„Gottes Wort will alle Räume unseres Lebens mit seinem Gericht und seiner Verheißung treffen“ – Hans Joachim Iwand über die politische Existenz des Christen

Beckmann - Christus und Pilatus
Christus und Pilatus (Max Beckmann, Lithograpie 1946)

„Die politische Existenz des Christen unter dem Auftrag und der Verheißung des Evangeliums von Jesus Christus“ heißt der Vortrag, den Iwand 1953 mehrmals vor Pfarrern der Hessen-Nassauischen Kirchenbezirke  gehalten hatte. Was heute fast wie ein Thema aus dem gymnasialen Lehrplan im Fach Evangelische Religion klingt, war damals für lutherische Theologie im höchsten Maße anstößig:

Es ist nicht leicht, in dieser Sache so zu reden, daß das Grundsätz­liche erfaßt und das Beson­dere unserer augenblicklichen Lage dabei getroffen und sichtbar wird. Das Grundsätzliche betrifft die Frage, ob und inwiefern wir überhaupt zu der politischen Existenz als solcher in der Verkündigung Stellung zu nehmen haben, wie weit sich darin nicht ein Überschreiten der uns gesetzten Grenzen vollzieht, eine Aufhebung des Unterschiedes der beiden Reiche, des geistlichen und des weltlichen, wie man gern sagt, so daß die Verkündigung als solche da­durch un­wirksam wird und eine politische Rede an ihre Stelle tritt. Denn es gibt ja ohne Frage einen Mißbrauch des Christlichen für die und in der Politik, es gibt eine Vermischung der bei­den Reiche, wie die Reforma­toren das genannt haben, und es gibt ein Schwärmertum, welches aus dem Evangelium ein Programm und aus der Freiheit des Glaubensgehorsams ein Gesetz macht. Es gibt das ohne Frage und wir sollten nicht so tun, als ob uns diese Gefahr nichts anginge. Aber das ist nur die eine Sache. Es kann damit nicht gesagt sein, daß wir das Recht und die Freiheit hätten, das Wort Gottes da, wo es mitten hineintrifft in unsere politische Exi­stenz, abzulenken und zum Verstummen zu brin­gen. Gottes Wort will alle Räume unseres Lebens, in denen wir uns bewegen, mit seinem Gericht und seiner Verheißung treffen. Sobald wir einen Bezirk vor ihm verschließen, kann es auch in allen anderen Bezirken nicht mehr wirken, ist es nicht mehr sein Wort, sondern unser Wort, sind wir nicht mehr von ihm geleitet, sondern haben uns seiner bemächtigt und wenden es an, wo es uns paßt, und unter­drücken seine Mahnung, wo sie uns bedenklich und unseren menschlichen Wünschen und Hoffnungen hinderlich scheint. Darum kann die Abgrenzung der beiden Reiche nicht quanti­tativ verstan­den werden. Es geht nicht an, einen Bezirk abzugrenzen, für den das Reich Gottes gilt, gegenüber einem anderen, der vor ihm abgedichtet und abgesperrt ist.

Es geht nicht an, daß wir über bestimmte Gemächer des Hauses, in dem wir leben, das Wort Politik setzen und damit Gott und seinem Wort den Zugang verwehren. Dieser eine seinem Wort verschlossene Raum verdirbt alle anderen Räume. Wo Gott nicht Alles erleuchten kann, herrscht totale Finsternis, wo er uns nicht in allen Bezirken und Räumen unseres Lebens mit seinem Wort rufen, ermahnen und er­quicken darf, wo er nicht ganz unser Gott sein und wir nicht ganz seine Diener sein dürfen, da werden wir letztlich eben doch mit eigener Weisheit uns behelfen und mit eigener Frömmigkeit uns rechtfertigen. Wenn wir daher von dem Unter­schied der beiden Reiche reden, wie die Schrift davon redet, dann muß unter uns feststehen, daß diese Unterscheidung nicht in einem quantitativen, sondern in einem quali­tativen Sinne gemeint ist. Das „quale“, die Art und Weise, wie Gott seine Herrschaft aufrichtet und auf­rechterhält, ist eine grundsätzlich andere als die, welche die Reiche dieser Welt gebrauchen, um sich zu behaupten und ihre Ideologien durchzusetzen. Jesus Christus sagt: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ (Joh. 18,36). Damit kennzeichnet er in einer für das Verhältnis von Reich Gottes und Welt­reich entscheidenden Stunde – in der Gegenüberstellung zu Pontius Pilatus – den Unterschied der beiden Herrschaftsformen. Schon Augustin hat darauf aufmerk­sam gemacht, daß Jesus nicht sagt: „Mein Reich ist nicht in (en) dieser Welt“, sondern daß er sagt, es ist nicht von (ek) dieser Welt. Er will damit nicht sagen, daß sein Reich nicht hinein­reicht in die Welt und ihre Herrschaftsformen, in der Weltüberlegenheit, die ihm zu eigen ist, sondern er will sagen, daß das Zeugnis der Wahrheit, durch das er herrscht, keines Rückhaltes bedarf an einer innerweltlichen, irdischen Macht. Er will die Überlegenheit und Rein­heit der Herrschaft zum Ausdruck bringen, die er begründet und die in seinem Namen ausgeübt wird. Weil sich in ihm, in Jesus Christus, die Wahrheit selber bezeugt, weil sein Kreuz und seine Auferstehung Gottes Sieg über die Mächte dieser Welt sind, darum muß jeder Ver­such, die Wirksamkeit seines Wortes auf die Macht und Gewalt dieser Welt zu gründen, seine Wahrheit aufheben und seine Souveränität untergraben. „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ bedeutet also: Wir sind aufgerufen, zu glauben, daß durch ihn, durch Jesus Christus und sein Evangeli­um, die Wahrheit in dieser Welt über die Welt gesiegt hat, daß eben dies sein Wort so frei ist, daß nichts von alledem, was in dieser Welt Macht und Herrschaft ausübt, daran heran­reicht. In Jesus Christus bezeugt sich die Wahrheit selbst als Christus. Diese Wahrheit hat kein Dahinter. Sie ist, was sie ist, und was sie wirkt, wirkt sie allein. Sie siegt im Untergang ihrer Zeugen, ihre Erfolge sind die Erfolge Gottes in den Mißerfolgen seiner Boten. Ihre Ohn­macht ist ihre Stärke, sie wird verkannt von den Mächtigen dieser Welt, die an ihr scheitern, indem sie sich mit ihr einlassen. Denn „hätten sie den Herrn der Herrlichkeit erkannt, dann hätten sie ihn nicht gekreuzigt“ (1. Kor. 2,8).

Diese Tatsache also, daß der Herr ein Knecht wurde und im Inkognito seiner Knechtsgestalt sein Reich aufrichtete und in keiner anderen Gestalt bis zum Ende der Tage den Fortgang sei­nes Reiches besorgt, ist immer wieder eine Frage an uns im Dienst und in der Lei­tung der Kirche. Die Frage nämlich, ob wir das glauben? Ob wir glauben, daß es eine Position gibt im Kampf mit den Mächten dieser Welt, die damit siegreich ist, daß sie nichts hinter sich hat als dieses Zeugnis der Wahrheit, das Jesus Christus gebracht hat, womit er seine Herrschaft auf­richtet? Ob wir zu glauben vermögen, daß diese Posi­tion dann allein stark und echt ist, wenn sie Gott zum Bundesgenossen hat und niemand sonst (1. Gebot!); ob wir seine verborgene Herrlich­keit im Wort vom Kreuz zu sehen vermögen; ob wir wissen, daß die Welt darin überwunden und gerettet ist und (kraft der Erwählung Gottes!) nur darauf wartet, daß wir sie so, als die von Gott überwun­dene und erlöste, ansprechen? Das ist die qualitative Unterschie­den­heit, die das Amt der Verkündigung von allen anderen Berufen unterscheidet, die es hin­einstellt in einen Zusammenhang, der nicht mehr in den politischen Ordnungen dieser Welt begründet ist, sondern in den Verheißungen des Evangeliums, das die Welt zu ihrem eigenen Heil überwindet. Wo die Lehre von den beiden Reichen in dieser ihrer qualitativen Bedeut­samkeit nicht beachtet wird, wo sie verdorben wird in quantitative Begrenzungen, wo den Reichen dieser Welt die Erde und dem Reich Gottes, in völliger Verkennung des damit Ge­meinten, der Himmel überlassen, wo den politischen Gewalten unsere öffentliche, dem Evan­gelium unsere private Existenz zugeordnet wird, wo wir dem Wahn erliegen, wir lebten als Staatsbürger in der Gottesferne und als „Himmelsbürger“ in der Gottesnähe, wo wir versu­chen, mit dem einen Fuß hier, mit dem anderen dort zu stehen, leben wir weder im Himmel noch auf der Erde, sondern im Wahn und Traum, in einem Schlaf, aus dem aufzustehen und zu erwachen an der Zeit sein dürfte. Wo die Verschiedenheit der beiden Reiche im Sin­ne will­kürlicher Grenzziehung verstanden wird, wird der eschatologische Charakter des Rei­ches Gottes ausgestrichen, wird er beschränkt und begrenzt auf eine Innerlichkeit, die nicht mehr die Ohnmacht des Kreuzes, sondern die Ohnmacht des Unglaubens ist, wird die Gegen­wart, in der wir leben, nicht mehr im Gericht und Verheißung bezogen auf das kom­mende Reich und auf seinen Herrn, geraten wir in Ver­suchung, die Weltgeschichte zu ver­wechseln mit dem Weltgericht und damit Erfolg und Mißerfolg entscheidend sein zu lassen über Gut und Böse, Gerecht und Ungerecht. Wir vergessen dann, daß es Jesus Chri­stus ist, der als der Kommende den Prüfstein in der Hand hat, daß darum unsere politische Existenz vom Jenseits des Politischen her ihr Urteil empfängt. Die Weltgeschichte als solche ist nicht das Weltge­richt. Mag dieser Gedanke auch noch so nahe liegen, er wurde aufge­geben und außer Kurs gesetzt, als die Jünger Jesu kraft seiner Auf­erstehung in seinem Kreuz nicht mehr die Kata­strophe sahen, sondern den Einbruch und Sieg des Reiches Gottes erkannten und im Hei­ligen Geist verkündigten. In den politischen Ereignissen kommt das Reich Gottes grund­sätz­lich nicht, sein Kommen bedeutet die Krise und das Rechtlos-werden aller Macht und Gewalt, die absolut sein möchte, die sich nicht bezieht und begründet auf jene Tat Gottes in Jesus Chri­stus, in der dieser zum Herrn erhoben wurde, hoch „über alle Herrschaft, Macht und Gewalt und Hoheit und alle Namen, die genannt werden, nicht nur in dieser, sondern auch in der zukünftigen Welt“ (Eph. 1,21).

Hier der vollständige Text als pdf.

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