstand, sondern über deinen Verstand; senk dich in Unverstand, so gebe ich dir meinen Verstand. Unverstand ist der rechte Verstand; nicht wissen, wohin du gehest, das ist recht wissen, wohin du gehest. Mein Verstand macht dich gar unverständig. So ging aus Abraham von seinem Vaterland und wußte nicht, wohin. Er gab sich in mein Wissen und ließ fahren sein Wissen, und ist kommen den rechten Weg an das rechte Ende. Siehe, das ist der Weg des Kreuzes, den kannst du nicht finden, sondern ich muß dich führen als einen Blinden; darum nicht du, nicht ein Mensch, nicht eine Kreatur, sondern ich, ich selbst will dich unterweisen durch meinen Geist und Wort den Weg, da du inne wandeln sollst. Nicht das Werk, das du erwählest, nicht das Leiden, das du erdenkest, sondern das dir wider dein Erwählen, Denken, Begierden zukommet, da folge, da rufe ich, da sei Schüler, da ist es Zeit, dein Meister ist da kommen“ (Luther). [70]

Die Nachfolge und der Einzelne

So jemand zu mir kommt und haßt nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kinder, Brüder, Schwestern, auch dazu sein eigen Leben, der kann nicht mein Jünger sein“ (Lk. 14,26).

Der Ruf Jesu in die Nachfolge macht den Jünger zum Einzelnen. Ob er will oder nicht, er muß sich entscheiden, er muß sich allein entscheiden. Es ist nicht eigene Wahl, Einzelner sein zu wollen, sondern Christus macht den Gerufenen zum Einzelnen. Jeder ist allein gerufen. Er muß allein folgen. In der Furcht vor diesem Alleinsein sucht der Mensch Schutz bei den Menschen und Dingen um ihn herum. Er entdeckt auf einmal alle seine Verantwortlichkeiten und klammert sich an sie. In ihrer Deckung will er seine Entscheidung fällen, aber er will Jesus nicht allein gegenüberstehen, mit dem Blick auf ihn allein sich entscheiden müssen. Aber nicht Vater und Mutter, nicht Weib und Kind, nicht Volk und Geschichte decken den Gerufenen in dieser Stunde. Christus will den Menschen einsam machen, er soll nichts sehen als den, der ihn rief.

In dem Ruf Jesu ist der Bruch mit den natürlichen Gegebenheiten, in denen der Mensch lebt, bereits vollzogen. Nicht der Nachfolgende vollzieht ihn, sondern Christus selbst hat ihn schon vollzogen, wenn er ruft. Christus hat den Menschen aus seiner Unmittelbarkeit zur Welt gelöst und in die Unmittelbarkeit zu sich selbst gestellt. Kein Mensch kann Christus nachfolgen, ohne daß er den bereits vollzogenen Bruch anerkennt und bejaht. Nicht die Willkür eines eigenwilligen Lebens, sondern Christus selbst führt den Jünger so in den Bruch. [71]

Warum muß das so sein? Warum gibt es nicht ein ungebrochenes Hineinwachsen, ein langsames heiligendes Fortschreiten aus den natürlichen Ordnungen in die Gemeinschaft Christi? Was für eine ärgerliche Macht stellt sich hier zwischen den Menschen und die gottgegebenen Ordnungen seines natürlichen Lebens? Ist dieser Bruch nicht gesetzlicher Methodismus? Ist das nicht jene unfrohe Verachtung der guten Gaben Gottes, die mit der Freiheit des Christenmenschen nichts gemein hat? Es ist richtig, es stellt sich in der Tat etwas zwischen den von Christus Gerufenen und die Gegebenheiten seines natürlichen Lebens. Aber das ist kein unfroher Verächter des Lebens, das ist kein Gesetz der Frömmigkeit, sondern es ist das Leben und das Evangelium selbst, es ist Christus selbst. Er hat sich mit seiner Menschwerdung zwischen mich und die Gegebenheiten der Welt gestellt. Ich kann nicht mehr zurück. Er ist in der Mitte. Er hat dem Gerufenen jede Unmittelbarkeit zu diesen Gegebenheiten geraubt. Er will das Mittel sein, es soll alles allein durch ihn geschehen. Er steht nicht nur zwischen mir und Gott, sondern er steht eben damit auch in der Mitte zwischen mir und der Welt, zwischen mir und den anderen Menschen und Dingen. Er ist der Mittler, nicht nur zwischen Gott und Mensch, sondern auch zwischen Mensch und Mensch, zwischen Mensch und Wirklichkeit. Weil alle Welt durch ihn und zu ihm geschaffen ist (Joh. 1,3; 1. Kor. 8,6; Hebr. 1,2), darum ist er der einzige Mittler in der Welt. Es gibt seit Christus kein unmittelbares Verhältnis des Menschen mehr, weder zu Gott noch zur Welt; Christus will der Mittler sein. Zwar bieten sich Götter genug an, die dem Menschen unmittelbaren Zugang gewähren, zwar versucht die Welt mit allen Mitteln sich zum Menschen unmittelbar zu verhalten, aber eben hierin liegt die Feindschaft gegen Christus, den Mittler. Götter und Welt wollen Christus entreißen, was er ihnen geraubt hat, nämlich einzig und allein unmittelbar zum Menschen zu sein. [72]

Der Bruch mit den Unmittelbarkeiten der Welt ist nichts anderes als die Erkenntnis Christi als des Sohnes Gottes, des Mittlers. Er ist niemals ein willkürlicher Akt, in dem sich ein Mensch um irgendeines Ideals willen von Bindungen der Welt lossagt, ein geringeres Ideal mit einem größeren vertauschend. Das wäre Schwärmerei, Eigenmächtigkeit, ja selbst wiederum Unmittelbarkeit zur Welt. Allein die Anerkennung einer vollzogenen Tatsache, nämlich daß Christus der Mittler ist, trennt den Jünger Jesu von der Welt der Menschen und Dinge. Der Ruf Jesu, sofern er nicht als Ideal, sondern als Wort des Mittlers verstanden wird, vollstreckt diesen vollzogenen Bruch mit der Welt an mir. Handelte es sich um ein Abwägen von Idealen, so müßte ja unter allen Umständen ein Ausgleich gesucht werden, der dann vielleicht zugunsten eines christlichen Ideals ausfallen könnte, aber doch niemals einseitig sein dürfte. Vom Standpunkt der Idealität aus, von den „Verantwortlichkeiten“ des Lebens her wäre es nicht zu rechtfertigen, die natürlichen Lebensordnungen gegenüber einem christlichen Lebensideal radikal abzuwerten. Vielmehr ließe sich sogar sehr viel zugunsten einer umgekehrten Bewertung sagen – wohlgemerkt, gerade auch vom Standpunkt einer christlichen Idealität, einer christlichen Verantwortungs- oder Gewissensethik aus! Weil es sich aber gar nicht um Ideale, Wertungen, Verantwortlichkeiten handelt, sondern um vollzogene Tatsachen und ihre Anerkennung, also um die Person des Mittlers selbst, der sich zwischen uns und die Welt gestellt hat, darum gibt es nur den Bruch mit den Unmittelbarkeiten des Lebens, darum muß der Gerufene Einzelner werden vor dem Mittler.

Der von Jesus Gerufene lernt also, daß er in seiner Beziehung zur Welt in einer Täuschung gelebt hat. Diese Täuschung heißt Unmittelbarkeit. Sie hat ihn am Glauben und am Gehorsam gehindert. Nun weiß er, daß er selbst in den [73] engsten Bindungen seines Lebens, in der Bindung des Blutes an Vater und Mutter, an Kinder, Brüder und Schwestern, in der ehelichen Liebe, in den geschichtlichen Verantwortlichkeiten keine Unmittelbarkeit haben kann. Es gibt seit Jesus für seinen Jünger keine natürlichen, keine geschichtlichen, keine erlebnismäßigen Unmittelbarkeiten. Zwischen Sohn und Vater, zwischen Mann und Weib, zwischen dem Einzelnen und dem Volk steht Christus, der Mittler, ob sie ihn erkennen können oder nicht. Es gibt für uns keinen Weg zum Anderen mehr, als den Weg über Christus, über sein Wort, und unsere Nachfolge. Unmittelbarkeit ist Trug. Weil aber der Trug gehaßt werden muß, der uns die Wahrheit verbirgt, darum muß die Unmittelbarkeit zu den natürlichen Gegebenheiten des Lebens gehaßt werden, um des Mittler Jesu Christi willen. Wo immer eine Gemeinschaft uns hindert, vor Christus ein Einzelner zu sein, wo immer eine Gemeinschaft Anspruch auf Unmittelbarkeit erhebt, dort muß sie um Christi willen gehaßt werden; denn jede Unmittelbarkeit ist, wissentlich oder nicht, Haß gegen Christus den Mittler, auch und gerade dort, wo sie sich christlich verstanden wissen will.

Es ist eine schwere Verirrung der Theologie, wenn sie die Mittlerschaft Jesu zwischen Gott und Mensch dazu benutzt, die Unmittelbarkeiten des Lebens damit zu rechtfertigen. Ist Christus der Mittler, so sagt man, dann hat er ebendamit die Sünde aller unserer Unmittelbarkeiten zur Welt getragen und uns darin gerechtfertigt. Jesus ist unser Mittler mit Gott, damit wir uns wieder mit gutem Gewissen unmittelbar zur Welt verhalten können, zu der Welt, die Christus kreuzigte. Damit ist die Liebe zu Gott mit der Liebe zur Welt auf einen Nenner gebracht. Der Bruch mit den Gegebenheiten der Welt wird jetzt zum „gesetzlichen“ Mißverständnis der Gnade Gottes, die uns diesen Bruch ja gerade ersparen wolle. Aus den Worten Jesu über den Haß gegen [74] die Unmittelbarkeiten wird jetzt das selbstverständliche, freudige Ja zu den „gottgegebenen Wirklichkeiten“ dieser Welt. Aus der Rechtfertigung des Sünders wird abermals die Rechtfertigung der Sünde.

„Gottgegebene Wirklichkeiten“ gibt es für den Nachfolger Jesu nur durch Jesus Christus hindurch. Was mir nicht durch Christus, den menschgewordenen, gegeben wird, ist mir nicht von Gott gegeben. Was mir nicht um Christi willen gegeben ist, kommt nicht von Gott. Der Dank für die Gaben der Schöpfung geschieht durch Jesus Christus, und die Bitte um gnädige Erhaltung dieses Lebens geschieht um Christi willen. Wofür ich nicht um Christi willen danken kann, dafür darf ich überhaupt nicht danken, es wird mir zur Sünde. Auch der Weg zu der „gottgegebenen Wirklichkeit“ des anderen Menschen, mit dem ich zusammenlebe, geht durch Christus, oder es ist ein Irrweg. All unsere Versuche, die Kluft, die uns vom anderen Menschen trennt, die unüberwindliche Distanz, Andersheit, Fremdheit des anderen Menschen durch Mittel natürlicher oder seelischer Verbindung zu überwinden, müssen scheitern. Es führt kein eigener Weg von Mensch zu Mensch. Die liebevollste Einfühlung, die durchdachteste Psychologie, die natürlichste Offenheit dringt nicht zum anderen Menschen vor, es gibt keine seelischen Unmittelbarkeiten. Christus steht dazwischen. Nur durch ihn hindurch geht der Weg zum Nächsten. Darum ist die Fürbitte der verheißungsvollste Weg zum Anderen, und das gemeinsame Gebet im Namen Christi die echteste Gemeinschaft.

Es gibt keine rechte Erkenntnis der Gaben Gottes ohne die Erkenntnis des Mittlers, um dessentwillen allein sie uns gegeben sind. Es gibt keinen echten Dank für Volk, Familie, Geschichte und Natur ohne eine tiefe Buße, die Christus über dem allen allein die Ehre gibt. Es gibt keine echte Bindung an die Gegebenheiten der geschaffenen Welt, es gibt [75] keine echten Verantwortlichkeiten in der Welt ohne die Anerkennung des Bruches, durch den wir bereits von ihr getrennt sind. Es gibt keine echte Liebe zur Welt außer der Liebe, mit der Gott die Welt geliebt hat in Jesus Christus. „Habt nicht lieb die Welt“ (1. Joh. 2,15). Aber: „Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“ (Joh. 3,16).

Der Bruch mit den Unmittelbarkeiten ist unvermeidlich. Ob er sich äußerlich vollzieht im Bruch mit Familie oder Volk, ob einer gerufen wird, hier sichtbar die Schmach Christi zu tragen, den Vorwurf des Menschenhasses (odium generis humani) auf sich zu nehmen, oder ob der Bruch verborgen, von ihm allein gewußt, getragen werden muß in der Bereitschaft, ihn jederzeit sichtbar zu vollziehen, das ist kein letzter Unterschied. Abraham wurde zum Vorbild für beide Möglichkeiten. Er mußte Freundschaft und Vaterhaus verlassen, Christus trat zwischen ihn und die Seinen. Da mußte der Bruch sichtbar werden. Abraham wurde ein Fremdling um des gelobten Landes willen. Das war sein erster Ruf. Später wird Abraham von Gott gerufen, seinen Sohn Isaak zu opfern. Christus tritt zwischen den Vater des Glaubens und den Sohn der Verheißung. Nicht nur natürliche Unmittelbarkeit, sondern selbst geistliche Unmittelbarkeit wird hier zerbrochen. Abraham muß lernen, daß die Verheißung auch nicht an Isaak, sondern eben an Gott allein hängt. Kein Mensch erfährt von diesem Ruf Gottes, selbst die Knechte nicht, die Abraham bis zur Stätte des Opfers begleiten. Abraham bleibt ganz allein. Er ist wiederum ganz und gar Einzelner, wie damals, als er aus seinem Vaterhause auszog. Er nimmt den Ruf, wie er ergangen ist, er deutet nicht an ihm herum, er vergeistigt ihn nicht, er nimmt Gott bei seinem Wort und ist bereit zu gehorchen. Gegen jede natürliche Unmittelbarkeit, gegen jede ethische Unmittelbarkeit, [76] gegen jede religiöse Unmittelbarkeit wird er dem Worte Gottes gehorsam. Er bringt seinen Sohn zum Opfer. Er ist willens, den heimlichen Bruch sichtbar zu vollziehen, um des Mittlers willen. Da wird ihm zur selben Stunde alles wiedergeschenkt, was er hingegeben hatte. Abraham empfängt seinen Sohn zurück. Ein besseres Opfer wird ihm von Gott gezeigt, das an die Stelle des Isaak treten soll. Es ist eine Wendung um 360 Grad, Abraham hat den Isaak wiederbekommen, aber er hat ihn jetzt anders als vorher. Er hat ihn durch den Mittler und um des Mittlers willen. Als der, der bereit war, Gottes Befehl wörtlich zu hören und zu tun, darf er den Isaak haben, als hätte er ihn nicht, darf er ihn haben durch Jesus Christus. Kein anderer Mensch weiß etwas davon. Abraham kommt mit Isaak vom Berge, wie er hinausgegangen war, aber es war alles anders geworden. Christus ist zwischen Vater und Sohn getreten. Abraham hatte alles verlassen und war Christus nachgefolgt, und mitten in der Nachfolge darf er nun wieder in der Welt leben, in der er zuvor lebte. Äußerlich bleibt alles beim alten. Aber das Alte ist vergangen, siehe, es ist alles neu geworden. Es hat alles durch Christus hindurchgemußt.

Das ist die andere Möglichkeit, Einzelner zu sein, mitten in der Gemeinschaft, in Volk und Vaterhaus, Gut und Besitz Christi Nachfolger zu sein. Aber es ist eben Abraham, der zu dieser Existenz gerufen wird, Abraham, der vorher selbst durch den sichtbaren Bruch hindurchgegangen war, dessen Glaube dem Neuen Testament zum Vorbild wurde. Gar zu leicht möchten wir diese Möglichkeit des Abraham verallgemeinern, gesetzlich verstehen, d. h. sie ohne weiteres auf uns selbst beziehen. Das eben sei auch unsere christliche Existenz, mitten in dem Besitz der Güter dieser Welt Christus zu folgen und so Einzelner zu sein. Es ist aber gewiß, daß es der leichtere Weg für den Christen ist, in den äußeren Bruch geführt zu werden, als den heimlichen Bruch verbor-[77]gen im Glauben zu tragen. Wer das nicht weiß, d. h. wer es nicht aus der Schrift und aus der Erfahrung weiß, der betrügt sich gewiß auf dem anderen Wege. Er wird in die Unmittelbarkeit zurückfallen und Christus verlieren.

Es steht nicht in unserer Willkür, diese oder jene Möglichkeit zu wählen. Wir werden nach Jesu Willen so oder anders herausgerufen aus der Unmittelbarkeit, und wir müssen Einzelne werden, sichtbar oder heimlich.

Ebenderselbe Mittler aber, der uns zu Einzelnen macht, ist damit auch der Grund ganz neuer Gemeinschaft. Er steht in der Mitte zwischen dem anderen Menschen und mir. Er trennt, aber er vereint auch. So ist zwar jeder unmittelbare Weg zum Anderen abgeschnitten, aber es wird nun dem Nachfolgenden der neue und allein wirkliche Weg zum Andern über den Mittler gewiesen.

Da sagte Petrus zu ihm: Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Jesus antwortete und sprach: Wahrlich, ich sage euch: Es ist niemand, so er verläßt Haus oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Weib oder Kinder oder Acker um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der nicht hundertfältig empfange: jetzt in dieser Zeit Häuser und Brüder und Schwestern und Mütter und Kinder und Äcker mitten unter Verfolgungen, und in der zukünftigen Welt das ewige Leben. Viele aber werden die Letzten sein, die die Ersten sind, und die Ersten sein, die die Letzten sind“ (Mk. 10,28-31).

Jesus spricht hier zu solchen, die Einzelne geworden sind um seinetwillen, die alles verließen, als er rief, die von sich sagen können: siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt. Ihnen wird die Verheißung neuer Gemeinschaft gegeben. Hundertfältig sollen sie nach Jesu Wort schon in dieser Zeit empfangen, was sie verlassen haben. Jesus spricht hier von seiner Gemeinde, die sich in ihm findet. Wer den Vater verließ um Jesu willen, der findet hier gewiß einen [78] Vater wieder, er findet Brüder und Schwestern, ja es sind ihm sogar Äcker und Häuser bereitet. Jeder tritt allein in die Nachfolge, aber keiner bleibt allein in der Nachfolge. Dem, der es wagt, Einzelner zu werden auf das Wort hin, ist die Gemeinschaft der Gemeinde geschenkt. Er findet sich wieder in einer sichtbaren Bruderschaft, die ihm hundertfältig ersetzt, was er verlor. Hundertfältig? eben darin, daß er jetzt alles nur durch Jesus hat, daß er es hat durch den Mittler, das bedeutet allerdings „unter Verfolgungen“. „Hundertfältig“ – „unter Verfolgungen“, das ist die Gnade der Gemeinde, die ihrem Herrn unter dem Kreuz nachfolgt. Das also ist die Verheißung für die Nachfolgenden, Glieder der Kreuzgemeinde zu werden, Volk des Mittlers, Volk unter dem Kreuz zu sein.

Sie waren aber auf dem Wege und gingen hinauf gen Jerusalem; und Jesus ging vor ihnen, und sie entsetzten sich, folgten ihm nach und fürchteten sich. Und Jesus nahm abermals zu sich die Zwölf und sagte ihnen, was ihm widerfahren würde“ (Mk. 10,32).

Wie zur Bestätigung des Ernstes seines Rufes in die Nachfolge und zugleich der Unmöglichkeit der Nachfolge aus menschlicher Kraft, und der Verheißung, unter Verfolgungen ihm zuzugehören, geht Jesus nun voran nach Jerusalem zum Kreuz, und die ihm Nachfolgenden kommt Staunen und Furcht an über diesen Weg, auf den er sie ruft. [79]

Die Bergpredigt

Matthäus 5:
Vom „Außerordentlichen“ des christlichen Lebens.

Die Seligpreisungen

Jesus am Berghang, die Volksmenge, die Jünger. Das Volk sieht: Da ist Jesus mit seinen Jüngern, die zu ihm getreten sind. Die Jünger – sie gehörten ja selbst noch vor kurzem ganz und gar zur Menge des Volkes. Sie waren wie alle anderen auch. Dann kam der Ruf Jesu; da ließen sie alles zurück und folgten ihm nach. Seitdem gehören sie zu Jesus, ganz und gar. Nun gehen sie mit ihm, leben mit ihm, folgen ihm, wohin er sie auch führt. Es ist an ihnen etwas geschehen, was an den anderen nicht geschah. Das ist eine äußerst beunruhigende und anstößige Tatsache, die das Volk hier sichtbar vor Augen hat. Die Jünger sehen: Da ist das Volk, aus dem sie kommen, die verlorenen Schafe vom Hause Israel. Es ist die berufene Gemeinde Gottes. Es ist die Volkskirche. Als sie aus diesem Volk erwählt wurden durch Jesu Ruf, da taten sie, was für die verlorenen Schafe des Hauses Israel das Selbstverständliche und Notwendige ist, sie folgten der Stimme des guten Hirten, denn sie kannten seine Stimme. Sie gehören also gerade mit ihrem Weg diesem Volk zu, sie werden in diesem Volk leben, in es hineingehen und ihm den Ruf Jesu und die Herrlichkeit der Nachfolge predigen. Aber was wird das Ende sein? Jesus sieht: da sind seine Jünger. Sie sind aus dem Volk heraus sichtbar [80] zu ihm getreten. Jeden einzelnen hat er gerufen. Sie haben auf alles Verzicht getan auf seinen Ruf hin. Nun leben sie in Entbehrung und Mangel, sie sind die Ärmsten unter den Armen, die Angefochtensten unter den Angefochtenen, die Hungrigsten unter den Hungrigen. Sie haben nur ihn. Ja, und mit ihm haben sie in der Welt nichts, gar nichts, aber alles, alles bei Gott. Es ist eine kleine Gemeinde, die er gefunden hat, und es ist eine große Gemeinde, die er sucht, wenn er das Volk ansieht. Jünger und Volk, sie gehören zusammen, die Jünger werden seine Boten sein, sie werden auch hier und dort Hörer und Gläubige finden. Und doch, es wird eine Feindschaft bis ans Ende zwischen ihnen sein. Aller Zorn gegen Gott und sein Wort wird auf seine Jünger fallen und sie werden mit ihm verstoßen sein. Das Kreuz kommt in Sicht. Christus, die Jünger, das Volk – das ist schon das ganze Bild der Leidensgeschichte Jesu und seiner Gemeinde[2].

Darum: selig! Jesus spricht zu den Jüngern. (Vgl. Lk. 6,20ff.). Er spricht zu denen, die schon unter der Gewalt seines Rufes stehen. Dieser Ruf hat sie arm, angefochten, hungrig gemacht. Er preist sie selig, nicht um ihres Mangels oder um ihres Verzichtes willen. Weder Mangel noch Verzicht sind an sich in irgendeiner Weise Grund zur Seligpreisung. Allein der Ruf und die Verheißung, um derentwillen die Nachfolgenden in Mangel und Verzicht leben, ist Grund genug. Die Beobachtung, daß in einigen Seligpreisungen vom Mangel, in anderen vom bewußten Verzicht bzw. von besonderen Tugenden der Jünger gesprochen ist, ist ohne Bedeutung. Objektiver Mangel und persönliches Verzichten haben ihren [81] gemeinsamen Grund in dem Ruf und der Verheißung Christi. Keines von beiden hat in sich Wert und Anspruch[3].

Jesus preist seine Jünger selig. Das Volk hört es und ist entsetzt Zeuge dessen, was da geschieht. Was nach Gottes Verheißung dem ganzen Volk Israel gehört, fällt hier der kleinen Gemeinde der von Jesus erwählten Jünger zu. „Das Himmelreich ist ihr“. Aber die Jünger und das Volk sind ja darin eins, daß sie alle Gottes berufene Gemeinde sind. So soll die Seligpreisung Jesu allen zur Entscheidung und zum Heil werden. Alle sind gerufen zu sein, was sie in Wahrheit sind. Seliggepriesen werden die Jünger um des Rufes Jesu willen, dem sie gefolgt sind. Seliggepriesen wird das ganze Volk Gottes um der Verheißung willen, die ihm gilt. Aber wird Gottes Volk die Verheißung nun auch im Glauben an Jesus Christus und sein Wort ergreifen oder wird es sich im Unglauben von Christus und seiner Gemeinde scheiden? Das bleibt die Frage.

Selig sind, die da geistlich arm sind, denn das Himmelreich ist ihr“. Mangel haben die Jünger an allen Stücken. Sie sind schlechthin „arm“ (Lk. 6,20). Keine Sicherheit, kein [82] Besitz, den sie ihr eigen nennen könnten, kein Stück Erde, das sie ihre Heimat nennen dürften, keine irdische Gemeinschaft, der sie ganz gehören dürften. Aber auch keine eigene geistliche Kraft, Erfahrung, Erkenntnis, auf die sie sich berufen, deren sie sich getrösten könnten. Um seinetwillen haben sie das alles verloren. Als sie ihm nachfolgten, da verloren sie ja sich selbst und damit auch alles, was sie noch reich machen konnte. Nun sind sie arm, so unerfahren, so töricht, daß sie auf nichts mehr hoffen können als auf den, der sie gerufen hat. Jesus kennt ja auch jene anderen, die Vertreter und Prediger der Volksreligion, diese Mächtigen, Angesehenen, die fest gegründet auf der Erde stehen in Volkstum, Zeitgeist, Volksfrömmigkeit unlösbar verwurzelt. Aber nicht zu ihnen, sondern allein zu seinen Jüngern sagt er: Selig, – denn das Himmelreich ist ihr. Über ihnen, die um Jesu willen schlechthin in Verzicht und Mangel leben, bricht das Himmelreich an. Sie sind mitten in der Armut Erben des himmlischen Reiches. Sie haben ihren Schatz tief in der Verborgenheit, sie haben ihn am Kreuz. Das Himmelreich ist ihnen verheißen in sichtbarer Herrlichkeit, und es ist ihnen auch schon geschenkt in der vollkommenen Armut des Kreuzes.

Hier unterscheidet sich Jesu Seligpreisung gänzlich von ihrer Karikatur in der Gestalt politisch-sozialer Programmatik. Auch der Antichrist preist die Armen selig, aber er tut es nicht um des Kreuzes willen, in dem alle Armut beschlossen und selig ist, sondern gerade um der Abwehr des Kreuzes willen durch politisch-soziale Ideologie. Er mag diese Ideologie christlich nennen und wird doch gerade darin zum Feind Christi.

Selig sind die Leidtragenden, denn sie sollen getröstet werden.“ Mit jeder weiteren Seligpreisung vertieft sich die Kluft zwischen den Jüngern und dem Volk. Immer sichtbarer wird die Jüngerschaft herausgerufen. Die Leidtragenden sind ja [83] die, die im Verzicht auf das, was die Welt Glück und Frieden nennt, zu leben bereit sind, die mit der Welt nicht auf einen Ton gestimmt werden können, die sich der Welt nicht gleichstellen können. Sie tragen Leid über die Welt, ihre Schuld, ihr Schicksal und ihr Glück. Die Welt feiert und sie stehen abseits; die Welt schreit: freut euch des Lebens, und sie trauern. Sie sehen, daß das Schiff, auf dem festlicher Jubel ist, schon leck ist. Die Welt phantasiert von Fortschritt, Kraft, Zukunft, die Jünger wissen um das Ende, das Gericht und die Ankunft des Himmelreiches, für das die Welt so gar nicht geschickt ist. Darum sind die Jünger Fremdlinge in der Welt, lästige Gäste, Friedensstörer, die verworfen werden. Warum muß die Gemeinde Jesu bei so viel Festen des Volkes, in dem sie lebt, draußen stehen? Ob sie ihre Mitmenschen nicht mehr versteht? Ob sie dem Menschenhaß und der Menschenverachtung verfallen ist? Keiner versteht seine Mitmenschen besser als die Gemeinde Jesu. Keiner liebt die Mitmenschen mehr als die Jünger Jesu – eben darum stehen sie draußen, eben darum tragen sie Leid. Es ist bedeutungsvoll und schön, daß Luther das griechische Wort hier mit Leid-Tragen übersetzt. Aufs Tragen nämlich kommt es an. Die Jüngergemeinde schüttelt das Leid nicht ab, als hätte sie nichts damit zu schaffen, sondern sie trägt es. Eben darin ist ihre Verbundenheit mit den Mitmenschen bekundet. Zugleich ist damit gesagt, daß sie das Leid nicht willkürlich sucht, daß sie nicht in eigenwilliger Weltverachtung sich entzieht, sondern trägt, was ihr auferlegt ist und was auf sie fällt um Jesu Christi willen in der Nachfolge. Schließlich aber werden die Jünger von dem Leid auch nicht mürbe gemacht, zerrieben und bitter, so daß sie daran zerbrechen. Sie tragen es vielmehr in der Kraft dessen, der sie trägt. Die Jünger tragen das ihnen auferlegte Leid allein in der Kraft dessen, der am Kreuz alles Leid trägt. Sie stehen als Leidtragende in der Gemeinschaft des Gekreuzigten. [84] Sie stehen als Fremdlinge in der Kraft dessen, der der Welt so fremd war, daß sie ihn kreuzigte. Dies ist ihr Trost, vielmehr dieser ist ihr Trost, ihr Tröster (vgl. Lk. 2,25). Die Fremdlingsgemeinde wird getröstet im Kreuz, sie wird getröstet darin, daß sie an den Ort gestoßen wird, an dem der Tröster Israels auf sie wartet. So findet sie ihre wahre Heimat bei dem gekreuzigten Herrn, hier und in Ewigkeit.

Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen.“ Kein eigenes Recht schützt diese Fremdlingsgemeinde in der Welt. Sie beanspruchen es auch nicht, denn das sind die Sanftmütigen, die in Verzicht auf jedes eigene Recht leben um Jesu Christi willen. Schilt man sie, so sind sie still, tut man ihnen Gewalt, so dulden sie es, stößt man sie weg, so weichen sie. Sie prozessieren nicht um ihr Recht, sie machen kein Aufsehen, wenn ihnen Unrecht geschieht. Sie wollen kein eigenes Recht. Sie wollen alles Recht Gott allein lassen; non cupidi vindictae, lautet die altkirchliche Auslegung. Was ihrem Herrn Recht ist, das soll ihnen auch Recht sein. Nur das. In jedem Wort, in jeder Gebärde wird es offenbar, daß sie nicht auf diese Erde gehören. Laßt ihnen den Himmel, sagt die Welt mitleidig, da gehören sie hin[4]. Aber Jesus sagt: sie sollen das Erdreich besitzen. Diesen Rechtlosen und Ohnmächtigen gehört die Erde. Die sie jetzt besitzen mit Gewalt und Unrecht, sollen sie verlieren, und die hier ganz auf sie Verzicht geleistet haben, die sanftmütig waren bis zum Kreuz, sollen die neue Erde beherrschen. Es wird hier nicht an innerweltliche Strafgerechtigkeit Gottes zu denken sein (Calvin), sondern wenn das Himmelreich herabkommt, dann wird die Gestalt der Erde erneuert werden, und es wird die Erde der Gemeinde Jesu sein. Gott verläßt die Erde nicht. Er hat sie erschaffen. Er hat seinen Sohn auf [85] die Erde gesandt. Er baute seine Gemeinde auf Erden. So ist der Anfang schon in dieser Zeit gemacht. Ein Zeichen ist gegeben. Schon hier ist den Ohnmächtigen ein Stück Erde gegeben, die haben die Kirche, ihre Gemeinschaft, ihre Güter, Brüder und Schwestern – mitten unter Verfolgungen bis ans Kreuz. Aber auch Golgatha ist ein Stück Erde. Von Golgatha her, wo der Sanftmütigste starb, soll die Erde neu werden. Wenn das Reich Gottes kommt, dann werden die Sanftmütigen das Erdreich besitzen.

Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden.“ Nicht nur im Verzicht auf das eigene Recht, sondern sogar im Verzicht auf die eigene Gerechtigkeit leben die Nachfolgenden. Sie haben keinerlei eigenen Ruhm aus dem, was sie tun und opfern. Sie können Gerechtigkeit nicht anders haben als in Hunger und Durst nach ihr; weder eigene Gerechtigkeit, noch die Gerechtigkeit Gottes auf Erden; sie sehen allezeit auf die zukünftige Gerechtigkeit Gottes, aber sie können sie nicht selbst aufrichten. Die Jesus nachfolgen, werden hungrig und durstig auf dem Weg. Nach Vergebung aller Sünden und völliger Erneuerung tragen sie Verlangen, nach dem Neuwerden der Erde und vollkommener Gerechtigkeit Gottes. Noch deckt der Fluch der Welt diese zu, noch fällt die Sünde der Welt auf sie. Der, dem sie nachfolgen, muß als Verfluchter am Kreuz sterben. Ein verzweifeltes Verlangen nach der Gerechtigkeit ist sein letzter Schrei: mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Der Jünger aber ist nicht über seinen Meister. Ihm folgen sie nach. Selig sind sie darin, denn ihnen ist verheißen, daß sie satt werden sollen. Gerechtigkeit sollen sie empfangen, nicht nur durchs Ohr, sondern leibliche Sättigung mit Gerechtigkeit soll ihnen widerfahren. Das Brot des wahrhaftigen Lebens sollen sie essen im zukünftigen Abendmahl mit ihrem Herrn. Um dieses zukünftigen Brotes willen sind sie selig; denn sie haben dieses [86] Brot ja schon gegenwärtig. Der das Brot des Lebens ist, ist in all ihrem Hunger unter ihnen. Das ist die Seligkeit der Sünder.

Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“ Diese Besitzlosen, diese Fremdlinge, diese Ohnmächtigen, diese Sünder, diese Nachfolger Jesu leben mit ihm nun auch im Verzicht auf die eigene Würde, denn sie sind barmherzig. Sie haben nicht genug an eigener Not, eigenem Mangel, sondern sie machen sich auch noch fremder Not, fremder Niedrigkeit, fremder Schuld teilhaftig. Sie haben eine unwiderstehliche Liebe zu den Geringen, Kranken, Elenden, zu den Erniedrigten und Vergewaltigten, zu den Unrechtleidenden und Ausgestoßenen, zu allem, was sich quält und sorgt; sie suchen die in Sünde und Schuld Geratenen. Keine Not ist zu tief, keine Sünde zu furchtbar, die Barmherzigkeit geht zu ihr ein. Die eigene Ehre schenkt der Barmherzige dem in Schande Geratenen und nimmt dessen Schande auf sich. Er läßt sich finden bei den Zöllnern und Sündern und trägt die Schmach ihrer Gemeinschaft willig. Das höchste Gut des Menschen, die eigene Würde und Ehre, geben sie hin und sind barmherzig. Nur eine Würde und Ehre kennen sie: die Barmherzigkeit ihres Herrn, aus der allein sie leben. Er schämte sich nicht seiner Jünger, er wurde den Menschen ein Bruder, er trug ihre Schande bis zum Tod am Kreuz. Das ist die Barmherzigkeit Jesu, aus der die an ihn Gebundenen allein leben wollen, die Barmherzigkeit des Gekreuzigten. Diese Barmherzigkeit läßt sie alle eigene Ehre und Würde vergessen und allein die Gemeinschaft der Sünder suchen. Fällt nun Schande auf sie, so sind sie doch selig. Denn sie sollen Barmherzigkeit erlangen. Gott wird sich einst tief zu ihnen herabbeugen und sich ihrer Sünde und Schande annehmen. Gott wird seine Ehre ihnen geben und ihre Unehre selbst von ihnen nehmen. Es wird Gottes Ehre sein, die Schmach der Sünder zu tragen und [87] sie mit seiner Ehre zu kleiden. Selig sind die Barmherzigen, weil sie den Barmherzigen zum Herrn haben.

Selig sind, die reines Herzens sind, denn sie sollen Gott schauen.“ Wer ist reines Herzens? Allein der, der sein Herz Jesus ganz hingegeben hat, daß er allein darin herrsche; der sein Herz nicht befleckt durch eigenes Böses, aber auch nicht durch eigenes Gutes. Das reine Herz ist das einfältige Herz des Kindes, das nicht weiß um Gut und Böse, das Herz Adams vor dem Fall, das Herz, in dem nicht das Gewissen, sondern Jesu Wille herrscht. Wer im Verzicht steht auf das eigene Gute und Böse, auf das eigene Herz, wer so in der Buße steht, und allein an Jesus hängt, dessen Herz ist rein durch das Wort Jesu. Reinheit des Herzens steht hier im Gegensatz zu aller äußerlichen Reinheit, zu der selbst die Reinheit der guten Gesinnung noch gehört. Das reine Herz ist rein von Gut und Böse, es gehört ganz und ungeteilt Christus an, es sieht allein auf ihn, der vorangeht. Gott schauen wird allein der, der in diesem Leben allein auf Jesus Christus gesehen hat, den Sohn Gottes. Sein Herz ist frei von befleckenden Bildern, nicht hin- und hergezogen durch die Mannigfaltigkeit eigener Wünsche und Absichten. Es ist ganz im Anschauen Gottes hingenommen. Gott schauen wird der, dessen Herz ein Spiegel des Bildes Jesu Christi geworden ist.

Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ Jesu Nachfolger sind zum Frieden berufen. Als Jesus sie rief, fanden sie ihren Frieden. Jesus ist ihr Friede. Nun sollen sie den Frieden nicht nur haben, sondern auch schaffen[5]. Damit tun sie Verzicht auf Gewalt und Aufruhr. [88] In der Sache Christi ist damit niemals etwas geholfen. Das Reich Christi ist ein Reich des Friedens, und die Gemeinde Christi grüßt sich mit dem Friedensgruß. Die Jünger Jesu halten Frieden, indem sie lieber selbst leiden, als daß sie einem Anderen Leid tun, sie bewahren Gemeinschaft, wo der Andere sie bricht, sie verzichten auf Selbstbehauptung und halten dem Haß und Unrecht stille. So überwinden sie Böses mit Gutem. So sind sie Stifter göttlichen Friedens mitten in einer Welt des Hasses und Krieges. Nirgends aber wird ihr Frieden größer sein als dort, wo sie den Bösen im Frieden begegnen und von ihnen zu leiden bereit sind. Die Friedfertigen werden mit ihrem Herrn das Kreuz tragen; denn am Kreuz wurde der Friede gemacht. Weil sie so in das Friedenswerk Christi hereingezogen sind, berufen zum Werk des Sohnes Gottes, darum werden sie selbst Söhne Gottes genannt werden.

Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden, denn das Himmelreich ist ihr.“ Es ist hier nicht die Rede von der Gerechtigkeit Gottes, sondern vom Leiden um einer gerechten Sache[6], um des gerechten Urteilens und Tuns der Jünger Jesu willen. In Urteil und Tat werden sich die, die Jesus nachfolgen in Verzicht auf Besitz, auf Glück, auf Recht, auf Gerechtigkeit, auf Ehre, auf Gewalt, unterscheiden von der Welt; sie werden der Welt anstößig sein. Darum werden die Jünger um Gerechtigkeit willen verfolgt werden. Nicht Anerkennung, sondern Verwerfung ist der Lohn ihres Wortes und Werkes durch die Welt. Es ist wichtig, daß Jesus seine Jünger auch dort selig preist, wo sie nicht unmittelbar um des Bekenntnisses zu seinem Namen willen, sondern um einer gerechten Sache willen leiden. Es wird ihnen dieselbe Verheißung zuteil wie den Armen. Als die Verfolgten sind sie ja ihnen gleich. [89]

Hier am Ende der Seligpreisungen entsteht die Frage, welcher Ort dieser Welt einer solchen Gemeinde eigentlich noch bleibt. Es ist deutlich geworden, daß es für sie nur einen Ort gibt, nämlich den, an dem der Allerärmste, Allerangefochtenste, Allersanftmütigste zu finden ist, das Kreuz auf Golgatha. Die Gemeinde der Seliggepriesenen ist die Gemeinde des Gekreuzigten. Mit ihm verlor sie alles und mit ihm fand sie alles. Vom Kreuz her heißt es nun: selig, selig. Nun aber spricht Jesus ganz allein zu denen, die es begreifen können, zu den Jüngern, darum in direkter Anrede:

Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und reden allerlei Übles wider euch, so sie daran lügen. Seid fröhlich und getrost; es wird euch im Himmel wohl belohnt werden. Denn also haben sie verfolgt die Propheten, die vor euch gewesen sind.“

„Um meinetwillen“ – die Jünger werden geschmäht, aber getroffen wird Jesus selbst. Auf ihn fällt alles, denn um seinetwillen werden sie geschmäht. Er trägt die Schuld. Das Schmähwort, die tödliche Verfolgung und die üble Nachrede besiegeln die Seligkeit der Jünger in ihrer Gemeinschaft mit Jesus. Es kann ja nicht anders sein, als daß die Welt sich an den sanftmütigen Fremdlingen austobt mit Wort, Gewalt und Verleumdung. Zu bedrohlich, zu laut ist die Stimme dieser Armen und Sanftmütigen, zu geduldig und still ihr Leiden; zu gewaltig zeugt diese Jüngerschar Jesu durch Armut und Leiden von dem Unrecht der Welt. Das ist tödlich. Während Jesus ruft: selig, selig, schreit die Welt: hinweg, hinweg! Ja, hinweg! Aber wohin? Ins Himmelreich. Seid fröhlich und getrost, es wird euch im Himmel wohl belohnt werden. Da stehen die Armen im Freudensaal. Gott selbst wischt den Weinenden die Tränen der Fremde ab, er speist die Hungrigen mit seinem Abendmahl. Die verwundeten und gemarterten Leiber stehen verklärt da, und statt der Kleider der Sünde und Buße tragen sie das weiße Kleid der ewigen Ge-[90]rechtigkeit. Aus dieser ewigen Freude dringt schon hier ein Ruf zu der Gemeinde der Nachfolgenden unter dem Kreuz, der Ruf Jesu: selig, selig.

Die sichtbare Gemeinde

Ihr seid das Salz der Erde. Wo nun das Salz dumm wird, womit soll man’s salzen? Es ist hinfort zu nichts nütze, denn daß man es hinausschütte und lasse es die Leute zertreten. Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein. Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter: so leuchtet es denn allen, die im Hause sind. Also laßt euer Licht leuchten vor den Leuten, daß sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen“ (Mt. 5,13-16).

Die in den Seligpreisungen in die Gnade der Nachfolge des Gekreuzigten Gerufenen sind angeredet. Während die Seliggepriesenen bisher wohl als des Himmelreiches würdig, aber doch offenbar zugleich als für diese Erde ganz und gar Lebensunwerte, Überflüssige erscheinen mußten, werden sie jetzt mit dem Sinnbild des auf Erden unentbehrlichsten Gutes bezeichnet. Sie sind das Salz der Erde. Sie sind das edelste Gut, der höchste Wert, den die Erde besitzt. Ohne sie kann die Erde nicht länger leben. Durch das Salz wird die Erde erhalten, um eben dieser Armen, Unedlen, Schwachen willen, die die Welt verwirft, lebt die Erde. Sie vernichtet ihr eigenes Leben, indem sie die Jünger ausstößt und – o Wunder! – gerade um dieser Verstoßenen willen darf die Erde weiterleben. Dieses „göttliche Salz“ (Homer) bewährt sich in seiner Wirksamkeit. Es durchwirkt die ganze Erde. Es ist ihre Substanz. So sind die Jünger nicht nur aufs Himmelreich gerichtet, sondern an ihre Erdensendung erinnert. Als [91] die an Jesus allein Gebundenen werden sie an die Erde gewiesen, deren Salz sie sind. Wenn Jesus nicht sich selbst, sondern seine Jünger das Salz nennt, so überträgt er ihnen die Wirksamkeit auf der Erde. Er zieht sie in seine Arbeit hinein. Er bleibt im Volke Israel, den Jüngern aber überträgt er die ganze Erde. Allein dadurch, daß das Salz Salz bleibt, die reinigende, würzende Kraft des Salzes bewahrt, wird die Erde durch das Salz erhalten werden können. Um seiner selbst wie um der Erde willen muß Salz Salz bleiben, muß die Gemeinde der Jünger bleiben, was sie durch Christi Ruf ist. Darin wird ihre wahre Wirksamkeit auf Erden liegen und ihre erhaltende Kraft. Salz soll unverweslich sein und dadurch eine dauernde Kraft der Reinigung. Darum braucht das Alte Testament Salz zum Opfer, darum wird im katholischen Taufritus, dem Kind Salz in den Mund gelegt (Ex. 30,35; Ezech. 16,4). In der Unverweslichkeit des Salzes liegt die Gewähr der Dauer der Gemeinde.

„Ihr seid das Salz“ – nicht, ihr sollt das Salz sein! Es ist den Jüngern nicht in ihren Willen gestellt, ob sie Salz sein wollen oder nicht. Es wird auch nicht ein Appell an sie gerichtet, Salz der Erde zu werden. Sondern sie sind es, ob sie wollen oder nicht, in der Kraft des Rufes, der sie getroffen hat. Ihr seid das Salz – nicht: ihr habt das Salz. Es wäre eine Verkürzung, wollte man mit den Reformatoren die Botschaft der Jünger dem Salz gleichsetzen. Ihre ganze Existenz, sofern sie durch den Ruf Christi in die Nachfolge neu begründet ist, diese Existenz, von der die Seligpreisungen redeten, ist gemeint. Wer vom Ruf Jesu getroffen in seiner Nachfolge steht, ist durch diesen Ruf in seiner ganzen Existenz Salz der Erde.

Die andere Möglichkeit allerdings besteht darin, daß das Salz dumm wird, aufhört Salz zu sein. Es hört auf zu wirken. Dann freilich ist es in der Tat zu nichts mehr gut, als daß es weggeworfen wird. Das ist die Auszeichnung des [92] Salzes. Es muß alles Ding gesalzen werden. Aber das Salz, das dumm wird, kann nie mehr gesalzen werden. Es kann alles, auch der verderbteste Stoff durch Salz gerettet werden, nur das Salz, das dumm wurde, ist hoffnungslos verderbt. Das ist die andere Seite. Das ist das drohende Gericht, das über der Jüngergemeinde steht. Die Erde soll durch die Gemeinde gerettet werden, nur die Gemeinde selbst, die aufhört zu sein, was sie ist, ist rettungslos verloren. Der Ruf Jesu Christi heißt Salz der Erde sein oder vernichtet werden, nachfolgen oder – der Ruf selbst vernichtet den Gerufenen. Eine nochmalige Möglichkeit der Rettung gibt es nicht. Es kann sie nicht geben.

Nicht nur die unsichtbare Wirksamkeit des Salzes, sondern das sichtbare Leuchten des Lichtes ist der Jüngergemeinde mit dem Ruf Jesu zugesprochen. „Ihr seid das Licht“ – wiederum nicht: ihr sollt es sein! Der Ruf selbst hat sie dazu gemacht. Es kann nun gar nicht anders sein, sie sind ein Licht, das gesehen wird; wäre es anders, dann wäre der Ruf offenbar nicht bei ihnen. Was für ein unmögliches, unsinniges Ziel wäre es für die Jünger Jesu, für diese Jünger, Licht der Welt werden zu wollen! Sie sind vielmehr schon dazu gemacht durch den Ruf, in der Nachfolge. Wiederum nicht: ihr habt das Licht, sondern: ihr seid es! Nicht etwas euch Gegebenes, also etwa eure Predigt ist das Licht, sondern ihr selbst seid es. Derselbe, der von sich in eigentlicher Rede sagt: Ich bin das Licht, sagt zu seinen Jüngern in eigentlicher Rede: Ihr seid das Licht in eurem ganzen Leben, sofern ihr am Ruf bleibt. Weil ihr es denn seid, darum könnt ihr nicht mehr verborgen bleiben, ob ihr es gleich wolltet. Licht scheint, und die Stadt auf dem Berge kann nicht verborgen sein. Sie kann es nicht. Sie ist weithin ins Land sichtbar, sei es nun als feste Stadt oder bewachte Burg, sei es als zerfallene Ruine. Diese Stadt auf dem Berge – welcher Israelit dachte dabei nicht an Jerusalem, die hochgebaute [93] Stadt! – ist die Jüngergemeinde. Die Nachfolgenden sind mit all dem nicht mehr vor eine Entscheidung gestellt: die einzige Entscheidung, die es für sie gibt, ist schon gefallen. Nun müssen sie sein, was sie sind, oder sie sind nicht Nachfolger Jesu. Die Nachfolgenden sind die sichtbare Gemeinde, ihre Nachfolge ist ein sichtbares Tun, durch das sie sich aus der Welt herausheben – oder es ist eben nicht Nachfolge. Und zwar ist die Nachfolge so sichtbar wie Licht in der Nacht, wie ein Berg in der Ebene.

Flucht in die Unsichtbarkeit ist Verleugnung des Rufes. Gemeinde Jesu, die unsichtbare Gemeinde sein will, ist keine nachfolgende Gemeinde mehr. „Man zündet nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter“ – das ist wiederum die andere Möglichkeit, daß das Licht willkürlich verdeckt wird, daß es unter dem Scheffel erlischt, daß der Ruf verleugnet wird. Der Scheffel, unter dem die sichtbare Gemeinde ihr Licht versteckt, kann ebensowohl die Menschenfurcht sein wie eine bewußte Weltförmigkeit um irgendwelcher Zwecke willen – und seien sie missionarischer Art oder entsprängen sie einer mißverstandenen Liebe zu den Menschen! Es mag aber auch – und das ist noch gefährlicher – eine sogenannte reformatorische Theologie sein, die sich sogar theologia crucis zu nennen wagt und die ihr Signum darin hat, daß sie der „pharisäischen“ Sichtbarkeit eine „demütige“ Unsichtbarkeit in Gestalt von totalem Aufgehen in Weltförmigkeit vorzieht. Nicht außerordentliche Sichtbarkeit, sondern Bewährung in der justitia civilis wird hier zum Kennzeichen der Gemeinde. Daß das Licht gerade nicht leuchte, ist hier das Kriterium der Christlichkeit. Jesus aber sagt: lasset euer Licht leuchten vor den Heiden. Es ist ja in jedem Fall das Licht des Rufes Jesu, das da leuchtet. Aber was für ein Licht ist das nun, in dem diese Nachfolger Jesu, diese Jünger der Seligpreisungen leuchten sollen? Was für ein Licht soll von jenem Ort kom-[94]men, an dem die Jünger allein ein Anrecht haben? Was hat die Unsichtbarkeit und Verborgenheit des Kreuzes Jesu, unter dem die Jünger stehen, mit dem Licht gemein, das leuchten soll? Sollte nicht aus jener Verborgenheit gerade folgen, daß auch die Jünger in der Verborgenheit und gerade nicht im Licht stehen sollen? Es ist ein böser Sophismus, der aus dem Kreuz Jesu die Weltförmigkeit der Kirche herleitet. Erkennt nicht der einfältige Hörer ganz deutlich, daß eben gerade dort am Kreuz etwas Außerordentliches sichtbar geworden ist? Oder ist das etwa alles justitia civilis, ist das Kreuz Weltförmigkeit? Ist nicht das Kreuz etwas, was zum Erschrecken der Anderen gerade in aller Dunkelheit unerhört sichtbar wurde? Ist es nicht sichtbar genug, daß Christus verworfen ist und leiden muß, daß sein Leben vor den Toren der Stadt auf dem Schandhügel endet? Ist das Unsichtbarkeit?

In diesem Licht sollen die guten Werke der Jünger gesehen werden. Nicht euch, sondern eure guten Werke sollen sie sehen, sagt Jesus. Was sind diese guten Werke, die in diesem Licht gesehen werden können? Es können ja keine anderen Werke sein als die, die Jesus selbst in ihnen schuf, als er sie rief, als er sie zum Licht der Welt machte unter seinem Kreuz – Armut, Fremdlingschaft, Sanftmut, Friedfertigkeit und zuletzt Verfolgt- und Verworfenwerden und in dem allen eines: das Kreuz Jesu Christi tragen. Das Kreuz ist das seltsame Licht, das da leuchtet, in dem alle diese guten Werke der Jünger allein gesehen werden können. Es ist ja in alldem nicht davon geredet, daß Gott sichtbar wird, sondern daß die „guten Werke“ gesehen werden und daß die Leute über diesen Werken Gott preisen. Sichtbar wird das Kreuz und sichtbar werden die Werke des Kreuzes, sichtbar wird der Mangel und Verzicht der Seliggepriesenen. Über dem Kreuz und solcher Gemeinde aber kann nicht mehr der Mensch gepriesen werden, sondern allein Gott. Wären die [95] guten Werke allerlei Tugenden von Menschen, so würde über ihnen nicht der Vater, sondern der Jünger gepriesen. So aber bleibt nichts zu preisen am Jünger, der das Kreuz trägt, an der Gemeinde, deren Licht so leuchtet, die sichtbar auf dem Berge liegt, – über ihren „guten Werken“ kann allein der Vater im Himmel gepriesen werden. So sehen sie das Kreuz und die Kreuzesgemeinde und glauben Gott. Das aber ist das Licht der Auferstehung.

Christi Gerechtigkeit

Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn ich sage euch wahrlich: Bis daß Himmel und Erde zergehe, wird nicht zergehen der kleinste Buchstabe noch ein Jota vom Gesetz, bis daß es alles geschehe. Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute also, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich. Denn ich sage euch: Es sei denn eure Gerechtigkeit besser denn der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen“ (Mt. 5,17-20).

Es ist ja nicht verwunderlich, wenn die Jünger mit solchen Verheißungen, die sie von ihrem Herrn empfingen, in denen alles entwertet wurde, was in den Augen des Volkes galt, und alles seliggepriesen wurde, was unwert war, das Ende des Gesetzes gekommen wähnten. Sie waren ja angesprochen und ausgezeichnet als die, denen schlechthin alles zugefallen war, aus Gottes freier Gnade, als die, die nun alles besaßen, als die gewissen Erben des Himmelreichs. Sie hatten die volle und persönliche Gemeinschaft mit Christus, [96] der alles neu machte. Sie waren das Salz, das Licht, die Stadt auf dem Berge. So war ja alles Alte vergangen, abgelöst. Es lag doch nur allzunahe, daß Jesus nun auch den endgültigen Trennungsstrich zwischen sich und dem Alten vollziehen würde, daß er das Gesetz des Alten Bundes für aufgehoben erklären und sich in der Freiheit des Sohnes davon lossagen, es für seine Gemeinde außer Kraft setzen würde. Nach allem, was vorangegangen war, konnten die Jünger denken wie Marcion, der mit dem Vorwurf judaistischer Verfälschung folgende Textänderung vornahm: „Meinet ihr, daß ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten zu erfüllen? Ich bin gekommen aufzulösen und nicht zu erfüllen.“ Unzählige haben seit Marcion das Wort Jesu so gelesen und ausgelegt. Aber Jesus sagt: „Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen …“ Christus setzt das Gesetz des Alten Bundes in Kraft.

Wie ist das zu verstehen? Wir wissen, daß die Nachfolgenden angeredet sind, sie, die gebunden sind an Jesus Christus allein. Kein Gesetz hatte die Gemeinschaft Jesu mit seinen Jüngern hindern dürfen, das wurde deutlich bei der Auslegung von Lk. 9,57ff. Nachfolge ist Bindung an Jesus Christus allein und unmittelbar. Dennoch erfolgt nun hier die gänzlich unerwartete Bindung der Jünger an das alttestamentliche Gesetz. Zweierlei sagt Jesus damit seinen Jüngern: Sowohl dies, daß Bindung an das Gesetz noch nicht Nachfolge ist, wie aber auch, daß gesetzlose Bindung an die Person Jesu Christi nicht Nachfolge heißen darf. Er weist die, denen er seine ganze Verheißung und volle Gemeinschaft geschenkt hat, gerade selbst an das Gesetz. Weil Er es tut, dem die Jünger nachfolgen, darum gilt für sie das Gesetz. Die Frage muß nun entstehen: Was gilt, Christus oder das Gesetz? Woran bin ich gebunden? An ihn allein oder doch wieder an das Gesetz? Christus hatte gesagt, kein Gesetz dürfe [97] zwischen ihn und seine Jünger treten. Nun sagt er, daß die Auflösung des Gesetzes Trennung von ihm bedeuten würde. Was heißt das?

Das Gesetz ist das Gesetz des Alten Bundes, kein neues Gesetz, sondern das eine, alte Gesetz, an das der reiche Jüngling, der versucherische Schriftgelehrte gewiesen wurde als an den offenbaren Willen Gottes. Allein dadurch, daß Christus seine Nachfolger an dieses Gesetz bindet, wird es neues Gebot. Es geht also nicht um ein „besseres Gesetz“ als das der Pharisäer, es ist ein und dasselbe, es ist das Gesetz, das mit jedem Buchstaben bleiben und geschehen muß, bis ans Ende der Welt, das in jedem Jota erfüllt sein muß. Aber es geht allerdings um eine „bessere Gerechtigkeit“. Wer diese bessere Gerechtigkeit nicht hat, der wird nicht ins Himmelreich kommen, eben weil er sich dann aus der Nachfolge Jesu gelöst hätte, der ihn an das Gesetz weist. Keiner aber vermag diese bessere Gerechtigkeit zu haben als eben der hier Angeredete, der von Christus Gerufene. Bedingung für die bessere Gerechtigkeit ist der Ruf Christi, ist Christus selbst.

So wird es begreiflich, daß Christus an dieser Stelle der Bergpredigt zum ersten Male von sich selbst spricht. Zwischen der besseren Gerechtigkeit und den Jüngern, von denen er sie fordert, steht er selbst. Er ist gekommen, das Gesetz des Alten Bundes zu erfüllen. Das ist die Voraussetzung von allem anderen. Jesus gibt seine völlige Einheit mit dem Willen Gottes im Alten Testament, in Gesetz und Propheten zu erkennen. Er hat den Geboten Gottes in der Tat nichts hinzuzufügen, er hält sie – das ist das einzige, was er hinzufügt. Er erfüllt das Gesetz, das sagt er von sich selbst. Darum ist es wahr. Er erfüllt es bis zum Jota. Indem er es aber erfüllt, ist „alles geschehen“, was zur Erfüllung des Gesetzes zu geschehen hat. Jesus wird tun, was das Gesetz fordert, darum wird er den Tod leiden müssen; denn er al-[98]lein versteht das Gesetz als Gottes Gesetz; d. h. weder ist das Gesetz selbst Gott, noch ist Gott selbst das Gesetz, so daß an die Stelle Gottes das Gesetz getreten wäre. So hatte Israel das Gesetz mißverstanden. Vergottung des Gesetzes und Vergesetzlichung Gottes war die Sünde Israels. Umgekehrt wäre die Entgottung des Gesetzes und Trennung Gottes von seinem Gesetz das sündige Mißverständnis der Jünger gewesen. Gott und Gesetz waren in beiden Fällen voneinander gelöst bzw. identifiziert, was auf dasselbe herauskommt. Identifizierten die Juden Gott und Gesetz, so taten sie es, um mit dem Gesetz Gott selbst in die Gewalt zu bekommen. Gott war im Gesetz aufgegegangen und nicht mehr der Herr über das Gesetz. Wähnten die Jünger, Gott von seinem Gesetz trennen zu dürfen, so taten sie dies, um in ihrem Heilsbesitz Gott in die Gewalt zu bekommen. Beidemal wurde Gabe und Geber verwechselt, wurde mit Hilfe des Gesetzes oder der Heilsverheißung Gott geleugnet.

Beiden Mißverständnissen gegenüber setzt Jesus das Gesetz als Gottesgesetz neu in Kraft. Gott ist Geber und Herr des Gesetzes, und nur in der persönlichen Gottesgemeinschaft wird das Gesetz erfüllt. Es gibt keine Erfüllung des Gesetzes ohne Gottesgemeinschaft, es gibt auch keine Gottesgemeinschaft ohne Erfüllung des Gesetzes. Das erste gilt den Juden, das zweite dem drohenden Mißverständnis der Jünger.

Jesus, der Sohn Gottes, der allein in der vollen Gottesgemeinschaft steht, setzt um deswillen das Gesetz neu in Kraft, indem er kommt, das Gesetz des Alten Bundes zu erfüllen. Weil Er der Einzige war, der es tat, konnte er allein das Gesetz und die Gesetzeserfüllung recht lehren. Das mußten die Jünger wissen und begreifen, als er es sagte, weil sie wußten, wer er war. Das konnten die Juden solange nicht begreifen, als sie ihm nicht glaubten. Darum mußten sie seine Lehre vom Gesetz als Lästerung Gottes, nämlich des Gesetzes Gottes verwerfen. So muß Jesus um des wahren Ge-[99]setzes Gottes willen von den Anwälten des falschen Gesetzes leiden. Jesus stirbt als Gotteslästerer, als Gesetzesübertreter am Kreuz, weil er das wahre Gesetz gegen das mißverstandene, falsche Gesetz in Kraft gesetzt hatte.

Die Erfüllung des Gesetzes, von der Jesus spricht, kann mithin nicht anders geschehen, als daß Jesus als Sünder ans Kreuz geschlagen wird. Er selbst als der Gekreuzigte ist die vollkommene Erfüllung des Gesetzes.

Damit ist gesagt, Jesus Christus und er allein erfüllt das Gesetz, weil er allein in der vollkommenen Gemeinschaft Gottes steht. Er selbst tritt zwischen seine Jünger und das Gesetz, nicht aber tritt das Gesetz zwischen ihn und seine Jünger. Der Weg der Jünger zum Gesetz geht über das Kreuz Christi. So bindet Jesus die Jünger, indem er sie an das Gesetz weist, das er allein erfüllt, aufs neue an sich selbst. Die gesetzlose Bindung muß er verwerfen, weil sie Schwärmerei und darum nicht Bindung, sondern völlige Entfesselung ist. Die Sorge der Jünger aber, eine Bindung an das Gesetz möchte sie von Jesus trennen, wird zerstört. Sie konnte nur dem mißverstandenen Gesetz entspringen, das die Juden in der Tat von Gott trennte. Statt dessen wird offenbar, daß echte Bindung an Jesus nur mit der Bindung an das Gesetz Gottes geschenkt werden kann.

Steht aber Jesus zwischen den Jüngern und dem Gesetz, so nicht, um sie nun wieder von der Gesetzeserfüllung zu entbinden, sondern um seiner Forderung der Gesetzeserfüllung Kraft zu geben. Gerade mit der Bindung an ihn sind die Jünger in denselben Gehorsam gestellt. Auch ist mit der Erfüllung des Jota des Gesetzes nicht etwa dieses Jota nunmehr für die Jünger abgetan. Es ist erfüllt, das ist alles. Aber gerade darum ist es nun erst eigentlich in Kraft, so daß nun groß im Himmelreich heißen wird, wer das Gesetz tut und lehrt. „Tut und lehrt“ – es ließe sich ja auch eine Lehre des Gesetzes denken, die gerade vom Tun dispensiert, in-[100]dem sie das Gesetz nur der Erkenntnis dienen lassen will, daß seine Erfüllung unmöglich sei. Eine solche Lehre kann sich auf Jesus nicht berufen. Das Gesetz will getan sein, so gewiß er selbst es getan hat. Wer an ihm bleibt in der Nachfolge, an ihm, der das Gesetz erfüllte, der tut und lehrt das Gesetz in der Nachfolge. In der Gemeinschaft Jesu kann nur der Täter des Gesetzes bleiben.

Nicht das Gesetz unterscheidet den Jünger vom Juden, sondern die „bessere Gerechtigkeit“. Die Gerechtigkeit der Jünger „ragt hinaus“ über die Schriftgelehrten. Sie übertrifft sie, sie ist etwas Außerordentliches, Sonderliches. Es klingt hier der Begriff des perisseúein zum ersten Male an, der uns in V. 47 von größter Bedeutung werden wird. Wir müssen fragen: worin bestand die Gerechtigkeit des Pharisäers? Worin besteht die Gerechtigkeit des Jüngers? Gewiß war der Pharisäer dem schriftwidrigen Irrtum niemals verfallen, das Gesetz müsse nur gelehrt, nicht aber getan werden. Der Pharisäer wollte Täter des Gesetzes sein. Seine Gerechtigkeit bestand in seiner unmittelbaren, buchstäblichen Erfüllung des im Gesetz Gebotenen. Seine Gerechtigkeit war sein Tun. Die vollkommene Konformität seines Tuns mit dem im Gesetz Gebotenen war ihr Ziel. Jedoch mußte immer ein Rest bleiben, der durch die Vergebung bedeckt werden mußte. Seine Gerechtigkeit bleibt unvollkommen. Auch die Gerechtigkeit der Jünger konnte allein im Tun des Gesetzes bestehen. Keiner, der das Gesetz nicht tat, durfte gerecht genannt werden. Aber das Tun des Jüngers übertrifft das des Pharisäers darin, daß es in der Tat vollkommene Gerechtigkeit gegenüber der unvollkommenen des Pharisäers ist. Wie denn? Der Vorzug der Gerechtigkeit des Jüngers besteht darin, daß zwischen ihm und dem Gesetz derjenige steht, der das Gesetz vollkommen erfüllt hat und in dessen Gemeinschaft er war. Er sah sich nicht einem unerfüllten, sondern einem bereits erfüllten Gesetz gegenüber. Ehe er anfängt dem Ge-[101]setz zu gehorchen, ist das Gesetz schon erfüllt, ist seiner Forderung schon genuggetan. Die Gerechtigkeit, die das Gesetz fordert, ist schon da; es ist die Gerechtigkeit Jesu, der ans Kreuz geht um des Gesetzes willen. Weil aber diese Gerechtigkeit nicht nur ein zu leistendes Gut, sondern die vollkommene und wahre persönliche Gottesgemeinschaft selbst ist, darum hat Jesus nicht nur die Gerechtigkeit, sondern er ist sie auch selbst. Er ist die Gerechtigkeit der Jünger. Durch seinen Ruf hat Jesus seinen Jüngern teilgegeben an sich selbst, er hat ihnen seine Gemeinschaft geschenkt, so hat er sie teilhaftig werden lassen seiner Gerechtigkeit, hat ihnen seine Gerechtigkeit geschenkt. Die Gerechtigkeit der Jünger ist Christi Gerechtigkeit. Allein um dieses zu sagen, beginnt Jesus seine Worte über die „bessere Gerechtigkeit“ mit dem Hinweis auf seine Erfüllung des Gesetzes. Christi Gerechtigkeit ist aber wirklich auch der Jünger Gerechtigkeit. Sie bleibt freilich in strengem Sinne geschenkte Gerechtigkeit, geschenkt durch den Ruf in die Nachfolge. Es ist die Gerechtigkeit, die eben in der Nachfolge besteht und schon in den Seligpreisungen die Verheißung des Himmelreiches empfängt. Die Gerechtigkeit der Jünger ist Gerechtigkeit unter dem Kreuz. Es ist die Gerechtigkeit der Armen, Angefochtenen, Hungrigen, Sanftmütigen, Friedfertigen, Verfolgten – um des Rufes Jesu willen, die sichtbare Gerechtigkeit derer, die ebendarin das Licht der Welt und die Stadt auf dem Berge sind – um des Rufes Jesu willen. Darin ist der Jünger Gerechtigkeit „besser“ als die der Pharisäer, daß sie allein auf dem Ruf in die Gemeinschaft dessen beruht, der allein das Gesetz erfüllt; darin ist der Jünger Gerechtigkeit wirkliche Gerechtigkeit, daß sie nun selbst den Willen Gottes tun, das Gesetz erfüllen. Auch Christi Gerechtigkeit soll nicht nur gelehrt, sondern eben getan werden. Sonst ist sie nicht besser als das Gesetz, das nur gelehrt, aber nicht getan wird. Von diesem Tun der Gerechtigkeit Christi durch die Jünger [102] redet alles folgende. Es heißt in einem Wort Nachfolgen. Es ist das wirkliche, einfältige Tun im Glauben an die Gerechtigkeit Christi. Die Gerechtigkeit Christi ist das neue Gesetz, das Gesetz Christi.

Der Bruder

Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt ist: „Du sollst nicht töten; wer aber tötet, der soll des Gerichts schuldig sein.“ Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnet, der ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem Bruder sagt: Racha! der ist des Rats schuldig; wer aber sagt: Du Narr! der ist des höllischen Feuers schuldig. Darum, wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und wirst allda eingedenk, daß dein Bruder etwas wider dich habe, so laß allda vor dem Altar deine Gabe und gehe zuvor hin und versöhne dich mit deinem Bruder, und alsdann komm und opfere deine Gabe. Sei willfährig deinem Widersacher bald, dieweil du noch bei ihm auf dem Wege bist, auf daß dich der Widersacher nicht dermaleinst überantworte dem Richter, und der Richter überantworte dich dem Diener, und werdest in den Kerker geworfen. Ich sage dir wahrlich: Du wirst nicht von dannen herauskommen, bis du auch den letzten Heller bezahltest“ (Mt. 5,21-26).

„Ich aber sage euch“, – Jesus faßt alles über das Gesetz Gesagte zusammen. Es verbietet sich nach dem Vorigen von selbst, Jesus hier revolutionär zu verstehen oder ein Gegenüber von Meinung und Meinung in der Art der Rabbinen anzunehmen. Vielmehr bringt Jesus in Fortsetzung des Gesagten seine Einheit mit dem Gesetz des mosaischen Bundes zum Ausdruck, macht aber gerade in wahrer Einheit mit dem Gesetz Gottes deutlich, daß er, der Sohn Gottes, Herr und Geber des Gesetzes sei. Nur wer das Gesetz als Christi [103] Wort vernimmt, kann es erfüllen. Das sündliche Mißverständnis, in dem sich die Pharisäer befanden, sollte keinen Raum behalten. Allein in der Erkenntnis Christi als des Herrn und des Erfüllers des Gesetzes liegt die wahre Erkenntnis des Gesetzes. Christus hat seine Hand auf das Gesetz gelegt, er nimmt es in Anspruch. Er tut damit, was das Gesetz in Wahrheit will. In dieser Einheit mit dem Gesetz aber macht er sich das falsche Verständnis des Gesetzes zum Feind. Indem er dem Gesetz Ehre tut, liefert er sich den falschen Eiferern um das Gesetz aus.

Das Gesetz, an das Jesus seine Nachfolger zuerst verweist, verbietet ihnen den Mord und befiehlt ihnen den Bruder. Das Leben des Bruders ist von Gott gesetzt und in Gottes Hand, allein Gott hat Gewalt über Leben und Tod. Der Mörder kann in der Gemeinde Gottes keinen Raum haben. Er verfällt dem Gericht, das er selbst übt. Daß der Bruder, der so unter den Schutz des göttlichen Gebotes gestellt wird, nicht nur der Bruder in der Gemeinde ist, ergibt sich unzweifelhaft daraus, daß der Nachfolger Jesu sich in seinem Handeln nicht dadurch bestimmen lassen kann, wer der Andere ist, sondern allein durch den, dem er im Gehorsam folgt. Dem Nachfolger Jesu ist der Mord verboten bei der Strafe des göttlichen Gerichts. Das Leben des Bruders ist dem Nachfolger Jesu zur Grenze gesetzt, die nicht durchbrochen werden darf. Eine solche Durchbrechung geschieht aber schon durch den Zorn, es geschieht erst recht durch ein böses Wort, das uns entfährt (Racha), es geschieht schließlich durch die wissentliche Schmähung des Anderen (du Narr). Jeder Zorn richtet sich gegen das Leben des Anderen, er gönnt ihm das Leben nicht, er trachtet nach seiner Vernichtung. Es gibt auch keine Unterscheidung von sogenanntem gerechten Zorn und ungerechtem Zorn[7]. Der Jünger darf den Zorn über-[104]haupt nicht kennen, weil er sich darin an Gott und am Bruder vergeht. Das schnell entfahrene Wort, das wir so leicht nehmen, offenbart, daß wir den Anderen nicht ehren, uns über ihn erheben und also unser Leben höher einschätzen als das seine. Dieses Wort ist ein Schlag nach dem Bruder, ein Stoß nach seinem Herzen. Es soll treffen, verletzen, vernichten. Das wissentliche Schmähwort aber raubt dem Bruder auch in der Öffentlichkeit seine Ehre, will ihn auch bei anderen verächtlich machen, zielt im Haß auf die Vernichtung seiner inneren und äußeren Existenz. Ich vollstrecke Gericht an ihm. Das ist Mord. Der Mörder verfällt dem Gericht.

Wer seinem Bruder zürnt, wer ihm ein böses Wort gibt, wer ihn öffentlich schmäht oder verleumdet, hat als Mörder vor Gott keinen Raum mehr. Er hat sich mit dem Bruder auch von Gott getrennt. Es gibt keinen Zugang mehr für ihn zu Gott. Sein Opfer, sein Gottesdienst, sein Gebet wird Gott nicht gefällig sein können. Für den Nachfolger Jesu kann der Gottesdienst nie mehr, wie für den Rabbinen, vom Dienst am Bruder gelöst werden. Verachtung des Bruders macht den Gottesdienst unwahr und nimmt ihm jede göttliche Verheißung. Der Einzelne wie die Gemeinde, die mit verachtendem oder unversöhntem Herzen vor Gott treten wollen, treiben somit Spiel mit einem Götzen. Solange dem Bruder der Dienst und die Liebe versagt wird, solange er der Verachtung preisgegeben bleibt, solange der Bruder eine Sache gegen mich oder die Gemeinde Jesu haben kann, ebensolange soll das Opfer unangenommen bleiben. Nicht erst mein eigener Zorn, sondern schon die Tatsache, daß ein von mir gekränkter, geschändeter, entehrter Bruder da ist und „etwas wider mich hat“, stellt sich zwischen mich und Gott. So prüfe sich die Gemeinde der Jünger Jesu, ob sie sich nicht hier und dort an Brüdern schuldig wissen muß, ob sie der Welt zuliebe nicht mithaßte, mitverachtete, mitschmähte und [105] so des Mordes am Bruder schuldig ist. So prüfe sich die Gemeinde Jesu heute, ob nicht in dem Augenblick, in dem sie zum Gebet und Gottesdienst vor Gott tritt, viele Stimmen anklagend zwischen sie und Gott treten und ihr Gebet verhindern. So prüfe sich die Gemeinde Jesu, ob sie den von der Welt Geschmähten und Entehrten ein Zeichen gegeben hat von der Liebe Jesu, die Leben erhalten, tragen, schützen will. Sonst möchte der korrekteste Gottesdienst, das frömmste Gebet, das tapferste Bekenntnis ihr nicht helfen, sondern müßte gegen sie zeugen, weil sie die Nachfolge Jesu verlassen hat. Gott will sich von unserem Bruder nicht trennen lassen. Er will nicht geehrt sein, wenn ein Bruder entehrt wird. Er ist der Vater. Ja, er ist der Vater Jesu Christi, der unser aller Bruder wurde. Darin liegt der letzte Grund, warum Gott sich nicht mehr vom Bruder trennen lassen will. Sein leiblicher Sohn wurde entehrt, geschmäht, um der Ehre des Vaters willen. Aber der Vater läßt sich nicht von seinem Sohn trennen, nun will er sich auch von denen nicht trennen lassen, denen sein Sohn gleich wurde, um derentwillen sein Sohn Schmach trug. Um der Menschwerdung des Sohnes Gottes willen ist Gottesdienst vom Bruderdienst nicht mehr zu lösen. Wer da sagt, er liebe Gott und haßt doch seinen Bruder, der ist ein Lügner.

So bleibt dem, der wahren Gottesdienst in der Nachfolge Jesu tun will, nur ein Weg, der Weg zur Versöhnung mit dem Bruder. Wer mit unversöhntem Herzen zum Wort und zum Abendmahl kommt, empfängt dadurch sein Gericht. Er ist ein Mörder vor Gottes Angesicht. Darum „gehe zuvor hin und versöhne dich mit deinem Bruder, und alsdann komm und opfere deine Gabe“. Es ist ein schwerer Weg, den Jesus seinem Nachfolger zumutet. Er ist mit viel eigner Demütigung und Schmach verbunden. Aber es ist ja der Weg zu ihm, dem gekreuzigten Bruder, und darum ein gnadenvoller Weg. In Jesus wurde Dienst am geringen Bruder und [106] Gottesdienst eins. Er ging hin und versöhnte sich dem Bruder und brachte dann das eine, wahre Opfer dem Vater, sich selbst.

Noch ist Gnadenzeit, denn noch ist uns ein Bruder gegeben, noch sind wir „mit ihm auf dem Wege“. Vor uns steht das Gericht. Noch können wir dem Bruder willfahren, noch können wir dem, dessen Schuldner wir geworden sind, die Schuld bezahlen. Es kommt die Stunde, in der wir dem Richter anheimfallen. Dann ist es zu spät, dann gilt Recht und Strafe bis zur letzten Schuld. Begreifen wir es, daß hier den Jüngern Jesu der Bruder nicht zum Gesetz, sondern zur Gnade gemacht ist? Es ist Gnade, dem Bruder willfahren zu dürfen, ihm sein Recht werden zu lassen, es ist Gnade, daß wir uns dem Bruder versöhnen können. Der Bruder ist unsere Gnade vor dem Gericht.

So kann nur der zu uns sprechen, der selbst als unser Bruder unsere Gnade geworden ist, unsere Versöhnung, unsere Rettung vor dem Gericht. In der Menschheit des Sohnes Gottes ist uns die Gnade des Bruders geschenkt. Daß die Jünger Jesu sie doch recht bedenken möchten!

Der Dienst am Bruder, der ihm willfährig ist, ihm Recht und Leben läßt, ist der Weg der Selbstverleugnung, der Weg ans Kreuz. Niemand hat größere Liebe, denn die, daß er sein Leben läßt für seine Freunde. Das ist die Liebe des Gekreuzigten. So wird dieses Gesetz allein im Kreuz Jesu erfüllt.

Das Weib

Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt ist: „Du sollst nicht ehebrechen.“ Ich aber sage euch: Wer ein Weib ansieht, ihrer zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen. Ärgert dich aber dein rechtes Auge, so reiß es aus und wirf’s von dir. Es ist besser, daß eins deiner Glieder verderbe, und nicht der ganze Leib in die Hölle geworfen werde. Ärgert dich deine rechte Hand, so haue sie ab und wirf sie von dir. Es ist dir besser, daß eins deiner Glie-[107]der verderbe, und nicht der ganze Leib in die Hölle geworfen werde. Es ist auch gesagt: ‚Wer sich von seinem Weibe scheidet, der soll ihr geben einen Scheidebrief.‘ Ich aber sage euch: Wer sich von seinem Weibe scheidet (es sei denn um Ehebruch), der macht, daß sie die Ehe bricht; und wer eine Abgeschiedene freit, der bricht die Ehe“ (Mt. 5,27-32).

Die Bindung an Jesus Christus gibt keine Lust frei, die ohne Liebe ist, sondern versagt sie dem Nachfolgenden. Weil Nachfolge Selbstverleugnung und ganze Bindung an Jesus ist, darum kann nicht an irgendeiner Stelle der eigene, lustbeherrschte Wille des Jüngers freien Lauf bekommen. Solche Begierde, und läge sie nur in einem einzigen Blick, trennt von der Nachfolge und bringt den ganzen Leib in die Hölle. Mit ihr verkauft der Mensch seine himmlische Erstgeburt um ein Linsengericht von Lust. Er glaubt dem nicht, der ihm hundertfältig Freude vergelten kann für versagte Lust. Er traut nicht aufs Unsichtbare, sondern ergreift die sichtbare Frucht der Lust. So stürzt er vom Weg der Nachfolge ab und ist von Jesus getrennt. Die Unreinheit der Begierde ist Unglaube. Darum allein ist sie Verwerflich. Kein Opfer, das der Nachfolgende der Freiheit von dieser Lust, die von Jesus trennt, zu bringen vermag, ist zu groß. Das Auge ist weniger als Christus, und die Hand ist weniger als Christus. Wenn Auge und Hand der Lust dienen und den ganzen Leib an der Reinheit der Nachfolge hindern, so sind sie eher zum Opfer zu bringen als Jesus Christus. Der Gewinn, den die Lust bringt, ist gering gegen den Schaden – du gewinnst die Lust des Auges und der Hand für einen Augenblick, und du verlierst den Leib in Ewigkeit. Dein Auge, das der unreinen Begierde dient, kann Gott nicht schauen. [108]

Muß nun nicht an dieser Stelle die Frage wirklich zur Entscheidung kommen, ob Jesus sein Gebot wörtlich gemeint habe oder in übertragenem Sinn? Hängt nicht von einer klaren Antwort auf diese Frage unser ganzes Leben ab? Ist nicht angesichts der Haltung der Jünger auch die Antwort schon gegeben? In dieser scheinbar so todernsten Entscheidungsfrage rät unser Wille zur Flucht vor der Entscheidung. Aber diese Frage selbst ist falsch und böse. Sie kann keine Antwort finden. Würde nämlich gesagt, natürlich sei das nicht wörtlich gemeint, so wären wir bereits dem Ernst des Gebotes entwichen, würde aber gesagt, natürlich sei es wörtlich zu verstehen, so wäre nicht nur die grundsätzliche Absurdität der christlichen Existenz offenbar gemacht und damit das Gebot außer Kraft gesetzt. Gerade darin, daß uns diese grundsätzliche Frage nicht beantwortet wird, werden wir erst ganz und gar in Jesu Gebot gefangen genommen. Wir können nach keiner Seite ausweichen. Wir sind gestellt und müssen gehorchen. Jesus zwingt seine Jünger nicht in einen unmenschlichen Krampf, er verbietet ihnen nicht den Blick, aber er lenkt den Blick des Jüngers auf sich und weiß, daß hier der Blick rein bleibt, auch wenn er sich nun auf die Frau richtet. So legt er seinen Jüngern nicht ein unerträgliches Joch des Gesetzes auf, sondern er hilft ihnen barmherzig durch das Evangelium.

Keine Aufforderung zur Ehe gibt Jesus den Nachfolgenden. Aber er heiligt die Ehe nach dem Gesetz, indem er sie für unverbrüchlich erklärt und dort, wo sich ein Teil durch Ehebruch vom anderen scheidet, dem anderen die zweite Ehe verwehrt. Durch solches Gebot befreit Jesus die Ehe von der selbstischen bösen Lust und will sie als Dienst der Liebe, wie sie in der Nachfolge allein möglich ist, geführt wissen. Jesus tadelt nicht den Leib und sein natürliches Verlangen, aber er verwirft den Unglauben, der in ihm verborgen ist. So löst er nicht die Ehe auf, sondern festigt und heiligt sie durch den [109] Glauben. So wird der Nachfolgende seine alleinige Bindung an Christus auch in seiner Ehe bewahren müssen in Zucht und Verleugnung. Christus ist der Herr auch seiner Ehe. Daß damit die Ehe des Jüngers etwas anderes ist als die bürgerliche Ehe, ist wiederum nicht eine Verachtung der Ehe, sondern gerade ihre Heiligung.

Es scheint, als setze sich Jesus durch die Forderung der Unauflöslichkeit der Ehe in Widerspruch zum alttestamentlichen Gesetz. Aber er gibt selbst (Mt. 19,8) seine Einheit mit dem mosaischen Gesetz zu verstehen. „Um des Herzens Härtigkeit willen“ war den Israeliten der Scheidebrief erlaubt, d.h. nur um ihr Herz vor größerer Zuchtlosigkeit zu bewahren. Die Absicht des alttestamentlichen Gesetzes aber stimmt mit Jesus überein, daß es auch in ihm allein um die Reinheit der Ehe, um die Ehe, die im Glauben an Gott geführt wird, geht. Diese Reinheit, d.h. Keuschheit aber ist gewahrt in der Gemeinschaft Jesu, in seiner Nachfolge.

Weil es Jesus allein um die vollkommene Reinheit, d. h. Keuschheit seiner Jünger zu tun ist, darum muß er sagen, daß auch der vollendete Verzicht auf die Ehe um des Reiches Gottes willen zu preisen ist. Jesus macht aus Ehe oder Ehelosigkeit kein Programm, sondern er befreit seine Jünger von der porneía, der Hurerei in der Ehe und außerhalb der Ehe, die nicht nur eine Versündigung am eigenen Leibe, sondern eine Versündigung am Leibe Christi selbst ist (1. Kor. 6,13-15). Auch der Leib des Jüngers gehört Christus und der Nachfolge, unsere Leiber sind Glieder seines Leibes. Weil Jesus, der Sohn Gottes, einen menschlichen Leib trug und weil wir Gemeinschaft mit seinem Leibe haben, darum ist Hurerei Sünde gegen Jesu eignen Leib.

Jesu Leib wurde gekreuzigt. Der Apostel sagt von denen, die Christus angehören, daß sie ihren Leib mit seinen Lüsten und Begierden kreuzigen (Gal. 5,24). So wird die Erfüllung auch dieses alttestamentlichen Gesetzes allein wahr in dem gekreu-[110]zigten, gemarterten Leib Jesu Christi. Der Anblick und die Gemeinschaft dieses Leibes, der für sie gegeben ist, ist den Jüngern die Kraft zur Keuschheit, die Jesus gebietet.

Die Wahrhaftigkeit

Ihr habt weiter gehört, daß zu den Alten gesagt ist: „Du sollst keinen falschen Eid tun und sollst Gott deinen Eid halten.“ Ich aber sage euch, daß ihr überhaupt nicht schwören sollt, weder bei dem Himmel, denn er ist Gottes Stuhl, noch bei der Erde, denn sie ist seiner Füße Schemel, noch bei Jerusalem, denn sie ist des großen Königs Stadt. Auch sollst du nicht bei deinem Haupt schwören: denn du vermagst nicht, ein einziges Haar weiß oder schwarz zu machen. Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel“ (Mt. 5,33-37).

Die Auslegung dieser Verse ist in der christlichen Kirche bis zur Stunde außerordentlich unsicher. Von der rigorosen Verwerfung jedes Eides als Sünde bis zu der milderen Ablehnung des leichtsinnigen Eides und Meineides gehen die Ausleger seit der Alten Kirche auseinander. Die weiteste Anerkennung fand in der Alten Kirche die Auslegung, der Eid sei zwar den „vollkommenen“ Christen verboten, aber für die Schwächeren sei er in bestimmten Grenzen zulässig. Augustin hat u. a. diese Meinung vertreten. Er befand sich in der Beurteilung des Eides in Übereinstimmung mit heidnischen Philosophen wie Plato, den Pythagoräern, Epiktet, Marc Aurel. Hier wurde der Eid als eines edlen Mannes unwürdig bezeichnet. Die reformatorischen Kirchen haben in ihren Bekenntnissen den von der weltlichen Obrigkeit geforderten Eid als selbstverständlich von dem Wort Jesu nicht betroffen angesehen. Die Hauptargumente waren von Anfang an, im [111] Alten Testament sei der Eid geboten, Jesus selbst habe vor Gericht geschworen, der Apostel Paulus bediene sich mehrfach eidesähnlicher Formeln. Für die Reformatoren hat hier die Scheidung des geistlichen und weltlichen Reiches neben dem unmittelbaren Schriftbeweis entscheidende Bedeutung gehabt.

Was ist der Eid? Er ist die öffentliche Anrufung Gottes als Zeugen für eine Aussage, die ich über etwas Vergangenes, Gegenwärtiges oder Zukünftiges mache. Gott, der Allwissende, soll die Unwahrheit rächen. Wie kann dieser Eid von Jesus Sünde, ja „vom Bösen“, ek toṹ pornēroṹ, „satanisch“ genannt werden? Weil es Jesus um die völlige Wahrhaftigkeit geht.

Der Eid ist der Beweis für die Lüge in der Welt. Könnte der Mensch nicht lügen, so wäre kein Eid notwendig. So ist der Eid zwar ein Damm gegen die Lüge. Aber eben darin fördert er sie auch; denn dort, wo allein der Eid letzte Wahrhaftigkeit beansprucht, ist zugleich der Lüge im Leben Raum gegeben, ist ihr ein gewisses Lebensrecht zugestanden. Das alttestamentliche Gesetz verwirft die Lüge durch den Eid. Jesus aber verwirft die Lüge durch das Verbot des Eides. Es geht hier wie dort um das Eine und Ganze, die Vernichtung der Unwahrheit im Leben der Glaubenden. Der Eid, den das Alte Testament gegen die Lüge stellte, wurde von der Lüge selbst ergriffen und in den Dienst gestellt. Sie vermochte sich noch durch den Eid zu sichern und Recht zu verschaffen. So muß die Lüge von Jesus dort gefaßt werden, wohin sie sich flüchtet, im Eid. Darum muß der Eid fallen, weil er zum Schutz der Lüge geworden ist.

Das Attentat der Lüge auf den Eid konnte in doppelter Weise geschehen, so daß sie sich unter dem Eid behauptete (Meineid), oder so, daß sie sich in die Form des Eides selbst hineinstahl. In diesem Fall gebrauchte die Lüge im Eid nicht die Anrufung des lebendigen Gottes, sondern die Anrufung irgendeiner weltlichen oder göttlichen Macht. Ist die Lüge so tief in den [112] Eid eingedrungen, dann kann die völlige Wahrhaftigkeit nur durch Verbot des Eides gewährleistet werden.

Eure Rede sei Ja, ja und Nein, nein. Hierdurch wird das Wort des Jüngers nicht etwa der Verantwortlichkeit vor dem allwissenden Gott entzogen. Vielmehr ist gerade dadurch, daß der Name Gottes nicht ausdrücklich angerufen wird, schlechthin jedes Wort des Jüngers unter die selbstverständliche Gegenwart des allwissenden Gottes gestellt. Weil es überhaupt kein Wort gibt, das nicht vor Gott gesprochen wäre, darum soll der Jünger Jesu nicht schwören. Jedes seiner Worte soll nichts als Wahrheit sein, so daß keines der Bestätigung durch den Schwur bedürfe. Der Schwur stellt ja alle seine anderen Worte ins Dunkel des Zweifelhaften. Darum ist er „vom Bösen“. Der Jünger aber soll mit allen seinen Worten Licht sein.

Ist der Eid damit abgelehnt, so ist doch zugleich deutlich, daß es dabei allein um das Ziel der Wahrhaftigkeit geht. Es ist selbstverständlich, daß das Gebot Jesu keine Ausnahme leidet, vor welchem Forum auch immer. Ebenso muß aber gesagt werden, daß nicht die Verweigerung des Eides selbst wieder der Verhüllung der Wahrheit dienen darf. Wo dies der Fall ist, d. h. wo gerade um der Wahrhaftigkeit willen der Eid zu leisten ist, ist nicht generell zu entscheiden, sondern wird vom Einzelnen entschieden werden müssen. Die reformatorischen Kirchen sind der Meinung, daß jeder Eid, der von der weltlichen Obrigkeit gefordert wird, diesen Fall schaffe. Ob diese allgemeine Entscheidung möglich ist, muß fraglich bleiben.

Unfraglich aber ist es, daß dort, wo dieser Fall gegeben erscheint, der Eid nur geleistet werden kann, wo erstens völlige Klarheit und Durchsichtigkeit darüber herrscht, was inhaltlich in den Eid eingeschlossen ist; zweitens ist zu unterscheiden zwischen Eidesleistungen, die sich auf vergangene oder gegenwärtige Tatbestände, die uns bekannt sind, beziehen, [113] und solchen, die den Charakter eines Gelübdes tragen. Da der Christ niemals in der Kenntnis des Vergangenen irrtumsfrei ist, wird die Anrufung des Allwissenden Gottes für ihn nicht der Bestätigung der dem Irrtum unterworfenen Aussage, sondern der Reinheit seines Wissens und Gewissens dienen. Da aber der Christ auch niemals über seine Zukunft verfügt, ist ein eidliches Gelübde, z. B. ein Treueid für ihn von vornherein von größten Gefahren bedroht. Denn nicht nur seine eigene Zukunft hat der Christ nicht in der Hand, sondern erst recht nicht die Zukunft dessen, der ihn mit dem Treueid bindet. Es ist also um der Wahrhaftigkeit und der Nachfolge Jesu willen unmöglich, einen solchen Eid zu leisten, ohne ihn unter den Vorbehalt des Willens Gottes zu stellen. Es gibt für den Christen keine absolute irdische Bindung. Ein Treueid, der den Christen absolut binden will, wird ihm zur Lüge, ist „vom Bösen“. Die Anrufung des Namens Gottes kann in einem solchen Eid niemals die Bestätigung des Gelübdes, sondern einzig und allein die Bezeugung dessen sein, daß wir in der Nachfolge Jesu allein an Gottes Willen gebunden sind, daß jegliche andere Bindung um Jesu willen unter diesem Vorbehalt steht. Wird dieser Vorbehalt in Fällen des Zweifels nicht ausgesprochen oder wird er nicht anerkannt, so kann der Eid nicht geleistet werden, weil ich eben mit diesem Eid den irreführe, der ihn mir abnimmt. Es sei aber eure Rede Ja, ja und Nein, nein.

Das Gebot der völligen Wahrhaftigkeit ist nur ein anderes Wort für die Ganzheit der Nachfolge. Nur wer ein in der Nachfolge Gebundener Jesu ist, steht in der völligen Wahrhaftigkeit. Er hat vor seinem Herrn nichts zu verbergen. Er lebt aufgedeckt vor ihm. Er ist von Jesus erkannt, in die Wahrheit gestellt. Er ist als Sünder vor Jesus offenbar. Nicht er hat sich Jesus offenbart, sondern als Jesus sich ihm offenbarte in seinem Ruf, da wußte er sich von Jesus in seiner Sünde offenbart. Völlige Wahrhaftigkeit gibt es nur aus der [114] aufgedeckten Sünde heraus, die auch von Jesus vergeben ist. Wer im Bekenntnis seiner Sünde vor Jesus in der Wahrheit steht, der allein schämt sich nicht der Wahrheit, wo auch immer sie gesagt werden muß. Die Wahrhaftigkeit, die Jesus von seinem Jünger fordert, besteht in der Selbstverleugnung, die die Sünde nicht verdeckt. Es ist alles offenbar und licht.

Weil es in der Wahrhaftigkeit zuletzt und zuerst um die Aufdeckung des Menschen in seinem ganzen Sein, in seinem Bösen vor Gott geht, darum erregt diese Wahrhaftigkeit den Widerspruch der Sünder, darum wird sie verfolgt und gekreuzigt. Die Wahrhaftigkeit des Jüngers hat ihren einzigen Grund in der Nachfolge Jesu, in der er uns am Kreuz unsere Sünde offenbart. Allein das Kreuz als die Wahrheit Gottes über uns macht uns wahrhaftig. Wer das Kreuz kennt, scheut andere Wahrheit nicht mehr. Wer unter dem Kreuz lebt, für den ist der Eid als Gesetz zur Herstellung der Wahrhaftigkeit abgetan; denn er ist in der vollkommenen Wahrheit Gottes.

Es gibt keine Wahrheit Jesus gegenüber ohne Wahrheit den Menschen gegenüber. Die Lüge zerstört die Gemeinschaft. Wahrheit aber zerschneidet falsche Gemeinschaft und begründet echte Bruderschaft. Es gibt keine Nachfolge Jesu ohne das Leben in der aufgedeckten Wahrheit vor Gott und den Menschen.

Die Vergeltung

Ihr habt gehört, daß da gesagt ist: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Ich aber sage euch, daß ihr nicht widerstreben sollt dem Bösen; sondern, so dir jemand einen Streich gibt auf deinen rechten Backen, dem biete den andern auch dar. Und so jemand mit dir rechten will und deinen Rock nehmen, dem laß auch den Mantel. Und so dich jemand nötigt eine Meile, so gehe mit ihm zwei. Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht von dem, der dir abborgen will“ (Mt. 5,38-42).

Jesus koordiniert hier das Wort: Auge um Auge, Zahn um Zahn, mit den früher genannten alttestamentlichen Geboten, also etwa auch mit dem Verbot des Tötens aus dem Dekalog. Er anerkennt es also wie jenes als unzweifelhaftes Gebot Gottes. Es soll wie jenes nicht aufgelöst, sondern bis ins letzte erfüllt werden. Unsere Abstufung der alttestamentlichen Gebote zugunsten des Zehngebotes kennt Jesus nicht. Für ihn ist das Gebot des Alten Testaments eines, und so weist er seine Jünger an seine Erfüllung.

Die Nachfolger Jesu leben um seinetwillen im Verzicht auf das eigene Recht. Er preist sie als die Sanftmütigen selig. Wollten sie, nachdem sie alles aufgegeben haben um seiner Gemeinschaft willen, an diesem einen Besitz festhalten, so hätten sie die Nachfolge verlassen. So geschieht hier nichts mehr als eine Entfaltung der Seligpreisung.

Das alttestamentliche Gesetz stellt das Recht unter den göttlichen Schutz der Vergeltung. Es soll kein Böses ohne Vergeltung geben. Es geht ja um die Herstellung der rechten Gemeinschaft, um die Überwindung und Überführung des Bösen, um seine Beseitigung aus der Gemeinschaft des Volkes Gottes. Dazu dient das Recht, das durch Vergeltung in Kraft bleibt.

Jesus nimmt diesen Willen Gottes auf und bejaht die Kraft der Vergeltung, das Böse zu überführen und zu überwinden und die Gemeinschaft der Jünger als des wahren Israel zu sichern. Durch rechte Vergeltung soll das Unrecht abgetan werden, soll der Jünger sich in der Nachfolge Jesu bewähren. Solche rechte Vergeltung besteht nach dem Wort Jesu allein darin, daß dem Bösen nicht widerstanden wird.

Mit diesem Wort löst Jesus seine Gemeinde aus der politisch-[116]rechtlichen Ordnung, aus der völkischen Gestalt des Volkes Israel und macht sie zu dem, was sie in Wahrheit ist, nämlich zu der politisch-völkisch nicht gebundenen Gemeinde der Gläubigen. Bestand die Vergeltung nach göttlichem Willen in dem von Gott erwählten Volk Israel als zugleich politischer Gestalt in der Erwiderung des Schlages mit dem Schlag, so besteht sie für die Jüngergemeinde, die für sich völkisch-rechtlich keinen Anspruch mehr erheben kann, in dem geduldigen Erleiden des Schlages, auf daß nicht Böses zu Bösem hinzugefügt werde. So allein wird Gemeinschaft begründet und erhalten.

Es wird hier deutlich, daß der Nachfolger Jesu, dem Unrecht zugefügt ist, nicht mehr an seinem eigenen Recht hängt als an einem Besitz, den er unter allen Umständen zu verteidigen habe, sondern daß er völlig frei von jeglichem Besitz allein an Jesus Christus gebunden ist und eben, indem er diese seine Bindung an Jesus allein bezeugt, die einzig tragfähige Grundlage der Gemeinschaft schafft und den Sünder in die Hand Jesu gibt.

Die Überwindung des Anderen erfolgt nun dadurch, daß sein Böses sich totlaufen muß, daß es nicht findet, was es sucht, nämlich Widerstand und damit neues Böses, an dem es sich um so mehr entzünden könnte. Das Böse wird darin ohnmächtig, daß es keinen Gegenstand, keinen Widerstand findet, sondern willig getragen und erlitten wird. Hier stößt das Böse auf einen Gegner, dem es nicht mehr gewachsen ist. Freilich nur dort, wo auch der letzte Rest von Widerstand aufgehoben ist, wo der Verzicht, Böses mit Bösem zu vergelten, restlos ist. Das Böse kann hier sein Ziel nicht erreichen, Böses zu schaffen, es bleibt allein.

Das Leiden geht vorüber, indem es getragen wird. Das Übel findet sein Ende, indem wir es wehrlos über uns ergehen lassen. Entehrung und Schmähung wird als Sünde offenbar, indem der Nachfolgende sie nicht auch selbst begeht, sondern [117] sie wehrlos trägt. Vergewaltigung wird darin gerichtet, daß ihr keine Gewalt entgegentritt. Der unrechte Anspruch auf meinen Rock wird dadurch bloßgestellt, daß ich den Mantel noch dazu hingebe, die Ausbeutung meiner Dienstleistung wird als solche sichtbar, daß ich ihr keine Grenze setze. Die Bereitschaft alles zu lassen, wo wir gebeten werden, ist die Bereitschaft, mit Jesus Christus allein genug zu haben, ihm allein folgen zu wollen. Im freiwilligen Verzicht auf Gegenwehr bestätigt und bekundet sich die unbedingte Bindung des Nachfolgers an Jesus, die Freiheit, das Entbundensein vom eigenen Ich. Und eben in der Ausschließlichkeit dieser Bindung kann das Böse allein überwunden werden.

Dabei geht es nicht nur um das Böse, sondern um den Bösen. Jesus nennt den Bösen böse. Nicht Entschuldigung und Rechtfertigung des Gewalttätigen, des mich Bedrängenden soll mein Verhalten sein. Nicht als wollte ich mit meinem leidenden Erdulden mein Verständnis für das Recht des Bösen ausdrücken. Mit diesen sentimentalen Erwägungen hat Jesus nichts zu tun. Der entehrende Schlag, die Gewalttat, die Ausbeutung bleibt böse. Der Jünger soll das wissen und er soll es bezeugen, wie Jesus es bezeugte, eben weil anders der Böse nicht getroffen und überwunden wird. Aber gerade weil es das gar nicht zu rechtfertigende Böse ist, das dem Jünger gegenübertritt, darum soll der Jünger nicht widerstehen, sondern leidend das Böse zu seinem Ende bringen und so den Bösen überwinden. Das willige Leiden ist stärker als das Böse, es ist der Tod des Bösen.

Es gibt also auch keine denkbare Tat, in der das Böse so groß und stark wäre, daß es nun doch eine andere Haltung des Christen erforderlich machte. Je furchtbarer das Böse, desto bereitwilliger zum Leiden soll der Jünger sein. Der Böse muß Jesus in die Hände fallen. Nicht ich, sondern Jesus soll mit ihm handeln.

Die reformatorische Auslegung hat an dieser Stelle einen ent-[118]scheidenden neuen Gedanken eingeführt, daß nämlich zu unterscheiden sei zwischen dem, was mir persönlich und dem, was mir in meinem Amt, d.h. in meiner mir von Gott aufgetragenen Verantwortung zuleide getan wird. Habe ich im ersten Fall zu handeln, wie Jesus gebietet, so bin ich doch im zweiten Fall davon entbunden, ja um der wahren Liebe willen verpflichtet, umgekehrt zu handeln, nämlich Gewalt gegen Gewalt zu setzen, um dem Einbruch des Bösen zu widerstehen. Hieraus rechtfertigt sich die Stellung der Reformation zum Krieg, zu jedem Gebrauch der öffentlichen rechtlichen Mittel zur Abwehr des Bösen. Jesus aber ist diese Unterscheidung zwischen mir als Privatperson und als Träger des Amtes als maßgeblich für mein Handeln fremd. Er sagt uns darüber kein Wort. Er redet seine Nachfolger an als solche, die alles verlassen hatten, um ihm nachzufolgen. „Privates“ und „amtliches“ sollte ganz und gar dem Gebot Jesu unterworfen sein. Jesu Wort hatte sie ungeteilt in Anspruch genommen. Er forderte ungeteilten Gehorsam. In der Tat ist ja die genannte Unterscheidung einer unlösbaren Schwierigkeit ausgesetzt. Wo bin ich im wirklichen Leben nur Privatperson, wo nur Amtsträger? Bin ich nicht, wo immer ich angegriffen werde, zugleich der Vater meiner Kinder, der Prediger meiner Gemeinde, der Staatsmann meines Volkes? Bin ich nicht aus diesem Grunde jedem Angriff die Abwehr schuldig, eben um der Verantwortung für mein Amt willen? Bin ich nicht auch in meinem Amt wiederum jederzeit ich selbst, der allein Jesus gegenübersteht? Sollte also mit dieser Unterscheidung doch vergessen sein, daß der Nachfolger Jesu immer ganz allein ist, der Einzelne, der zuletzt auch nur für sich allein handeln und entscheiden kann? und daß gerade in diesem Handeln die ernsteste Verantwortung für die mir Befohlenen liegt?

Aber wie will sich denn der Satz Jesu rechtfertigen vor der Erfahrung, der gemäß das Böse sich gerade am Schwachen [119] entzündet und sich gerade am Wehrlosen am ungehindertsten austobt? Bleibt dieser Satz nicht einfach Ideologie, die nicht mit den Realitäten, sagen wir mit der Sünde der Welt rechnet. Es könnte dieser Satz vielleicht sein Recht haben innerhalb der Gemeinde. Der Welt gegenüber scheint er schwärmerisches Übersehen der Sünde zu sein. Weil wir in der Welt leben und die Welt böse ist, darum eben kann dieser Satz nicht gelten.

Jesus aber sagt: weil ihr in der Welt lebt und weil die Welt böse ist, darum gilt dieser Satz: ihr sollt dem Bösen nicht widerstehen. Man wird Jesus schwerlich den Vorwurf machen wollen, er habe die Macht des Bösen nicht gekannt, er, der vom ersten Tage seines Lebens an im Kampf mit dem Teufel lag. Jesus nennt das Böse böse und gerade darum spricht er so zu seinen Nachfolgern. Wie ist das möglich?

Es wäre in der Tat alles bare Schwärmerei, was Jesus seinen Nachfolgern sagt, wenn wir diese Sätze als allgemeines ethisches Programm zu verstehen hätten, wenn der Satz, daß das Böse allein durch das Gute überwunden wird, als allgemeine Welt- und Lebensweisheit aufzufassen wäre. Es wäre in der Tat unverantwortliches Phantasieren von Gesetzen, denen die Welt niemals gehorcht. Wehrlosigkeit als Prinzip des weltlichen Lebens ist gottlose Zerstörung der von Gott gnädig erhaltenen Ordnung der Welt. Aber hier redet ja nicht ein Programmatiker, sondern hier redet der von der Überwindung des Bösen durch das Erleiden, der selbst von dem Bösen am Kreuz überwunden wurde und der aus dieser Niederlage als der Überwinder und Sieger hervorging. Es kann keine andere Rechtfertigung dieses Gebotes Jesu geben als sein eigenes Kreuz. Allein wer in diesem Kreuz Jesu den Glauben findet an den Sieg über das Böse, kann seinem Gebot gehorchen, und allein solcher Gehorsam hat die Verheißung. Welche Verheißung? Die Verheißung der Gemeinschaft des Kreuzes Jesu und der Gemeinschaft seines Sieges. [120]

Die Passion Jesu als die Überwindung des Bösen durch die göttliche Liebe ist der einzig tragfähige Grund für den Gehorsam des Jüngers. Jesus ruft den Nachfolgenden mit seinem Gebot abermals in die Gemeinschaft seiner Passion. Wie sollte auch die Predigt von der Passion Jesu Christi der Welt sichtbar und glaubwürdig sein, wenn die Jünger Jesu sich dieser Passion entziehen, wenn sie sie an ihrem eigenen Leibe verschmähen? Jesus selbst erfüllt das Gesetz, das er gibt, in seinem Kreuz (Anm.: Es ist eine böse Leichtfertigkeit unter Berufung auf Joh. 18,23 zu behaupten, Jesus selbst habe sein Gebot nicht wörtlich erfüllt, und damit sich selbst vom Gehorsam zu entbinden. Jesus nennt das Böse böse, aber er erleidet wehrlos bis zum Kreuzestod) und hält durch sein Gebot zugleich seine Nachfolger gnädig in der Gemeinschaft seines Kreuzes. Im Kreuz allein ist es wahr und wirklich, daß die Vergeltung und Überwindung des Bösen die leidende Liebe ist. Die Gemeinschaft des Kreuzes aber ist den Jüngern durch den Ruf in die Nachfolge geschenkt. In dieser sichtbaren Gemeinschaft sind sie seliggepriesen.

Der Feind – das „Außerordentliche“

Ihr habt gehört, daß gesagt ist: „Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen“. Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen, auf daß ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel, denn er läßt seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte. Denn so ihr liebet, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun [121] nicht dasselbe auch die Zöllner? Und so ihr euch nur zu euren Brüdern freundlich tut, was tut ihr Sonderliches? Tun nicht die Zöllner auch also? Darum sollt ihr vollkommen sein, gleichwie euer Vater im Himmel vollkommen ist“ (Mt. 5,43-48).

Hier fällt zum ersten Male in der Bergpredigt das Wort, in dem alles Gesagte zusammengefaßt ist: Liebe, und sogleich in der eindeutigen Bestimmung der Feindesliebe. Liebe zum Bruder wäre ein mißverständliches Gebot, Liebe zum Feind macht unmißverständlich deutlich, was Jesus will.

Der Feind war den Jüngern kein leerer Begriff. Sie kannten ihn wohl. Sie begegneten ihm täglich. Da waren die, die ihnen fluchten als Zerstörern des Glaubens und Gesetzesübertretern; da waren die, die sie haßten, weil sie alles verlassen hatten um Jesu willen, alles gering achteten um seiner Gemeinschaft willen; da waren die, von denen sie beleidigt und verhöhnt wurden um ihrer Schwäche und Demut willen; da waren die Verfolger, die in der Jüngerschar eine aufziehende revolutionäre Gefahr witterten und auf ihre Vernichtung ausgingen. Der eine Feind stand also bei den Vertretern der Volksfrömmigkeit, die den alleinigen Anspruch Jesu nicht ertragen konnten. Er war mit Macht und Ansehen gerüstet. Der andere Feind, an den jeder Jude denken mußte, war der politische Feind in Rom. Auch ihn spürte man kräftig als Bedrückung. Neben diesen beiden feindseligen Gruppen stand all die persönliche Feindschaft, die den trifft, der nicht den Weg der Mehrzahl mitgeht, tägliche Verleumdung, Schmähung und Bedrohung.

Zwar gibt es im Alten Testament nirgends einen Satz, der den Feindeshaß geböte. Vielmehr besteht das Gebot der Feindesliebe (2. Mose 23,4f.; Sprüche 25,21f.; 1. Mose 45,1ff.; 1. Sam. 24,7; 2. Kön. 6,22 u. ö.). Aber Jesus spricht hier von keiner natürlichen Feindschaft, sondern von der Feindschaft des Gottesvolkes gegen die Welt. Die Kriege Israels waren die einzigen „heiligen“ Kriege, die es in der Welt gab. Sie waren die Kriege [122] Gottes gegen die Götzenwelt. Jesus verurteilt diese Feindschaft nicht, er müßte ja sonst die ganze Geschichte Gottes mit seinem Volk verurteilen. Vielmehr bejaht Jesus den Alten Bund. Es geht auch ihm allein um die Überwindung der Feinde, um den Sieg der Gemeinde Gottes. Aber er löst mit seinem Gebot abermals seine Jüngergemeinde aus der politischen Gestalt des Volkes Israel. Damit gibt es keine Glaubenskriege mehr, damit hat Gott die Verheißung des Sieges über den Feind in die Feindesliebe gelegt.

Feindesliebe ist nicht nur dem natürlichen Menschen ein unerträglicher Anstoß. Sie geht ihm über die Kraft, und sie verstößt gegen seinen Begriff von Gut und Böse. Wichtiger ist, daß Feindesliebe auch dem Menschen unter dem Gesetz als eine Versündigung gegen das Gesetz Gottes erscheint: die Trennung vom Feinde und seine Verurteilung ist die Forderung des Gesetzes. Aber Jesus nimmt Gottes Gesetz in seine Hände und legt es aus. Überwindung des Feindes – durch Feindesliebe, das ist der Wille Gottes in seinem Gesetz.

Der Feind ist im Neuen Testament immer der, der mir feindlich ist. Mit einem, dem der Jünger Feind sein könnte, rechnet Jesus gar nicht. Dem Feind aber soll zukommen, was dem Bruder zukommt, die Liebe des Nachfolgers Jesu. Das Handeln des Jüngers soll nicht bestimmt sein durch das Handeln der Menschen, sondern durch das Handeln Jesu an ihm. Es hat darum nur eine Quelle, den Willen Jesu.

Vom Feind ist die Rede, also von dem, der Feind bleibt, ungerührt von meiner Liebe; der mir nichts vergibt, wenn ich ihm alles vergebe; der mich haßt, wenn ich ihn liebe; der mich um so mehr schmäht, je ernster ich ihm diene. „Dafür, daß ich sie liebe, sind sie wider mich; ich aber bete“ (Ps. 109,4). Aber nicht danach soll die Liebe fragen, ob sie erwidert wird, vielmehr sucht sie den, der ihrer bedarf. Wer aber ist der Liebe bedürftiger als der, der selbst ohne alle Liebe im Haß lebt? Wer ist also auch der Liebe würdiger als mein Feind? [123] Wo wird die Liebe herrlicher gepriesen als mitten unter ihren Feinden?

Keinen Unterschied kennt diese Liebe zwischen verschiedenen Arten von Feinden als den, daß, je feindlicher der Feind ist, desto mehr meine Liebe erfordert ist. Sei es der politische, sei es der religiöse Feind, er hat von dem Nachfolger Jesu nichts zu erwarten als ungeteilte Liebe. Keinen Zwiespalt kennt diese Liebe auch in mir selbst, zwischen mir als Privatperson und als Amtsperson. Ich kann doch in beiden nur eines sein, oder ich bin es überhaupt nicht, nämlich Nachfolger Jesu Christi. Wie diese Liebe handle, werde ich gefragt? Jesus sagt es: segnen, wohltun, beten, ohne Bedingung, ohne Ansehen der Person.

Liebet eure Feinde“. Während in dem vorangegangenen Gebot nur von dem wehrlosen Erleiden des Bösen geredet wurde, geht Jesus hier noch weit darüber hinaus. Nicht nur duldend sollen wir das Böse und den Bösen ertragen, nicht nur Schlag nicht mit Widerschlag vergelten, sondern in herzlicher Liebe sollen wir unserem Feinde zugetan sein. Ungeheuchelt und rein sollen wir unserm Feinde dienen und helfen in allen Dingen. Kein Opfer, das der Liebende dem Geliebten darbringen würde, kann uns zu groß und zu kostbar sein für unseren Feind. Sind wir der Liebe zum Bruder unser Gut, unsere Ehre, unser Leben schuldig, so schulden wir es in gleicher Weise unserm Feind. Machen wir uns damit seines Bösen teilhaftig? Nein, denn wie sollte die Liebe, die nicht aus Schwachheit, sondern aus Kraft geboren ist, die nicht aus der Furcht, sondern aus der Wahrheit kommt, am Haß des Anderen schuldig werden? Und wem müßte solche Liebe geschenkt werden, wenn nicht dem, dessen Herz in Haß erstickt?

Segnet, die euch fluchen.“ Trifft uns die Verfluchung des Feindes, weil er unsere Gegenwart nicht ertragen kann, so sollen wir die Hände zum Segen erheben: Ihr, unsere Feinde, [124] ihr Gesegneten Gottes, euer Fluch kann uns nicht verletzen, aber eure Armut möge erfüllt werden von dem Reichtum Gottes, von dem Segen dessen, gegen den ihr vergeblich anlauft. Auch wollen wir euren Fluch wohl tragen, wenn ihr nur den Segen davontragt.

Tut wohl denen, die euch hassen.“ Nicht nur bei Worten und Gedankens soll es bleiben. Wohltun geschieht in all den Dingen des täglichen Lebens. „So nun deinen Feind hungert, so speise ihn; dürstet ihn, so tränke ihn“ (Röm. 12,20). Wie ein Bruder dem Bruder beisteht in der Not, ihm die Wunden verbindet, ihm die Schmerzen lindert, so tue es unsere Liebe am Feind. Wo in der Welt ist auch tiefere Not, wo sind schwerere Wunden und Schmerzen als bei unserm Feinde? Wo ist das Wohltun nötiger und seliger als bei unserm Feind? „Geben ist seliger denn nehmen.“

Bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen.“ Das ist das Äußerste. Im Gebet treten wir zum Feind, an seine Seite, wir sind mit ihm, bei ihm, für ihn vor Gott. Jesus verheißt uns nicht, daß uns der Feind, den wir lieben, den wir segnen, dem wir wohltun, nicht beleidigen und verfolgen werde. Er wird es tun. Aber auch hierin kann er uns nicht schaden und überwinden, wenn wir den letzten Schritt zu ihm tun in fürbittendem Gebet. Nun nehmen wir seine Not und Armut, seine Schuld und Verlorenheit mit auf uns, treten vor Gott für ihn ein. Wir tun stellvertretend für ihn, was er nicht tun kann. Jede Beleidigung des Feindes wird uns nur näher mit Gott und mit unserm Feind verbinden. Jede Verfolgung kann nur dazu dienen, daß der Feind der Versöhnung mit Gott näher gebracht wird, daß die Liebe unüberwindlicher wird.

Wie wird die Liebe unüberwindlich? Darin, daß sie niemals danach fragt, was der Feind ihr antut, sondern allein danach, was Jesus getan hat. Die Feindesliebe führt den Jünger auf den Weg des Kreuzes und in die Gemeinschaft des Gekreuzigten. Aber je gewisser der Jünger auf diesen Weg gedrängt [125] wird, desto gewisser bleibt seine Liebe unüberwunden, desto gewisser überwindet sie den Haß des Feindes; denn sie ist ja nicht seine eigene Liebe. Sie ist ganz allein die Liebe Jesu Christi, der für seine Feinde zum Kreuz ging und am Kreuz für sie betete. Vor dem Kreuzesweg Jesu Christi aber erkennen auch die Jünger, daß sie selbst unter den Feinden Jesu waren, die von seiner Liebe überwunden wurden. Diese Liebe macht den Jünger sehend, daß er im Feind den Bruder erkennt, daß er an ihm handelt wie an seinem Bruder. Warum? Weil er ja selbst allein aus der Liebe dessen lebt, der an ihm gehandelt hat wie an einem Bruder, der ihn als seinen Feind annahm und in seine Gemeinschaft zog wie seinen Nächsten. Darin macht die Liebe den Nachfolgenden sehend, daß sie auch den Feind eingeschlossen sieht in die Liebe Gottes, daß sie den Feind unter dem Kreuz Jesu Christi sieht. Gott fragte bei mir nicht nach Gut und Böse, weil auch mein Gutes vor ihm gottlos war. Gottes Liebe suchte den Feind, der ihrer bedarf, den er ihrer für würdig achtet. Gott preist seine Liebe am Feind. Das weiß der Nachfolgende. An dieser Liebe hat er durch Jesus teilgenommen. Denn Gott läßt seine Sonne scheinen und regnen über Gerechte und Ungerechte. Es ist aber nicht nur die irdische Sonne und der irdische Regen, die über Gute und Böse gehen, sondern es ist auch die „Sonne der Gerechtigkeit“, Jesus Christus selbst, und der Regen des göttlichen Wortes, der die Gnade des Vaters im Himmel über die Sünder offenbart. Die ungeteilte, vollkommene Liebe ist die Tat des Vaters, sie ist auch die Tat der Söhne des Vaters im Himmel, wie sie die Tat des eingeborenen Sohnes war.

„Die Gebote der Nächstenliebe und des Nichträchens werden in dem Gotteskampf, dem wir entgegengehen, und in dem wir zum Teil schon seit Jahren stehen, besonders hervortreten, wo auf der einen Seite der Haß, auf der anderen die Liebe kämpft. Darauf hat jede Christenseele hoch not [126] sich ernstlich zu schicken. Es kommt die Zeit heran, in welcher Jeder, welcher den lebendigen Gott bekennt, um dieses Bekenntnisses willen nicht allein ein Gegenstand des Hasses und der Wut sein wird – denn soweit sind wir so ziemlich schon jetzt gekommen –, sondern wo man ihn bloß um dieses Bekenntnisses willen aus der „menschlichen Gesellschaft“, wie man das nennt, ausschließen, von Ort zu Ort jagen, wo man leiblich über ihn herfallen, ihn mißhandeln und nach Umständen töten wird. – Es naht eine allgemeine Christenverfolgung, und das ist eigentlich der rechte Sinn aller Bewegungen und Kämpfe unserer Tage. Die auf die Vernichtung der christlichen Kirche und des christlichen Glaubens ausgehenden Gegner können mit uns nicht zusammenleben, weil sie in jedem unserer Worte und in jeder unserer Handlungen, wenn dieselben auch gar nicht gegen sie gerichtet sind, eine Verurteilung ihrer Worte und Handlungen, und gar nicht mit Unrecht, sehen und dabei wohl herausfühlen, daß wir nach ihrer Verurteilung, die sie über uns aussprechen, ganz und gar nicht fragen, weil sie sich selbst sagen müssen, daß diese Verurteilung vollkommen unmächtig und nichtig ist, daß wir also gar nicht, wie es ihnen ganz recht wäre, auf dem Fuße des gegenseitigen Haderns und Zankens mit ihnen stehen. Und wie den Kampf kämpfen? Die Zeit kommt heran, daß wir nicht mehr als Einzelne und Vereinzelte, sondern zusammen als Gemeinde, als Kirche, die Hände also zum Gebete erheben, daß wir in Scharen, wenn auch als verhältnismäßig kleine Scharen, unter den viel tausendmal tausend Abgefallenen laut den Herrn, der gekreuzigt und auferstanden ist, und seine Wiederkunft bekennen und preisen. Und welches Gebet, welches Bekenntnis, welcher Lobgesang ist dies? Das ist eben ein Gebet der innigsten Liebe zu eben diesen Verlorenen, welche um uns her stehen und mit den rollenden Augen des Hasses uns anschauen, wohl gar schon die Hände zum tödlichen Streiche wider uns erhoben haben; [127] das ist ein Gebet um Frieden für diese irregewordenen und zerrütteten, verstörten und verwüsteten Seelen, ein Gebet um dieselbe Liebe und denselben Frieden, deren wir uns freuen; ein Gebet, welches ihnen tief in die Seele dringen und an ihren Herzen reißen wird mit weit stärkeren Griffen, als sie mit der äußersten Anstrengung des Hasses an unseren Herzen zu reißen vermögen. Ja, die Kirche, welche wirklich des Herrn wartet, wirklich die Zeit mit ihren Zeichen der endlichen Scheidung begreift, muß auch aus allen Kräften der Seele, aus allen Gesamtkräften ihres heiligen Lebens sich auf dies Gebet der Liebe werfen“ (A. F. C. Vilmar 1880).

Was ist ungeteilte Liebe? Liebe, die sich nicht parteiisch denen zuwendet, die uns ihre Gegenliebe schenken. In der Liebe zu denen, die uns lieben, zu unsren Brüdern, zu unsrem Volk, zu unsren Freunden, ja auch zu unsrer christlichen Gemeinde, sind wir den Heiden und den Zöllnern gleich. Sie ist das Selbstverständliche, Reguläre, Natürliche, aber keineswegs das Christliche. Ja, es ist wirklich „dasselbe“, was hier Heiden und Christen tun. Die Liebe zu denen, die mir durch Blut, Geschichte oder Freundschaft gehören, ist dieselbe bei Heiden und Christen. Jesus hat über diese Liebe nicht viel zu sagen. Das wissen die Menschen allein, was sie ist. Er braucht sie auch nicht erst zu entzünden, zu betonen, hervorzuheben. Die natürlichen Gegebenheiten erzwingen sich ihre Anerkennung allein, bei Heiden und bei Christen. Daß einer seine Brüder, sein Volk, seine Freunde lieben solle, braucht Jesus nicht zu sagen, es versteht sich von selbst. Aber gerade indem er das nur feststellt und kein weiteres Wort darüber verliert, sondern dem allen gegenüber einzig und allein die Liebe zum Feind gebietet, sagt er, was er Liebe nennt und was von jener Liebe zu halten sei.

Worin unterscheidet sich der Jünger vom Heiden? Worin besteht „das Christliche“? Hier fällt nun das Wort, auf das hin das ganze 5. Kapitel ausgerichtet ist, in dem alles Vorige zu-[128]sammengefaßt ist: das Christliche ist das „Sonderliche“, das perissón, das Außerordentliche, das Nichtreguläre, Nichtselbstverständliche. Es ist das, was an „besserer Gerechtigkeit“ die Pharisäer „übertrifft“, über sie hinausragt, das Mehr, das Darüberhinaus. Das Natürliche ist to autó (ein und dasselbe) für Heiden und Christen, das Christliche fängt an bei dem perissón und stellt nun von hier aus erst das Natürliche ins rechte Licht. Wo dies Sonderliche, Außerordentliche nicht ist, da ist das Christliche nicht. Nicht innerhalb der natürlichen Gegebenheiten geschieht das Christliche, sondern in dem Über-sie-hinaus-treten. Das perissón geht niemals in dem to autó auf. Das ist der große Irrtum einer falschen protestantischen Ethik, daß hier Christusliebe aufgeht in Vaterlandsliebe, in Freundschaft oder in Beruf, daß die bessere Gerechtigkeit aufgeht in der justitia civilis. So redet Jesus nicht. Das Christliche hängt am „Außerordentlichen“. Darum kann sich der Christ nicht der Welt gleichstellen, weil er auf das perissón bedacht sein muß.

Worin besteht das perissón, das Außerordentliche? Es ist die Existenz der Seliggepriesenen, der Nachfolgenden, es ist das leuchtende Licht, die Stadt auf dem Berge, es ist der Weg der Selbstverleugnung, völliger Liebe, völliger Reinheit, völliger Wahrhaftigkeit, völliger Gewaltlosigkeit; es ist hier die ungeteilte Liebe zum Feind, die Liebe zu dem, der keinen liebt und den keiner liebt; die Liebe zum religiösen, zum politischen, zum persönlichen Feind. Es ist in all dem der Weg, der seine Erfüllung fand am Kreuze Jesu Christi. Was ist das perissón? Es ist die Liebe Jesu Christi selbst, die leidend und gehorsam ans Kreuz geht, es ist das Kreuz. Das Sonderliche des Christlichen ist das Kreuz, das den Christen über-die-Welt-hinaussein läßt und ihm darin den Sieg über die Welt gibt. Die passio in der Liebe des Gekreuzigten – das ist das „Außerordentliche“ an der christlichen Existenz.

Das Außerordentliche ist unzweifelhaft das Sichtbare, über [129] dem der Vater im Himmel gepriesen wird. Es kann nicht verborgen bleiben. Die Leute müssen es sehen. Die Gemeinde der Nachfolger Jesu, die Gemeinde der besseren Gerechtigkeit ist sichtbare Gemeinde, herausgetreten aus den Ordnungen der Welt, sie hat alles verlassen, um das Kreuz Christi zu gewinnen.

Was tut ihr Sonderliches? Das Außerordentliche – und das ist das Anstößigste – ist ein Tun der Nachfolgenden. Es muß getan werden – wie die bessere Gerechtigkeit –, sichtbar getan werden! Nicht in ethischer Rigorosität, nicht in der Exzentrik christlicher Lebensformen, sondern in der Einfalt christlichen Gehorsams gegen den Willen Jesu. Dies Tun wird sich als „Sonderliches“ darin bewähren, daß es in die passio Christi führt. Dieses Tun selbst ist fortwährendes Erleiden. In ihm wird Christus von seinem Jünger erlitten. Ist es das nicht, so ist es nicht dieses Tun, das Jesus meint.

Das perissón ist so die Erfüllung des Gesetzes, das Halten der Gebote. In Christus dem Gekreuzigten und seiner Gemeinde wird das „Außerordentliche“ Ereignis.

Hier sind die Vollkommenen, die in der ungeteilten Liebe vollkommen sind wie der Vater im Himmel. War es die ungeteilte, vollkommene Liebe des Vaters, die uns den Sohn ans Kreuz gab, so ist das Erleiden der Gemeinschaft dieses Kreuzes die Vollkommenheit der Nachfolger Jesu. Die Vollkommenen sind keine anderen als die Seliggepriesenen. [130]

Matthäus 6:
Von der Verborgenheit des christlichen Lebens.

Die verborgene Gerechtigkeit

Habt acht auf eure Gerechtigkeit, daß ihr sie nicht tut vor den Leuten, daß ihr von ihnen gesehen werdet; ihr habt anders keinen Lohn bei eurem Vater im Himmel. Wenn du nun Almosen gibst, sollst du nicht lassen vor dir posaunen, wie die Heuchler tun in den Schulen und auf den Gassen, auf daß sie von den Leuten gepriesen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn dahin. Wenn du aber Almosen gibst, so laß deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut, auf daß dein Almosen verborgen sei; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten öffentlich“ (Mt. 6,1-4).

Nachdem das 5. Kapitel von der Sichtbarkeit der Gemeinde der Nachfolgenden gesprochen hat und in dem perissón gipfelt, nachdem also das Christliche als das aus der Welt Hinaustretende, die Welt Überragende, Außerordentliche verstanden werden muß, knüpft das nächste Kapitel unmittelbar an dieses perissón an und enthüllt es in seiner Zweideutigkeit. Zu groß ist ja die Gefahr eines völligen Mißverständnisses durch die Jünger, als sollten sie nun doch ans Werk gehen, unter Verachtung und Zerstörung der Ordnung der Welt ein himmlisches Reich auf Erden aufzurichten, in schwärmerischer Gleichgültigkeit gegen diesen Äon das Außerordentliche der neuen Welt nunmehr zu vollbringen, sichtbar zu machen, sich mit allem Radikalismus und aller Kompromißlosigkeit von der Welt zu trennen, um das Christ-[131]liche, das der Nachfolge Gemäße, das Außerordentliche zu erzwingen. Allzu nahe lag die Verwechslung, es werde ihnen hier doch wieder eine – allerdings freie, neue, begeisternde – fromme Lebensform und Lebensgestaltung gepredigt. Und wie gern wäre das fromme Fleisch bereit, dieses Außerordentliche, Armut, Wahrhaftigkeit, Leiden auf sich zu nehmen, ja zu suchen, wenn nur damit endlich der Begierde des Herzens genug getan würde, etwas zu sehen mit eigenen Augen und nicht nur zu glauben. Die Bereitschaft, hier eine kleine Verschiebung der Grenze vorzunehmen, indem fromme Lebensform und Gehorsam gegen das Wort einander allzu nahe rückten und schließlich gar nicht mehr auseinander zu halten wären, wäre gewiß dagewesen. Es geschah ja um des einen Zieles willen, daß das Außerordentliche endlich verwirklicht werde.

Umgekehrt mußten ja diejenigen sogleich auf dem Plan sein, die auf das Wort Jesu von dem Außerordentlichen nur gewartet hatten, um ihn nun um so wütender anzugreifen. Hier war ja der Schwärmer, der revolutionäre Enthusiast endlich entlarvt, der die Welt aus den Angeln heben will, der seine Jünger die Welt verlassen und eine neue Welt aufbauen heißt. Ist das noch Gehorsam gegen das Wort des Alten Testaments? Ist das nicht die vollendete selbstgewählte, eigene Gerechtigkeit, die hier aufgerichtet wird? Weiß Jesus nichts von der Sünde der Welt, an der alles, was er gebietet, scheitern muß? Weiß er nichts von den offenbaren Geboten Gottes, die die Sünde zu bannen gegeben wurden? Ist dieses Außerordentliche, das da gefordert ist, nicht der Erweis des geistlichen Hochmuts, der der Anfang aller Schwärmerei gewesen ist? Nein, gerade nicht das Außerordentliche, sondern das ganz Alltägliche, das Reguläre, das Verborgene ist das Zeichen echten Gehorsams und echter Demut. Wiese Jesus seine Jünger hinein in ihr Volk, in ihren Beruf, ihre Verantwortung, in den Gehorsam gegen das Gesetz, wie es die [132] Schriftgelehrten dem Volk auslegten, dann hätte er sich als ein Frommer, ein wahrhaftiger Demütiger, ein Gehorsamer gezeigt. Er hätte einen kräftigen Antrieb zu ernsterer Frömmigkeit, strengerem Gehorsam gegeben. Er hätte gelehrt, was die Schriftgelehrten auch wußten, aber gewiß gern mit Nachdruck gepredigt hörten, daß wahre Frömmigkeit und Gerechtigkeit nicht nur in der äußeren Tat, sondern auch in der Gesinnung des Herzens, aber auch nicht nur in der Gesinnung des Herzens, sondern eben auch in der Tat bestehe. Das wäre wirklich „bessere Gerechtigkeit“ gewesen, wie sie das Volk brauchte, wie sich ihr keiner hätte entziehen können. Aber nun war das alles zerbrochen. Statt des demütigen Lehrers des Gesetzes erkannte man den hochmütigen Schwärmer. Gewiß hatte zu allen Zeiten die Predigt der Schwärmer das menschliche Herz zu begeistern verstanden, ja gerade das edle menschliche Herz. Aber wußten die Lehrer des Gesetzes nicht, daß aus diesem Herzen in allem Guten und Edlen eben doch die Stimme des Fleisches sprach, kannten sie nicht selbst diese Gewalt des frommen Fleisches über den Menschen? Jesus opferte die besten Söhne des Landes, die aufrichtig Frommen nutzlos in einem Kampf um eine Chimäre. Das Außerordentliche – das war ja das schlechthin freiwillige, dem eignen Herzen entsprungene Werk des frommen Menschen. Es war das Auftrumpfen der menschlichen Freiheit gegen den schlichten Gehorsam gegen das Gebot Gottes. Es war die unerlaubte Selbstrechtfertigung des Menschen, die das Gesetz niemals zuläßt. Es war die gesetzlose Selbstheiligung, die vom Gesetz verworfen werden mußte. Es war das freie Werk, das sich dem unfreien Gehorsam entgegenstellte. Es war die Zerstörung der Gemeinde Gottes, die Verleugnung des Glaubens, es war Lästerung des Gesetzes, Gotteslästerung. Das Außerordentliche, das Jesus lehrte, war vor dem Gesetz der Todesstrafe würdig.

Was sagt Jesus zu dem allen? Er sagt: „Habt acht auf eure [133] Gerechtigkeit, daß ihr sie nicht tut vor den Menschen, um von ihnen gesehen zu werden.“ Der Ruf zum Außerordentlichen ist die große, unvermeidliche Gefahr der Nachfolge. Darum: habt acht auf dieses Außerordentliche, auf dieses Sichtbarwerden der Nachfolge. Jesus setzt der unbedachten, ungebrochenen, geradlinigen Freude an diesem Sichtbaren ein Halt! entgegen. Er gibt dem Außerordentlichen einen Stachel. Jesus ruft zur Reflexion.

Die Jünger sollen dieses Außerordentliche nur in der Reflexion haben. Sie sollen darauf achthaben. Das Außerordentliche soll nämlich nicht geschehen, damit es gesehen werde, also das Außerordentliche soll nicht um des Außerordentlichen willen getan werden, das Sichtbarwerden soll nicht um des Sichtbarwerdens willen geschehen. Diese bessere Gerechtigkeit der Jünger soll nicht Selbstzweck sein. Zwar muß es sichtbar werden, muß das Außerordentliche geschehen, aber – habt acht, daß es nicht geschieht, damit es sichtbar werde. Zwar hat die Sichtbarkeit der Nachfolge einen notwendigen Grund, nämlich den Ruf Jesu Christi, aber sie ist niemals selbst ein Ziel; denn dann wäre ja die Nachfolge selbst wieder aus dem Auge verloren, dann wäre da ein Augenblick Ruhe eingetreten, die Nachfolge wäre unterbrochen, und sie wäre jedenfalls nicht mehr an der Stelle, an der wir ausruhen wollten, fortzusetzen, sondern im selben Augenblick wären wir zurückversetzt an den ersten Anfang. Wir müßten merken, daß wir gar nicht mehr Nachfolgende sind. Also, es muß etwas sichtbar werden, aber – paradox: Habt acht, daß es nicht geschehe, damit es die Leute sehen. „Laßt euer Licht leuchten vor den Leuten …“(5,16), aber: Habt acht auf die Verborgenheit! Kapitel 5 und 6 prallen hart aufeinander. Das Sichtbare soll zugleich das Verborgene sein; das Sichtbare soll zugleich nicht gesehen werden können. Die Reflexion, von der gesprochen wurde, ist also gerade darauf zu richten, daß wir nicht in die Reflexion über unser Außer-[134]ordentliches geraten. Das Achthaben auf unsere Gerechtigkeit soll gerade dem dienen, daß wir nicht auf sie achthaben. Sonst ist das Außerordentliche nicht mehr das Außerordentliche der Nachfolge, sondern das Außerordentliche eines eigenen Wollens und Gelüstens. Wie ist dieser Widerspruch zu verstehen?

Wir fragen erstens: Wem soll das Sichtbare der Nachfolge verborgen sein? nicht den anderen Menschen, sie sollen vielmehr das Licht des Jüngers Jesu leuchten sehen, wohl aber dem, der das Sichtbare tut, soll es verborgen sein. Er soll in der Nachfolge bleiben und auf den sehen, der ihm vorangeht, nicht aber auf sich selbst und das was er tut. Der Nachfolgende ist sich selbst verborgen in seiner Gerechtigkeit. Natürlich sieht er das Außerordentliche auch, aber er bleibt sich selbst darin verborgen; er sieht es nur, indem er auf Jesus sieht, und hier eben sieht er es nicht mehr als das Außerordentliche, sondern als das Selbstverständliche, Reguläre. So ist ihm das Sichtbare in der Tat verborgen, nämlich im Gehorsam gegen das Wort Jesu. Wäre ihm das Außerordentliche als Außerordentliches wichtig, so handelte er schwärmerisch aus eigner Gewalt, aus dem Fleisch heraus. Weil aber der Jünger Jesu im schlichten Gehorsam gegen seinen Herrn handelt, darum kann er das Außerordentliche nur als die selbstverständliche Tat des Gehorsams sehen. Es kann ja nach dem Wort Jesu nicht anders sein, als daß der Nachfolgende das Licht ist, das leuchtet, er tut gar nichts dazu, er ist es eben in der Nachfolge, die nur auf den Herrn sieht. Also gerade weil das Christliche notwendig, d.h. indikativisch, das Außerordentliche ist, darum ist es zugleich das Reguläre, Verborgene. Es ist eben sonst nicht das Christliche, der Gehorsam gegen den Willen Jesu Christi.

Wir fragen zweitens: Worin besteht denn nun im Inhalt des Handelns in der Nachfolge die Einheit von Sichtbarem und Verborgenem? Wie kann denn dasselbe Ding zugleich sicht-[135]bar und verborgen sein? Wir brauchen bei der Antwort nur auf das zurückgreifen, was sich im 5. Kapitel ergab. Das Außerordentliche, das Sichtbare ist das Kreuz Christi, unter dem die Jünger stehen. Das Kreuz ist zugleich das Notwendige, Verborgene und das Sichtbare, Außerordentliche.

Wir fragen drittens: Wie löst sich also die Paradoxie zwischen dem 5. und dem 6. Kapitel? Der Begriff der Nachfolge selbst löst sie. Sie ist die alleinige Bindung an Jesus Christus. So sieht der Nachfolgende immer nur seinen Herrn und folgt ihm. Sähe er das Außerordentliche selbst, so stünde er schon nicht mehr in der Nachfolge. Der Nachfolgende tut im schlichten Gehorsam den Willen des Herrn als das Außerordentliche und weiß in allem nur darum, daß er nicht anders kann, daß er also das schlechthin Selbstverständliche tut.

Die einzige und gebotene Reflexion des Nachfolgenden geht darauf, ganz unwissend, ganz unreflektiert zu sein im Gehorsam, in der Nachfolge, in der Liebe. Tust du Gutes, so laß deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut. Du sollst dein eigenes Gutes nicht wissen. Sonst ist es wirklich dein Gutes, aber nicht das Gute Christi. Das Gute Christi, das Gute in der Nachfolge geschieht ohne Wissen. Das echte Werk der Liebe ist immer das mir verborgene Werk. Habt acht darauf, daß ihr es nicht wißt! Nur so ist es das Gute Gottes. Will ich mein Gutes, meine Liebe kennen, so ist es schon nicht mehr Liebe. Auch die außerordentliche Liebe zum Feind bleibt dem Nachfolgenden verborgen. Er sieht den Feind ja nicht mehr als Feind, wenn er liebt. Diese Blindheit oder vielmehr dieser durch Christus erleuchtete Blick des Nachfolgenden ist seine Gewißheit. Die Verborgenheit seines Lebens vor sich selbst ist seine Verheißung.

Der Verborgenheit entspricht die Öffentlichkeit. Es ist nichts verborgen, das nicht offenbar werde. Das ist von Gott her so, vor dem alles Verborgene schon offenbar ist. Gott will uns das Verborgene zeigen, sichtbar machen. Die Öffentlichkeit [136] ist der von Gott geordnete Lohn der Verborgenheit. Die Frage ist nur, wo und von wem der Mensch diesen Lohn der Öffentlichkeit empfängt. Begehrt er diese Öffentlichkeit vor Menschen, so hat er mit ihr seinen Lohn dahin. Es ist dabei kein Unterschied, ob er sie in der groben Form der Öffentlichkeit vor anderen Menschen oder in der feineren Form der Öffentlichkeit vor sich selbst sucht. Wo die linke Hand weiß, was die rechte tut, wo ich mein verborgenes Gutes vor mir selbst ans Licht bringe, wo ich um mein eigenes Gutes wissen will, dort bereite ich mir selbst schon den öffentlichen Lohn, den Gott mir vorbehalten wollte. Ich bin es, der sich das eigene Verborgene zeigt. Ich warte nicht, bis es Gott selbst mir zeigt. So habe ich meinen Lohn dahin. Wer aber in der Verborgenheit vor sich selbst beharrt bis ans Ende, der wird den Lohn des Offenbarwerdens von Gott empfangen. Wer aber kann so leben, daß er das Außerordentliche in der Verborgenheit tut? daß die linke Hand nicht weiß, was die rechte tut? Was für eine Liebe ist das, die nicht um sich selbst weiß, sondern verborgen bleiben kann vor sich selbst bis zum jüngsten Tag? Es ist deutlich: Weil sie verborgene Liebe ist, kann sie nicht eine sichtbare Tugend, ein Habitus des Menschen sein. Habt acht – heißt es –, daß ihr die wahre Liebe nicht verwechselt mit einer liebenswürdigen Tugend, mit einer menschlichen „Qualität“! Sie ist ja die selbstvergessene Liebe im echten Sinne des Wortes. In dieser selbstvergessenen Liebe aber muß der alte Mensch mit allen seinen Tugenden und Qualitäten sterben. In der selbstvergessenen, an Christus allein gebundenen Liebe des Jüngers stirbt der alte Adam. In dem Satz: laß deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut, ist der Tod des alten Menschen verkündigt. Also noch einmal: Wer kann so leben, daß er Kapitel 5 und 6 vereint? Keiner als der, der nach seinem alten Menschen gestorben ist durch Christus und in seiner Gemeinschaft der Nachfolge ein neues Leben gefunden hat. Liebe als Tat des [137] schlichten Gehorsams ist das Sterben am alten Menschen, der sich wiedergefunden hat in der Gerechtigkeit Christi und im Bruder. Nun lebt nicht mehr er, sondern Christus lebt in ihm. Die Liebe Christi des Gekreuzigten, der den alten Menschen in den Tod gibt, ist es, die in dem Nachfolgenden lebt. Nun findet er sich nur noch in Christus und im Bruder.

Die Verborgenheit des Gebets

Und wenn du betest, sollst du nicht sein wie die Heuchler, die da gerne stehen und beten in den Schulen und an den Ecken auf den Gassen, auf daß sie von den Leuten gesehen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn dahin. Wenn du aber betest, so gehe in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater im Verborgenen; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten öffentlich. Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viel Worte machen. Darum sollt ihr euch ihnen nicht gleichstellen. Euer Vater weiß, was ihr bedürfet, ehe denn ihr ihn bittet“ (Mt. 6,5-8).

Jesus lehrt seine Jünger beten. Was bedeutet das? Daß wir beten dürfen, ist keine Selbstverständlichkeit. Zwar ist das Gebet ein natürliches Bedürfnis des menschlichen Herzens, aber darin hat es noch kein Recht vor Gott. Selbst dort, wo es in fester Zucht und Übung gehalten wird, kann es fruchtlos und ohne Verheißung sein. Die Jünger dürfen beten, weil Jesus es ihnen sagt, der den Vater kennt. Er verheißt ihnen, daß Gott sie erhören wird. So beten die Jünger allein, weil sie in der Gemeinschaft Jesu stehen, in seiner Nachfolge. Wer an Jesus gebunden ist in der Nachfolge, der hat durch ihn [138] den Zugang zum Vater. Damit ist jedes rechte Gebet vermitteltes Gebet. Es gibt kein unvermitteltes Beten. Es gibt auch im Gebet keinen unmittelbaren Zugang zum Vater. Nur durch Jesus Christus können wir im Gebet den Vater finden. Die Voraussetzung des Gebetes ist der Glaube, die Bindung an Christus. Er ist der alleinige Mittler unseres Gebetes. Auf sein Wort hin beten wir. So ist unser Gebet immer an sein Wort gebundenes Gebet.

Wir beten zu Gott, an den wir durch Christus glauben. Daher kann unser Gebet niemals eine Beschwörung Gottes sein, wir brauchen uns vor ihm nicht mehr darzustellen. Wir dürfen wissen, daß er weiß, was wir bedürfen, ehe wir darum bitten. Das gibt unserem Gebet größte Zuversicht und fröhliche Gewißheit. Nicht die Formel, nicht die Zahl der Worte, sondern der Glaube faßt Gott bei seinem väterlichen Herzen, das uns längst kennt.

Das rechte Gebet ist nicht ein Werk, eine Übung, eine fromme Haltung, sondern es ist die Bitte des Kindes zum Herzen des Vaters. Darum ist das Gebet niemals demonstrativ, weder vor Gott, noch vor uns selbst, noch vor anderen. Wüßte Gott nicht, was ich bedarf, dann müßte ich darüber reflektieren, wie ich es Gott sage, was ich ihm sage, ob ich es ihm sage. So schließt der Glaube, aus dem ich bete, jede Reflexion, jede Demonstration aus.

Das Gebet ist das schlechthin Verborgene. Es ist der Öffentlichkeit in jeder Weise entgegengesetzt. Wer betet, kennt sich selbst nicht mehr, sondern nur noch Gott, den er anruft. Weil das Gebet nicht in die Welt hineinwirkt, sondern allein auf Gott gerichtet ist, ist es das undemonstrativste Handeln schlechthin.

Freilich gibt es auch hier die Verkehrung des Gebetes in die Demonstration, in der das Verborgene ans Licht gebracht wird. Das geschieht nicht nur durch das öffentliche Gebet, das zum Geplapper wird. Es wird heute sehr selten so geschehen. [139] Es ist aber kein Unterschied, ja viel verderblicher, wenn ich mich selbst zum Zuschauer meines Gebetes mache, wenn ich vor mir selbst bete, sei es nun, daß ich als befriedigter Zuschauer diesen Zustand genieße, sei es, daß ich befremdet oder beschämt mich in diesem Zustand ertappe. Die Öffentlichkeit der Straße ist nur eine naivere Form der Öffentlichkeit, die ich mir selbst bereite. Ich kann mir auch in meinem Kämmerlein eine ansehnliche Demonstration veranstalten. Bis dorthin können wir Jesu Wort verzerren. Die Öffentlichkeit, die ich mir suche, besteht dann darin, daß ich zugleich der bin, der betet, wie auch der, der hört. Ich höre mich selbst an, ich erhöre mich selbst. Weil ich auf die Erhörung Gottes nicht warten will, weil ich mir nicht dermaleinst die Erhörung meines Gebets von Gott zeigen lassen will, schaffe ich mir selbst meine Erhörung. Ich stelle fest, daß ich fromm gebetet habe, und in dieser Feststellung liegt die Befriedigung der Erhörung. Mein Gebet ist erhört. Ich habe meinen Lohn dahin. Weil ich mich selbst erhört habe, wird mich Gott nicht erhören, weil ich mir selbst den Lohn der Öffentlichkeit bereitet habe, wird Gott mir keinen Lohn mehr bereiten.

Was ist das Kämmerlein, von dem Jesus redet, wenn ich vor mir selbst nicht sicher bin? Wie soll ich es so fest zuschließen, daß kein Zuhörer die Verborgenheit des Gebetes zerstört und mir den Lohn des verborgenen Gebetes raubt? Wie soll ich mich vor mir selbst schützen? vor meiner Reflexion? Wie töte ich mit meiner Reflexion die Reflexion? Das Wort ist gefallen: mein eigner Wille, mit meinem Gebet irgendwie mich selbst durchzusetzen, muß sterben, getötet werden. Wo Jesu Wille allein in mir herrscht und all mein eigner Wille in seinen hingegeben ist, in der Gemeinschaft Jesu, in der Nachfolge, stirbt mein Wille. Dann kann ich beten, daß der Wille dessen geschehe, der weiß, was ich bedarf, ehe ich bitte. Dann allein ist mein Gebet gewiß, stark und rein, wenn es aus dem Willen Jesu kommt. Dann ist Beten auch wirklich [140] Bitten. Das Kind bittet den Vater, den es kennt. Nicht die allgemeine Anbetung, sondern das Bitten ist das Wesen des christlichen Gebets. Das entspricht der Haltung des Menschen vor Gott, daß er mit ausgestreckter Hand den bittet, von dem er weiß, daß er ein väterliches Herz hat.

Wenn auch das rechte Gebet eine verborgene Sache ist, so ist damit gewiß die Gebetsgemeinschaft nicht ausgeschlossen, so deutlich auch ihre Gefahren nun geworden sein mögen. Es kommt zuletzt weder auf die Straße oder auf das Kämmerlein, noch auf kurze oder auf lange Gebete, sei es in der Litanei des Kirchengebets, sei es in dem Seufzen dessen, der nicht weiß, was er beten soll, noch auf den Einzelnen oder auf die Gemeinschaft an, sondern auf die eine Erkenntnis: euer Vater weiß, was ihr bedürfet. Das richtet das Gebet allein auf Gott aus. Das befreit den Jünger von falscher Werkerei.

Darum sollt ihr also beten: Unser Vater in dem Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel. Unser täglich Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schulden, wie wir unsern Schuldigern vergeben. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen. Denn so ihr den Menschen ihre Fehler vergebet, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wo ihr aber den Menschen ihre Fehler nicht vergebet, so wird euch euer Vater eure Fehler auch nicht vergeben“ (Mt. 6,9-15).

Jesus hat seinen Jüngern nicht nur gesagt, wie sie beten sollen, sondern auch was sie beten sollen. Das Vaterunser ist nicht ein Beispiel für das Gebet der Jünger, sondern so soll gebetet werden, wie es Jesus sie gelehrt hat. Mit diesem Gebet werden sie von Gott erhört werden, das ist gewiß. Das Vaterunser ist das Gebet schlechthin. Alles Beten der Jünger hat in ihm sein Wesen und seine Grenze. Jesus läßt seine [141] Jünger auch hier nicht im Ungewissen, er führt sie mit dem Vaterunser in die vollkommene Klarheit des Gebetes.

Vater unser, der du bist im Himmel“ – gemeinsam rufen die Nachfolgenden ihren himmlischen Vater an, der schon alles weiß, was seine lieben Kinder bedürfen. Zu Brüdern sind sie gemacht durch den Ruf Jesu, der sie verbindet. In Jesus haben sie die Freundlichkeit des Vaters erkannt. Im Namen des Sohnes Gottes dürfen sie Gott ihren Vater nennen. Sie sind auf Erden und ihr Vater ist im Himmel. Er sieht herab auf sie, sie heben ihre Augen auf zu ihm.

Geheiligt werde dein Name.“ – Gottes väterlicher Name, wie er den Nachfolgenden in Jesus Christus offenbart ist, soll heilig gehalten sein unter den Jüngern; denn in diesem Namen ist das ganze Evangelium beschlossen. Gott wolle es nicht zulassen, daß sein heiliges Evangelium verdunkelt und verdorben wird durch falsche Lehre und unheiliges Leben. Gott wolle den Jüngern fort und fort seinen heiligen Namen in Jesus Christus offenbar werden lassen. Er leite alle Prediger zur lauteren Verkündigung des seligmachenden Evangeliums. Er wehre den Verführern und bekehre die Feinde seines Namens.

Dein Reich komme.“ – In Jesus Christus haben die Nachfolgenden den Anbruch des Reiches Gottes auf Erden erfahren. Hier ist der Satan überwunden, die Macht der Welt, der Sünde und des Todes gebrochen. Noch steht Gottes Reich im Leiden und im Kampf. Die kleine Gemeinde der Herausgerufenen hat daran teilbekommen. Sie stehen unter der Königsherrschaft Gottes in neuer Gerechtigkeit, aber mitten unter Verfolgung. Gott wolle das Reich Jesu Christi auf Erden in seiner Gemeinde wachsen lassen, er wolle den Reichen dieser Welt bald ein Ende bereiten und sein Reich mit Macht und Herrlichkeit herbeiführen.

Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel.“ – In der Gemeinschaft Jesu Christi haben die Nachfolgenden ihren [142] Willen ganz an Gottes Willen hingegeben. Sie beten darum, daß Gottes Wille auf der ganzen Erde geschehen möge. Kein Geschöpf soll ihm widerstreben. Weil aber auch in dem Nachfolgenden noch der böse Wille lebt, der sie aus der Gemeinschaft Jesu herausreißen will, darum beten sie auch, daß Gottes Wille in ihnen täglich mehr zur Herrschaft komme und allen Trotz breche. Zuletzt aber soll alle Welt sich dem Willen Gottes beugen, ihn dankbar anbeten in Not und in Freude. Himmel und Erde sollen Gott unterworfen sein.

Um Gottes Namen, um Gottes Reich, um Gottes Willen sollen die Jünger Jesu vor allem beten. Zwar bedarf Gott dieses Gebetes nicht, aber durch dieses Gebet sollen die Jünger selbst teilbekommen an den himmlischen Gütern, um die sie bitten. Auch dürfen sie durch solches Gebet das Ende schneller herbeiführen helfen.

Unser täglich Brot gib uns heute.“ Solange die Jünger auf Erden sind, sollen sie sich nicht schämen, von ihrem himmlischen Vater die Güter des leiblichen Lebens zu erbitten. Der die Menschen auf Erden erschaffen hat, will ihren Leib erhalten und behüten. Er will nicht, daß seine Schöpfung verächtlich gemacht werde. Es ist ein gemeinsames Brot, um das die Jünger bitten. Keiner soll es für sich allein haben. Sie bitten auch, daß Gott allen seinen Kindern auf der ganzen Erde das tägliche Brot gebe; denn sie sind ihre Brüder nach dem Leib. Die Jünger wissen, daß das Brot, das aus der Erde wächst, von oben herabkommt und Gottes Gabe allein ist. Darum nehmen sie sich nicht das Brot, sondern sie erbitten es. Weil es Brot von Gott ist, darum kommt es täglich neu. Nicht um Vorrat bitten die Nachfolgenden, sondern um die tägliche Gabe Gottes heute, durch die sie ihr Leben in der Gemeinschaft Jesu fristen können, und über dem sie Gottes milde Güte preisen. In dieser Bitte erprobt sich der Glaube der Jünger an das lebendige Wirken Gottes auf Erden zu ihrem Besten. [143]

Vergib uns unsere Schuld, wie wir unseren Schuldigern vergeben.“ Die Erkenntnis ihrer Schuld ist die tägliche Klage der Nachfolgenden. Die in der Gemeinschaft Jesu ohne Sünde leben dürften, sündigen täglich durch allerlei Unglauben, Trägheit zum Gebet, Zuchtlosigkeit des Leibes, durch allerlei Selbstgefälligkeit, Neid, Haß und Ehrgeiz. Darum sollen sie täglich um Gottes Vergebung bitten. Gott aber will ihre Bitte nur erhören, wenn sie auch einander brüderlich und willig ihre Schuld vergeben. So tragen sie gemeinsam ihre Schuld vor Gott und bitten gemeinsam um Gnade. Gott wolle nicht nur mir meine Schuld, sondern uns unsere Schuld vergeben.

Führe uns nicht in Versuchung.“ Vielfältig sind die Versuchungen der Nachfolgenden. Von allen Seiten greift sie der Satan an und will sie zu Fall bringen. Falsche Sicherheit und gottloser Zweifel ficht sie hart an. Die Jünger, die um ihre Schwachheit wissen, fordern die Versuchungen nicht heraus, um an ihnen die Kraft ihres Glaubens zu erweisen. Sie bitten Gott, ihren schwachen Glauben nicht zu versuchen und sie in der Stunde der Anfechtung zu bewahren.

Sondern erlöse uns von dem Übel.“ Als letztes sollen die Jünger bitten, von dieser argen Welt einmal erlöst zu werden und das himmlische Reich zu ererben. Es ist die Bitte um ein seliges Ende und um die Rettung der Gemeinde in den letzten Zeiten dieser Welt.

Denn dein ist das Reich …“ Diese Gewißheit empfangen die Jünger täglich neu aus der Gemeinschaft mit Jesus Christus, in dem die Erfüllung aller ihrer Bitten liegt. In ihm wird Gottes Name geheiligt, in ihm kommt Gottes Reich, in ihm geschieht Gottes Wille. Um seinetwillen wird das leibliche Leben der Jünger erhalten, um seinetwillen empfangen sie Vergebung ihrer Schuld, in seiner Kraft werden sie bewahrt in der Anfechtung, in seiner Kraft werden sie errettet zu ewigem Leben. Sein ist das Reich und die Kraft und die [144] Herrlichkeit in Ewigkeit in der Gemeinschaft des Vaters. Des sind die Jünger gewiß.

Wie zur Zusammenfassung des Gebetes sagt Jesus noch einmal, daß alles daran hängt, daß sie Vergebung empfangen, und daß diese Vergebung ihnen nur zuteil wird als der Bruderschaft der Sünder.

Die Verborgenheit der frommen Übung

So oft ihr fastet, sollt ihr nicht sauer sehen wie die Heuchler; denn sie verstellen ihr Angesicht, auf daß sie vor den Leuten scheinen mit ihrem Fasten. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn dahin. Wenn du aber fastest, so salbe dein Haupt, und wasche dein Angesicht, auf daß du nicht scheinest vor den Leuten mit deinem Fasten, sondern vor deinem Vater, welcher verborgen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten öffentlich“ (Mt. 6,16-18).

Jesus setzt als selbstverständlich voraus, daß die Nachfolgenden die fromme Übung des Fastens halten. Zum Leben der Nachfolgenden gehört die strenge Übung in der Enthaltsamkeit. Solche Übungen haben den einzigen Zweck, den Nachfolgenden für den ihm befohlenen Weg und für das ihm befohlene Werk bereiter und freudiger zu machen. Der selbstische und träge Wille, der sich nicht zum Dienst treiben läßt, wird gezüchtigt, das Fleisch wird gedemütigt und gestraft. In der Übung der Enthaltsamkeit wird die Entfremdung meines christlichen Lebens von der Welt deutlich spürbar. Ein Leben, das ganz ohne asketische Übung bleibt, das sich alle Wünsche des Fleisches gönnt, so lange sie nach der justitia civilis „erlaubt“ sind, wird sich für den Dienst [145] Christi schwer bereiten. Das satte Fleisch betet nicht gern und schickt sich nicht zum entsagungsvollen Dienst.

So bedarf das Leben des Jüngers der strengen äußeren Zucht. Nicht als könnte hierdurch der Wille des Fleisches erst gebrochen werden, als geschehe das tägliche Sterben des alten Menschen durch etwas anderes als durch den Glauben an Jesus. Aber eben der Glaubende, der Nachfolgende, dessen Wille gebrochen ist, der an Jesus Christus gestorben ist nach seinem alten Menschen, kennt die Rebellion und den täglichen Stolz seines Fleisches. Er kennt seine Trägheit und Zügellosigkeit und weiß, daß sie die Quelle des Hochmuts ist, der geschlagen werden muß. Das geschieht durch tägliche und außerordentliche Übung der Zucht. Es gilt vom Jünger, daß der Geist willig, aber das Fleisch schwach ist. Darum „wachet und betet“. Der Geist erkennt den Weg der Nachfolge und ist bereit, ihn zu gehen, aber das Fleisch ist zu furchtsam, der Weg ist ihm zu beschwerlich, zu unsicher, zu mühsam. So muß der Geist verstummen. Der Geist bejaht das Gebot Jesu zur unbedingten Feindesliebe, aber Fleisch und Blut sind zu stark, so daß es nicht zur Tat wird. So muß das Fleisch in täglicher und außerordentlicher Übung und Zucht erfahren, daß es kein eignes Recht hat. Hierzu hilft die tägliche, geordnete Übung des Gebets, wie auch die tägliche Betrachtung des Wortes Gottes, hierzu hilft allerlei Übung leiblicher Zucht und Enthaltsamkeit.

Der Widerstand des Fleisches gegen diese tägliche Demütigung kommt anfangs frontal, später versteckt hinter den Worten des Geistes, d. h. im Namen der evangelischen Freiheit. Wo die evangelische Freiheit vom gesetzlichen Zwang, von Selbstzermarterung und Kasteiung grundsätzlich gegen den rechten evangelischen Gebrauch von Zucht, Übung und Askese ausgespielt wird, wo Zuchtlosigkeit und Unordnung im Gebet, im Umgang mit dem Wort, im leiblichen Leben gerechtfertigt werden im Namen christlicher Freiheit, dort ist [146] der Widerspruch gegen das Wort Jesu offenbar. Dort weiß man nichts mehr von der Weltfremdheit des täglichen Lebens in der Nachfolge, ebensowenig aber von der Freude und nun gerade auch von der wahren Freiheit, die die rechte Übung dem Leben des Jüngers verleiht. Wo immer der Christ erkennt, daß er in seinem Dienst versagt, daß seine Bereitschaft erlahmt, daß er schuldig geworden ist an fremdem Leben, an fremder Schuld, daß seine Freude an Gott ihm ermattet, daß die Kraft zum Gebet nicht mehr da ist, dort wird er den Angriff auf sein Fleisch unternehmen, um sich durch Übung, durch Fasten und Beten (Lk. 2,37; 4,2; Mk. 9,29; 1. Kor. 7,5), zu besserem Dienst zu bereiten. Der Einwand, der Christ müsse statt zur Askese seine Zuflucht zum Glauben, zum Wort nehmen, bleibt völlig leer. Er ist unbarmherzig und ohne helfende Kraft. Was ist denn ein Leben im Glauben, wenn nicht der unendliche mannigfache Kampf des Geistes gegen das Fleisch? Wie will einer im Glauben leben, den das Gebet träge macht, dem das Schriftwort verleidet ist, dem Schlafen, Essen und Geschlechtslust immer wieder die Freude an Gott rauben?

Askese ist selbstgewähltes Leiden, es ist passio activa, nicht passio passiva, und ebendarin aufs höchste gefährdet. Askese ist dauernd belauert von dem gottlosen frommen Wunsch, sich selbst Jesus Christus durch Leiden gleich zu machen. Es schlummert in ihr auch immer schon der Anspruch, an die Stelle des Leidens Christi zu treten, das Werk des Leidens Christi selbst zu vollbringen, nämlich den alten Menschen zu töten. Hier maßt sich die Askese den bitteren und letzten Ernst des Erlösungswerkes Christi an. Hier stellt sie sich mit furchtbarer Härte sichtbar zur Schau. Das freiwillige Leiden, das nur auf Grund des Leidens Christi zu besserem Dienst, zu tieferer Demütigung dienen sollte, wird hier zur grauenvollen Verzerrung des Leidens des Herrn selbst. Nun will es gesehen werden, nun ist es der unbarmherzige lebendige Vor-[147]wurf für die Mitmenschen; denn es ist Heilsweg geworden. In solcher „Öffentlichkeit“ ist der Lohn wahrhaftig dahin, indem er von Menschen gesucht wird.

„Salbe dein Haupt und wasche dein Angesicht“, könnte ja abermals eine Gelegenheit zu noch verfeinertem Genuß oder Selbstruhm sein. Es wäre dann als Verstellung mißdeutet. Jesus aber sagt seinen Jüngern, daß sie in den freiwilligen Übungen der Demut ganz demütig bleiben, daß sie sie niemand als Vorwurf oder als Gesetz aufbürden, vielmehr daß sie dafür dankbar und fröhlich werden sollen, im Dienst ihres Herrn bleiben zu dürfen. Nicht das fröhliche Gesicht des Jüngers als ein christlicher Typ ist hier gemeint, sondern die rechte Verborgenheit des christlichen Tuns, die Demut, die um sich selbst nicht weiß, wie das Auge sich nicht selbst sieht, sondern nur den Anderen. Solche Verborgenheit wird einstmals offenbar werden, aber allein durch Gott, niemals durch sich selbst.

Die Einfalt des sorglosen Lebens

Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, da sie die Motten und der Rost fressen und da die Diebe nachgraben und stehlen. Sammelt euch aber Schätze im Himmel, da sie weder Motten noch Rost fressen und da die Diebe nicht nachgraben und stehlen. Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz. Das Auge ist des Leibes Licht. Wenn dein Auge einfältig ist, so wird dein ganzer Leib licht sein; ist aber dein Auge ein Schalk, so wird dein ganzer Leib finster sein. Wenn nun das Licht, das in dir ist, Finsternis ist, wie groß wird dann die Finsternis sein! Niemand kann zwei Herren dienen; entweder er wird den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird dem einen anhangen und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon“ (Mt. 6,[148]19-24).

Das Leben des Nachfolgenden bewährt sich darin, daß nichts zwischen Christus und ihn tritt, nicht das Gesetz, nicht die eigene Frömmigkeit, aber auch nicht die Welt. Der Nachfolgende sieht immer nur Christus. Er sieht nicht Christus und das Gesetz, Christus und die Frömmigkeit, Christus und die Welt. Er tritt in diese Reflexion gar nicht ein, sondern er folgt in allem allein Christus. So ist sein Auge einfältig. Es ruht ganz und gar auf dem Licht, das ihm von Christus kommt und hat keine Finsternis, keine Zweideutigkeit in sich. Wie das Auge einfältig, klar, rein sein muß, damit der Leib im Lichte bleibe, wie Fuß und Hand von nirgends andersher Licht empfangen als vom Auge, wie der Fuß strauchelt und die Hand sich verfehlt, wenn das Auge trübe ist, wie der ganze Leib im Finstern ist, wenn das Auge erlischt, so ist der Nachfolger nur solange im Licht, als er einfältig auf Christus sieht und nicht noch auf dieses oder jenes; so muß das Herz des Jüngers allein auf Christus gerichtet sein. Sieht das Auge etwas anderes als das Wirkliche, so ist der ganze Leib betrogen. Hängt sich das Herz an den Schein der Welt, an die Kreatur statt an den Schöpfer, so ist der Jünger verloren.

Es sind die Güter der Welt, die das Herz des Jüngers Jesu abwenden wollen. Wohin steht das Herz des Jüngers? das ist die Frage. Steht es zu den Gütern der Welt, steht es auch nur zu Christus und den Gütern? oder steht es zu Christus ganz allein? Das Licht des Leibes ist das Auge, das Licht des Nachfolgenden ist das Herz. Ist das Auge finster, wie finster muß der Leib sein. Ist das Herz finster, wie finster muß es in dem Jünger sein. Das Herz aber wird finster, wenn es sich an die Güter der Welt hängt. Nun mag der Ruf Jesu noch so eindringlich sein, er prallt ab, er findet keinen Eingang in den Menschen, denn das Herz ist verschlossen, es gehört einem Anderen. Wie kein Licht in den Leib dringt, wenn das Auge böse ist, so dringt das Wort Jesu nicht mehr zu dem Jünger, wenn sein Herz sich verschließt. Das Wort ist erstickt, wie [149] das Samenkorn unter den Dornen, „unter Sorgen, Reichtum und Wollust dieses Lebens“ (Lk. 8,14).

Die Einfalt des Auges und des Herzens entspricht jener Verborgenheit, die von nichts weiß als von Christi Wort und Ruf, die in der völligen Gemeinschaft mit Christus besteht. Wie geht der Nachfolgende einfältig mit den Gütern der Erde um?

Nicht den Gebrauch der Güter versagt ihnen Jesus. Jesus war Mensch, aß und trank wie seine Jünger. Er hat dadurch den Gebrauch der Güter der Erde gereinigt. Die Güter, die sich unter der Hand verzehren, die zur täglichen Notdurft und Nahrung des leiblichen Lebens dienen, soll der Nachfolgende dankbar gebrauchen.

„Man muß wie Pilger wandeln,
frei, bloß und wahrlich leer;
viel sammeln, halten, handeln
macht unsern Gang nur schwer.
Wer will, der trag sich tot;
wir reisen abgeschieden,
mit wenigem zufrieden;
wir brauchen’s nur zur Not“.

Tersteegen

Dazu sind die Güter gegeben, daß sie gebraucht werden; aber nicht dazu, daß sie gesammelt werden. Wie Israel in der Wüste das Manna täglich von Gott empfing und nicht zu sorgen hatte um Essen und Trinken, und wie das Manna, das von einem Tag für den anderen aufbewahrt wurde, alsbald faulig wurde, so soll der Jünger Jesu täglich das Seine von Gott empfangen; aber indem er es anhäuft zu bleibendem Besitz, verdirbt er die Gabe und sich selbst. Am angesammelten Schatz hängt das Herz. Das angestaute Gut tritt zwischen mich und Gott. Wo mein Schatz ist, da ist mein [150] Vertrauen, meine Sicherheit, mein Trost, mein Gott. Der Schatz ist Abgötterei[8].

Wo aber verläuft die Grenze zwischen den Gütern, die ich gebrauchen soll, und dem Schatz, den ich nicht haben soll? Kehren wir den Satz um und sagen: woran dein Herz hängt, das ist dein Schatz, dann ist die Antwort schon gegeben. Es kann ein sehr unscheinbarer Schatz sein, auf die Größe kommt es nicht an, auf das Herz allein kommt es an, auf dich. Frage ich aber weiter, wie ich erkenne, woran mein Herz hängt, so ist auch hier die Antwort einfach und klar: alles, was dich hindert, Gott über alle Dinge zu lieben, was zwischen dich und deinen Gehorsam gegen Jesus tritt, ist der Schatz, an dem dein Herz hängt.

Weil aber des Menschen Herz am Schatz hängt, darum soll der Mensch auch nach Jesu Willen einen Schatz haben[9], aber nicht auf Erden, wo er in sich zerfällt, sondern im Himmel, wo er bleibt. Die „Schätze“ im Himmel, von denen Jesus redet, sind offenbar nicht der Eine Schatz, Jesus selbst, sondern wirklich von den Nachfolgenden gesammelte Schätze. Es ist darin eine große Verheißung ausgesprochen, daß in der Nachfolge Jesu der Jünger himmlische Schätze erwirbt, die nicht vergehen, die auf ihn warten, mit denen er vereinigt werden soll. Was für Schätze können das sein als jenes Außerordentliche, als jenes Verborgene des Jüngerlebens, was für Schätze können es sein, als die Früchte des Leidens Christi, die das Leben der Nachfolgenden trägt? [151]

Hat der Jünger sein Herz ganz bei Gott, dann ist es für ihn klar, daß er nicht zwei Herren dienen kann. Er kann es nicht. Es ist unmöglich in der Nachfolge. Es läge ja nahe, seine christliche Klugheit und Erfahrung gerade darin zu erweisen, daß er es eben doch verstehe, beiden Herren zu dienen, dem Mammon und Gott, daß er jedem sein begrenztes Recht gebe. Warum sollen wir nicht auch gerade als Kinder Gottes fröhliche Kinder dieser Welt sein, die sich an seinen guten Gaben freuen und die ihre Schätze als Segen Gottes empfangen? Gott und Welt, Gott und die Güter sind widereinander, weil Welt und Güter nach unserem Herzen greifen und erst, indem sie das Herz gewonnen haben, sind, was sie sind. Ohne unser Herz sind Güter und Welt nichts. Sie leben von unserem Herzen. So sind sie wider Gott. Wir können unser Herz nur einem in voller Liebe geben, wir können nur einem Herrn ganz anhangen. Was dieser Liebe entgegensteht, verfällt dem Haß. Es gibt nach Jesu Wort Gott gegenüber nur Liebe oder Haß. Lieben wir Gott nicht, dann hassen wir ihn. Es gibt kein Mittleres. Gott ist so und darin Gott, daß er nur geliebt oder gehaßt werden kann. Es gibt hier nur das Entweder-Oder: entweder du liebst Gott oder du liebst die Güter der Welt. Liebst du die Welt, so haßt du Gott, liebst du Gott, so haßt du die Welt. Ob du das willst, ob du es wissentlich tust, daran liegt gar nichts. Ganz gewiß, du wirst es nicht wollen, du wirst es wohl auch nicht wissen, was du tust; vielmehr willst du das eben nicht, sondern du willst ja gerade beiden Herren dienen. Du willst Gott lieben und die Güter, also du wirst es immer für eine Unwahrheit halten, daß du Gott haßt. Du liebst ihn ja, wie du meinst. Aber eben indem wir Gott lieben und die Güter der Welt auch, ist diese Liebe zu Gott Haß, ist das Auge nicht mehr einfältig, ist das Herz nicht mehr in der Gemeinschaft Jesu. Ob wir das wollen oder nicht, es kann [152] eben nicht anders sein. Ihr könnt nicht zwei Herren dienen, ihr, die ihr in der Nachfolge Jesu steht.

Darum sage ich euch: Sorget nicht für euer Leben, was ihr essen und trinken werdet, auch nicht für euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr denn die Speise? und der Leib mehr denn die Kleidung? Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr denn sie? Wer ist aber unter euch, der seiner Länge eine Elle zusetzen möge, ob er gleich darum sorget? Und warum sorget ihr für die Kleidung? Schauet die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, daß auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht bekleidet gewesen ist wie derselben eins. So denn Gott das Gras auf dem Felde also kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird; sollte er das nicht viel mehr euch tun, o ihr Kleingläubigen? Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen, was werden wir trinken, womit werden wir uns kleiden? Nach solchem allen trachten die Heiden. Denn euer himmlischer Vater weiß, daß ihr des alles bedürfet. Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen. Darum sorget nicht für den anderen Morgen; denn der morgende Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, daß ein jeglicher Tag seine eigene Plage habe“ (Mt. 6,25-34).

Sorget nicht! Die Güter spiegeln dem menschlichen Herzen vor, ihm Sicherheit und Sorglosigkeit zu geben; aber in Wahrheit verursachen sie gerade erst die Sorge. Das Herz, das sich an die Güter hängt, empfängt mit ihnen die erstickende Last der Sorge. Die Sorge schafft sich Schätze, und die Schätze schaffen wieder die Sorge. Wir wollen unser Leben durch die Güter sichern, wir wollen durch Sorge sorglos werden; aber in Wahrheit erweist sich das Gegenteil. Die [153] Fesseln, die uns an die Güter binden, die die Güter festhalten, sind selbst – Sorgen.

Der Mißbrauch der Güter besteht darin, daß wir sie zur Sicherung für den nächsten Tag gebrauchen. Sorge ist immer auf das Morgen gerichtet. Die Güter aber sind in strengstem Sinn allein für das Heute bestimmt. Gerade die Sicherung für den morgigen Tag macht mich heute so unsicher. Es ist genug, daß jeder Tag seine eigene Plage habe. Wer das Morgen ganz in die Hand Gottes legt und heute ganz empfängt, was er zum Leben braucht, der allein ist wahrhaft gesichert. Das tägliche Empfangen macht mich frei vom Morgen. Der Gedanke an das Morgen liefert mich der unendlichen Sorge aus. „Sorget nicht für den anderen Morgen“ – das ist entweder ein furchtbarer Hohn auf die Armen und Elenden, zu denen Jesus gerade spricht, auf alle die, die – menschlich geredet – morgen verhungern, wenn sie heute nicht sorgen. Es ist entweder ein unerträgliches Gesetz, das der Mensch mit Widerwillen von sich stößt oder aber – es ist die einzigartige Verkündigung des Evangeliums selbst von der Freiheit der Kinder Gottes, die einen Vater im Himmel haben, der ihnen seinen lieben Sohn geschenkt hat. Wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?

„Sorget nicht für den anderen Morgen“ – das ist nicht zu begreifen als Lebensweisheit, als Gesetz. Es ist allein zu begreifen als das Evangelium von Jesus Christus. Nur der Nachfolgende, der Jesus erkannt hat, empfängt aus diesem Wort die Zusage der Liebe des Vaters Jesu Christi und die Freiheit von allen Dingen. Nicht die Sorge macht den Jünger sorglos, sondern der Glaube an Jesus Christus. Nun weiß er: Wir können gar nicht sorgen (V. 27). Der nächste Tag, die nächste Stunde ist uns gänzlich entnommen. Es ist sinnlos, so zu tun, als könnten wir überhaupt sorgen. Wir können ja an den Zuständen der Welt nichts ändern. Gott allein kann sorgen, weil er die Welt regiert. Weil wir nicht [154] sorgen können, weil wir so völlig ohnmächtig sind, darum sollen wir auch nicht sorgen. Wir maßen uns damit das Regiment Gottes an.

Der Nachfolgende aber weiß auch, daß er nicht nur nicht sorgen kann und darf, sondern daß er auch nicht zu sorgen braucht. Nicht die Sorge, aber auch nicht die Arbeit schafft das tägliche Brot, sondern Gott der Vater. Die Vögel und die Lilien arbeiten und spinnen nicht, und doch werden sie ernährt und gekleidet, sie empfangen täglich das Ihre ohne Sorge. Sie brauchen die Güter der Welt nur zum täglichen Leben, sie sammeln sie nicht, und gerade so preisen sie den Schöpfer, nicht durch ihren Fleiß, ihre Arbeit, ihre Sorge, sondern durch das tägliche, einfältige Empfangen der Gabe, die Gott gibt. So werden Vögel und Lilien zu Exempeln für die Nachfolgenden. Jesus löst den ohne Gott gedachten notwendigen Zusammenhang von Arbeit und Nahrung auf. Er preist das tägliche Brot nicht als den Lohn der Arbeit, sondern er spricht von der sorglosen Einfalt dessen, der in Jesu Wegen geht und alles von Gott empfängt.

„Nun arbeitet kein Tier um seine Nahrung, sondern ein jegliches hat sein Werk, darnach sucht’s und findet seine Speise. Das Vöglein fliegt und singet, machet Nester und zeuget Junge; das ist seine Arbeit, aber davon nähret sich’s nicht. Ochsen pflügen, Pferde tragen und streiten, Schafe geben Wolle, Milch, Käse, das ist ihre Arbeit; aber davon nähren sie sich nicht; sondern die Erde trägt Gras und nährt sie durch Gottes Segen. Also soll und muß der Mensch auch arbeiten und etwas tun, aber doch daneben wissen, daß ein Anderer sei, der ihn ernähre, denn seine Arbeit, nämlich Gottes reicher Segen; wiewohl es scheinet, als nähre ihn seine Arbeit, weil Gott ohne seine Arbeit ihm nichts gibt. Wiewohl das Vöglein nicht säet noch erntet, aber doch müßte Hungers sterben, wo es nicht nach der Speise flöge und suchte. Daß es aber Speise findet, ist nicht seine Arbeit, son-[155]dern Gottes Güte. Denn wer hat Speise dahingelegt, daß es sie findet? Denn wo Gott nicht hinlegt, da findet niemand nichts, und sollt sich alle Welt zu Tod arbeiten und suchen“ (Luther). Wenn aber Vögel und Lilien vom Schöpfer erhalten werden, sollte der Vater nicht vielmehr seine Kinder ernähren, die ihn täglich darum bitten, sollte er ihnen nicht geben können, was sie zur Notdurft ihres Lebens täglich brauchen, er, dem alle Güter der Erde gehören und der sie verteilen kann nach seinem Wohlgefallen? „Gott gebe mir nun jeden Tag, soviel ich darf zum Leben, er gibt’s den Vögeln auf dem Dach, wie sollt er’s mir nicht geben?“ (Claudius).

Sorge ist Sache der Heiden, die nicht glauben, die sich auf ihre Kraft und Arbeit verlassen, aber nicht auf Gott. Heiden sind die Sorgenden darum, weil sie nicht wissen, daß der Vater weiß, daß wir des alles bedürfen. Darum wollen sie selbst tun, was sie von Gott nicht erwarten. Für den Nachfolgenden aber gilt: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch solches alles zufallen.“ Damit ist deutlich gemacht, daß Sorge für Essen und Kleidung noch nicht Sorge für das Reich Gottes ist, wie wir es gern verstehen möchten, als sei Erfüllung unserer Arbeit für unsere Familie und uns, als sei unsere Sorge um Brot und Wohnung schon das Trachten nach dem Reich Gottes, als vollzöge dieses sich nur innerhalb jener Sorgen. Das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit ist hier etwas von dem, was uns an Gaben der Welt zufallen soll, ganz und gar Unterschiedenes. Es ist nichts anderes als die Gerechtigkeit, von der Mt. 5 und 6 gesprochen wurde, die Gerechtigkeit des Kreuzes Christi und der Nachfolge unter dem Kreuz. Die Gemeinschaft Jesu und der Gehorsam gegen sein Gebot kommt zuerst, alles andere folgt nach. Es ist kein Ineinander, sondern ein Nacheinander. Vor den Sorgen um unser Leben, um Essen und Kleidung, um Beruf und Familie steht [156] das Trachten nach der Gerechtigkeit Christi. Es ist hier nur die äußerste Zusammenfassung dessen gegeben, was schon gesagt war. Auch dieses Wort Jesu ist entweder eine unerträgliche Last, eine unmögliche Vernichtung der menschlichen Existenz der Armen und Elenden – oder aber es ist das Evangelium selbst, das ganz froh und ganz frei macht. Nicht von dem, was der Mensch soll und nicht kann, spricht Jesus, sondern von dem, was Gott uns geschenkt hat und noch verheißt. Ist Christus uns geschenkt, sind wir in seine Nachfolge berufen, so ist uns mit ihm alles, wirklich alles geschenkt. Es wird uns alles andere zufallen. Wer in der Nachfolge Jesu allein auf Seine Gerechtigkeit blickt, der ist in der Hand und Hut Jesu Christi und seines Vaters, und wer so in der Gemeinschaft des Vaters ist, dem kann nichts geschehen, der kann auch nicht mehr zweifeln, daß der Vater seine Kinder wohl ernähren kann und nicht hungern lassen wird. Gott wird zur rechten Stunde helfen. Er weiß, was wir bedürfen.

Der Nachfolger Jesu wird noch nach langer Jüngerschaft auf die Frage des Herrn: „Habt ihr auch je Mangel gehabt?“ antworten: „Herr, niemals!“ Wie sollte der auch Mangel haben, der in Hunger und Blöße, in Verfolgung und Gefahr der Gemeinschaft Jesu Christi gewiß ist? [157]

Matthäus 7:
Die Aussonderung der Jüngergemeinde.

Der Jünger und die Ungläubigen

Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet. Denn mit welcherlei Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden; und mit welcherlei Maß ihr messet, wird euch gemessen werden. Was siehest du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge? Oder wie darfst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, – und siehe, ein Balken ist in deinem Auge? Du Heuchler, zieh am ersten den Balken aus deinem Auge; darnach siehe zu, wie du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehest! Ihr sollt das Heiligtum nicht den Hunden geben, und eure Perlen sollt ihr nicht vor die Säue werfen, auf daß sie dieselben nicht zertreten mit ihren Füßen und sich wenden und euch zerreißen. Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. Welcher ist unter euch Menschen, so ihn sein Sohn bittet ums Brot, der ihm einen Stein biete? Oder so er ihn bittet um einen Fisch, der ihm eine Schlange biete? So denn ihr, die ihr doch arg seid, könnt dennoch euren Kindern gute Gaben geben, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel Gutes geben denen, die ihn bitten! Alles nun, was ihr wollt, daß euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch. Das ist das Gesetz und die Propheten“ (Mt. 7,1-12).

Ein notwendiger Zusammenhang führt vom 5. und 6. Kapitel zu diesen Versen und dann zum großen Abschluß der [158] Bergpredigt. Vom Außerordentlichen der Nachfolge war im 5. Kapitel die Rede (perissón), von der verborgenen, einfältigen Gerechtigkeit der Jünger im 6. Kapitel (haploṹs). Durch beides waren die Nachfolgenden aus der Gemeinschaft, der sie bisher angehörten, herausgenommen und allein mit Jesus verbunden worden. Die Grenze wurde deutlich sichtbar. Das bringt die Frage nach dem Verhältnis der Nachfolgenden zu den Menschen um sie herum mit sich. Ist ihnen durch die Aussonderung, die ihnen zuteil wurde, ein besonderes, eigenes Recht mitgeteilt worden, sind sie in den Besitz von Kräften, Maßstäben, Begabungen gelangt, die es ihnen ermöglichten, diesen anderen gegenüber eine besondere Autorität für sich in Anspruch zu nehmen? Es hätte ja vor allem nahegelegen, wenn die Nachfolger Jesu sich nun durch ein scharfes, trennendes Urteil von ihrer Umgebung selbst gelöst hätten. Ja, es hätte geradezu die Meinung entstehen können, als sei es der Wille Jesu, daß solches trennende und richtende Urteil von den Jüngern nun auch in ihrem täglichen Umgang mit den Anderen vollzogen würde. Darum muß es Jesus deutlich machen, daß durch solche Mißverständnisse die Nachfolge ernstlich gefährdet würde. Die Jünger sollen nicht richten. Tun sie es, so verfallen sie selbst dem Gericht Gottes. Das Schwert, mit dem sie den Bruder richten, fällt auf sie selbst herab. Der Schnitt, mit dem sie sich vom Anderen absondern als die Gerechten von den Ungerechten, trennt sie selbst von Jesus.

Warum ist das so? Der Nachfolgende lebt ganz und gar aus der Verbundenheit mit Jesus Christus. Er hat seine Gerechtigkeit nur in dieser Verbundenheit und niemals außerhalb derselben. Sie kann ihm also niemals zum Maßstab werden, den er in Besitz hätte zu beliebiger Verfügung. Was ihn zum Jünger macht, ist nicht ein neuer Maßstab seines Lebens, sondern ist ganz allein Jesus Christus, der Mittler und Sohn Gottes selbst. Seine eigene Gerechtigkeit ist ihm [159] daher verborgen in der Gemeinschaft mit Jesus. Er kann sich selbst nicht mehr sehen, beobachten, beurteilen, er sieht allein Jesus, er ist allein von Jesus gesehen, beurteilt und begnadigt. So steht auch zwischen dem Jünger und den Anderen nicht ein Maßstab gerechten Lebens, sondern abermals allein Jesus Christus selbst; der Jünger sieht den anderen Menschen immer nur als einen, zu dem Jesus kommt. Er begegnet ja dem Anderen nur, weil er mit Jesus zum Anderen geht. Jesus geht ihm voran zum Anderen, und er folgt ihm. So ist die Begegnung des Jüngers mit dem Anderen niemals die freie Begegnung zweier Menschen, die in der Unmittelbarkeit ihre Ansichten, Maßstäbe, Urteile gegeneinander führen. Vielmehr kann der Jünger dem Anderen nur als dem begegnen, zu dem Jesus selbst kommt. Der Kampf um den Anderen, sein Ruf, seine Liebe, seine Gnade, sein Gericht kommt hier allein zur Geltung. Der Jünger hat also nicht eine Position bezogen, von der aus der Andere angegriffen wird, sondern er tritt in der Wahrhaftigkeit der Liebe Jesu zu dem Anderen mit dem bedingungslosen Angebot der Gemeinschaft.

Im Richten treten wir dem Anderen gegenüber in dem Abstand der Beobachtung, der Reflexion. Die Liebe aber läßt dazu keinen Raum und keine Zeit. Der Andere kann dem Liebenden niemals Gegenstand zuschauerischer Betrachtung sein, sondern er ist jederzeit der lebendige Anspruch auf meine Liebe und meinen Dienst. Aber zwingt mich nicht das Böse des Anderen notwendig zur Verurteilung, gerade um des Anderen, um der Liebe zu ihm willen? Wir erkennen, wie scharf hier die Grenze gezogen ist. Eine mißverstandene Liebe zum Sünder ist der Liebe zur Sünde unheimlich nahe. Aber die Liebe Christi zum Sünder ist ja selbst die Verurteilung der Sünde, sie ist der schärfste Ausdruck des Hasses gegen die Sünde. Gerade die bedingungslose Liebe, in der Jesu Jünger leben sollen in seiner Nachfolge, bewirkt das, [160] was sie mit geteilter und nach eigenem Ermessen und eigenen Bedingungen geschenkter Liebe niemals bewirken könnten, nämlich die radikale Verurteilung des Bösen.

Richten die Jünger, so richten sie Maßstäbe auf über Gut und Böse. Jesus Christus aber ist kein Maßstab, den ich auf andere anwenden könnte. Er ist es, der mich selbst richtet und mir mein Gutes als ganz und gar Böses enthüllt. Damit aber ist mir verboten, auf den Anderen anzuwenden, was mir nicht gilt. Ja, mit dem Richten nach Gut und Böse bestätige ich den Anderen gerade in seinem Bösen; denn auch er richtet nach Gut und Böse. Aber er weiß nicht um die Bosheit seines Guten, sondern rechtfertigt sich darin. Wird er von mir in seinem Bösen gerichtet, so wird er in seinem Guten bestätigt, das doch niemals das Gute Jesu Christi ist, und so gerade wird er dem Gericht Christi entzogen und einem menschlichen Gericht unterstellt. Ich selbst aber ziehe das Gericht Gottes über mich herbei, denn ich lebe nun nicht mehr aus Gnade Jesu Christi, sondern aus der Erkenntnis des Guten und Bösen und verfalle dem Urteil, an das ich mich halte. Gott ist einem jeglichen der Gott, als den er ihn glaubt.

Richten ist die unerlaubte Reflexion auf den Anderen. Es zersetzt die einfältige Liebe. Diese verbietet mir zwar nicht meine Gedanken über den Anderen, meine Wahrnehmung seiner Sünde, aber beides wird dadurch aus der Reflexion befreit, daß es mir allein Anlaß zur Vergebung und zur bedingungslosen Liebe wird, die Jesus mir beweist. Durch die Zurückhaltung meines Urteils über den Anderen wird nicht das tout comprendre c’est tout pardonner in Kraft gesetzt, wird nicht dem Anderen doch wieder irgendwie rechtgegeben. Weder ich bekomme hier Recht noch der Andere, sondern Gott allein wird Recht gegeben, seine Gnade und sein Gericht werden verkündigt.

Richten macht blind, aber die Liebe macht sehend. Im Rich-[161]ten bin ich blind gegen mein eignes Böses und gegen die Gnade, die dem Anderen gilt. In der Liebe Christi aber weiß der Jünger um alle denkbare Schuld und Sünde, denn er weiß um das Leiden Jesu Christi, zugleich aber erkennt die Liebe den Anderen als den, dem unter dem Kreuz vergeben ist. Die Liebe sieht den Anderen unter dem Kreuz, und eben darin ist sie in Wahrheit sehend. Ginge es mir beim Richten wirklich um die Vernichtung des Bösen, so würde ich das Böse dort suchen, wo es mich eigentlich bedroht, nämlich bei mir selbst. Suche ich aber das Böse beim Andern, so wird gerade darin offenbar, daß ich auch in solchem Richten mein eigenes Recht suche, daß ich in meinem Bösen ungestraft bleiben will, indem ich den Anderen richte. So ist die Voraussetzung alles Richtens der gefährlichste Selbstbetrug, daß nämlich mir das Wort Gottes anders gelte als meinem Nächsten. Ich mache ein Sonderrecht geltend, indem ich sage: mir gelte die Vergebung, dem Anderen aber das richtende Urteil. Weil aber die Jünger von Jesus kein eigenes Recht bekommen, das sie einem Anderen gegenüber geltend zu machen hätten, weil sie nichts empfangen als seine Gemeinschaft, darum ist das Richten als die Anmaßung eines falschen Rechtes über den Nächsten dem Jünger ganz und gar verwehrt.

Aber nicht nur das richtende Wort ist dem Jünger verboten, sondern auch das verkündigende Heilswort der Vergebung an den Anderen hat seine Grenze. Der Jünger Jesu hat nicht Macht und Recht, dieses jedem zu jeder Zeit aufzunötigen. Alles Drängen, Nachlaufen, Proselytenmachen, jeder Versuch, mit eigner Macht etwas am Anderen auszurichten, ist vergeblich und gefährlich. Vergeblich – denn die Säue erkennen die Perlen nicht, die man vor sie hinwirft; gefährlich – denn nicht nur wird so das Wort der Vergebung entheiligt, nicht nur wird hier der Andere, dem ich dienen will, zum Sünder am Heiligtum gemacht, sondern auch die pre-[162]digenden Jünger kommen in Gefahr, von der blinden Wut der Verstockten und Verfinsterten ohne Not und ohne Nutzen Schaden zu leiden. Die Verschleuderung der billigen Gnade wird der Welt zum Überdruß. So wendet sie sich schließlich gewaltsam gegen die, die ihr aufdrängen wollen, was sie nicht begehrt. Das bedeutet für die Jünger eine ernste Beschränkung ihres Wirkens, die der Weisung von Mt. 10 entspricht, den Staub von den Füßen zu schütteln, wo das Wort des Friedens nicht gehört wird. Die treibende Unruhe der Jüngerschar, die keine Grenzen ihrer Wirksamkeit kennen will, der Eifer, der den Widerstand nicht achtet, verwechselt das Wort des Evangeliums mit einer siegreichen Idee. Die Idee fordert Fanatiker, die keinen Widerstand kennen und achten. Die Idee ist stark. Das Wort Gottes aber ist so schwach, daß es sich von Menschen verachten und verwerfen läßt. Es gibt für das Wort verstockte Herzen und verschlossene Türen, und das Wort anerkennt den Widerstand, auf den es stößt, und erleidet ihn. Es ist eine harte Erkenntnis: für die Idee gibt es nichts Unmögliches, für das Evangelium aber gibt es Unmöglichkeiten. Das Wort ist schwächer als die Idee. So sind auch die Zeugen des Wortes mit diesem Wort schwächer als die Propagandisten einer Idee. Aber in dieser Schwäche sind sie frei von der kranken Unruhe der Fanatiker, sie leiden ja mit dem Wort. Die Jünger können auch weichen, können auch fliehen, wenn sie nur mit dem Wort weichen und fliehen, wenn nur ihre Schwäche die Schwäche des Wortes selbst ist, wenn sie nur das Wort nicht im Stiche lassen auf ihrer Flucht. Sie sind ja nichts als Diener und Werkzeuge des Wortes und wollen nicht stark sein, wo das Wort schwach sein will. Wollten sie das Wort unter allen Umständen, mit allen Mitteln der Welt aufzwingen, so machten sie aus dem lebendigen Wort Gottes eine Idee, und die Welt wird sich mit Recht gegen eine Idee zur Wehr setzen, die ihr nichts helfen kann. Gerade als [163] die schwachen Zeugen aber sind sie von denen, die nicht weichen, sondern die bleiben – freilich allein dort, wo das Wort ist. Die Jünger, die von dieser Schwäche des Wortes nichts wissen, hätten das Geheimnis der Niedrigkeit Gottes nicht erkannt. Dieses schwache Wort, das den Widerspruch der Sünder erleidet, ist ja allein das starke, barmherzige Wort, das Sünder bekehrt von Grund ihres Herzens. Seine Kraft ist verhüllt in der Schwachheit; käme das Wort in unverhüllter Kraft, so wäre der Gerichtstag da. Es ist eine große Aufgabe, die den Jüngern gestellt ist, die Grenzen ihres Auftrages zu erkennen. Das mißbrauchte Wort aber wird sich gegen sie kehren.

Was sollen die Jünger tun angesichts der verschlossenen Herzen? Dort wo der Zugang zum Anderen nicht gelingt? Sie sollen anerkennen, daß sie in keiner Weise Recht oder Macht über die Anderen besitzen, daß sie auch keinerlei unmittelbaren Zugang zu ihnen haben, so daß ihnen allein der Weg zu dem bleibt, in dessen Hand sie selbst stehen wie auch jene Anderen. Hiervon redet das folgende. Die Jünger werden ins Gebet geführt. Es wird ihnen gesagt, daß kein anderer Weg zum Nächsten führt als das Gebet zu Gott. Gericht und Vergebung bleiben in Gottes Hand. Er schließt zu und er schließt auf. Die Jünger aber sollen bitten, suchen, anklopfen, so wird er sie erhören. Das sollen die Jünger wissen, daß ihre Sorge und Unruhe um die Anderen sie ins Gebet führen muß. Die Verheißung, die ihrem Gebet gegeben ist, ist die größte Macht, die sie haben.

Das unterscheidet das Suchen der Jünger von dem Gottsuchen der Heiden, daß jene wissen, was sie suchen. Gott suchen kann nur, wer ihn schon kennt. Wie könnte er suchen, was er nicht kennt? Wie sollte er finden, wenn er nicht weiß, was er sucht? So suchen die Jünger Gott, den sie gefunden haben in der Verheißung, die Jesus Christus ihnen gab.

Zusammenfassend ist hier deutlich geworden, daß dem Jün-[163]ger im Verkehr mit dem Anderen kein eigenes Recht, keine eigene Macht gehört. Er lebt ganz und gar von der Kraft der Gemeinschaft Jesu Christi. Eine einfache Regel gibt Jesus dem Jünger, an der selbst der Einfältigste prüfen kann, ob sein Umgang mit dem Anderen recht ist oder unrecht; er braucht nur das Verhältnis von Ich und Du umzukehren, er braucht sich nur an die Stelle des Anderen und diesen an seine Stelle zu setzen. „Was ihr wollt, daß euch die Leute tun, das tut ihr ihnen auch.“ Im selben Augenblick verliert der Jünger jegliches Sonderrecht vor dem Anderen, er kann nicht bei sich entschuldigen, was er beim Anderen anklagt. Er ist nun gegen das Böse in sich so hart, wie er gegen das Böse des Anderen zu sein pflegte, und gegen das Böse des Anderen so nachsichtig, wie er gegen sich selbst ist. Denn unser Böses ist nichts anderes als das Böse des Anderen. Es ist ein Gericht, ein Gesetz, eine Gnade. So wird der Jünger dem Anderen immer nur begegnen als der, dem seine Sünden vergeben sind und der von nun an allein von der Liebe Gottes lebt. „Das ist das Gesetz und die Propheten“ – denn es ist nichts anderes als das höchste Gebot selbst: Gott lieben über alle Dinge und deinen Nächsten als dich selbst.

Die große Scheidung

Gehet ein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit und der Weg ist breit, der zur Verdammnis abführt; und ihrer sind viele, die darauf wandeln. Und die Pforte ist eng und der Weg ist schmal, der zum Leben führt; und wenige sind ihrer, die ihn finden. Sehet euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Kann man auch Trauben lesen von den Dornen oder Feigen von den Disteln? Also ein jeglicher guter Baum [165] bringt gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt arge Früchte. Ein guter Baum kann nicht arge Früchte bringen, und ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen. Ein jeglicher Baum, der nicht gute Früchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Darum an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr! in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel. Es werden viele zu mir sagen an jenem Tage: Herr, Herr! haben wir nicht in deinem Namen geweissagt, haben wir nicht in deinem Namen Teufel ausgetrieben, haben wir nicht in deinem Namen viele Taten getan? Dann werde ich ihnen bekennen: Ich habe euch noch nie erkannt; weichet alle von mir, ihr Übeltäter!“ (Mt. 7,13-23).

Die Gemeinde Jesu kann sich nicht willkürlich von der Gemeinschaft derer trennen, die Jesu Ruf nicht hören. Sie ist von ihrem Herrn gerufen zur Nachfolge durch Verheißung und Gebot. Das muß ihr genügen. Alles Gericht und alle Scheidung stellt sie dem anheim, der sie erwählt hat nach seinem Vorsatz, nicht aus Verdienst der Werke, sondern aus seiner Gnade. Nicht die Gemeinde vollzieht die Scheidung, aber im berufenden Wort muß sie geschehen.

Eine kleine Schar, die Nachfolgenden, wird so getrennt von der großen Zahl der Menschen. Die Jünger sind wenige und werden immer wenige sein. Dies Wort Jesu schneidet ihnen jede falsche Hoffnung auf ihre Wirksamkeit ab. Niemals setze ein Nachfolger Jesu sein Vertrauen auf die Zahl. „Wenige sind ihrer …“, der Anderen aber sind viel und werden immer viel sein. Sie aber gehen in ihr Verderben. Was kann der Trost der Jünger in solcher Erfahrung sein, wenn nicht allein dies, daß ihnen das Leben verheißen ist, die ewige Gemeinschaft Jesu?

Der Weg der Nachfolgenden ist schmal. Leicht geht man an ihm vorüber, leicht verfehlt man ihn, [166] leicht verliert man ihn, selbst wenn man ihn schon beschritten hat. Er ist schwer zu finden. Der Weg ist wahrhaftig schmal, der Absturz nach beiden Seiten bedrohlich: Zum Außerordentlichen gerufen sein, es tun, und doch nicht sehen und nicht wissen, daß man es tut, – das ist ein schmaler Weg. Die Wahrheit Jesu bezeugen und bekennen und doch den Feind dieser Wahrheit, seinen und unseren Feind, lieben mit der bedingungslosen Liebe Jesu Christi – das ist ein schmaler Weg. Der Verheißung Jesu glauben, daß die Nachfolgenden das Erdreich besitzen werden und doch dem Feind wehrlos begegnen, lieber Unrecht leiden als Unrecht tun – das ist ein schmaler Weg. Den anderen Menschen sehen und erkennen in seiner Schwäche, in seinem Unrecht, und ihn niemals richten, ihm die Botschaft ausrichten müssen und doch die Perlen niemals vor die Säue werfen – das ist ein schmaler Weg. Es ist ein unerträglicher Weg. Jeden Augenblick droht der Abfall. Solange ich diesen Weg als den mir zum Gehen befohlenen erkenne und ihn in der Furcht vor mir selbst gehe, ist er in der Tat unmöglich. Sehe ich aber Jesus Christus vorangehen, Schritt für Schritt, sehe ich allein auf ihn und folge ihm, Schritt für Schritt, so werde ich auf diesem Wege bewahrt. Blicke ich auf die Gefährlichkeit meines Tuns, blicke ich auf den Weg anstatt auf den, der ihn mir selbst vorangeht, so ist mein Fuß schon im Gleiten. Er selbst ist ja der Weg. Er ist der schmale Weg und das enge Tor. Ihn allein gilt es zu finden. Wissen wir das, dann gehen wir auf dem schmalen Weg durch die enge Pforte des Kreuzes Jesu Christi zum Leben, dann wird uns gerade die Enge des Weges zur Gewißheit. Wie sollte der Weg des Sohnes Gottes auf Erden, den wir als Bürger zweier Welten am Rande zwischen Welt und Himmelreich zu gehn haben, auch ein breiter Weg sein? Der schmale Weg muß der rechte Weg sein.

Verse 15-20. Die Scheidung zwischen Gemeinde und Welt ist vollzogen. Aber das Wort Jesu dringt jetzt richtend und [167] scheidend in die Gemeinde selbst vor. Mitten unter den Jüngern Jesu muß sich die Scheidung immer wieder vollziehen. Die Jünger sollen nicht meinen, sie könnten einfach der Welt entfliehen und nun ohne Gefahr in der kleinen Schar auf dem engen Wege bleiben. Es werden falsche Propheten unter sie kommen, und mit der Verwirrung wird auch die Vereinsamung größer. Da steht einer neben mir, äußerlich ein Glied der Gemeinde, es steht ein Prophet, ein Prediger da, dem Schein, dem Wort und Werk nach ein Christ, aber innerlich treiben finstere Gründe ihn zu uns, innerlich ist er ein reißender Wolf, ist sein Wort Lüge und sein Werk Trug. Er weiß sein Geheimnis wohl zu bewahren, aber im Verborgenen treibt er sein dunkles Werk. Er ist unter uns, nicht weil der Glaube an Jesus Christus ihn zu uns getrieben hätte, sondern weil der Teufel ihn in die Gemeinde treibt. Er sucht vielleicht die Macht und den Einfluß, das Geld, den Ruhm aus eigenen Gedanken und Prophezeiungen. Er sucht die Welt, aber nicht den Herrn Christus. Er verbirgt sein dunkles Vorhaben im Gewande der Christlichkeit und weiß, daß die Christen ein leichtgläubiges Volk sind. Er rechnet darauf, daß er in seinem unschuldigen Kleid nicht entlarvt wird. Er weiß ja auch, daß es den Christen verboten ist zu richten und wird sie zu rechter Zeit daran erinnern! Kein Mensch sieht ja dem anderen ins Herz. So verführt er viele vom rechten Weg. Vielleicht weiß er dies alles selbst nicht, vielleicht verschleiert der Teufel, der ihn treibt, ihm die Klarheit über sich selbst.

Nun könnte solche Ankündigung Jesu die Seinen in große Angst treiben. Wer kennt den anderen? Wer weiß, ob hinter dem christlichen Schein nicht die Lüge steckt und die Verführung lauert. Es könnte ein tiefes Mißtrauen, [168] ein argwöhnisches Beobachten und ein ängstlicher Richtgeist in die Gemeinde einziehen. Es könnte ein liebloses Verurteilen jedes Bruders, der in Sünde fällt, auf dieses Wort Jesu hin eintreten. Aber Jesus befreit die Seinen von diesem Mißtrauen, das die Gemeinde zerreißen müßte. Er sagt: der faule Baum bringt arge Früchte. Er muß sich von selbst zu erkennen geben zu seiner Zeit. Wir brauchen keinem ins Herz zu sehen. Warten sollen wir, bis der Baum seine Frucht bringt. An der Frucht unterscheidet ihr zu seiner Zeit die Bäume. Die Frucht aber kann nicht lange ausbleiben. Es ist hier wohl nicht der Unterschied zwischen Wort und Werk der falschen Propheten gemeint, sondern der Unterschied zwischen Schein und Wirklichkeit. Jesus sagt uns, daß ein Mensch nicht lange im Schein leben kann. Es kommt die Zeit des Fruchttragens, es kommt die Zeit der Unterscheidung. Es wird früher oder später offenbar, wie es um ihn steht. Es hilft dem Baum nichts, ob er nicht Frucht tragen will. Die Frucht kommt von selbst. So wird der Augenblick, in dem es darauf ankommt, einen Baum vom anderen zu unterscheiden, die Fruchtzeit, alles offenbaren. Wo die Entscheidungszeit kommt zwischen Welt und Gemeinde, und sie kann jeden Tag kommen, nicht nur in großen, sondern auch in ganz geringen, alltäglichen Entscheidungen, da wird offenbar werden, was faul ist und was gut ist. Hier besteht nur die Wirklichkeit, nicht aber der Schein.

Jesus mutet es seinen Jüngern zu, in solchen Augenblicken Schein und Wirklichkeit klar zu unterscheiden, und zu scheiden zwischen sich und den Scheinchristen. Das überhebt sie aller neugierigen Erforschung des Anderen, aber es fordert Wahrhaftigkeit und Entschlossenheit, die fallende Entscheidung Gottes anzuerkennen. Es kann jeden Augenblick soweit sein, daß mitten unter uns die Scheinchristen von uns gerissen werden, daß wir als die Scheinchristen entlarvt dastehen. Damit sind die Jünger aufgerufen zu festerer Gemeinschaft mit Jesus, zu treuerer Nachfolge. Der faule Baum wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Ihm hilft alle Pracht nichts.

Vers 21. Die Scheidung durch Jesu Ruf in die Nachfolge geht [169] aber noch tiefer. Nach der Scheidung zwischen Welt und Gemeinde, zwischen Scheinchristen und wahren Christen greift nun die Scheidung in die bekennende Jüngerschar hinein. Paulus sagt: Niemand kann Jesum einen Herrn nennen, es sei denn durch den heiligen Geist (1. Kor. 12,3). Niemand kann aus eigner Vernunft, Kraft und Entscheidung sein Leben Jesus ausliefern, ihn seinen Herrn nennen. Hier aber ist diese Möglichkeit selbst ins Auge gefaßt, daß einer Jesus seinen Herrn nennt ohne den heiligen Geist, d. h. ohne den Ruf Jesu vernommen zu haben. Das ist um so unbegreiflicher, als es seinerzeit keinerlei irdischen Gewinn brachte, Jesus seinen Herrn zu nennen, vielmehr ein Bekenntnis war, das in höchste Gefahr führte. „Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr! in das Himmelreich kommen …“ Das Herr-Herr-Sagen ist das Bekenntnis der Gemeinde. Es wird nicht jeder, der dieses Bekenntnis spricht, ins Himmelreich kommen. Mitten durch die bekennende Gemeinde hindurch wird die Scheidung gehen. Das Bekenntnis verleiht keinerlei Anrecht auf Jesus. Niemand kann sich einmal auf sein Bekenntnis berufen. Daß wir Glieder der Kirche des rechten Bekenntnisses sind, ist kein Anspruch vor Gott. Wir werden nicht auf Grund dieses Bekenntnisses selig werden. Denken wir dies, so tun wir Israels Sünde, das aus der Gnade der Berufung ein Recht vor Gott machte. Wir sündigen so gegen die Gnade des Berufers. Gott wird uns einmal nicht fragen, ob wir evangelisch gewesen sind, sondern ob wir seinen Willen getan haben. Alle wird er danach fragen und uns ebenso. Die Grenzen der Kirche sind nicht die Grenzen eines Privilegs, sondern die der gnädigen Wahl und Berufung Gottes. pas ho légōn und all’ ho poiṍn – „sagen“ und „tun“ – das ist hier nicht ohne weiteres als das Verhältnis von Wort und Tat gemeint. Vielmehr ist hier von zweierlei verschiedenen Verhalten des Menschen vor Gott gesprochen. ho légōn kýrie – der „Herr-Herr-Sager“ – das ist hier der Mensch, [170] der auf Grund seines Jasagens einen Anspruch erhebt, ho poiṍn – „der Täter“ – das ist hier der im gehorsamen Tun Demütige. Jener ist der sich selbst durch sein Bekenntnis rechtfertigende, dieser, der Täter, der auf Gottes Gnade bauende, gehorsame Mensch. Hier wird also gerade das Reden des Menschen zum Korrelat seiner Selbstgerechtigkeit, das Tun aber zum Korrelat der Gnade, der gegenüber eben der Mensch nichts mehr anderes vermag als demütig zu gehorchen und zu dienen. Jener Herr-Herr-Sager hat sich selbst zu Jesus gerufen ohne den heiligen Geist, oder er hat doch aus dem Ruf Jesu ein eigenes Recht gemacht. Dieser Täter des Willens Gottes ist gerufen, begnadigt, er gehorcht und folgt. Er versteht seinen Ruf nicht als Recht, sondern als Gericht und Begnadigung, als den Willen Gottes, dem allein er gehorchen will. Die Gnade Jesu fordert den Täter, das Tun wird so die rechte Demut, der rechte Glaube, das rechte Bekenntnis zur Gnade des Berufers.

Vers 22. Bekenner und Täter sind voneinander geschieden. Nun wird die Scheidung noch bis ins letzte hinein vorgetrieben. Hier zuletzt sprechen nun solche, die bis hierher bestanden haben. Sie gehören zu den Tätern, aber nun berufen sie sich anstatt auf ihr Bekenntnis eben auf dieses ihr Tun. Sie haben Taten getan in Jesu Namen. Sie wissen, daß das Bekenntnis nicht rechtfertigt, darum sind sie hingegangen und haben durch Taten den Namen Jesu unter den Leuten groß gemacht. Nun treten sie vor Jesus hin und weisen auf dieses Tun.

Jesus offenbart seinen Jüngern hier die Möglichkeit eines dämonischen Glaubens, der sich auf ihn beruft, der wunderbare Taten, bis zur Unkenntlichkeit den Werken der wahren Jünger Jesu ähnlich, vollbringt, Werke der Liebe, Wunder, vielleicht gar Selbstheiligung, und der doch Jesus und seine Nachfolge verleugnet. Es ist nichts anderes, was Paulus im 13. Kapitel des 1. Korintherbriefes sagt, von jener [171] Möglichkeit zu predigen, zu weissagen, alle Erkenntnisse zu haben, ja allen Glauben, also daß er Berge versetzt, – doch ohne Liebe, d. h. ohne Christus, ohne den heiligen Geist. Ja, mehr als dies: Paulus muß sogar die Möglichkeit ins Auge fassen, daß die Werke der christlichen Liebe selbst, die Hingabe der Güter, bis zum Martyrium, getan werden können – ohne Liebe, ohne Christus, ohne den heiligen Geist. Ohne Liebe – d. h. eben, daß in all diesem Tun doch das Tun der Nachfolge nicht geschieht, dieses Tun, dessen Täter eben zuletzt kein anderer ist als der Berufer, Jesus Christus selbst; Das ist die tiefste, unbegreiflichste Möglichkeit des Satanischen in der Gemeinde, die letzte Scheidung, die freilich erst geschieht am jüngsten Tag. Aber sie wird eine endgültige sein. Die Nachfolgenden aber müssen fragen, wo denn nun der letzte Maßstab dafür sei, wer von Jesus angenommen werde und wer nicht. Wer bleibt denn, und wer bleibt nicht? Die Antwort Jesu zu den letzten Verworfenen sagt alles: „ich habe euch noch nie erkannt“. Das also ist es, das ist das Geheimnis, das vom Anfang der Bergpredigt an bis zu diesem Ende aufbewahrt wird. Das allein ist die Frage, ob wir von Jesus erkannt sind oder nicht. Woran sollen wir uns halten, wenn wir hören, wie Jesu Wort die Scheidung vollzieht zwischen Gemeinde und Welt und dann in der Gemeinde bis zum jüngsten Tag, wenn uns nichts mehr bleibt, nicht unser Bekenntnis, nicht unser Gehorsam? Dann bleibt nur noch sein Wort: Ich habe dich erkannt. Dies ist sein ewiges Wort, sein ewiger Ruf. Hier schließt sich das Ende der Bergpredigt mit ihrem ersten Wort zusammen. Sein Wort am jüngsten Gericht – es ergeht an uns in seinem Ruf in die Nachfolge. Aber es bleibt vom Anfang bis zum Ende allein sein Wort, sein Ruf. Wer sich in der Nachfolge an nichts hält und klammert als an dieses Wort, wer alles andere fahren läßt, den wird dieses Wort durchs letzte Gericht tragen. Sein Wort ist seine Gnade. [172]

Der Schluß

Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, den vergleiche ich einem klugen Mann, der sein Haus auf einen Felsen baute. Da nun ein Platzregen fiel und ein Gewässer kam und wehten die Winde und stießen an das Haus, fiel es doch nicht; denn es war auf einen Felsen gegründet. Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der ist einem törichten Manne gleich, der sein Haus auf den Sand baute. Da nun ein Platzregen fiel und kam ein Gewässer und wehten die Winde und stießen an das Haus, da fiel es und tat einen großen Fall. Und es begab sich, da Jesus diese Rede vollendet hatte, entsetzte sich das Volk über seine Lehre; denn er predigte gewaltig und nicht wie die Schriftgelehrten“ (Mt. 7,24-29).

Wir haben die Bergpredigt gehört, wir haben sie vielleicht verstanden. Aber wer hat sie recht gehört? Auf diese Frage antwortet Jesus zuletzt. Jesus läßt seine Zuhörer nicht einfach weggehen, damit sie nun aus seiner Rede machen, was ihnen gefällt, damit sie heraussuchen, was ihnen für ihr Leben wertvoll erscheint, damit sie prüfen, wie sich diese Lehre zu der „Wirklichkeit“ verhalte. Jesus gibt sein Wort seinen Zuhörern nicht frei, daß es unter ihren krämerischen Händen mißbraucht wird, sondern er gibt es ihnen so, daß es allein Macht über sie behalten muß. Menschlich gesehen gibt es unzählige Möglichkeiten, die Bergpredigt zu verstehen und zu deuten. Jesus kennt nur eine einzige Möglichkeit: einfach hingehen und gehorchen. Nicht deuten, anwenden, sondern tun, gehorchen. So allein ist Jesu Wort gehört. Aber auch wieder nicht vom Tun als von einer idealen Möglichkeit reden, sondern wirklich mit dem Tun anfangen.

Dieses Wort, dem ich über mich rechtgebe, dieses Wort, das aus dem „ich habe dich erkannt“ herkommt, das mich sofort ins Tun, ins Gehorchen stellt, ist der Fels, auf dem ich ein [173] Haus bauen kann. Diesem Wort Jesu aus der Ewigkeit her entspricht nur noch das schlichte Tun. Jesus hat geredet, sein ist das Wort, unser ist der Gehorsam. Allein im Tun behält das Wort Jesu unter uns seine Ehre, seine Kraft und Macht. Jetzt kann der Sturm über das Haus fahren, die Einheit mit Jesus, die durch sein Wort geschaffen ist, kann es nicht mehr zerreißen.

Neben dem Tun gibt es nur noch das Nichttun. Es gibt aber kein Tunwollen und doch nicht tun. Wer mit Jesu Wort irgendanders umgeht als durchs Tun, gibt Jesus unrecht, sagt Nein zur Bergpredigt, tut sein Wort nicht. Alles Fragen, Problematisieren und Deuten ist Nichttun. Der reiche Jüngling, der Schriftgelehrte aus Lk. 10 kommen in Sicht. Und wenn ich meinen Glauben, meine grundsätzliche Anerkennung diesem Wort gegenüber noch so sehr beteuerte, Jesus nennt das Nichttun. Das Wort aber, das ich nicht tun will, ist mir kein Fels, auf den ich ein Haus bauen kann. Hier ist keine Einheit mit Jesus. Er hat mich noch nie erkannt. Darum, wenn der Sturm jetzt kommt, dann geht mir das Wort schnell verloren, dann erfahre ich, daß ich in Wahrheit nie geglaubt habe. Ich hatte nicht Christi Wort, sondern ein Wort, das ich ihm entwunden und zu meinem eigenen gemacht hatte, indem ich darüber nachdachte, es aber nicht tat. Nun tut mein Haus einen großen Fall, weil es nicht auf Christi Wort ruht.

„Und das Volk entsetzte sich…“ Was war geschehen? Der Sohn Gottes hatte geredet. Er hatte das Weltgericht in seine Hand genommen. Und seine Jünger standen an seiner Seite. [174]

Die Boten

Matthäus 9,35-10,42

Die Ernte

Und Jesus ging umher in alle Städte und Märkte, lehrte in ihren Schulen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte allerlei Seuche und Krankheit. Und da er die Volksmenge sah, jammerte ihn derselben; denn sie waren mißhandelt und darniederliegend wie die Schafe, die keinen Hirten haben. Da sprach er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß; aber wenige sind der Arbeiter. Darum bittet den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter in seine Ernte sende“ (Mt. 9,35-38).

Der Blick des Heilandes fällt erbarmend auf sein Volk, auf Gottes Volk. Es konnte ihm nicht genug sein, daß einige wenige seinen Ruf gehört hatten und ihm nachfolgten. Er konnte nicht daran denken, sich mit seinen Jüngern aristokratisch abzusondern und in der Weise großer Religionsstifter ihnen in der Abgeschiedenheit von der Menge des Volkes die Lehren höherer Erkenntnis und vollkommener Lebensführung zu übermitteln. Jesus war gekommen, er arbeitete und er litt um seines ganzen Volkes willen. Und die Jünger, die ihn allein für sich haben wollen, die ihm die Belästigung durch die Kinder, die man zu ihm bringt, und durch manchen armen Bettler am Wegrand fernhalten wollen (Mk. 10,48), müssen erkennen, daß Jesus sich seinen Dienst durch sie nicht einschränken läßt. Sein Evangelium vom Reiche Gottes und seine Heilandskraft gehörte den Armen und Kranken, wo er sie in seinem Volke fand. [175]

Der Anblick der Volksmenge, der in seinen Jüngern vielleicht Widerwillen, Zorn oder Verachtung erregte, erfüllte Jesu Herz mit tiefem Erbarmen und Jammer. Kein Vorwurf, keine Anklage! Gottes liebes Volk lag mißhandelt am Boden, und die Schuld daran traf die, die an ihm den Dienst Gottes versehen sollten. Nicht die Römer hatten das angerichtet, sondern der Mißbrauch des Wortes Gottes durch die berufenen Diener am Wort. Es waren keine Hirten mehr da! Eine Herde, die nicht zum frischen Wasser geführt wird, deren Durst ungestillt bleibt, Schafe, die kein Hirte vor dem Wolf mehr schützt, geschunden und verwundet, erschreckt und verängstigt unter dem harten Stab ihrer Hirten, am Boden liegend – so fand Jesus Gottes Volk vor. Fragen, aber keine Antwort, Not, aber keine Hilfe, Gewissensangst, aber keine Befreiung, Tränen, aber keinen Trost, Sünde, aber keine Vergebung! Wo war der gute Hirte, den dieses Volk brauchte? Was half es hier, daß da Schriftgelehrte waren, die das Volk mit hartem Zwang in die Schulen trieben, daß die Gesetzeseiferer die Sünder hart verurteilten ohne ihnen zu helfen, was halfen da selbst die rechtgläubigsten Prediger und Ausleger des Wortes Gottes, wenn nicht das ganze Erbarmen und der ganze Jammer über das mißbrauchte und mißhandelte Volk Gottes sie erfüllte? Was sind Schriftgelehrte, Gesetzesfromme, Prediger, wenn die Hirten der Gemeinde fehlen? Gute Hirten, „Pastoren“, braucht die Herde. „Weide meine Lämmer!“ ist der letzte Auftrag Jesu an Petrus. Der gute Hirte kämpft für seine Herde gegen den Wolf, der gute Hirte flieht nicht, sondern gibt sein Leben für die Schafe. Er kennt alle seine Schafe bei Namen und liebt sie. Er weiß ihre Not, ihre Schwachheit. Er heilt, was verwundet ist, er tränkt, was durstig ist, er richtet auf, was fallen will. Er weidet sie mit Freundlichkeit und nicht mit Härte. Er leitet sie auf den rechten Weg. Er sucht das eine verlorne Schaf und bringt es zurück zur Herde. Die bösen [176] Hirten aber herrschen mit Gewalt, sie vergessen ihre Herde und suchen die eigne Sache. Gute Hirten sucht Jesus, und siehe da, es sind keine zu finden.

Das greift ihm ans Herz. Sein göttliches Erbarmen umfaßt diese verlassene Herde, die Menge des Volkes um ihn herum. Menschlich gesehen ist es ein hoffnungsloses Bild. Aber nicht so für Jesus. Er sieht hier, wo Gottes Volk mißhandelt, elend und armselig vor ihm steht, das reife Erntefeld Gottes. „Die Ernte ist groß!“ Sie ist reif, daß sie eingebracht werde in die Scheunen. Die Stunde ist gekommen, daß diese Armen und Elenden heimgebracht werden ins Reich Gottes. Jesus sieht über den Massen des Volkes die Verheißung Gottes anbrechen. Die Schriftgelehrten und Gesetzeseiferer sahen hier nur ein zertretenes, verbranntes, zerschlagenes Feld. Jesus sieht das reife, wogende Ährenfeld für Gottes Reich. Die Ernte ist groß! Sein Erbarmen allein sieht das! Nun ist keine Zeit zu verlieren. Erntearbeit leidet keinen Verzug. „Aber wenige sind der Arbeiter“. Ist das ein Wunder, da ja so wenigen dieser barmherzige Blick Jesu geschenkt ist? Wer könnte auch in diese Arbeit eintreten als der, der am Herzen Jesu Anteil gewonnen hat, der durch ihn sehende Augen empfangen hat?

Jesus sucht Hilfe. Er kann das Werk nicht allein tun. Wer sind die Mitarbeiter, die ihm helfen? Gott allein kennt sie und muß sie seinem Sohn geben. Wer dürfte sich auch von sich aus dazu anbieten, Jesu Helfer zu sein? Selbst die Jünger dürfen es nicht. Sie sollen den Herrn der Ernte bitten, Arbeiter zu senden zur rechten Stunde; denn es ist Zeit.

Die Apostel

Und er rief seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen Macht über die unsauberen Geister, daß sie die austrieben und heilten allerlei Seuche und allerlei Krankheit. Die Namen aber der zwölf Apostel sind diese: der erste Simon, genannt Petrus, und Andreas, sein Bruder; Jakobus, des Zebedäus Sohn, und Johannes, sein Bruder; Philippus und Bartholomäus; Thomas und Matthäus, der Zöllner; Jakobus, des Alphäus Sohn; Lebbäus, mit dem Zunamen Thaddäus; Simon von Kana und Judas Ischarioth, welcher ihn verriet“ (Mt. 10,1-4).

Das Gebet ist erhört. Der Vater hat dem Sohne seinen Willen offenbart. Jesus Christus ruft seine zwölf Jünger und sendet sie in die Ernte. Er macht sie zu „Aposteln“, zu seinen Boten und Mitarbeitern. „Und er gab ihnen Macht“. Um diese Macht geht es in der Tat. Nicht nur ein Wort, nicht nur eine Lehre, sondern wirksame Macht empfangen die Apostel. Wie sollen sie auch ihre Arbeit tun ohne diese Macht? Es muß eine Macht sein, die größer ist als die Macht dessen, der auf Erden herrscht, des Teufels. Daß der Teufel Macht hat, wissen die Jünger, obwohl es gerade die List des Teufels ist, seine Macht zu verleugnen, den Menschen vorzuspiegeln, er existiere gar nicht. Gerade diese gefährlichste Ausübung seiner Macht muß getroffen werden. Der Teufel muß ans Licht und muß besiegt werden durch die Christusmacht. Damit treten die Apostel neben Jesus Christus selbst. Sein Werk sollen sie ihm ja tun helfen. So versagt ihnen Jesus zu diesem Auftrag auch nicht die höchste Gabe, nämlich teilzuhaben an seiner Kraft über die unsauberen Geister, über den Teufel, der von der Menschheit Besitz ergriffen hat. In diesem Auftrag sind die Apostel Christus gleich geworden. Sie tun Christuswerke.

Die Namen dieser ersten Boten werden der Welt aufbewahrt bis zum letzten Tag. Zwölf Stämme zählte das Volk Gottes. Zwölf Boten sind es, die das Werk Christi an ihm vollbringen sollen. Zwölf Throne werden im Reich Gottes für sie als Richter Israels bereitstehen (Mt. 19,28). Zwölf Tore wird das himmlische Jerusalem haben, in die das heilige [178] Volk einziehen wird und auf denen die Namen der Stämme zu lesen sein werden. Zwölf Grundsteine hat die Mauer der Stadt und sie werden die Namen der Apostel tragen (Off. 21,12.14).

Es ist allein der erwählende Ruf Jesu, der die Zwölf vereint. Simon, den Felsenmann, Matthäus, den Zöllner, Simon, den Zeloten, den Eiferer um Recht und Gesetz gegen heidnische Bedrückung, Johannes, den Jesus lieb hatte und der an Jesu Busen lag, und die anderen, von denen uns nur der Name blieb, und schließlich Judas Ischarioth, der ihn verriet. Nichts auf der Welt hätte diese Männer zu demselben Werk zu verbinden vermocht als der Ruf Jesu. Hier war alle frühere Entzweiung überwunden, und neue, feste Gemeinschaft war in Jesus begründet. Daß auch Judas ausging, um das Christuswerk zu tun, bleibt ein dunkles Rätsel und eine furchtbare Warnung.

Die Arbeit

Diese zwölf sandte Jesus, gebot ihnen und sprach: Gehet nicht auf der Heiden Straße und ziehet nicht in der Samariter Städte, sondern gehet hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel“ (Mt. 10,5.6).

Als Gehilfen Jesu stehen die Jünger in ihrer Wirksamkeit unter dem klaren Befehl ihres Herrn. Es ist ihnen nicht freigestellt, wie sie ihre Arbeit anfassen und auffassen wollen. Das Christuswerk, das sie treiben sollen, zwingt die Boten ganz in den Willen Jesu hinein. Wohl ihnen, die solchen Befehl für ihr Amt haben und befreit sind von eigenem Gutdünken und Berechnen!

Gleich das erste Wort legt den Boten eine Beschränkung ihrer Arbeit auf, die ihnen befremdlich und schwer gewesen [179] sein muß. Sie dürfen sich das Arbeitsfeld nicht selbst wählen. Nicht wohin es sie in ihrem Herzen drängt, sondern wohin sie gesandt werden, ist entscheidend. Damit wird es ganz deutlich, daß sie nicht ein eigenes Werk, sondern Gottes Werk treiben sollen. Hätte es nicht nahe gelegen, gerade zu den Heiden und den Samaritern zu gehen, weil sie doch der frohen Botschaft besonders bedürftig waren? Mag es auch so sein, es ist doch kein Auftrag dazu gegeben. Gottes Werke aber können nicht ohne Auftrag getan werden; sie wären sonst ohne Verheißung getan. Gilt denn aber die Verheißung und der Auftrag zur Predigt des Evangeliums nicht überall? Beides gilt allein dort, wo Gott den Auftrag dazu gegeben hat. Ist es aber nicht gerade die Liebe Christi, die uns dringt, unbegrenzt die Botschaft auszurichten? Die Liebe Christi unterscheidet sich von dem Überschwang und dem Eifer des eigenen Herzens dadurch, daß sie sich an den Auftrag hält. Nicht um unserer noch so großen Liebe zu unseren Brüdern im Volk oder zu den Heiden in fremden Ländern willen bringen wir ihnen das Heil des Evangeliums, sondern um des Auftrags des Herrn willen, den er im Missionsbefehl gegeben hat. Allein der Auftrag zeigt uns den Ort, an dem die Verheißung liegt. Wenn Christus nicht wollte, daß ich hier oder dort das Evangelium predige, so sollte ich alles fahren lassen und an Christi Willen und Wort bleiben. So werden die Apostel gebunden an das Wort, an den Auftrag. Wo das Wort Christi, wo der Auftrag ist, dort allein sollen die Apostel sich finden lassen. „Gehet nicht auf der Heiden Straße und ziehet nicht in der Samariter Städte, sondern gehet zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel“.

Wir, die wir zu den Heiden gehörten, waren einstmals ausgeschlossen von der Botschaft. Erst mußte Israel die Christusbotschaft hören und verwerfen, damit sie zu den Heiden komme und eine Gemeinde der Heidenchristen geschaffen würde nach dem Auftrag Jesu Christi. Erst der Auferstan-[180]dene gibt den Missionsbefehl. So wurde die Beschränkung des Auftrages, die die Jünger wohl nicht begreifen konnten, gerade zur Gnade für die Heiden, die die Botschaft des Gekreuzigten und Auferstandenen empfingen. Das ist Gottes Weg und Weisheit. Uns bleibt nur der Auftrag.

Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Macht die Kranken gesund, reinigt die Aussätzigen, weckt die Toten auf, treibt die Teufel aus. Umsonst habt ihrs empfangen, umsonst gebt es auch“ (Mt. 10,7.8). – Die Botschaft und die Wirksamkeit der Boten ist von der Jesu Christi selbst in nichts unterschieden. Sie haben teilbekommen an seiner Macht. Jesus befiehlt die Verkündigung des Anbruchs des Himmelreiches und er befiehlt die Zeichen, die diese Botschaft bekräftigen. Jesus befiehlt Kranke zu heilen, Aussätzige zu reinigen, Tote aufzuerwecken, die Teufel auszutreiben! Verkündigung wird zum Geschehnis, und das Geschehnis bezeugt die Verkündigung. Reich Gottes, Jesus Christus, Vergebung der Sünden, Rechtfertigung des Sünders aus Glauben, das alles ist nichts anderes als Vernichtung der Teufelsmacht, Heilung, Totenauferweckung. Als das Wort des allmächtigen Gottes ist es Tat, Ereignis, Wunder. Der eine Jesus Christus geht in seinen zwölf Boten durch das Land und tut sein Werk. Die königliche Gnade, mit der die Jünger ausgestattet werden, ist das schöpferische und erlösende Wort Gottes.

Ihr sollt nicht Gold noch Silber noch Erz in euren Gürteln haben, auch keine Tasche zur Weg-Fahrt, auch nicht zwei Röcke, keine Schuhe, auch keinen Stecken. Denn ein Arbeiter ist seiner Speise wert“ (Mt. 10,9-10). – Weil der Auftrag und die Kraft der Boten allein im Worte Jesu bestehen, darum soll an Jesu Boten nichts gesehen werden, was diese königliche Sendung undeutlich oder unglaubwürdig macht. In königlicher Armut sollen die Boten Zeugnis ablegen von dem Reichtum ihres Herrn. Was sie von Jesus empfangen haben, [181] ist kein eigener Besitz, mit dem sie andere Güter einhandeln könnten. „Umsonst habt ihr es empfangen“. Jesu Bote zu sein verleiht keinerlei persönliches Recht, keinen Anspruch auf Ehrung oder Macht. Auch wo aus dem freien Boten Jesu der beamtete Pfarrer geworden ist, ist das nicht anders. Die Rechte des studierten Mannes, die gesellschaftlichen Ansprüche eines Standes haben für den, der Jesu Bote geworden ist, keine Geltung mehr. „Umsonst habt ihrs empfangen!“ Oder war es doch nicht allein Jesu Ruf, der uns unverdient in seinen Dienst zog? „Umsonst gebt es auch!“ Laßt es deutlich werden, daß ihr mit allem Reichtum, den ihr zu vergeben habt, nichts für euch begehrt, nicht Besitz, aber auch nicht Ansehen, Anerkennung, ja, auch nicht einmal Dankbarkeit! Woher hättet ihr auch einen Anspruch darauf? Alles, was an Ehrung auf uns fallen soll, rauben wir ja dem, dem es in Wahrheit gehört, dem Herrn, der uns gesandt hat. Die Freiheit der Boten Jesu soll sich in ihrer Armut erweisen. Wenn sich Markus und Lukas in der Aufzählung dessen, was den Jüngern mitzunehmen verboten oder erlaubt ist, um einiges von Matthäus unterscheiden, so läßt das doch keine weiteren Schlüsse zu. Jesus befiehlt denen, die in der Vollmacht seines Wortes ausziehen, Armut. Es ist wohl gut, nicht zu übersehen, daß es sich hier um ein Gebot Jesu handelt. Ja, der Besitzstand der Jünger ist bis ins einzelne geregelt. Nicht als Bettler, nicht mit zerrissenen Kleidern sollen sie sich auffällig machen und den anderen als Parasiten zur Last fallen. Aber in dem Dienstkleid der Armut sollen sie einhergehen. Sie sollen so wenig bei sich haben wie der, der über Land geht und gewiß ist, daß er abends bei Freunden das Haus findet, das ihn beherbergt und ihn mit der nötigen Nahrung versorgt. Solches Vertrauen sollen sie zwar nicht auf Menschen setzen, aber auf den, der sie gesandt hat, und auf den himmlischen Vater, der für sie sorgen wird. Damit werden sie die Botschaft glaubwürdig machen, die sie [182] verkündigen, nämlich die anbrechende Herrschaft Gottes auf Erden. In derselben Freiheit, in der sie ihren Dienst tun, sollen sie auch Herberge und Nahrung annehmen, nicht als Bettelbrot, sondern als die Speise, deren ein Arbeiter wert ist. „Arbeiter“ nennt Jesus seine Boten. Trägheit allerdings ist nicht der Speise wert. Aber was ist Arbeit, wenn nicht dieser Kampf mit den Mächten des Satans, dieser Kampf um die Herzen der Menschen, dieser Verzicht auf eigenen Ruhm, auf die Güter und Freuden der Welt, um des Dienstes an den Armen, Mißhandelten, Elenden willen? Gott selbst hat Mühe und Arbeit gehabt mit den Menschen (Jes. 43,24), die Seele Jesu hat gearbeitet bis zum Tode am Kreuz zu unserem Heil (Jes. 53,11). An dieser Arbeit nehmen die Boten teil, in der Verkündigung, in der Überwindung des Satans und im fürbittenden Gebet. Wer diese Arbeit nicht anerkennt, hat noch nichts begriffen vom Dienst des treuen Boten Jesu. Ohne Beschämung dürfen sie den täglichen Lohn ihrer Arbeit empfangen, ohne Beschämung aber sollen sie dabei arm bleiben um ihres Dienstes willen.

Wo ihr aber in eine Stadt oder einen Markt geht, da erkundigt euch, ob jemand darin sei, der es wert ist; und bei demselben bleibet, bis ihr von dannen zieht. Wo ihr aber in ein Haus geht, so grüßet es; und so es das Haus wert ist, wird euer Friede auf sie kommen. Ist es aber nicht wert, so wird sich euer Friede wieder zu euch wenden. Und wo euch jemand nicht annehmen wird noch eure Rede hören, so geht heraus von demselben Hause oder der Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen. Wahrlich, ich sage euch: Dem Lande der Sodomer und Gomorrer wird es erträglicher gehen am Jüngsten Gericht denn solcher Stadt“ (Mt. 10,11-15).

Die Arbeit in der Gemeinde wird ihren Ausgangspunkt nehmen von den Häusern, „die es wert sind“, Jesu Boten zu beherbergen. Gott hat noch überall eine betende und wartende Gemeinde. Hier werden die Jünger im Namen ihres Herrn [183] demütig und willig aufgenommen. Hier wird ihre Arbeit im Gebet mitgetragen werden, hier ist eine kleine Schar, die stellvertretend für die ganze Gemeinde dasteht. Um den Unfrieden in der Gemeinde und falscher Begehrlichkeit oder Nachgiebigkeit der Jünger zu wehren, gebietet Jesus den Aposteln in demselben Hause zu bleiben, so lange sie am Orte sind. Unverzüglich kommen die Boten beim Betreten eines Hauses und einer Stadt zur Sache. Die Zeit ist kostbar und kurz. Noch viele warten auf die Botschaft. Schon das erste Grußwort, mit dem sie wie ihr Herr ein Haus grüßen: „Friede sei mit diesem Hause!“ (Lk. 10,5), ist keine leere Formel, sondern es bringt sogleich die Kraft des Gottesfriedens über die, „die es wert sind“. Die Verkündigung der Boten ist kurz und klar. Sie melden den Anbruch des Gottesreiches, sie rufen zur Umkehr und zum Glauben. Sie kommen in der Vollmacht des Jesus von Nazareth. Ein Befehl wird ausgerichtet, und ein Angebot wird gemacht in höchster Autorisierung. Damit ist alles geschehen. Weil alles von größter Einfachheit und Klarheit ist und weil die Sache keinen Aufschub leidet, darum bedarf es keiner weiteren Vorbereitung, Diskussion, Werbung. Ein König steht vor der Tür, jeden Augenblick kann er kommen: Wollt ihr euch unterwerfen und ihn demütig empfangen, oder wollt ihr, daß er euch in seinem Zorn vernichte und töte? Wer hören will, der hat hier alles gehört; der kann auch den Boten nicht aufhalten wollen, denn der muß weiter in die nächste Stadt. Wer aber nicht hören will, für den ist die Gnadenzeit vorüber, er hat sich selbst das Gericht gesprochen. „Heute, so ihr seine Stimme höret, so verstocket eure Herzen nicht!“ (Hebr. 4,7). Das ist evangelische Predigt. Ist das unbarmherzige Hast? Nichts ist unbarmherziger als den Menschen vorzuspiegeln, daß sie noch Zeit hätten zur Umkehr. Nichts ist barmherziger, nichts ist frohere Botschaft als dies, daß die Sache eilt, daß das Reich sehr nahe ist. Der Bote kann nicht warten, bis es jedem [184] immer wieder und jedem in seiner Sprache gesagt ist. Gottes Sprache ist klar genug. Der Bote verfügt auch nicht darüber, wer hören wird und wer nicht. Gott allein kennt die, „die es wert sind“. Diese aber werden das Wort hören, so wie es von den Jüngern gesagt wird. Wehe aber der Stadt und dem Haus, da der Bote Jesu nicht aufgenommen wird! Es wird ein furchtbares Gericht ergehen. Sodom und Gomorrha, die Städte der Unzucht und der Verkommenheit, werden ein gnädigeres Gericht zu erwarten haben als die Städte Israels, die das Wort Jesu verwerfen. Laster und Sünde können vergeben werden durch das Wort Jesu, wer aber das Heilswort selbst verwirft, der hat keine Rettung mehr. Es gibt keine schwerere Sünde als den Unglauben gegen das Evangelium. Hier bleibt den Boten nichts als diesen Ort zu räumen. Sie gehen, weil das Wort hier nicht bleiben kann. Mit Furcht und Staunen müssen sie zugleich die Kraft und die Schwachheit des göttlichen Wortes erkennen. Weil aber die Jünger nichts gegen das Wort und über das Wort hinaus erzwingen können noch sollen, weil es in ihrem Auftrag nicht um heroischen Kampf, nicht um fanatische Durchsetzung einer großen Idee, einer „guten Sache“ geht, darum bleiben sie nur dort, wo das Wort Gottes bleibt. Wird es verworfen, so lassen sie sich mit ihm verwerfen. Den Staub aber schütteln sie von ihren Füßen zum Zeichen des Fluches, der diesen Ort treffen wird und an dem sie keinen Teil haben. Der Friede aber, den sie diesem Orte brachten, wird auf sie zurückkehren. „Das ist den Dienern der Kirche ein Trost, welche meinen, sie bringen nichts zustande. Ihr dürft euch nicht kränken; was andere nicht wollen, das wird euch selbst zu einem desto größeren Segen. Diesen sagt es der Herr also: Jene haben es verschmäht, so behaltet ihr es für euch“ (Bengel).

Das Leiden der Boten

Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe; darum seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben. Hütet euch aber vor den Menschen; denn sie werden euch überantworten vor ihre Rathäuser und werden euch geißeln in ihren Schulen. Und man wird euch vor Fürsten und Könige führen um meinetwillen, zum Zeugnis über sie und über die Heiden. Wenn sie euch nun überantworten werden, so sorget nicht, wie oder was ihr reden sollt; denn es soll euch zu der Stunde gegeben werden, was ihr reden sollt. Denn ihr seid es nicht, die da reden, sondern eures Vaters Geist ist es, der durch euch redet. Es wird aber ein Bruder den anderen zum Tod überantworten und der Vater den Sohn, und die Kinder werden sich empören wider ihre Eltern und ihnen zum Tode helfen. Und ihr müßt gehaßt werden von jedermann um meines Namens willen. Wer aber bis an das Ende beharrt, der wird selig. Wenn sie euch aber in einer Stadt verfolgen, so flieht in eine andere. Wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet mit den Städten Israels nicht zu Ende kommen, bis des Menschen Sohn kommt. Der Jünger ist nicht über seinen Meister noch der Knecht über den Herrn. Es ist dem Jünger genug, daß er sei wie sein Meister und der Knecht wie sein Herr. Haben sie den Hausvater Beelzebub geheißen, wieviel mehr werden sie seine Hausgenossen also heißen!“ (Mt. 10,16-25).

Erfolglosigkeit und Feindschaft können den Boten nicht daran irre werden lassen, daß er von Jesus gesandt ist. Als starken Halt und Trost wiederholt es Jesus: „Siehe, ich sende euch!“ Es ist ja kein eigner Weg und kein eignes Unternehmen; es ist Sendung. Damit verheißt der Herr, daß er bei seinen Boten bleiben wird, wenn sie wie Schafe unter den Wölfen sein werden, wehrlos, ohnmächtig, geängstigt und in [186] großer Gefahr. Es wird ihnen nichts widerfahren, was Jesus nicht weiß. „Darum seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben.“ Wie oft haben Diener Jesu diesen Satz mißbraucht! Wie schwer ist es auch für den willigen Boten Jesu, hier recht zu verstehen und im Gehorsam zu bleiben! Wer vermag denn geistliche Klugheit von weltlicher Schlauheit immer zu unterscheiden? Wie gern ist man daher bereit, lieber auf jede „Klugheit“ zu verzichten und nur der Einfalt der Tauben gleich zu sein, und ebendamit ungehorsam zu werden. Wer sagt uns, wo wir dem Leiden aus Furcht ausweichen und wo wir es aus Verwegenheit suchen? Wer zeigt uns die verborgenen Grenzen, die hier gezogen sind? Es ist ja derselbe Ungehorsam, mit dem wir uns auf das Gebot der Klugheit gegen die Einfalt, wie umgekehrt auf die Einfalt gegen die Klugheit berufen. Weil hier keines Menschen Herz sich in sich selbst auskennt und weil Jesus seine Jünger niemals in die Ungewißheit, sondern immer in die höchste Gewißheit rief, darum kann diese Mahnung Jesu den Jünger zu nichts anderem rufen als zum Bleiben am Wort. Wo das Wort ist, dort soll der Jünger auch sein, das ist seine rechte Klugheit und seine rechte Einfalt. Muß das Wort weichen, weil die Verwerfung offenbar geworden ist, so weiche der Jünger mit dem Wort; bleibt das Wort im offenen Kampf, so bleibe auch der Jünger. Er wird in beidem klug und einfältig zugleich handeln. Niemals aber gehe der Jünger aus „Klugheit“ einen Weg, der vor dem Wort Jesu nicht bestehen kann. Niemals rechtfertige er einen Weg, der dem Wort nicht entspricht, mit „geistlicher Klugheit“. Allein die Wahrheit des Wortes wird ihn erkennen lehren, was klug ist. Niemals aber kann es „klug“ sein, der Wahrheit auch nur den geringsten Teil abzubrechen, um irgendeiner menschlichen Aussicht oder Hoffnung willen. Nicht unsere Beurteilung der Lage vermag uns zu zeigen, was klug ist, sondern allein die Wahrheit des Wortes Gottes. Klug kann [187] es immer nur sein, bei der Wahrheit Gottes zu bleiben. Hier allein ist die Verheißung auf Gottes Treue und Hilfe. Es wird sich zu aller Zeit bewähren, daß es für den Jünger in dieser und in jener Zeit das „Klügste“ ist, einfältig allein bei dem Worte Gottes zu bleiben.

Vom Worte her werden die Boten auch die rechte Kenntnis der Menschen gewinnen. „Hütet euch vor den Menschen“. Nicht Furcht vor den Menschen, nicht böses Mißtrauen, vor allem nicht Menschenhaß, aber auch nicht leichtsinnige Vertrauensseligkeit, Glaube an das Gute in allen Menschen, sondern rechtes Wissen um das Verhältnis des Wortes zum Menschen und des Menschen zum Wort sollen die Jünger zeigen. Sind sie hier nüchtern geworden, dann können sie es auch ertragen, wenn Jesus ihnen vorhersagt, daß ihr Weg unter den Menschen ein Leidensweg sein wird. Aber eine wunderbare Kraft wohnt dem Leiden der Jünger inne. Während der Verbrecher in der Verborgenheit seine Strafe erleidet, so wird der Leidensweg die Jünger vor Fürsten und Könige führen, „um meinetwillen, zum Zeugnis über sie und über die Heiden“. Durch Leiden wird die Botschaft vorangetragen werden. Weil das Gottes Plan und Jesu Wille ist, darum wird auch in der Stunde der Verantwortung vor Gerichten und Thronen den Jüngern die Kraft gegeben werden zu einem guten Bekenntnis, zu einem furchtlosen Zeugnis. Der heilige Geist selbst wird ihnen beistehen. Er wird sie unüberwindlich machen. Er wird ihnen eine „Weisheit geben, welcher nicht sollen widersprechen können noch widerstehen alle eure Widersacher“ (Lk. 21,15). Weil die Jünger im Leiden am Worte bleiben, darum wird das Wort auch bei ihnen bleiben. Gesuchtes Martyrium hätte diese Verheißung nicht. Aber das Leiden mit dem Wort ist ihrer ganz gewiß.

Der Haß gegen das Wort der Boten Jesu wird bleiben bis ans Ende. Er wird die Jünger schuldig sprechen an aller Entzweiung, die über Städte und Häuser kommen wird. Jesus [188] und seine Jünger werden als die Zerstörer der Familie, als die Verführer des Volkes, als wahnsinnige Schwärmer und Aufrührer von allen verurteilt werden. Jetzt ist die Versuchung zum Abfall nahe an den Jünger herangetreten. Aber nahe ist auch das Ende. Bis dahin noch gilt es treu zu bleiben, durchzuhalten, zu beharren. Selig wird allein der sein, der bis zuletzt bei Jesus und seinem Worte bleibt. Wenn aber das Ende kommt, wenn die Feindschaft gegen Jesus und seine Jünger offenbar geworden ist in aller Welt, dann, freilich erst dann sollen die Boten fliehen von einer Stadt in die andere, um nur das Wort noch sagen zu können, wo es noch gehört wird. Sie trennen sich auch in dieser Flucht nicht vom Wort, sondern sie bleiben fest bei ihm.

Die Verheißung Jesu von der nahen Wiederkunft ist uns von der Gemeinde aufbewahrt worden im Glauben daran, daß sie wahr sei. Ihre Erfüllung ist dunkel, und es ist nicht gut, hier menschliche Auswege zu suchen. Aber dies ist klar und für uns heute allein wichtig, daß Jesu Wiederkunft schnell kommen wird und daß sie gewisser ist als daß wir unsere Arbeit in seinem Dienst noch vollenden können, daß sie gewisser ist als unser Tod. In dem allen können Jesu Boten aber keinen größeren Trost empfangen als die Gewißheit, daß sie in ihren Leiden ihrem Herrn gleich sein werden. Wie der Meister, so der Jünger; wie der Herr, so der Knecht. Wird Jesus Teufel genannt, wieviel mehr die Diener seines Hauses. So wird Jesus bei ihnen sein und sie werden in allem Christus gleich sein.

Die Entscheidung

So fürchtet euch denn nicht vor ihnen. Es ist nichts verborgen, das nicht offenbar werde, und ist nichts heimlich, das man nicht wissen werde. Was ich euch sage in der Fin-[189]sternis, das redet im Licht; und was ihr hört in das Ohr, das predigt auf den Dächern. Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten und die Seele nicht töten können; fürchtet euch aber vielmehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in die Hölle. Kauft man nicht zwei Sperlinge um einen Pfennig? Dennoch fällt deren keiner auf die Erde ohne euren Vater. Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupt alle gezählt. So fürchtet euch denn nicht; ihr seid besser als viele Sperlinge. Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater. Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen sei, Frieden zu senden auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu erregen wider seinen Vater und die Tochter wider ihre Mutter und die Schwiegertochter wider ihre Schwiegermutter. Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt denn mich, der ist mein nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt denn mich, der ist mein nicht wert. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist mein nicht wert. Wer sein Leben findet, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden“ (Mt. 10,26-39).

Der Bote bleibt beim Wort und das Wort bleibt beim Boten jetzt und in Ewigkeit. Dreimal stärkt Jesus seine Boten mit dem Ruf: „fürchtet euch nicht!“ Was ihnen jetzt im Verborgenen widerfährt, wird nicht verborgen bleiben, sondern offenbar werden vor Gott und den Menschen. Das heimlichste Leiden, das man ihnen zufügt, hat die Verheißung, einst an den Tag zu kommen, zum Gericht über die Verfolger, zur Verherrlichung der Boten. Aber auch das Zeugnis der Boten [190] soll nicht im Dunkeln bleiben, sondern ein öffentliches Zeugnis werden. Nicht heimliche Sektiererei, sondern öffentliche Predigt soll das Evangelium sein. Auch wenn es heute noch hier und da in Winkeln leben muß, in der letzten Zeit wird diese Predigt den ganzen Erdkreis erfüllen zum Heil und zur Verwerfung. Die Offenbarung des Johannes aber weissagt: „und ich sah einen Engel fliegen mitten durch den Himmel, der hatte ein ewiges Evangelium zu verkündigen denen, die auf Erden wohnen, und allen Heiden und Geschlechtern und Sprachen und Völkern“ (14,6). Darum „fürchtet euch nicht!“

Nicht die Menschen sind zu fürchten. Sie vermögen den Jüngern Jesu nicht viel anzuhaben. Ihre Macht hört mit dem leiblichen Tode auf. Todesfurcht aber sollen die Jünger überwinden durch Gottesfurcht. Nicht das Gericht der Menschen, sondern Gottes Gericht, nicht das Verderben des Leibes, sondern das ewige Verderben des Leibes und der Seele bringt dem Jünger Gefahr. Wer die Menschen noch fürchtet, der fürchtet Gott nicht. Wer Gott fürchtet, der fürchtet die Menschen nicht mehr. Der täglichen Erinnerung ist dieser Satz für die Prediger des Evangeliums wert.

Die Macht, die den Menschen für kurze Zeit auf dieser Erde gegeben ist, ist nicht ohne Gottes Wissen und Willen. Fallen wir in der Menschen Hände, trifft uns Leiden und Tod durch menschliche Gewalt, so sind wir doch dessen gewiß, daß alles von Gott kommt. Er, der keinen Sperling zu Boden fallen sieht ohne sein Wollen und Wissen, er läßt den Seinen nichts geschehen, als was ihnen und der Sache, für die sie stehen, gut und nützlich ist. Wir sind in Gottes Händen. Darum „fürchtet euch nicht!“.

Die Zeit ist kurz. Die Ewigkeit ist lang. Es ist Entscheidungszeit. Wer hier am Wort und am Bekenntnis bleibt, bei dem wird in der Stunde des Gerichts Jesus Christus stehen. Er wird ihn kennen und sich zu ihm stellen, wenn der Verklä-[191]ger sein Recht fordern wird. Alle Welt wird Zeuge sein, wenn Jesus unsern Namen nennen wird vor seinem himmlischen Vater. Wer sich im Leben zu Jesus gehalten hat, zu dem wird sich Jesus in der Ewigkeit halten. Wer sich aber dieses Herrn und dieses Namens schämt, wer ihn verleugnet, dessen wird sich auch Jesus in der Ewigkeit schämen, den wird er verleugnen.

Diese letzte Scheidung muß schon auf Erden anheben. Der Friede Jesu Christi ist das Kreuz. Das Kreuz aber ist Gottes Schwert auf dieser Erde. Es schafft Entzweiung. Der Sohn gegen den Vater, die Tochter gegen die Mutter, die Hausgenossen gegen den Hausvater, und das alles um des Reiches Gottes und seines Friedens willen, das ist Christi Werk auf Erden! Ist es verwunderlich, daß die Welt ihn, der die Liebe Gottes den Menschen brachte, des Menschenhasses schuldig spricht? Wer darf denn über Vater- und Mutterliebe, über die Liebe zum Sohn und zur Tochter so sprechen, wenn nicht entweder der Zerstörer alles Lebens oder aber der Schöpfer eines neuen Lebens? Wer kann die Liebe und das Opfer der Menschen so für sich allein in Anspruch nehmen, als der Menschenfeind oder aber der Menschenheiland? Wer wird das Schwert in die Häuser tragen als der Teufel oder Christus, der Friedefürst? Gottes Liebe zum Menschen und der Menschen Liebe zu ihrem eigenen Geschlecht sind gar zu verschieden. Gottes Liebe zum Menschen heißt Kreuz und Nachfolge, aber eben darin Leben und Auferstehung. „Wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden“. In dieser Zusage spricht der, der die Macht hat über den Tod, der Sohn Gottes, der zum Kreuz und zur Auferstehung geht und die Seinen mitnimmt. [192]

Die Frucht

Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat. Wer einen Propheten aufnimmt in eines Propheten Namen, der wird eines Propheten Lohn empfangen. Wer einen Gerechten aufnimmt in eines Gerechten Namen, der wird eines Gerechten Lohn empfangen. Und wer dieser Geringsten einen nur mit einem Becher kalten Wassers tränkt in eines Jüngers Namen, wahrlich, ich sage euch, es wird ihm nicht unbelohnt bleiben“ (Mt. 10,40-42).

Die Träger des Wortes Jesu empfangen ein letztes verheißendes Wort für ihr Werk. Sie sind Christi Mitarbeiter und Gehilfen geworden, sie sollen Christus gleich sein in allen Stücken, so sollen sie auch für die Menschen, zu denen sie gehen, „wie Christus“ sein. Mit ihnen betritt Jesus Christus selbst das Haus, das sie aufnimmt. Sie sind Träger seiner Gegenwart. Sie bringen den Menschen das kostbarste Geschenk, Jesus Christus, und mit ihm Gott, den Vater, und das heißt ja Vergebung, Heil, Leben, Seligkeit. Das ist der Lohn und die Frucht ihrer Arbeit und ihres Leidens. Jeder Dienst, den man ihnen tun wird, ist an Jesus Christus selbst getan. Das ist in gleicher Weise Gnade für die Gemeinde und für die Boten. Die Gemeinde wird den Boten um so williger Gutes erweisen, sie ehren und ihnen dienen; denn mit ihnen ist ja der Herr selbst bei ihnen eingekehrt. Die Jünger aber dürfen wissen, daß ihr Eintritt in ein Haus nicht vergeblich und leer bleibt, sondern daß sie eine unvergleichliche Gabe bringen. Es ist ein Gesetz im Reiche Gottes, daß jeder der Gabe teilhaftig wird, die er willig als von Gott gekommen empfängt. Wer den Propheten aufnimmt im Wissen darum, was er tut, der wird seiner Sache, seiner Gabe und seines Lohnes teilhaftig. Wer einen Gerechten aufnimmt, der wird [193] den Lohn eines Gerechten empfangen, denn er hat an seiner Gerechtigkeit teilgenommen. Wer aber einem dieser Geringsten, dieser Ärmsten, denen kein Ehrenname zukommt, dieser Boten Jesu Christi nur einen Becher Wasser reicht, der hat Jesus Christus selbst gedient, und der Lohn Jesu Christi wird ihm zufallen.

So wird der letzte Gedanke der Boten nicht auf den eigenen Weg, auf das eigene Leiden und auf den eigenen Lohn gerichtet, sondern auf das Ziel ihrer Arbeit, auf das Heil der Gemeinde. [194/195]

II.

Die Kirche Jesu Christi
und die Nachfolge

Vorfragen

Jesus war seinen ersten Jüngern leiblich mit seinem Wort gegenwärtig. Dieser Jesus aber ist gestorben und auferstanden. Wie erreicht uns heute sein Ruf in die Nachfolge? Jesus geht nicht mehr leiblich an mir vorüber, wie am Zöllner Levi, um mir zuzurufen: folge mir nach! Selbst wenn ich von Herzen willig wäre, zu hören, alles zu verlassen und zu folgen, was gibt mir das Recht dazu? Was für jene so unzweideutig war, ist für mich eine höchst fragwürdige, unkontrollierbare Entscheidung. Wie käme ich dazu, etwa den Ruf Jesu an den Zöllner mir gelten zu lassen? Hat nicht Jesus zu Anderen und zu anderer Gelegenheit auch ganz anders gesprochen? Hat er denn den Gichtbrüchigen, dem er seine Sünde vergab und den er heilte, hat er den Lazarus, den er vom Tode erweckte, weniger geliebt als seine Jünger, und dennoch rief er sie nicht aus ihrem Beruf in seine Nachfolge, sondern ließ sie in Haus, Familie und Beruf? Wer bin ich, daß ich mich selbst anbieten wollte, hier etwas Ungewöhnliches, Außerordentliches zu vollbringen? Wer sagt mir und wer sagt den Anderen, daß ich nicht aus eigner Macht und Schwärmerei handle? Das aber wäre gerade nicht Nachfolge!

All diese Fragen sind unechte Fragen, immer wieder stellen wir uns mit ihnen außerhalb der lebendigen Gegenwart des [196] Christus. All diese Fragen wollen nicht mit der Tatsache rechnen, daß Jesus Christus nicht tot, sondern heute lebendig ist und durch das Zeugnis der Schrift noch zu uns spricht. Er ist uns heute gegenwärtig, leiblich und mit seinem Wort. Wollen wir seinen Ruf in die Nachfolge hören, so müssen wir ihn dort hören, wo er selbst ist. Der Ruf Jesu Christi ergeht in der Kirche durch sein Wort und Sakrament. Predigt und Sakrament der Kirche ist der Ort der Gegenwart Jesu Christi. Willst du den Ruf Jesu in die Nachfolge hören, so brauchst du dazu keine persönliche Offenbarung. Höre die Predigt und empfange das Sakrament! Höre das Evangelium des gekreuzigten und auferstandenen Herrn! Hier ist Er ganz, derselbe, der den Jüngern begegnete. Ja, hier ist er schon als der Verklärte, der Sieger, der Lebendige. Kein anderer als Er selbst kann in die Nachfolge rufen. Weil es aber in der Nachfolge niemals wesentlich um die Entscheidung für dieses oder jenes Tun, sondern immer um die Entscheidung für oder gegen Jesus Christus geht, darum eben ist die Situation für den Jünger oder Zöllner, der von ihm gerufen wurde, um nichts eindeutiger als für uns Heutige. Nachfolge war ja auch der Gehorsam jener ersten Gerufenen allein dadurch, daß Christus im Rufenden erkannt wurde. Es ist aber dort wie hier der verborgene Christus, der ruft. Der Ruf an sich ist vieldeutig. Auf den Rufer kommt es allein an. Christus aber wird allein im Glauben erkannt. Das gilt für jene nicht anders als es für uns gilt. Jene sahen den Rabbi und Wundertäter und glaubten Christus. Wir hören das Wort und glauben Christus.

Aber sollte nicht dies der Vorzug jener ersten Jünger gewesen sein, daß sie dort, wo sie Christus erkannt hatten, sein eindeutiges Gebot empfingen, daß sie es aus seinem Munde erfuhren, was zu tun war, und sind wir nicht gerade in diesem entscheidenden Punkte des christlichen Gehorsams allein gelassen? Redet derselbe Christus nicht zu uns anders als zu [197] jenen? Wäre das wahr, dann wären wir allerdings in hoffnungsloser Lage. Aber es ist keineswegs wahr. Christus spricht zu uns nicht anders, als er damals sprach. Es verhält sich ja auch bei den ersten Jüngern Jesu nicht so, daß sie in ihm erst den Christus erkannt hätten und dann sein Gebot empfingen. Vielmehr erkannten sie ihn nicht anders als durch sein Wort und Gebot. Sie glaubten seinem Wort und Gebot und erkannten in ihm den Christus. Es gab für die Jünger keine Erkenntnis Christi außer durch sein klares Wort. Es mußte darum auch umgekehrt dabei bleiben, daß die rechte Erkenntnis Jesu als des Christus zugleich die Erkenntnis seines Willens einschloß. Die Erkenntnis der Person Jesu Christi entzog dem Jünger nicht die Gewißheit seines Tuns, sondern schuf sie ihm. Eine andere Erkenntnis Christi gibt es aber überhaupt nicht. Ist Christus der lebendige Herr über mein Leben, so erfahre ich in der Begegnung mit ihm sein Wort an mich, so gewiß ich ihn gar nicht wirklich erkenne, es sei denn durch sein klares Wort und Gebot. Die Einrede, das eben sei unsere Not, daß wir wohl Christus erkennen und glauben wollten, aber doch seinen Willen nicht erkennen könnten, spricht von einer nebelhaften, unechten Christuserkenntnis. Christus erkennen heißt ihn in seinem Wort als Herrn und Heiland meines Lebens erkennen. Das aber schließt die Erkenntnis seines klaren Wortes an mich ein.

Sagen wir schließlich, das Gebot an die Jünger sei eindeutig gewesen, wir aber hätten selbst zu entscheiden, welches seiner Worte uns gelte, so mißverstehen wir abermals nicht nur die Lage der Jünger, sondern auch die unsrige. Das Gebot Jesu hat sein Ziel immer darin, daß es Glauben fordert aus ungeteiltem Herzen, daß es Gottes- und Nächstenliebe fordert aus ganzem Herzen und aus ganzem Gemüt. Eindeutig war das Gebot allein hierin. Jeder Versuch, Jesu Gebot zu tun, ohne es so zu verstehen, wäre abermals Mißdeutung und Ungehorsam gegen Jesu Wort. Andererseits aber ist auch uns [198] nicht die Erkenntnis des konkreten Gebots entzogen. Es ist uns vielmehr in jedem verkündigten Wort, in dem wir Christus hören, klar gesagt, allerdings so, daß wir wissen, daß seine Erfüllung allein im Glauben an Jesus Christus geschieht. So ist die Gabe Jesu an seine Jünger uns in allen Stücken erhalten, ja sie ist uns sogar näher gekommen durch den Hingang Jesu, durch unser Wissen von seiner Verklärung und durch die Sendung des heiligen Geistes. Damit muß deutlich geworden sein, daß wir nicht mehr die Berufungsgeschichte der Jünger gegen andere Berichte ausspielen können. Es geht ja niemals darum, daß wir den Jüngern oder anderen Personen des Neuen Testaments gleich wären und würden, sondern allein um die Gleichheit Jesu Christi und seines Rufes damals und heute. Sein Wort aber ist ein und dasselbe, ob es in seinem irdischen Leben oder ob es heute, ob es an die Jünger oder an den Gichtbrüchigen erging. Es ist hier wie dort der gnädige Ruf in sein Reich und seine Herrschaft. Die Frage, ob ich mich dem Jünger oder dem Gichtbrüchigen vergleichen solle, ist in gefährlicher Weise falsch gestellt. Ich habe mich gar keinem der beiden zu vergleichen. Vielmehr habe ich allein Christi Wort und Willen, wie ich ihn in diesem und in jenem Zeugnis empfange, zu hören und zu vollbringen. Die Schrift stellt uns nicht eine Reihe christlicher Typen vor, denen wir uns nach unserer Wahl anzugleichen hätten, sondern sie predigt uns an jeder Stelle den Einen Jesus Christus. Ihn allein soll ich hören. Er ist überall derselbe und Eine.

So bleibt auf die Frage, wo wir Heutigen den Ruf Jesu in die Nachfolge hören, keine andere Antwort als: Höre die Predigt, empfange sein Sakrament, höre darin ihn selbst, und du hörst seinen Ruf! [199]

Die Taufe

Der Begriff der Nachfolge, der bei den Synoptikern fast den gesamten Inhalt und Umfang der Beziehungen des Jüngers zu Jesus Christus auszudrücken vermochte, tritt bei Paulus stark in den Hintergrund. Paulus verkündigt uns nicht in erster Linie die Geschichte des Herrn in seinen Erdentagen, sondern die Gegenwart des Auferstandenen und Verklärten und sein Wirken an uns. Dazu bedarf er einer neuen und eigenen Begrifflichkeit. Sie entspringt aus dem Besonderen des Gegenstandes und zielt auf das Gemeinsame der Verkündigung des Einen Herrn, der lebte, starb und auferstand. Dem vollständigen Christuszeugnis entspricht eine mannigfache Begrifflichkeit. So muß die Begrifflichkeit des Paulus die der Synoptiker bestätigen und umgekehrt, und keine hat vor der anderen an sich einen Vorzug; denn wir sind nicht „paulisch oder apollisch oder kephisch oder christisch“, sondern der Einheit des Schriftzeugnisses von Christus schenken wir Glauben. Wir sprengen die Einheit der Schrift, wollten wir sagen, Paulus verkündige den Christus, der auch uns noch ebenso gegenwärtig sei, das Zeugnis aber der Synoptiker spreche von einer Gegenwart Jesu Christi, die wir nicht mehr kennen. So zu reden gilt zwar weithin als reformatorisch-geschichtliches Denken, ist aber in Wahrheit das Gegenteil davon, nämlich gefährlichste Schwärmerei. Wer sagt uns, daß wir die Gegenwart Christi, wie sie Paulus verkündigt, noch heute haben? Wer anders sagt es uns, als die Schrift selbst? Oder sollte eben hier von einer freien, nicht ans Wort gebundenen Erfahrung der Christusgegenwart und -wirklichkeit geredet werden? Ist es aber allein die Schrift, die uns die Gegenwart Christi bezeugt, so tut sie es [200] eben als ganze, und also zugleich als solche, die uns die Gegenwart des synoptischen Jesus Christus bezeugt. Der synoptische Christus ist uns nicht ferner und nicht näher als der paulinische Christus. Gegenwärtig ist uns der Christus, den uns die ganze Schrift bezeugt. Er ist der Menschgewordene, Gekreuzigte, Auferstandene und Verklärte, er begegnet uns in seinem Wort. Die verschiedene Begrifflichkeit, in der die Synoptiker und Paulus dieses Zeugnis weitergeben, tut der Einheit des Schriftzeugnisses keinen Abbruch[10] [201]

Ruf und Eintritt in die Nachfolge haben bei Paulus ihre Entsprechung in der Taufe.

Taufe ist nicht Angebot des Menschen, sondern Angebot Jesu Christi. Sie ist allein begründet in dem gnädigen berufenden Willen Jesu Christi. Taufe heißt Getauftwerden, sie ist ein Erleiden des Rufes Christi. Der Mensch wird in ihr Eigentum Christi. Der Name Jesu Christi wird über dem Täufling genannt, der Mensch wird damit dieses Namens teilhaftig, er wird „in Jesum Christum“ hineingetauft (eis Röm. 6,3, Gal. 3,27, Mt. 28,19). Nun gehört er zu Jesus Christus. Er ist der Herrschaft der Welt entrissen und ist Christi Eigentum geworden.

So bedeutet die Taufe einen Bruch. Christus greift in den Machtbereich des Satans ein und legt seine Hand auf die Seinen, schafft sich seine Gemeinde. Vergangenes und Zukünftiges sind damit auseinandergerissen. Das Alte ist vergangen, es ist alles neu geworden. Nicht geschieht der Bruch dadurch, daß ein Mensch seine Ketten zerreißt, weil er nach einer neuen, freien Ordnung seines Lebens und der Dinge ein unstillbares Verlangen trägt. Christus selbst hat längst zuvor den Bruch vollzogen. In der Taufe wird dieser Bruch nun auch an meinem Leben vollstreckt. Die Unmittelbarkeit zu den Gegebenheiten der Welt wird mir geraubt, weil Christus, der Mittler und Herr, dazwischengetreten ist. Wer getauft ist, gehört nicht mehr der Welt, dient ihr nicht mehr, ist ihr nicht mehr unterworfen. Er gehört Christus allein an und verhält sich zur Welt nur durch Christus.

Der Bruch mit der Welt ist ein vollkommener. Er fordert [202] und bewirkt den Tod des Menschen[11]. In der Taufe stirbt der Mensch mit seiner alten Welt. Auch dieser Tod ist im strengsten Sinn als leidentliches Geschehen aufzufassen. Nicht der Mensch soll den unmöglichen Versuch machen, sich diesen Tod zu geben durch allerlei Verzicht und Entsagung. Ein solcher Tod wäre niemals der von Christus geforderte Tod des alten Menschen. Der alte Mensch kann sich nicht selbst töten. Er kann seinen Tod nicht wollen. Der Mensch stirbt allein an Christus, durch Christus, mit Christus. Christus ist sein Tod. Um der Gemeinschaft mit Christus willen und in ihr allein stirbt der Mensch. Mit der Christusgemeinschaft in der Taufgnade empfängt er seinen Tod[12]. Dieser Tod ist die Gnade, die der Mensch sich niemals selbst schaffen kann. Zwar ergeht in ihm das Gericht über den alten Menschen und seine Sünde, aber aus diesem Gericht heraus ersteht der neue Mensch, der der Welt und der Sünde abgestorben ist. So ist dieser Tod nicht die letzte zornige Verwerfung des Geschöpfes durch den Schöpfer, sondern er ist gnädige Annahme des Geschöpfes durch den Schöpfer. Dieser Tauftod ist der durch Christi Tod uns erworbene gnädige Tod. Es ist der Tod in der Kraft und Gemeinschaft des Kreuzes Christi. Wer Christi Eigentum wird, muß unter sein Kreuz. Er muß mit ihm leiden und sterben. Wer die Gemeinschaft Jesu Christi empfängt, muß den gnadenvollen Tod der Taufe sterben. Das macht das Kreuz Christi, unter das Jesus seine Nachfolger stellt. Christi Kreuz und Tod war hart und schwer, das Joch unseres Kreuzes ist sanft und leicht durch die Gemeinschaft mit ihm. Christi Kreuz ist unser einmaliger gnadenvoller Tod in der Taufe; unser Kreuz, zu dem wir [203] gerufen sind, ist das tägliche Sterben in der Kraft des vollbrachten Todes Christi. So wird die Taufe zum Empfang der Kreuzesgemeinschaft Jesu Christi (Röm. 6,3ff., Kol. 2,12). Der Glaubende kommt unter Christi Kreuz.

Der Tod in der Taufe ist die Rechtfertigung von der Sünde. Der Sünder muß sterben, um von seiner Sünde frei zu werden. Wer gestorben ist, der ist gerechtfertigt von der Sünde (Röm. 6,7, Kol. 2,20). An den Toten hat die Sünde kein Recht mehr, ihre Forderung ist mit dem Tode beglichen und erloschen. So geschieht Rechtfertigung von (apó) der Sünde allein durch den Tod. Vergebung der Sünde heißt nicht Übersehen und Vergessen, sondern heißt wirkliche Tötung des Sünders und Trennung von (apó) der Sünde. Daß aber der Tod des Sünders Rechtfertigung und nicht Verdammnis wirkt, hat seinen einzigen Grund darin, daß dieser Tod in der Gemeinschaft des Todes Christi erlitten wird. Die Taufe in den Tod Christi schafft Vergebung der Sünden und Rechtfertigung, sie schafft völlige Trennung von der Sünde. Die Gemeinschaft des Kreuzes, in die Jesus seine Jünger rief, ist die Gabe der Rechtfertigung an sie, des Todes und der Vergebung der Sünden. Der Jünger, der in der Gemeinschaft des Kreuzes Jesus nachfolgte, empfing keine andere Gabe als der Gläubige, der nach der Lehre des Paulus die Taufe empfing.

Daß die Taufe bei aller Passivität, in die sie den Menschen nötigt, doch niemals als mechanischer Vorgang verstanden werden darf, macht die Verbindung von Taufe und Geist ganz deutlich (Mt. 3,11; Apg. 10,47; Joh. 3,5; 1. Kor. 6,11; 12,13). Die Gabe der Taufe ist der Heilige Geist. Der Heilige Geist aber ist der in den Herzen der Gläubigen wohnende Christus selbst (2. Kor. 3,17; Röm. 8,9-11.14ff.; Eph. 3,16f.). Die Getauften sind das Haus, in dem der Heilige Geist Wohnung gemacht hat (oikeĩ). Der Heilige Geist gewährt uns die bleibende Gegenwart Jesu Christi und seine Gemeinschaft. Er gibt uns [204] rechte Erkenntnis seines Wesens (1. Kor. 2,10) und seines Willens, er lehrt und erinnert uns an alles, was Christus uns gesagt hat (Joh. 14,26), er leitet uns in alle Wahrheit (Joh. 16,13), daß es uns an Erkenntnis Christi nicht mangelt, daß wir wissen können, was uns von Gott gegeben ist (1. Kor. 2,12; Eph. 1,9). Nicht Ungewißheit, sondern Gewißheit und Klarheit schafft der Heilige Geist in uns. Darum können wir im Geist wandeln (Gal. 5,16.18.25, Röm. 8,1.4) und gewisse Tritte tun. Das Maß der Gewißheit, das die Jünger Jesu in seiner irdischen Gemeinschaft hatten, hat Jesus den Seinen nach seinem Hingang nicht genommen. Durch die Sendung des Heiligen Geistes in die Herzen der Getauften wird die Gewißheit der Erkenntnis Jesu nicht nur erhalten, sondern durch die Nähe der Gemeinschaft noch gestärkt und gefestigt (Röm. 8,16; Joh. 16,12f.).

Rief Jesus in die Nachfolge, so forderte er einen sichtbaren Gehorsamsakt. Jesus nachfolgen war eine öffentliche Sache. Ganz ebenso ist die Taufe ein öffentliches Geschehen; denn in ihr vollzieht sich die Eingliederung in die sichtbare Gemeinde Jesu Christi (Gal. 3,27f.; 1. Kor. 12,13). Der in Christus vollzogene Bruch mit der Welt kann nicht mehr verborgen bleiben, er muß äußerlich in Erscheinung treten durch die Zugehörigkeit zum Gottesdienst und zum Leben der Gemeinde. Der Christ, der sich zur Gemeinde hält, tut einen Schritt aus der Welt, aus der Arbeit, aus der Familie hinaus, er steht sichtbar in der Gemeinschaft Jesu Christi. Er tut diesen Schritt allein. Aber er findet wieder, was er verließ, Brüder, Schwestern, Häuser, Äcker. Der Getaufte lebt in der sichtbaren Gemeinde Jesu Christi. Was das bedeutet und einschließt, muß in zwei weiteren Abschnitten über den „Leib Christi“ und über die „sichtbare Gemeinde“ gezeigt werden.

Die Taufe und ihre Gabe ist etwas Einmaliges. Mit der [205] Taufe Christi kann keiner zweimal getauft werden[13]. Die Unwiederholbarkeit und Einzigkeit dieser Gnadentat Gottes will der Hebräerbrief an jener dunklen Stelle verkündigen, in der er für Getaufte und Bekehrte die Möglichkeit einer zweiten Buße leugnet (Hebr. 6,4ff.). Wer getauft ist, hat teilbekommen an Christi Tod. Er hat durch diesen Tod sein Todesurteil empfangen und ist gestorben. Wie Christus ein für allemal starb (Röm. 6,10) und wie es keine Wiederholung seines Opfers gibt, so erleidet der Getaufte mit Christus ein für allemal seinen Tod. Nun ist er gestorben. Das tägliche Absterben des Christen ist nur noch die Folge des einen Tauftodes, wie der Baum abstirbt, dem die Wurzel abgeschnitten ist. Hinfort gilt von den Getauften: „Haltet euch dafür, daß ihr der Sünde gestorben seid“ (Röm. 6,11). Nur als Tote kennen sich die Getauften noch, als solche, an denen schon alles zum Heil vollbracht ist. Es ist die erinnernde Wiederholung des Glaubens an die vollbrachte Gnadentat des Todes Christi an uns, nicht aber die reale Wiederholung der immer neu zu vollbringenden Gnadentat dieses Todes, aus der der Getaufte lebt. Er lebt aus dem Einmaligen des Todes Christi in seiner Taufe.

Von der strengen Einmaligkeit der Taufe her fällt ein bedeutsames Licht auf die Kindertaufe[14]. Nicht dies wird zweifelhaft, ob die Kindertaufe Taufe sei, aber gerade weil Kindertaufe Taufe, unwiederholbare, einmalige Taufe ist, darum muß nun ihr Gebrauch bestimmte Grenzen finden. Es [206] war zwar gewiß kein Zeichen eines gesunden Gemeindelebens, wenn sich gläubige Christen im zweiten und dritten Jahrhundert oft erst im Alter oder auf dem Sterbebett taufen ließen, aber es verrät doch zugleich eine Klarheit der Einsicht in die Art der Taufgnade, die uns weithin verloren gegangen ist. Für die Kindertaufe heißt das, daß die Taufe nur dort erteilt werden kann, wo die erinnernde Wiederholung des Glaubens an die ein für allemal vollbrachte Heilstat gewährleistet werden kann, d. h. aber in einer lebendigen Gemeinde. Kindertaufe ohne Gemeinde ist nicht nur Mißbrauch des Sakraments, sondern zugleich verwerflicher Leichtsinn im Umgang mit dem Seelenheil der Kinder; denn die Taufe bleibt unwiederholbar.

Ebenso war der Ruf Jesu von einmaliger und unwiederholbarer Bedeutung für den Gerufenen. Wer ihm folgte, war seiner Vergangenheit abgestorben. Darum mußte Jesus von seinen Jüngern fordern, daß sie alles verließen, was sie hatten. Die Unwiederruflichkeit der Entscheidung mußte deutlich werden, zugleich aber auch die Vollständigkeit der Gabe, die sie von ihrem Herrn empfingen. „Wo aber das Salz dumm wird, womit soll man’s salzen?“ Schärfer konnte die Einmaligkeit der Gabe Jesu nicht ausgedrückt sein. Er nahm ihnen ihr Leben, aber nun wollte Er ihnen ein Leben bereiten, ein ganzes, volles Leben, und er schenkte ihnen sein Kreuz. Das war die Gabe der Taufe an die ersten Jünger. [207]

Der Leib Christi

Die ersten Jünger lebten in Jesu leiblicher Gegenwart und Gemeinschaft. Was bedeutet das und worin setzt sich für uns diese Gemeinschaft fort? Durch die Taufe sind wir Glieder am Leibe Christi geworden, sagt Paulus. Dieser Satz, der uns so fremd und unzugänglich ist, bedarf der gründlichen Erläuterung.

Es ist uns damit gesagt, daß die Getauften auch nach Tod und Auferstehung des Herrn in Jesu leiblicher Gegenwart und Gemeinschaft leben sollen. Keinen Verlust bedeutet Jesu Hingang für die Seinen, sondern vielmehr ein neues Geschenk. Die ersten Jünger konnten in der leiblichen Gemeinschaft Jesu nichts anderes und nichts mehr haben, als wir heute haben, ja diese Gemeinschaft ist uns fester, voller, gewisser gegeben als jenen. Wir leben in der vollen Gemeinschaft der leiblichen Gegenwart des verklärten Herrn. Die Größe dieser Gabe darf unserm Glauben nicht unbewußt bleiben. Der Leib Jesu Christi ist der Grund und die Gewißheit unsers Glaubens, der Leib Jesu Christi ist die eine und vollkommene Gabe, in der wir des Heils teilhaftig werden, der Leib Jesu Christi ist unser neues Leben. Im Leibe Jesu Christi sind wir von Gott in Ewigkeit angenommen.

Seit dem Fall Adams hat Gott in die sündige Menschheit sein Wort gesandt, Menschen zu suchen und anzunehmen. Dazu ist das Wort Gottes bei uns, die verlorene Menschheit wieder anzunehmen. Gottes Wort kam als Verheißung, es kam als Gesetz. Es wurde schwach und gering um unsertwillen. Aber die Menschen verstießen das Wort und ließen sich nicht annehmen. Sie brachten Opfer, sie taten Werke, die sollte [208] Gott annehmen an ihrer Statt, aber sich selbst kauften sie damit frei.

Da geschieht das Wunder aller Wunder. Gottes Sohn wird Mensch. Das Wort ward Fleisch. Der von Ewigkeit her in der Herrlichkeit des Vaters war, der die Gottesgestalt trug, der im Anfang Mittler der Schöpfung war, so daß die geschaffene Welt nur durch ihn und in ihm erkannt werden kann, Gott selbst (1. Kor. 8,6; 2. Kor. 8,9; Phil. 2,6ff.; Eph. 1,4; Kol. 1,16; Joh. 1,1ff.; Hebr. 1,1ff.), nimmt die Menschheit an und kommt auf die Erde. Er nimmt die Menschheit an, indem er menschliches Wesen, menschliche „Natur“, „sündliches Fleisch“, menschliche Gestalt annimmt (Röm. 8,3; Gal. 4,4; Phil. 2,6ff.). Gott nimmt die Menschheit an, nicht mehr allein durch das gepredigte Wort, sondern im Leibe Jesu. Gottes Erbarmen schickt seinen Sohn ins Fleisch, damit er mit dem Fleisch die ganze Menschheit selbst auf sich lade und trage. Gottes Sohn nimmt die ganze Menschheit leibhaftig an, die im Gotteshaß, im Stolz des Fleisches Gottes leibloses, unsichtbares Wort verwarf. Jetzt ist sie im Leibe Jesu Christi leibhaftig und wahrhaftig angenommen, so wie sie ist, aus göttlichem Erbarmen.

Die Väter der Kirche haben bei der Betrachtung dieses Wunders mit Leidenschaft darum gestritten, daß hier gesagt werden müsse, Gott habe die menschliche Natur angenommen, nicht aber, daß Gott sich einen einzelnen vollkommenen Menschen erwählt habe, um sich mit diesem zu vereinigen. Gott wurde Mensch. Das heißt: Gott nahm die ganze kranke, sündige menschliche Natur an, Gott nahm die ganze abgefallene Menschheit an; nicht aber: Gott nahm den Menschen Jesus an. Das rechte Verständnis der ganzen Heilsbotschaft hängt an dieser klaren Unterscheidung. Der Leib Jesu Christi, in dem wir mit der ganzen Menschheit angenommen sind, ist nun der Grund unseres Heils.

Es ist das sündliche Fleisch, das er trägt – doch ohne Sünde [209] (2. Kor. 5,21; Hebr. 4,15). Wo sein menschlicher Leib ist, da ist Angenommensein für alles Fleisch. „Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen“ – darum allein konnte Jesus die Krankheiten und Schmerzen der menschlichen Natur heilen, weil er all unsere Krankheit und Schmerzen an seinem Leibe trug (Mt. 8,15-17). „Er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen.“ Er trug unsere Sünde – darum konnte er Sünde vergeben, weil in seinem Leibe unser sündiges Fleisch „angenommen“ war. Darum nahm Jesus die Sünder an (Lk. 15,2), weil er sie leibhaftig trug. Mit Jesus war das „angenehme (dektón) Jahr des Herrn“ angebrochen (Luk. 4,19).

So war der menschgewordene Sohn Gottes beides, Er selbst und die neue Menschheit. Was er handelte, handelte er zugleich für die neue Menschheit, die er in seinem Leibe trug. So ist er ein zweiter Adam, der „letzte“ Adam (1. Kor. 15,45). Auch in Adam war der Einzelne und die ganze Menschheit in Einem. Auch Adam trug die ganze Menschheit in sich. In ihm fiel die ganze Menschheit, in „Adam“ (Mensch) fiel „der Mensch“ (Röm. 5,19). Christus ist der zweite Mensch (1. Kor. 15,47), in dem die neue Menschheit geschaffen wird. Er ist der „neue Mensch“.

Von hier aus verstehen wir erst das Wesen der leiblichen Gemeinschaft, die den Jüngern mit Jesus geschenkt war. Daß die Bindung der Jünger in der Nachfolge eine leibliche war, ist nicht zufällig, sondern von der Menschwerdung her notwendig. Der Prophet und Lehrer bedürfte keiner Nachfolger, er brauchte Schüler und Zuhörer. Der menschgewordene Sohn Gottes, der in das menschliche Fleisch gekommen ist, braucht eine Nachfolgergemeinde, die nicht nur seiner Lehre, sondern gerade auch seines Leibes teilhaftig wird. Am Leibe Jesu Christi haben die Nachfolger die Gemeinschaft. In der leiblichen Gemeinschaft Jesu leben sie und leiden sie. Die Ge-[210]meinschaft des Leibes Jesu legt ihnen das Kreuz auf. Denn in ihm sind sie alle getragen und angenommen.

Jesu irdischer Leib wird gekreuzigt und stirbt. In seinem Tode wird die neue Menschheit mitgekreuzigt und stirbt mit ihm. Weil Christus nicht einen Menschen, sondern die menschliche „Gestalt“, das sündliche Fleisch, die menschliche „Natur“ angenommen hatte, darum leidet und stirbt mit ihm alles, was er trug. Es ist unser aller Krankheit und unser aller Sünde, die er ans Kreuz trägt; wir sind es, die mit ihm gekreuzigt werden und sterben. Zwar stirbt der irdische Leib Christi, aber als ein unverweslicher, verklärter Leib ersteht er vom Tode. Es ist derselbe Leib – das Grab war ja leer! – und es ist doch ein neuer Leib. So trägt er die Menschheit, mit der er starb, hindurch in die Auferstehung. So trägt er noch in seinem verklärten Leibe die Menschheit, die er auf Erden angenommen hat.

Wie gewinnen wir nun lebendigen Anteil an diesem Leibe Christi, der dies alles für uns tat? Denn das ist gewiß, es gibt keine Gemeinschaft mit Jesus Christus, es sei denn als Gemeinschaft mit seinem Leib, in dem allein wir angenommen sind, in dem allein unser Heil liegt! Der Gemeinschaft des Leibes Christi werden wir teilhaftig gemacht durch die beiden Sakramente des Leibes Christi, durch Taufe und Abendmahl. Der Evangelist Johannes läßt in unübersehbarer Andeutung die Elemente beider Sakramente, Wasser und Blut, aus dem gekreuzigten Leibe Jesu Christi hervorgehen (Joh. 19,34.35). Dieses Zeugnis wird durch Paulus bestätigt, indem er Gliedschaft am Leibe Christi ganz an die beiden Sakramente bindet[15]. Ziel wie Ursprung der Sakramente ist der Leib Christi. Weil Leib Christi da ist, darum allein gibt es Sakramente. Nicht das Wort der Predigt be-[211]wirkt unsere Gemeinschaft mit dem Leibe Jesu Christi, das Sakrament muß hinzukommen. Taufe ist Eingliederung in die Einheit des Leibes Christi, Abendmahl ist Erhaltung der Gemeinschaft (koinonía) am Leibe. Die Taufe macht uns der Gliedschaft am Leibe Christi teilhaftig. Wir sind in Christus „hineingetauft“ (Gal. 3,27; Röm. 6,3), wir sind „zu einem Leibe getauft“ (1. Kor. 12,13). So wird uns im Tauftod durch den heiligen Geist zugeeignet, was Christus in seinem Leibe für alle erwarb. Die Gemeinschaft des Leibes Jesu, die wir empfangen, wie sie die Jünger und Nachfolger der ersten Zeit empfingen, bedeutet, daß wir nun „mit Christus“ sind, „in Christus“ sind und daß „Christus in uns“ ist. Vom rechten Verständnis des Leibes Christi her bekommen diese Ausdrücke klaren Sinn.

„Mit Christus“ sind zwar alle Menschen schlechthin in der Kraft der Menschwerdung. Jesus trägt ja die ganze menschliche Natur. Darum ist sein Leben, sein Sterben und Auferstehen ein reales Geschehen an allen Menschen (Röm. 5,18ff.; 1. Kor. 15,22; 2. Kor. 5,14). „Mit Christus“ sind aber die Christen in besonderer Weise. Was den andern zum Tode wird, wird ihnen zur Gnade. In der Taufe wird es ihnen zugesagt, daß sie „mit Christus gestorben“ (Röm. 6,8), „mitgekreuzigt“ (Röm. 6,6; Kol. 2,20), „mitbegraben“ (Röm. 6,4; Kol. 2,12), „mitgepflanzt zu gleichem Tode“ (Röm. 6,5) sind und daß sie eben darum auch mit ihm leben werden (Röm. 6,8; Eph. 2,5; Kol. 2,12; 2. Tim. 2,11; 2. Kor. 7,3). „Wir mit Christus“ – das hat seinen Grund darin, daß Christus der Immanuel, der „Gott-mit-uns“ ist. Nur dem, der Christus so erkennt, wird das Mit-Christus-sein zur Gnade. Er wird „in Christus hineingetauft“ (eìs), in die Gemeinschaft seines Leidens. So wird er selbst ein Glied dieses Leibes, und die Gemeinschaft der Getauften wird zu dem einen Leib, der Christi eigener Leib ist. So sind sie „in Christo“ (en), und so ist „Christus in ihnen“. Sie sind nicht mehr „im Gesetz“ (Röm. 2,12; 3,19), „im Fleisch“ (Röm. 7,5; 8,3.8.9; 2. Kor. 10,3), „in Adam“ (1. Kor. 15,[212]22), sondern in ihrer ganzen Existenz und in allen Lebensäußerungen sind sie von nun an „in Christo“.

In einer schier unerschöpflichen Fülle von Beziehungen kann Paulus das Wunder der Menschwerdung Christi zum Ausdruck bringen. Alles Gesagte läßt sich zusammenfassen in dem Satz: Christus ist „für uns“, nicht nur in Wort und Gesinnung, sondern mit seinem leibhaftigen Leben. Er steht mit seinem Leibe dort, wo wir vor Gott stehen sollten. Er ist an unsere Stelle getreten. Er leidet und stirbt für uns. Das kann er, weil er unser Fleisch trägt (2. Kor. 5,21; Gal. 3,13; 1,4; Tit. 2,14; 1. Thess. 5,10 etc.). Der Leib Jesu Christi ist im eigentlichsten Sinne „für uns“, am Kreuz, im Wort, in Taufe, in Abendmahl. Darin liegt der Grund aller leiblichen Gemeinschaft mit Jesus Christus.

Der Leib Jesu Christi ist die von ihm angenommene neue Menschheit selbst. Der Leib Christi ist seine Gemeinde. Jesus Christus ist Er selbst und seine Gemeinde zugleich (1. Kor. 12,12). Jesus Christus lebt seit Pfingsten auf Erden in der Gestalt seines Leibes, der Gemeinde. Hier ist sein Leib, der gekreuzigte und auferstandene, hier ist die angenommene Menschheit. Getauftwerden heißt daher Glied der Gemeinde werden, Glied am Leibe Christi (Gal. 3,28; 1. Kor. 12,13). In Christus sein heißt darum in der Gemeinde sein. Sind wir aber in der Gemeinde, so sind wir auch wahrhaftig und leibhaftig in Jesus Christus. Nun wird der Begriff des Leibes Christi in seiner ganzen Fülle offenbar.

Der Raum Jesu Christi in der Welt nach seinem Hingang wird durch seinen Leib, die Kirche, eingenommen. Die Kirche ist der gegenwärtige Christus selbst. Damit gewinnen wir einen sehr vergessenen Gedanken über die Kirche zurück. Wir sind gewohnt, von der Kirche als von einer Institution zu denken. Es soll aber von der Kirche gedacht werden als von einer leibhaften Person, freilich einer ganz einzigartigen Person. [213]

Die Kirche ist Einer. Alle Getauften sind „allzumal Einer in Christo“ (Gal. 3,28; Röm. 12,5; 1. Kor. 10,17). Die Kirche ist „Mensch“. Sie ist der „neue Mensch“ (kainós ánthrōpos). Als solcher ist die Kirche geschaffen durch den Kreuzestod Christi. Hier wurde die Feindschaft zwischen Juden und Heiden abgetan, die die Menschheit zerriß, „auf daß er in sich selbst die zwei schüfe zu Einem neuen Menschen und Frieden machte“ (Eph. 2,15). Der „neue Mensch“ ist Einer, es sind nicht ihrer viele. Außerhalb der Kirche, die der neue Mensch ist, gibt es nur den alten, zerrissenen Menschen.

Dieser „neue Mensch“, der die Kirche ist, ist „nach Gott geschaffen in rechtschaffener Gerechtigkeit und Heiligkeit und Wahrheit“ (Eph. 4,24). Er wird „erneuert zur Erkenntnis nach dem Ebenbild des Schöpfers“ (Kol. 3,10). Hier ist von keinem anderen als von Christus selbst geredet als dem Ebenbild Gottes. Adam war der erste Mensch nach dem Ebenbilde des Schöpfers. Aber er verlor das Ebenbild, als er fiel. Nun wird ein „zweiter Mensch“, ein „letzter Adam“ geschaffen nach dem Ebenbild Gottes; das ist Jesus Christus (1. Kor. 15,47). So ist der „neue Mensch“ zugleich Christus und die Kirche. Christus ist die neue Menschheit in neuen Menschen. Christus ist die Kirche.

Der Einzelne verhält sich zu dem „neuen Menschen“ so, daß er ihn „anzieht“[16]. Der „neue Mensch“ ist wie ein Kleid, das [214] den Einzelnen bedecken soll. In das Ebenbild Gottes, das Christus und die Kirche ist, soll der Einzelne sich kleiden. Wer getauft wird, der zieht den Christus an (Gal. 3,27), was wiederum auszulegen ist als seine Eingliederung in den Leib, in den Einen Menschen, in dem nicht Grieche noch Jude, nicht Freier noch Knecht ist, d. h. eben in die Gemeinde. Es wird keiner ein neuer Mensch, es sei denn in der Gemeinde, durch den Leib Christi. Wer allein ein neuer Mensch werden will, bleibt beim alten. Ein neuer Mensch werden heißt in die Gemeinde kommen, Glied am Leibe Christi werden. Nicht der gerechtfertigte und geheiligte Einzelne ist der neue Mensch, sondern die Gemeinde, der Leib Christi, Christus.

Der gekreuzigte und auferstandene Christus existiert durch den heiligen Geist als Gemeinde, als der „neue Mensch“, so wahr er der Menschgewordene ist und in Ewigkeit bleibt, so wahr sein Leib die neue Menschheit ist. Wie in ihm die Fülle der Gottheit leibhaftig geworden ist und Wohnung genommen hat, so sind die Seinen erfüllt von Christus (Kol. 2,9; Eph. 3,19). Ja, sie selbst sind diese göttliche Fülle, indem sie sein Leib sind und indem doch Er allein es ist, der alles in allem erfüllt.

Die Einheit Christi mit seiner Kirche, seinem Leib, fordert zugleich, daß Christus als Herr seines Leibes erkannt wird. Darum wird Christus in weiterer Ausführung des Leibbegriffes das Haupt des Leibes genannt (Eph. 1,22; Kol. 1,18; 2,19). Das klare Gegenüber wird gewahrt, Christus ist Herr. Die heilsgeschichtliche Tatsache, die dieses Gegenüber notwendig macht, und eine mystische Verschmelzung von Gemeinde und Christus niemals zuläßt, ist die Himmelfahrt Christi und seine Wiederkunft. Derselbe Christus, der in seiner Gemeinde gegenwärtig ist, kommt wieder vom Him-[215]mel. Es ist derselbe Herr, hier wie dort, es ist dieselbe Kirche, hier wie dort, es ist der eine und selbe Leib dessen, der hier gegenwärtig ist und dessen, der aus den Wolken wiederkommt. Aber es ist ein ernster Unterschied, ob wir hier sind oder dort. So ist Einheit und Unterschiedenheit notwendig beisammen.

Die Kirche ist Einer, sie ist der Leib Christi, aber sie ist zugleich die Vielheit und Gemeinschaft der Glieder (Röm. 12,5; 1. Kor. 12,12ff.). Der Leib hat viele Glieder und ein jedes, Auge, Hand oder Fuß, ist und bleibt, was es ist, – dies ist der Sinn des paulinischen Vergleichs! Hand wird nicht Auge, und Auge wird nicht Ohr. Jedes bleibt, was es ist. Aber doch sind sie nur, was sie sind als Glieder an dem Einen Leib, als dienende Gemeinschaft in der Einheit. Nur von der Einheit der Gemeinde her ist jeder Einzelne, was er ist, und ist die Gemeinschaft, was sie ist, wie die Gemeinde nur von Christus und seinem Leibe her ist, was sie ist. Hier tritt das Amt des Heiligen Geistes klar heraus. Er ist es, der Christus den Einzelnen bringt (Eph. 3,17; 1. Kor. 12,3). Er erbaut durch die Sammlung der Einzelnen seine Kirche, deren Gesamtbau doch in Christus schon fertig ist (Eph. 2,22; 4,12; Kol. 2,2). Er schafft die Gemeinschaft (2. Kor. 13,13) der Glieder des Leibes (Röm. 15,30; 5,5; Kol. 1,8; Eph. 4,3). Der Herr ist der Geist (2. Kor. 3,17). Die Kirche Christi ist der gegenwärtige Christus im Heiligen Geist. So ist das Leben des Leibes Christi unser Leben geworden. In Christus leben wir nicht mehr unser Leben, sondern Christus lebt sein Leben in uns. Das Leben der Gläubigen in der Gemeinde ist in Wahrheit das Leben Jesu Christi in ihnen (Gal. 2,20; Röm. 8,10; 2. Kor. 13,5; 1. Joh 4,15).

In der Gemeinschaft des gekreuzigten und verklärten Leibes Jesu Christi nehmen wir teil an Christi Leiden und Verklärung. Christi Kreuz liegt auf dem Leibe der Gemeinde. Was sie unter diesem Kreuz leidet, ist Christusleiden. Es ist zuerst das Erleiden des Kreuzestodes in der Taufe, es ist [216] fortan das „tägliche Sterben“ der Christen (1. Kor. 15,31) in der Kraft seiner Taufe. Es ist aber darüber hinaus noch ein Leiden von unaussprechlicher Verheißung: Zwar hat allein Christi eignes Leiden versöhnende Kraft, er litt „für uns“ und er siegte „für uns“, aber in der Kraft seines Leidens gibt er denen, die sich der Gemeinschaft seines Leibes nicht schämen, die unermeßliche Gnade, nun auch wieder „für ihn“ leiden zu dürfen. Keine größere Herrlichkeit konnte er den Seinen schenken, keine unbegreiflichere Würde kann es für den Christen geben, als daß er „für Christus“ leiden darf. Was dem Gesetz im tiefsten zuwider ist, wird hier wahr. Nach dem Gesetz können wir nur die Strafe für unsere eigenen Sünden leiden. Nicht einmal sich selbst zugute vermag hier ein Mensch etwas zu tun oder zu leiden, wieviel weniger einem anderen zugute, wieviel weniger Christus zugute! Der Leib Christi, der für uns gegeben ist, der für unsere Sünde die Strafe erlitt, macht uns frei, „für Christus“ da zu sein, im Tod und im Leiden. Es kann nun für Christus gearbeitet und gelitten werden, ihm zugute, der uns alles zugute getan hat! Das ist das Wunder und die Gnade in der Gemeinschaft des Leibes Christi (Phil. 1,25; 2,17; Röm. 8,35ff.; 1. Kor. 4,10; 2. Kor. 4,10; 5,20; 13,9). Wiewohl Jesus Christus alles versöhnende, stellvertretende Leiden erfüllt hat, sind doch seine Leiden auf dieser Erde noch nicht zu Ende. Er hat in seiner Gnade für diese letzte Zeit bis zur Wiederkunft seiner Gemeinde einen Rest (hysterḗmata) von Leiden zurückgelassen, die noch erfüllt sein wollen (Kol. 1,24). Dieses Leiden darf dem Leibe Christi, der Kirche, zugute kommen. Ob wir daran denken dürfen, daß auch dieses Leiden der Christen sündenverzehrende Kraft hat (vergl. 1. Petr. 4,1), bleibt unsicher. Deutlich aber ist es, daß der Leidende in der Kraft des Leibes Christi stellvertretend „für“ die Gemeinde, für den Leib Jesu leidet, daß er tragen darf, was anderen erspart bleibt. „Wir tragen allezeit das Sterben des Herrn Jesu an unserem Leibe, auf [217] daß auch das Leben des Herrn Jesu an unserem Leibe offenbar werde. Denn wir, die wir leben, werden immerdar in den Tod gegeben um Jesu willen, auf daß auch das Leben Jesu offenbar werde an unserem sterblichen Fleische. Darum ist nun der Tod mächtig in uns, aber das Leben in euch“ (2. Kor. 4,10-12; vergl. 1,5-7; 13,9; Phil. 2,17). Es ist dem Leibe Christi ein Maß von Leiden verordnet. Gott gibt dem einen die Gnade, an des anderen Stelle besonderes Leiden zu ertragen. Das Leiden muß ja erfüllt, getragen und überwunden werden. Selig, wer von Gott gewürdigt ist, für den Leib Christi zu leiden. Solches Leiden ist Freude (Kol. 1,24; Phil. 2,17). In solchem Leiden darf sich der Gläubige rühmen, er trage das Sterben Jesu Christi, er trage Christi Wundmale an seinem Leibe (2. Kor. 4,10; Gal. 6,17). Nun darf der Gläubige dazu dienen, daß „Christus verherrlicht werde an meinem Leibe, es sei durch Leben oder durch Tod“ (Phil. 1,20). Solches stellvertretende Tun und Leiden der Glieder am Leibe Christi ist selbst das Leben des Christus, der in seinen Gliedern Gestalt gewinnen will (Gal. 4,19). In alledem aber stehen wir in der Gemeinschaft der ersten Jünger und Nachfolger Jesu.

Der Abschluß dieser Betrachtung muß nun darin bestehen, daß wir das Zeugnis vom Leibe Christi im Schriftganzen wiederfinden. Hier erweist sich, daß im Leibe Christi die große alttestamentliche Weissagung vom Tempel Gottes ihre Erfüllung findet.

Nicht im Zusammenhang des hellenistischen Gebrauchs dieses Bildes, sondern von der alttestamentlichen Weissagung des Tempels her ist der Begriff des Leibes Christi zu verstehen. David will Gott einen Tempel bauen. Er befragt den Propheten. Dieser überbringt David Gottes Wort zu seinem Vorhaben: „solltest du mir ein Haus bauen, daß ich darin wohne? … der Herr verkündigt dir, daß der Herr dir ein Haus machen will“ (2. Sam. 7,5.11). Gottes Tempel kann nur [218] von Gott selbst gebaut werden. Zugleich empfängt David in seltsamem Widerspruch zu dem vorher Gesagten die Verheißung, daß einer aus seinem Samen Gott das Haus bauen soll und daß sein Reich in Ewigkeit bestehen werde (V. 12.13). „Ich will sein Vater sein und er soll mein Sohn sein“ (V. 14). Salomo, der „Sohn des Friedens“ Gottes mit dem Hause David, hat diese Verheißung auf sich bezogen. Er baute den Tempel und wurde von Gott darin bestätigt. Dennoch war in diesem Tempel die Weissagung nicht erfüllt; denn er war von Menschenhänden gebaut und mußte zerbrechen. So blieb die Weissagung unerfüllt bestehen. Noch wartet das Volk Israel auf den Tempel, der von dem Sohn Davids gebaut werden sollte, dessen Reich ewig bestünde. Der Tempel in Jerusalem war mehrfach abgebrochen, ein Zeichen, daß es nicht der verheißene Tempel ist. Wo war der wahrhaftige Tempel? Christus selbst sagt es uns, indem er die Weissagung des Tempels bezieht auf seinen Leib. „Da sprachen die Juden: Dieser Tempel ist in 46 Jahren erbaut; und du willst ihn in drei Tagen aufrichten? Er aber redete von dem Tempel seines Leibes. Da er nun auferstanden war von den Toten, gedachten seine Jünger daran, daß er dies gesagt hatte, und glaubten der Schrift und der Rede, die Jesus gesagt hatte“ (Joh. 2,20ff.). Der Tempel, auf den Israel wartet, ist der Leib Christi. Der alttestamentliche Tempel ist nur der Schatten seines Leibes (Kol. 2,17; Hebr. 10,1; 8,5). Jesus meint seinen menschlichen Leib. Er weiß, daß auch der Tempel seines irdischen Leibes abgebrochen wird, aber er wird auferstehen, und der neue Tempel, der ewige Tempel wird sein auferstandener, verklärter Leib sein. Dies ist das Haus, das Gott seinem Sohn selbst baut und das doch auch der Sohn dem Vater baut. In diesem Haus wohnt Gott wahrhaftig und zugleich die neue Menschheit, die Gemeinde Christi. Der menschgewordene Christus selbst ist der Tempel der Erfüllung. Es entspricht dem, was die Offenbarung des [219] Johannes vom neuen Jerusalem sagt, daß darin kein Tempel sei, „denn der allmächtige Gott ist ihr Tempel und das Lamm“ (21,22).

Der Tempel ist der Ort der gnädigen Gegenwart und Wohnung Gottes unter den Menschen. Er ist zugleich der Ort, an dem die Gemeinde von Gott angenommen wird. Beides ist wahr geworden allein im menschgewordenen Jesus Christus. Hier ist die Gegenwart Gottes wahrhaft und leibhaftig. Hier ist die Menschheit wahrhaft und leibhaftig; denn er hat sie in seinem eigenen Leibe angenommen. So ist der Leib Christi der Ort der Annahme, der Versöhnung und des Friedens zwischen Gott und Menschen. Gott findet im Leib Christi den Menschen, und der Mensch findet sich im Leibe Christi von Gott angenommen. Christi Leib ist der geistliche Tempel (oĩkos pneumatikós), der aus lebendigen Steinen gebaut ist (1. Petr. 2,5ff). Christus ist allein Grund und Eckstein dieses Tempels (Eph. 2,20; 1. Kor. 3,11), er ist zugleich selbst der Tempel (oikodomḗ Eph. 2,21), in dem der heilige Geist wohnt und die Herzen der Gläubigen erfüllt und heiligt (1. Kor. 3,16; 6,19). Gottes Tempel ist die heilige Gemeinde in Jesus Christus. Christi Leib ist der lebendige Tempel Gottes und der neuen Menschheit. [220}

Die sichtbare Gemeinde

Der Leib Jesu Christi nimmt Raum ein auf Erden. Mit der Menschwerdung fordert Christus Raum unter den Menschen. Er kam in sein Eigentum. Aber sie gaben ihm bei seiner Geburt einen Stall, „denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge“, sie stießen ihn in seinem Tode von sich, daß sein Leib zwischen Erde und Himmel am Galgen hing. Doch die Fleischwerdung schließt den Anspruch auf eigenen Raum auf Erden ein. Was Raum einnimmt, ist sichtbar. So kann der Leib Jesu Christi nur ein sichtbarer Leib sein, oder er ist nicht Leib. Sichtbar ist der Mensch Jesus, geglaubt wird er als der Sohn Gottes. Sichtbar ist der Leib Jesu, geglaubt wird er als der Leib des menschgewordenen Gottes. Sichtbar ist, daß Jesus im Fleisch war, geglaubt wird, daß er unser Fleisch trug. „Auf diesen Menschen sollst du zeigen und sprechen: das ist Gott“ (Luther).

Eine Wahrheit, eine Lehre, eine Religion braucht keinen eigenen Raum. Sie ist leiblos. Sie wird gehört, gelernt, begriffen. Das ist alles. Aber der menschgewordene Sohn Gottes braucht nicht nur Ohren oder auch Herzen, sondern er braucht leibhaftige Menschen, die ihm nachfolgen. Darum berief er seine Jünger in seine leibliche Nachfolge, und seine Gemeinschaft mit ihnen war jedermann sichtbar. Sie war begründet und zusammengehalten durch Jesus Christus den Menschgewordenen selbst, das fleischgewordene Wort hatte gerufen, hatte die leibliche sichtbare Gemeinschaft geschaffen. Die Gerufenen konnten nicht mehr verborgen bleiben, sie waren das Licht, das leuchten muß, die Stadt auf dem Berge, die gesehen werden muß. Über ihrer Gemeinschaft stand sichtbar das Kreuz und Leiden Jesu Christi. Um seiner [221] Gemeinschaft willen mußten die Jünger alles aufgeben, mußten sie leiden und verfolgt werden, und doch empfingen sie gerade unter Verfolgungen in seiner Gemeinschaft sichtbar wieder, was sie verloren, Brüder und Schwestern, Äcker und Häuser. Die Gemeinde der Nachfolgenden war offenbar vor der Welt. Hier waren Leiber, die handelten, arbeiteten und litten in der Gemeinschaft Jesu.

Auch der Leib des erhöhten Herren ist sichtbarer Leib in der Gestalt der Gemeinde. Wie wird dieser Leib sichtbar? Zuerst in der Predigt des Wortes. „Sie blieben aber beständig in der Apostel Lehre“ (Apg. 2,42). Jedes Wort ist in diesem Satz bedeutsam. Lehre (didachḗ) heißt die Predigt, hier im Gegensatz zu jeder Art religiöser Rede. Hier ist Mitteilung von geschehenen Tatsachen gemeint. Der Inhalt des zu Sagenden liegt objektiv fest, er bedarf nur der Vermittlung durch die „Lehre“. Mitteilung beschränkt sich aber ihrem Wesen nach auf Unbekanntes. Ist es bekannt geworden, so ist weitere Mitteilung sinnlos; so liegt es an sich im Begriff der „Lehre“, sich selbst überflüssig zu machen. In eigenartigem Widerspruch dazu heißt es hier, daß die erste Gemeinde sich „beständig“ zu dieser Lehre hielt, daß sich also diese Lehre nicht überflüssig macht, sondern daß sie gerade Beständigkeit fordert. Eine sachliche Nötigung muß in der Verbindung dieser „Lehre“ mit der „Beständigkeit“ liegen. Sie ist darin ausgesprochen, daß es „Lehre der Apostel“ ist, um die es sich handelt. Was heißt „Lehre der Apostel“? Apostel sind die von Gott erwählten Tatsachenzeugen der Offenbarung in Jesus Christus. Sie haben in Jesu leiblicher Gemeinschaft gelebt, sie haben den Menschgewordenen, Gekreuzigten und Auferstandenen gesehen und seinen Leib mit ihren Händen betastet (1. Joh. 1,1). Sie sind die Zeugen, deren sich Gott, der heilige Geist als Werkzeug bedient, um das Wort auszurichten. Apostelpredigt ist Zeugnis des leibhaftigen Geschehens der Offenbarung Gottes in Jesus Christus. Auf dem Grunde [222] der Apostel und Propheten ist die Kirche erbaut, deren Eckstein Jesus Christus ist (Eph. 2,20). Jede weitere Predigt muß selbst apostolische Predigt sein, indem sie auf diesen Grund aufbaut. So ist die Einheit zwischen uns und der ersten Gemeinde durch das Wort der Apostel hergestellt. Inwiefern macht diese apostolische Lehre die Beständigkeit des Hörens notwendig? Das apostolische Wort ist im Menschenwort wahrhaftig Gottes Wort (1. Thess. 2,13). Es ist darum Wort, das Menschen annehmen will und Kraft hat, es zu tun. Gottes Wort sucht Gemeinde, um sie anzunehmen. Es ist wesentlich in der Gemeinde. Es geht von selbst in die Gemeinde hinein. Es hat eine eigene Bewegung zur Gemeinde hin. Nicht so ist es, daß auf der einen Seite ein Wort, eine Wahrheit ist, und auf der anderen Seite eine Gemeinde, und der Prediger habe nun dies Wort zu nehmen, zu handhaben, zu bewegen, um es in die Gemeinde hinein zu bringen, es auf die Gemeinde anzuwenden. Vielmehr geht das Wort diesen Weg ganz von selbst, der Prediger soll und kann nichts tun, als dieser eigenen Bewegung des Wortes zu dienen, ihr nichts ins den Weg zu stellen. Das Wort geht aus, um Menschen anzunehmen; das wußten die Apostel, und das machte ihre Predigt aus. Sie hatten ja Gottes Wort selbst gesehen, wie es gekommen war, wie es Fleisch angenommen hatte und in diesem Fleisch die ganze Menschheit selbst. Nun hatten sie nichts zu bezeugen als dieses, daß Gottes Wort Fleisch geworden ist, daß es kam, um Sünder anzunehmen, um zu vergeben und zu heiligen. Dies ist das Wort, das nun in die Gemeinde hinein geht; das fleischgewordene Wort, das schon die ganze Menschheit trägt, das nicht mehr sein kann ohne die Menschheit, die es angenommen hat, kommt zur Gemeinde. In diesem Wort aber kommt der Heilige Geist selbst, der dem Einzelnen und der Gemeinde zeigt, was in Christus schon längst geschenkt ist. Er wirkt in den Hörenden den Glauben, daß im Wort der Predigt Jesus Christus selbst mit-[223]ten unter uns getreten ist in der Kraft seines Leibes, daß er kommt, um mir zu sagen, daß er mich angenommen hat und heute wiederum annehmen will.

Das Wort der apostolischen Predigt ist das Wort, das die Sünden aller Welt leibhaftig getragen hat, es ist der gegenwärtige Christus im Heiligen Geist. Christus in seiner Gemeinde, das ist die „Lehre der Apostel“, die apostolische Predigt. Diese Lehre macht sich niemals überflüssig, sondern sie schafft sich die Gemeinde, die beständig an ihr bleibt, weil sie vom Wort angenommen ist und täglich dessen gewiß wird. Diese Lehre schafft sich eine sichtbare Gemeinde. Zu der Sichtbarkeit des Leibes Christi in der Predigt des Wortes tritt die Sichtbarkeit in Taufe und Abendmahl. Beide kommen her aus der wahrhaftigen Menschheit unseres Herren Jesu Christi. In beiden begegnet er uns leibhaftig und macht uns der Gemeinschaft seines Leibes teilhaftig. Zu beiden Handlungen gehört die Verkündigung. In der Taufe wie beim Abendmahl ist es die Verkündung des Todes Christi für uns (Röm. 6,3ff.; 1. Kor. 11,26). Bei beiden ist die Gabe der Leib Christi. In der Taufe wird uns die Gliedschaft am Leibe geschenkt, im Abendmahl die leibliche Gemeinschaft (koinonía) mit dem Leib des Herren, den wir empfangen, und eben darin die leibliche Gemeinschaft mit den Gliedern dieses Leibes. So werden wir durch die Gaben seines Leibes mit Ihm Ein Leib. Weder die Gabe der Taufe noch die des Abendmahls ist ganz umfaßt, wenn wir sie als Sündenvergebung bezeichnen. Die Gabe des Leibes, die in den Sakramenten gespendet wird, schenkt uns den leibhaftigen Herren in seiner Gemeinde. Sündenvergebung aber ist mit eingeschlossen in der Gabe des Leibes Christi als Gemeinde. Von hier aus ist es verständlich, daß die Austeilung von Taufe und Abendmahl ursprünglich – im genauen Gegensatz zu unserem heutigen Gebrauch – nicht an das Amt der apostolischen Verkündigung gebunden ist, sondern von der [224] Gemeinde selbst vollzogen wird (1. Kor. 1,1 u. 14ff.; 11,17ff.). Taufe und Abendmahl gehören allein der Gemeinde des Leibes Christi. Das Wort richtet sich an Glaubende und Ungläubige. Die Sakramente gehören allein der Gemeinde. So ist die christliche Gemeinde im eigentlichen Sinne Tauf- und Abendmahlsgemeinde, und erst von hier aus Predigtgemeinde.

Es ist deutlich geworden, daß die Gemeinde Jesu Christi in der Welt einen Raum der Verkündigung beansprucht. Der Leib Christi ist sichtbar in der um Wort und Sakrament versammelten Gemeinde.

Diese Gemeinde ist ein gegliedertes Ganzes. Der Leib Christi als Gemeinde schließt Gliederung und Ordnung der Gemeinde ein. Diese ist mit dem Leib mitgesetzt. Ein ungegliederter Leib ist im Zustand der Verwesung. Die Gestalt des lebendigen Leibes Christi ist nach der Lehre des Paulus gegliederte Gestalt (Röm. 12,5; 1. Kor. 12,12ff.). Die Unterscheidung von Inhalt und Form, von Wesen und Erscheinung ist hier unmöglich. Sie bedeutete Leugnung des Leibes Christi, d. h. des fleischgewordenen Christus (1. Joh. 4,3). So beansprucht der Leib Christi mit dem Raum der Verkündigung auch den Raum der Gemeindeordnung.

Die Ordnung der Gemeinde ist göttlichen Ursprungs und Wesens. Freilich steht sie im Dienst, nicht in der Herrschaft. Die Ämter der Gemeinde sind „Dienste“ (diakoníai) (1. Kor. 12,4). Sie sind von Gott (1. Kor. 12,28), von Christus (Eph. 4,11), vom Heiligen Geist (Apg. 20,28) in der Gemeinde gesetzt, d. h. nicht durch sie. Auch dort, wo die Gemeinde selbst Ämter austeilt, tut sie es ganz unter der Leitung des Heiligen Geistes (Apg. 13,2 u. ö.). Amt und Gemeinde sind gleich ursprünglich im dreieinigen Gott. Die Ämter dienen der Gemeinde, sie haben ihr geistliches Recht allein in diesem Dienst. Darum muß es in verschiedenen Gemeinden verschiedene Ämter „Diakonien“ geben, z. B. andere in Jerusalem als in [225] den paulinischen Missionsgemeinden. Zwar ist die Gliederung von Gott gesetzt, aber ihre Gestalt ist veränderlich und allein dem geistlichen Urteil der Gemeinde selbst unterworfen, die ihre Glieder zum Dienst verordnet. Auch die Charismen, die der Heilige Geist Einzelnen schenkt, stehen streng in der Zucht der Diakonie an der Gemeinde, denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens (1. Kor. 14,32f.). Darin eben macht sich der Heilige Geist sichtbar (phanérōsis 1. Kor. 12,6), daß alles zum Nutzen der Gemeinde geschieht. Apostel, Propheten, Lehrer, Aufseher (Bischöfe), Diakone, Älteste, Vorsteher und Leiter (1. Kor. 12,28ff.; Eph. 2,20 u. 4,11) sind Diener der Gemeinde, des Leibes Christi. Sind sie zum Dienst in der Gemeinde verordnet, so ist ihr Amt göttlichen Ursprungs und Wesens. Allein die Gemeinde kann sie vom Dienst entbinden. So ist die Gemeinde zwar frei in der Gestaltung ihrer Ordnungen je nach ihrer Not; wird aber ihre Ordnung von außen angetastet, so ist damit die sichtbare Gestalt des Leibes Christi selbst angetastet.

Besondere Aufmerksamkeit verdient unter den Ämtern der Gemeinde zu aller Zeit die Sorge für die unverfälschte Austeilung des Wortes und der Sakramente. Dabei ist Folgendes zu bedenken: Immer wird die Verkündigung dem Auftrag und den Gaben der Verkündiger entsprechend eine mannigfaltige und verschiedene sein. Aber ob paulisch oder petrisch oder apollisch oder christlich, in allem muß doch der Eine unzerteilte Christus erkannt werden (1. Kor. 1,11). Einer soll dem andern in die Hände arbeiten (1. Kor. 3,6). Schulbildungen führen zu Schulgezänk, in dem jeder sein eigenes sucht (1. Tim. 6,5 u. 20; 2. Tim. 2,10; 3,8; Tit. 1,10). Allzu leicht wird hier aus der „Gottseligkeit“ ein irdischer Gewinn, sei es an Ehre, an Macht oder an Geld. Auch wird die Neigung zum Problematisieren um des Problematisierens willen leicht entbrennen und von der klaren, einfachen Wahrheit ablenken (2. Tim. 3,7). Sie wird zum Eigenwillen und Ungehorsam ge-[226]gen Gottes Gebot verleiten. Dem gegenüber bleibt die gesunde heilsame Lehre das Ziel der Verkündigung (2. Tim. 4,3; 1. Tim. 1,10; 4,16; 6,1; Tit. 1,9 u. 13; 2,1; 3,8) und Gewähr für rechte Ordnung und Einheit.

Es ist nicht immer leicht, den Übergang zwischen erlaubter Schulmeinung und Irrlehre zu erkennen. So ist in mancher Gemeinde eine Lehre, die in einer anderen schon als Irrlehre ausgeschieden ist, noch als Schulmeinung geduldet (Offenb. 2,6 u. 15ff.). Wird aber die Irrlehre offenbar, so ist völlige Scheidung nötig. Den Irrlehrer aber trifft die Ausstoßung aus der christlichen Gemeinde und aus der persönlichen Gemeinschaft (Gal. 1,8; 1. Kor. 16,22; Tit. 3,10; 2. Joh. 10ff.). So muß das Wort der reinen Verkündigung verbinden und trennen in sichtbarer Weise. Der Raum der Verkündigung und der Ordnung der Gemeinde ist somit in seiner gottgesetzten Notwendigkeit deutlich geworden.

Die Frage ist nun, ob hiermit bereits die sichtbare Gestalt der Gemeinde des Leibes Christi umschrieben ist, oder ob sie noch weiteren Anspruch auf Raum in der Welt einschließt. Die Antwort des Neuen Testaments geht unzweideutig dahin, daß die Gemeinde nicht nur für ihren Gottesdienst und ihre Ordnung, sondern auch für das tägliche Leben ihrer Glieder Raum auf Erden beansprucht. Es wird daher jetzt zu sprechen sein von dem Lebensraum der sichtbaren Gemeinde.

Die Gemeinschaft Jesu mit seinen Jüngern war volle Lebensgemeinschaft in sämtlichen Lebensbeziehungen. In der Jüngergemeinde spielte sich das ganze Leben des Einzelnen ab. Diese Gemeinschaft ist ein lebendiges Zeugnis für die leibhaftige Menschheit des Sohnes Gottes. Die leibliche Gegenwart des Sohnes Gottes fordert den leiblichen Einsatz für ihn und mit ihm im täglichen Leben. Der Mensch mit seinem ganzen lebendigen Leibesleben gehört zu dem, der um seinetwillen den menschlichen Leib annahm. Der Jünger gehört [227] in der Nachfolge mit dem Leib Jesu unzertrennlich zusammen.

So bezeugt es auch der erste Bericht über die junge Gemeinde in der Apostelgeschichte (2,42ff.; 4,32ff.). „Sie blieben aber beständig in der Apostel Lehre und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.“ „Aber die gläubig waren geworden, waren beisammen und hatten alle Dinge gemeinsam.“ Es ist lehrreich, daß hier die Gemeinschaft (koinonía) zwischen Wort und Abendmahl ihren Ort bekommt. Es ist keine zufällige Bestimmung ihres Wesens, wenn sie ihren Ursprung immer wieder im Wort, ihr Ziel und ihre Vollendung immer wieder im heiligen Abendmahl haben soll. Alle christliche Gemeinschaft lebt zwischen Wort und Sakrament, sie entspringt und sie endet im Gottesdienst. Sie wartet auf das letzte Abendmahl mit dem Herren im Reich Gottes. Eine Gemeinschaft, die solchen Ursprung und solches Ziel hat, ist völlige Gemeinschaft, der auch die Dinge und Güter dieses Lebens sich einordnen. In Freiheit, Freude und in der Kraft des Heiligen Geistes wird hier eine vollkommene Gemeinschaft hergestellt, in der „keiner Mangel hatte“, und man „einem jeglichen gab, was ihm not war“, in der auch „keiner von seinen Gütern sagte, daß sie sein wären“. In der Alltäglichkeit dieses Geschehens bekundet sich die volle evangelische Freiheit, die keines Zwanges bedarf. Sie waren ja „ein Herz und eine Seele“.

Sichtbar stand diese junge Gemeinde vor aller Augen und – seltsam genug! – „sie hatten Gnade bei dem ganzen Volk“ (Apg. 2,47). Ist das die Blindheit des Volkes Israel, das hinter dieser völligen Gemeinschaft das Kreuz Jesu nicht mehr sah? Ist es die Vorwegnahme des Tages, an dem alles Volk das Volk Gottes ehren muß? Ist es jene Freundlichkeit Gottes, in der er gerade in Zeiten des Wachstums, des ernsten Kampfes und der Scheidung in Gläubige und Feinde um die Gemeinde einen Ring rein menschlichen Wohlwollens, [228] menschlicher Anteilnahme an den Geschicken der Gemeinde legt, oder ist das Volk, bei dem die Gemeinde Gnade fand, das Volk, das das Hosianna, aber eben nicht das Kreuzige schrie? „Und der Herr tat hinzu täglich die da selig wurden zur Gemeinde.“ Diese sichtbare Gemeinde der völligen Lebensgemeinschaft bricht herein in die Welt und entreißt ihr ihre Kinder. Das tägliche Wachstum der Gemeinde beweist die Kraft des in ihr lebendigen Herren.

Es gilt für die ersten Jünger: wo ihr Herr ist, da müssen sie auch sein, und wo sie sein werden, da wird ihr Herr auch sein bis an der Welt Ende. Alles, was der Jünger tut, tut er in der Gemeinschaft der Gemeinde Jesu als ihr Glied. Auch das profanste Tun geschieht nun in der Gemeinde. So gilt es für den Leib Christi: Wo ein Glied ist, da ist auch der ganze Leib, und wo der Leib ist, da ist auch das Glied. Es gibt keinen Lebensbereich, in dem sich das Glied dem Leibe entziehen dürfte oder wollte. Wo immer einer ist, was immer einer tut, es geschieht „im Leib“, in der Gemeinde, „in Christo“. Das ganze Leben ist „in Christo“ aufgenommen. Der Christ ist stark oder schwach in Christo (Phil. 4,13; 2. Kor. 13,4), er arbeitet und müht sich oder er freut sich „im Herrn“ (Röm. 16,9 u. 12; 1. Kor. 15,58; Phil. 4,4), er redet und ermahnt in Christo (2. Kor. 2,17; Phil. 2,1), er übt Gastfreundschaft in Christo (Röm. 16,2), er heiratet in dem Herren (1. Kor. 7,39), er ist im Gefängnis in dem Herrn (Phil. 1,13 u. 23), er ist ein Sklave in dem Herren (1. Kor. 7,22). Die ganze Fülle menschlicher Beziehungen unter den Christen ist von Christus, von der Gemeinde umschlossen.

Die Taufe in den Leib Christi hinein ist es, die jedem Christen das volle Leben in Christo, in der Gemeinde gewährt. Es ist eine böse, ganz und gar nicht neutestamentliche Verkürzung, wenn die Gabe der Taufe auf die Teilnahme an Predigt und Abendmahl, d. h. also, auf den Anteil an den Heilsgütern, vielleicht auch noch an den Ämtern und Dien-[229]sten der Gemeinde beschränkt wird. Vielmehr ist mit der Taufe der Raum des gemeinschaftlichen Lebens der Glieder des Leibes Christi in sämtlichen Lebensbeziehungen jedem Getauften vorbehaltlos aufgetan. Wer einem getauften Bruder die Teilnahme am Gottesdienst gewährt, ihm aber im täglichen Leben die Gemeinschaft versagt, ihn mißbraucht oder verachtet, der macht sich am Leib Christi selbst schuldig. Wer getauften Brüdern die Gaben des Heils zuerkennt, ihnen aber die Gaben des irdischen Lebens verweigert oder sie wissentlich in irdischer Not und Bedrängnis läßt, verspottet die Gabe des Heils und wird zum Lügner. Wer dort, wo der Heilige Geist gesprochen hat, noch der Stimme seines Blutes, seiner Natur, seiner Sympathien und Antipathien Gehör leiht, versündigt sich am Sakrament. Die Taufe in den Leib Christi hinein verändert nicht nur den persönlichen Heilsstand des Getauften, sondern auch alle seine Lebensbeziehungen.

Den Sklaven Onesimus, der seinem gläubigen Herren Philemon entflohen ist und ihn sehr geschädigt hat, soll Philemon nach seiner Taufe „ewig wiederhaben“ (Phlm. 15) „nicht mehr als einen Knecht, sondern mehr denn einen Knecht, als einen lieben Bruder … beides, nach dem Fleisch und in dem Herren“ (Phlm. 16). „Nach dem Fleisch“ ein Bruder, betont Paulus und warnt damit vor jenem gefährlichen Mißverständnis aller „privilegierten“ Christen, die Gemeinschaft mit den Christen minderen Ansehens und Rechts wohl im Gottesdienst zu dulden, aber darüber hinaus nicht wirksam werden zu lassen. Nach dem Fleisch ein Bruder des Philemon! Brüderlich soll Philemon den Sklaven aufnehmen, als wäre es Paulus selbst (V. 17), brüderlich ihm den zugefügten Schaden nicht zurechnen (V. 18). Freiwillig soll Philemon dies tun, wiewohl Paulus auch den Freimut hätte, hier zu gebieten (V. 8-14), und gewiß wird Philemon mehr tun als gefordert (V. 21). Nach dem Fleisch ein Bruder, weil ge-[230]tauft. Ob nun Onesimus auch Knecht seines Herrn Philemon bleibt, es ist auch in dieser ihrer Beziehung zueinander jetzt alles anders geworden. Wodurch? Freier und Knecht sind Glieder am Leibe Christi geworden. In ihrer Gemeinschaft lebt nun als in einer kleinen Zelle der Leib Christi, die Gemeinde. „Wieviel ihrer getauft sind, die haben Christum angezogen. Hier ist kein Jude noch Grieche, hier ist kein Knecht noch Freier, hier ist kein Mann noch Weib; denn ihr seid allzumal einer in Christo Jesu“ (Gal. 3,27f.; Kol. 3,11). In der Gemeinde sieht der eine im andern nicht mehr den Freien oder den Knecht, den Mann oder die Frau, sondern das Glied am Leib Christi. Gewiß heißt dies nicht, daß nun der Knecht nicht mehr Knecht und der Mann nicht mehr Mann sei. Aber es heißt darum noch lange nicht, daß nun weiterhin in der Gemeinde ein jeder daraufhin anzusprechen sei, ob er Jude oder Grieche, Freier oder Knecht ist. Gerade dies soll ausgeschlossen sein. Wir sehen einander nur auf unsere Gliedschaft am Leibe Christi hin an, darauf also, daß wir allzumal Einer sind in ihm. Jude und Grieche, Freier und Knecht, Mann und Frau stehen nun in der Gemeinschaft als Teil der Gemeinde des Leibes Christi. Wo sie miteinander leben, sprechen, handeln, ist die Gemeinde, sind sie in Christo. Damit aber ist auch ihre Gemeinschaft entscheidend bestimmt und verändert. Das Weib gehorcht dem Mann „im Herrn“, der Knecht dient Gott, wenn er seinem Herrn dient, der Herr weiß, daß auch er einen Herren im Himmel hat (Kol. 3,18-4,1), aber sie sind nun Brüder „nach dem Fleisch und in dem Herren.“

So greift die Gemeinde mitten hinein in das Leben der Welt und erobert Raum für Christus; denn was „in Christo“ ist, ist nicht mehr unter der Herrschaft der Welt, der Sünde und des Gesetzes. In dieser neugewordenen Gemeinschaft hat kein Gesetz der Welt etwas zu bestimmen. Der Bereich der christlichen Bruderliebe steht unter Christus, nicht unter der [231] Welt. Den Dienst der Liebe am Bruder, den Dienst der Barmherzigkeit kann sich die Gemeinde niemals mehr beschränken lassen. Denn wo der Bruder ist, da ist Christi eigener Leib, und wo Christi Leib ist, da ist immer auch seine Gemeinde, da muß ich auch sein.

Wer zu Christi Leib gehört, der ist aus der Welt befreit und herausgerufen, der muß der Welt sichtbar werden, nicht nur durch die Gemeinschaft des Gottesdienstes und der gemeindlichen Ordnung, sondern auch durch die neue Gemeinschaft des brüderlichen Lebens. Wo die Welt den christlichen Bruder verachtet, wird der Christ ihn lieben und ihm dienen; wo die Welt ihm Gewalt tut, wird er helfen und lindern; wo die Welt ihn entehrt und beleidigt, wird er seine Ehre geben für die Schande des Bruders. Wo die Welt Gewinn sucht, wird er verzichten; wo die Welt ausbeutet, wird er sich entäußern, wo die Welt unterdrückt, wird er sich herabbeugen und aufrichten. Verweigert die Welt Gerechtigkeit, so wird er Barmherzigkeit üben, hüllt sich die Welt. in Lüge, so wird er seinen Mund für die Stummen auftun und für die Wahrheit Zeugnis geben. Um des Bruders willen, sei er Jude oder Grieche, Knecht oder Freier, stark oder schwach, edel oder unedel, wird er auf alle Gemeinschaft der Welt verzichten; denn er dient der Gemeinschaft des Leibes Jesu Christi. So kann er in dieser Gemeinschaft auch nicht verborgen bleiben vor der Welt. Er ist herausgerufen und folgt nach.

Aber „ein jeglicher bleibe in dem Beruf, darin er berufen ist. Du bist als Sklave berufen, laß es dich nicht anfechten! Auch wenn du frei werden könntest, brauche es lieber“ (nämlich: Sklave zu bleiben!); „denn der als Sklave berufen ist im Herrn, ist ja der Freigelassene des Herrn; desgleichen wer als Freier berufen ist, der ist ein Knecht Christi. Ihr seid teuer erkauft; werdet nicht der Menschen Knechte. Ein jeglicher, liebe Brüder, worin er berufen ist, darinnen bleibe er [232] bei Gott“ (1. Kor. 7,20-24). Ist hier nicht alles anders geworden als damals beim ersten Rufe Jesu in die Nachfolge? Dort mußten die Jünger alles verlassen, um mit Jesus zu gehen. Hier heißt es: Ein jeglicher bleibe in dem Beruf, darinnen er berufen ist! Wie löst sich dieser Widerspruch? Allein darin, daß wir erkennen, daß es bei dem Ruf Jesu wie bei der Ermahnung der Apostel allein darum geht, daß der Angesprochene in die Gemeinschaft des Leibes Jesu Christi kommt. Die ersten Jünger mußten mit Jesus gehen, um in seiner leiblichen Gemeinschaft zu stehen. Jetzt aber ist der Leib Christi durch Wort und Sakrament nicht mehr an einen einzigen Ort der Erde gebunden. Der auferstandene und erhöhte Christus ist der Welt näher gerückt, der Leib Christi ist mitten in die Welt – in der Gestalt der Gemeinde – eingedrungen. Wer getauft ist, ist in Christi Leib hineingetauft. Christus ist zu ihm gekommen, hat sein Leben angenommen und hat damit der Welt geraubt, was ihr gehörte. Ist einer als Sklave getauft, so ist er nun als Sklave der Gemeinschaft des Leibes Jesu Christi teilhaftig geworden. Als Sklave ist er der Welt schon entrissen, ist er ein Freigelassener Christi geworden. So mag denn der Sklave Sklave bleiben! Als Glied der Gemeinde Christi ist ihm ja eine Freiheit zuteil geworden, die ihm keine Auflehnung, keine Revolution eingebracht hätten oder noch einbringen könnten! Wahrhaftig nicht, um ihn der Welt fester zu verbinden, um sein Leben in der Welt auch noch „religiös zu verankern“, um aus ihm einen besseren, treueren Bürger dieser Welt zu machen, ermahnt Paulus den Sklaven, Sklave zu bleiben! Wahrhaftig nicht zur Rechtfertigung, zur christlichen Verbrämung einer dunklen sozialen Ordnung spricht Paulus. Nicht weil die berufliche Ordnung der Welt so gut und göttlich wäre, daß sie nicht umgestoßen werden dürfte, sondern allein darum, weil die ganze Welt ja schon aus den Angeln gehoben ist durch die Tat Jesu Christi, durch die Befreiung, die der [233] Sklave wie der Freie durch Jesus Christus erfahren hat. Müßte eine Revolution, ein Umsturz der Gesellschaftsordnung nicht nur den Blick für die göttliche Neuordnung aller Dinge durch Jesus Christus und die Gründung seiner Gemeinde verdunkeln? Müßte nicht sogar durch jeden solchen Versuch der Abbruch der ganzen Weltordnung, der Anbruch des Reiches Gottes gehindert und verzögert werden? Also gewiß auch nicht darum, weil in der weltlichen Berufserfüllung an sich schon die Erfüllung des christlichen Lebens zu sehen wäre, sondern weil in dem Verzicht auf Auflehnung gegen die Ordnungen dieser Welt der angemessenste Ausdruck dafür liegt, daß der Christ nichts von der Welt, aber alles von Christus und seinem Reich erwartet, – darum bleibe der Sklave Sklave! Weil diese Welt nicht reformbedürftig, sondern zum Abbruch reif ist, – darum bleibe der Sklave Sklave! Er hat eine bessere Verheißung! Ist es nicht auch Gericht genug über die Welt und Trost genug für den Sklaven, daß Gottes Sohn „die Gestalt eines Sklaven“ annahm (Phil. 2,5), als er auf diese Erde kam? Ist nicht der Christ, der als Sklave berufen wurde, gerade mitten in seinem Sklavendasein in der Welt schon weit genug von der Welt entfernt, die er lieben und begehren, um die er sich sorgen könnte? Darum leide der Sklave nicht als Aufsässiger, sondern als Glied der Gemeinde und des Leibes Christi! Darin wird die Welt zum Abbruch reif.

„Werdet nicht der Menschen Knechte!“ Auf zweierlei Weise aber würde das geschehen: Durch Auflehnung und durch Umsturz der gegebenen Ordnungen einerseits, durch religiöse Verklärung der gegebenen Ordnungen andrerseits. „Ein jeglicher, liebe Brüder, worin er berufen ist, darin bleibe er bei Gott.“ „Bei Gott“ – und darum „werdet nicht der Menschen Knechte“, weder durch Auflehnung, noch durch falsche Unterwerfung. Im Beruf bei Gott bleiben, heißt eben mitten in der Welt am Leibe Christi in der sichtbaren Ge-[234]meinde bleiben, im Gottesdienst und im Leben in der Nachfolge das lebendige Zeugnis der Überwindung dieser Welt ausrichten.

Darum „sei jedermann untertan den Obrigkeiten, die Gewalt über ihn haben“ (Röm. 13,1ff.). Nicht nach oben hin zu den Gewalthabern soll es den Christen verlangen, sondern unten zu bleiben ist seines Berufes. Die Obrigkeiten sind über (hypèr) ihm, er bleibe darunter (hypò). Die Welt herrscht, der Christ dient, darin hat er Gemeinschaft mit seinem Herrn, der Sklave wurde. „Aber Jesus rief sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisset, daß die weltlichen Fürsten herrschen, und die Mächtigen unter ihnen haben Gewalt. Aber also soll es unter euch nicht sein, sondern welcher will groß werden unter euch, der soll euer Diener sein; und welcher unter euch will der Vornehmste werden, der soll aller Knecht sein. Denn auch des Menschen Sohn ist nicht gekommen, daß er sich dienen lasse, sondern daß er diene und gebe sein Leben zur Bezahlung für viele“ (Mark. 10,42-45). „Denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott.“ – Dem Christen ist das gesagt, nicht den Obrigkeiten! Die Christen sollen wissen, daß sie gerade dort unten, wohin sie durch die Obrigkeiten verwiesen sind, Gottes Willen erkennen und tun. Die Christen sollen getröstet sein, daß Gott selbst durch die Obrigkeit hindurch ihnen zugute wirken will, daß ihr Gott der Herr auch der Obrigkeiten ist. Das aber soll nicht eine allgemeine Erwägung und Erkenntnis über das Wesen der Obrigkeit (exousía – Singular!) bleiben, sondern es soll seine Anwendung finden auf die Stellung des Christen zu den tatsächlich bestehenden Obrigkeiten (hai dè oṹsai …). Wer sich ihnen widersetzt, widersetzt sich der Setzung Gottes (diatachḕ toṹ theoṹ), der es so gewollt hat, daß die Welt herrscht, und daß Christus im Dienst siegt und mit ihm seine Christen. Der Christ, der das nicht begriffe, müßte dem Gericht verfallen (V. 2); denn er wäre der Welt wiederum gleich geworden. [235] Woran entsteht denn so leicht der Widerspruch der Christen gegen die Obrigkeiten? Daran, daß sie Anstoß nehmen an den Fehlern und dem Unrecht der Obrigkeit. Aber mit solchen Betrachtungen sind die Christen bereits in höchster Gefahr, auf etwas anderes zu achten, als auf den Willen Gottes, den sie selbst zu erfüllen haben. Mögen sie selbst nur überall auf das Gute bedacht sein und es auch tun, wie es ihnen Gott befiehlt, so können sie „ohne Furcht“ vor der Obrigkeit leben, „denn die Gewaltigen sind ein Schrecken nicht dem guten Werk, sondern dem bösen“ (V. 3). Wie sollte sich auch der Christ, der bei seinem Herren bleibt und das Gute tut, fürchten müssen? „Du willst ohne Furcht vor der Obrigkeit leben, tue das Gute.“ – Tue du das Gute! darauf allein kommt es an. Nicht was Andere tun, sondern was du tun wirst, wird für dich wichtig sein. Tue du das Gute, ohne Furcht, ohne Einschränkung, ohne Bedingung! Wie könntest du auch die Obrigkeit tadeln um ihrer Fehler willen, wenn du selbst nicht das Gute tust? Wie willst du anderen das Gericht sprechen, der du selbst dem Gericht verfällst? Willst du ohne Furcht sein, tue du das Gute! „Und du wirst Lob von der Obrigkeit empfangen, denn sie ist Gottes Dienerin dir zugute“. – Nicht als könnte dies das Motiv unseres guten Handelns sein, Lob zu empfangen, nicht als wäre es auch nur das Ziel; es ist etwas, was hinzukommen wird und muß, wenn es recht um die Obrigkeit steht. So sehr denkt Paulus von der christlichen Gemeinde her, so sehr ist es ihm allein um die christliche Gemeinde und ihr Heil und ihren Wandel zu tun, daß er – die Christen vor eigenem Unrecht und Bösen warnen muß, aber die Obrigkeit ohne Vorwurf läßt. „Tust du Böses, so fürchte dich, denn sie trägt das Schwert nicht umsonst, sie ist Gottes Dienerin, eine Rächerin zur Strafe über den, der Böses tut“ (V. 4). Alles liegt daran, daß nicht in der christlichen Gemeinde Böses geschehe. Die Christen sind hier angeredet, und aber-[236]mals nicht die Obrigkeit. Daß die Christen in der Buße, im Gehorsam erhalten bleiben, wo sie auch seien, welche Konflikte ihnen auch drohen, nicht daß eine Obrigkeit der Welt gerechtfertigt oder verworfen würde, ist Paulus wichtig! Keine Obrigkeit kann diesen Worten eine göttliche Rechtfertigung ihrer Existenz entnehmen. Träfe vielmehr dieses Wort wirklich einmal eine Obrigkeit, so wäre es für sie in eben derselben Weise ein Bußruf, wie es in Wahrheit und hier ein Bußruf an die Gemeinde ist. Ein Gewaltiger (árchōn), der dieses Wort hörte, könnte hieraus niemals die göttliche Autorisierung seiner Amtsführung entnehmen, er müßte vielmehr den Auftrag hören, Gottes Diener zu sein, der Christenheit die Gutes tut, zugute. Und unter diesem Auftrag müßte er in die Buße gehen. Gewiß nicht, weil die Ordnungen der Welt so gut wären, sondern weil ihre Güte oder Schlechtigkeit unwichtig ist gegenüber dem allein Wichtigen, daß in der Gemeinde der Wille Gottes herrsche und befolgt werde, spricht Paulus so zu den Christen. Nicht über die Aufgaben der Obrigkeit will er die Christenheit belehren, sondern von den Aufgaben der Christenheit gegenüber der Obrigkeit allein spricht er.

Lob soll der Christ empfangen von der Obrigkeit! Empfängt er es nicht, sondern statt Lob Strafe und Verfolgung, was trägt er für Schuld daran? Er hat ja nicht um des Lobes willen getan, was ihm nun zur Strafe ausläuft. Er tat ja auch das Gute nicht aus Furcht vor der Strafe. Trifft ihn nun Leid statt Lob, so ist er doch vor Gott frei und ohne Furcht, so ist ja doch auf die Gemeinde keinerlei Schande gekommen! Er gehorcht der Obrigkeit nicht um irgendeines Vorteils willen, sondern „um des Gewissens willen“ (V. 5). So kann der Fehler der Obrigkeit sein Gewissen nicht antasten. Er bleibt frei und ohne Furcht und kann im unschuldigen Leiden noch der Obrigkeit den schuldigen Gehorsam erweisen. Er weiß ja, daß zuletzt nicht die Obrigkeit, son-[237]dern Gott herrscht, daß die Obrigkeit Gottes Dienerin ist. Die Obrigkeit Gottes Dienerin – so spricht der Apostel, der selbst oftmals durch diese Obrigkeit hat unschuldig Gefangenschaft leiden müssen, der dreimal die harte Prügelstrafe von ihr empfangen hat, der von der Ausweisung aller Juden aus Rom durch den Kaiser Claudius wußte (Apg. 18,1ff.). Die Obrigkeit Gottes Dienerin – so spricht der, der weiß, daß schon längst alle Mächte und Obrigkeiten der Welt entmächtigt sind, daß Christus sie im Triumph ans Kreuz gebracht hat, und daß nur noch kurze Zeit ist, bis dies alles offenbar werden muß.

Alles Gesagte steht hier aber unter der Ermahnung, die Paulus den Sätzen über die Obrigkeit vorangestellt hat. „Laß dich nicht das Böse überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“ (Röm. 12,21). Nicht um die gute oder böse Obrigkeit, sondern um die Überwindung alles Bösen durch die Christen geht es.

Während es für die Juden eine echt versucherische Frage war, ob sie dem Kaiser den Zins geben dürfen oder nicht, da sie ihre Hoffnung auf die Zerstörung des römischen Kaisertums und auf die Aufrichtung einer eignen Herrschaft setzten, ist dies für Jesus und die Seinen eine leidenschaftslose Frage. „Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist“ (Mt. 22,21), sagt Jesus, „darum zahlt auch eure Steuern“ (Röm. 13,6) – so schließt Paulus seine Ausführungen. Diese Pflicht bringt die Christen nicht nur in keinen Konflikt mit dem Gebot Jesu, sie geben ja dem Kaiser zurück, was ihm ohnedies gehört. Ja, als „Diener Gottes“ (leitourgoí!) sollen sie die ansehen, die die Steuern von ihnen fordern und darauf bestehen (V. 6). Freilich, es kann hier keine Verwechslung eintreten: Nicht daß die Christen Gottesdienst tun, wenn sie ihre Steuern zahlen, sagt Paulus, sondern die die Steuern erheben, tun darin – ihren! – Gottesdienst. Auch nicht zu diesem Gottesdienst fordert Paulus die Christen auf, son-[238]dern dazu, sich zu unterwerfen und niemandem etwas schuldig zu bleiben, was ihm zukommt (V. 7-8). Jeder Widerspruch, jeder Widerstand an dieser Stelle würde nur deutlich machen, daß die Christen Gottes Reich mit einem Reich dieser Welt verwechseln.

Darum bleibe der Sklave Sklave, darum bleibe der Christ untertan den Obrigkeiten, die Gewalt über ihn haben, darum räume der Christ nicht die Welt (1. Kor. 5,11). Aber freilich als Sklave lebe er als Freigelassener Christi; unter der Obrigkeit lebe er als einer, der Gutes tut; in der Welt lebe er als Glied des Leibes Christi der neugewordenen Menschheit; dies alles tue er ohne Vorbehalt, damit gebe er mitten in der Welt Zeugnis von der Verlorenheit der Welt und der Neuschöpfung in der Gemeinde. Er leide allein dafür, daß er Glied am Leibe Christi ist.

Der Christ bleibe in der Welt. Nicht um der gottgegebenen Güte der Welt willen, nicht einmal um seiner Verantwortung für den Lauf der Welt willen, sondern um des Leibes Christi des Menschgewordenen, um der Gemeinde willen. Er bleibe in der Welt um des frontalen Angriffes gegen die Welt willen, er lebe sein „innerweltliches Berufsleben“, um seine „Weltfremdheit“ erst ganz sichtbar werden zu lassen. Das aber geschieht nicht anders, als durch die sichtbare Gliedschaft an der Gemeinde. Der Widerspruch gegen die Welt muß in der Welt ausgetragen werden. Darum wurde Christus Mensch und starb mitten unter seinen Feinden. Darum – und darum allein! – bleibe der Sklave Sklave, bleibe der Christ der Obrigkeit untertan.

Nicht anders hat Luther in den entscheidenden Jahren der Abwendung vom Kloster über den weltlichen Beruf geurteilt. Nicht das hat er verworfen, daß im Kloster höchste Forderung gestellt wurde, sondern dies, daß Gehorsam gegen das Gebot Jesu als Leistung Einzelner verstanden wurde. Nicht die „Weltfremdheit“ des klösterlichen Lebens hat [239] Luther angegriffen, sondern dies, daß diese Weltfremdheit im Raum des Klosters gerade wieder zu einer neuen geistlichen Weltförmigkeit geworden war, die die schändlichste Verkehrung des Evangeliums ist. Die „Weltfremdheit“ des christlichen Lebens gehört mitten in die Welt, in die Gemeinde, in ihr tägliches Leben hinein – so hatte Luther gedacht. Darum sollen die Christen im Beruf ihr christliches Leben vollstrecken. Darum sollen sie im Beruf der Welt absterben. Darin hat der Beruf für den Christen seinen Wert, daß der Christ in ihm durch Gottes Güte leben und den Angriff auf das Wesen der Welt ernster führen kann. Nicht eine „positivere Bewertung“ der Welt oder gar der Verzicht auf die urchristliche Erwartung der nahen Wiederkunft Christi begründete Luthers Rückkehr in die Welt. Sie hatte vielmehr die rein kritische Bedeutung des Protestes gegen die Verweltlichung des Christentums in der Klosterexistenz. Indem Luther die Christenheit in die Welt zurückruft, ruft er sie erst in die rechte Weltfremdheit hinein. Das hat Luther selbst am eigenen Leibe erfahren. Luthers Ruf in die Welt war immer ein Ruf zur sichtbaren Gemeinde des menschgewordenen Herrn. Nicht anders aber war es bei Paulus.

Darum ist es nun auch klar, daß das Leben im weltlichen Beruf für den Christen seine ganz bestimmten Grenzen hat und daß also gegebenenfalls dem Ruf in den weltlichen Beruf hinein der Ruf aus dem weltlichen Beruf heraus folgen muß. Das ist paulinisch und auch lutherisch gedacht. Die Grenzen sind durch die Zugehörigkeit der sichtbaren Gemeinde Christi selbst gegeben. Wo der vom Leib Christi in dieser Welt beanspruchte und eingenommene Raum des Gottesdienstes, der kirchlichen Ämter und des bürgerlichen Lebens mit dem Raumanspruch der Welt kollidiert, dort ist die Grenze erreicht. Daß sie erreicht ist, wird im selben Augenblick deutlich durch die Notwendigkeit des sichtbaren öffentlichen Bekenntnisses zu Christus von seiten des Gemeindegliedes, von [240] seiten der Welt aber durch kluges Zurückziehen oder durch Gewalttat. Hier kommt der Christ ins öffentliche Leiden. Er, der mit Christus starb in der Taufe, dessen heimliches Leiden mit Christus die Welt nicht erkannte, wird nun öffentlich aus dem Beruf in dieser Welt ausgestoßen. Er tritt in die sichtbare Leidensgemeinschaft seines Herrn. Nun bedarf er der vollen Gemeinschaft und der brüderlichen Hilfe der Gemeinde erst recht.

Nicht immer aber ist es die Welt, die den Christen aus dem beruflichen Leben ausstößt. Es hat schon in den ersten Jahrhunderten der Kirche Berufe gegeben, die für unvereinbar mit der Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinde angesehen wurden. Der Schauspieler, der heidnische Götter und Helden darstellen muß, der Lehrer, der in heidnischen Schulen die heidnischen Mythologien zu unterrichten hat, der Gladiator, der Menschenleben zum Spiel töten muß, der Soldat, der das Schwert führt, der Gendarm, der Richter – sie alle mußten ihren heidnischen Beruf aufgeben, wenn sie die Taufe empfangen wollten. Später gelang es der Kirche – bzw. der Welt! – den Christen die meisten dieser Berufe wieder freizu-geben. Die Abwehr ging nun mehr und mehr von der Seite der Gemeinde auf die der Welt über.

Je älter aber die Welt wird, und je schärfer der Kampf zwischen Christus und Antichristus entbrennt, desto gründlicher versucht nun die Welt, sich der Christen zu entledigen. Den ersten Christen gewährte die Welt immer noch den Raum, in dem sie sich von ihrer Hände Arbeit ernähren und kleiden konnten. Eine vollkommen antichristlich gewordene Welt kann aber den Christen auch diese private Sphäre beruflichen Wirkens und Arbeitens um das tägliche Brot nicht mehr überlassen. Sie muß von ihnen um jeglichen Stückes Brot willen, das sie essen wollen, die Verleugnung ihres Herrn fordern. So bleibt den Christen zuletzt nur noch die Flucht aus der Welt oder das Gefängnis. Dann aber wird [241] das Ende nahe sein, wenn der Christenheit der letzte Raum auf Erden genommen sein wird.

So greift zwar der Leib Christi tief hinein in die weltlichen Lebensbereiche, und doch bleibt an anderen Stellen die völlige Trennung sichtbar, und sie muß immer sichtbarer werden. Aber ob in der Welt oder von ihr geschieden, es geschieht beides im Gehorsam gegen das eine Wort: „Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern laßt euch zu einer andern Gestalt verwandeln (metamorphoṹsthe) durch Erneuerung des Geistes, damit ihr prüfen könnt, was der Wille Gottes ist“ (Röm. 12,2). Es gibt ein Sich-der-Welt-gleich-stellen in der Welt, aber es gibt auch die selbstgewählte geistliche „Welt“ des Klosters. Es gibt ein unerlaubtes Bleiben in der Welt und eine unerlaubte Flucht aus der Welt. In beidem stellen wir uns der Welt gleich. Die Gemeinde Christi aber hat eine andere „Gestalt“ als die Welt. In diese Gestalt hinein soll sie sich immer mehr verwandeln lassen. Es ist die Gestalt Christi selbst, der in die Welt kam und die Menschen in unendlicher Barmherzigkeit trug und annahm und sich doch der Welt nicht gleichstellte, sondern von ihr verworfen und ausgestoßen wurde. Er war nicht von dieser Welt. In der rechten Begegnung mit der Welt wird die sichtbare Gemeinde der Gestalt des leidenden Herrn immer ähnlicher werden.

So müssen die Brüder wissen: „Die Zeit ist kurz. Weiter ist das die Meinung: Die da Weiber haben, daß sie seien, als hätten sie keine; und die da weinen, als weinten sie nicht; und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die da kaufen, als besäßen sie es nicht; und die diese Welt gebrauchen, daß sie dieselbe nicht mißbrauchen; denn das Wesen dieser Welt vergeht. Ich wollte aber, daß ihr ohne Sorge wäret“ (1. Kor. 7,29-32a). Das ist das Leben der Gemeinde Christi in der Welt. Die Christen leben wie andere Menschen auch. Sie heiraten, sie weinen und sie freuen sich, sie kaufen und sie gebrauchen die Welt zum täglichen Leben. Aber was sie [242] haben, haben sie allein durch Christus und in Christus und um Christi willen, und darum bindet es sie nicht. Sie haben es, als hätten sie es nicht. Sie hängen ihr Herz nicht daran. Sie sind ganz frei. Weil sie das sind, darum können sie die Welt gebrauchen und sollen sie nicht räumen (1. Kor. 5,13). Weil sie frei sind, darum können sie auch die Welt verlassen, wo sie sie in der Nachfolge ihres Herrn hindert. Sie heiraten, freilich des Apostels Meinung ist, daß es seliger ist, wenn sie frei bleiben, sofern es im Glauben geschehen kann (1. Kor. 7,7 u. 33-40). Sie kaufen und treiben Handel, aber es geschieht allein zur Notdurft des täglichen Lebens. Keine Schätze sammeln sie sich, an denen ihr Herz hängt. Sie arbeiten, denn sie sollen nicht müßig gehen. Aber freilich ist Arbeit für sie kein Selbstzweck. Arbeit um der Arbeit willen kennt das Neue Testament nicht. Ein jeder soll sich durch Arbeit das Seine verdienen. Er soll auch etwas haben, um seinen Brüdern abzugeben (1. Thess. 4,11f.; 2. Thess. 3,11f.; Eph. 4,28). Er soll unabhängig sein von denen, „die draußen sind“, den Heiden (1. Thess. 4,12), wie Paulus selbst seinen Ruhm darein setzte, sein eigenes Brot durch seiner Hände Arbeit zu erwerben und sogar von seinen Gemeinden unabhängig zu sein (2. Thess. 3,8; 1. Kor. 9,15). Diese Unabhängigkeit dient dem Verkündiger als besondere Beweiskraft dafür, daß seine Predigt nicht um Gewinnes willen geschieht. Es steht alles ganz im Dienst der Gemeinde. Neben das Gebot der Arbeit tritt das andere: „Sorget nichts! sondern in allen Dingen lasset eure Bitten im Gebet und Flehen mit Danksagungen vor Gott kund werden“ (Phil. 4,6). Die Christen wissen: „Es ist aber ein großer Gewinn, wer gottselig ist und lässet sich genügen. Denn wir haben nichts in die Welt gebracht; darum offenbar ist, wir werden auch nichts hinausbringen. Wenn wir aber Nahrung und Kleider haben, so lasset uns genügen. Denn die da reich werden wollen, die fallen in Versuchung und Stricke und viel törichte und schädliche [243] Lüste“ (1. Tim. 6,6-9). So brauchen die Christen die Güter dieser Welt als solche, die „sich unter den Händen verzehren“ (Kol. 2,22). Sie tun es mit Danksagung und Gebet gegen den Schöpfer aller guten Kreatur (1. Tim. 4,4). Aber sie sind dennoch frei. Sie können satt sein und hungern, übrig haben und Mangel leiden. „Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht, Christus“ (Phil. 4,12f.).

Die Christen sind in der Welt, sie brauchen die Welt, denn sie sind Fleisch und um ihres Fleisches willen kam Christus in die Welt. Sie tun weltliche Dinge. Sie heiraten, aber ihre Ehe wird anders aussehen als die Ehe der Welt. Sie wird „im Herrn“ sein (1. Kor. 7,39). Sie wird im Dienst des Leibes Christi geheiligt sein und in der Zucht des Gebetes und Enthaltsamkeit stehen (1. Kor. 7,5). Sie wird darin ein Gleichnis sein der entsagenden Liebe Christi zu seiner Gemeinde. Ja, ihre Ehe wird ein Teil des Leibes Christi sein. Sie wird Kirche sein (Eph. 5,32). Die Christen kaufen und verkaufen, treiben Handel und Gewerbe, aber sie werden auch dies anders tun als die Heiden. Sie werden einander nicht nur nicht übervorteilen (1. Thess. 4,6), ja, sie werden sogar das der Welt Unbegreifliche tun, sich lieber übervorteilen und Unrecht tun zu lassen, als um „zeitlicher Güter“ willen vor einem heidnischen Gericht sich ihr Recht zu holen. Sie werden, wenn es schon sein muß, ihre Konflikte innerhalb der Gemeinde austragen, vor eigenen Gerichten (1. Kor. 6,1-8).

So führt die christliche Gemeinde ihr eigenes Leben mitten in der Welt und gibt in ihrem ganzen Wesen und Tun jeden Augenblick Zeugnis davon, daß „das Wesen dieser Welt vergeht“ (1. Kor. 7,31), daß die Zeit kurz (1. Kor. 7,23) und der Herr nahe ist (Phil. 4,5). Das erfüllt sie mit höchster Freude (Phil. 4,4). Die Welt wird ihr zu klein, die Wiederkunft des Herrn ist ihr alles. Noch wandelt sie im Fleisch. Aber ihr Blick ist auf den Himmel gerichtet, von dem der wiederkommen wird, auf den sie wartet. Hier ist sie im fremden [244] Lande eine Kolonie fern von der Heimat, eine Fremdlingsgemeinde, die das Gastrecht des Landes genießt, in dem sie lebt, die dem Gesetz dieses Landes gehorcht und seine Obrigkeit ehrt. Was zur Notdurft des Leibes und Lebens gehört, braucht sie dankbar, in allen Dingen erzeigt sie sich ehrbar, gerecht, keusch, linde, still und zum Dienst bereit. Allen Menschen erweist sie die Liebe ihres Herrn, „allermeist aber an des Glaubens Genossen“ (Gal. 6,10; 2. Petr. 1,7). Im Leiden ist sie geduldig und fröhlich und rühmt sich der Trübsal. Sie lebt ihr eigenes Leben unter fremder Obrigkeit und fremdem Recht. Sie betet für alle Obrigkeit und tut ihr damit ihren größten Dienst (1. Tim. 2,1). Aber sie ist nur auf dem Durchzug. Jeden Augenblick kann das Signal zum Weitermarsch ergehen. Dann bricht sie auf und verläßt alle weltliche Freundschaft und Verwandtschaft und folgt allein der Stimme, die gerufen hat. Sie verläßt die Fremde und zieht ihrer Heimat entgegen, die im Himmel ist.

Arm und im Leiden, hungrig und durstig, sanftmütig, barmherzig, friedfertig sind sie, verfolgt und geschmäht von der Welt, und doch sind sie es, um derentwillen allein die Welt noch erhalten wird. Sie schützen die Welt vor dem Zornesgericht Gottes. Sie leiden, damit die Welt noch unter der Geduld Gottes leben kann. Gäste und Fremdlinge sind sie auf Erden (Hebr. 11,13; 13,14; 1. Petr. 2,1). Sie trachten nach dem, was droben ist, nicht nach dem, was auf Erden ist (Kol. 3,3). Denn ihr wahres Leben ist noch nicht offenbar geworden, es ist noch verborgen mit Christo in Gott. Hier liegt ihnen das Widerspiel vor Augen von dem, was sie sein werden. Hier wird allein ihr Sterben sichtbar, ihr heimliches tägliches Sterben am alten Menschen und ihr öffentliches Sterben vor der Welt. Noch sind sie auch sich selbst verborgen. Die linke Hand weiß nicht, was die rechte tut. Gerade als die sichtbare Gemeinde bleiben sie sich selbst ganz unbekannt. Sie sehen allein auf ihren Herrn. Der ist im Himmel und bei ihm ist [245] ihr Leben, auf das sie warten. Wenn aber Christus, ihr Leben, sich offenbaren wird, dann werden sie auch offenbar werden mit ihm in der Herrlichkeit (Kol. 3,4).

Sie wandeln auf Erden und leben im Himmel,

Sie bleiben ohnmächtig und schützen die Welt;

Sie schmecken den Frieden bei allem Getümmel,

Sind arm, doch sie haben, was ihnen gefällt.

Sie stehen im Leiden und bleiben in Freuden,

Sie scheinen ertötet den äußeren Sinnen

Und führen das Leben des Glaubens von innen.

Wenn Christus, ihr Leben, wird offenbar werden,

Wenn er einst sich dar in der Herrlichkeit stellt,

So werden sie mit ihm als Fürsten der Erden

Auch herrlich erscheinen zum Wunder der Welt.

Sie werden regieren, mit ihr triumphieren,

Den Himmel als prächtige Lichter auszieren.

Da wird man die Freude gar offenbar spüren.

Aus „Es glänzet der Christen inwendiges Leben“ von Chr. F. Richter.

Das ist die Gemeinde der Herausgerufenen, die Ekklesia, der Leib Christi auf Erden, die Nachfolger und Jünger Jesu. [246]

Die Heiligen

Die Ekklesia Christi, die Jüngergemeinde, ist der Herrschaft der Welt entrissen. Zwar lebt sie mitten in der Welt. Aber sie ist zu Einem Leib gemacht, sie ist ein eigener Herrschaftsbereich, ein Raum für sich. Sie ist die heilige Kirche (Eph. 5,27), die Gemeinde der Heiligen (1. Kor. 14,34), und ihre Glieder sind die berufenen Heiligen (Röm. 1,7), die in Jesus Christus geheiligt sind (1. Kor. 1,2), auserwählt und ausgesondert, ehe der Welt Grund gelegt wurde (Eph. 1,4). Das war das Ziel ihrer Berufung zu Jesus Christus, ja ihrer Erwählung vor der Gründung der Welt, daß sie heilig und untadelig seien (Eph. 1,4), dazu hatte Christus seinen Leib in den Tod gegeben, daß er die Seinen heilig, unbefleckt und unsträflich vor sich selbst darstellte (Kol. 1,22), das ist die Frucht der Befreiung von der Sünde durch den Tod Christi, daß die, die einstmals ihre Glieder der Ungerechtigkeit liehen, sie nun zum Dienst der Gerechtigkeit gebrauchen, zur Heiligung (Röm. 6,19-22).

Heilig ist allein Gott. Er ist es sowohl in der völligen Absonderung von der sündigen Welt, wie in der Gründung seines Heiligtums mitten in der Welt. So singt Mose mit den Kindern Israel nach dem Untergang der Ägypter dem Herrn, der sein Volk aus der Knechtschaft der Welt erlöst hat, das Loblied: „Herr, wer ist Dir gleich unter den Göttern? Wer ist Dir gleich, der so mächtig, heilig, schrecklich an Ruhm und wundertätig sei? Da Du Deine Hand ausstrecktest, verschlang sie die Erde. Du hast geleitet durch Deine Barmherzigkeit Dein Volk, das Du erlöst hast und hast sie geführt durch Deine Stärke zu Deiner heiligen Wohnung … Du bringest sie hinein und pflanzest sie auf dem Berge Deines Erbteils, [247] den Du Herr, Dir zur Wohnung gemacht hast, zu Deinem Heiligtum, Herr, das Deine Hand bereitet hat“ (Ex. 15,11ff.). Das ist Gottes Heiligkeit, daß er sich mitten in der Welt seine Wohnung, sein Heiligtum bereitet, und von diesem Heiligtum Gericht und Erlösung ausgehen läßt (Psalm 99 u. ö.). Im Heiligtum aber verbindet sich der Heilige mit seinem Volk. Das geschieht durch Versöhnung, die nirgends anders erlangt wird als im Heiligtum (Lev. 16,16ff.). Gott schließt mit seinem Volk einen Bund. Er sondert es aus, er macht es zu seinem Eigentum und verbürgt sich selbst für diesen Bund. „Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der Herr, euer Gott“ (Lev. 19,1), und „ich bin heilig, der Herr, der euch heiligt“ (Lev. 21,8). – Das ist der Grund, auf dem dieser Bund besteht. Alle weiteren Gesetze, die dem Volk gegeben werden, und die es halten soll in Gerechtigkeit, haben zur Voraussetzung und zum Ziel die Heiligkeit Gottes und seiner Gemeinde.

Wie Gott selbst als der Heilige abgesondert ist vom Gemeinen, von der Sünde, so ist es auch die Gemeinde seines Heiligtums. Er hat sie selbst erwählt. Er hat sie zur Gemeinde seines Bundes gemacht. Er hat sie im Heiligtum versöhnt und gereinigt. Das Heiligtum aber ist der Tempel, und der Tempel ist der Leib Christi. So ist im Leib Christi der Wille Gottes zu einer heiligen Gemeinde erfüllt. Abgesondert von Welt und Sünde zum Eigentum Gottes gemacht, ist der Leib Christi das Heiligtum Gottes in der Welt. Gott wohnt in ihm mit dem heiligen Geist.

Wie geht das zu? Wie schafft sich Gott aus sündigen Menschen eine Gemeinde der Heiligen, die von der Sünde vollkommen getrennt ist? Wie wendet Gott die Anklage der Ungerechtigkeit von sich, wenn er sich mit Sündern verbindet? Wie kann der Sünder gerecht sein, und doch Gott gerecht bleiben?

Gott rechtfertigt sich selbst, er führt den Beweis für seine Gerechtigkeit. Im Kreuz Jesu Christi geschieht das Wunder [248] der Selbstrechtfertigung Gottes vor sich selbst und vor den Menschen (Röm. 3,21ff.). Der Sünder soll von der Sünde getrennt werden und doch vor Gott leben. Trennung von der Sünde aber gibt es für den Sünder nur durch den Tod. So sehr ist sein Leben Sünde, daß er sterben muß, soll er von der Sünde frei sein. Nur darin kann Gott gerecht sein, daß er den Sünder tötet. Aber dennoch soll ja der Sünder leben und vor Gott heilig sein? Wie wird das möglich?

Gott selbst wird Mensch, er selbst nimmt unser Fleisch an in Jesus Christus, seinem Sohn, er trägt in seinem Leib unser Fleisch in den Tod am Kreuz. Gott tötet seinen Sohn, der unser Fleisch trägt, und mit seinem Sohn tötet er alles, was Fleisch ist auf Erden. Nun ist es offenbar, daß niemand gut ist denn der einige Gott, daß keiner gerecht ist, als Gott allein. Nun hat Gott den furchtbaren Beweis seiner eigenen Gerechtigkeit geführt (éndeixis tḗs dikaiōsýnēs Röm. 3,26) durch den Tod seines Sohnes. Gott mußte die ganze Menschheit in den Tod geben im Zornesgericht am Kreuz, damit Er allein gerecht sei. Gottes Gerechtigkeit ist offenbar im Tode Jesu Christi. Der Tod Jesu Christi ist der Ort, an dem Gott den gnädigen Beweis seiner Gerechtigkeit geführt, an dem von nun an allein Gottes Gerechtigkeit wohnt. Wer an diesem Tod teil bekommen könnte, bekäme damit auch teil an der Gerechtigkeit Gottes. Nun aber hat Christus unser Fleisch angenommen und an seinem Leib unsere Sünde ans Holz getragen (1. Petr. 2,24). Was an ihm geschah, geschah an uns allen. Er nahm teil an unserem Leben und Sterben, so gewannen wir teil an seinem Leben und Sterben. Mußte Gottes Gerechtigkeit sich in Christi Tod erweisen, so sind wir mit ihm dort, wo Gottes Gerechtigkeit wohnt, an seinem Kreuz, denn er trug unser Fleisch. So gewinnen wir als die Getöteten teil an der Gerechtigkeit Gottes in Jesu Tod. Gottes eigene Gerechtigkeit, die uns Sünder tötet, ist im Tode Jesu seine Gerechtigkeit für uns. Indem im [249] Tode Jesu Gottes Gerechtigkeit hergestellt ist, ist auch für uns, die wir im Tode Jesu eingeschlossen sind, Gottes Gerechtigkeit hergestellt. Gott erweist seine Gerechtigkeit „auf daß er allein gerecht sei und rechtfertige den, der aus dem Glauben an Jesus ist“ (Röm. 3,26). Darin also besteht die Rechtfertigung des Sünders, daß Gott allein gerecht ist und er ganz und gar ungerecht, nicht daß er neben Gott auch noch gerecht sei. Jeder Wille, selbst auch gerecht zu sein, trennt uns ganz und gar von der Rechtfertigung durch die alleinige Rechtfertigung Gottes. Gott allein ist gerecht. Das wird im Kreuz erkannt als Urteil, das über uns als Sünder ergangen ist. Wer sich aber im Glauben im Tode Jesu im Kreuz findet, der empfängt dort, wo er als der Sünder zum Tode verurteilt ist, die Gerechtigkeit Gottes, die am Kreuz triumphiert. Der erfährt gerade als der, der niemals selbst gerecht sein kann und will, sondern der Gott ganz allein gerecht sein läßt, seine Rechtfertigung. Denn nicht anders kann der Mensch vor Gott recht fertig gemacht sein, als in der Erkenntnis, daß Gott allein gerecht und er, der Mensch, ganz und gar Sünder sei. Die Frage, wie wir Sünder vor Gott gerecht sein können, ist im Grunde die Frage, wie Gott gegen uns allein gerecht sei. Unsere Rechtfertigung hat ihren Grund allein in der Rechtfertigung Gottes, „auf daß du (Gott) gerechtfertigt werdest in deinen Worten und den Sieg davon trägst, wenn du gerichtet wirst“ (Röm. 3,4).

Um den Sieg Gottes über unsere Ungerechtigkeit geht es allein, darum, daß Gott gerecht bleibe vor sich selbst, darum, daß er allein gerecht sei. Dieser Sieg Gottes ist im Kreuz errungen. Darum ist dieses Kreuz nicht nur Gericht, sondern Versöhnung (hilastḗrion V. 25) für alle, die glauben, daß im Tode Jesu Gott allein gerecht sei, und die ihre Sünde erkennen. Gottes Gerechtigkeit schafft selbst die Versöhnung (proétheto V. 25). „Gott war in Christo und versöhnte die Welt mit sich selbst“ (2. Kor. 5,19ff.). „Er rechnete ihnen ihre [250] Sünde nicht zu“ – er trug sie selbst und ertrug dafür den Tod des Sünders. „Er hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.“ Dieses Wort will Glauben finden, Glauben, daß Gott allein gerecht sei und in Jesus unsere Gerechtigkeit geworden sei. Aber zwischen Christi Tod und der Botschaft vom Kreuz liegt seine Auferstehung. Nur als der Auferstandene ist er der, dessen Kreuz an uns Macht hat. Die Botschaft vom Gekreuzigten ist immer schon die Botschaft von dem, der nicht im Tode blieb. „So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott vermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Seid versöhnt mit Gott“. Die Botschaft von der Versöhnung ist Christi eigenes Wort. Er ist der Auferstandene, der sich uns bezeugt als der Gekreuzigte im Wort des Apostels: findet euch selbst wieder im Tode Jesu Christi in der Gerechtigkeit Gottes, die uns dort geschenkt ist. Wer sich in Jesu Tod finden wird, findet sich in Gottes alleiniger Gerechtigkeit. „Denn er hat den, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde gemacht, auf daß wir würden die Gerechtigkeit Gottes in ihm“. Der Unschuldige wird getötet, weil er unser sündiges Fleisch trägt, er ist von Gott und der Welt gehaßt und verflucht, zur Sünde gemacht um unseres Fleisches willen. Wir aber finden in seinem Tode Gottes Gerechtigkeit.

Wir sind in ihm in der Kraft seiner Menschwerdung. So starb er für uns, damit wir, die wir Sünder sind, in ihm Gottes Gerechtigkeit würden als die Sünder, die durch Gottes alleinige Gerechtigkeit von der Sünde losgesprochen sind. Ist Christus vor Gott unsere Sünde, die verurteilt werden muß, so sind wir in ihm die Gerechtigkeit, nun aber gewiß nicht unsere eigene Gerechtigkeit (idía dikaiosýnē Röm. 10,3; Phil. 3,9), sondern eben in ganz strengem Sinn allein Gottes Gerechtigkeit. Das also ist Gottes Gerechtigkeit, daß wir als Sünder seine Gerechtigkeit werden, und das ist unsere, d. h. Seine Gerechtigkeit (Jes. 54,7), daß Gott allein gerecht ist und wir [251] von ihm angenommene Sünder. Gottes Gerechtigkeit ist Christus selbst (1. Kor. 1,30). Christus aber ist „Gott mit uns“, „Immanuel“ (Jes. 7,14), Gott unsere Gerechtigkeit (Jer. 33,16).

Die Verkündigung des Todes Christi für uns ist die Rechtfertigungspredigt. Die Eingliederung in den Leib Christi, d. h. in seinen Tod und seine Auferstehung ist die Taufe. Einmal ist Christus gestorben, so wird auch uns Taufe und Rechtfertigung ein für allemal zuteil. Sie sind in strengstem Sinne unwiederholbar. Wiederholbar ist nur die Erinnerung an das, was an uns ein für allemal geschehen ist, und nicht nur wiederholbar, sondern der täglichen Wiederholung bedürftig. Dennoch bleibt die Erinnerung etwas Anderes als die Sache selbst. Wer die Sache selbst verliert, für den gibt es keine Wiederholung. Hier behält der Hebräerbrief recht (6,5f. und 10,26f.). Wo das Salz dumm wird, womit soll man salzen? Für die Getauften heißt es: Wisset ihr nicht…? (Röm. 6,3; 1. Kor. 3,16 und 6,19) und: Haltet euch dafür, daß ihr der Sünde abgestorben seid und lebet Gott in Christo Jesu (Röm. 6,11). Es ist alles geschehen, nicht nur am Kreuz Jesu, sondern auch an euch. Ihr seid von der Sünde getrennt, ihr seid gestorben, ihr seid gerechtfertigt. Damit hat Gott sein Werk vollbracht. Er hat sein Heiligtum auf Erden gegründet durch Gerechtigkeit. Dies Heiligtum heißt Christus, Leib Christi. Die Trennung von der Sünde ist vollzogen durch den Tod des Sünders in Jesus Christus. Gott hat eine von der Sünde gerechtfertigte Gemeinde. Das ist die Gemeinde der Jünger Jesu, die Gemeinde der Heiligen. Sie sind aufgenommen in sein Heiligtum, sie selbst sind sein Heiligtum, sein Tempel. Sie sind aus der Welt herausgenommen und leben in einem neuen eigenen Raum mitten in der Welt.

Von nun an heißen die Christen im Neuen Testament nur noch „die Heiligen“. Der andere Name, der sich denken ließe, nämlich „Gerechte“, findet keinen Eingang. Er vermag [252] nicht in derselben Weise den ganzen Umfang der empfangenen Gabe zu beschreiben. Er ist bezogen auf das einmalige Ereignis der Taufe und Rechtfertigung. Zwar ist das Gedächtnis dieses Ereignisses ein täglich zu wiederholendes. Zwar bleiben die Heiligen die gerechtfertigten Sünder. Aber mit der einmaligen Gabe der Taufe und Rechtfertigung, der täglichen Erinnerung an sie ist uns zugleich im Tode Christi die Gabe der Bewahrung des Lebens der Gerechtfertigten bis an den jüngsten Tag verbürgt. Das Leben in dieser Bewahrung aber ist die Heiligung. Beide Gaben haben denselben Grund, nämlich Jesus Christus den Gekreuzigten (1. Kor. 1,2 und 6,11). Beide Gaben haben Einen Inhalt, nämlich die Gemeinschaft mit Christus. Beide Gaben gehören unlöslich zueinander. Aber sie sind eben darum auch nicht ein und dasselbe. Während die Rechtfertigung dem Christen Gottes geschehene Tat zuspricht, verheißt ihm die Heiligung Gottes gegenwärtiges und zukünftiges Handeln. Während der Glaubende in der Rechtfertigung durch den einmaligen Tod in die Gemeinschaft Jesu Christi versetzt wird, bewahrt ihn die Heiligung in dem Raum, in den er versetzt wurde, in Christo in der Gemeinde. Während bei der Rechtfertigung die Stellung des Menschen zum Gesetz im Vordergrund steht, ist bei der Heiligung die Absonderung von der Welt bis auf die Zukunft Christi entscheidend. Während die Rechtfertigung den einzelnen der Gemeinde eingliedert, bewahrt die Heiligung die Gemeinde mit allen einzelnen. Die Rechtfertigung entreißt den Glaubenden seiner sündigen Vergangenheit, die Heiligung läßt ihn bei Christus bleiben, in seinem Glauben stehen, in der Liebe wachsen. Es mag erlaubt sein, Rechtfertigung und Heiligung in dem Verhältnis von Schöpfung und Erhaltung zu denken. Rechtfertigung ist die Neuschöpfung des neuen Menschen, Heiligung seine Erhaltung und Bewährung bis auf den Tag Jesu Christi.

In der Heiligung erfüllt sich Gottes Wille: „Ihr sollt heilig [253] sein, denn ich bin heilig“ und „ich bin heilig, der Herr, der euch heiligt“. Diese Erfüllung vollbringt Gott, der Heilige Geist. In ihm vollendet sich Gottes Werk am Menschen. Er ist das „Siegel“, mit dem die Gläubigen zu Gottes Eigentum versiegelt werden bis auf den Tag der Erlösung. Wie sie vorher gefangen gehalten wurden unter dem Gesetz als in einem verschlossenen Gefängnis (Gal. 3,23), so sind die Gläubigen nun „in Christo“ abgeschlossen, versiegelt mit Gottes Siegel, dem Heiligen Geist. Niemand darf dies Siegel brechen. Gott selbst hat verschlossen und hält den Schlüssel in der Hand. Das bedeutet, daß Gott nun vollkommen Besitz ergriffen hat von denen, die er in Christo gewonnen hat. Der Kreis ist geschlossen. Im heiligen Geist ist der Mensch Gottes Eigentum geworden. Von der Welt abgeschlossen durch ein unzerbrechliches Siegel, wartet die Gemeinde der Heiligen der letzten Errettung. Wie ein versiegelter Zug im fremden Lande, so geht die Gemeinde durch die Welt. Wie die Arche Noah „inwendig und auswendig mit Pech verpicht“ werden mußte (Gen. 6,14), um durch die Flut gerettet zu werden, so gleicht der Weg der versiegelten Gemeinde der Fahrt der Arche durch die Wasserflut. Ziel der Verschließung ist die Erlösung, die Errettung, das Heil (Eph. 4,30; 1,14; 1. Thess. 5,23; 1. Pet. 1,5 u. ö.) bei der Wiederkunft Christi. Das Pfand aber, das die Versiegelten ihres Ziels gewiß macht, ist eben der Heilige Geist selbst. „Auf daß wir etwas seien zu Lob seiner Herrlichkeit, die wir zuvor auf Christum hofften; durch welchen auch ihr gehört habt das Wort der Wahrheit, das Evangelium von eurer Seligkeit; durch welchen ihr auch, da ihr gläubig wurdet, versiegelt worden seid mit dem Heiligen Geist der Verheißung, welcher ist das Pfand unsers Erbes zu unsrer Erlösung, daß wir sein Eigentum würden zu Lob seiner Herrlichkeit“ (Eph. 1,12-14).

Das ist Heiligung der Gemeinde, daß sie durch Gott abgesondert ist vom Unheiligen, von der Sünde. Das ist ihre [254] Heiligung, daß sie in dieser Versiegelung Gottes erwähltes Eigentum geworden ist, die Wohnung Gottes auf Erden, der Ort von dem Gericht und Versöhnung ausgeht an alle Welt. Das ist Heiligung, daß die Christen nunmehr ganz und gar gerichtet und bewahrt werden auf die Zukunft Christi und ihr entgegen gehen.

Das bedeutet für die Gemeinde der Heiligen ein Dreifaches: Ihre Heiligung wird sich bewähren in der klaren Absonderung von der Welt. Ihre Heiligung wird sich in einem Wandel bewähren, der des Heiligtums Gottes würdig ist. Ihre Heiligung wird verborgen sein im Warten auf den Tag Jesu Christi.

Heiligung gibt es darum – das ist das erste – nur in der sichtbaren Gemeinde. Die Sichtbarkeit der Gemeinde ist ein entscheidendes Merkmal der Heiligung. Der Anspruch der Gemeinde auf Raum in der Welt und die damit gegebene Abgrenzung vom Raum der Welt bezeugt, daß die Gemeinde im Stand der Heiligung ist. Das Siegel des heiligen Geistes versiegelt ja die Gemeinde gegen die Welt. In der Kraft dieses Siegels muß die Gemeinde Gottes Anspruch auf die ganze Welt geltend machen, muß sie zugleich einen bestimmten Raum in der Welt für sich beanspruchen und damit die Grenzen zwischen sich und der Welt klar ziehen. Weil die Gemeinde die von Gott selbst auf dieser Erde gegründete Stadt auf dem Berge – Polis (Mt. 5,14) – ist, weil sie als solche Gottes versiegeltes Eigentum ist, darum gehört ihr „politischer“ Charakter unabdingbar zu ihrer Heiligung. Ihre „politische Ethik“ hat ihren einzigen Grund in ihrer Heiligung, daß Welt Welt sei und Gemeinde Gemeinde, und daß doch das Wort Gottes von der Gemeinde ausgehe über alle Welt als die Botschaft davon, daß die Erde und was darinnen ist, des Herrn ist; das ist der „politische“ Charakter der Gemeinde. Eine persönliche Heiligung, die an dieser öffentlichen sichtbaren Abgrenzung der Gemeinde von der [255] Welt vorübergehen will, verwechselt die frommen Wünsche des religiösen Fleisches mit der im Tode Christi erwirkten Heiligung der Gemeinde durch das Siegel Gottes. Es ist der trügerische Hochmut und die falsche geistliche Sucht des alten Menschen, der heilig sein will außerhalb der sichtbaren Gemeinde der Brüder. Es ist die Verachtung des Leibes Christi als der sichtbaren Gemeinschaft der gerechtfertigten Sünder, die sich hinter der Demut dieser Innerlichkeit versteckt. Verachtung des Leibes Christi, denn es hat Christus gefallen, sichtbar mein Fleisch anzunehmen und ans Kreuz zu tragen; Verachtung der Gemeinschaft, denn ich will für mich heilig sein ohne die Brüder; Verachtung der Sünder, denn ich entziehe mich der sündigen Gestalt meiner Kirche in selbstgewählter Heiligkeit. Heiligung außerhalb der sichtbaren Gemeinde ist Selbstheiligsprechung.

Heiligung durch das Siegel des Heiligen Geistes stellt die Kirche immer in den Kampf. Es ist im Grunde der Kampf um dieses Siegel, daß es nicht gebrochen werde, weder von außen noch von innen, daß nicht die Welt Kirche noch die Kirche Welt sein wolle. Der Kampf der Kirche um den Raum, der dem Leib Christi auf Erden gegeben ist, ist ihre Heiligung. Absonderung der Welt von der Kirche und der Kirche von der Welt ist der heilige Kampf der Kirche um das Heiligtum Gottes auf Erden.

Heiligtum gibt es nur in der sichtbaren Gemeinde. Aber – das ist das zweite – gerade in der Absonderung von der Welt lebt die Gemeinde im Heiligtum Gottes, und in der Gemeinde lebt auch noch ein Stück Welt in diesem Heiligtum. Darum heißt es für die Heiligen, ihrem Beruf und des Evangeliums würdig zu wandeln in allen Stücken (Eph. 4,1; Phil. 1,27; Kol. 1,10; 1. Thess. 2,12); würdig aber werden sie allein darin sein, daß sie sich des Evangeliums täglich erinnern, von dem sie leben. „Ihr seid abgewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerechtfertigt“ (1. Kor. 6,11). Aus dieser Er-[256]innerung täglich zu leben ist ihre Heiligung. Das ist ja die Botschaft, deren sie würdig sein sollen, daß die Welt und das Fleisch tot sind, daß sie gekreuzigt und gestorben sind mit Christus am Kreuz und durch die Taufe, daß die Sünde nicht mehr herrschen kann, weil ihre Königsgewalt schon gebrochen ist, daß es darum gar nicht mehr möglich ist, daß der Christ sündigt. „Wer aus Gott geboren ist, der sündigt nicht“ (1. Joh. 3,9).

Der Bruch ist vollzogen. Der „vorige“ Wandel (Eph. 4,22) ist zu Ende gebracht. „Ihr wart weiland Finsternis, nun aber seid ihr ein Licht in dem Herrn“ (Eph. 5,8). Vorher vollbrachten sie die schändlichen und „unfruchtbaren Werke des Fleisches“, jetzt wirkt der Geist die Frucht der Heiligung.

So dürfen die Christen nicht mehr „Sünder“ genannt werden, sofern darunter solche verstanden sind, die unter der Gewalt der Sünde leben (hamartōloi vergl. als einzige Ausnahme und Selbstaussage 1. Tim. 1,15), vielmehr, einst waren sie Sünder, Gottlose, Feinde (Rö. 5,8 u. 19; Gal. 2,15 u. 17), nun aber sind sie die Heiligen um Christi willen. Als Heilige werden sie erinnert und ermahnt zu sein, was sie sind. Nicht das Unmögliche wird gefordert, daß die, die Sünder sind, heilig seien, – das wäre der völlige Rückfall in die Werkerei und Lästerung Christi –, sondern die Heiligen sollen heilig sein; denn sie sind geheiligt in Christus Jesus durch den Heiligen Geist.

Von einem furchtbar schwarzen Hintergrund hebt sich das Leben der Heiligen ab. Die finstern Werke des Fleisches werden durch das helle Licht des Lebens im Geist ganz aufgedeckt: „Ehebruch, Hurerei, Uneinigkeit, Unzucht, Abgötterei, Zauberei, Feindschaft, Hader, Neid, Zorn, Zank, Zwietracht, Rotten, Haß, Mord, Saufen, Fressen und dergleichen“ (Gal. 5,19). Dies alles hat in der Gemeinde Christi keinen Raum mehr. Es ist abgetan und am Kreuz gerichtet und zu Ende gebracht. Es ist den Christen von Anfang an gesagt, [257] daß „die solches tun, das Reich Gottes nicht ererben werden“ (Gal. 5,21; Eph. 5,5; 1. Kor. 6,9; Röm. 1,32). Diese Sünden trennen vom ewigen Heil. Wird aber eines dieser Laster in der Gemeinde dennoch offenbar, so muß das den Ausschluß aus der Gemeinschaft der Gemeinde nach sich ziehen (1. Kor. 5,1ff.).

Es ist auffallend, daß in den sogenannten Lasterkatalogen eine weitgehende Gemeinsamkeit in der Aufzählung der Sünden begegnet. Fast ausnahmslos steht an erster Stelle die Sünde der Hurerei (porneía), die mit dem neuen Leben des Christen unvereinbar ist. Meist folgt dann die Sünde der Habgier (pleonexía 1. Kor. 5,10; 6,10; Eph. 4,19; 5,3.5; Kol. 3,5; 1. Thess. 4,4ff.), die mit der vorigen zusammengefaßt werden kann als „Unreinigkeit“ und „Abgötterei“ (1. Kor. 5,10; 6,9; Gal. 5,3 u. 19; Kol. 3,5 u. 8). Es folgen dann die Sünden gegen die Bruderliebe, schließlich die Sünde der Schwelgerei[17]. Es ist gewiß nicht zufällig, daß in der Reihe der Sünden die Sünde der Hurerei am Anfang steht. Der Grund hierfür liegt nicht in besonderen Zeitverhältnissen, sondern in der besonderen Art dieser Sünde. In ihr lebt die Sünde Adams wieder auf, selbst wie Gott sein zu wollen, Schöpfer des Lebens sein zu wollen, herrschen und nicht dienen zu wollen. In ihr greift der Mensch über die ihm von Gott gesetzten Grenzen hinaus und vergreift sich an Gottes Geschöpfen. Es war die Sünde Israels, daß es immer wieder die Treue seines Herrn verleugnete und „mit den Abgöttern Hurerei“ trieb (1. Kor. 10,7), sich an sie hängte. Hurerei ist zuerst Sünde gegen Gott den Schöpfer. Es ist für den Christen aber in besonderer Weise Sünde gegen den Leib Christi selbst; denn der Leib des Christen ist ein Glied Christi. Er gehört allein Christus zu. Die leibliche Vereinigung mit der Hure aber [258] hebt die geistliche Gemeinschaft mit Christus auf. Wer Christus seinen Leib raubt und ihn der Sünde leiht, der hat sich von ihm getrennt. Die Hurerei ist Sünde am eigenen Leib. Der Christ aber soll wissen, daß auch sein Leib Tempel des Heiligen Geistes ist, der in ihm wohnt (1. Kor. 6,13ff.). So eng ist die Gemeinschaft des Leibes des Christen mit Christus, daß er auch mit seinem Leib nicht zugleich der Welt gehören kann. Die Gemeinschaft des Leibes Christi verbietet die Sünde gegen den eigenen Leib. Den Hurer muß der Zorn Gottes treffen (Röm. 1,29; 1. Kor. 1,5f.; 7,2; 10,7; 2. Kor. 12,21; Hebr. 12,16; 13,4). Der Christ ist keusch, er gibt seinen Leib ganz in den Dienst des Leibes Christi. Er weiß, daß mit dem Leiden und Sterben des Leibes Christi am Kreuz auch sein Leib getroffen und dem Tode anheim gegeben ist. Die Gemeinschaft mit dem gemarterten und verklärten Leibe Christi befreit den Christen von der Zuchtlosigkeit des leiblichen Lebens. Die wilden leiblichen Begierden sterben täglich in dieser Gemeinschaft. In Zucht und Enthaltsamkeit dient der Christ mit seinem Leib allein der Auferbauung des Leibes Christi, der Gemeinde. Er tut das auch in der Ehe und macht sie dadurch selbst zu einem Stück des Leibes Christi.

Mit der Hurerei ist die Habgier verbunden. Die Unersättlichkeit des Begehrens ist beiden gemeinsam und läßt auch den Habgierigen der Welt verfallen. Du sollst nicht begehren, sagt Gottes Gebot. Der Hurer und der Habgierige sind nichts als Begierde. Der Hurer begehrt den Besitz eines andern Menschen. Der Habgierige begehrt den Besitz der Güter der Welt. Der Habgierige will Herrschaft und Macht, aber er wird zum Knecht der Welt, an die er sein Herz gehängt hat. Hurerei und Habgier bringen den Menschen mit der Welt in eine Berührung, die ihn befleckt und unrein macht. Hurerei und Habgier sind Abgötterei, weil hier des Menschen Herz nicht mehr Gott und Christus zugehört, sondern den begehrten Gütern der eigenen Welt. [259]

Wer sich aber seinen Gott und seine Welt selbst schafft, wem seine eigene Sucht zum Gott wird, der muß den Bruder hassen, der ihm im Wege steht und seinen Willen hindert. Streit, Haß, Neid, Mord gehen alle aus der Quelle der eigenen Begierde hervor. „Woher kommt Streit und Krieg unter euch? Kommt’s nicht daher, aus euren Wollüsten, die da streiten in euren Gliedern?“ (Jak. 1,4f.). Der Hurer und der Habgierige kann keine Bruderliebe kennen. Er lebt aus der Finsternis seines eigenen Herzens. Indem er sich am Leibe Christi versündigt, versündigt er sich an seinem Bruder. Hurerei und Bruderliebe schließen sich aus um des Leibes Christi willen. Der Leib, den ich der Gemeinschaft des Leibes Christi entziehe, kann auch dem Nächsten nicht dienen. Wiederum muß der Nichtachtung des eigenen Leibes und des Bruders die freche, gottlose Schwelgerei in Fressen und Saufen folgen. Wer seinen Leib verachtet, der verfällt seinem Fleisch und „sein Bauch wird ihm sein Gott sein“ (Röm. 16,18). Die Häßlichkeit dieser Sünde besteht darin, daß sich hier das tote Fleisch selbst pflegen will und so den Menschen auch in seiner äußeren Gestalt schändet. Der Schwelger hat am Leibe Christi keinen Teil.

Die Welt dieser Laster ist für die Gemeinde Vergangenheit. Von denen, die in solchen Lastern leben, hat sich die Gemeinde getrennt und soll sie sich immer wieder trennen (1. Kor. 5,9ff.); denn „was hat das Licht für Gemeinschaft mit der Finsternis“ (2. Kor. 6,14ff.)? Dort sind „die Werke des Fleisches“, hier ist „die Frucht des Geistes“ (Gal. 5,19ff.; Eph. 5,9).

Was heißt Frucht? Es sind viele „Werke“ des Fleisches, aber es ist nur eine „Frucht“ des Geistes. Werke werden gewirkt von Menschenhand, die Frucht treibt und wächst, ohne daß der Baum es weiß. Werke sind tot, die Frucht lebt und ist Träger von Samen, der neue Frucht hervorbringt. Werke können für sich da sein, die Frucht ist niemals ohne den [260] Baum. Frucht ist immer das ganz Wunderbare, Gewirkte, sie ist nicht ein Gewolltes, sondern ein Gewachsenes. Die Frucht des Geistes ist von Gott allein gewirkte Gabe. Wer sie trägt, weiß von ihr so wenig, wie der Baum von seiner Frucht. Er weiß allein von der Kraft dessen, aus dem er lebt. Es gibt hier keinen Ruhm, sondern allein die immer innigere Vereinigung mit dem Ursprung, mit Christus. Die Heiligen wissen selbst nicht um die Frucht der Heiligung, die sie bringen. Die linke Hand weiß nicht, was die rechte tut. Wollten sie hier etwas wissen, wollten sie hier in Selbstbetrachtung fallen, dann hätten sie sich schon von der Wurzel losgerissen und die Zeit ihres Fruchttragens wäre dahin. „Die Frucht des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit, Glaube, Sanftmut, Keuschheit“ (Gal. 5,22). Neben der Heiligkeit der Gemeinde tritt hier die Heiligung des Einzelnen ins hellste Licht. Aber die Quelle ist ein- und dieselbe, die Gemeinschaft mit Christus, die Gemeinschaft am selben Leibe. Wie die Absonderung von der Welt nur im fortwährenden Kampf sichtbar vollzogen wird, so besteht auch die persönliche Heiligung im Kampf des Geistes gegen das Fleisch. Die Heiligen sehen nur Streit, Not, Schwachheit und Sünde in ihrem eigenen Leben; und je reifer sie in der Heiligung stehen, desto mehr erkennen sie sich als die Unterliegenden, als die Sterbenden nach dem Fleisch. „Welche Christo angehören, die kreuzigen ihr Fleisch samt den Lüsten und Begierden“ (Gal. 5,24). Noch leben sie im Fleisch, aber eben darum muß ihr ganzes Leben ein Glaube an den Sohn Gottes sein, der in ihnen Sein Leben angefangen hat (Gal. 2,20). Der Christ stirbt täglich (1. Kor. 15,31), aber ob sein Fleisch darunter leidet und zugrunde geht, so wird doch der innere Mensch von Tag zu Tag erneuert (2. Kor. 4,6). Das Sterben der Heiligen nach ihrem Fleisch hat seinen einzigen Grund darin, daß Christus durch den Heiligen Geist sein Leben in ihnen angefangen hat. Die Heiligen ster-[261]ben an Christus und seinem Leben. Nun brauchen sie keine eigenen selbstgewählten Leiden mehr zu suchen, wodurch sie sich nur abermals in ihrem Fleisch behaupten würden. Christus ist ihr täglicher Tod und ihr tägliches Leben.

Darum gilt aber für sie in vollem Maße der Jubel, daß der von Gott Geborene nicht mehr sündigen kann, daß die Sünde über sie nicht mehr herrscht, daß sie der Sünde gestorben sind und im Geiste leben[18]. „So ist nichts Verdammliches in denen, die in Christus Jesus sind“ (Röm. 8,1). Gott hat Gefallen an seinen Heiligen; denn er selbst ist es, der ihren [262] Kampf und ihr Sterben wirkt, und eben darin die Frucht der Heiligung treiben läßt, von der die Heiligen ganz gewiß sein sollten, daß sie da ist, auch wenn sie ihnen tief verborgen bleibt. Freilich, es ist nicht so, daß nun weiterhin Hurerei, Geiz, Mord, Bruderhaß in der Gemeinde herrschen kann unter der Botschaft von der Vergebung. Es ist auch nicht so, daß die Frucht der Heiligung unsichtbar bleiben kann. Aber gerade dort, wo sie weithin sichtbar wird, wo die Welt im Anblick der christlichen Gemeinde sprechen muß, wie in den ersten Tagen der Christenheit: „Sehet, wie lieb sie einander haben“, gerade dort werden die Heiligen ganz allein und unentwegt auf den sehen, dem sie angehören, werden sie unwissend um ihr Gutes Vergebung erbitten für ihre Sünden. Dieselben Christen, die es sich zu eigen machen, daß die Sünde nicht mehr herrscht, daß der Glaubende nicht mehr sündigt, werden bekennen: „So wir sagen, wir haben keine Sünde, so verführen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. So wir aber unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, daß er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Untugend. So wir sagen, wir haben nicht gesündigt, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns. Meine Kindlein, solches schreibe ich euch, auf daß ihr nicht sündiget. Und ob jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesum Christum, der gerecht ist“ (1. Joh. 1,8-2,1). So hat sie der Herr selbst gelehrt zu beten: Vergib uns unsere Schuld. So hat er sie geheißen, einander die Sünden zu vergeben ohne Aufhören (Eph. 4,32; Mt. 18,21ff.). Indem die Christen einander brüderlich vergeben, geben sie der Vergebung Jesu Raum in ihrer Gemeinschaft. Sie erkennen in dem Andern nicht mehr den, der ihnen etwas zuleide tat, sondern den, dem Christus am Kreuz die Vergebung erwirkt hat. Sie begegnen einander als die durch Jesu Kreuz Geheiligten. Unter diesem Kreuz wird durch tägliches Sterben ihr Denken, ihr Wort, ihr Leib ge-[263]heiligt. Unter diesem Kreuz wächst die Frucht der Heiligung.

Die Gemeinde der Heiligen ist nicht die „ideale“ Gemeinde der Sündlosen und Vollkommenen. Es ist nicht die Gemeinde der Reinen, die dem Sünder keinen Raum zur Buße mehr gibt. Sie ist vielmehr gerade die Gemeinde, die sich des Evangeliums von der Sündenvergebung würdig erweist, indem hier wahrhaftig Gottes Vergebung verkündigt wird, die nichts mehr mit Selbstvergebung zu schaffen hat; die Gemeinde derer, denen wahrhaftig Gottes teure Gnade widerfahren ist, und die darin des Evangeliums würdig wandeln, daß sie es nicht verschleudern und wegwerfen.

Damit ist gesagt, daß in der Gemeinde der Heiligen Vergebung nur gepredigt werden kann, wo auch Buße gepredigt wird, wo das Evangelium nicht ohne Gesetzespredigt bleibt, wo die Sünden nicht nur und nicht bedingungslos vergeben, sondern auch behalten werden. So ist es der Wille des Herrn selbst, daß das Heiligtum des Evangeliums nicht den Hunden gegeben wird, sondern daß es nur im Schutz der Bußpredigt gepredigt werden kann. Eine Gemeinde, die nicht Sünde Sünde nennt, kann auch keinen Glauben finden, wo sie Sünde vergeben will. Sie versündigt sich am Heiligtum, sie wandelt unwürdig des Evangeliums. Sie ist unheilige Gemeinde, weil sie die teure Vergebung des Herrn verschleudert. Nicht damit ist es getan, daß über die allgemeine Sündhaftigkeit der Menschen auch in seinen guten Werken geklagt wird, das ist keine Bußpredigt, sondern konkrete Sünde muß genannt, gestraft und gerichtet werden. Das ist der rechte Gebrauch der Schlüsselgewalt (Mt. 16,19; 18,18; Joh. 20,23), die der Herr seiner Kirche gegeben hat, und von der die Reformatoren noch so nachdrücklich gesprochen haben. Um des Heiligtums willen, um der Sünder willen und um der Gemeinde willen muß in der Gemeinde auch der Schlüssel des Bindens, des Sündenbehaltens geübt werden. [264] Zum würdigen Wandel der Gemeinde vor dem Evangelium gehört die Übung der Gemeindezucht. Ebenso wie die Heiligung die Abscheidung der Gemeinde von der Welt bewirkt, muß sie auch die Abscheidung der Welt von der Gemeinde bewirken. Eins ohne das Andre bleibt unecht und unwahr. Die Gemeinde, die von der Welt abgesondert ist, muß nach innen Gemeindezucht üben.

Gemeindezucht dient nicht der Herstellung einer Gemeinde der Vollkommenen, sondern allein der Erbauung einer Gemeinde derer, die wahrhaftig unter Gottes vergebender Barmherzigkeit leben. Gemeindezucht steht im Dienst der teuren Gnade Gottes. Der Sünder in der Gemeinde muß vermahnt und gestraft werden, damit er nicht seines Heils verlustig gehe, und damit das Evangelium nicht mißbraucht werde. So kann nur der die Taufgnade empfangen, der Buße tut und seinen Glauben an Jesus Christus bekennt. So kann nur der die Gnade des Abendmahls empfangen, der „unterscheiden kann“ (1. Kor. 11,29) zwischen dem wahrhaftigen Leib und Blut Jesu Christi zur Vergebung der Sünden und irgendeinem anderen Mahl symbolischer oder sonstiger Art. Dazu gehört wiederum, daß er sich ausweisen kann über seine Glaubenserkenntnis, daß er sich „prüft“ oder sich der Prüfung durch den Bruder unterwirft, ob er wahrhaftig Christi Leib und Blut und seine Vergebung begehrt. Zum Glaubensverhör tritt die Beichte, in der der Christ die Gewißheit der Vergebung seiner Sünden sucht und empfängt. Hier gibt Gott dem Sünder Hilfe aus der Gefahr des Selbstbetruges und der Selbstvergebung. In dem Bekenntnis der Sünde vor seinem Bruder stirbt das Fleisch mit seinem Stolz. Es wird mit Christus in die Schande und in den Tod gegeben, und durch das Wort der Vergebung ersteht ein neuer Mensch, der der Barmherzigkeit Gottes gewiesen ist. So gehört der Gebrauch der Beichte in das Leben der Heiligen. Sie ist Gottes Gnadengabe, die nicht ungestraft mißbraucht wird. [265] In der Beichte wird Gottes teure Gnade empfangen. Hier wird der Christ dem Tode Christi ähnlich. „Darum wenn ich zur Beichte vermahne, so tue ich nichts anders, denn daß ich vermahne, ein Christ zu sein“ (Luther, Großer Katechismus).

Die Zucht durchwaltet das ganze Leben der Gemeinde. Es besteht hier eine im Dienst der Barmherzigkeit wohlbegründete Stufenreihe. Der Ursprung aller Zuchtübung bleibt die Verkündigung des Wortes nach beiden Schlüsseln. Sie bleibt nicht beschränkt auf die gottesdienstliche Versammlung, Vielmehr ist der Amtsträger niemals von seinem Auftrag entbunden. „Predige das Wort, halte an, die Zeit sei günstig oder ungünstig, strafe, drohe, ermahne mit aller Geduld und Lehre“ (2. Tim. 4,2). Das ist der Beginn der Gemeindezucht. Dabei muß sogleich deutlich sein, daß hier nur Sünden gestraft werden können, die offenbar geworden sind. „Etlicher Menschen Sünden sind offenbar, daß man sie zuvor richten kann, bei etlichen aber wird sie hernach offenbar“ (1. Tim. 5,24). So ist die Gemeindezucht eine Verschonung vor der Strafe des letzten Gerichts.

Versagt die Gemeindezucht aber schon auf dieser ersten Stufe, d. h. in dem täglichen Hirtendienst des Amtsträgers, so ist damit auch alles folgende in Frage gestellt. Die zweite Stufe nämlich ist die brüderliche Vermahnung der Gemeindeglieder untereinander: „lehret und vermahnet euch untereinander“ (Kol. 3,16; 1. Thess. 5,11 u. 14). Zur Vermahnung gehört auch das Trösten der Kleinmütigen, Tragen der Schwachen, Geduld üben gegen jedermann (1. Thess. 5,14). Allein so kann ja der täglichen Anfechtung und dem Abfall in der Gemeinde gewehrt werden.

Wo solcher brüderlicher Dienst in der Gemeinde nicht mehr lebt, da wird auch schwerlich die dritte Stufe recht erreicht werden. Fällt nämlich dennoch ein Bruder in offenbare Sünde des Wortes oder der Tat, so muß die Gemeinde die Kraft [266] haben, das eigentliche Gemeindezuchtverfahren gegen ihn einzuleiten. Auch dieses ist ein langer Weg: Die Gemeinde muß sich zunächst überwinden können, sich von dem Sünder zu trennen. „Habt nichts mit ihm zu schaffen“ (2. Thess. 3,14), „Weichet von ihnen“ (Röm. 16,17), „Ihr sollt auch nicht mit ihm essen“ (Abendmahl?) (1. Kor. 5,11), „Meide solche“ (2. Tim. 3,5; 1. Tim. 6,4). „Wir gebieten euch aber, liebe Brüder, in dem Namen unseres Herrn Jesu Christi (!), daß ihr euch entziehet von jedem Bruder, der da unordentlich wandelt und nicht nach der Satzung, die ihr von uns empfangen habt“ (2. Thess. 3,6). Dieses Verhalten der Gemeinde ist dazu da, den Sünder „schamrot“ werden zu lassen (2. Thess. 3,14), und ihn dadurch zurückzugewinnen. Gewiß schließt dieses Meiden des Sünders auch seinen zeitweiligen Ausschluß aus den Handlungen der Gemeinde in sich. Doch soll solches Meiden des offenbaren Sünders nicht schon die Aufhebung jeder Gemeinschaft sein. Vielmehr soll die Gemeinde, die sich vom Sünder trennt, diesem weiterhin begegnen mit dem Wort der Vermahnung „Haltet ihn nicht als einen Feind, sondern vermahnet ihn als einen Bruder“ (2. Thess. 3,15). Der Sünder bleibt noch Bruder und erfährt eben darum Strafe und Vermahnung der Gemeinde. Es ist barmherzige Brüderlichkeit, die die Gemeinde Zucht üben läßt. Mit aller Sanftmut müssen die Widerspenstigen gestraft, die Bösen getragen werden, „ob ihnen Gott nicht dermaleinst Buße gäbe, die Wahrheit zu erkennen, daß sie wieder nüchtern werden und der Schlinge des Teufels entgehen und sich von Ihm einfangen lassen in seinen Willen“ (2. Tim. 2,26). Der Weg dieser Vermahnung wird je nach dem Sünder ein verschiedener sein, aber er wird immer dasselbe Ziel haben, zur Buße und zur Versöhnung zu führen. Kann die Sünde verborgen bleiben zwischen dir und dem Sünder, so sollst du sie nicht offenbaren, vielmehr sollst du ihn allein strafen und zur Buße rufen, „so hast du einen Bruder gewonnen“. Hört er dich [267] aber nicht, sondern verharrt er in seiner Sünde, so sollst du abermals nicht sogleich die Sünde offenbaren, sondern sollst dir einen oder zwei Zeugen suchen (Mt. 18,15f.). Des Zeugen bedarf es sowohl wegen des sündigen Tatbestandes – d. h. ist derselbe nicht zu erweisen und wird er von dem Gemeindeglied geleugnet, so befehle man die Sache Gott; Zeugen, nicht Inquisitoren sind die Brüder! – als auch wegen der Verstockung des Sünders gegen die Buße. Die Heimlichkeit der Zuchtübung soll dem Sünder die Umkehr erleichtern. Hört er auch jetzt nicht oder ist die Sünde sowieso schon offenbar vor der ganzen Gemeinde, dann ist es Sache der ganzen Gemeinde, den Sünder zu ermahnen, zur Umkehr zu rufen (Mt. 18,17; vgl. 2. Thess. 3,14). Ist der Sünder Träger eines Amtes der Gemeinde, so soll er nur auf zweier oder dreier Zeugen Anklage hin verklagt werden. „Die da sündigen, die strafe vor allen, auf daß sich auch die anderen fürchten“ (1. Tim. 5,20). Nun ist die Gemeinde aufgerufen, mit dem Amtsträger zusammen das Schlüsselamt zu verwalten. Der öffentliche Spruch bedarf der öffentlichen Vertretung der Gemeinde und des Amtes. „Ich beschwöre dich vor Gott und dem Herrn Jesus Christus und den auserwählten Engeln, daß du solches haltest ohne eigenes Vorurteil und nichts tust nach Gunst“ (1. Tim. 5,21); denn nun soll Gottes eigenes Urteil über den Sünder ergehen. Tut dieser aufrichtige Buße, bekennt er öffentlich seine Sünde, so empfängt er die Vergebung aller seiner Sünden im Namen Gottes (vgl. 2. Kor. 2,6ff.), beharrt er bei seiner Sünde, so muß ihm die Gemeinde im Namen Gottes seine Sünde behalten. Das aber bedeutet den Ausschluß aus jeder Gemeinschaft der Gemeinde. „Halte ihn für einen Heiden und Zöllner“ (Mt. 18,17), „Wahrlich, ich sage euch; was ihr auf Erden binden werdet, soll auch im Himmel gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel los sein“ … „Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter [268] ihnen“ (18,18ff.). Im Ausschluß aus der Gemeinde aber wird nur bestätigt, was schon Tatsache ist, nämlich, daß der unbußfertige Sünder ein solcher ist, der „sich selbst verurteilt hat“ (Tit. 3,10). Nicht die Gemeinde verurteilt ihn, er selbst hat sich das Urteil gesprochen. Diesen vollkommenen Ausschluß bezeichnet Paulus mit „dem Satan übergeben“ (1. Kor. 5,5; 1. Tim. 1,20). Der Schuldige wird der Welt zurückgegeben, in der der Satan herrscht und den Tod wirkt. (Daß hier nicht an einen Akt der Todesstrafe wie Apg. 5 gedacht ist, beweist ein Vergleich von 1. Tim. 1,20 und 2. Tim. 2,17; 2. Tim. 4,15). Der Schuldige ist aus der Gemeinschaft des Leibes Christi ausgestoßen, weil er sich selbst getrennt hat. Kein Anrecht an die Gemeinde steht ihm mehr zu. Dennoch bleibt auch dieses letzte Handeln noch ganz im Dienste des Heilszieles mit dem Betroffenen, „daß der Geist selig werde am Tage des Herrn Jesu“ (1. Kor. 5,5), „daß er gezüchtigt werde, nicht mehr zu lästern“ (1. Tim. 1,20). Die Rückkehr zur Gemeinde oder die Erlangung des Heils bleibt das Ziel der Gemeindezucht. Sie bleibt pädagogisches Handeln. So gewiß der Spruch der Gemeinde in Ewigkeit besteht, wo der andere nicht Buße tut, so ist dieser Spruch, in dem dem Sünder das Heil genommen werden muß, nur das letztmögliche Angebot der Gemeinschaft der Gemeinde und des Heils[19][20]. [269]

So bewährt sich die Heiligung der Gemeinde in ihrem Wandel, der des Evangeliums würdig ist. Sie bringt die Frucht des Geistes und steht in der Zucht des Wortes. In alledem bleibt sie Gemeinde derer, deren Heiligung allein Christus ist (1. Kor. 1,30) und die dem Tag der Wiederkunft entgegengeht.

Damit stehen wir bei der dritten Bestimmung echter Heiligung. Alle Heiligung ist auf das Bestehen am Tage Jesu Christi gerichtet. „Jaget nach der Heiligung, ohne welche [270] wird niemand den Herrn sehen“ (Hebr. 12,14). Heiligung ist immer auf das Ende bezogen. Sie hat ihr Ziel nicht darin, vor dem Urteil der Welt oder vor dem eigenen Urteil, sondern vor dem Herrn bestehen zu können. Vor sich selbst und vor der Welt mag ihre Heiligkeit Sünde, ihr Glaube Unglaube, ihre Liebe Härte, ihre Zucht Schwäche sein. Ihre wahre Heiligkeit bleibt verborgen. Aber Christus selbst bereitet sich seine Gemeinde, so daß sie vor ihm bestehen kann. „Ihr Männer, liebet eure Weiber, gleichwie Christus auch [271] geliebt hat die Gemeinde und hat sich selbst für sie gegeben, auf daß er sie heiligte, und hat sie gereinigt durch das Wasserbad im Wort, auf daß er sie sich selbst darstellte als eine Gemeinde, die herrlich sei, die nicht habe einen Flecken oder Runzel oder des etwas, sondern daß sie heilig sei und unsträflich“ (Eph. 5,25-27; Kol. 1,22; Eph. 1,4). Vor Jesus Christus kann nur die geheiligte Gemeinde bestehen; der die Feinde Gottes versöhnte und sein Leben für die Gottlosen gab, der tat es, damit seine Gemeinde heilig sei bis zu seiner Wiederkunft. Das geschieht durch die Versiegelung mit dem Heiligen Geist, wodurch die Heiligen im Heiligtum der Gemeinde verschlossen und bewahrt werden bis auf den Tag Jesu Christi. An jenem Tage sollen sie nicht mit Befleckung und Schande, sondern an Geist, Seele und Leib heilig und unsträflich vor ihm erfunden werden (1. Thess. 5,23). „Wisset ihr nicht, daß die Ungerechten werden das Reich Gottes nicht ererben? Lasset euch nicht verführen! Weder die Hurer noch die Abgöttischen noch die Ehebrecher noch die Weichlinge noch die Knabenschänder noch die Diebe noch die Geizigen noch die Trunkenbolde noch die Lästerer noch die Räuber werden das Reich Gottes ererben. Und solche sind euer etliche gewesen; aber ihr seid abgewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesu und durch den Geist unseres Gottes“ (1. Kor. 6,9-11). Darum trotze keiner auf Gottes Gnade, der in der Sünde verharren will! Nur die geheiligte Gemeinde wird am Tage Jesu Christi errettet werden vor dem Zorn; denn der Herr wird nach den Werken richten und die Person nicht ansehen. Es wird eines jeglichen Werk offenbar werden, und er wird einem jeglichen geben „danach er gehandelt hat bei leiblichem Leben, es sei gut oder böse“ (2. Kor. 5,10; Röm. 2,6ff.; Mt. 16,26). Was hier auf Erden sein Urteil nicht empfangen hat, das wird am Gerichtstage nicht verborgen bleiben, es muß alles ans Licht. Wer wird dann bestehen? Der in guten [272] Werken erfunden wird. Nicht die Hörer, sondern die Täter des Gesetzes werden gerechtfertigt werden (Röm. 2,13). Es ist des Herrn eigenes Wort, daß in sein Himmelreich nur die kommen können, die den Willen seines Vaters im Himmel tun.

Weil wir nach unseren Werken gerichtet werden, darum ist uns das „gute Werk“ geboten. Die Furcht vor dem guten Werk, mit der wir unsere bösen Werke rechtfertigen wollen, ist der Bibel allerdings fremd. Nirgends setzt die Schrift den Glauben so gegen das gute Werk, daß sie in dem guten Werk die Zerstörung des Glaubens sieht, vielmehr ist es das böse Werk, das den Glauben hindert und vernichtet. Gnade und Tun gehören zusammen. Es gibt keinen Glauben ohne das gute Werk, wie es kein gutes Werk ohne Glauben gibt[21]. Um seines Heils willen sind dem Christen gute Werke vonnöten; denn wer in bösen Werken erfunden wird, der wird das Reich Gottes nicht sehen. Darum ist das gute Werk das Ziel des Christseins. Weil in diesem Leben nur eins wichtig ist, nämlich wie der Mensch im letzten Gericht bestehen kann, und weil jeder nach seinen Werken gerichtet werden wird, darum geht es in allem um die Bereitung des Christen zum guten Werk. So hat auch die Neuschöpfung des Menschen in Christus die guten Werke zum Ziel. „Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch den Glauben, und das nicht aus euch, [273] Gottes Gabe ist es; nicht aus den Werken, auf daß sich nicht jemand rühme. Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christo Jesu zu guten Werken, zu welchen Gott uns zuvor bereitet hat, daß wir darin wandeln sollen“ (Eph. 2,8-10; vgl. 2. Tim. 2,21; 3,17; Tit. 1,16; 3,1.8.14). Hier ist alles ganz deutlich. Das Ziel ist die Herstellung des guten Werkes, das Gott fordert. Gottes Gesetz bleibt aufgerichtet und muß erfüllt werden (Röm. 3,31). Das geschieht durch das gute Werk. Es gibt aber nur ein gutes Werk, das ist Gottes Werk in Christus Jesus. Durch Gottes eigenes Werk in Christus sind wir selig geworden, nicht durch unsere eigenen Werke. So fällt uns niemals ein Ruhm aus eigenen Werken zu; denn wir sind sein Werk. Aber dazu sind wir neu geschaffen in Christus, daß wir in ihm zu guten Werken kämen.

Alle unsere guten Werke aber sind allein Gottes eigene gute Werke, zu denen er uns zuvor bereitet hat. Also gute Werke sind zwar geboten um des Heils willen, und gute Werke sind doch immer nur die Werke, die Gott selbst an uns wirkt. Sie sind sein Geschenk. Wir selbst sind es, die in guten Werken wandeln sollen, die jeden Augenblick zu guten Werken gefordert sind, und wir wissen doch, daß wir mit unseren Werken vor Gottes Gericht niemals bestehen könnten, sondern daß es Christus allein ist und sein Werk, an das wir uns im Glauben klammern. So verheißt Gott denen, die in Christus Jesus sind, gute Werke, mit denen sie einst bestehen können, er verheißt ihnen die Bewahrung in der Heiligung bis zum Tage Jesu. Wir aber können dieser Verheißung Gottes nur glauben auf sein Wort hin, und hingehen und in den guten Werken wandeln, zu denen er uns bereitet hat.

So bleibt unsern Augen unser gutes Werk gänzlich entzogen. Unsere Heiligung bleibt uns verborgen bis auf den Tag, da alles offenbar wird. Wer hier etwas sehen will, wer sich hier selbst offenbar werden will und nicht in Geduld warten, der hat seinen Lohn dahin. Gerade in unserem vermeintlich sicht-[274]baren Fortschritt der Heiligung, an dem wir uns freuen wollen, sind wir erst recht in die Buße gerufen und erkennen wir unsere Werke als durch und durch sündig. Wir sind aber zur immer größeren Freude an unserem Herrn gerufen. Gott allein kennt unsere guten Werke, wir kennen nur sein gutes Werk und hören sein Gebot und gehen unter seiner Gnade hin, wandeln in seinen Geboten und sündigen. Es muß dabei bleiben, daß die neue Gerechtigkeit, die Heiligung, das Licht, das leuchten soll, uns ganz verborgen bleibt. Die linke Hand weiß nicht, was die rechte tut. Aber wir glauben es, und sind desselbigen guter Zuversicht, daß „der in uns angefangen hat das gute Werk, der wird es auch vollführen bis an den Tag Jesu Christi“ (Phil. 1,6). An jenem Tag wird uns Christus selbst die guten Werke offenbaren, die wir nicht kannten. Als wir es nicht wußten, haben wir ihn gespeist, getränkt, gekleidet und besucht, und als wir es nicht wußten, haben wir ihn von uns gestoßen. Dann wird ein großes Verwundern anheben, und wir werden erkennen, daß es nicht unsere Werke sind, die hier bestehen, sondern das Werk, das Gott zu seiner Zeit ohne unser Wollen und Mühen durch uns getan hat (Mt. 25,31ff.). So bleibt uns abermals nichts als von uns wegzusehen auf den, der alles schon für uns vollbracht hat und ihm nachzufolgen.

Der Glaubende wird gerechtfertigt, der Gerechtfertigte wird geheiligt, der Geheiligte wird im Gericht errettet, nicht weil unser Glaube, unsere Gerechtigkeit, unsere Heiligung, soweit es an uns ist, etwas anderes wäre als Sünde, sondern weil Jesus Christus uns gemacht ist „zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung, auf daß, wer sich rühmt, der rühme sich des Herrn“ (1. Kor. 1,30).

Das Bild Christi

„Welche er zuvor ersehen hat, die hat er auch verordnet, daß sie gleichgestaltet sein sollten dem Bilde seines Sohnes, auf daß derselbe der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern“ (Röm. 8,29). Es ist die unfaßlich große Verheißung, die denen gegeben ist, die vom Ruf in die Nachfolge Jesu Christi getroffen wurden, daß sie Christus gleich werden sollen. Sie sollen sein Bild tragen als die Brüder des erstgeborenen Sohnes Gottes. Das ist die letzte Bestimmung des Jüngers, daß er werden soll „wie Christus“. Das Bild Jesu Christi, das der Nachfolgende immer vor Augen hat, vor dem ihm alle anderen Bilder entschwinden, dringt in ihn ein, erfüllt ihn, gestaltet ihn um, daß der Jünger dem Meister ähnlich, ja gleich wird. Das Bild Jesu Christi prägt in der täglichen Gemeinschaft das Bild des Jüngers. Der Nachfolgende kann das Bild des Sohnes Gottes nicht anschauen in toter, müßiger Betrachtung; von diesem Bilde geht umschaffende Kraft aus. Wer sich Jesus Christus ganz ergibt, der wird und muß sein Bild tragen. Er wird zum Sohne Gottes, er steht neben Christus als dem unsichtbaren Bruder in gleicher Gestalt, als das Ebenbild Gottes.

Gott schuf einst Adam zu seinem Ebenbild. Gott suchte in Adam als der Vollendung seiner Schöpfung das Wohlgefallen an seinem eigensten Bild, „und siehe, es war sehr gut“. In Adam erkannte Gott sich selbst. So ist es das unauflösliche Geheimnis des Menschen vom Anfang her, daß er Geschöpf ist und doch dem Schöpfer gleich sein soll. Der geschaffene Mensch soll das Bild des ungeschaffenen Gottes tragen. Adam ist „wie Gott“. Nun soll er sein Geheimnis, Geschöpf und doch gottgleich zu sein, dankbar und gehorsam tragen. Es war die Lüge der Schlange, daß sie Adam vor-[276]hielt, er müsse erst noch werden wie Gott, und zwar aus eigner Tat und Entscheidung. Da verwarf Adam die Gnade und erwählte die eigne Tat. Adam wollte das Geheimnis seines Wesens, Geschöpf und gottgleich zu sein, selbst lösen. Er wollte von sich aus werden, was er von Gott her schon war. Das war der Sündenfall. Adam wurde „wie Gott“ – sicut deus – in seiner Weise. Er hatte sich selbst zum Gott gemacht und hatte jetzt keinen Gott mehr. Er herrschte allein als Schöpfergott in einer entgotteten, unterworfenen Welt.

Aber das Rätsel seines Daseins bleibt ungelöst. Der Mensch hat sein eigenes, gottgleiches Wesen, das er von Gott hatte, verloren. Er lebt nun ohne seine wesentliche Bestimmung, Gottes Ebenbild zu sein. Der Mensch lebt, ohne Mensch zu sein. Er muß leben, ohne leben zu können. Das ist der Widerspruch unseres Daseins und die Quelle aller unserer Not. Seitdem suchen die stolzen Kinder Adams das verlorene Bild Gottes aus eigner Kraft in sich wiederherzustellen. Aber gerade je ernster, je hingebender ihr Streben, das Verlorene wiederzugewinnen, und je überzeugender und stolzer der scheinbare Erfolg, desto tiefer der Widerspruch zu Gott. Ihre Mißgestalt, die sie an dem Bild ihres selbsterdachten Gottes prägen, trägt ohne ihr Wissen mehr und mehr das Bild Satans. Das Ebenbild Gottes als die Gnade des Schöpfers bleibt auf dieser Erde verloren.

Aber Gott wendet sein Auge nicht von seinem verlorenen Geschöpf. Er will in ihm sein Bild zum zweiten Male schaffen. Gott will wieder Wohlgefallen haben an seinem Geschöpf. Er sucht an ihm sein eignes Bild, um es zu lieben. Aber er findet es nicht anders, als indem er selbst aus lauter Barmherzigkeit das Bild und die Gestalt der verlorenen Menschen annimmt. Gott muß dem Menschenbild gleich werden, weil der Mensch dem Bilde Gottes nicht mehr gleich werden kann.

Gottes Bild soll im Menschen wiederhergestellt werden. Dabei geht es um ein Ganzes. Nicht daß der Mensch wieder [277] rechte Gedanken über Gott habe, nicht daß er seine einzelnen Taten wieder unter Gottes Wort stelle, sondern daß er als Ganzheit, als lebendiges Geschöpf Gottes Bild sei, ist das Ziel und die Bestimmung. Leib, Seele und Geist, die ganze Gestalt des Menschen soll das Bild Gottes auf Erden tragen. Gottes Wohlgefallen ruht allein auf seinem vollendeten Ebenbild.

Das Bild entspringt am Leben, am lebendigen Urbild. Gestalt formt sich an Gestalt. Entweder ist es die erdachte Gottesgestalt, an der die menschliche Gestalt sich bildet, oder es ist die wahrhaftige, lebendige Gottesgestalt selbst, die die Menschengestalt zu Gottes Ebenbild prägt. Es muß eine Umgestaltung, eine „Metamorphose“ (Röm. 12,2; 2. Kor. 3,18), ein Wandel der Gestalt vor sich gehen, wenn der gefallene Mensch wieder zum Bilde Gottes werden soll. Die Frage ist, wie die Umwandlung des Menschen in Gottes Bild möglich werden kann.

Weil der gefallene Mensch Gottes Gestalt nicht wiederfinden und annehmen kann, darum gibt es nur einen Weg zur Hilfe. Gott selbst nimmt die Gestalt des Menschen an und kommt zu ihm. Gottes Sohn, der in göttlicher Gestalt beim Vater lebte, entäußert sich dieser seiner Gestalt und kommt in der Gestalt des Knechtes zu den Menschen (Phil. 2,5ff.). Der Wandel der Gestalt, die sich bei den Menschen nicht ereignen konnte, geschieht nun in Gott selbst. Gottes Ebenbild, das in Ewigkeit bei Gott geblieben war, nimmt nun das Bild des gefallenen, sündigen Menschen an. Gott sendet seinen Sohn in der Gleichgestalt des Fleisches der Sünde (Röm. 8,2f.).

Gott sendet seinen Sohn – nur darin kann die Hilfe liegen. Nicht eine neue Idee, nicht eine bessere Religion vermöchte das Ziel zu erreichen. Es kommt ein Mensch zum Menschen. Jeder Mensch trägt ein Bild. Sein Leib und sein Leben treten sichtbar in Erscheinung. Ein Mensch ist nicht ein bloßes Wort, ein Gedanke, ein Wille, sondern er ist vor dem allen [278] und in dem allen eben ein Mensch, eine Gestalt, ein Bild, ein Bruder. So entsteht an ihm nicht nur neues Denken, Wollen, Handeln, sondern ein neues Bild, eine neue Gestalt. In Jesus Christus ist Gottes Ebenbild in der Gestalt unseres verlorenen menschlichen Lebens unter uns getreten, in der Gleichgestalt des Fleisches der Sünde. In seiner Lehre und seinen Taten, seinem Leben und seinem Sterben wird sein Bild offenbar. In ihm hat Gott sein Ebenbild auf Erden neu geschaffen. Menschwerdung, Wort und Tat Jesu und sein Tod am Kreuz gehören unveräußerlich zu diesem Bild. Es ist ein anderes Bild als das Adams in der ersten Herrlichkeit des Paradieses. Es ist das Bild dessen, der sich mitten in die Welt der Sünde und des Todes hineinstellt, der die Not des menschlichen Fleisches auf sich nimmt, der sich dem Zorn und Gericht Gottes über die Sünder demütig unterwirft, der Gottes Willen gehorsam bleibt im Tode und im Leiden; der in Armut Geborene, der Zöllner und Sünder Freund und Tischgenosse, der am Kreuz von Gott und Menschen Verworfene und Verlassene – das ist Gott in Menschengestalt, das ist der Mensch als das neue Ebenbild Gottes!

Wohl wissen wir, daß die Zeichen des Leidens, die Wundmale des Kreuzes jetzt die Gnadenzeichen am Leibe des auferstandenen und verklärten Christus sind, daß das Bild des Gekreuzigten hinfort lebt in der Herrlichkeit des ewigen Hohenpriesters, der im Himmel vor Gott für uns betet. Aus der Knechtsgestalt Jesu erstand am Ostermorgen ein neuer Leib in himmlischer Gestalt und Klarheit. Aber wer nach Gottes Verheißung teilgewinnen will an der Klarheit und Herrlichkeit Jesu, der muß vorher gleichgeworden sein dem Bilde des gehorsamen, leidenden Knechtes Gottes am Kreuz. Wer das verklärte Bild Jesu tragen will, der muß das in der Welt geschändete Bild des Gekreuzigten getragen haben. Niemand findet das verlorene Ebenbild Gottes wieder, es sei denn, daß er teilgewinnt an der Gestalt des menschgewor-[279]denen und gekreuzigten Jesus Christus. Allein auf diesem Bilde ruht Gottes Wohlgefallen. Nur wer sich in der Gleichheit dieses Bildes vor ihm finden läßt, lebt unter dem Wohlgefallen Gottes.

Der Gestalt Jesu Christi gleichzuwerden, ist nicht ein uns aufgegebenes Ideal der Verwirklichung irgendeiner Christusähnlichkeit. Nicht wir machen uns zum Ebenbilde, sondern es ist das Ebenbild Gottes selbst, es ist die Gestalt Christi selbst, die in uns Gestalt gewinnen will (Gal. 4,19). Es ist seine eigene Gestalt, die sich in uns zur Erscheinung bringen will. Christus ruht nicht mit seiner Arbeit an uns, bis er uns zur Christusgestalt gebracht hat. Es ist die ganze Gestalt des Menschgewordenen, des Gekreuzigten und des Verklärten, der wir gleich werden sollen.

Christus hat diese Menschengestalt angenommen. Er wurde Mensch wie wir. In seiner Menschheit und seiner Niedrigkeit erkennen wir unsere eigene Gestalt wieder. Er ist den Menschen gleich geworden, damit sie ihm gleich seien. In der Menschwerdung Christi empfängt die ganze Menschheit die Würde der Gottebenbildlichkeit zurück. Wer sich jetzt am geringsten Menschen vergreift, vergreift sich an Christus, der Menschengestalt angenommen hat und in sich das Ebenbild Gottes für alles, was Menschenantlitz trägt, wiederhergestellt hat. In der Gemeinschaft des Menschgewordenen wird uns unser eigentliches Menschsein wiedergeschenkt. Wir werden damit aus der Vereinzelung der Sünde herausgerissen und zugleich der ganzen Menschheit wiedergeschenkt. Sofern wir teilhaben an Christus, dem Menschgewordenen, haben wir teil an der ganzen Menschheit, die von ihm getragen ist. Weil wir in Jesu Menschheit uns selbst angenommen und getragen wissen, darum besteht nun auch unser neues Menschsein darin, daß wir die Not und die Schuld der andern tragen. Der Menschgewordene macht seine Jünger zu Brüdern aller Menschen. Die „Philanthropie“ (Tit. 3,4) Gottes, die in [280] der Menschwerdung Christi offenbar wurde, begründet die Bruderliebe der Christen zu allem, was Mensch heißt auf Erden. Es ist die Gestalt des Menschgewordenen, die die Gemeinde zu dem Leibe Christi werden läßt, auf den die Sünde und die Not der ganzen Menschheit fällt und durch den allein sie getragen wird.

Die Gestalt des Christus auf Erden ist die Todesgestalt des Gekreuzigten. Das Ebenbild Gottes ist das Bild Jesu Christi am Kreuz. In dieses Bild hinein muß das Leben des Jüngers umgestaltet werden. Es ist ein Leben in der Gleichgestalt des Todes Christi (Phil. 3,10; Röm. 6,4f.). Es ist ein gekreuzigtes Leben (Gal. 2,19). Christus prägt dem Leben der Seinen seine Todesgestalt auf in der Taufe. Gestorben dem Fleisch und der Sünde, ist der Christ tot für diese Welt und die Welt ist tot für ihn (Gal. 6,14). Wer aus seiner Taufe lebt, lebt aus seinem Tode. Christus zeichnet das Leben der Seinen durch das tägliche Sterben im Kampfe des Geistes wider das Fleisch, durch das tägliche Leiden der Todesschmerzen, die der Teufel dem Christen schlägt. Das ist das Leiden Jesu Christi selbst, das alle seine Jünger auf Erden leiden müssen. Christus würdigt das Leben nur weniger seiner Nachfolger der engsten Gemeinschaft seines Leidens, des Martyriums. Hier erweist das Leben des Jüngers die tiefste Gleichheit mit der Todesgestalt Jesu Christi. In der öffentlichen Schmach, im Leiden und im Tode um Christi willen gewinnt Christus sichtbare Gestalt in seiner Gemeinde. Es ist aber von der Taufe bis zum Martyrium dasselbe Leiden, derselbe Tod. Es ist die Neuschöpfung des Ebenbildes Gottes durch den Gekreuzigten.

Wer in der Gemeinschaft des Menschgewordenen und Gekreuzigten steht, in wem er Gestalt gewonnen hat, der wird auch dem Verklärten und Auferstandenen gleich werden. „Wir werden das Bild des himmlischen Menschen tragen“ (1. Kor. 15,49). „Wir werden ihm gleich sein, denn wir werden [281] ihn schauen, wie er ist“ (1. Joh. 3,2). Wie das Bild des Gekreuzigten, so wird auch das Bild des Auferstandenen die umgestalten, die es sehen. Wer Christus schaut, der wird in sein Bild hineingezogen, seiner Gestalt gleichgemacht, ja er wird zum Spiegel des göttlichen Bildes. Schon auf dieser Erde wird sich in uns die Herrlichkeit Jesu Christi widerspiegeln. Aus der Todesgestalt des Gekreuzigten, in der wir leben, in Not und Kreuz, wird schon die Klarheit und das Leben des Auferstandenen hervorleuchten, und immer tiefer wird die Umgestaltung zum göttlichen Ebenbild, immer klarer wird das Bild Christi in uns; es ist ein Fortschreiten von Erkenntnis zu Erkenntnis, von Klarheit zu Klarheit, zu immer vollkommenerer Gleichheit mit dem Bilde des Sohnes Gottes. „Wir alle aber, die wir mit unverhülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn sich in uns spiegeln lassen, werden dadurch in sein Ebenbild umgestaltet von Herrlichkeit zu Herrlichkeit“ (2. Kor. 3,18).

Das ist die Einwohnung Jesu Christi in unseren Herzen. Das Leben Jesu Christi ist auf dieser Erde noch nicht zu Ende gebracht. Christus lebt es weiter in dem Leben seiner Nachfolger. Nicht von unserem christlichen Leben, sondern von dem wahrhaftigen Leben Jesu Christi in uns ist nun zu reden. „Nun aber lebe nicht ich, sondern Christus lebt in mir“ (Gal. 2,20). Der Menschgewordene, der Gekreuzigte, der Verklärte ist in mich eingegangen und lebt mein Leben. „Christus ist mein Leben“ (Phil. 1,21). Mit Christus aber wohnt der Vater bei mir, und Vater und Sohn durch den Heiligen Geist. Es ist die heilige Dreieinigkeit selbst, die in dem Christen Wohnung gemacht hat, ihn erfüllt und ihn zu ihrem Ebenbilde macht. Der menschgewordene, der gekreuzigte und der verklärte Christus nimmt Gestalt an in den Einzelnen, weil sie Glieder seines Leibes, der Kirche sind. Die Kirche trägt die Menschengestalt, die Todesgestalt und die Auferstehungsgestalt Jesu Christi. Sie ist zuerst sein Ebenbild (Eph. 4,24; [282] Kol. 3,10), und durch sie sind es alle ihre Glieder. Im Leibe Christi sind wir „wie Christus“ geworden.

Nun wird es begreiflich, daß das Neue Testament immer wieder davon spricht, daß wir sein sollen „wie Christus“ (kathṑs Christós). Weil wir zum Ebenbilde Christi gemacht sind, darum sollen wir sein wie Christus. Weil wir Christi Bild schon tragen, darum allein kann Christus das „Vorbild“ sein, dem wir folgen. Weil er selbst sein wahrhaftiges Leben in uns führt, darum können wir „wandeln gleichwie er gewandelt ist“ (1. Joh. 2,6), „tun wie er getan“ hat (Joh. 13,15), „lieben wie er geliebt hat“ (Eph. 5,2; Joh. 13,34; 15,12), „vergeben wie er vergeben hat“ (Kol. 3,13), „gesinnt sein wie Jesus Christus auch war“ (Phil. 2,5), darum können wir dem Beispiel folgen, das er uns gelassen hat (1. Petr. 2,21), unser Leben lassen für unsere Brüder, wie er es für uns gelassen hat (1. Joh. 3,16). Allein darum können wir sein, wie er war, weil er war, wie wir sind. Allein darum können wir sein „wie Christus“, weil wir ihm gleichgemacht sind. Nun da wir zum Bilde Christi gemacht sind, können wir nach seinem Vorbild leben. Hier geschehen nun wirklich Taten, hier wird in der Einfalt der Nachfolge ein Leben gelebt, das Christus gleich ist. Hier geschieht der schlichte Gehorsam gegen das Wort. Kein Blick fällt mehr auf mein eigenes Leben, auf das neue Bild, das ich trage. Ich müßte es in demselben Augenblick verlieren, in dem ich es zu sehen begehrte. Es ist ja nur der Spiegel für das Bild Jesu Christi, auf das ich unverwandt schaue. Der Nachfolgende sieht allein auf den, dem er folgt. Von ihm aber, der in der Nachfolge das Bild des menschgewordenen, gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus trägt, von ihm, der zum Ebenbild Gottes geworden ist, darf es nun zuletzt heißen, daß er berufen ist, „Gottes Nachahmer“ zu sein. Der Nachfolger Jesu ist der Nachahmer Gottes. „So seid nun Gottes Nachahmer als die lieben Kinder“ (Eph. 5,1).

Das Nachwort von Eberhard Bethge nicht mit aufgenommen.


[1] Enders III, S. 208, 118 ff.

[2] Das exegetische Recht zu diesen Ausführungen liegt in dem anoigen to stóma, was schon in der altkirchlichen Exegese stark beachtet wurde. Bevor Jesus spricht, liegen Augenblicke des Schweigens.

[3] Die Konstruktion eines Gegensatzes zwischen Mt. und Lk. hat keinen Grund in der Schrift. Weder handelt es sich bei Mt. um eine Spiritualisierung der ursprünglich lukanischen Seligpreisung, noch bei Lk. um eine Politisierung der ursprünglich nur die „Gesinnung“ betreffenden Seligpreisungen. Weder ist bei Lk. der Mangel Grund der Seligpreisung, noch bei Mt. der Verzicht. Vielmehr ist bei beiden Mangel oder Verzicht, Spirituelles oder Politisches allein gerechtfertigt durch Ruf und Verheißung Jesu, der allein die Seliggepriesenen zu dem macht, was sie sind, und der allein Grund ihrer Seligsprechung ist. Die katholische Exegese hat von den Clementinen an die Tugend der Armut seligpreisen lassen wollen, dabei einerseits an die paupertas voluntaria der Mönche, andernteils an jede freiwillige Armut um Christi willen gedacht. In beiden Fällen liegt die Fehlauslegung darin, daß nicht allein Ruf und Verheißung Jesu, sondern irgendein menschliches Verhalten als Grund der Seligpreisung gesucht wird.

[4] Der Kaiser Julian schrieb in seinem 43. Brief höhnisch, er konfisziere die Güter der Christen nur, damit sie arm ins Himmelreich eingehen könnten.

[5] eirēnopoioí hat doppelten Sinn: Auch „friedfertig“ ist nach Luthers eigener Auslegung nicht nur passivisch zu verstehen. Die englische Übersetzung „peacemaker“ ist einseitig und Anlaß zu mancherlei mißverstandenem christlichen Aktivismus geworden.

[6] Beachte das Fehlen des Artikels!

[7] Der Zusatz eikḗ in der Mehrzahl der Mss (nicht in ﬡ und B!) ist die erste vorsichtige Korrektur der Schärfe des Wortes Jesu.

[8] Es ist kein Zufall, daß in den paulinischen Lasterkatalogen Hurerei und Habgier immer wieder nebeneinanderstehen und beide als Abgötterei bezeichnet werden.

[9] Es soll wohl beachtet werden, daß Jesus dem menschlichen Herzen nicht raubt, was es bedarf, den Schatz, die Ehre, den Ruhm. Aber er gibt ihm einen anderen Gegenstand, die Ehre von Gott (Joh. 5,44), den Ruhm des Kreuzes (Gal. 6,14), den Schatz im Himmel.

[10] Die Verwechslung von ontologischen Aussagen und verkündigendem Zeugnis ist das Wesen aller Schwarmgeisterei. Der Satz: Christus ist auferstanden und gegenwärtig, ist ontologisch verstanden die Aufhebung der Einheit der Schrift. Denn er schlösse in sich eine Aussage über die Existenzweise Jesu Christi, die z. B. von der des synoptischen Jesus unterschieden ist. Daß Jesus Christus auferstanden und gegenwärtig ist, ist hier ein für sich bestehender Satz mit eigener ontologischer Bedeutung, der zugleich kritisch gegen andere ontologische Aussagen verwendet werden könnte. Er wird zum theologischen Prinzip. Analog ist z. B. jeder schwärmerische Perfektionismus auf einem solchen ontologischen Mißverständnis der Schriftaussagen über die Heiligung erwachsen. Hier wird z. B. die Aussage, daß, wer in Gott ist, nicht sündigt, zum ontologischen Ausgangspunkt des Denkens gemacht; die Aussage wird damit aus der Schrift selbst herausgelöst und zur eigenständigen, erfahrbaren Wahrheit erhoben. Dem steht der Charakter des verkündigenden Zeugnisses absolut entgegen. Der Satz: Christus ist auferstanden und gegenwärtig, ist streng als Zeugnis der Schrift verstanden nur als Wort der Schrift wahr. Diesem Wort schenke ich Glauben. Es gibt für mich hier keinen denkbaren anderen Zugang zu dieser Wahrheit als durch dieses Wort. Mit diesem Wort aber ist mir in gleicher Weise die Gegenwart des paulinischen wie des synoptischen Christus bezeugt, so daß die Nähe zu dem einen oder anderen durch nichts bestimmt wird als durch das Wort, durch das Zeugnis der Schrift. Damit ist natürlich niemals bestritten, daß Paulus ein von den Synoptikern durch Gegenstand und Begrifflichkeit unterschiedenes Zeugnis hat, aber es sind beide streng im Zusammenhang des Schriftganzen verstanden.

Dieses alles ist nicht nur eine apriorische Erkenntnis, die von einem strengen Kanonbegriff herkommt, sondern jeder einzelne Fall muß wiederum die Richtigkeit dieser Schriftauffassung bewähren. So wird im folgenden zu zeigen sein, wie der Begriff der Nachfolge im Zeugnis des Paulus in veränderter Begrifflichkeit aufgenommen und weitergeführt ist.

[11] Schon Jesus hat seinen Tod eine Taufe genannt und seinen Jüngern diese Taufe des Todes verheißen, Mk. 10,39; Lk. 12,50.

[12] Schlatter bezieht auch 1. Kor. 15,29 auf die Taufe des Martyriums.

[13] Die Johannestaufe allerdings muß durch die Christustaufe erneuert werden (Apg. 19,5).

[14] Zu den bekannten Stellen, die die Kindertaufe schon dem neutestamentlichen Zeitalter zuschreiben wollen, darf vielleicht 1. Joh. 2,12ff. hinzugefügt werden. Die zweimalige Reihenfolge: Kinder, Väter, Jünglinge erlaubt die Annahme, daß teknìa V. 12 nicht allgemeine Bezeichnung für die Gemeinde ist, sondern daß darunter wirklich die Kinder zu verstehen sind.

[15] Auch Eph. 3,6 umschließt die ganze Heilsgabe, Wort, Taufe, Abendmahl.

[16] In dem Bild des endýsasthai liegt irgendwie die räumliche Vorstellung einer Behausung, einer Bekleidung vor. Vielleicht darf auch 2. Kor. 5,1ff. in diesem Zusammenhang interpretiert werden. Hier begegnet endýsasthai im Zusammenhang mit dem himmlischen oikētḗrion. Der Mensch ohne dieses oikētḗrion ist gymnós, nackt und muß sich ängsten vor Gott. Er ist nicht bedeckt und hat Verlangen danach, bedeckt zu werden. Das geschieht durch das Angezogenwerden mit dem himmlischen oikētḗrion. Sollte das „Anziehen“ des oikētḗrion der Kirche in dieser Welt, nicht seine Entsprechung finden in einer Bekleidung mit der himmlischen Kirche, nach der Paulus sich sehnt? Es ist hier wie dort die Eine Kirche, mit der wir überkleidet werden, die Hütte Gottes, der Raum der göttlichen Gegenwart und Bedeckung – es ist hier wie dort der Leib Christi, der uns bedeckt)

[17] Als Ursprung dieser Lasterkataloge mag das Wort des Herrn Mk. 7,21f. anzusehen sein.

[18] „Ich lebe aber, spricht der Gläubige. Ich lebe vor dem Angesicht Gottes, ich lebe vor seinem Richterstuhl in seiner Gnade; ich lebe in seiner Huld, in seinem Licht, in seiner Liebe; ich bin vollkommen erlöst von allen meinen Sünden; es steht in dem Schuldbuch nichts mehr offen oder unbezahlt. Das Gesetz fordert nichts mehr von mir, es treibt mich nicht mehr, es verdammt mich nicht mehr. Ich bin gerecht vor meinem Gott, wie er gerecht ist; heilig und vollkommen, wie mein Gott heilig ist, wie mein Vater im Himmel vollkommen ist. Das ganze Wohlgefallen Gottes umfaßt mich; es ist mein Grund, worauf ich stehe, mein Obdach, darunter ich geborgen bin. Die ganze Seligkeit Gottes, alle seine Ruhe hebt und trägt mich; darin atme ich auf und befinde mich darin ewig wohl. Sünde habe ich nicht mehr und tue ich nicht mehr; ich weiß mit gutem Gewissen, daß ich in Gottes Wegen bin und seinen Willen tue, daß ich ganz nach seinem Willen bin, – ich gehe oder stehe, ich sitze oder liege, ich wache oder schlafe. Auch was ich denke oder rede, ist nach seinem Willen. Wo ich mich befinde, es sei draußen oder daheim, es ist nach seinem gnädigen Willen. Ich bin ihm angenehm, es sei, daß ich wirke oder ruhe. Meine Schuld ist auf ewig ausgetilgt, und neue Schulden, die nicht sollten ausgetilgt sein, kann ich nicht mehr machen. Ich bin wohlverwahrt in seiner Gnade und kann nicht mehr sündigen. Kein Tod kann mich mehr töten, ich lebe ewig, wie alle Engel Gottes. Auf mich zürnen oder mich schelten wird mein Gott nicht mehr; ich bin für immer erlöst von dem zukünftigen Zorn. Der Arge wird mich nicht mehr antasten, die Welt bekommt mich nie mehr in ihre Stricke. Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes? So Gott für uns ist, wer mag wider uns sein?“ (Kohlbrügge).

[19] Jenseits aller Gemeindezuchtübung, die immer im Dienst der Barmherzigkeit steht, selbst über die Auslieferung des hartnäckigen Sünders an den Satan hinaus, kennt das Neue Testament als furchtbarste Strafe die Verfluchung, das Anathema. Sie ist nicht mehr verbunden mit dem Heilszweck. Sie tritt als Vorwegnahme des göttlichen Urteils auf. Im Alten Testament entspricht ihr der „Cherem“, der an Gottlosen vollstreckt wird. Er bedeutet definitive Absonderung von der Gemeinde, der Gebannte wird getötet. Damit ist ein Doppeltes gesagt: Die Gemeinde vermag den Gebannten unter keinen Umständen mehr zu tragen und zu absolvieren. Darum wird er Gott allein hingegeben. Damit aber ist der Gebannte zugleich verflucht und doch heilig, weil er Gott ausgeliefert ist. Weil er aber Gott allein gehört als Verfluchter, darum kann die Gemeinde hier nicht mehr Heilsabsichten verfolgen. Daß Anathema Trennung vom Heil bedeutet, beweist Röm. 9,3; daß Anathema eschatologisch bezogen ist, legt 1. Kor. 16,22 nahe. Daß vom Anathema der getroffen wird, der das Evangelium selbst durch seine Predigt willentlich zerstört, sagt Gal. 1,8f. Es ist gewiß kein Zufall, daß die einzige Stelle, die über bestimmte Menschen das Anathema spricht, sich auf die Irrlehrer bezieht. Doctrina est coelum, vita terra (Luther).

[20] Die Lehrzucht ist von der Gemeindezucht insofern verschieden, als letztere aus rechter Lehre, d. h. aus rechtem Gebrauch der Schlüssel folgt, erstere sich aber gegen den Mißbrauch der Lehre selbst richtet. Durch falsche Lehre wird die Quelle des Lebens der Gemeinde und der Gemeindezucht verdorben. Darum wiegt die Versündigung gegen die Lehre schwerer als die Versündigung im Wandel. Wer der Gemeinde das Evangelium raubt, verdient uneingeschränkte Verurteilung, wer aber in seinem Wandel sündigt, für den ist das Evangelium da. Lehrzucht erstreckt sich in erster Linie auf die Träger des Lehramtes in der Kirche. Voraussetzung von allem ist, daß bei der Übertragung des Amtes Gewähr dafür besteht, daß der Amtsträger „didaktikos“, zur Lehre befähigt ist (1. Tim. 3,2; 2. Tim. 2,24; Tit. 1,9), „tüchtig auch andere zu lehren“ (2. Tim. 2,2), daß keinem die Hände voreilig aufgelegt werden, weil sonst dessen Schuld auf den zurückfällt, der ihn einsetzte (1. Tim. 5,22). Die Lehrzucht setzt also bereits vor der Berufung ins Lehramt ein. An der äußersten Gewissenhaftigkeit hängt hier Leben und Tod von Gemeinden. Die Lehrzucht aber hat mit der Berufung ins Lehramt kein Ende, vielmehr erst ihren Anfang. In unaufhörlicher Ermahnung muß selbst der bewährte Amtsträger – Timotheus – zur Bewährung der rechten, heilsamen Lehre angehalten werden. Das Lesen der Schrift wird ihm dafür besonders nahe gelegt. Zu groß ist die Gefahr des Abirrens (2. Tim. 3,10; 3,14; 4,2; 2,15; 1. Tim. 4,13,16; Tit. 1,9; 3,8). Dazu muß aber noch die Ermahnung zum vorbildlichen Lebenswandel kommen „Habe acht auf dich selbst und auf die Lehre“ (1. Tim. 4,13f.; Apg. 20,28). Zur Keuschheit, Demut, Unparteilichkeit, zum Fleiß ermahnt zu werden, ist für Timotheus keine Beschämung. So steht vor aller Gemeindezuchtübung die Übung der Zucht an den Amtsträgern. Es ist die Aufgabe des Amtsträgers, in seiner Gemeinde die rechte Lehre zu verbreiten und jeder Verkehrung entgegenzutreten. Wo offenbare Irrlehre einzieht, dort soll der Amtsträger gebieten, „daß sie nicht anders lehrten“ (1. Tim. 1,3); denn er trägt das Lehramt und kann gebieten. Weiter soll er warnen und erinnern, das Wortgezänk zu meiden (2. Tim. 2,14). Ist einer als Irrlehrer offenbar, so soll er „einmal und abermals ermahnt“ werden. Hört er nicht, so soll mit einem ketzerischen Menschen die Gemeinschaft abgebrochen werden (Tit. 3,10; 1. Tim. 6,4f.); denn er verführt die Gemeinde (2. Tim. 3,6f.). „Wer nicht in der Lehre Christi bleibt, der hat keinen Gott“. Einem solchen falschen Lehrer soll auch die häusliche Gemeinschaft und der fromme Grußwunsch versagt werden (2. Joh. 10). Im Irrlehrer kommt der Widerchrist. Nicht der Sünder in seinem Lebenswandel, sondern allein der Irrlehrer wird Antichrist genannt. Ihm allein gilt das Anathema von Gal. 1,9. Über das Verhältnis von Lehrzucht und Gemeindezucht gilt: Es gibt keine Gemeindezucht ohne Lehrzucht. Es gibt aber auch keine Lehrzucht, die nicht zur Gemeindezucht führen müßte. Paulus wirft den Korinthern vor, daß sie in ihrer Aufgeblasenheit Schismata anrichten wollen ohne doch Gemeindezucht zu üben (1. Kor. 5,2). Diese Trennung der Lehrfrage von der Frage des Wandels in der Gemeinde ist unmöglich.

[21] Der Unterschied zwischen Paulus und Jakobus besteht darin, daß durch Jakobus der Demut des Glaubens die Möglichkeit des Selbstruhms genommen wird, und daß durch Paulus der Demut des Werkes die Möglichkeit des Selbstruhms entzogen wird. Jakobus will nicht die Gültigkeit des Satzes, daß der Mensch allein durch den Glauben gerechtfertigt werde, bestreiten, sondern er will den Glaubenden selbst von der Gefahr der Sicherheit in seinem Glauben auf das Werk des Gehorsams weisen und ihn damit wahrhaftig demütigen. Paulus wie Jakobus geht es darum, daß der Mensch wahrhaftig aus der Gnade und nicht aus sich selbst lebe.

Hier der vollständige und zitationsfähige Text von Dietrich Bonhoeffer, Nachfolge, mit der Paginierung der 15. Auflage (1985) als pdf.

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