„Wer tut denn eine böse Tat um des Bösen willen?“ – Hans Joachim Iwands Vortrag „Über das Wesen und die Wurzel des Bösen“

Im Januar 1960 hielt Iwand auf dem Kongress der Vereinigung der Studierenden an den theologischen Fakultäten (VSTF) in Leiden einen Vortrag über das Wesen des Bösen. Er wurde 1961, also nach Iwands Tod in der Miskotte-Festschrift „Woord en wereld“ veröffentlicht:

Über das Wesen und die Wurzel des Bösen

Von Hans Joachim Iwand

[201] Der russische Schriftsteller Gontscharow schildert in seinem Roman Oblomow einen Diener, der heimlich Verse deklamiert. Als sein Herr ihn dabei überrascht, und fragt, ob er das Gedicht versteht, da sagt der Diener: „Aber Herr, wenn ich es verstünde, dann wäre es doch keine Dichtung.“ Und ähnlich könnte es uns vielleicht gehen, wenn wir einmal an all die vielen Menschen und Beschäftigungen denken, die sich heimlich und offen mit dem Wesen des Bösen befassen, darüber diskutieren und ihm nachdenken.

Überall geht es um das Böse. Man möchte es definieren, d.h. begrenzen, einfangen, das man sagen kann: Das, das ist es! Ärzte und Juristen sind auf der Suche nach seiner Entdeckung. Immer wieder erweist sich, dass, wenn wir es definiert haben, es fassen, wir nur die Erscheinung, das Phänomen, die Oberfläche getroffen haben. Es sinkt tiefer, wir fassen nur sein Bild, nicht sein Wesen, seine Wirkung, nicht seine Wurzel, es ist als ob die Wurzel des Bösen in einer unendlichen Tiefe wäre, die wir nicht einmal mit einer Definition seines Wesens treffen können. Wir kennen das ja aus der Mathematik, aus der Physik: Wenn man eine Formel hat, dann kann man eine Erscheinung bewältigen. Aber wir haben keine Formel. Die Formel stimmt immer nicht. Einmal scheint es so, (das ist eine der großen Theorien) als wäre das Böse durch den Menschen in die Welt gekommen – die Welt wäre vollkommen, überall da, wo der Mensch nicht hinkommt. Man muss ja auch heute manchmal denken, es wäre so, wenn man sieht, wie die Technik die Natur verwandelt und zerstört, wie der Mensch dadurch entnaturalisiert wird, die Nomaden der großen Städte, wie das Spengler genannt hat. Aber dann sagt man sich wieder, das ist falsch, das stimmt nicht, wenn die großen Wechselfälle über den Menschen kommen, wenn sie auch die Menschen zerbrechen, die bis ins Innerste fest erscheinen.

Fragen wir nach dem Wesen des Bösen, so bieten sich zwei Möglichkeiten an; einmal: Es sieht so aus, als ob die Wurzel des Bösen im Menschen läge – es wird auch nicht falsch sein – als ob hier im Menschen, wie das schon der alte Kant gesagt hat in seiner unbestechlichen Treue des Denkens, die radix mali läge, das radikale Böse. Aber dann entdeckt man, dass das im letzten Grunde auch wieder falsch ist, denn dieser Mensch lebt nicht nur aus dem Innen heraus, es gibt auch ein Außen. Es wäre falsch, wenn ich jetzt das Böse nur im Menschen suchte, in seiner Existenz, in seiner Eigentlichkeit, in seinen Affekten, in seinen Leidenschaften. Aber der Sitz des Bösen ist nicht dort. Das Böse ist nicht die Substanz des Menschen. Der Mensch ist von etwas beherrscht, das er nicht von sich werfen kann, und zwar von etwas beherrscht, was ihn täuscht, verführt, blendet, treibt. Wie sagt doch Gretchen im Faust – „ach, alles, was mich dazu trieb, war ach so gut, war ach so lieb!“ Meinen Sie vielleicht, die Deutschen [202] hätten den Nationalsozialismus deswegen gemacht, weil sie so schlecht waren? sie haben ihn doch deswegen gemacht, weil sie gut waren! Ach, alles, was mich dazu trieb, war ach so gut, war ach so lieb. Meine Studenten sind doch nicht darum damals so begeistert gewesen für diese Dinge, weil sie die Judenmorde wollten oder weil sie die Verbrechen wollten, die dann begangen sind, sondern weil sie meinten, hier sei ein Licht, hier sei Hoffnung; sonst wäre es ja so leicht, einfach den Menschen zu sagen, tue das doch nicht! Wer tut denn eine böse Tat um des Bösen willen? Paulus sagt doch auch: „Die Sünde betrog mich. Das Gesetz, das mir zum Guten gedacht ist, das wurde mir zum Bösen.“ Das ist doch die Dialektik, das Furchtbare. Und darum verbindet sich doch immer wieder mit dem Bösen, mit dem Tun des Bösen, die Blindheit, das man nicht weiß, was man tut. Hätten sie den Herrn dieser Welt erkannt, so hätten sie ihn nicht gekreuzigt. Warum sagt denn Jesus: „Sie wissen nicht, was sie tun?“

Und dann, wie ist denn das mit dem Tode? Der Tod ist doch irgendwie die große Realität, die dieses Außen unseres Daseins bestimmt. Warum leben die Menschen heute so verloren, warum finden wir in unserer Literatur so viel Nihilismus? Liegt das nur am Charakter der Menschen? Liegt das an diesen Schriftstellern? Hin und wieder regt sich eine Zeitung bei uns dann auf, wenn ein Roman wie „Lolita“ erscheint. Das ist dann so, wie wenn in einem großen Hospital einmal jemand schreit, aber es ist kein Arzt da. Warum? Wenn wir mit dem Tode einen Bund machen – ich denke jetzt an das Wort des Propheten Jesaja – und mit der Hölle einen Vertrag schließen, dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn mehr und mehr das Äußere unseres Daseins, die Wirklichkeit unseres Lebens schmeckt, riecht nach Verwesung. Diese osme tou thanatou eis thanaton, dieser Geruch vom Tode zum Tode, der geht doch durch unser Leben durch, durch unser öffentliches Leben, durch das Leben der Gewaltsamkeit, der unwahrscheinlichen Mordinstrumente, der gegenseitigen Bedrohung bis aufs Letzte – ins millionenfache gehend. Wenn bei uns in Deutschland heute die Redner durch das Land ziehen, und das sind nicht einmal deutsche Redner, und unsere Leute aufrufen zum Atomkrieg gegen Russland und dann erklären, um der Kultur willen muss man 700 Millionen Tote in Anspruch nehmen – (Dies alles so … ja! bitte!) – das ist diese Stimmung: „Lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot.“

Es ist ein Irrtum, wenn wir sagen, das Böse liegt am freien Willen des Menschen. Nein, dieser Wille ist gar nicht in dem Sinne frei. Es sind da Kräfte und Mächte in der Welt, in denen objektiviert sich dieses Böse und unser Wille schlägt dahin ein, weil er sozusagen aus demselben Grunde wächst, aus demselben Grunde kommt wie das, was da ist. Es ist ein Zu-[203]sammenspiel von Wille und Welt, von Innerem und Äußerem, in dem die Erscheinungen des Bösen, die psychologischen, aber dann doch auch die geschichtlichen, die aktuellen, die politischen, die gesellschaftlichen, sich gegenseitig die Hand reichen.

Und nun, was ist das Böse, was ist es denn?

Ich möchte ein paar Beispiele geben für die großen Versuche, unsere Frage zu lösen. Es sind ja die Lösungsversuche, die uns interessieren. Wir wollen ja nicht bloß Probleme sehen, wir wollen Lösungen haben, wir wollen Definitionen haben. Was ist das Böse? Und da ist ein ganz großer, bedeutender Satz, der immer von Theologen verachtet wird. Ich bin der Meinung, er ist nicht so zu verachten. Ich möchte am liebsten einen ganzen Vortrag nur darüber Ihnen halten, nämlich über den Satz der Griechen: Tugend ist Wissen. Es ist ursprünglich ein sophistischer Satz, aber man darf ihn nicht sophistisch verstehen, sondern in der Transformation, in der Vertiefung, in der Echtheit, in der dann der platonische Sokrates diesen Satz entwickelt. Tugend ist Wissen. Die Philosophie, die das sagt, die sollten wir nicht verachten. Ja, dieses Wissen, was die Philosophie meint, das ist viel mehr als ein Bescheid wissen. Das heißt nicht nur, ich sage dir hier verschiedene Fälle, kasuistisch: Hüte dich, mach nicht das, oder mach nicht das, oder so; sondern es ist ein Wissen, in dem sich das Bleibende, das Ewige spiegelt. Man könnte den Satz: Tugend ist Wissen, im sokratischen Sinne so umdeuten, dass man sagt: Wenn du wüsstest, woher du stammst, wer du bist, dann würdest du dich nicht verlieren an das Vergängliche, an den Schein, an die Doxa, dann würdest du dich ganz der Wahrheit hingeben. Das meinen die Philosophen. Wenn du wüsstest, wer du bist, dann würde deine Seele ein Spiegel sein für das Ewige, das darin leuchten will. Dann würde ein neues Pathos, eine neue Leidenschaft dich ergreifen, das Pathos des Guten, und du würdest selbst einen Widerwillen empfinden vor dem Schein, der dich bisher verführt hat. Wir haben gesehen, dass das Tun des Bösen immer verbunden ist mit Täuschung. Das hat der platonische Sokrates richtig gesehen und darum sagen sie: Tugend ist Wissen. Tüchtigkeit im sittlichen Sinne, d.h. dass man etwas leistet, dass man nicht umbricht, Tüchtigkeit – so wie ein Baumeister, der ein Schiff baut, so wie das Aristoteles in seiner Ethik sagt – diese Tüchtigkeit ist nicht zu gewinnen, ohne dass du weißt, wer du bist. Du darfst nicht nur wissen, wie man Schiffe macht oder wie man Flöten baut, sondern du musst auch wissen, wer du bist, der die Schiffe macht, wer du bist, der die Kunst der Musik übt. Das ist doch Sokrates.

Warum sind wir an der Universität, warum studieren wir denn? Damit wir (mit der platonischen Akademie ist doch sozusagen der Grund gelegt für das, was wir heute noch tun) mit Begriffen umzugehen verstehen. Und, was gilt es denn zu begreifen? Das Begreifen wird da erst existen-[204]tiell, wird da erst mich selbst betreffend, wo es um das Begreifen von Gut und Böse geht. Das ist gemeint, wenn sie sagen, Tugend ist Wissen. Man könnte den Satz umdrehen und sagen, das haben die Griechen gemeint: Solange euer Wissen nicht zum Begreifen von Gut und Böse, d.h. zur Tugend führt, solange ist das ganze Wissen nichts wert.

Warum blieb eigentlich der Theologe, der nun an der Scheidegrenze steht von Antike und Mittelalter, warum blieb Augustin nicht dabei stehen? Merkwürdig, man könnte sagen: An dieser Stelle kommt die Scheidung, hier hört die Antike auf und hier fängt das Mittelalter an, weil die Frage nach dem Unde malum, nach dem: Woher kommt das Böse? von Augustin ganz neu verstanden, ganz neu aufgenommen wurde. Es ist eine ungeheuer entscheidende Epoche, als die griechische Antwort auf das Böse nicht mehr genügt, als das Böse so groß wird, so mächtig, dass der Optimismus, in dem auch noch die jüngere Stoa lebt, Epiktet, Seneca nicht mehr genügt. Das Böse ist eine solche Macht geworden, dass überall sich eine Philosophie breit macht, die dem Bösen eine eigene Existenz zuspricht. Das ist eigentlich die Gnosis, das ist der Hellenismus. Der griechische Ansatz zerbricht, das Böse ist mehr – Dämonen, Teufel, Gewalten, alles personifiziert die Selbständigkeit, die eigene Funktion des Bösen. Das Böse sprengt die Einheit der geschaffenen Welt. Es wird eine Radikalität sichtbar. Das Böse, das radikale Böse, das seine Wurzel in sich selber hat, ist originär. Daher dann auch der Begriff peccatum originale. Es kommt aus sich selber, es ist eine Macht der Finsternis (Kol 1,13). Das ist der Punkt, an dem sozusagen im Laufe dieser großen geistigen Entwicklung des Christentums Gott einen Mann erweckt wie Augustin, der zu diesen Dingen Entscheidendes sagt, in dem sich die Wende vollzieht. Daher fragt er so leidenschaftlich, Unde malum?, daher sein Gegensatz gegen Pelagius, weil der das Problem Unde malum nicht versteht. Pelagius ist im Grunde genommen viel griechischer als Augustin. Augustin ist ganz neu, er ist ein schöpferischer Mann und er prägt das Ganze, indem er diese Frage Unde malum so radikal beantwortet, (Konfessionen Kap. VII). Er sagt: Nein, niemals kann das Böse eine Existenz für sich haben. Das ist das Große an der Antwort Augustins: Niemals dürft ihr zulassen, dass das malum eine Existenz in sich selbst hat. Darin hatte die alte Kirche (Origenes, Athanasius, Basilius der Große) Recht, dass sie diese Frage nach dem Unde malum stellte, aber niemand hat sie gelöst. Augustin gibt eine Lösung. Damit wird überhaupt die ganze Thematik der Theologie des Abendlandes, die Rechtfertigungslehre und alles, was dazu gehört, mit bestimmt. Es ist ein Doppeltes, was Augustins Lösung bedeutet: Einmal ein Verzicht, die Frage zu beantworten auf dem Erkenntnisweg. Ein Verzicht auf den Weg der Aufklärung der Griechen. Ja, wenn das Böse etwas wäre, was man begreifen könnte, hinter das man kommen könnte, das [205] man untersuchen könnte wie eine Krankheit und sagen: Da liegt die Wurzel, da liegt der Erreger der Krankheit, der Virus, den kann man jetzt also beseitigen, – dann ginge das; aber Augustin sagt: Nein, das geht nicht, es ist radikal. Augustin sagt: Mein Erkennen ist schon von dieser Krankheit durchsetzt, darum kann ich nicht mehr mit der Erkenntnis die Frage lösen. Es wäre für Sokrates ein undenkbarer Begriff gewesen, dass er sagte: „Weil wir Sünder sind, darum können wir das Gute nicht erkennen.“ Die Frage nach dem Unde malum ist dem Erkennen selber übergeordnet, sie kann nicht mehr nur durch Erkenntnis gelöst werden, sie kann nur noch gelöst werden durch den Glauben. Denn der ganze Mensch in allen seinen Akten, der als ein voluntativer und ein kognitiver das Gift schon in sich trägt, wie der Kranke das Fieber in seinem Blut, wie soll er dann, durch Überordnung kognitiver Akte über die voluntativen aus der Krankheit kommen? Der Begriff, denken Sie an Plato, der Begriff reicht nicht mehr aus. Augustin sieht, dass an der Frage Unde malum das begriffliche Erfassen zu Ende ist, die Philosophie der Weisen zu Ende ist. Die ganze Not des geistigen Menschen, die Grenze der Intelligenz, wird in dem Leben Augustins fassbar. Ich sage gerne, oder ich träume manchmal davon: In Augustin hat sich Plato bekehrt. Es gibt das. Denn Thomas hat sicher Aristoteles bekehrt. Ich liebe das nicht, wenn man die Philosophie totschlägt. Nein, die Philosophie ist das echte Fragen des Menschen, der bis an die Grenze seiner selbst damit gelangt, um aufgenommen zu werden von Jesus Christus. Insofern hatte der Zwingli nicht ganz unrecht, wenn er den Plato und wenn er den Sokrates und wenn er alle diese Dinge auf Christus bezog. Nur muss man damit nicht die Humanitas als solche schon als christlich ansehen. So nicht. Aber im Gang der Geschichte, der Vorsehung Gottes, ist das doch nicht ganz zufällig. Und Augustin fragt: Quis inseruit mini hoc plantarium amaritudinis?, diese Pflanzstätte der Bitterkeit, wer hat sie in mich gelegt, wenn ich doch gut geschaffen bin? Augustin hat gesagt, er sei bei dieser Frage nicht getrieben worden bis zum infernum illud erroris ubi nemo tibi confitetur, bis zur „Hölle jenes Wahnsinns, wo niemand mehr vor dir bekennt“. Das ist die großartige Formulierung dieses Dualismus, wo alles anfängt in uns zu schweigen, weil wir uns dem Glauben an die Macht des Bösen übergeben haben, wo es keine Confessio mehr gibt, wo es ein Schweigen ist wie in der Hölle. Und Augustin sagt, so weit bin ich nicht getrieben worden, soweit bin ich in meinem Irrtum nicht gedrängt worden. Ich habe diese Frage vor dich gebracht. „Coram te“ – darum confessio! Und dann entdeckt Augustin das große Entweder – Oder, die Mitte und das Geheimnis seines Glaubens. Das Böse, was ich suchte, woher es käme, unde esset, non est substantia, quia si substantia esset, malum non esset. Wenn das Böse Substanz wäre, dann würde es überhaupt keine Realität haben. Das Böse ist jetzt nur noch privatio boni. Das Sein und das Gute ist identisch. Das esse und das bonum ist identisch. Und so ist der Glaube an die Schöpfung gerettet. Das Böse ist ausgeschlossen aus dem Geschaffenen, das Böse mit allen seinen Demiurgen und Dämonen ist heraus.

Wir sollten es nicht so gering einschätzen, was da geschehen ist, wir dürfen es auch nicht zu gering einschätzen, was im Mittelalter geschehen ist. Denn, meine Freunde, damit ist ja nur vollzogen, was wirklich auch im Neuen Testament vorliegt, dass die Dämonen weichen müssen, dass die Schöpfung wieder in Anspruch genommen wird von der Herrschaft Gottes, von der basileia tou theon, dass der Wahn zerbricht, als hätte das Böse ein eigenes Reich, eine eigene Existenz. Im tiefsten ist diese Antwort Augustins, wenn er sie auch weithin philosophisch formuliert, das darf man ihm auch nicht übel nehmen, (was ist denn eigentlich daran Schlechtes?), geboren aus dem Glauben an den Sieg Jesu Christi. Nur so. Und darum ist er die große Wende zu dem anderen. Nicht wahr, das hatte eben nicht ausgereicht, dieses: Tugend ist Wissen.

Und jetzt machen wir einen Sprung zu den Reformatoren. Bei denen gibt es die Frage Unde malum eigentlich garnicht. Ich wüsste nicht, wo ich sie angetroffen hätte. Die ganze Frage nach der Theodizee kommt eigentlich erst bei Leibniz und den späteren Philosophen auf. Vor allem sollte man sie einmal an Calvin erörtern. Ich kann hier auch nur einen Hinweis geben. Da heißt es einmal in der Institutio, III, 22, II: „Wenn gesagt wird, dass Gott verstockt oder sich erbarmt, wes er will, so werden dadurch die Menschen daran erinnert, nihil causae quaerese extra eius voluntatem, dass sie nirgendwo anders die Ursache dafür suchen, als in seinem Willen.“ Hier ist das Böse eben doch mehr als das Nichts, mehr als eine privatio, es ist richtig erkannt, dass es eine Tendenz ist, eine Intention, dieses Verneinen, dieses Geneigtsein, von dem Paulus Römer 8 redet, der Geist ist geneigt gegen das Fleisch, das Fleisch ist geneigt gegen den Geist.“ Das meint, glaube ich, Calvin. Natürlich nicht ohne des Menschen Schuld, aber doch so, dass er damit eine Bestimmung erfüllt, die ihm von Gott zuteil geworden ist: So bist du, so musst du dich vollenden.

Und dann kommt dieser schwere Satz, III, 21, 5, wir nennen das die Prädestination, den ewigen Ratschluss Gottes, durch den er bei sich festgelegt hat, was er wollte, das den einzelnen Menschen geschieht. „Nicht nach gleichmäßiger Bedingung werden alle geschaffen, sondern den einen ist das ewige Leben, den anderen ist die ewige Verdammnis vorgeordnet.“ Das issaie gemina praedestinatio. Es ist nicht nur bei Calvin so, es gibt auch bei Luther gleichlautende Worte. „Kein Gegenstand“, sagt einmal Möhler, „erbitterte in den ersten Zeiten der Kirchenumwälzung die Katholiken in dem Grade gegen die Urheber derselben als ihre Bestimmungen über das Verhältnis, in welchem Gott zum moralischen Übel stehe.“ [207] Was ist denn das Falsche an dem Satz über diesen ewigen Ratschluss Gottes? Nicht wahr, es hat hier den Anschein, als ob Gott der Indifferenzpunkt wäre, an dem Gut und Böse ihre Unterscheidung verlieren. Es ist die ständige Frage der katholischen Theologie seit der Reformation an uns: „Ist denn euer Gott exlex?“ Und hat nicht Barth ganz recht, wenn er sagt, dass wir im Glauben unmöglich unsere Verwerfung glauben können? Die damnatio ist nicht ein Satz der fides Jesu Christi. Ich denke, man sollte dieses, was Barth da in seiner Erwählungslehre sagt, § 33 seiner Dogmatik, sehr im einzelnen durchsprechen und sich ansehen. Möhler sagt, eigentlich sind ja die Reformatoren noch schlimmer als die Manichäer, denn die haben wenigstens das Böse einem Halbgott, einem Demiurgen, zugeschrieben, aber die Reformatoren führen das ja nun auf Gott selber zurück, der sei die Wurzel des Bösen und des Guten. Und doch ist die Meinung nicht ganz richtig. Darin haben die Reformatoren doch biblischer gedacht als ihre Gegner, dass sie Gott und das Böse in eine unmittelbare Verbindung zueinander setzten. Falsch war, dass sie es kausal machten, falsch war das kausale Denken; aber das Gott mit dem Bösen unmittelbar etwas zu tun hat und das Böse mit ihm, das war richtig gesehen; das ist ganz richtig, wenn Calvin sagt: Ihr dürft nicht die Wurzel des Bösen irgendwo suchen, in irgendetwas suchen was nicht Gott ist. Nur falsch war, dass er das kausal meint, als ob das von Gott käme. Falsch ist, meiner Meinung nach, dass er die Menschen einteilt in solche, die gut und solche, die böse sind; eine massa perditionis und electi, eine bürgerliche Welt und eine Masse; daher alle diese Schrecklichkeiten. Das ist natürlich auch in der Folgezeit sehr spürbar geworden, gerade in der westlichen Welt. Aber, sehen Sie, so kann es ja nicht sein, denn dann würden die electi das Böse nie ganz schmecken, sie würden ja niemals in der Anfechtung bis ins letzte versucht werden; und umgekehrt, die Bösen hätten ja gar keine Hoffnung, dass man mit dem Bösen fertig wird, dass man es überwindet. In irgendeiner Weise ist dann ja auch immer ein Widerspruch da, wenn es an Christus selbst herankommt, an die Christologie. Es sieht auch so aus, als ob das sehr radikal gedacht wäre, als ob hier wirklich das Böse auf Gott bezogen wäre, aber in Wirklichkeit bleibt es ja doch im Menschen. Denn diese Unterscheidung der Bösen und der Guten ist ja doch eine Übertragung von Gut und Böse, wie wir das in unserem irdischen Leben kennen. Das ist garnicht radikal gedacht, das ist trotz allem Rigorismus eine Verharmlosung des Bösen, seiner letzten Tiefe. Die Sache sieht sich doch ganz anders an, wenn man etwa mit Paulus meint, dass sich Gott selber in seinem Sohn dem Fluch des Bösen unterzieht (der Katara, Galater 3). Und wenn man etwa von da aus sagt, es ist nichts Verdammliches an denen, die in Christus Jesus sind, dann kommt erst die Beziehung heraus zwischen Gott und dem Bösen. Ja-[208]wohl, Gott nimmt selber die Beziehung mit dem Bösen auf; nicht das Böse mit Gott, aber Gott mit dem Bösen. Darum wird er Mensch, darum geht er unter das Gesetz, darum steht er unter dem Fluch.

Wie ist denn das bei Schleiermacher? Bei Schleiermacher ist es sehr großartig, eine Mischung von griechischem und christlichem Denken, insofern, als Schleiermacher das vollkommene Wesen der Welt und das vollkommene Wesen der Menschen retten möchte, und nun zeigen möchte, wie das Böse entsteht und wie es vergeht. Sehr merkwürdig ist, dass Schleiermacher über das Böse und die Sünde nur redet in dem großen Abschnitt der Glaubenslehre über die Schöpfung. Er muss also jetzt zu erklären versuchen, wie das Böse entsteht in der Schöpfung; und da die Schöpfung ja mir mein Verhältnis zu Gott vermittelt, da die Welt in ihrem Weltbezug sozusagen die Ausgangsposition ist für mein Gottesverhältnis (Schleiermacher sagt in seiner Dialektik, es gibt keine Gottesbeziehung ohne die Welt), so muss dann in diese Gottesbeziehung etwas hineinkommen, was weder aus der Welt ist, noch aus Gott sein kann, noch aus mir sein kann, und was doch diese Gottesbeziehung tangiert. Wenn wir so wie die Blumen immer zu Gott lebten, ohne Bewusstsein, wenn es so wäre wie bei Tersteegen „wie die zarten Blumen willig sich entfalten und der Sonne stille halten, lass mich so, still und froh, deine Strahlen fassen und dich wirken lassen“ – das ist eigentlich die Schleiermachersche Haltung, das ist die Urform des Religiösen – dann könnte es keine Störung geben. Aber dadurch, dass dieses Gottesbewusstsein, das ich im Tiefsten in mir habe, immer wieder einen Zeitmoment erfüllen muss; – es muss im Selbstbewusstsein des Menschen ein Heute bilden: Wie verhältst du dich im Augenblick zu Gott – so vermischt sich dieses Gottesbewusstsein mit dem endlichen Bewusstsein, mit dem sinnlichen Bewusstsein und dadurch wird es gestört. Ich bin eben nicht eine Blume, ich bin nicht wie die Lilien auf dem Felde, ich bin das leider nicht. Und dadurch wird das gestört, dadurch, dass dieses sinnliche Bewusstsein viel früher da ist, als das Gottesbewusstsein, so tritt das Gottesbewusstsein bzw. der Geist immer wieder hinein in ein sinnliches Bewusstsein, das sozusagen schon vorhanden ist. Weil das sinnliche Weltbewusstsein früher ist als das Gottesbewusstsein, darum ist es mächtiger und darum stört es.

Und immer, wenn wir uns in unserem Gottesbewusstsein durch das sinnliche Bewusstsein gestört fühlen, dann haben wir das Empfinden von Sünde. Sünde ist die Störung, die das sinnliche Bewusstsein dem Gottesbewusstsein gegenüber ausübt, dass sie an die Welt denkt, an die Sorge um die Welt, oder wenn die Begierde mich ergreift, wegreißt. Wenn das Gottesbewusstsein aber mein sinnliches Bewusstsein regiert, alle Augenblicke regieren würde (was es nicht gibt, sagt Schleiermacher mit Recht), dann wäre der Zustand der absoluten Seligkeit erreicht. Ich kann Ihnen [209] das hier nicht im einzelnen auseinandersetzen, was das doch für eine großartige Sache ist, es ist nicht so schlecht, wie es sich anhört, zumal wenn ich es so kurz sagen muss. Denn, wenn auch Schleiermacher hierbei den Fehler macht, dass er vom Selbstbewusstsein ausgeht, nicht vom Sein, so ist das Großartige doch bei ihm dieses, dass er versucht hat, eine Genesis, eine Entstehung zu zeigen, die nicht dualistisch ist, die nicht das Böse als das Böse in Gegenstellung zu Gott bringt.

Das ist die Position, auf der nun Barth aufbauen sollte, und die er vorfand im modernen Protestantismus und er hat nun eine nach meiner Meinung bisher nicht überbotene Lösung gegeben, von keinem überboten, von wenigen bisher besprochen, indem er nicht mehr wie Schleiermacher vom Bewusstsein, vom Selbstbewusstsein, von der Entwicklung des Selbstbewusstseins zum Gottesbewusstsein ausgeht, überhaupt nicht mehr von dem Verhältnis des Menschen zur Welt, sondern indem er ausgeht vom Sein. Es ist so, als ob bei Barth Ansätze von Schleiermacher und Augustin in einem höheren Sinne zusammengefasst würden. Und Barth definiert nun das Böse als das Nichtige. Nicht etwa, als ob das Nichts wäre, nicht bloß eine Privation, aber das Nichtige, so will ich ihn einmal interpretieren, welches den Schein des Seienden hat, den Schein der Macht, der Schein der Wirklichkeit hat, und was doch in Wahrheit Nichts ist, wie das Alte Testament die Götzen die Elilin nennt, die Nichtse, oder wie Paulus auch davon spricht, dass die Dämonen, ja in Wahrheit Nichts sind. Dass also das Nichts sich den Schein nicht nur von Etwas, sondern des Letzten, des Absoluten gibt, das ist das Nichtige. Und wenn auch die ganze Problematik mit den Thesen der Schöpfungslehre dabei mir nicht ganz einleuchtend ist (das, was zur linken Hand so geschaffen ist, das erinnert ja sehr an Origenes, Origenes sagt auch, [in seiner Schrift gegen Celsus] wenn man ein Standbild schafft, dann fallen immer Splitter, und so ist das Böse sozusagen der Splitter, ist der Schatten, den das Licht wirft). Das Großartige an der Sache ist, dass Barth nun im Unterschied zu Augustin, sehr viel bewusster wie Augustin die Entdeckung des Bösen bezieht auf Jesus Christus, auf den Sieg Jesu Christi, auf das Offenbar- und Kundmachen dessen, dass das Nichtige das Nichtige ist; man könnte auch sagen auf die Vernichtung des Scheines mit dem sich das Nichtige umgibt, auf die Enthüllung. Und von daher entwickelt er nun das Wesen und die Wurzel der Sünde. Die Sünde ist aufgehoben, nicht beim Subjektiven, sondern umgekehrt im Objektiven und das Subjektive nimmt teil an der Aufhebung dieser Sünde, soweit es an diese Tat Gottes in Jesus Christus glaubt. Der Tod ist überwunden, die Sünde ist weggeschafft.

Ich möchte Ihnen dazu ein Zitat noch lesen, welches Sie wahrscheinlich erstaunen wird, von Luther im seiner Vorlesung zum Galaterbrief. Da sagt er zu Gal. 3, 23 (Es gibt noch eine Sonderhandschrift von Dietrich dazu, es muss im Kol-[210]leg auch schon sehr auffällig gewesen sein): „Daher sind die Sünden nicht da, wo sie erkannt werden und erfunden werden, (also nicht im Sündenbewusstsein, wie Schleiermacher sagt) denn nach der Theologie des Paulus ist keine Sünde, kein Tod, kein Fluch in der Welt, nullum peccatum, nulla mors, nulla maledictio amplius est in mundo (unsere Lutheraner wollen das ja nicht glauben, dass das so ist – das ist doch das ganze Problem der Zwei-Reiche-Lehre) sondern es ist in Christo, der das Lamm Gottes ist, der trug die Sünde der Welt, der ist offenbar gemacht als unser Fluch, damit er uns vom Fluche erlöset, während nach der Philosophie und nach der ratio Sünde und Tod nirgend sind nisi in mundo. Die wahre Theologie aber lehrt, dass keine Sünde mehr in der Welt ist, nullum peccatum amplius sit in mundo.[1] Als ich diese Stelle zum ersten Mal las, bin ich wirklich fast vom Stuhle gefallen, denn das hatte ich nun ausgerechnet bei Luther nicht erwartet. Dass keine Sünde mehr in der Welt ist, weil Christus, auf den der Vater die Sünden der ganzen Welt gelegt hat, gesiegt hat, weil er sie zerstört hat, weil er sie getötet hat in seinem Leibe. Wo daher Glaube an Christus ist, da ist wahrhaftig die Sünde abgeschafft, tot und begraben.

Meine lieben Freunde, sehen Sie, von da aus müssen Sie den Satz verstehen, wenn Luther sagt: Glaubst du, dann hast du. Von da aus seine ganze Ethik. Seht die Welt doch so, in Christus erlöst, dann werdet ihr ja sagen zum Beruf, ja sagen zum Staat, ja sagen zur Ehe, ja sagen zur Arbeit, d.h. nicht, dass ihr hier in ein anderes Element tretet, dass ihr als die Heiligen jetzt in die unheilige Welt geht, sondern indem ihr das im Glauben tut, drängt ihr den Bereich des Bösen in der Welt zurück. Die Finsternis weicht und ihr werdet im Tun dessen, was ihr hier zu tun habt, die Welt wirklich wieder weltlich machen, als eine Stätte, wo es sich lohnt, eure Berufung zu erfüllen, würdig eurer Berufung zu wandeln.

Ich will jetzt schließen, ich will die letzten Dinge, die ich von mir auszusagen hatte, im einzelnen nicht mehr sagen. Ich will nur noch eins sagen: Warum können wir eigentlich nicht sagen, was das Böse ist, das festlegen und sagen? Ich glaube, dass der Satz Augustins der Beste ist, den wir [211] dazu haben: „Das Böse wartet darauf, dass ich bekenne: Ich habe vor dir gesündigt und übel vor dir getan. Das Böse wartet darauf, dass der Mund Adams sich öffnet und bekennt vor Gott, wer er ist, damit sich Gott meiner erbarmen kann und ich teilhaft werde des Sieges, der Jesus Christus für mich errungen hat.“

Vortrag gehalten am 15. Januar 1960 auf dem Kongress der Vereinigung der Studierenden an den theologischen Fakultäten (VSTF) in Leiden.

Quelle: Woord en wereld. Opgedragen aan Prof. Dr. K.H. Miskotte naar aanleiding van zijn aftreden als kerkelijk hoogleraar te Leiden op 14 december 1959 [Redactie A.J. Rasker, M.H. Bolkestein, J.M. Hasselaar, G.P.H. Locher, W.C. Snethlage], Amsterdam 1961, S. 200-211.


[1] Ideo peccata non sunt re vera, ubi cernuntur et sentiuntur. Nam secundum theologiam Pauli nullum peccatum nulla mors nulla maledictio amplius in mundo, sed in Christo, qui est Agnus Dei, wui tollit peccata mundi. Qui factus est maledictum, ut nos a maledicto leberaret. Contra secundum Philo¬sophiam et rationem peccatum, mors etc. nusquam sunt nisi in mundo, in tarne, in peccatoribus.

Hier der Text als pdf.

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