Hans Joachim Iwands Predigt über das Erste Gebot (2. Mose/Exodus 20,2-3) im Juni 1942: „Der Götzendienst überschattet das ganze Leben“

„Lichtdom“ beim Reichsparteitag der NSDAP 1936 in Nürnberg

Dass das erste Gebot eine eminent politische Bedeutung hat, zeigt Hans Joachim Iwand in seiner Predigt am 13. Juni 1942 im Wochenschlussgottesdienst in der St.-Marien-Kirche in Dortmund:

Predigt über das Erste Gebot (2. Mose/Exodus 20,2-3)

Von Hans Joachim Iwand

Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus dem Diensthause, geführt habe. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.

Die Offenbarung des lebendigen Gottes an die Welt in seinem Wort hat einen Preis, der vom Menschen gefordert wird: keine anderen Götter neben ihm zu haben. Gott steht nicht neben den Kräften, Mächten, Göttern und Dämonen, die in dieser Welt wirken, sondern über ihnen. Er ist der Herr. Und darum darf der Mensch niemals Gott und andere Götter auf eine Stufe stellen. Darum heißt es hier von Gott her: Entweder — Oder! Entweder mich anbeten — oder die Götzen! Es kann nicht zwei Herren für den Menschen geben, entweder er wird den einen hassen und den anderen lieben oder er wird dem einen anhangen und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und — mögen die Götzen heißen, wie sie wollen: Baal, Astarte, Mammon, Mars, Venus oder wer es sei. Das ist die mit dem ersten Gebot aufgerichtete Entscheidung, in der Gott uns begegnet. Sein Entweder – Oder! Wer an ihn glaubt, muß das «Allein» glauben und bekennen. Wer mit ihm in Leben und Tod gehen will, muß allem anderen den Abschied geben. «Ich, ich bin der Herr und ist außer mir kein Heiland.» In diesem «Allein» liegt die höchste Klugheit und die größte Kraft beschlossen. Wer das «Allein» lernt, der ist gefeit gegen alle Arglist der Verführung, wer sich daran hält, ergreift den Ariadnefaden, der ihn herausführt aus dem Labyrinth des Lebens. Diesem «Allein» gilt der Lobgesang der Erlösten, ihm das Beten und Danken seiner Gemeinde auf Erden, denn «von ihm und zu ihm und durch ihn sind alle Dinge, ihm sei Ehre in Ewigkeit» (Röm 11,36).

Gott lieben, Gott die Ehre geben — das heißt nichts anderes als ihn allein bekennen, ihn bekennen wider alle Götter, Götzen, Mächte, Throne und Gewalten, die Gott seinen Rang streitig machen wollen. Aber das, was die Schrift Glaube, Liebe, Demut, Hoffnung, [96] Anbetung nennt — hängt an diesem «Allein», an dem ungeteilten, ganzen Herzen, in dem Gott wohnen will. Darum ist alles Durchschauen und Enthüllen der Verführung so etwas unendlich Einfaches, Kindliches, etwas im wahrsten Sinne «Einfältiges», nicht Schwieriges. Wenn sich der Mensch nur in allen solchen Lebenslagen an dieses Einfache halten wollte, an dies: es steht geschrieben: Du sollst anbeten Gott, deinen Herrn und ihm allein dienen. Als Jesus das dem Versucher entgegenhält, da verließ ihn der Teufel und siehe, die Engel traten zu ihm und dienten ihm. Wer hier klug sein will, der wird zuschanden werden, gerade in aller seiner Klugheit, und wer hier mehr haben möchte, der wird weniger haben! Er wird zuschanden werden an dem «eifrigen» Gott, der seines Namens Ehre mit keinem anderen teilen kann und will.

Darum geht der Kampf, nicht außerhalb, sondern gerade innerhalb der Kirche, im Alten wie im Neuen Bund, darum geht es bei Mose und bei Elias, bei Jesaias und Jeremias, aber ebenso bei Paulus und bei Johannes. Es gibt kein Ja zu Gott ohne ein Nein zu den Götzen, und je gewisser das Ja, desto klarer das Nein! «Ach, daß du kalt oder warm wärest. Weil du aber lau bist und weder kalt noch warm, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.» Es geht also schon in diesem ersten Gebot darum, daß wir alle um diese Entscheidung wissen, die mit Gott in unser Leben kommt, die uns alle zwingt, das Für und Wider zu kennen, und nicht nur zu kennen, sondern auch anzuerkennen. Wer nicht für mich ist, der ist wider mich, denn «was hat der Tempel Gottes für Gleichheit mit den Götzen? Ihr aber seid der Tempel Gottes. Darum gehet aus von ihm und sondert euch ab, spricht der Herr und rühret kein Unreines an.» Unrein ist in der Sprache der Bibel immer das, worüber der Duft und der Zauber des Götzenglaubens liegt, sein Glanz und seine Macht. Unrein sind die Zeichen und Bilder, in denen sich die Macht darstellt, in denen sie verehrt und angebetet wird. Zwischen euch, zwischen dem Volke, das Gott zu seinem Eigentum erkoren hat, zu seinem Gut, und jener im Aberglauben verzauberten Welt, kann es darum keinen Pakt, keine Brücke, keine Gemeinschaft geben: Ihr könnt eben nicht diesen Gott lieben, ohne jeden Götzenduft und Götzengeruch zu hassen, und ihr könnt nicht je-[97]nen Götzen anhängen und sie ernst nehmen, ohne diesen Gott und seine Gemeinde zu verlassen. Gewiß, ihr möchtet gerne beides können, es ist so viel leichter mit beiden Parteien gut zu stehen, aber das geht nicht! Die Wirklichkeit ist mächtiger als euer Wünschen und eure Neigung.

Es hat in der Tat niemals an Verführern gefehlt, Gott und die Götzen in ein und demselben Tempel unterzubringen, sie ein und derselben Anbetung teilhaft werden zu lassen. Nein, wahrhaftig, an diesen Versuchern hat es nicht gefehlt und wird es nicht fehlen. Schon Aaron, dieser typische Vertreter des geschmeidigen Christentums, versteht diese Sprache zu reden: das Volk sei nun einmal böse, darum müsse man ihm solch ein Zeichen geben, in dem es Gott erlebt. Und während der eine, Mose, im heiligen Zorn die Tafeln des Gesetzes zerbricht, gibt sein priesterlicher Bruder dem Tanz ums goldene Kalb die religiöse Weihe! Ist dieser Stier, dies geheimnisvoll aufregende Lied der Lebenskraft, nicht viel passender, die Religiosität des Volkes zu entflammen, ihm neuen Mut und Enthusiasmus einzuhauchen — als jene Worte, die Mose aus der Wolke heimbringt? Das ist die sehr beredte, an uns gestellte Frage: Religion oder Offenbarung des lebendigen Gottes — Volksreligion oder Gehorsam gegen den lebendigen Gott! Volk und Kirche stehen sich hier leidenschaftlich gegenüber, aber Mose nennt das, was das Volk unter Aarons Leitung tut, «Sünde» und vollzieht die Entscheidung «Her zu mir, wer zum Herrn gehört!». Da ist auf einmal das erste Gebot wieder da, da als Entscheidung, als Prüfung, als Ernüchterung in diesem Taumel der Begeisterung. Und immer wieder wird es so sein: Mose contra Aaron, Elias gegen die Baalspfaffen — einer gegen die vielen, aber doch der eine mit Gott, der eine, der mit Gott das Feld behauptet: denn «wenn sie auch wider dich streiten, sollen sie dennoch nicht wider dich siegen. Denn ich bin bei dir, spricht der Herr, daß ich dich errette» (Jer 1,19).

Darum geht es im Gottesdienst der Kirche: was bestimmt diesen Gottesdienst? Was heißt überhaupt: Gottesdienst, heißt das, daß hier irgendein mehr oder weniger bestimmtes religiöses Gefühl der Menschen zur Darstellung kommt — oder heißt es, daß hier Men-[98]schen unter Gottes Wort, unter sein geschriebenes und vergebendes Wort treten? Ist die Wurzel des Gottesdienstes die Religion, also etwas, das mit dem Menschen, seinem Gefühl und seiner Weltdeutung gegeben ist — oder heißt es, daß Gott sich hier offenbart, daß Er redet und wir hören, Er gebietet und wir aufgerufen sind zu gehorchen? Religion — was kann das alles bedeuten? Wandeln sich nicht die Religionen? Und mit ihnen die Zeichen und Symbole? Stehen nicht viele Religionen und damit auch viele Götzen nebeneinander, arische, indogermanische, romanische und was man nur will? Und dazwischen soll dann auch der christliche Gott stehen? In diesem Göttertempel? Dieser Gott will eben wieder frei werden, frei aus der Vermischung und Gleichmachung mit all den Göttern um ihn her, gehört werden als der, der als der eine „Ich“ zum Menschen sagt: «Du» — du sollst! Er will vernommen werden in seiner Gnade: Ich bin dein — dein Gott! Und darum auch wieder in seinem: Du sollst keine anderen Götter haben neben mir! Wollten wir das hören? Wollten wir uns neu entscheiden: Her zu mir, wer zum Herrn gehört? Haben wir uns entschieden für Mose gegen Aaron? Für den, der sein Gesetz offenbarte gegen den Tanz um das goldene Kalb? Oder meinen wir, beide auf einem Altar nebeneinander unterbringen zu können, auf demselben Altar, wo das Bild des Gekreuzigten steht, wo die Schrift als Wort Gottes liegt, solch ein Götterbild — und wenn es geschehen wäre? Darum der Kampf in der Kirche. Darum — mit demselben Recht und in demselben Sinn, wie Jesus im Tempel die Krämer vertrieb; denn dieser Gott will nicht, daß die Menschen mit ihm feilschen — er will allein, daß sie ihn hören! Und darum geht es auch allein, daß die Kirche, klein oder groß, hell oder zerbrochen, in alter oder neuer Form — wieder das werde, wozu sie da ist: der Tempel Gottes, der Ort, da seine — nicht der fremden Götter Ehre wohnt. Das sollten wir wissen, wir, die wir in ihr leben — das sollte aber auch die Welt da draußen wissen; denn gerade um sie geht es, darum, daß unser Gottesdienst wirklich wieder Gott groß werden lasse, daß mitten in ihr Gott wohne, der sie lieb hat, so lieb, wie die Götzen gerade sich an ihr versündigen. Es liegt eine furchtbare Nemesis über diesem Götzendienst der Menschen, eine Nemesis, die wenige durch-[99]schauen. Denn das erste Gebot bleibt das erste Gebot — und wer dem ersten Gebot widerstrebt, wird alle anderen auflösen müssen: es ist nicht gleich für die Menschheit, wen sie anbetet, der Götzendienst überschattet das ganze Leben und die geistige Sünde gegen Gott wird offenbar in der Krankheit am Körper des ganzen Volkes. «Darum hat sie Gott auch dahingegeben in schändliche Lüste; denn ihre Weiber haben verwandelt den natürlichen Brauch in den unnatürlichen, desgleichen auch die Männer haben verlassen den natürlichen Brauch des Weibes und sind aneinander erhitzt in ihren Lüsten und haben Mann und Mann Schande getrieben und den Lohn ihres Irrtums an sich empfangen. Und gleichwie sie nicht geachtet haben, daß sie Gott erkannten, hat sie Gott auch dahingegeben in verkehrten Sinn zu tun, was nicht taugt, voll aller Ungerechtigkeit, Hurerei, Schalkheit, Geizes, Bosheit, voll Neides, Mordes, Haders, List, giftig, Ohrenbläser, Verleumder, Gottesverächter, hoffärtig, schädlich, den Eltern ungehorsam, unvernünftig, treulose, lieblose, unversöhnlich, unbarmherzig. Sie wissen Gottes Gerechtigkeit, daß, die solches tun, des Todes würdig sind und tun es nicht allein, sondern haben auch Gefallen an denen, die es tun» (Röm 1).

Wie wenn ein ungeheures Gewicht, das Gemälde des Unterganges der alten Welt, die Perversion aller Sittenzucht und Strenge an einem einzigen Haken aufgehängt würde, wie wenn eine ungeheure Drehscheibe über einem Drehpunkt liefe: dieses ganze entsetzliche Bild des Verfalls wird getragen und bestimmt von dem einen Satz: Darum hat sie Gott dahingegeben. In dem Verfall ist Gottes Hand spürbar, er zwingt die Menschen dahinein, in diesen Schlamm und diese Nacht. Er will sie schmecken lassen, was die Dinge wert sind, die sie anbeten und vergötzen, das Leben, das Blut, die Kraft, die Sippe, die Macht, — so wie der verlorene Sohn das Leben, das er sich erwählte, bis zur Hefe auskosten mußte; er, Gott, will, daß alle Menschen schmecken, daß diese Götzen nicht so sind, gemalter Tod, gemaltes Verderben! Der Tod im Topfe! Damit wir den Durst lernen nach seinem Leben. «Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele nach dem lebendigen Gott.» Wir müssen erst die Götzen auskosten, bis wir begreifen, was es um die Freiheit der Kinder Gottes ist. Wir müssen [100] erst bei den fremden Götzen ruhelos werden, bis wir uns aufmachen, Frieden zu suchen bei Gott. Wir müssen erst mit den fremden Götzen in die Irre gehen, damit wir begreifen, daß es die rettende Liebe ist, die uns heimruft:

Denn «er hat euch auch mit ihm lebendig gemacht, da ihr tot waret in den Sünden und in eurem unbeschnittenem Fleische und hat uns allen geschenkt die Sünden und ausgetilgt die Handschrift, so wider uns war — und hat ausgezogen die Fürstentümer und Gewaltigen (das sind die Götter und Mächte, in deren Bann wir standen) und sie schaugetragen öffentlich (so offenbar, daß sie es wissen) und einen Triumph aus ihnen gemacht durch sich selbst» (Kol. 2).

Dies tat Gott in Jesus Christus, er tat, was er gesagt hat: Ich bin der Herr Dein Gott; laßt uns auch tun, was er von uns verlangt hat: nicht mehr an die zu glauben und unser Herz an sie zu hängen, die offenbar geworden sind in ihrer Nichtigkeit.

Gehalten am 13. Juni 1942 im Wochenschlussgottesdienst in der St.-Marien-Kirche in Dortmund.

Quelle: Hans Joachim Iwand, Nachgelassene Werke, Bd. 3: Ausgewählte Predigten, München: Chr. Kaiser Verlag 1963, Seiten 95-100.

Hier der Text der Predigt als pdf.

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