„Die Größe unserer Macht bestimmt das Ausmaß, in dem wir die Realität affizieren können und es im Handeln faktisch tun.“ Hans Jonas’ Prinzip Verantwortung. Zur Grundlegung einer Zukunftsethik

Hans Jonas
Hans Jonas (1903-1993)

Das Prinzip Verantwortung, das 1979 erschienen ist, gilt als das ethische Hauptwerk Hans Jonas’. Darin hat Jonas eine „Ethik für die technologische Zivilisation“ entwickelt, die unter dem „ökologischer Imperativ“ steht: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“ (S. 36). Eine Zusammenfassung findet sich in seinem Vortrag „Prinzip Verantwortung. Zur Grundlegung einer Zukunftsethik“ von 1986:

Der Mensch ist das einzige uns bekannte Wesen, das Ver­antwortung haben kann. Indem er sie haben kann, hat er sie. Die Fähigkeit zur Verantwortung bedeutet schon das Unterstelltsein unter ihr Gebot: das Können selbst führt mit sich das Sollen. Die Fähigkeit aber zur Verant­wortung – eine ethische Fähigkeit – beruht in der ontologischen Befähigung des Menschen, zwischen Alternativen des Handelns mit Wissen und Wollen zu wählen. Verantwortung ist also komplementär zur Freiheit. Sie ist die Bürde der Freiheit eines Tatsubjekts: ich bin ver­antwortlich mit meiner Tat als solcher (ebenso wie mit ihrer Unterlassung), und das gleich­viel, ob jemand da ist, der mich – jetzt oder später – zur Verantwortung zieht. Verantwortung besteht also mit oder ohne Gott, und natürlich erst recht mit oder ohne einen irdischen Ge­richtshof. Dennoch ist sie, außer für etwas, die Verantwortung vor etwas – einer verpflichten­den Instanz, der Rechenschaft zu geben ist. Diese Instanz, so sagt man wohl, wenn man an keine göttliche mehr glaubt, ist das Gewissen. Aber damit verschiebt man nur die Frage auf die nächste, woher denn das Gewissen seine Kriterien hat, durch welche Quelle seine Ent­scheide autorisiert sind. Vor wem oder was sind wir dann in unserm Gewissen verantwort­lich? Erkunden wir, ob sich vielleicht nicht aus eben dem „Wofür“ der Verantwortung auch ihr „Wovor“ ableiten läßt.

Wofür ich verantwortlich bin, sind natürlich die Folgen meines Tuns – in dem Maße, wie sie ein Sein affizieren. Also ist wirklicher Gegenstand meiner Verantwortung dies von mir affi­zierte Sein selber. Das hat aber ethischen Sinn nur, wenn dies Sein etwas wert ist: einem wert-indifferenten Sein gegenüber kann ich alles verantworten, und das ist dasselbe wie daß ich nichts zu verantworten brauche. Wenn nun (und wann immer) die Voraussetzung – wiederum eine ontologische –, daß Seiendes werthaltig ist, vorliegt, dann wird dessen Sein mit einem Anspruch an mich begabt; und da durch dies Besondere die Werthaltigkeit des Seins im Gan­zen mich anspricht, so erscheint letztlich dies Ganze als dasjenige nicht nur, für das ich je­weils partikular mit meinem Tun verantwortlich werde, sondern auch als das, wovor ich im­mer schon mit all meinem Tunkönnen verantwortlich bin – weil sein Wert ein Recht auf mich hat. Damit ist gesagt, daß vom Sein der Dinge selbst – nicht erst vom Willen eines persönli­chen Schöpfergottes ihretwegen – ein Gebot ergehen und mich meinen kann.

Also nicht nur passiv, als wechselndes Objekt meines Handelns, auch aktiv, als permanen­tes Subjekt eines Anrufs, der mich in seine Pflicht nimmt, ist es das Sein, womit Verantwor­tung es jeweils und immer zu tun hat. Das Sein von dem oder jenem ist es, wofür die einzelne Tat eine Verantwortung eingeht; das Sein des Ganzen in seiner Integrität ist die Instanz, wo­vor sie diese Verantwortung trägt. Die Tat selber aber setzt Freiheit voraus. Zwischen diesen zwei ontologischen Polen also, der menschlichen Freiheit und der Werthaftigkeit des Seins, steht die Verantwortung als die ethische Vermittlung. Sie ist komplementär zur einen und zur andern und die gemeinsame Funktion beider. Dies ist grundlegend dafür, was Verantwortung, wie ich sie verstehe, ihrem Wesen nach ist.

Dem Umfange nach aber – in dem, auf was alles sie sich erstreckt – ist sie eine Funktion unse­rer Macht und ist dieser proportional. Denn die Größe unserer Macht bestimmt das Ausmaß, in dem wir die Realität affizieren können und es im Handeln faktisch tun. Daher wächst mit der Macht auch die Verantwortung. Ausdehnung der Macht ist aber auch Ausdehnung ihrer Wirkungen in die Zukunft. Daraus folgt, daß wir die gewachsene Verantwortung, die wir in jedem Fall haben, ob wir wollen oder nicht, nur dann auch ausüben können, wenn proportio­nal auch unsere Voraussicht der Folgen wächst. Ideal müßte die Länge der Voraussicht der Länge der Folgenkette gleichkommen. Aber ein solches Wissen um die Zukunft ist im menschlichen und im Lebensbereich aus vielen Gründen nicht möglich. Zwar enthält in der Tat schon die vergrößerte Macht an sich auch vergrößertes Wissen, denn sie ist ja selber Frucht und Anwendung eines solchen, und so sind mit ihr auch Methoden, Schärfe und Reich­weite des Vorwissens gewachsen. Aber nicht im Gleichschritt mit der Wirkungsweite der Macht selbst; und es bleibt immer, wenn es um Projektion in die Zukunft geht, und um so mehr, je weiter voraus, ein Überschuß der Folgenträchtigkeit über das Wißbare und Vorher­sehbare. Das war vielleicht immer so, auch bei viel bescheidenerer Macht, und eben wegen ihrer Bescheidenheit konnte man sich das Vermuten und Erraten und aufs Unbekannte Wetten wohl auch leisten. Das ist nicht mehr der Fall. Heute haben menschliche Macht und ihr Über­schuß über jedes sichere Vorauswissen der Folgen solche Dimensionen angenommen, daß schon die alltägliche Ausübung unseres Könnens, in der ja die moderne Zivilisation routine­mäßig besteht und wovon wir alle leben, zum ethischen Problem wird.

Hier der vollständige Text als pdf.

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