Erläuterungen zum Apostolischen Glaubensbekenntnis – Teil 2: „Ich glaube an … den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden“

Allmacht

Wenn wir das Apostolische Glaubensbekenntnis sprechen, haben wir auf die rechte Ordnung der Worte zu achten. So glaube ich an den einen Gott, dessen Namensgeschichte sich mir in der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments erschließt. Und von diesem einen Gott Vater bekenne ich, dass er allmächtig ist.

Die deutsche Fassung „den Allmächtigen“ (als Apposition) ist insofern problematisch, als sie zu einer selbständigen Vorstellung eines „Allmächtigen“ führen kann. So hatte gerade Adolf Hitler sich in seinen Reden und Schriften häufig auf den „Allmächtigen“ berufen, um für seine verbrecherische Politik eine göttliche Vorsehung beanspruchen zu können, beispielsweise in einer Rede vom 3. Juli 1932 auf dem Gautag des Gaues München-Oberbayern der NSDAP in München: „Wir hoffen, dass wir vom Schicksal dazu ausersehen sind, und dass der Allmächtige so entscheidet, denn bei uns ist der Wille, der Glaube“[1].

Göttliche Allmacht ist kein Schicksal, auf dessen Vorsehung man sich berufen kann. Nicht alles Geschehene ist aus Seiner Allmacht gewirkt. Das würde ja bedeuten, dass alles Geschehen in dieser Welt – ob freudig oder furchtbar – gottgewollt sei. Man müsste sich selbst gleichsam als fadenabhängige Marionette oder als fingergeführte Handpuppe durch den „Allmächtigen“ geführt wissen. Oder aber man würde – wie Adolf Hitler – beanspruchen, dass die selbstgewollten „Errungenschaften“ bzw. Vorhaben göttlich gewollt seien.

Der Theologe Karl Barth hat in seiner Dogmatik im Grundriss dafür drastische Worte gefunden:

„Nicht der «Allmächtige» ist Gott, nicht von einem höchsten Inbegriff von Macht aus ist zu verstehen, wer Gott ist. Und wer den «All­mächtigen» Gott nennt, der redet in der furchtbarsten Weise an Gott vorbei. Denn der «Allmächtige» ist böse, wie «Macht an sich» böse ist. […] Die heilige Schrift redet von Gottes Macht, ihren Erweisungen und ihren Siegen nie abgelöst vom Begriff des Rechtes: Die Macht Gottes ist von Haus aus die Macht des Rechtes. Sie ist nicht bloße potentia, sondern potestas, also legitime, im Recht begründete Macht. Gottes Macht ist darin und so die Macht des Rechtes, dass sie die Allmacht Gottes des Vaters ist. Es ist hier an das zu denken, was als das Leben Gottes des Vaters als Vater seines Sohnes beschrieben wurde, das Leben des Gottes, der in sich selber nicht einsam ist, sondern der lebt und regiert in Ewigkeit als der Vater seines Sohnes, der in seinem innersten Wesen in dieser Gemeinschaft existiert. Gottes Allmacht als Rechtsmacht ist also die Macht des Gottes, der in sich selber die Liebe ist.“[2]

Daher beten Christen im Vaterunser zu Gott Vater: „Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.“ Göttliche Macht will also nach Jesu Worten für die Zukunft erbeten sein. Wenn wir uns zur gottväterlichen Allmacht bekennen, geht es also nicht um ein namenloses Schicksal, das sich fatalistisch als „es kommt wie es kommt“ ausspricht. Im Gebet gehen wir vielmehr den Gott mit seiner Handlungsmacht an, damit unter seiner Herrschaft Bedrängendes abgewehrt, Leidvolles geheilt, Verlorenes wiedergefunden und Gutes uns wie auch anderen Menschen bewahrt wird. Unser Bekenntnis zu Seiner Allmacht ermöglicht es, Ihm solche Gebetsanliegen ernsthaft und leidenschaftlich zuzusprechen.

Bei der göttlichen Allmacht geht es nicht um die Schicksalsbestimmung unseres Lebens. Vielmehr wendet Er sich in Seiner Allmacht unserem Leben heilsam zu, selbst dort wo diese Zuwendung uns möglicherweise als Strafe erscheint. Davon ist im Buch der Propheten Jesaja besonders in den Kapiteln 40 bis 55 die Rede, wenn es dort heißt:

Hebt eure Augen in die Höhe und seht!/ Wer hat all dies geschaffen?
Er führt ihr Heer vollzählig heraus / und ruft sie alle mit Namen;
seine Macht und starke Kraft ist so groß, / dass nicht eins von ihnen fehlt.
Warum sprichst du denn, Jakob, / und du, Israel, sagst:
»Mein Weg ist dem HERRN verborgen, / und mein Recht geht an meinem Gott vorüber«?
Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? / Der HERR, der ewige Gott, / der die Enden der Erde geschaffen hat,
wird nicht müde noch matt, / sein Verstand ist unausforschlich.
Er gibt dem Müden Kraft / und Stärke genug dem Unvermögenden.
Jünglinge werden müde und matt, / und Männer straucheln und fallen;
aber die auf den HERRN harren, / kriegen neue Kraft, / dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler,
dass sie laufen und nicht matt werden, / dass sie wandeln und nicht müde werden.

(Jesaja 40,26-31)

[1] Adolf Hitler, Reden, Schriften, Anordnungen, Bd. V, Teil I, München u.a.: Saur 1996. S. 209.
[2] Karl Barth, Dogmatik im Grundriss, 6. A., Zürich 1983, 54f.

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