Wider die Flucht ins „Niemandsland der Religion“ – Hans Joachim Iwands Erstentwurf zum »Darmstädter Wort«

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Auf der Sitzung des Reichsbruderrats der Bekennenden Kirche am 5. Juli 1947 wurde Hans Joachim Iwand um den Entwurf einer Erklärung »zu unserer politischen Situation, d. h. zur notwendigen politischen Entscheidung des Christen« gebe­ten. Den Entwurf, den er schon am nächsten Tag vorlegte, bildete die Grundlage für drei weitere Textfassungen, nämlich von Martin Niemöller, von Karl Barth und von der »Kirchlich-Theologischen Arbeitsge­meinschaft Württemberg« um Hermann Diem. Aus ihnen ergab sich schließlich das sogenannte »Darmstädter Wort« vom 8. August 1947. Hier der Text der ursprünglichen Iwand-Fassung:

1. Die Gemeinde Jesu Christi ist die Gemeinde derer, die das Wort von der Versöhnung der Welt mit Gott in Christus hören, annehmen und tun. Der Dienst der Versöhnung wird aber verleugnet und nicht ausgerichtet, wenn wir uns nicht freisprechen lassen von aller unserer Schuld, nicht nur der privaten, sondern auch der politischen, und uns von Jesus Christus, dem guten Hirten, heimrufen lassen von den fal­schen und bösen Wegen, auf denen wir als Deutsche in die Irre gegangen sind.

2. Wir sind in die Irre gegangen, als wir begonnen haben, den Traum einer besonderen deutschen Sendung zu träumen und damit den Glauben an den schrankenlosen Gebrauch der politischen Macht zu begründen. Wir haben damit den Beruf aufgegeben und verfehlt, im Dienst an den gemeinsa­men Aufgaben der Völker mit den uns verliehenen Gaben mitzuarbeiten und der Stadt Bestes zu suchen.

3. Wir sind in die Irre gegangen, als wir begonnen haben, eine christliche Front gegenüber den notwendigen gesell­schaftlichen Neuordnungen im modernen Leben der Men­schen aufzurichten. Das Bündnis der Kirche Jesu Christi mit den konservativen Mächten hat furchtbare Folgen gezeitigt. Wir haben die christliche Freiheit preisgegeben, Lebensformen zu ändern, wenn das Leben der Menschen solche Wandlungen erfordert. Wir haben das Recht zur Revolution abgelehnt, aber die Entwicklung zur schrankenlosen Dik­tatur gerechtfertigt.

4. Wir sind in die Irre gegangen, als wir meinten, eine Front der Guten gegen die Bösen, des Lichtes gegen die Finsternis, der Gerechten gegen die Ungerechten auf politi­schem Wege bilden zu müssen. Damit haben wir das freie Angebot der Gnade Gottes an alle vertauscht mit der Selbst­gerechtigkeit des Nationalismus.

5. Noch immer werden nationalistische und politische Pa­rolen, die den Ausgangspunkt für die Katastrophe von 1933 bildeten, weiter gepflegt und zur Selbstrechtfertigung ge­braucht. Die Gemeinde Gottes auf Erden sollte sich reinigen von allen bösen Gedanken und frei bleiben im Spiel der weltlichen Mächte. Sie wird aber diese Reinheit ihres Dien­stes und die Freiheit ihres Zeugnisses verlieren, wenn sie sich noch einmal bestimmen läßt von der Parole: Christentum oder Marxismus. Diese Parole hat uns verführt zu schwei­gen, als wir zum Zeugnis für Recht und Freiheit gefordert waren, und denen politisch zu folgen, denen wir als Christen widerstehen mußten.

6. Die Gemeinde Gottes, freigesprochen durch das Evan­gelium, freigestellt zum Neuanfang des Lebens, ist der Weg der Hoffnung in der Hoffnungslosigkeit, der Weg der Freiheit in der Gebundenheit, der Realität der auf Versöhnung gegründeten Gemeinschaft in dem Richtgeist der Menschen. Der Verheißung ihres Herrn gemäß ist sie die Stadt, die auf dem Berge liegt. Es ist Unglaube, wenn sie ihr Pfund ver­gräbt und sich damit der Verheißung begibt, die Gott selbst der Kirche zum Heil der Menschen anvertraut hat.

7. Nicht Rückkehr zum Christentum, sondern Umkehr zu Gott durch das Evangelium ist uns geboten. Nicht die Rettung der Welt ist die Aufgabe der Christenheit, sondern die Reformation der Christenheit ist die Rettung der Welt. Darum rufen wir alle, die es zu glauben vermögen, auf: Be­zeugt die wohltätige und befreiende Herrschaft Jesu Christi im Dienst an seiner ganzen Schöpfung. Erkennt, daß der Staat zu seinen Geschöpfen gehört, dazu bestimmt, zur Ehre Gottes und zur Wohltat, zum Glück und zum Frieden unter den Menschen zu dienen.

8. Wir sehen mit Sorge, daß uns bis heute die rettende und befreiende Umkehr unseres Volkes zu neuem, freundli­chem Dienst am Aufbau eines freien, seines Namens und seiner Gaben würdigen Deutschlands nicht geschenkt ist. Wir geraten in Gefahr, aus einer falschen, weil natürlichen und nicht aus Gott geborenen Liebe zu unserem Volk her­aus, seine in der Welt zerbrochenen und zerschlagenen Hoffnungen und Träume religiös zu pflegen und wirksam zu erhalten. Wir verhelfen ihm dadurch zu einer Flucht vor der unabweisbaren diesseitigen Verantwortung in Staat und Gesellschaft ins Niemandsland der Religion.

Hier der Text als pdf.

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