Im Eingedenken fremden Leids. Zu einer Basiskategorie christlicher Gottesrede (Johann Baptist Metz)

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Im wahrsten Sinne „penetrant“, also eindringlich ist Johann Baptist Metzs Lebensthema der memoria passionis. Hier ein Auszug aus seinem Aufsatz „Im Eingedenken fremden Leids. Zu einer Basiskategorie christlicher Gottesrede“ von 1996:

Das Eingedenken fremden Leids bleibt eine fragile Kategorie in einer Zeit, in der sich die Menschen am Ende nur noch mit der Waffe des Vergessens, mit dem Schild der Amnesie gegen die immer neu hereinstürzenden Leidensgeschichten und Untaten wappnen zu können meinen: Gestern Auschwitz, heute Bosnien und Ruanda und morgen? Doch selbst dieses Vergessen ist nicht ohne Folgen. Was mich z.B. in der Situation „nach Auschwitz“ immer besonders tief berührt und beunruhigt hat, war das Unglück, war die Verzweiflung derer, die diese Katastrophe überlebt haben. So viel sprachloses Unglück, so viele Selbstmorde! Hier sind offensichtlich Menschen an der Verzweiflung am Menschen gescheitert, an dem, wozu Menschen gegenüber Menschen „fähig“ sind. So hat Auschwitz die metaphysische und mora­lische Schamgrenze zwischen Mensch und Mensch tief abgesenkt. So etwas übersehen nur die Vergeßlichen. Oder die, die vermeintlich erfolgreich vergessen haben, daß sie etwas verges­sen haben. Aber auch sie bleiben nicht ungeschoren. Die Wunde klafft. Denn man kann auch auf den Namen des Menschen nicht beliebig sündigen. Nicht nur der einzelne Mensch, auch die „Idee“ des Menschen und der Menschheit ist offensichtlich verletzbar, ja zerstörbar. Nur wenige bringen die gegenwärtigen Humanitätskrisen, den sog. „Werteverfall“ – zunehmende Taubheit gegenüber „großen“ Ansprüchen, Solidaritätsverfall, anpassungsschlaues Sich-Kleinmachen usw. – mit dieser und mit den nachfolgenden, inzwischen ebenso der kulturellen Amnesie anheimfallenden Katastrophen in Verbindung.

Es gibt nicht nur eine Oberflächengeschichte der Gattung Mensch, sondern auch eine Tiefen­geschichte, und die ist durchaus verletzbar. Gewinnen schließlich die Gewalt- und Verge­waltigungsorgien der Gegenwart nicht etwas von der normativen Kraft des Faktischen? Zer­setzen sie nicht – hinter dem Schild der Amnesie – das „zivilisatorische Urvertrauen“, jene morali­schen und kulturellen Reserven, in denen die Menschlichkeit gründet? Wie ver­brauch­bar und verbraucht sind diese Reserven? Vollzieht sich hier vielleicht der Abschied von dem Men­schenbild wie es uns bisher geschichtlich vertraut war? Könnte es sein, daß dem Men­schen im Bann dieser kulturellen Amnesie nicht nur Gott abhanden gekommen ist, son­dern daß er immer mehr sich selbst abhanden kommt, in dem abhanden kommt, was wir bis­her empha­tisch seine „Menschlichkeit“ genannt haben? Was also bleibt, wenn wir immer wieder erfolg­reich alle Wunden geschlossen haben? Wenn sich die kulturelle Amnesie voll­endet hat? Der Mensch? Welcher Mensch? Die Berufung auf „das Humanum“ ist selbst höchst abstrakt; sie entspringt nicht selten einer naiv-optimistischen Anthropologie, der die Frage nach dem Bösen und der „Theodizeeblick“ in die Geschichte der Menschheit längst abhanden gekom­men ist.

Die Kirche ist – als Institution – vor allem akkumulierte Erinnerung, langfristiges Gedächtnis, „Elefantengedächtnis“, in dem vieles, allzu vieles gespeichert ist, Befreiendes und Belasten­des. Auch die Theologie steht nicht – in teilnahmsloser Beobachterposition – außer oder über diesem Gedächtnis, sie lebt aus ihm. Ihre kritische Kompetenz gegenüber diesem Gedächtnis gewinnt sie dadurch, daß sie das von der Kirche repräsentierte Christusgedächtnis immer wie­der daraufhin befragt, ob und wieweit es zum Eingedenken fremden Leids wird.

Mit diesem Leidensapriori (wenn ich es so nennen darf) befragt die Theologie schließlich auch kritisch unsere sog. „posttraditionalen“ Gesellschaften, ob sie denn mit der nun favo­ri­sierten traditionsentkoppelten Diskursethik über eine Logik des Marktes bzw. des Tausches hinauskommen, ob diese „neue Ethik“ also nicht letztlich von einem uneingestandenen Markt-Apriori geleitet bleibt, das darauf baut, daß der Markt eben die verständigungsbereiten Ein­stellungen prämiert. Da scheint mir doch das traditionsverwurzelte Leidensapriori verhei­ßungsvoller: es enthält unter dem Stichwort der memoria passionis die Vision einer Zuwen­dung der Einen zu den Anderen vor jedem Tausch- und Konkurrenzverhältnis und vor jedem Diskurs.

Hier der vollständige Text als pdf.

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