Hans Joachim Iwand, Die politische Existenz des Christen unter dem Auftrag und der Verheißung des Evangeliums von Jesus Christus (1953): „Gottes Wort will alle Räume unseres Lebens mit seinem Gericht und seiner Verheißung treffen.“

Beckmann - Christus und Pilatus
Christus und Pilatus (Max Beckmann, Lithograpie 1946)

„Die politische Existenz des Christen unter dem Auftrag und der Verheißung des Evangeliums von Jesus Christus“ heißt der Vortrag, den Iwand 1953 mehrmals vor Pfarrern der Hessen-Nassauischen Kirchenbezirke  gehalten hatte. Was heute fast wie ein Thema aus dem gymnasialen Lehrplan im Fach Evangelische Religion klingt, war damals für lutherische Theologie im höchsten Maße anstößig:

Die politische Existenz des Christen unter dem Auftrag und der Verheißung des Evangeliums von Jesus Christus

Von Hans Joachim Iwand

I.

Es ist nicht leicht, in dieser Sache so zu reden, daß das Grundsätzliche erfaßt und das Besondere unserer augenblicklichen Lage dabei getroffen und sichtbar wird. Das Grundsätzliche betrifft die Frage, ob und inwiefern wir überhaupt zu der politischen Existenz als solcher in der Verkündigung Stellung zu nehmen haben, wie weit sich darin nicht ein Überschreiten der uns gesetzten Grenzen vollzieht, eine Aufhebung des Unterschiedes der beiden Reiche, des geistlichen und des weltlichen, wie man gern sagt, so daß die Verkündigung als solche dadurch unwirksam wird und eine politische Rede an ihre Stelle tritt. Denn es gibt ja ohne Frage einen Mißbrauch des Christlichen für die und in der Politik, es gibt eine Vermischung der beiden Reiche, wie die Reformatoren das genannt haben, und es gibt ein Schwärmertum, welches aus dem Evangelium ein Programm und aus der Freiheit des Glaubensgehorsams ein Gesetz macht. Es gibt das ohne Frage und wir sollten nicht so tun, als ob uns diese Gefahr nichts anginge. Aber das ist nur die eine Sache. Es kann damit nicht gesagt sein, daß wir das Recht und die Freiheit hätten, das Wort Gottes da, wo es mitten hineintrifft in unsere politische Existenz, abzulenken und zum Verstummen zu bringen. Gottes Wort will alle Räume unseres Lebens, in denen wir uns bewegen, mit seinem Gericht und seiner Verheißung treffen. Sobald wir einen Bezirk vor ihm verschließen, kann es auch in allen anderen Bezirken nicht mehr wirken, ist es nicht mehr sein Wort, sondern unser Wort, sind wir nicht mehr von ihm geleitet, sondern haben uns seiner bemächtigt und wenden es an, wo es uns paßt, und unterdrücken seine Mahnung, wo sie uns bedenklich und unseren menschlichen Wünschen und Hoffnungen hinderlich scheint. Darum kann die Abgrenzung der beiden Reiche nicht quantitativ verstanden werden. Es geht nicht an, [184] einen Bezirk abzugrenzen, für den das Reich Gottes gilt, gegenüber einem anderen, der vor ihm abgedichtet und abgesperrt ist.

Es geht nicht an, daß wir über bestimmte Gemächer des Hauses, in dem wir leben, das Wort Politik setzen und damit Gott und seinem Wort den Zugang verwehren. Dieser eine seinem Wort verschlossene Raum verdirbt alle anderen Räume. Wo Gott nicht Alles erleuchten kann, herrscht totale Finsternis, wo er uns nicht in allen Bezirken und Räumen unseres Lebens mit seinem Wort rufen, ermahnen und erquicken darf, wo er nicht ganz unser Gott sein und wir nicht ganz seine Diener sein dürfen, da werden wir letztlich eben doch mit eigener Weisheit uns behelfen und mit eigener Frömmigkeit uns rechtfertigen. Wenn wir daher von dem Unterschied der beiden Reiche reden, wie die Schrift davon redet, dann muß unter uns feststehen, daß diese Unterscheidung nicht in einem quantitativen, sondern in einem qualitativen Sinne gemeint ist. Das „quale“, die Art und Weise, wie Gott seine Herrschaft aufrichtet und aufrechterhält, ist eine grundsätzlich andere als die, welche die Reiche dieser Welt gebrauchen, um sich zu behaupten und ihre Ideologien durchzusetzen. Jesus Christus sagt: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ (Joh. 18,36). Damit kennzeichnet er in einer für das Verhältnis von Reich Gottes und Weltreich entscheidenden Stunde – in der Gegenüberstellung zu Pontius Pilatus – den Unterschied der beiden Herrschaftsformen. Schon Augustin hat darauf aufmerksam gemacht, daß Jesus nicht sagt: „Mein Reich ist nicht in (en) dieser Welt“, sondern daß er sagt, es ist nicht von (ek) dieser Welt. Er will damit nicht sagen, daß sein Reich nicht hineinreicht in die Welt und ihre Herrschaftsformen, in der Weltüberlegenheit, die ihm zu eigen ist, sondern er will sagen, daß das Zeugnis der Wahrheit, durch das er herrscht, keines Rückhaltes bedarf an einer innerweltlichen, irdischen Macht. Er will die Überlegenheit und Reinheit der Herrschaft zum Ausdruck bringen, die er begründet und die in seinem Namen ausgeübt wird. Weil sich in ihm, in Jesus Christus, die Wahrheit selber bezeugt, weil sein Kreuz und seine Auferstehung Gottes Sieg über die Mächte dieser Welt sind, darum muß jeder Versuch, die Wirksamkeit seines Wortes auf die Macht und Gewalt dieser Welt zu gründen, seine Wahrheit aufheben und seine Souveränität untergraben. „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ bedeutet also: Wir sind aufgerufen, zu glauben, daß durch ihn, durch Jesus Christus und sein Evangelium, die Wahrheit in dieser Welt über die Welt gesiegt hat, daß eben dies sein Wort so frei ist, daß nichts von alle-[184]dem, was in dieser Welt Macht und Herrschaft ausübt, daran heranreicht. In Jesus Christus bezeugt sich die Wahrheit selbst als Christus. Diese Wahrheit hat kein Dahinter. Sie ist, was sie ist, und was sie wirkt, wirkt sie allein. Sie siegt im Untergang ihrer Zeugen, ihre Erfolge sind die Erfolge Gottes in den Mißerfolgen seiner Boten. Ihre Ohnmacht ist ihre Stärke, sie wird verkannt von den Mächtigen dieser Welt, die an ihr scheitern, indem sie sich mit ihr einlassen. Denn „hätten sie den Herrn der Herrlichkeit erkannt, dann hätten sie ihn nicht gekreuzigt“ (1. Kor. 2,8).

Diese Tatsache also, daß der Herr ein Knecht wurde und im Inkognito seiner Knechtsgestalt sein Reich aufrichtete und in keiner anderen Gestalt bis zum Ende der Tage den Fortgang seines Reiches besorgt, ist immer wieder eine Frage an uns im Dienst und in der Leitung der Kirche. Die Frage nämlich, ob wir das glauben? Ob wir glauben, daß es eine Position gibt im Kampf mit den Mächten dieser Welt, die damit siegreich ist, daß sie nichts hinter sich hat als dieses Zeugnis der Wahrheit, das Jesus Christus gebracht hat, womit er seine Herrschaft aufrichtet? Ob wir zu glauben vermögen, daß diese Position dann allein stark und echt ist, wenn sie Gott zum Bundesgenossen hat und niemand sonst (1. Gebot!); ob wir seine verborgene Herrlichkeit im Wort vom Kreuz zu sehen vermögen; ob wir wissen, daß die Welt darin überwunden und gerettet ist und (kraft der Erwählung Gottes!) nur darauf wartet, daß wir sie so, als die von Gott überwundene und erlöste, ansprechen? Das ist die qualitative Unterschiedenheit, die das Amt der Verkündigung von allen anderen Berufen unterscheidet, die es hineinstellt in einen Zusammenhang, der nicht mehr in den politischen Ordnungen dieser Welt begründet ist, sondern in den Verheißungen des Evangeliums, das die Welt zu ihrem eigenen Heil überwindet. Wo die Lehre von den beiden Reichen in dieser ihrer qualitativen Bedeutsamkeit nicht beachtet wird, wo sie verdorben wird in quantitative Begrenzungen, wo den Reichen dieser Welt die Erde und dem Reich Gottes, in völliger Verkennung des damit Gemeinten, der Himmel überlassen, wo den politischen Gewalten unsere öffentliche, dem Evangelium unsere private Existenz zugeordnet wird, wo wir dem Wahn erliegen, wir lebten als Staatsbürger in der Gottesferne und als „Himmelsbürger“ in der Gottesnähe, wo wir versuchen, mit dem einen Fuß hier, mit dem anderen dort zu stehen, leben wir weder im Himmel noch auf der Erde, sondern im Wahn und Traum, in einem Schlaf, aus dem aufzustehen und zu erwachen an der Zeit [186] sein dürfte. Wo die Verschiedenheit der beiden Reiche im Sinne willkürlicher Grenzziehung verstanden wird, wird der eschatologische Charakter des Reiches Gottes ausgestrichen, wird er beschränkt und begrenzt auf eine Innerlichkeit, die nicht mehr die Ohnmacht des Kreuzes, sondern die Ohnmacht des Unglaubens ist, wird die Gegenwart, in der wir leben, nicht mehr im Gericht und Verheißung bezogen auf das kommende Reich und auf seinen Herrn, geraten wir in Versuchung, die Weltgeschichte zu verwechseln mit dem Weltgericht und damit Erfolg und Mißerfolg entscheidend sein zu lassen über Gut und Böse, Gerecht und Ungerecht. Wir vergessen dann, daß es Jesus Christus ist, der als der Kommende den Prüfstein in der Hand hat, daß darum unsere politische Existenz vom Jenseits des Politischen her ihr Urteil empfängt. Die Weltgeschichte als solche ist nicht das Weltgericht. Mag dieser Gedanke auch noch so nahe liegen, er wurde aufgegeben und außer Kurs gesetzt, als die Jünger Jesu kraft seiner Auferstehung in seinem Kreuz nicht mehr die Katastrophe sahen, sondern den Einbruch und Sieg des Reiches Gottes erkannten und im Heiligen Geist verkündigten. In den politischen Ereignissen kommt das Reich Gottes grundsätzlich nicht, sein Kommen bedeutet die Krise und das Rechtlos-werden aller Macht und Gewalt, die absolut sein möchte, die sich nicht bezieht und begründet auf jene Tat Gottes in Jesus Christus, in der dieser zum Herrn erhoben wurde, hoch „über alle Herrschaft, Macht und Gewalt und Hoheit und alle Namen, die genannt werden, nicht nur in dieser, sondern auch in der zukünftigen Welt“ (Eph. 1,21).

II.

Damit ist freilich gesagt, daß wir eine These werden zu überprüfen haben, die uns so in Fleisch und Blut übergegangen ist, daß es fast sakrileg erscheinen will, wenn wir sie antasten. Ich meine jene These von der Eigengesetzlichkeit des staatlichen Lebens, die zu optimistisch und zu pessimistisch zugleich ist: zu optimistisch darin, daß man von der Meinung ausging, der Staat sei seiner Natur nach eine sittliche Größe, und alles, was wir als seine Bürger tun und denken, unsere Freiheit und Bindungen, unsere Pflichten und unsere Rechte, ließen sich autonom bestimmen und regenerierten sich selbsttätig durch das Sittengesetz, durch die allen Menschen gleicherweise angeborene Vernunft; zu pessimistisch auf der anderen Seite durch Privatisierung der [187] Verkündigung, als ob die Herrschaft Jesu Christi und der Geist seines Reiches zu jenseitig wären, um das Tier aus dem Abgrund zu bändigen und „das Recht wahrhaftig halten zu lehren“ (Jes. 42,3), als ob es nicht möglich wäre, die in der Politik aufbrechende Anarchie und Gewalt, die Ungerechtigkeit und das Chaos von jenem Gesetz her zu ordnen und zu überwinden, das in der Herrschaft Jesu Christi beschlossen liegt.

Es ist hier nicht der Ort, Recht und Unrecht jener These zu untersuchen, wonach der Staat von Hause aus das „sittliche Reich“ ist. Melanchthon hat in der Entwicklung und Ausarbeitung seiner „Loci praecipui theologici“ Wesentliches dazu beigetragen, die Autonomie des Staates durch seine Trennung von Gesetz und Evangelium im Bereich lutherischer Kirchen zu befestigen. Er ist so weit gegangen, alle zehn Gebote mit Einschluß des ersten auf das Naturgesetz zurückzuführen, dem Staat das jus utriusque tabulae zuzuerkennen und die Verkündigung auf den Trost der angefochtenen Gewissen zu beschränken. Er hat dadurch mitgeholfen, die These von der rationalen Selbständigkeit des politischen Lebens zu festigen, die dann später von den Staatsrechtslehrern der Aufklärungszeit als Ausgangsbasis benutzt wurde, den Staat zum Hort der geistigen und rechtlichen Toleranz gegenüber den furchtbaren Wirkungen der Glaubenskämpfe zu machen. Es fragt sich nun, ob wir heute nicht an der umgekehrten Stelle angelangt sind, da, wo nach dem Worte Dostojewskis die „Aufklärung mit der Menschenfresserei“ endet. Es ist ja schon lange nicht mehr die Vernunft, die das politische Leben bestimmt und ordnet, und – was viel schlimmer ist – „der Glaube an die Vernunft“ hat sich als viel zu schwach erwiesen, um den aufkommenden Ungerechtigkeiten und der Herrschaft von Ideologien gegenüber eine echte Kraft und eine scharfe Waffe zu sein; indem die Vernunft selber zum Gegenstand des Glaubens wurde, nicht mehr seine Frucht und nicht mehr das aus ihm erstrahlende Licht, hörte sie auf, das zu sein, was sie einmal war, sie geriet unter Mächtigkeiten, die ihr wesensfremd sind, und verwandelte sich in Ideologien, die uns blind machen, zu unterscheiden zwischen Gott und den Götzen, zwischen Licht und Finsternis, Wahrheit und Lüge, die dazu führen, daß Schwärmer den Stempel des Geistes auf Lügen und Unsinn prägen und die, denen der Probierstein fehlt, es für lauteres Gold halten (Goethe). So entstehen die konkreten Situationen der Verzauberung und politischen Besessenheit, die wir in unserer Verkündigung zu meistern haben und denen, wie leider deutlich [188] geworden ist, die christlichen Gemeinden kaum noch gewachsen sind. Es geht hier weniger um den Glauben als um das Denken, oder besser gesagt darum, ob wir bereit sind, im Glauben unser Denken und unsere Urteilsbildung in die Zucht des Wortes nehmen zu lassen, ob wir bereit sind, zu dem „vernünftigen Gottesdienst“ (Röm. 12,1), der im politischen Bereich von uns verlangt wird.

Denn der Einbruch in die Bereiche unseres Denkens, der mit dem Nationalsozialismus als politischer Maxime erfolgt ist, hat sich folgenschwerer erwiesen, als wir es zunächst gedacht haben. Dem tiefer Blickenden könnte es heute zuweilen so scheinen, als ob das politische Denken in weiten Bereichen der Welt erfaßt und angesteckt wäre von jener Alternative, dem Entweder-Oder-Denken, das der Nationalsozialismus so unheilvoll in Aktion gesetzt hat. Es kommt für uns in Deutschland erschwerend hinzu, daß wir nach 1945 angesichts der furchtbaren Nachkriegsnöte und der Zerteilung unseres Landes, der Vertreibung von Millionen Deutschen aus ihren angestammten Gebieten, der inneren und äußeren Not der Flüchtlinge, der Sorge um die noch nicht heimgekehrten Gefangenen, der verfehlten Entnazifizierung, des Mangels an guter und zuverlässiger politischer Literatur, auch angesichts der Tatsache, daß wir immer noch auf Grund der totalen Niederlage ein besetztes Land sind, kaum Zeit und Ruhe gehabt haben – und wer weiß, ob wir sie in absehbarer Zeit haben werden –, um zu einer in die Tiefe gehenden Besinnung über unser politisches Schicksal zu gelangen. Wir sind Tag um Tag in unserer politischen Existenz in actu gefordert und haben infolgedessen kaum die Möglichkeit, die verschiedenen Standpunkte und Prinzipien, die im Herzen unseres Volkes miteinander ringen, in Freiheit und Objektivität zu überprüfen und zur Diskussion zu stellen. So bleibt uns nichts anderes übrig, als mit einigen konkreten Punkten zu beginnen, die so deutlich und faßbar sind, daß wir an ihnen bestimmte Nöte unserer politischen Existenz, unseres unvernünftig gewordenen Denkens deutlich machen können, um damit die Punkte anzudeuten, an denen die Verkündigung grundsätzlich nicht vorübergehen darf, wenn anders es eine Gesundung in der politischen Existenz unseres Volkes geben soll. [189]

III.

Ich will versuchen, meine Beobachtungen in vier Punkten herauszustellen.

1. Der Nationalsozialismus hat, darin das Erbe einer bestimmten politischen Tradition in Deutschland aufnehmend, übertreibend, und ad absurdum führend, vor allem Eines angerichtet: Er hat das „Freund-Feind-Denken“ (Carl Schmitt) als beherrschendes Prinzip in das innerpolitische Leben des deutschen Volkes eingeführt und damit das bereits durch den Ersten Weltkrieg und die darauf folgende Revolution geschwächte Ethos der Volksgemeinschaft unter uns gänzlich vernichtet Er hat das deutsche Volk in eine ideologische Entzweiung hineingetrieben, die alles, was uns Deutschen einmal als gemeinsames Gut und Erbe erschien, zur Sache einer besonderen Klasse, einer besonderen Ideologie und einer zum Führertum berufenen Auslese machte. Er hat damit die Unschuld zerstört, die im Begriff des deutschen Wesens einmal lag. In Ernst Wiecherts „Totenwald“ ist zu lesen: „Einmal würden sie es alle wissen, auch die Dichter, was zu ihrer Zeit geschah, auch sie würde man fragen, wo ihre Stimme gewesen sei, als der deutsche Mensch ans Kreuz geschlagen wurde.“ 1933 hat sich, unter Ausnutzung eines zweifelhaften Wahlerfolges, die politische Rechte in Deutschland an der politischen Linken in einer bei uns noch nie dagewesenen Weise für die Niederlage ihres Systems nach 1918 gerächt und versündigt, und was wir heute im Gegensatz von Ost und West und in der Gegenüberstellung der bürgerlichen und sozialistischen Parteien erfahren, hat z. T. seinen Grund darin, daß diese Schuld nicht nur noch nicht beglichen ist, sondern kaum erörtert werden darf. Die Umkehr, die vielen unter uns angesichts der schrecklichen Ereignisse unter der Diktatur Hitlers auf dem Herzen brannte, die nach Versöhnung im eigenen Volk rief, ist noch nicht vollzogen; noch immer ist eine Feindschaft in der Luft unseres partei-politischen Lebens mächtig, die Schlimmes ahnen läßt. Wir sind ein christlicher Staat geworden oder meinen wenigstens es geworden zu sein, aber wann werden wir wieder Deutsche werden? In der Unschuld, in der wir es einmal waren, aus dem von unseren Dichtern und Denkern erzeugten Nationalbewußtsein allein heraus werden wir es niemals wieder werden. Wir haben aufgehört, Deutsche zu sein, in dem Augenblick, als die Unversöhnlichkeit mit dem politischen Gegner zum ersten Gebot der politischen Existenz erhoben wurde. Der „deutsche Mensch“, dieser geäch-[190]tete, mit sich selbst entzweite Mensch, hat sich noch nicht gefunden. Es gab eine Zeit, da wurde unter der Formel der „Deutschen Christen“ das Christentum pervertiert; „das Deutschtum“ wurde zur Norm und das Christentum sollte sich vom Nationalen her normieren lassen. Müßte nicht in Umkehr jenes Prozesses eine Zeit für uns kommen, in der wir vom Evangelium aus zurückzufinden versuchen in das deutsche Wesen, das wir selbst so tief geschändet haben? Als der Versuch gemacht wurde, das Deutschtum dem christlichen Glauben überzuordnen, ist es in ein scheußliches Heidentum ausgeartet. Wäre es nicht denkbar, daß die Unterordnung unseres natürlichen Wesens unter Jesus Christus und die in ihm beschlossene Versöhnung unserem Volke wieder Heil und Gesundung schenkte? Die Nemesis des Freund-Feind-Denkens hat uns immer noch in ihren Händen. An die Stelle des Gegensatzes von damals ist der Gegensatz von Ost und West getreten, wobei der Geist der Konzentrationäre und der Geist der Emigranten Haß und Feindschaft noch erhöhen. Die Frage, die sich erhebt, ist die: Kann unsere Verkündigung, kann das Tun und Reden der christlichen Kirche in Deutschland an dieser inneren Zerrissenheit im Herzen unseres Volkes achtlos vorübergehen? Und – wenn unser Dienst hier helfen und heilen will – wie kann das geschehen, ohne daß damit unsere faktische politische Existenz, die verdorbenen Begriffe unseres politischen Denkens aufs tiefste und vielleicht auch ärgerlichste von dem richtenden Worte Gottes getroffen werden. Ohne Gericht keine Gesundung, ohne Abbau kein Aufbau, ohne den Mut, zunächst einmal Nein zu sagen, gibt es keinen Weg zum Ja, ohne den Mut, ins Niemandsland zu treten zwischen die feindlichen Brüder, gibt es hier keine Möglichkeit, den Weg ins Morgen, in eine bessere Zukunft unseres Volkes zu bahnen. Wenn irgendwo, dann gilt es heute hier für uns als Christen: „Gehe hinaus aus deinem Vaterland und aus deiner Freundschaft in ein Land, das ich dir zeigen werde.“ Das Niemandsland, das zwischen den streitenden Brüdern liegt, wird unser Vaterland sein, unser neues, unser uns von Gott im Glauben an seine Verheißung zurückgegebenes Vaterland – oder wir werden kein Deutschland mehr haben.

Wenn heute bereits die Christengemeinden in Ost und West in der Einmütigkeit des Glaubens und Bekennens, für die es keine Zonengrenzen gibt, diese Gemeinschaft deutscher Menschen darstellen und bezeugen, so dürfen sie behaupten, daß in ihnen diese Verheißung Gestalt gewinnt, eine Verheißung, die die Nation als Ganze angeht, in der sich Neugeburt und Gestalt kommenden Friedens ankündigen. [191] Wir, die wir als Prediger des Evangeliums in diese Lage hineingestellt sind, sollten es wissen, daß wir es bei dem Freund-Feind-Denken im politischen Leben unseres Volkes mit einer tiefen und schweren Erkrankung des Geistes zu tun haben, einer Besessenheit, die durch den Geist von Oben geheilt werden muß, die aber auch geheilt werden kann, wenn wir dem bösen Geist gebieten, auszufahren und unsererseits dafür Sorge tragen, daß seine Stimme in der Kirche nicht vernommen wird. Wo immer das Wort von der Versöhnung gepredigt wird und die Lehre von ihr das Zentrum des Glaubens bildet, da darf und kann das Dogma von der Unversöhnlichkeit im politischen Bereich nicht unangetastet bleiben. Denn dieses Dogma verdankt seinen Zauber über die Menschenherzen einem anderen Herrn, dem, der ein Menschenmörder war von Anbeginn (Joh. 8,44). Die Frohe Botschaft von der Versöhnung in Jesus Christus wird um ihre Stoßkraft und ihre Früchte gebracht, wenn sie nur noch in der privaten Existenz ernst genommen werden darf. Denn das heißt, daß sie überhaupt nicht ernst genommen werden darf, wenn sie Halt machen muß vor den Türen der Parlamente und ihren Reden, wenn sie verstummen muß vor dem „Herrscher der Luft“ (Eph. 2,2), der im Rundfunk mit seiner unendlichen Reichweite, in Zeitungen und öffentlichen Reden die Sprachen- Verwirrung der Völkergemeinschaft aufs Äußerste gesteigert hat und uns vergessen lassen möchte, daß Jesus Christus die eine Wurzel ist, auf der das ganze zu Frieden und Freiheit erlöste Menschengeschlecht ruht. Das Freund-Feind-Denken findet in der Entzweiung von, Kain und Abel das Prinzip der Weltgeschichte. Aber die Kirche, die von Pfingsten herkommt, weiß und darf nicht vergessen, darf es darum auch der Welt nicht verschweigen, daß es ein Blut gibt, das lauter schreit als Abels Blut (Hebr. 12,24).

2. Das Andere, was der Nationalsozialismus unter uns angerichtet hat, ist der in Aktion gesetzte Antisemitismus, als ob der Deutsche erst dadurch zum wahren Deutschen würde, daß er Antisemit ist. Ist aber auch bekannt und bedacht, was damit in der Seele des eigenen Volkes geschah, daß wir diesem Geiste jemals Einlaß gaben? Man darf vielleicht in diesem Zusammenhang einmal darauf verweisen, wie weit diese Entwicklung zurückreicht. Nach der Toleranz, die im 18. Jahrhundert – Lessing ist hier ehrenvoll zu nennen – durch den Humanismus und nicht zum wenigsten durch die Ideen der französischen Revolution für die Juden erreicht war, ist es, soweit ich sehen kann, zu-[192]nächst der Kampf der heiligen Allianz gegen die Ideen der französischen Revolution gewesen, die aufs neue eine Annäherung christlicher und antisemitischer Geisteshaltung im 19. Jahrhundert zur Folge hatte. In Abwehr der durch Heine und Börne von Paris aus propagierten Ideen der Demokratie finden sich in christlichen Blättern und Schriften, die unter dem Protektorat Metternichs erscheinen, wieder anti- semitische Gedichte und Artikel unter christlichem Vorzeichen. Was im Verfolg dieser „gegenrevolutionären“ Bündnisse von Christlich und Konservativ später geschieht, wobei Stöckers Wirken sicher eine mehr verhängnisvolle als lobenswerte Rolle spielte, kann hier im einzelnen nicht erörtert werden. Aber der verlorene Erste Weltkrieg und ein nicht immer kluges Verhalten der Juden in der Zeit nach 1918 taten das ihre, um die antisemitische Stimmung zu steigern. Was wir dann nach 1933 vor unseren eigenen Augen haben abrollen sehen, was wir mitgetan oder wenigstens nicht verhindert haben, hat in grauenvollster Weise offenbar gemacht, wes Geistes Kinder die gewesen sind, die diese Aussaat begonnen haben. „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Kann man auch Trauben lesen von den Dornen oder Feigen von den Disteln?“ (Mt. 7,16). Wir aber als Christen haben in der Stunde der Entscheidung nicht begriffen, daß das Schwert des Herodes bei seinen Morden den neugeborenen König der Juden (Mt. 2,2) suchte, wir haben nicht begriffen, daß der Kampf des Nationalsozialismus gegen die Juden in Wahrheit nur Einen gemeint hat: Jesus Christus. Wir haben das verborgene Band der Einheit zwischen Kirche und Israel nicht mehr gesehen; wir haben es nicht begriffen, daß, wer dieses Band zerschneidet, der zerstört die Existenz der Kirche in solcher Tiefe, daß diese Zerstörung irreparabel ist. Wir haben uns von der Schmach der Juden distanziert und damit die Gefahr heraufbeschworen, daß wir, die Heiden, die Gott aus Gnade in den Ölbaum gepflanzt hat, uns von der einmal gepflanzten Wurzel lösten. Steht nicht auch hier die Umbesinnung aus, die für die Gesundung des deutschen Geistes unerläßlich ist? Wir müssen es den „Frankfurter Heften“ (Juli 1953) und der „Zeitschrift für Zeitgeschichte“ (April 1953) danken, daß sie es ungeachtet dessen, daß weite Kreise unseres Volkes es nicht hören wollen, gewagt haben, die Berichte über die Ereignisse im Konzentrationslager Belcec zu veröffentlichen. Ich fragte gelegentlich einer Versammlung einen anwesenden Pfarrer, ob er wohl in der Lage wäre, einen solchen authentischen Artikel in einer christlichen Versammlung, etwa in seinem Männerdienst, zu verlesen und zu bespre-[193]chen. Er sagte mir, daß das kaum möglich sei. Warum geht das nicht? Warum machen wir in der christlichen Gemeinde nicht Front gegen diese Art des Vergessens, die sich in der Romantik unserer Illustrierten Zeitungen und in patriotischen Reden lähmend und einschläfernd über das ganze Volk legt. Wir als Prediger sollten wach bleiben. Wir sollten uns zu den Männern stellen, die solche Publikationen wagen und sie sollten wissen, daß sie in der christlichen Gemeinde für ihren Dienst an der Wahrheit ihren Rückhalt haben. Das ist aber noch nicht Alles, was zu dieser Sache vom Standpunkt der christlichen Gemeinde aus zu sagen ist. Die Wenigsten haben bemerkt, daß der Antisemitismus im deutschen Geistesleben selbst jene furchtbaren Verheerungen angerichtet hat, die Martin Kähler vor 60 Jahren prophetisch voraussagte. Was Kähler damals über das Alte Testament, die Bibel Jesu, zu sagen wußte, hat bleibenden Wert:

„Jesus hat diese heilige Sammlung des kleinen Judenvolkes zu einem der gewaltigsten geistig wirkenden Faktoren der ganzen Menschheitsgeschichte erhoben. Seit Jesu sind Millionen in ihrem sittlichen Bewußtsein an den zehn Geboten gebildet. Seit Jesu haben nicht viel weniger Millionen am Psalter beten gelernt. Seit Jesu sind die Gestalten des Alten Testamentes den Völkern vertraut geworden, vertrauter als die Gestalten ihrer Sage und ihrer Vergangenheit. Seit Jesu kommt dieses Buch mit seinem großen Inhalte, mit seinen prophetischen Gerichts- und Trostworten an jeden. Seit Jesu steht es als ein Himmel mit strahlenden Sternen über den Nächten der Kranken und über den Totenbetten. So kommt durch Jesum das Alte Testament an jeden Menschen heran, der unter den Schall der christlichen Predigt gerät. Das ist seine große Geschichte … So ist in Saft und Kraft der modernen Völker übergegangen, was im Alten Testamente lebte! Wir sind alle semitisiert und wir müßten unser religiöses, auch unser ästhetisches Denken, wie es sich an unsern größesten Künstlern gebildet hat, auflösen, wenn wir diese Fasern semitischen Denkens herausziehen wollten.“

Der Antisemitismus muß das Alte Testament selbst aus dem Herzen unseres Volkes herausreißen. Er muß damit aber, ohne es zu ahnen, die Wurzel alles dessen zerstören, was wir Bildung und Kultur, Humanität und Ethos nennen. So weit ich sehe, gibt es heute nur ein großes theologisches Werk, welches die Konsequenzen aus dieser unserer Verirrung wirklich gezogen hat: Karl Barths Kirchliche Dogmatik in ihrer ständigen Aufmerksamkeit auf die Frage nach Israel.

3. Das Dritte, was der Nationalsozialismus unter uns hat mächtig werden lassen, ist der Versuch, die Vergangenheit zu ignorieren bzw. sie ungeschehen zu machen. Die Politik des Revisionismus wird freilich jedem geschlagenen Volk naheliegen, aber darum, daß sie uns nach [194] 1918 nahelag, war sie noch lange keine weise, aufbauende Politik. Was dann im Dritten Reich in dieser Hinsicht möglich wurde, enthüllte die grauenvollen Hintergründe dieses ganzen Denkens. Es wird noch Einige unter uns geben, die sich an die Auferstehungsfeier vor der Feldherrnhalle erinnern, kurz nach der Machtergreifung, an den schauerlichen Namensaufruf der 1923 dort Gefallenen und der Hier-Rufe der 10 Jahre später dort angetretenen SA. Das hieß doch, daß die Auferstehung der Toten in der Erhebung des deutschen Volkes Realität sein sollte, zugleich die Auferstehung der Toten des Ersten Weltkrieges und damit das Ungeschehen-machen alles dessen, was in seinem Verfolge sich ereignet hatte. Hier war die letzte Grenze aufgehoben, die Gott den Menschen gesetzt hat, der Tod. Hier öffneten sich die Gräber und die Rachegeister stiegen empor, um neue Kämpfe zu entfesseln. Aber diese Gesinnung reicht ja viel weiter. Sie reichte in. ihrer nationalistischen, teilweise ethisch frisierten Fassung bis in unsere eigenen Reihen. Viele unter uns haben den Krieg 1939 vor sich selbst damit gerechtfertigt, daß es jetzt gelte, den Diktatfrieden von 1918 wieder gutzumachen. Wir wollten das Schicksal, das uns mit dem Verlust des Ersten Weltkrieges und dem Sturz der Monarchie getroffen hatte, nicht aus Gottes Hand nehmen. Insofern war die nationale Front, die sich nach 1918 bildete, geistig gesehen die organisierte Unbußfertigkeit des deutschen Volkes und die von ihr geschaffene Dolchstoßlegende wurde zur Geschichtsdoktrin einer heranwachsenden Generation. Die verhängnisvollen Wirkungen dieser Nichtbeachtung der wahren Ursachen unserer Niederlage zeigten sich erst voll und ganz im Zweiten Weltkrieg (vgl. Friedrich Meinecke, Die deutsche Katastrophe, 1947). Es muß einfach zugegeben werden, daß unsere Kirche in ihrer Verkündigung – mit wenigen Ausnahmen, unter denen Männer wie Hans Ehrenberg und Günther Dehn rühmlichst zu nennen wären – vor diesem nationalen Traum zurückgewichen ist. Es ist ihr damals nicht gelungen, ihn zu zerstören, im Gegenteil, weithin ist sie selbst von ihm bezaubert worden. Wir haben nicht gesehen, wo wir damals, als es noch Zeit war, hätten stehen sollen, wenn wir wahrhaft vom Worte Gottes her um die Existenz und den Bestand unseres Volkes besorgt gewesen wären. Darf ich nur an zwei konkrete Fälle erinnern? Als der Jurist Prof. Graf zu Dohna seine Stimme gegen die verleumderischen Verdächtigungen für den damaligen Reichspräsidenten Friedrich Ebert erhob und öffentlich für seine nationale Ehre eintrat, wo war da die Stimme der Kirche? Müßten nicht Männer in unserem [195] Volk, die es wagen, Lüge Lüge zu nennen und die öffentliche Meinungsbildung zu reinigen, die Gewißheit haben dürfen, daß sie wenigstens von uns als Predigern des Wortes getragen und verstanden, geschützt und gerechtfertigt werden? Oder ich denke an ein zweites, in seiner Auswirkung sehr viel weiter reichendes Verhängnis: Daß der Kanzler Heinrich Brüning, der den Versuch machte, Deutschland vor dem Nationalsozialismus zu retten, die Gegensätze in unserem Volke zu überbrücken, die gerechtfertigten nationalen Ansprüche gegenüber den Siegermächten durchzusetzen und so für Deutschland einen ehrenvollen Weg nach vorn freizukämpfen, aufrecht als Staatsmann und selbstlos als Christ, so wenig Unterstützung und Zustimmung auf evangelischer Seite fand, daß es ihm nicht vergönnt war, der Retter unseres Staates in letzter Minute zu werden, klagt uns bis heute an. Viele unter uns hatten sich damals schon für die Nazis entschieden. Warum das alles? Weil sie mit dem Anspruch auftraten, das Geschehene ungeschehen zu machen, Deutschland in seiner Machtfülle wieder herzustellen, und weil diese Doktrin das Ansehen hatte, Glaube an Gott zu sein.

Ich sage das darum, weil wir heute in der Gefahr stehen, denselben Parolen zum dritten Mal zu erliegen. Vieles, was wir heute hören und vernehmen können, nicht nur in Deutschland, sondern auch vom Ausland her, sieht so aus, als ob wir wieder in dieselbe Kurve einbiegen und sie zum dritten Mal ausfahren. Daß wir das diesmal mit der Zustimmung der westlichen Mächte tun, macht uns zwar sicherer, aber die Ausmaße der möglichen Katastrophe nur größer. Es kann keinen Weg in ein gottgesegnetes Morgen unserer Geschichte geben, wenn wir noch einmal Gott und sein Gericht, wie es mit dem Ende dieses furchtbaren Krieges über uns gekommen ist, verachten und meinen, die Politik, die uns heute aufgegeben sei, habe wiederum zum Ziel, Deutschland wieder das werden zu lassen, was es vorher war.

Und nun noch ein Wort zur Frage der Grenzen: Wir haben gesehen, wie wenig Sinn Grenzen haben, wenn der Haß der Völker weiter geschürt wird, wenn der Schrei nach Vergeltung das nationale Pathos ausmacht, wenn die nicht geschlossenen Gräber der Ermordeten und Erschlagenen dahinter offen bleiben. Hier müssen wir Mittel und Wege suchen, um Voraussetzungen des Friedens zu schaffen, hier und nicht in der Wiederherstellung alter Grenzen liegt der Friede, wenn wir ihn von Gott erbitten und ihn im Ernst seiner Gerichte suchen. Indem wir in dem furchtbaren Elend, das dieser letzte Krieg über die Völker der [196] Erde gebracht hat, in Europa besonders über die Völker des Ostens und seiner Bewohner, Gottes Erbarmen anrufen und uns miteinander zur Versöhnung aufrufen lassen durch Jesus Christus, indem wir unseren Machttraum fahren lassen und wieder unseren wahren Beruf als Volk unter den Völkern erkennen und ergreifen, einen Beruf, den zu erfüllen Gott unserem Volk seine besonderen Gaben mitgegeben hat, einen Beruf, den wir im 18. Jahrhundert besser erfüllt haben als im 19., dann würden wir jene Sprache in unserer politischen Existenz lernen, die die Gräber schließt und Grenzziehungen unter den Nationen, die uns umgeben, in Frieden und Sicherheit möglich macht.

4. Das Vierte und vielleicht Folgenschwerste, was durch die beiden letzten Weltkriege und die sie anfeuernde „geistige Aufrüstung“ geschah, ist die Achtung der Ideen des Pazifismus und alles dessen, was danach aussieht. Unter geistiger Aufrüstung verstehe ich jene Haltung, die den „Genius des Krieges“ verherrlichte, wie er damals einer des Friedens müden Generation in den „Stahlgewittern“ des Ersten Weltkrieges belebend und als geistige Wandlung begegnete. Ich denke dabei nicht an die bezahlten „Schreiber“, nicht an die Oberlehrer, die ihre Schüler für den Krieg begeisterten, nicht an die Pfarrer und ihre Kriegspredigten. Ich denke an Dinge, die edler sind und die uns alle einmal im Tiefsten angerührt haben. Ich denke an das, was etwa Max Weber in den Zwischenbetrachtungen seiner Religions-Soziologie über das Ethos des Krieges sagt. Ich denke an die Briefe des im Kriege gefallenen Otto Braun und seine „preußische Wiedergeburt“, ich denke an Spengler und Moeller van den Bruck, an Natorp und an Max Scheler. Ich bin überzeugt, daß sie alle, wenn sie den zweiten Krieg noch erlebt hätten, eine entscheidende Revision ihrer geistigen Haltung vorgenommen hätten. Denn auch hier blieb es dem Nationalsozialismus vorbehalten, die letzten Linien auszuziehen und damit das Schreckliche und tief Widergöttliche des totalen Krieges uns allen ins Bewußtsein zu rücken. Das Verhängnisvolle dieser Entwicklung liegt aber darin, daß das Erlebnis der Diktatur und des totalen Krieges eine merkwürdige Wandlung unter den Pazifisten zur Folge hatte. Viele von ihnen haben sich „bekehrt“, nicht zu Jesus Christus, sondern lediglich zu dem Gegenteil dessen, woran sie einmal glaubten. Immer wieder begegnen wir bei Vorträgen und Diskussionen, zumal in den westlichen Ländern, die unter den deutschen Besatzungen gelitten haben, diesem „bekehrten“ Pazifismus. Diese Menschen argumentieren gewöhnlich so: Es [197] war unser Irrtum, zu meinen, daß man mit der Parole der Gewaltlosigkeit einem Tyrannen widerstehen kann. Das moderne System der Diktatur, das durch Technik und Massenführung, durch geheime Polizei und organisierte Zentralisation eine unerschütterliche Festigkeit erlangt hat, kann nur durch Gewalt zerbrochen werden. Nur durch Gewalt von außen können die in der Unfreiheit schmachtenden Menschen befreit werden. Sie meinen, das gelernt zu haben aus der Art und Weise der Überwindung der Hitler-Diktatur, und wenden diese Erkenntnis auf die östliche Diktatur heute an. Dabei ist noch nicht einmal erwiesen, ob wirklich die These stimmt, daß eine Diktatur nicht von innen gebrochen oder verändert werden kann. Es hat ja auch im Dritten Reich Situationen gegeben, in denen es u. U. möglich gewesen wäre, dem Ablauf des Ganzen erfolgreich Widerstand zu leisten. Noch sind diese Dinge alle viel zu wenig untersucht, viel zu wenig geklärt, als daß es möglich wäre, einen solchen Satz, daß Diktaturen nur von außen zerbrochen werden können, daraus zu folgern.

Aber das steht hier nicht zur Debatte. Zur Debatte steht, was wir dazu sagen, daß so vieles, was einstmals in bester Form des Pazifismus als eine Art säkularisierte Religion wirksam war und im politischen Bereich mildernd und helfend eingriff, aus dem Felde gewichen ist, bis auf einige beachtliche Ausnahmen (Versöhnungsbund, Quäker), daß aber innerhalb der Kirche diese im Raum der Welt und der Politik heimatlos gewordene Friedensarbeit bisher keine Aufnahme gefunden hat. Man stelle sich nur einmal vor, eine Landeskirche beschlösse eine Kollekte für die Friedensarbeit. Wieviel Proteste von Kirchenvorständen und Synoden, einzelnen Persönlichkeiten und Verbänden würden eine solche Abkündigung zur Folge haben! Wir würden vielleicht nicht einmal die Zustimmung der Sozialisten haben, die noch vor 20 Jahren über eine solche Wende gejubelt hätten. Denn tief bis in die Reihen des Sozialismus hinein reichen die Wandlungen im Glauben an den Frieden.

Die katholische Kirche hat eine Pax-Christi-Bewegung und was neuerdings dort geschieht ist ein höchst beachtliches Zeugnis dafür, daß die Friedensarbeit dahin zurückkehrt, von wo sie einmal ausgegangen ist, zum Kreuz Christi. Wir in der evangelischen Kirche haben nach einigen verheißungsvollen Ansätzen auf den ersten Nachkriegssynoden uns mehr und mehr von dieser Sache distanziert und überlassen es Einzelnen, als Pioniere dort zu wirken. Hier ist aber wiederum zu fragen, ob wir als Christen unsere politische Existenz mit einem [198] guten Gewissen verantworten können, wenn. dieser Glaube an den Frieden, d. h. wirklich der Glaube an den Frieden auf Erden, aus unseren Herzen gewichen ist. Wie kann der Mensch noch ein Christ sein, der nichts Anderes zu sagen weiß, als daß durch die Sünde die Welt gefallen sei, darum eben Kriege sein würden bis ans Ende der Welt und infolgedessen – und das ist dann immer der alte Schluß – die Menschen, die an den Frieden „glauben“, als Schwärmer zu achten sind. Wie können wir noch Christen sein, wenn wir die Friedensverheißungen des Jesaja, die wir Weihnachten zu verlesen pflegen, in ihrer Wörtlichkeit nicht mehr ernstnehmen, wenn wir den inneren Zusammenhang zwischen der Geburt des Sohnes Gottes und dem Frieden auf Erden nicht mehr sehen und glauben, der doch Erfüllung und Bestätigung alttestamentlicher Weissagung ist?

Ich frage weiter: Wissen wir denn überhaupt, was sich im Bewußtsein der einfachen, schlichten Menschen unter uns ereignet und vollzogen hat, seitdem wir das fünfte Gebot in einem solchen Ausmaß und mit so kühler Hand für Kriegshandlungen außer Acht gelassen haben, wie das im letzten Kriege geschehen ist, um dann mit kaltem Gewissen zu erklären, daß der humanste Krieg derjenige sei, der am radikalsten geführt würde. Die Unbekümmertheit in dieser Sache geht so weit, daß wir uns kaum noch Gedanken darüber machen, wie die Oberlebenden der Nemesis entgehen, die aus solchem Morden unweigerlich folgt. Die Aufrechterhaltung des Kalten Krieges und das Einexerzieren der Menschen in Ost und West in diesen Ungeist ist geboren aus dem Unglauben an den Frieden. Wer auch nur einen Augenblick sich dazu erheben könnte, wieder an den Frieden zu glauben, an den Frieden, der doch die Grundlage für den Wohlstand und die Ordnung unseres Lebens ist, an den Frieden, den wir alle einstmals so heiß ersehnten, als die Geißel des Krieges unbarmherzig und schier endlos über uns erging, ich sage, wer einmal sich dazu erheben könnte, an diesen Frieden zu glauben, ihn im Glauben vorweg zu nehmen, an ihn zu glauben, auch wenn tausend Widerstände dagegen sprechen, der ist für immer verdorben für die Sprache und die Praktiken des Kalten Krieges. Was wir heute Frieden nennen, ist lediglich ein Waffenstillstand, ist eine Kalkulation über gewisse Sicherheiten, weil wir an echten Frieden unter den Menschen nicht mehr glauben können. Dieser Unglaube ist dann wohl auch das negative Glaubensbekenntnis, das jeder abzulegen hat, der sich am Kalten Krieg beteiligt. Die Friedensidee selbst aber ist zur Sache der politischen Bewegung geworden und [199] darum zur Waffe der Systeme gegeneinander. Das konnte sie nur werden, weil wir als Christen unsere politische Verantwortung an diesem Punkte nicht im Glauben festgehalten haben. Ich könnte hier noch viel weiter gehen. Man müßte eigentlich fragen, ob hier nicht der Punkt erreicht ist, von dem aus das Wohl und Wehe über alle politische Ethik gesprochen werden muß. Immanuel Kant konnte noch vorn „ewigen Frieden“ ernsthaft schreiben. Das war nicht gemeint als ein utopischer Traum, als ein Friedensreich, wo es keine Gewalt und keine Bosheit gibt, sondern diese Schrift war und ist gemeint als Basis einer echten politischen Ethik im Gegensatz etwa zu dem, was Hobbes oder was zwanzig Jahre nach dem Erscheinen von Kants Schrift F. W. Hegel in seiner Rechtsphilosophie geschrieben hat. Sie war gemeint in dem Sinne, daß der Glaube an den Frieden ein vernünftiger Glaube ist und daß alle staatlichen Handlungen, die Erfolg und Dauer versprechen, von diesem Glauben an den Frieden und d. h. bei Kant immer an das Recht bestimmt sein sollen. Wir können diese Dinge hier nicht weiter ausführen. Die Verkündigung der Kirche hat genug Gelegenheit, durch das Evangelium den Weg dafür zu bereiten, daß wir wieder verstehen, was Glaube an den Frieden heißt, daß dies keine Utopie ist, sondern eine Realität, die mit dem Namen Jesu Christi untrennbar verbunden ist.

Ehe ich nun zum Ende komme, lassen Sie mich noch Eines sagen, was mir besonders auf dem Herzen liegt. Ich denke hier an das sogenannte Stuttgarter Schuldbekenntnis. Ich denke daran, daß wir einmal in der Stimme maßgeblicher Männer unserer Kirche mit diesem Schuldbekenntnis den Anfang gemacht haben einer in gewisser Hinsicht wunderbaren und beglückenden Verständigung, so daß die, die gestern noch unsere Feinde waren, uns beistanden als Brüder und daß es ihnen zu danken ist, wenn der Hungertod und die wirtschaftliche Verelendung, die unserem Volke im Westen damals drohten, gnädig abgewendet wurden. Aber solch ein Schuldbekenntnis ist ungeteilt. Wir stehen heute in der Gefahr, es nur im Blick auf den Westen gelten zu lassen und nicht im Blick auf den Osten. Mir ist durchaus bewußt, wieviel größer die Hindernisse sind, die das Wirksamwerden eines Schuldbekenntnisses nach dem Osten hin innerlich und äußerlich unterbinden. Aber wenn man darunter auch nur dies verstünde, daß es gilt, die schlichte Sprache der Menschlichkeit wieder zu finden, daß es gilt, daran zu denken, was die blutgetränkten Gefilde des Ostens gesehen haben, die Leiden der Russen, die Leiden der Polen, der Tschechen, der [200] Deutschen, namenlose Leiden! Wenn wir unseren Standpunkt, den wir hier auf Erden einnehmen, einmal aufgeben könnten, diesen national begrenzten Standpunkt, und wir könnten dies alles sehen mit den Augen Gottes, wir könnten es sehen, wie ein Engel vom Himmel her, dann würde es wohl kaum noch Russen und Polen und Juden und Deutsche, Slaven und Germanen geben, sondern nur solche, die Gewalt erleiden, und solche, die den Unschuldigen Gewalt antun. Und es würde deutlich werden, daß die ganze Kraft und der ganze Glaube der Christenheit daran hängt, ob wir auch über diesem Geschehen das Kreuz und die Vergebung walten lassen, ob wir angesichts dieser großen Schuld zu IHM flüchten, ob wir in diesem Geiste einen neuen Anfang machen im Zusammenleben von Ost und West, indem es uns geschenkt würde, auch mit den Völkern des Ostens ein neues Band des Vertrauens und des Friedens zu knüpfen. Ehe das nicht geschieht, ehe wir nicht die uneingeschränkte Schuld und darum auch die uneingeschränkte Gnade verkündigen, Gott verkündigen in Ost und West, ehe wir nicht aufhören, in der Selbstrechtfertigung der Gerechten die Menschheit aufzuteilen zwischen Frommen und Gottlosen, ehe wir nicht wissen und auch dementsprechend handeln, daß es allein die Barmherzigkeit Gottes ist, daß wir Deutsche nicht gar aus sind, ehe wir Deutsche uns in dieser unserer Situation nicht vom Evangelium erinnern lassen an jenes Gleichnis vom Schalksknecht, dem viel vergeben war und der dann doch hinging und seinen Mitknecht schlug, weil dieser seine Schuld nicht beglichen hatte, ehe wir nicht vor dem Bild dieses Schalksknechts zurückschrecken und vergeben, wie uns vergeben wurde, vergeben wurde nicht nur von Gott, sondern auch von den Menschen, vorher kann es keine Gesundung unserer politischen Existenz geben. Auch der wirtschaftliche Aufstieg im Westen mit allem, was er uns an materiellen und geistigen Werten und Gütern wiedergebracht hat, darf uns nicht darüber täuschen, daß es letzten Endes Gott ist, der uns den Weg nach vorn, den Weg in eine bessere Zukunft freigibt oder versperrt. Man lese den Propheten Jesaja, um zu wissen, wie der Schein trügt, wie schnell Gottes Gerichte kommen und der Herr den „Scheitel der Töchter Zions kahl macht“, wie schnell dann Verwesungsgeruch dort aufkommt, wo jetzt alles köstlich duftet, wie schnell der Mantel vertauscht wird mit dem Sack, das wohlgepflegte Haar mit dem geschorenen Haupt des Gefangenen (Jes. 3,17.24). Bisher hat die Bibel in Politicis mehr recht behalten als die Zeitungen und die Gemeinde Gottes, die die Bibel liest, könnte klüger [201] sein als die Menschen dieser Welt. Wir sollen uns nicht täuschen lassen von dem falschen Schein und seinem schnell vergänglichen Glanz, sondern wissen, daß die Furcht Gottes der Weisheit Anfang ist, auch in unserer politischen Existenz.

Quelle: Hans Joachim Iwand, Um den rechten Glauben. Gesammelte Aufsätze, hg. v. Karl Gerhard Steck, TB 9, München: Chr. Kaiser 21965, 183-201. Zuerst veröffentlicht in: Hans Joachim Iwand/Walter Kreck/Karl Gerhard Steck, Die Verkündigung des Evangeliums und die politische Existenz heute, TEH NF 41, München: Chr. Kaiser 1954, S. 7-22.

Hier der Text als pdf.

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