Hans Urs von Balthasar wider die liberalprotestantischen Entmythologisierungsprogramme: „Die unfassliche Liebe Gottes kommt mir aus einem Menschen entgegen.“

Hans Urs von Balthasar (1905-1988, Gemälde von William Hart McNichols)

Das war ein Aufreger Anfang der sechziger Jahre, John Robinsons Buch „Honest to God“. In der ZEIT hatte es dazu eine Artikelreihe gegeben, wo neben Helmut Thielicke auch Rudolf Bultmann einen Text beisteuerte: „Ist der Glaube an Gott erledigt? Die mythologische Sprache der alten Tradition muß entmythologisiert werden„. Aber dann kommt Hans Urs von Balthasar zu Wort. Wer seinen Beitrag „Komm, du Geist der Wissenschaft“ liest, wird nachvollziehen können, warum von Balthasar – neben Karl Rahner – der römisch-katholische Theologe in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewesen ist:

Komm, du Geist der Wissenschaft! Ein Diskussionsbeitrag zur Frage nach unserem Gottesbild

Von Hans-Urs von Balthasar

In unserer durch das Buch des anglikanischen Bischofs von Woolwich, „Honest to God“, ausgelösten Diskussion vertrat zuletzt (in der Nummer vom 10. Mai) der bedeutende Marburger Protestant Professor Dr. Rudolf Bultmann die These, die wir in den Untertitel seines Artikels gesetzt hatten: „Die mythologische Sprache der alten Tradition muß entmythologisiert werden.“ Ganz anderer Ansicht ist da der katholische Schriftsteller und Baseler Dozent für systematische Theologie Hans-Urs von Balthasar, dem wir heute zur Sache das Wort geben.

Das viele Gerede über „Entmythologisierung“ ist ein Armutszeugnis für das Denken von heute, weil niemand überlegt, was er vorgängig unter Mythos versteht. Mythos heißt Wort, Aussage, Erzählung, vornehmlich über Gott. Treibt man den Mythos aus, so treibt man das Wort aus. Es gibt aber kein Wort ohne begleitende, tragende Vorstellung, ohne Bild, wenn­gleich beide verschieden sind: das Wort Ausdruck des Geistes, der Person, das Bild der leben­digen Sinnensphäre angehörend, worin menschlicher Geist immer west.

Keins der alten Völker hat das menschliche Dasein anders auslegen können als im Dialog mit dem Göttlichen.

Für die Griechen bestand eine unüberschreitbare Kluft zwischen den Unsterblichen (die wir nicht sind und nie werden können) und den Sterblichen, deren Dasein; zwar geistig ist und doch ganz durch den Tod bestimmt wird: ein so furchtbarer Widerspruch, daß er nur durch eine dauernde Emporbeziehung zu den Göttern gesänftigt und mit einem wenigstens partiellen Sinn begabt werden konnte.

Grundsätzlich anders ist es im Judentum nicht, nur daß die Ausfächerung des Göttlichen in die Vielheit der Lebensbereiche (Gott des Rechts, der Familie, des Eros, des Krieges und so fort) sich hier mächtig zusammenrafft zu einem ewigen, frei, wollenden und verfügbaren Subjekt, wo für andere Völker zuletzt doch nur ein namenlos waltendes, blindes Schicksal stand.

Aber sowohl Athene, die sich Odysseus offenbarte, wie Jahwe, der durch die Propheten zum Volk Israel sprach, haben – wie sich von selbst versteht – in für den Menschen verständlichen Worten (samt den diesen zugehörigen Bildern, Gebärden, Gleichnissen) geredet: Denn wie sollte sich das Göttliche Menschen verständlich machen, wenn nicht durch Menschenförmiges (Anthropomorphes) hindurch? Wenn aber schon ein menschliches Du die Macht hat, durch die gemein-menschliche Wort- und Gebärdesprache hindurch seine freie Personalität unzwei­deutig kundzutun, um wieviel mehr Gott – vorausgesetzt, daß es ihn, die freie Ur-Personalität, als Ursprung und Grund alles weltlichen Seins wirklich gibt?

Welches sind die menschlichen Worte und Gebärden, die zu einer Sprache der Gottheit wer­den können? Es sind solche, die der Mensch kennt und versteht aus innerweltlichen Zusam­menhängen, die aber, von der Gottheit her geredet und getan, ihm die Dinge schenken, die er sich selbst nicht geben kann: Rettung und Erfolg in Not und Streit, Waschung als Reinigung einer Schuld, die weder der Mensch sich selbst noch ein anderer ihm endgültig vergeben kann, Weisheit als Erleuchtung des Geistes, Einsicht in die Rätsel des Daseins von Welt und Mensch, in das Warum von Geburt und Tod, und am Rande noch eine geheimnisvolle Gebär­de, die ihm zusichert, daß alles irdisch Vergebliche an einem letzten, dem Menschen unfind­baren Punkt doch nicht vergeblich war, daß im Tode selbst eine bergende, heilende Gnade, eine unsägliche Verheißung und Hoffnung liegt.

So stirbt der greise Dulder Oedipus auf Kolonos und stirbt doch nicht, sondern wird ins Heile entrückt, künftighin Schutzgeist des Landes; so wird der Dulder Herakles (bei Sophokles) in die Flammen gelegt und entschwindet ins Unsterbliche; so wird Elias im Feuerwagen entrückt. So harrt der an den Felsen gekreuzigte und wider Gott hadernde Prometheus Jahrtausende lang auf eine erhoffte, gewußte Erlösung, die ihm schließlich zuteil wird, und die Ozeanstöch­ter umklagen dieses lebendige Gleichnis des leidenden Menschen nicht anders als die Freunde den Job.

Was ist an solcher Sprache, die im tiefsten des Menschen Wesen ausdrückt, und zwar den „ewigen“ Menschen, der nie seine Leiblichkeit und damit seine Bildgehaltenheit – hinter sich lassen wird, überholbar?

Daß der Gedanke an Heil sich ihm mit Reinheit und Licht verbindet, daß Überwindung des Dunklen und Bösen für den Menschen sich als ein Steigen und nicht ein Fallen ausdrückt, daß Stärke sich ihm mit dem Gedanken der Nahrung (und nicht etwa mit dem des Nahrungsent­zugs) verbindet: ist das alles nicht unüberholbar richtig? Wesens- und seinsgerecht? Sollte der Erlöser, um die Überwindung aller Todesdämonie in verständlicher Gebärde auszudrücken, vielleicht eher in den Boden oder im Wasser versinken, als ins „Obere“, ins „Lichte“ entschweben?

Gesetzt einmal, Jesus Christus sei eine endgültige Aussage des bergenden Grundes aller Din­ge an den Menschen, über den Menschen, wie sollte in ihm nicht alle Heilssehnsucht der Menschheit sich überschwenglich miterfüllen, alle zum Menschen gehörenden Worte, Zei­chen und Gebärden zu einer Heilssprache werden, die ihm aus dem unendlichen Weltgrund entgegentönt, und wie sollte er selber, der Mensch, sich dann nicht unversehens in ein heiles, ihm endlich verständlich gewordenes, bei aller Zeitlichkeit ewiges, bei aller Sterblichkeit unsterbliches Wort verwandelt sehen?

Ist es nicht notwendig so, daß alle versprengten, gestammelten, fragmentarischen Worte, die im sogenannten Mythos erklangen, sich in die eine große endgültige Rede integrieren müssen?

So haben etwa die Kirchenväter in der Sage vom sterbenden und auferstehenden Dionysos eine Chiffre Christi gesehen, so hat der größte christliche Dramatiker, Calderon, alle ihm zugänglichen griechischen Mythen (Prometheus, Orpheus, Amor und Psyche, Odysseus und Kirke und viele andere – manche hat Eichendorff übersetzt) ins Christliche aufgeklärt.

Die alten Mythen sind und bleiben Chiffren und Bilder, rings um das Rätsel des „Daseins zum Tode“ aufgestellt. Auflösen kann die Chiffren nur, wer den Tod von innen her überwindet und die vollendete Endlichkeit ohne Abzug (nicht etwa in einer bloßen „Unsterblichkeit der Seele“) im Ewigen und Endgültigen birgt: Das ist der reale und nicht entmythisierte Sinn der „Auferstehung des Fleisches“. Das Ganze, was Mensch ist, kommt, wie geläutert und „destilliert“ auch immer, ins Heil. Einzig dieses Wort von Gott her macht den Menschen zum Wort, ihm selber verständlich. Liebe drang nur in einzelnen, gleich wieder von schwarzen Schicksalswolken verfinsterten Strahlen durch die alten Mythen hindurch. Und vieles, das meiste vielleicht, war darin verworrene menschliche Liebe, auf die Gottheit hin projiziert (wie beispielsweise Aphrodite) und dann zu Recht von den Philosophen „entmythisiert“. Daher die große Umschulung des Alten Testamentes. Hier wird wahrhaft und endgültig entmythisiert (wie Gerhard von Rad überzeugend gezeigt hat), hier redet endlich der eine lebendige Gott. Er fordert Glaube und Treue, er verheißt endgültige Liebe. Aber erst muß der Mensch verstehen lernen, was in der Wahrheit, in der Endgültigkeit, bei Gott selber Liebe heißt.

Christus als das letzte, notwendig unüberholbare Wort von Gott übersetzt das menschliche Leben in Liebe. Und zwar bis ins letzte und scheinbar Gegensätzlichste. Gerade das Kreuz, gerade die Gottverlassenheit, gerade der Tod in Finsternis ist Liebe. Und besiegt damit alles Schicksalshafte, Verfallene in Leiden und Tod.

Das ist schwer zu glauben, weil es zu schön scheint, um wahr zu sein. Aber Gott ist notwendig unbegreiflich, keine anständige Philosophie oder Religion hat je vorgegeben, Gott zu begreifen, gar einen „Begriff“, gar eine Vorstellung, ein Bild von Gott zu haben. Wenn Gott sich enthüllt, dann muß das in den unzugänglichen Urgründen liegende Unbegreifliche plötzlich überwältigend auf uns zutreten. „Gott ist Liebe.“ Der Grund alles Seins, der Grund auch dieses kaltschnäuzigen, absurden Daseins soll Liebe sein? Lächerlich! Unbegreiflich!

Und doch ist in Christus Gott Mensch geworden, das heißt, die unfaßliche Liebe Gottes kommt mir aus einem Menschen entgegen. Er liebt mich, endgültig in Gott, er stirbt für mich, er holt mich dadurch ins Heil. Das ist die ungeheuerlichste Aufwertung der mitmenschlichen Liebe: in ihr wird künftig das Göttliche anwesend und durchsichtig. In ihr, auf sie hin deutet der Christ die Welt, das Leiden, den Tod. Aber auch die Kultur, die sogenannte Evolution, die freilich auf keiner noch folgenden Stufe diese endgültige Sprache und Gebärde durch etwas Gescheiteres einholen, überholen, ersetzen kann.

Kein weltbedeutendes Wissen, keine Macht, kein technisches Können reicht – wie gesteigert auch immer – an die echte Liebe heran. Wenn die alten Gebärden der Liebe uns heute angeblich nichts mehr sagen, so heißt das nicht, daß man sie durch andere ersetzen soll (wer ersetzt den Kuß?), sondern höchstens, daß die Liebe in uns erkaltet ist.

Aber dahinter bleibt eben nichts mehr. Die Mythen sind im einen Wort integriert; ein zweites solches Wort gibt es nicht.

Der Pfingstgeist geht vom Vater und Sohn aus; das heißt, er bringt uns Gott-den-Urgrund und Gott-in-Weltgestalt zugleich ins Herz. Das Unnahbare und das Mitmenschliche. Beides ist im Geist untrennbar geworden. Was ihr dem Geringsten getan habt, habt ihr mir getan. Geist ist souveräne, freigewordene Liebe. Liebe, die – als die göttliche aber, nicht als unser Gelüst – selbstzwecklich geworden ist.

Der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig. Er lehrt uns beten, uns dem väterlich bergenden Schoß des Seins einschmiegen: in Worten, ohne Worte. Er lehrt uns auch, den Weltgestalten nicht grundsätzlich, entmythisierend, zu mißtrauen. Er lehrt uns, „in Tat und Wahrheit lieben“, wo wir leibliche und seelische Not neben uns erblicken. Er befreit uns zum Besten unserer selbst, zu dem wir uns sonst nie entschlossen. Er lehrt den einzig wahren Humanismus. Darin ist er Geist der Wissenschaft vom Wissenswerten.

DIE ZEIT, Nr. 22, 31. Mai 1963, Seite 4.

Hier der vollständige Text als pdf.

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