Kann man auf Basis des Kleinen Katechismus Martin Luthers ein gemeinschaftliches christliches Leben ohne Bibel führen? Lessings bermudische Parabel im Streit mit Goeze

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In seiner Auseinandersetzung mit dem Hamburger Pastor Goeze (Fragmentenstreit) bestreitet Gottfried Ephraim Lessing mit seiner Schrift Axiomata von 1778, dass die Bibel die einzige Quelle für die Wahrheit sei und erzählt dazu folgende Parabel:

Zu Anfange des vorigen Jahrhunderts wollte ein abgesetzter Lutherscher Predi­ger aus der Pfalz, mit seiner Familie, die aus zusammengebrachten Kindern beiderley Ge­schlechts bestand, sich nach einer von den Kolonieen des Brittischen Amerika begeben. Das Schiff, worauf er übergieng, scheiterte an einer kleinen unbewohnten Bermudischen Insel; und von dem Schiffsvolke ersoff, ausser der Familie des Predigers, fast alles. Der Prediger fand diese Insel so angenehm, so gesund, so reich an allem, was zur Unterhaltung des Lebens gehört, daß er sich gern gefallen ließ, die Tage seiner Wallfahrt daselbst zu beschließen. Der Sturm hatte unter andern eine kleine Kiste an das Land getrieben, in welcher bey allerley Gerätschaft für seine Kinder, auch ein Katechismus Luthert sich befand. Es versteht sich, daß dieser Katechismus, bey gänzlichem Mangel aller andern Bücher, ein sehr kostbarer Schatz für ihn wurde. Er fuhr fort, seine Kinder daraus zu unterrichten; und starb. Die Kinder unter­richteten ihre Kinder wieder daraus; und stürben. Nur erst vor zwey Jahren, ward wieder ein­mal ein Englisches Schiff, auf welchem ein Hessischer Feld-Prediger war, an diese Insel ver­schlagen. Der Feldprediger, — ich könnte es aus seinen eigenen Briefen haben, — gieng mit einigen Matrosen, die frisches Wasser einnehmen sollten, ans Land; und erstaunte nicht we­nig, sich auf einmal, in einem ruhigen lachenden Thale, unter einem nackten, fröhlichen Völk­chen zu finden, das Deutsch sprach; und zwar ein Deutsch, in welchem er nichts als Redensar­ten nnd Wendungen aus Luthers Katechismus zu hören glaubte. Er ward neugierig darub; und siehe! Er fand, daß das Völkchen nicht allein mit Luthern sprach: sondern auch mit Luthern glaubte; und so orthodox glaubte, als nur immer ein Feldprediger. Einige Kleinigkei­ten aus­genommen. Der Katechismus war, wie natürlich, in den anderthalb hundert Jahren aufge­braucht, und sie hatten nichts davon mehr übrig, als die Bretterchen des Einbandes. In diesen Bretterchen, sagten sie, steht das alles, was wir wissen. — Hat es gestanden, meine Lieben! sagte der Feldprediger. — Steht noch, steht noch! sagten sie. Wir können zwar selbst nicht lesen, wissen auch kaum, was Lesen ist: aber unsere Väter haben es ihre Väter daraus herlesen hören. Und diese haben den Mann gekannt, der die Bretterchen geschnitten. Der Mann hieß Luther, und lebte kurz nach Christo.

Ehe ich weiter erzähle, Hr. Pastor: waren diese guten Leutchen wohl Christen, oder waren sie keine? Sie glaubten sehr lebhaft, daß es ein höchstes Wesen gebe; daß sie arme sündige Ge­schöpfe wären; daß dieses höchste Wesen demohngeachtet, durch ein andres eben so hohes Wesen, sie nach diesem Leben ewig glücklich zu machen, die Anstalt getroffen. — Hr. Pas­tor; waren diese Leutchen Christen, oder waren sie keine?

Sie müssen nothwendig sagen: sie waren keine. Denn sie hatten keine Bibel. — Barmherziger Gott! Unbarmherziger Priester! — Nein; ich erzähle Ihnen, von diesem lieben, fröhlichen, glücklichen Völkchen, weiter nichts.

Quelle: Gotthold Ephraim Lessings Sämmtliche Schriften, Band 10, hrsg. von Karl Lach­mann, Berlin 1839, S. 150-152.

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