„Wer hat recht: das Kreuz oder wir?“ Predigt von Antonius H. J. Gunneweg über 1. Korinther 1,18-25

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Aus Anlass des neuen Kruzifixstreits eine Predigt von Antonius H. J. Gunneweg (1922-1990) über 1 Korinther 1,18-25 aus seiner Zeit als Gemeindepfarrer in Singhofen.

Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist es Gottes Kraft. Denn es steht geschrieben (Jesaja 29,14): »Ich will zunichtemachen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.«  Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht? Denn weil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die da glauben. Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit, wir aber predigen Christus, den Gekreuzigten, den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit; denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn die göttliche Torheit ist weiser, als die Menschen sind, und die göttliche Schwachheit ist stärker, als die Menschen sind.

Meine liebe Gemeinde, so konnte Paulus damals noch schreiben, – aber so können wir nicht mehr reden. Das zeigt sich gleich daran, daß wir mit einer solchen höchst zentralen Aussage der Bibel kaum etwas anfangen können. Die Worte gehen über unsere Köpfe hinweg wie ein heiliges Naturereignis, aber wir hören die Don­nerschläge, die losknallen, gar nicht und ein befruchtender Regen fällt darum auch nicht auf unser Leben. Eine Torheit sei das Kreuz, auf Deutsch: eine Torheit, ein Widersinn, ein Unsinn. Oder aber es sei eine Gotteskraft, eine Wunderkraft, die das ganze Leben ändert, der ganzen Welt ein anderes Gesicht gibt. Aber weder das eine noch das andere stimmt heutzutage. Das Kreuz ist uns weder eine Idiotie noch eine Gotteskraft. Es ist längst etwas ganz anderes geworden: ein geheiligtes Symbol, ein frommes Sinnbild. Das Kreuz wurde domestiziert. Domestizieren, das heißt, aus wilden, gefährlichen Tieren brave, zahme und nützliche Haustiere machen. Aus gefährlichen Büffeln werden zahme Milchkühe, und aus reißenden Steppenhunden werden freundliche Dackel. Der Vergleich scheint abwegig, aber es stimmt genau: das Kreuz wurde domestiziert, gezähmt und nun steht es als freundliches Symbol auf dem Kirchturm, auf der blütenweißen Altardecke und man kann et­waige leere Wandflächen in Gemeindesälen wunderschön damit ausschmü­cken, damit jeder sehen kann, daß es sich um »christ­liche« Räumlichkeiten handelt. Und die Bibel, das törichte Wort vom Kreuz, ist ebenfalls domestiziert, es steht treu und brav ir­gend­wo im Schrank oder auf einem Regal, ein bißchen vergilbt, ein bißchen verstaubt, auf dem Ehrenplatz vielleicht, aber es greift uns nicht an, springt uns nicht ins Gesicht, es beißt nicht und es kratzt nicht, tut uns nicht weh, – brav und treu und zahm und – [71] mit einem Wort – fromm geworden ist. Weder eine Torheit, noch ein Ärgernis, noch eine Gotteskraft.

I.

Das ist die Lage. Was wir in dieser Lage tun müssen, kann nur dies sein: uns mühsam, müh­sam hindurchgraben, hindurchwühlen durch den ganzen Wust von frommen Redensarten und Vorstellungen, die mit dem Symbol »Kreuz« verbunden sind; uns mühsam, mühsam hin­durchtasten durch den Nebel, der sich um das Kreuz herumgelagert hat. Da steht auf einem Hügel ein Pfahl mit einem Querstück. Daran hängt jemand. Ein Mann. Total seiner menschli­chen Würde beraubt, erschöpft, zur totalen Ohnmacht verurteilt. Man könnte das leicht noch weiter ausmalen. Aber nur nicht! Dann würden wir gerührt und würden vor lauter Rührung die Wirklichkeit gar nicht sehen: den Pfahl mit dem halbtoten Mann daran. Sonst nichts.

Das ist schlimm, nicht wahr? Aber wir sind nach allem, was wir schon erlebt haben, ziemlich abgehärtet, ja abgebrüht. Wir wissen ja, daß in den 1900 und soviel Jahren, die seitdem ver­gangen sind, noch sehr viele andere Männer halbtot an Pfählen gehangen haben, – daß der Mensch den Menschen seither weiterhin auf alle erdenk­liche Arten und Weisen ins Jenseits befördert hat. Millionen von Menschen sind inzwischen von Menschen umgebracht worden. Insofern ist das Kreuz Jesu ja eigentlich nichts Besonderes, nichts Einmaliges, so schlimm und schrecklich das auch gewesen sein mag. Was ist also das Besondere an diesem Pfahl und an diesem Mann daran? Äußerlich gesehen gar nichts, kein Heiligenschein, kein verklärender Glanz, keine Engelsmusik, nichts, – nur dies, daß dieser Mann bis zuletzt von sich behauptet, daß sich in ihm, daß sich ausgerechnet in diesem ohnmächtigen Sterben Gottes Allmacht offenbare. Das behauptete er noch, als er schon halb tot war und das behaupteten eine hand­voll Anhänger von ihm, nachdem er längst gestorben war. – Das ist das nackte Kreuz ohne alles schöne Drum und Dran: ein Stück menschlicher Ohnmacht. Und das ist das Wort vom Kreuz: die unmögliche, widersinnige Behauptung, diese Nie­derlage sei ein Sieg. [72]

II.

Aber nehmen wir einmal an – man kann es ja einmal annehmen, nicht wahr?, – daß diese unsinnige Behauptung nun doch stimmen sollte, – daß also Gott seine Allmacht und seine Herrlichkeit niemals herrlicher als dort in diesem sterbenden Mann an seinem Pfahl gezeigt hat; man stelle sich einmal vor, daß Gott, Gott, wirklich so ist, wie es dieser Mann bis zuletzt vorlebt: Liebe, Demut, Sanftmut, Selbsthingabe, Selbstpreisgabe, – man stelle sich einmal vor, daß das wirklich stimmt: – wenn das stimmt, dann stimmt etwas anderes auf jeden Fall nicht. Dann stimmt unser Leben, unser Leben auf keinen Fall. Entweder das Kreuz ist eine Torheit. Dann haben wir recht. Oder das Kreuz ist die eigentliche Weisheit Gottes. Dann sind wir im Unrecht, auf der ganzen Linie. Entweder war das Kreuz ein tragischer Irrtum, ein tragi­sches Versagen, ein tragischer Fall unter Millionen von anderen tragischen Fällen. Dann müs­sen wir unbe­dingt so weitermachen wie bisher, dann los! Hinein ins volle Ver­gnügen, ein jeder sehe zu, daß er das größte Stück Kuchen bekom­me. Macht aus eurem bißchen Leben, was draus zu machen ist und zur Erhöhung der Feierlichkeit von mir aus auch noch eine Kir­che mit einem schönen Kreuz oben drauf. Oder aber das Kreuz ist Got­tes Weg zum Leben, der Weg, den er uns zeigt: Weg der Liebe, des Dienenwollens, des Untenseins, und, wenn es sein muß, auch der Selbstpreisgabe. Dann sind wir mit unserem Lebensdrang, mit unse­rem Verlangen nach Glück, Glück und Glück, immer schon auf dem Holzweg.

Wenn das Kreuz wirklich recht hat, dann kreuzt das Kreuz kreuz und quer unser Leben, wie wir es einrichten und organisieren, durch. Und das ist – weiß Gott – außerordentlich unange­nehm, außer­ordentlich schmerzhaft, ja, wer sich im Angesicht des Kreuzes noch nicht geohr­feigt gefühlt hat, daß ihm beide Backen glühten, der hat es nicht verstanden, nicht kapiert, das Ärgernis des Kreuzes, dem ist es immer noch das Sinnbild, ein lahmes, zahmes, frommes Sym­bol, weit und ungefährlich, hoch oben auf den Kirchtürmen. [73]

III.

Wer sich aber wirklich durch die ganze nebulöse Kreuzessymbolik hindurchgräbt, langsam, langsam, mühsam, mühsam hindurchgräbt, wer es wirklich ein ganz klein bißchen versteht als das, was es ist: als Ende unseres ganzen »Lebensdranges«, als Bankrotterklärung unseres Le­bens, – dann kann dasselbe Kreuz zur Gotteskraft und zur göttlichen Weisheit werden: zur wunderkräftigen Befreiung von jenem verfluchten Drang zum Leben, von jenem unbedingten Ver­langen, unbedingt vorne sein zu müssen, – endlich davon befreit … Das müßte ich jetzt logischerweise und normalerweise näher ausfüh­ren. Paulus konnte das ja noch machen. Aber ich, – es tut mir leid, ich muß euch enttäuschen. Wir leben ja in einer ganz anderen Zeit. Für uns, für euch wie für mich ist ja das Kreuz, wie gesagt, zu­nächst das christliche Symbol, ein frommes Zeichen. Ich weiß auch nicht, ob nach dieser Predigt das Kreuz nun wirklich etwas anderes geworden ist, ob es euch wirklich zum Ärgernis und zur Torheit geworden ist, – ich möchte es bezweifeln. Es wird sich nach dieser Predigt, wie nach allen anderen Predigten auch, wahrscheinlich nichts ändern, – das ist die Tragik dieser Zeit, daß Predigten gar nicht mehr erreichen und treffen was sie treffen wollen. Aber gut … Wir müssen uns darum sehr viel bescheidenere Ziele stecken. Wenn das Kreuz uns schon zunächst ein frommes Zeichen ist, vielleicht, vielleicht, kann es dann diesem oder jenem unter uns einmal zum Fragezeichen werden, zu einem gewaltigen Fragezei­chen, das all unser Tun und Leben in Frage stellt, das uns vor die große Frage stellt: wer hat recht? Wer hat recht: das Kreuz oder wir? Wer hat recht: Jesus, der sich dahingab, oder wir, die wir uns selbst behaupten? Wer hat recht? Diese Frage möchte ich euch für heute mitgeben. Amen.

Quelle: Rudolf Landau (Hrsg.), Calwer Predigtbibliothek, Bd. 4, Stuttgart: Calwer Verlag 1998, S. 70-73.

Hier der Text als pdf.

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