„Ein auf sich selbst reduzierter Mensch wäre nichts anderes als eine Leiche“ – Einige Bemerkungen zum Menschsein des Menschen aus theologischer Perspektive von Eberhard Jüngel

Auguste Rodin - Der Denker
Auguste Rodin – Der Denker

Kurz, eloquent und hintersinnig hat Eberhard Jüngel die Frage „Was ist der Mensch“ beantwortet, die ihm 2008 von der interdisziplinären Arbeits­gruppe „Humanprojekt – Zur Stellung des Menschen in der Natur“ der Berlin-Branden­burgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) gestellt worden war:

Einige Bemerkungen zum Menschsein des Menschen aus theologischer Perspektive

Auf die an Gott gerichtete Frage des Psalmisten Was ist der Mensch, dass Du seiner ge­denkst? (Psalm 8,5) antwortet die christliche Theologie: das ist der Mensch, dass Gott seiner gedenkt.

Während der neuzeitliche Mensch – erst er? – sich für das jede Auskunft über den Menschen wieder in Frage stellende und alle Bestimmungen des Menschseins des Menschen immer wie­der transzendierende Wesen radikaler Fraglichkeit hält und den Menschen als eine Frage be­greift, auf die wir die endgültige Antwort nicht kennen (können), versteht der christ­liche Glaube den Menschen als ein durch Gottes schöpferische Bejahung definiertes Wesen und insofern als Antwort, zu der es die richtigen Fragen zu finden gilt.

Die Theologie nennt das Ereignis schöpferischer Bejahung des Menschen durch Gott Offen­barung und bestimmt das Menschsein des Menschen aus der Beziehung Gottes zum Men­schen. Und da Offenbarung das Geschehen des zur Welt und zum Menschen kommenden und den Menschen auf dieses sein Kommen anredenden Gottes ist, der zugleich den Glauben als „hingerissenes Eingenommensein“ (Gadamer) von dem ihn ansprechenden Gott mit sich bringt, versteht sich der Glaubende von weit her. Er zehrt als Glaubender von Möglichkeiten, denen gegenüber die jeweilige Wirklichkeit des Menschen nur das Segment eines reduzierten Seins ist. „Und so ist der Mensch, als existierende Transzendenz überschwingend in Möglich­keiten, ein Wesen der Ferne.“ (Heidegger: Vom Wesen des Grundes, 54) – Martin Heideggers Bestimmung des Menschseins des Menschen kann durchaus auch theologisch rezipiert wer­den, wenn man nur unter „Ferne“ den Ursprung des mir nahe kommenden Gottes versteht und ich aufgrund dieser Nähe die Freiheit gewinne, mich von mir selbst zu entfernen, ohne mich dabei zu verlieren.

Doch der Mensch existiert nicht nur aus der Beziehung Gottes zu ihm. Er bezieht sich seiner­seits auf Gott. Er bezieht sich aber auch auf seine natürliche und soziale Umwelt. Und er be­zieht sich in allen diesen Beziehungen immer auch auf sich selbst. Der Mensch ist also ein beziehungsreiches Wesen, ein Wesen, dessen Sein nach dem Urteil Luthers überhaupt nur in praedicaemento relationis angemessen bestimmt werden kann.[1] Kierkegaard hat diese Auf­fassung radikalisiert und dargelegt, dass der beziehungsreiche Mensch mehr ist als seine je­weilige Wirklichkeit. Ein auf sich selbst reduzierter Mensch wäre nichts anderes als eine – Leiche.

Seine Wirklichkeit ist ein Ensemble verwirklichter Möglichkeiten. Verwirklicht der Mensch die elementaren Lebensbeziehungen, in denen er Mensch ist, so, dass diese elementaren Le­bensbeziehungen zueinander im Verhältnis gegenseitiger Begünstigung stehen, dann ist der Mensch ein Wesen des Friedens – im biblischen Sinne des Wortes shalom. Verwirklicht er aber eine dieser elementaren Beziehungen rücksichtslos, also auf Kosten der anderen funda­mentalen Lebensbeziehungen, dann ist das, was wir seine Wirklichkeit zu nennen pflegen, nur noch ein Segment reduzierten Menschseins.

Man kann ja sein Verhältnis zu sich selbst so rücksichtslos verwirklichen, dass alle anderen elementaren Lebensbeziehungen und deren Möglichkeiten verstellt werden. Dann hört der Mensch auf, ein Wesen des Friedens zu sein. Dann entstehen die Pathologien der auf ihre Subjektivität fixierten Vernunft, für die die natürliche und soziale Umwelt nur noch verwert­bares Material ist, aus dem es etwas zu machen gilt; und für die selbst Gott zum verwertbaren Material wird: „Und alle Himmelskräfte verscherzt, verbraucht […], danklos, ein schlaues Geschlecht“ (Hölderlin: Dichterberuf).

Man kann aber auch das Verhältnis zu Gott – oder zu dem, was man für Gott hält – so rück­sichtslos verwirklichen, dass die anderen elementaren Lebensbeziehungen und ihre Möglich­keiten verstellt werden und der Mensch wiederum aufhört, ein Wesen des Friedens zu sein. Dann entstehen die Pathologien des in Aberglauben umschlagenden Glaubens, von denen religiöser Fanatismus und Terrorismus uns abschreckend vor Augen stehen. In allen diesen Fällen wird der in Möglichkeiten überschwingende Mensch ein verfügbares Wirkliches. Der auf ein verfügbares Wirkliches reduzierte Mensch aber ist im Begriff, das zu verlieren, was der menschliche Mensch braucht wie das tägliche Brot: Freiheit.

[1] Darin ist er das Ebenbild des dreieinigen Gottes, dessen drei hypostáseis treffend als relationes subsistentes bestimmt worden sind.

Hier der Text als pdf.

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