NAMENSgedächtnis statt Gottdenken. Warum Christen nicht an „Gott“ glauben

Seit meiner Lehrtätigkeit in Hongkong 2002-2008 bearbeite ich einen eigenen Text „NAMENSgedächtnis statt Gottdenken“. Diesen halte ich selbst für die radikalste Infragestellung abendländischer Theologie. Hier der Schlussabschnitt aus der aktuellen Fassung:

Der Gleichgültigkeit eines Namenspluralis­mus entkommt man nur dann, wo man einen bestimmten Namen vernommen hat und den Namensträger mit dessen Geschichte für sich selbst anzuerkennen und anzurufen weiß. Dass nun der Name „Jesus“ über allen Namen steht (Phil 2,9), verdankt sich weder ritueller Apo­theose noch menschlicher Denkleistung, sondern Seinen ausgesprochen Macht­taten, die – der Selbstpreisgabe des Sohnes folgend – Himmel und Erde, Anfang und Ende eingeholt haben. „Ich bin das A und das O, spricht Herr, der Gott, der ist und der war und der kommt, der Allherrscher.“ (Offb 1,8, vgl. 21,6; 22,13) Wer dem einen NAMEN gehorcht, darf sich mit seinem Leben nicht in die Abhängigkeit von anderen Namen bringen. Dem biblischen Zeug­nis zufolge kann man von einer HERRlichen Monarchie sprechen, die menschliche Monola­trie gebietet, nicht aber von einem theoretischen oder auch praktischen Monotheismus. Wer von einem biblischen Monotheismus spricht, trägt – möglicherweise ungewollt – eine philoso­phische Gottesidee in den Text ein und verschreibt sich damit einer ideologischen Schriftlek­türe. Wer das unaussprechliche Tetragramm überliest, erweist sich als Analphabet des eige­nen Lebens.

Um den einen Namen, der über alle Namen ist, wirklich anzuerkennen und anzurufen, bedarf es eines polyarchaischen bzw. polytheistischen Kontextes. Nur dort, wo ich mich in einer „vielmächtigen“ Wirklichkeit wahrnehme, gewinnt die Anerkennung des einen Namens lebensentscheidende Bedeutung (vgl. Apg 4,12). Wo hingegen Aussagen über Allmacht, Alleinheit oder Allursächlichkeit aus einer Gottesidee generiert werden, ist und bleibt der NAME letztendlich bedeutungslos. Auch wenn die Trinitätstheologie in der Alten Kirche unter (neu-)platonischem Einfluss begrifflich ausgearbeitet wurde, war die Weltwahrnehmung der Menschen dennoch „vielmächtig“. Damit konnte die „Gotteswirklichkeit“ schlussendlich nicht als „Gottesgedanke“ gelten. Erst dort, wo in Folge der Aufklärung die moraldependente „Vielmächtigkeit“ naturwissenschaftlich eliminiert worden ist, wurde ein abstrakter Gottes­gedanke religionsideologisch zur Geltung gebracht. Was der dreieinige Gott nach biblischem Zeugnis den Menschen NAMENlich zu sagen, kann gegenwärtig im polyarchaischen Kontext Afrikas oder Asiens weit besser verstanden werden kann als im monotheistischen bzw. atheis­tischen Kontext Europas.

Innerhalb der europäischen Kultur herrscht die paradoxe Situation, dass Namensversessenheit mit NAMENsvergessenheit einhergeht. Ohne Künstlernamen ist Kultur undenkbar. Nament­liche Originalität erzielt auf Kunstauktionen mitunter Höchstpreise, gewichtige Autoren- und Gelehrtennamen erheischen publizistische Aufmerksamkeit, werden in Feuilletons und Fach­journalen kritisiert oder gewürdigt. Wenn es nicht gerade um Katastrophen und Unglücke geht, sind Schlagzeilen und Headlines in den Medien meist namensfixiert. Und schließlich spielen auch bei Konsumgütern Produkt- und Markennamen eine herausragende Rolle; sie werden nachhaltig beworben. Der Name verkauft sich und lässt sich verkaufen. Unsere Lebenswelt ist alles andere als anonym. Umso erstaunlicher ist, wie wenig die Wirkung von Eigennamen in Philosophie, Theologie und Literaturwissenschaft beachtet ist. In der literaturwissen­schaftlichen Narratologie wird der erzählerischen Wirkung von Eigennamen kaum Beachtung geschenkt, da man sich auf die Referenzverhältnisse kapriziert.

Christliche Lehre, die wahrhaftig eine transkulturelle Heilslehre für die Völker ist, ist NAMENslehre und nicht etwa Gotteslehre – „Induktion aus dem Namen“ statt „Deduktion aus dem Begriff“. Schibboleth – „Ährenhalm“ (nicht Strohhalm) – des Glaubens ist das unaussprechliche Tetragramm, gilt doch dieser Glaube nicht etwa einem Übernatürlichen, sondern dem Namenlichen. Natürlich versus NAMENlich ist die christliche Leitunterscheidung, auf die es ankommt. Der NAME selbst hält Wort, ohne dass er zur Sprache gebracht werden kann. So wie menschliche Biografien in keiner Anthropologie bedacht wer­den können, so wenig kann auch der NAME in einer Theologie aufgehoben werden. Die NAMENslehre lehrt entsprechend der kanonisch gelesenen Heiligen Schrift, welche Worte und Taten vom NAMEN umfasst sind, wie Jesus Christus und der Heilige Geist auf den NAMEN bezogen sind (Trinitätslehre) und wie geschöpfliches und insbesondere menschliches Leben in heilvoller Weise vom NAMEN eingenommen wird (Heilsökonomie). Bei der Trinitätslehre kommt es allein auf Namen an. So jedenfalls schreibt Ephraem der Syrer Mitte des vierten Jahrhunderts:

Vater, Sohn und Heiliger Geist können nur in ihren Namen verstanden werden;
Schau nicht weiter auf ihr Wesen (qnomá),
besinn dich auf ihre Namen.
Wenn du das Wesen des Gottes untersuchst, wirst du zugrunde gehen,
aber wenn du dem Namen (šmá) glaubst, wirst du leben.
Lass den Namen des Vaters dir eine Grenze sein,
überschreite sie nicht und untersuche seine Natur (kyānā);
lass den Namen des Sohnes dir eine Mauer sein,
übersteige sie nicht und untersuche seine Geburt vom Vater;
lass den Namen des Heiligen Geistes dir ein Zaun sein,
dringe nicht ein, um ihn auszuspähen.
Diese Namen sollen dir also eine Grenze sein;
durch die Namen halte die Untersuchungen zurück.[1]

Statt einer metaphysischen gilt die NAMENliche Trinitätslehre. Ebenso tritt an die Stelle einer wesensbezogenen und damit zeitlosen Lehre von den Eigenschaften Gottes die NAMEN­liche Tugendlehre, die sich auf Dessen Worte und Taten bezieht. So wird in der Heiligen Schrift nicht etwa die Offenbarung göttlicher Eigenschaften, sondern der Erweis Seiner Tugend bezeugt. Die NAMENslehre führt in die Verkündigung des Evangeliums Jesu Christ (nihil nisi Christus praedicandus), die auf Bekehrung und Glauben aus ist. Sie ist keine reflexive Lehre, die sich auf ein allgemein gedachtes Subjekt besinnt, sondern spricht aus, was gegenüber Ihm selbst zu verantworten ist (vgl. Mt 12,36).

Was Menschen Zukunft verheißt, sind weder allgemein Gedachtes noch die Natur, sondern Namen, die glaubwürdige Geschichten tragen. So wird JHWH im Psalmgebet vertrauensvoll angegangen: „Du bist mein Fels und meine Burg, und um deines Namens willen wollest du mich leiten und führen.“ (Ps 31,4) Dem biblischen Zeugnis zufolge umfasst der NAME all das, was JHWH an seinem Volk Israel und durch seinen Sohn Jesus Christus zum Heil der Völker getan hat. Folgerichtig nimmt Kurt Marti die erste Bitte des UnserVater mit folgenden Worten auf:

dein name werde geheiligt
dein name möge kein hauptwort bleiben
dein name werde bewegung
dein name werde in jeder Zeit konjugierbar
dein name werde tätigkeitswort[2]

Die Taufe „im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“ nimmt den eigenen Namen in das trinitarische Heilsgeschehen mit hinein und lässt JHWHs Handlungstreue apokalyptisch glauben. Im NAMEN tritt einem das Heilsgeschehen sakramental gegenüber, dass man sich mit seinem eigenen Namen darauf beziehen kann.

Der genuine Ort eines verheißungsvollen und ehrfürchtigen Namensgedächtnisses ist die Kirche als die Gemeinschaft derer, die dem NAMEN mit Leib und Leben verbunden sind. In ihr vollzieht sich schließlich die liturgische Anbetung des NAMENs:

Groß und wunderbar sind deine Werke, Herr, der Gott, der Allherrscher! Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege, der König der Völker. Wer sollte dich, Herr, nicht fürchten und deinen Namen nicht preisen? Denn du allein bist heilig! Ja, alle Völker werden kommen und anbeten vor dir, denn deine gerechten Gerichte sind offenbar geworden. (Offb 15,3f)

[1] Sermones de fide 4,129-142. Die Übersetzung folgt S. Brock, The Luminous Eye. The Spiritual World Vision of Saint Ephrem, CistSS 124, Kalamazoo 1992, 63.
[2] abendland. gedichte, Darmstadt-Neuwied 1980, 50.

Hier der vollständige Text als pdf.

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