Dietrich Bonhoeffers Auslegung der Zehn Gebote aus dem Gefängnis Berlin-Tegel (1944): „Was wir neben Gott stellen, ist ein Abgott“

bonhoeffer tegel
Dietrich Bonhoeffer zusammen mit gefangenen Offizieren der italienischen Luftwaffe im Hof des Wehrmachtsuntersuchungsgefängnisses Berlin-Tegel im Frühsommer 1944. Von links: Mario Gilli, Dante Curcio, Oberfeldwebel Napp, Dietrich Bonhoeffer, Edmo

Dietrich Bonhoeffers wohl letzter theologischer Text, nämlich die Auslegung der ersten Tafel der Zehn Gebote kurz vor dem Attentat vom 20. Juli 1944 geschrieben, sind nicht so bekannt. Aber sie hat es in sich, so wenn Bonhoeffer das erste Gebot auf die Gehorsamsfrage im Nationalsozialismus hin auslegt:

Die erste Tafel der zehn Worte (Juni/Juli 1944, Tegel)

Von Dietrich Bonhoeffer

2. Mose 20, 1-11: Und Gott redete alle diese Worte: Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus dem Diensthause, geführt habe. Du sollst keine an­deren Götter neben mir haben. Du sollst dir kein Bildnis noch irgend ein Gleichnis machen, weder des, das oben im Himmel, noch des, das unten auf Erden, oder des, das im Wasser unter der Erde ist. Bete sie nicht an und diene ihnen nicht. Denn ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifriger Gott, der da heimsucht der Väter Missetat an den Kindern bis in das dritte und vierte Glied, die mich has­sen; und tue Barmherzigkeit an vielen Tausenden, die mich lieb­haben und meine Gebote halten. Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht mißbrauchen; denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen mißbraucht. Gedenke des Sabbattages, daß du ihn heiligst. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Dinge be­schicken; aber am siebenten Tage ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes; da sollst du kein Werk tun noch dein Sohn noch deine Tochter noch dein Knecht noch deine Magd noch dein Vieh noch dein Fremdling, der in deinen Toren ist. Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der Herr den Sabbattag und heiligte ihn.

Unter Donnerschlägen, Blitzen, dickem Gewölk, Bergbeben und starken Posaunenstößen tut Gott auf dem Berge Sinai seinem Knechte Mose die zehn Gebote kund. Sie sind nicht das Ergebnis langen Nachdenkens kluger und erfahrener Männer über das menschliche Leben und seine Ordnungen, [598] sondern sie sind Gottes Offenbarungswort, unter dem die Erde erbebt und die Elemente in Aufruhr geraten. Nicht als allgemeine Weltweisheit, die jedem denken­den Menschen angeboten wird, sondern als ein heiliges Ereignis, dem selbst das Volk Gottes unter Androhung des Todes nicht nahen darf, als Gottes Offenbarung in der Einsamkeit eines rau­chenden Vulkangipfels treten die zehn Gebote in die Welt. Nicht Mose gibt sie, sondern Gott gibt sie; nicht Mose schreibt sie, sondern Gott schreibt sie mit seinem Finger auf steiner­ne Tafeln, wie die Bibel mit Nachdruck immer wie­der hervorhebt. „Er tat nichts hinzu“ (5. Mose 5, 19), das heißt, nur diese Worte schrieb Gott selbst, in ihnen ist der ganze Wille Got­tes enthalten. Die Auszeichnung der zehn Gebote vor allen anderen Worten Gottes wird am deutlich­sten durch die Aufbewahrung der zwei Tafeln in der Bun­deslade im Allerheiligsten. Die zehn Gebote gehören ins Heiligtum, hier, an dem Ort der gnädigen Gegenwart Got­tes in der Welt, muß man sie suchen und von hier gehen sie immer wieder aus in die Welt (Jes 2, 3).

Zu allen Zeiten haben sich Menschen Gedanken über die Grundordnungen ihres Lebens ge­macht, und es ist eine überaus merkwürdige Tatsache, daß die Ergebnisse fast al­ler solcher Gedanken untereinander und mit den zehn Ge­boten weitgehend übereinstimmen. Immer wenn die Lebens­verhältnisse der Menschen durch starke äußere oder innere Erschütterungen und Umwälzungen in Unordnung geraten, erkennen. diejenigen Menschen, die sich die Klarheit und Besonnenheit des Denkens und Urteilens zu bewahren ver­mögen, daß ohne Gottesfurcht, ohne Ehrerbietung gegen die Eltern, ohne den Schutz des Lebens, der Ehe, des Eigen­tums und der Ehre – wie immer auch diese Güter gestaltet sein mögen – kein menschliches Zusammen­leben möglich ist. Um diese Lebensgesetze zu erkennen, braucht der Mensch nicht Christ zu sein, sondern nur seiner Erfahrung und sei-[599]ner gesunden Vernunft zu folgen. Der Christ freut sich aller Gemeinsamkeiten, die er in so wichtigen Dingen mit ande­ren Menschen hat. Er ist bereit, mit diesen zusammenzuar­beiten und zu kämpfen, wo es um die Verwirklichung ge­meinsamer Ziele geht. Es wundert ihn nicht, daß Menschen zu allen Zeiten zu Lebenserkennt­nissen kamen, die mit den zehn Geboten weithin übereinstimmen; denn der Geber der Gebote ist ja der Schöpfer und Erhalter des Lebens. Aber darüber vergißt der Christ doch nie den ent­scheidenden Un­terschied, der zwischen diesen Lebensgesetzen und den Ge­boten Gottes besteht. Dort spricht die Vernunft, hier spricht Gott. Die menschliche Vernunft sagt dem Übertreter der Lebensgesetze voraus, daß sich das Leben selbst an ihm rä­chen wird, indem es ihn nach anfänglichen Scheinerfolgen zum Scheitern und in Unglück bringt. Gott aber spricht nicht vom Leben, seinen Erfolgen und Mißerfolgen, son­dern er spricht von sich selbst. Gottes erstes Wort in den zehn Geboten heißt: „Ich“. Mit diesem Ich hat es der Mensch zu tun, nicht mit irgendeinem allgemeinen Gesetz; nicht mit einem „Man soll dies und jenes tun“, sondern mit dem le­bendigen Gott. In jedem Wort der zehn Gebote spricht Gott im Grunde von sich selbst, und das ist die Hauptsache in ihnen. Darum sind sie Gottes Offenbarung. Nicht einem Ge­setz, sondern Gott gehorchen wir in den zehn Geboten, und nicht an einem Gesetz, sondern an Gott selbst scheitern wir, wenn wir sie übertreten. Nicht nur Unordnung und Miß­erfolg, sondern Gottes Zorn kommt über den Übertreter. Es ist nicht nur unweise, sondern es ist Sün­de, das Gebot Got­tes zu mißachten, und der Lohn der Sünde ist der Tod. „Le­bendige Worte“ nennt daher das Neue Testament die zehn Gebote (Apgsch 7, 38).

Vielleicht täten wir besser, mit der Bibel statt „zehn Gebote“ „die zehn Worte“ Gottes (5. Mo­se 4, 13) zu sagen. Dann würden wir sie nicht so leicht mit menschlichen Ge[600]setzen ver­wechseln, dann würden wir auch die ersten Worte: „Ich bin der Herr, dein Gott“ nicht so leicht als einen bloßen Vorspruch beiseite schieben, der zu den Geboten eigentlich gar nicht dazugehört und paßt. In Wahrheit aber sind ge­rade diese ersten Worte das allerwichtigste, der Schlüssel zu den zehn Geboten; sie zeigen uns, worin sich Gottes Ge­bot von menschlichen Gesetzen in Ewigkeit unterscheidet. In den zehn Geboten spricht Gott ebenso von seiner Gna­de wie von seinem Gebot. Sie sind nicht ein Stück, das wir ge­wissermaßen abgetrennt von Gott als Gottes Willen bezeich­nen könnten, sondern in ihnen offenbart sich der ganze, le­ben­dige Gott als der, der er ist. Das ist die Hauptsache.

Die zehn Gebote, wie wir sie kennen, sind eine Kürzung ihres biblischen Wortlautes. Worin liegt die Berechtigung zu einer solchen Abweichung von der Bibel an so entscheidender Stel­le? Die allgemeine christliche Kirche hört die zehn Gebote anders als das Volk Israel. Was der Lage Israels als politischem Volk angehört, ist für die christliche Kirche, die ein geistliches Volk in allen Völkern ist, nicht verbindlich. So hat die Kirche es in der Freiheit des Glaubens an den Gott der Gebote gewagt, an die Stelle einer buchstäblichen Übersetzung des biblischen Wortlautes eine geistlich aus­legende Obersetzung treten zu lassen.

„Ich bin der Herr, dein Gott.“ Wenn Gott Ich sagt, dann ist Offenbarung da. Gott könnte die Welt auch ihren Lauf nehmen lassen und dazu schweigen. Warum sollte Gott es nötig haben, von sich selbst zu reden? Wenn Gott „Ich“ sagt, so ist dies Gnade. Wenn Gott „Ich“ sagt, dann sagt er damit schlechthin alles, das Erste und das Letzte. Wenn Gott „Ich“ sagt, dann heißt das: „Schicke dich und begegne deinem Gott!“ (Amos 4, 12).

„Ich bin der Herr.“ Nicht ein Herr, sondern der Herr! Da­mit nimmt Gott die Herrschaft für sich allein in Anspruch. Alles Recht zu gebieten und aller Gehorsam gehören ihm [601] und ihm allein. Indem Gott sich als Herr bezeugt, befreit er uns von aller Menschenknechtschaft. Es gibt und wir ha­ben nur einen Herren, und „niemand kann zweien Herren dienen“. Wir dienen allein Gott und keinem Menschen. Auch wenn wir Befehle irdischer Herren ausführen, dienen wir in Wahrheit allein Gott. Es ist ein großer Irrtum vieler Christen, daß Gott uns für unser irdisches Leben vielen an­deren Herren neben ihm unterworfen habe und daß unser Leben nun einmal in einem ständigen Konflikt zwischen den Befehlen dieser irdischen Herren und dem Gebot stehe. Wir haben nur einen Herren, dem wir gehorchen; seine Be­fehle sind klar und stürzen uns nicht in Konflikte. Zwar hat Gott den Eltern und den Obrigkeiten auf Erden Recht und Macht gegeben, uns zu befehlen. Aber alle irdische Herr­schaft ist allein begründet in der Herrschaft Gottes, in ihr hat sie Vollmacht und Ehre, sonst ist sie Usurpation und hat keinen Anspruch auf Gehorsam. Weil wir allein dem Gebot Gottes gehorchen, darum gehorchen wir auch unseren El­tern und der Obrigkeit. Unser Gehorsam gegen Gott ver­pflich­tet uns zum Gehorsam gegen Eltern und Obrigkeit. Nicht aber ist jeder Gehorsam gegen El­tern und Obrigkeit schon Gehorsam gegen Gott. Niemals gilt unser Gehorsam Menschen, son­dern er gilt allein Gott. „Alles, was ihr tut, das tut von Herzen als dem Herrn und nicht den Menschen“ (Kol 3, 23). „Ihr seid teuer erkauft; werdet nicht der Men­schen Knechte“ (1. Kor 7, 23). Der Gehorsam gegen Gott al­lein ist die Begründung unserer Freiheit.

Gott, der Herr, hat aber nicht nur das alleinige Recht, zu gebieten, sondern auch die alleinige Macht, seinem Gebote Geltung zu verschaffen. Alle Mittel stehen ihm zu Gebote. Wer sich neben ihm zum Herrn aufwirft, muß stürzen. Wer sein Gebot verachtet, muß sterben. Wer aber ihm allein dient und sich auf ihn verläßt, den schützt und erhält er, dem weiß er wohlzu­tun, zeitlich und in Ewigkeit. [602]

„Dein Gott.“ Gott spricht zu seinem erwählten Volk, zu der Gemeinde, die ihn im Glauben hört. Für sie ist der Herr, der unerreichbar ferne und mächtige, zugleich der Nahe, Ge­genwär­tige und Barmherzige. „Wo ist so ein herrlich Volk, zu dem Götter also nahe sich tun als der Herr, unser Gott, so oft wir ihn anrufen?“ (5. Mose 4, 7). Nicht ein Fremder, ein Ty­rann, nicht ein blindes Schicksal bürdet uns unerträgliche Lasten auf, unter denen wir zerbrechen müssen, sondern Gott, der Herr, der uns erwählt, geschaffen und geliebt hat, der uns kennt, will bei uns, für uns und mit uns sein. Er gibt uns die Gebote, damit wir bei ihm, für ihn und mit ihm sein und bleiben können. Er bekennt sich zu uns, indem er uns sein Gebot wissen läßt als Herr und als Helfer. „So tut er keinen Heiden“ (Ps 147, 20). Gott ist so groß, daß ihm das Kleinste nicht zu klein ist, er ist so sehr der Herr, daß er als Helfer an unsere Seite tritt. Wenn Gott bei uns ist, dann sind seine Gebote nicht schwer, dann ist sein Gesetz unser Trost (Ps 119, 92), sein Joch sanft, seine Last leicht. „Wenn Du mein Herz tröstest, dann laufe ich den Weg Die­ner Gebote“ (Ps 119, 32). In der Bundeslade, die der Thron der gnädigen Gegenwart Gottes ist, liegen die beiden Tafeln, ein­geschlossen, umgeben, umhüllt von der Gnade Gottes. Wer von den zehn Geboten reden will, muß sie in der Bundes­lade suchen, und so muß er zugleich von der Gnade Gottes reden. Wer die zehn Gebote verkündigen will, muß zugleich Gottes freie Gnade verkündigen.

Das erste Gebot

„Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ Das nun folgende zehnmalige: „Du sollst nicht“, ist nur die Ausle­gung der vorangegangenen Selbstbezeugung Gottes. Was es [603] für unser Leben bedeutet, daß Gott der Herr und unser Gott ist, das wird uns in zehn kurzen Sät­zen gesagt. Am deutlichsten wird der Zusammenhang, wenn wir vor jedem dieser Sätze ein „darum“ einfügen. „Ich bin der Herr, dein Gott, darum sollst du nicht …“ Es ist Gottes Güte, daß er uns durch solche Verbote vor Verirrungen und Übertretungen bewahren will und uns die Grenzen zeigt, innerhalb deren wir in seiner Gemeinschaft leben können.

„Du sollst nicht andere Götter haben neben mir.“ Das ist durchaus nichts Selbstverständliches. Die hohen Kulturvöl­ker kannten zu allen Zeiten einen Götterhimmel, und es gehörte zur Grö­ße und Würde eines Gottes, dem anderen den Platz in den frommen Herzen der Menschen nicht eifer­süchtig streitig zu machen. Die menschliche Tugend der Weitherzigkeit und Tole­ranz schrieb man auch den Göttern zu. Gott aber duldet keinen anderen Gott neben sich, er will allein Gott sein. Er will alles für den Menschen tun und sein, darum will er auch allein von ihm angebetet wer­den. Neben ihm hat nichts Platz, unter ihm die ganze Schöp­fung. Gott will allein Gott sein, weil er allein Gott ist.

Nicht davon ist hier die Rede, daß wir an Stelle Gottes an­dere Götter anbeten könnten, son­dern davon, daß wir mei­nen könnten, irgend etwas neben Gott stellen zu können. Es gibt Chri­sten, die sagen, es habe doch neben ihrem Glau­ben an Gott, von dem sie nie lassen würden, doch auch die Welt, der Staat, die Arbeit, die Familie, die Wissenschaft, die Kunst, die Natur ihr Recht. Gott sagt, neben ihm hat nichts, gar nichts irgendein Recht, nur unter ihm. Was wir neben Gott stellen, ist ein Abgott.

Man pflegt zu sagen, unsere Götzen seien das Geld, die Sin­nenlust, die Ehre, andere Men­schen, wir selbst. Treffender wäre es noch, wenn wir die Kraftentfaltung, die Macht, den Erfolg als unsere Götzen bezeichnen würden. Aber an alle diese Dinge haben im Grunde die Menschen in ihrer [604] Schwäche immer ihr Herz gehängt, und nichts von all dem Genann­ten ist es, was das erste Gebot eigentlich meint, wenn es von „anderen Göttern“ spricht. Uns ist die Welt ent­göttert, wir beten nichts mehr an. Wir haben die Hinfällig­keit und Nichtigkeit aller Dinge, aller Menschen und unse­rer selbst zu deutlich erlebt, als daß wir sie noch zu ver­göttern vermöchten. Wir sind am ganzen Dasein zu irre ge­worden, als daß wir noch fähig wären, Götter zu haben und anzubeten. Wenn wir noch einen Götzen haben, so ist es viel­leicht das Nichts, das Auslöschen, die Sinnlosigkeit. So ruft uns das erste Gebot zu dem einzi­gen, wahren Gott, dem Allmächtigen, Gerechten und Barmherzigen, der uns aus dem Verfal­len an das Nichts errettet und uns in seiner Ge­meinde erhält.

Es gab Zeiten, in denen die weltliche Obrigkeit die Leug­nung Gottes und die Abgötterei unter schwerste Strafe stellte. Wenn es auch in der Absicht geschah, die Gemein­schaft vor Verfüh­rung und Unordnung zu bewahren, war doch damit Gott nicht gedient, denn erstens will Gott in Frei­heit angebetet werden; zweitens müssen die Mächte der Verführung nach Gottes Plan dazu dienen, um die Glau­benden zu bewähren und zu stärken; drittens ist die offene Leugnung Gottes in uns noch verheißungsvoller als ein durch Gewalt erpreßtes heuchlerisches Bekennt­nis. Die welt­liche Obrigkeit soll dem Glauben an den Gott der Zehn Ge­bote äußeren Schutz angedeihen lassen, die Auseinanderset­zung mit dem Unglauben aber soll allein der Macht des Wortes Gottes überlassen bleiben.

Es ist nicht immer leicht, die Grenzen zu bestimmen, an de­nen die Teilnahme an einer staat­lich gebotenen Handlung zur Abgötterei wird. Die alten Christen verweigerten es, ein Weih­rauchkorn zum Opfer, das dem römischen Kaiser­kult diente, beizutragen, und sie erduldeten deswegen den Märtyrertod. Die drei Männer im Buche Daniel (Kap. 3) ver-[605]weigerten es, den vom König befohlenen Kniefall vor dem goldenen Götzenbild, das die Macht des Königs und seines Reiches darstellen sollte, auszuführen. Andererseits erlaubt der Prophet Elia dem syrischen Feldhauptmann Naeman ausdrücklich, in Begleitung seines Königs im Götzentem­pel niederzufallen (2. Kön 5, 18). Der größte Teil der Christen in Japan hat kürzlich die Betei­ligung am staatlichen Kaiser­kult für erlaubt erklärt. In allen derartigen Entscheidun­gen wird folgendes zu bedenken sein: Erstens: handelt es sich bei der geforderten Beteiligung an derar­tigen staatli­chen Akten eindeutig um die Anbetung anderer Götter? Dann ist die Weigerung klare Pflicht des Christen. Zwei­tens: bestehen Zweifel darüber, ob es sich um einen reli­giösen oder einen politischen Akt handelt, so wird die Ent­scheidung davon abhängen, ob durch eine Beteiligung an ihm der Gemeinde Christi und der Welt ein Ärgernis ge­geben, also mindestens der Anschein einer Verleugnung Je­su Christi erweckt wird. Ist das nach dem gemeinsamen Ur­teil der Christen nicht der Fall, so steht der Beteiligung nichts im Wege. Ist es aber der Fall, dann wird auch hier die Beteiligung verweigert werden müssen.

Die lutherische Kirche hat das zweite biblische Gebot, das des Bilderverbotes, in das erste hineingezogen. Nicht die bildliche Darstellung Gottes ist der Kirche verboten. Gott selbst nahm in Jesus Christus menschliche Gestalt an und ließ sich von menschlichen Augen sehen. Verboten ist nur die Anbetung oder Verehrung von Bildern, als‘ wohnte ih­nen eine göttliche Kraft inne. Unter dasselbe Verbot fällt die abergläubische Verehrung von Amuletten, Schutz­bil­dern und ähnlichem, als hätten sie eine besondere Macht, vor Unglück zu bewahren.

„Höre Israel, der Herr, unser Gott, ist ein einiger Herr. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, liebhaben von gan­zem Herzen, von ganzer Seele und von allem Vermögen“ [606] (5. Mose 6, 4). Zu diesem unserem Gott hat uns Jesus Christus gelehrt voll Vertrauen zu beten: „Vater unser, der Du bist im Himmel!“

Das zweite Gebot

„Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht mißbrauchen, denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen mißbraucht.“

„Gott“ ist für uns nicht ein allgemeiner Begriff, mit dem wir das denkbar Höchste, Heiligste, Mächtigste bezeichneten, sondern „Gott“ ist ein Name. Es ist etwas ganz anderes, wenn Hei­den „Gott“ sagen, als wenn wir, zu denen Gott selbst gesprochen hat, „Gott“ sagen. Gott ist für uns unser Gott, der Herr, der Lebendige. „Gott“ ist ein Name, und dieser Name ist das größte Heiligtum, das wir besitzen, denn wir haben in ihm nicht irgend etwas Selbsterdachtes, son­dern Gott selbst in seinem ganzen Wesen, in seiner Offenba­rung. Wenn wir „Gott“ sagen dürfen, so allein darum, weil Gott sich in unbegreiflicher Gnade uns zu erkennen gege­ben hat. Wenn wir „Gott“ sagen, so hören wir ihn gleichsam immer selbst zu uns sprechen, uns rufen, trösten, uns ge­bieten; wir spüren ihn an uns handelnd, schaffend, richtend, ermahnend. „Wir danken Dir, Gott, daß Dein Name so nahe ist“ (Ps 75, 2). „Der Name des Herrn ist ein festes Schloß. Der Gerechte läuft dahin und wird beschirmt“ (Sprüche 18, 10). Das Wort „Gott“ ist gar nichts, der Name „Gott“ ist alles.

Die Menschen haben heute vielfach ein Empfinden dafür, daß Gott nicht nur ein Wort, son­dern ein Name ist. Darum vermeiden sie es gern, „Gott“ zu sagen, und sagen statt dessen „Gottheit“, „Schicksal“, „Vorsehung“, „Natur“, „der Allmächtige“. „Gott“ klingt für sie immer schon fast wie [607] ein Bekenntnis. Das wollen sie nicht. Sie wollen das Wort, aber nicht den Namen; denn der Name verpflichtet.

Das zweite Gebot ruft uns zur Heiligung des Namens Got­tes. Gegen das zweite Gebot können eigentlich nur diejenigen verstoßen, die den Namen Gottes kennen. Das Wort „Gott“ ist nicht mehr und nicht weniger als andere menschliche Worte, und die es mißbrauchen, entehren nur sich selbst und ihre eigenen Gedanken. Wer aber den Namen Gottes kennt und ihn miß­braucht, der entehrt und entheiligt Gott.

Nicht von der Lästerung des Namens Gottes spricht das zweite Gebot, sondern von seinem Mißbrauch, ebenso wie das erste Gebot nicht von der Leugnung Gottes, sondern von anderen Göttern neben Gott sprach. Nicht die Lästerung, sondern der Mißbrauch ist die Gefahr für die Gläubigen.

Wir, die wir den Namen Gottes kennen, mißbrauchen ihn, wenn wir ihn aussprechen, als wäre er nur ein Wort, als spräche nicht in diesem Namen immer Gott selbst zu uns. Es gibt einen Mißbrauch des Namens Gottes im Bösen und im Guten. Der Mißbrauch im Bösen ist zwar unter Chri­sten schwer vorzustellen, und doch geschieht er. Wenn wir den Namen Gottes nennen und anrufen, um wissentlich eine gottlose, schlechte Sache vor der Welt als fromm und gut erscheinen zu lassen, wenn wir Gott für eine böse Sache um seinen Segen bitten, wenn wir den Namen Gottes in einem Zusammenhang nennen, der Schande über ihn bringt, dann mißbrauchen wir ihn zum Bösen. Wir wissen dann wohl, daß Gott selbst immer nur gegen diese Sache spre­chen würde, für die wir ihn in Anspruch nehmen; aber weil sein Name eine Macht ist, auch vor der Welt, drum berufen wir uns auf ihn.

Gefährlicher, weil schwerer zu erkennen, ist der Mißbrauch des Namens Gottes im Guten. Er geschieht, wenn wir Chri­sten den Namen Gottes so selbstverständlich, so oft, so glatt und so vertraulich im Munde führen, daß wir der Heiligkeit [608] und dem Wunder seiner Offenba­rung Abbruch tun. Es ist Mißbrauch, wenn wir für jede menschliche Frage und Not vorschnell mit dem Wort Gott oder mit einem Bibelspruch zur Hand sind, als wäre es das Selbstverständ­lichste von der Welt, daß Gott auf alle menschlichen Fragen antwortet und in jeder Schwie­rig­keit immer schon zur Hilfe bereit ist. Es ist Mißbrauch, wenn wir Gott zum Lückenbüßer un­serer Verlegenheiten machen. Es ist Mißbrauch, wenn wir echte wissenschaftliche oder künst­lerische Bemühungen ein­fach mit dem Worte Gott zum Verstummen bringen wollen. Es ist Mißbrauch, wenn wir das Heiligtum vor die Hunde werfen. Es ist Mißbrauch, über Gott zu sprechen, ohne sich seiner lebendigen Gegenwart in seinem Namen bewußt zu sein. Es ist Mißbrauch, wenn wir von Gott reden, als hätten wir ihn jederzeit zu unserer Verfügung und als hätten wir in seinem Rat gesessen. Wir mißbrauchen auf alle diese Weisen den Namen Gottes, indem wir ihn zu einem leeren menschlichen Wort und kraftlosen Geschwätz machen, und wir entheiligen ihn damit mehr, als die Lästerer ihn ent­heiligen können.

Der Gefahr solchen Mißbrauches des Namens Gottes be­gegneten die Israeliten durch das Verbot, diesen Namen überhaupt auszusprechen. Wir können von der Ehrfurcht, die sich in dieser Regel bekundet, nur lernen. Es ist gewiß besser, den Namen Gottes nicht auszuspre­chen, als ihn zu einem menschlichen Wort herabzuwürdigen. Aber wir ha­ben den heiligen Auftrag und das hohe Recht, Gott vorein­ander und vor der Welt zu bezeugen. Das geschieht, wenn wir den Namen Gottes nur so aussprechen, daß sich in ihm das Wort des lebendigen, gegenwärtigen, gerechten und gnä­digen Gottes selbst bezeugt. Das kann nur geschehen, wenn wir täglich beten, wie uns Jesus Christus gelehrt hat: „Dein Name werde geheiligt!“.

Die weltlichen Obrigkeiten des Abendlandes haben von je-[609]her die öffentliche Gotteslä­sterung unter Strafe gestellt. Sie haben damit bekundet, daß sie den Gottesglauben und den Gottesdienst vor Verächtlichmachung und Schmähung zu schützen berufen sind. Niemals aber konnte es ihnen ge­lingen, die geistigen Bewegungen, als deren recht oder falsch verstan­dene Auswüchse solche Schmähungen entstehen, selbst zu unterdrücken, und es kann dies auch niemals ihre Aufgabe sein. Mit der gewaltsamen Unterdrückung geisti­ger Bewegungen ist der Kirche nicht geholfen. Sie bean­sprucht nur die Freiheit ihrer Verkündigung und ihres Le­bens, und sie traut es dem recht bezeugten Namen Gottes zu, sich selbst durchzusetzen und Ehrerbietung zu ver­schaffen.

Ist es Mißbrauch, den Namen Gottes beim Eid zu nennen? Es ist für den Inhalt der Aussage des Christen kein Unter­schied, ob er unter Eid steht oder nicht und ob er die so­genannte religiöse oder die nichtreligiöse Eidesformel be­nutzt. Sein Ja ist Ja, sein Nein ist Nein, ganz gleichgültig, welche Beteuerung er hinzufügt. Unter Christen gibt es kei­nen Eid, sondern nur das Ja und Nein. Allein um der ande­ren Menschen und um der Lüge willen, die in der Welt herrscht, darf er sein Wort – zwar nicht wahrhaftiger, als es sonst wäre, aber doch – glaubwür­diger machen, indem er die vom Staat geforderte Eidesformel gebraucht, wobei es für ihn ohne Belang ist, ob diese Formel den Namen Gottes nennt oder nicht. Der Eid bedeutet für den Christen nur die äußere Bestätigung dessen, was für ihn ohnehin feststeht, nämlich daß sein Wort vor Gott gesprochen ist.

Das dritte Gebot

„Du sollst den Feiertag heiligen.“

Daß dieses Gebot in gleicher Würde neben dem Verbot des Götzendienstes oder auch dem Verbot des Tötens steht, daß [610] der Übertreter dieses Gebotes sich nicht weniger schuldig macht als der Spötter seiner Eltern, der Dieb, der Ehe­brecher, der Verleumder, will uns schwer in den Sinn. Un­ser Leben ist Werktag in der Arbeit und unter Menschen. Der Feiertag scheint uns eine schöne und erfreuliche Erlaub­nis zu sein, aber daß der Ernst des Gebotes Gottes hinter ihm steht, ist uns fremd geworden.

Gott gebietet den Feiertag. Er gebietet Feiertagsruhe und Feiertagsheiligung.

Der Dekalog enthält kein Gebot zu arbeiten, aber ein Ge­bot, von der Arbeit zu ruhen. Das ist die Umkehrung von dem, was wir zu denken gewohnt sind. Die Arbeit wird im dritten Gebot als etwas Selbstverständliches vorausgesetzt, aber Gott weiß, daß das Werk, das der Mensch tut, über ihn eine solche Gewalt gewinnt, daß er von ihm nicht mehr lassen kann, daß er sich von seinem Tun alles verspricht und darüber Gott vergißt. Darum gebietet Gott, von seinen Werken auszuruhen. Nicht die Arbeit erhält den Menschen, sondern allein Gott; nicht von der Arbeit lebt der Mensch, sondern allein von Gott. „Wo der Herr nicht das Haus baut, da arbei­ten umsonst, die daran bauen; wo der Herr nicht die Stadt behütet, da wacht der Wächter um­sonst … Seinen Freunden gibt es der Herr im Schlaf“ (Ps 127, 1. 2), sagt die Bibel gegen alle, die aus der Arbeit ihre Religion machen. Die Feiertagsruhe ist das sichtbare Zeichen dafür, daß der Mensch aus der Gnade Gottes, und nicht aus Werken lebt.

Äußere und innere Ruhe sollen am Feiertag herrschen. In unseren Häusern soll alle nicht unerläßlich zum Leben not­wendige Arbeit unterbleiben, und ausdrücklich schließt der Dekalog Knechte und Fremdlinge, ja auch das Vieh in die­ses Gebot ein. Nicht planlose Zerstreuung, sondern Ruhe und Sammlung sollen wir suchen. Weil das nicht leicht ist, weil uns vielmehr die Untätigkeit leicht zum öden Müßig-[611]gang, zu ermüdenden Ablenkungen und Vergnügungen ver­leitet, muß das Ruhehalten ausdrücklich geboten werden. Es erfordert Kraft, diesem Gebot zu gehorchen.

Die Feiertagsruhe ist die unerläßliche Voraussetzung der Feiertagsheiligung. Der zur Ar­beitsmaschine herabgewür­digte Mensch braucht Ruhe, damit sein Denken sich klären, sein Fühlen sich reinigen, sein Wollen sich neu ausrichten lassen kann.

Die Feiertagsheiligung ist der Inhalt der Feiertagsruhe. Die Heiligung des Feiertages ge­schieht durch die Verkündigung des Wortes Gottes im Gottesdienst und durch das bereit­willi­ge und ehrfürchtige Hören dieses Wortes. Die Enthei­ligung des Feiertages beginnt mit dem Verfall der christli­chen Verkündigung. Sie ist also in erster Linie Schuld der Kirche und insbesondere der Amtsträger. So geht die Er­neuerung der Feiertagsheiligung von der Erneuerung der Predigt aus.

Jesus hat die jüdischen Gesetze über die Sabbathruhe durchbrochen. Er tat es um der wahren Heiligung des Sab­baths willen. Nicht durch das, was Menschen tun oder nicht tun, sondern durch das Handeln Jesu Christi zum Heil der Menschen wird der Sabbath geheiligt. Aus die­sem Grunde haben die alten Christen den Sabbath durch den Auferste­hungstag Jesu Christi ersetzt und diesen Tag des Herrn genannt. Mit Recht gibt daher Luther, nicht in wörtlicher, aber in geistlich auslegender Übersetzung des dritten Ge­botes das hebräische Wort Sabbath mit dem deutschen Wort Feiertag wieder. Unser Sonntag ist der Tag, an dem wir Jesus Chri­stus an uns und an den Menschen handeln las­sen. Zwar soll das alle Tage geschehen; aber am Sonntag ruhen wir von unserer Arbeit, damit es in besonderer Weise geschehe.

Die Sonntagsruhe ist das Ziel der Sonntagsheiligung. Gott will sein Volk zu seiner Ruhe führen, zum Ausruhen vom [612] irdischen Werktag. „Herz, freu dich, du sollst werden vom Elend dieser Erden und von der Sündenarbeit frei.“ Vom menschlichen unvollkommenen Wirken befreit soll das Volk Gottes das vollendete reine Werk Gottes anschauen und an ihm teilhaben. Als Abglanz und Verheißung dieser ewigen Ruhe beim Schöpfer und Erlöser und Vollender der Welt darf der Christ, der den Sonntag heiligt, die Sonntagsruhe erfahren.

Vor den Augen der Welt ist der Sonntag der Hinweis auf das Leben der Kinder Gottes aus der Gnade Gottes und auf die Berufung der Menschen in Gottes Reich. So beten wir: „Dein Reich komme!“

Quelle: Dietrich Bonhoeffer, Gesammelte Schriften, hrsg. v. Eberhard Bethge, Bd. 4: Auslegungen und Predigten 1933-1944, München: Chr. Kaiser 1961, S. 597-612.

Hier Bonhoeffers Text als pdf.

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