„Was wir neben Gott stellen, ist ein Abgott“ – Dietrich Bonhoeffers Auslegung der Zehn Gebote aus dem Gefängnis Berlin-Tegel (1944)

bonhoeffer tegel
Dietrich Bonhoeffer zusammen mit gefangenen Offizieren der italienischen Luftwaffe im Hof des Wehrmachtsuntersuchungsgefängnisses Berlin-Tegel im Frühsommer 1944. Von links: Mario Gilli, Dante Curcio, Oberfeldwebel Napp, Dietrich Bonhoeffer, Edmo

Dietrich Bonhoeffers wohl letzter theologischer Text, nämlich die Auslegung der ersten Tafel der Zehn Gebote kurz vor dem Attentat vom 20. Juli 1944 geschrieben, sind nicht so bekannt. Aber sie hat es in sich, so wenn Bonhoeffer das erste Gebot auf die Gehorsamsfrage im Nationalsozialismus hin auslegt:

„Du sollst nicht andere Götter haben neben mir.“ Das ist durchaus nichts Selbstverständliches. Die hohen Kulturvöl­ker kannten zu allen Zeiten einen Götterhimmel, und es gehörte zur Grö­ße und Würde eines Gottes, dem anderen den Platz in den frommen Herzen der Menschen nicht eifer­süchtig streitig zu machen. Die menschliche Tugend der Weitherzigkeit und Tole­ranz schrieb man auch den Göttern zu. Gott aber duldet keinen anderen Gott neben sich, er will allein Gott sein. Er will alles für den Menschen tun und sein, darum will er auch allein von ihm angebetet wer­den. Neben ihm hat nichts Platz, unter ihm die ganze Schöp­fung. Gott will allein Gott sein, weil er allein Gott ist.

Nicht davon ist hier die Rede, daß wir an Stelle Gottes an­dere Götter anbeten könnten, son­dern davon, daß wir mei­nen könnten, irgend etwas neben Gott stellen zu können. Es gibt Chri­sten, die sagen, es habe doch neben ihrem Glau­ben an Gott, von dem sie nie lassen würden, doch auch die Welt, der Staat, die Arbeit, die Familie, die Wissenschaft, die Kunst, die Natur ihr Recht. Gott sagt, neben ihm hat nichts, gar nichts irgendein Recht, nur unter ihm. Was wir neben Gott stellen, ist ein Abgott.

Man pflegt zu sagen, unsere Götzen seien das Geld, die Sin­nenlust, die Ehre, andere Men­schen, wir selbst. Treffender wäre es noch, wenn wir die Kraftentfaltung, die Macht, den Erfolg als unsere Götzen bezeichnen würden. Aber an alle diese Dinge haben im Grunde die Menschen in ihrer [604] Schwäche immer ihr Herz gehängt, und nichts von all dem Genann­ten ist es, was das erste Gebot eigentlich meint, wenn es von „anderen Göttern“ spricht. Uns ist die Welt ent­göttert, wir beten nichts mehr an. Wir haben die Hinfällig­keit und Nichtigkeit aller Dinge, aller Menschen und unse­rer selbst zu deutlich erlebt, als daß wir sie noch zu ver­göttern vermöchten. Wir sind am ganzen Dasein zu irre ge­worden, als daß wir noch fähig wären, Götter zu haben und anzubeten. Wenn wir noch einen Götzen haben, so ist es viel­leicht das Nichts, das Auslöschen, die Sinnlosigkeit. So ruft uns das erste Gebot zu dem einzi­gen, wahren Gott, dem Allmächtigen, Gerechten und Barmherzigen, der uns aus dem Verfal­len an das Nichts errettet und uns in seiner Ge­meinde erhält.

Es gab Zeiten, in denen die weltliche Obrigkeit die Leug­nung Gottes und die Abgötterei unter schwerste Strafe stellte. Wenn es auch in der Absicht geschah, die Gemein­schaft vor Verfüh­rung und Unordnung zu bewahren, war doch damit Gott nicht gedient, denn erstens will Gott in Frei­heit angebetet werden; zweitens müssen die Mächte der Verführung nach Gottes Plan dazu dienen, um die Glau­benden zu bewähren und zu stärken; drittens ist die offene Leugnung Gottes in uns noch verheißungsvoller als ein durch Gewalt erpreßtes heuchlerisches Bekennt­nis. Die welt­liche Obrigkeit soll dem Glauben an den Gott der Zehn Ge­bote äußeren Schutz angedeihen lassen, die Auseinanderset­zung mit dem Unglauben aber soll allein der Macht des Wortes Gottes überlassen bleiben.“

Und zum zweiten Gebot wider den Namensmissbrauch schreibt er:

„Wir, die wir den Namen Gottes kennen, mißbrauchen ihn, wenn wir ihn aussprechen, als wäre er nur ein Wort, als spräche nicht in diesem Namen immer Gott selbst zu uns. Es gibt einen Mißbrauch des Namens Gottes im Bösen und im Guten. Der Mißbrauch im Bösen ist zwar unter Chri­sten schwer vorzustellen, und doch geschieht er. Wenn wir den Namen Gottes nennen und anrufen, um wissentlich eine gottlose, schlechte Sache vor der Welt als fromm und gut erscheinen zu lassen, wenn wir Gott für eine böse Sache um seinen Segen bitten, wenn wir den Namen Gottes in einem Zusammenhang nennen, der Schande über ihn bringt, dann mißbrauchen wir ihn zum Bösen. Wir wissen dann wohl, daß Gott selbst immer nur gegen diese Sache spre­chen würde, für die wir ihn in Anspruch nehmen; aber weil sein Name eine Macht ist, auch vor der Welt, drum berufen wir uns auf ihn.

Gefährlicher, weil schwerer zu erkennen, ist der Mißbrauch des Namens Gottes im Guten. Er geschieht, wenn wir Chri­sten den Namen Gottes so selbstverständlich, so oft, so glatt und so vertraulich im Munde führen, daß wir der Heiligkeit [608] und dem Wunder seiner Offenba­rung Abbruch tun. Es ist Mißbrauch, wenn wir für jede menschliche Frage und Not vorschnell mit dem Wort Gott oder mit einem Bibelspruch zur Hand sind, als wäre es das Selbstverständ­lichste von der Welt, daß Gott auf alle menschlichen Fragen antwortet und in jeder Schwie­rig­keit immer schon zur Hilfe bereit ist. Es ist Mißbrauch, wenn wir Gott zum Lückenbüßer un­serer Verlegenheiten machen. Es ist Mißbrauch, wenn wir echte wissenschaftliche oder künst­lerische Bemühungen ein­fach mit dem Worte Gott zum Verstummen bringen wollen. Es ist Mißbrauch, wenn wir das Heiligtum vor die Hunde werfen. Es ist Mißbrauch, über Gott zu sprechen, ohne sich seiner lebendigen Gegenwart in seinem Namen bewußt zu sein. Es ist Mißbrauch, wenn wir von Gott reden, als hätten wir ihn jederzeit zu unserer Verfügung und als hätten wir in seinem Rat gesessen. Wir mißbrauchen auf alle diese Weisen den Namen Gottes, indem wir ihn zu einem leeren menschlichen Wort und kraftlosen Geschwätz machen, und wir entheiligen ihn damit mehr, als die Lästerer ihn ent­heiligen können.“

Hier der vollständige Text als pdf.

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