„daß nicht Gott uns helfen kann, sondern wir ihm helfen müssen“ – Hans Jonas über „Das denkende Herz. Die Tagebücher von Etty Hillesum 1941-1943“

Etty Hillesum (1914-1943)

Da hatte Hans Jonas („Der Gottesbegriff nach Auschwitz“ ) ein feines Gespür dafür gehabt, welche Gebetssätze aus Etty Hillesums Tagebücher von 1941-1943 für uns eine Herausforderung sind. Etty Hillesum wurde als holländische Jüdin im Alter von 29 Jahren in Ausschwitz ermordet. Ihre erst 1981 postum veröffentlichten Tagebücher sind ein ergreifendes Zeugnis innerer Rei­fung und provozierender Gottergebenheit im Angesicht des bevorstehenden Todes:

Daß wir Gott helfen müssen: Das Zeugnis Etty Hillesums

Von Hans Jonas

Zu der wohl nach jeder Glaubenslehre ketzerischen Ansicht, daß nicht Gott uns helfen kann, sondern wir ihm helfen müssen, wurde ich durch das Auschwitz-Ereignis gedrängt – vom sicheren Port des Nicht-Dabei-gewesen-Seins, von dem sich leicht spekulieren läßt. Gültiger wird die Ansicht erst als mit dem eigenen Leben besiegeltes Bekenntnis einer wirklichen Zeu­gin, von dem ich viel später erfuhr. Diese Bekennerworte finden sich in den erhaltenen Tage­büchern Etty Hillesums, einer jungen holländischen Jüdin, die sich 1942 freiwillig ins Lager Westerbork meldete, um dort zu helfen und das Schicksal ihres Volkes zu teilen; 1943 wurde sie in Auschwitz vergast.

»… ich gehe an jeden Ort dieser Erde, wohin Gott mich schickt, und ich bin bereit, in jeder Situation und bis in den Tod Zeugnis davon abzulegen, […] daß es nicht Gottes Schuld ist, daß alles so gekommen ist, sondern die unsere.«[1]

»… und wenn Gott mir nicht weiterhilft, dann muß ich Gott helfen. […] Ich werde mich immer bemühen, Gott so gut wie möglich zu helfen…«[2]

»Ich will dir helfen, Gott, daß du mich nicht verläßt, aber ich kann mich von vornherein für nichts verbürgen. Nur dies eine wird mir immer deutlicher: daß du uns nicht helfen kannst, sondern daß wir dir helfen müssen, und dadurch helfen wir uns letzten Endes selbst. Es ist das einzige, auf das es ankommt: ein Stück von dir in uns selbst zu retten, Gott. […] Ja, mein Gott, an den Umständen scheinst auch du nicht viel ändern zu können […]. Ich fordere keine Rechen­schaft von dir, du wirst uns später zur Rechenschaft ziehen. Und mit fast jedem Herzschlag wird mir klarer, daß du uns nicht helfen kannst, sondern daß wir dir helfen müssen und deinen Wohnsitz in unserem Inneren bis zum Letzten verteidigen müssen.«[3]

Damit darf ich nicht schließen. Ein philosophischer Diskurs, der dieser doch nach Möglichkeit (bei allem Bekenntnishaften) sein will, darf nicht mit der emotionalen Vergewaltigung seiner Leser enden, und wenn ich von mir selbst schließen darf, hat das eben Vorgebrachte etwas davon an sich.

So sei mir gestattet, noch zwei Fragen zu streifen, die sich nüchtern abhandeln und sogar – seltener Vorzug – rational einsichtig beantworten lassen: nämlich die, ob denn solche Betrach­tungen, wie ich sie hier angestellt und vermutlichen Lesern zugemutet habe, philosophisch er­laubt sind; und die andere, wie wichtig die heute viele Gemüter bewegende Frage ist, ob es außer uns noch anderes intelligentes Leben im Weltall gibt.

[1] Das denkende Herz. Die Tagebücher von Etty Hillesum 1941-1943, Reinbek 1985: Rowohlt Taschenbuch 15575, S. 141f.
[2] A.a.O., S. 144f.
[3] A.a.O., S. 149.

Quelle: Hans Jonas, Materie, Geist und Schöpfung. Kosmologischer Befund und kosmogoni­sche Vermutung, Frankfurt a.M. 1988, 60f.

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