„Nein müssen wir sagen in diesen Tagen zu den Terroristen … “ Rolf Hanuschs Predigt über Matthäus 22,1-13 während des Deutschen Herbsts 1977

Rolf Hanusch

Meine erste Erinnerung an Rolf Hanusch ist Anfang Januar 1982 in Rummelsberg bei meinem ersten Landesjugendkonvent der Evangelischen Jugend in Bayern, wo wir gemeinsam am Bahnhof Ochenbruck auf den Bus warteten, er im Alter meiner Mutter, ich noch 17. Bis 1990 besuchte er als Leiter des Studienzentrums Josefstal regelmäßig die Landesjugendkonvente. Als Leiter der Evangelischen Akademie zu Berlin ist Rolf Hanusch im Februar 2003 verstorben und in seiner Heimatstadt Nördlingen beigesetzt worden. Robert Leicht hatte ihm damals einen trefflichen Nachruf „Ein Mann von Seelenruhe“ geschrieben. Aus Hanuschs Zeit als Studentenpfarrer stammt eine Predigt vom 23. Oktober 1977, die Matthäus 22,1-13 in den Deutschen Herbst spricht:

Predigt über Matthäus 22,1-13

am Sonntag, 23. Oktober 1977, im Gottesdienst zum Semesteranfang in der Adventskirche in Kassel

Liebe Gemeinde!

Eigenes Leben wird mehr und mehr erstickt in unserem Lande. Das Trommelfeuer von immer neuen Nachrichten, Bildern und Gefühlen, das in den letzten Tagen über uns alle niederging, machte eigenständiges, selbstbestimmtes Denken und Handeln oder gar Fühlen immer schwerer. Wie gelähmt, oft stumm oder dann wieder aufatmend saßen wir am Fernsehapparat. Unsere Hoffnungen, unsere Ängste, unsere Abscheu, unsere Freude, alles was sonst oft uns gehört, hing von dem, was geschah und der Art wie uns darüber berichtet wurde, ab. Und kein Gefühl, kein Gedankengang waren von Dauer, immer wieder wurden sie von neuen Meldungen, Vermutungen und Kommentaren umgeworfen. Betroffenheit wurde zu einem häufigen Wort, Trauer, die eigene Trauerarbeit einschließt, wurde immer weniger gebraucht. Ich habe mich selten so ohnmächtig an Ereignisse und Vermittlungsprozesse außerhalb von mir ausgeliefert gefühlt, wie in diesen Tagen. Ich hatte Schwierigkeiten, frei zu atmen.

Ein Gottesdienst in dieser Lage ist Zeit zum Ausatmen und zum Durchatmen. Er kann nach alter Bestimmung durchaus mehrdeutig Versammlung sein: Versammlung, Zusammensammeln meiner eigenen Gedanken, meiner Gefühle, meiner Geschichte, Sammlung der Quellen aus der langen Geschichte des Lebensmutes der jüdisch-christlichen Tradition und dies in Versammlung der Menschen um mich herum, mit denen ich weitergehen will, mit denen ich gemeinsam buchstabieren will, was jetzt nach alledem noch Gewicht hat, worauf ich mich verlassen kann.

Der Textabschnitt aus der Bibel, der für diesen Sonntag vorgesehen ist, ist selbst ein überlieferter Versuch, sich angesichts überstürzender politischer Ereignisse zu sammeln. Matthäus, der Autor, schrieb diesen Text unter dem Eindruck. der Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 durch die römische Militärmaschinerie. Augenzeugen berichten von dem Niederbrennen aller Häuser, rings um die Stadt standen Kreuze, an denen Menschen zu Tode gefoltert wurden. Ihr Schreien sei erst nach Tagen verstummt. Imperialistischer Terror in seines Wortes ursprünglicher Bedeutung, Zerstörung der Hoffnung eines ganzen Volkes. Wie wird Matthäus damit fertig? Er erinnert an eine alte Geschichte, die Jesus und auch schon jüdische Rhabbiner davor erzählten, die Geschichte vom großen Festmahl, und durchschießt diese Geschichte mit den aktuellen Ereignissen. Er stellt sich in seine Tradition und konstituiert damit zugleich die eigene aktuelle Identität.

Die alte Geschichte ist schnell erzählt, ich zitiere nach Matthäus: „Das Himmelreich ist gleich einem König, der seinem Sohn Hochzeit machte. Und er sandte seine Knechte aus, daß sie die Gäste zur Hochzeit riefen; und sie wollten nicht kommen. Abermals [286] sandte er andere Knechte aus und sprach: Saget den Gästen: Siehe, meine Mahlzeit habe ich bereitet, meine Ochsen und mein Mastvieh sind geschlachtet und alles bereit; kommt zur Hochzeit! Aber sie verachteten das und gingen hin, einer auf seinen Acker, der andere zu seiner Hantierung. Da sprach der König zu seinen Knechten: Die Hochzeit ist zwar bereit, aber die Gäste waren’s nicht wert. Darum gehet hin auf die Straßen und ladet zur Hochzeit, wen ihr findet. Und die Knechte gingen aus auf die Straße und brachten zusammen, wen sie fanden und die Tuche waren alle voll.«

Eine geradlinige Geschichte mit deutlicher Moral. Da will einer feiern, ist bereit, etwas herzugeben, will andere beschenken; aber die, die was haben, die Besitzenden, die Geschäftsleute haben dafür nichts übrig, sie können nur noch haben, nicht mehr sein. Sie sind die Bösen. Andere aber, die, die nichts haben, die auf der Straße sitzen, die können feiern, sich freuen, Mensch sein. Die sind gut. Das Himmelreich wird mit ihnen verglichen. So werden wir alle dereinst in dem neuen Himmel und auf der neuen Erde zusammenleben, neue Menschen sein.

Wir kennen solche Geschichten. Für viele, zumal von den Jüngeren, die in den letzten zehn Jahren sich gesellschaftlich engagieren und lange nicht merkten, daß sie durch die Art ihres Engagement aus der Gesellschaft auszogen, war ein solches Schwarz-Weiß­Denken notwendig: Wir stehen auf der richtigen Seite, die Herrschenden, die anderen sind falsch und schlecht. Verfolgt man die Schriften derer, die heute Terroristen genannt werden und von denen drei in diesen Tagen zu Tode kamen, so weicht anfänglich differenzierte Gesellschaftsanalyse mehr und mehr militärischem Freund-Feind-Denken. Der Staat und dahinter das Kapital sind die Feinde, und zuletzt werden bestimmte Personen, deren Namen wir alle inzwischen kennen, zu ganz persönlichen Feinden, die man nur noch umbringen muß.

Verrückt und bedrohlich ist aber nun zugleich, daß sich eben dasselbe Denken nur mit ausgewechselten Feindbildern, als Weiß-Schwarz-, anstelle von Schwarz-Weiß-Denken, in diesen Tagen sprunghaft: ausbreitet. Wir, die Mächtigen, samt allen anständigen Bürgern, sind die Guten, wir bekämpfen und jagen alle Bösen, die Terroristen, ihre Helfershelfer und Sympathisanten, und im Zweifelsfall gehört jeder dazu, der nicht ganz auf unserem Standpunkt auch wirklich steht.

Die Zuspitzung der Ereignisse, die immer bedrückenderen Grausamkeiten, die immer größere Zahl der Toten und der Geiseln und die gewaltige Reaktion vom Staat darauf scheinen nur ein solches Denken zuzulassen. Es ist wohl Schutz vor eigenem Denken, eigener Stellungnahme als Mensch, der Menschen gegenüber, zumal wenn sie Schmerzen haben und sterben, doch auch ganz anderes empfinden kann.

Matthäus verknüpft: diese prinzipiell zu seiner Zeit ähnlichen Erfahrungen mit der alten Geschichte von Jesu. Er merzt die alte Geschichte nicht einfach aus und erklärt sie für ungültig. Nein, er hält fest an der Hoffnung auf ein Leben, das ein Fest für alle sein wird, ohne Schmerzen, ohne Tränen, ohne Gewalt und Tod, voller Zärtlichkeit und Liebe. Aber er reißt diese Hoffnung herab aus ihrem idealistisch-abstrakten Himmelreich und verknüpft: und verbindet sie mit seinen Erfahrungen, mit den materiellen Verhältnissen dieser Erde. So kann der Agierende der alten Geschichte kein reiner Held, auch kein reiner Tor bleiben. Er ist, wie wir alle, als Teil der Gesellschaft, gut und böse. [287] Ich zitiere: »Etliche der Geladenen aber griffen seine Knechte, höhnten und töteten sie. Da ward der König zornig und schickte seine Heere aus und brachte diese Mörder um und zündete ihre Stadt an.«

Jerusalem wurde angezündet. Terror kommt oft aus gutem Grund. Er ist dem Menschen nicht fremd, sondern möglich. Militaristisches Denken, Denken in Bataillonen vom eigenen Feldherrnhügel aus steckt in jedem von uns. Wer hat noch nie gesagt oder wenigstens heimlich gewünscht, »den bring’ ich um«? Wir alle sind mit dem Terrorismus verstrickt, und sei es in der Freude am Fernsehkrimi. Trauerarbeit, Buße, Veränderung sind durchaus auch kollektiv; nicht zuletzt für uns als Deutsche bitter nötig. Aber eben nicht so, daß wir sagen, wir wären gut und die anderen, die Intellektuellen, die Hochschulen, die wären schlecht. Der Anfang zu neuem Denken und Leben besteht nicht im Leugnen dieser Verstrickung, sondern im eigenen bewußten Hineinstellen in diese durchaus gesellschaftlichen Verhältnisse. Verbessern, gar Verändern einer Gesellschaft ist nicht möglich, wenn ich mich außerhalb von ihr wähne, ihr gegenübertrete, um sie zu behandeln. Einwirkung ist nur möglich, wenn ich weiß, daß ich mit Haut und Haaren selbst in den Verhältnissen stecke, die ich verändern will. Dies ist bei Matthäus ein zutiefst jesuanisches Prinzip; der Gott muß erst Mensch werden bis hin zur verächtlichen Geburt und dem verächtlichen Tod. Und wer von uns will nicht immer wieder Gott sein, erhaben über jegliche narzißtische Kränkung?

Dieser lebenswichtige Stellungswechsel vom erhabenen Vorkämpfer für eine große Idee zum mitschuldigen, belasteten, gewöhnlichen Genossen steht unter der Gefahr, zur einfachen Anpassung, zum kritiklosen Mitmachen zu verkommen. Der Einschub der zerstörerischen Wirklichkeit bei Matthäus hatte zuerst auch die Tendenz zum resignativen Satz: So sind wir halt alle, selbst der König, da ist nichts zu machen. Die weiterführende Lösung liegt auch nicht einfach darin, daß er die alte Geschichte mit ihrem Fest der Hoffnung weiter führt, sondern in einem abermaligen Einschub der erfahrenen Wirklichkeit, nun auf der Ebene derer, die sich daran machen, das Fest zu feiern, die nicht einfach resignieren. Auch sie sind, das schiebt Matthäus gegenüber den Vorlagen der Geschichte bei Lukas und im Thomasevangelium ausdrücklich ein: »Böse und Gute«. Auch die beste Organisation, die ehrlichsten Verfechter einer neuen Welt, bleiben Menschen. Deshalb ist weiter Kritik, Auseinandersetzung zwischen Freunden und Distanzierung nötig. Matthäus hängt die Geschichte vom Gast ohne hochzeitliches Gewand an: »Da ging der König hinein, die Gäste zu besehen, und sah allda einen Menschen, der hatte kein hochzeitlich Kleid an, und sprach zu ihm: Freund, wie bist du hereingekommen und hast doch kein hochzeitlich Kleid an? Er aber verstummte. Da sprach der König zu seinen Dienern: Bindet ihm Hände und Füße und werft ihn in die Finsternis hinaus! Da wird sein Heulen und Zähneklappern.« Es gilt hier, genau den Unterschied zu dem ersten Einschub der terroristischen Vergeltungsmaßnahmen zu beachten. Hier findet zunächst ein Gespräch zwischen Freunden statt, wir feiern alle, warum feierst du nicht mit? Es geht um die Bitte nach Gespräch, aber das Gespräch ist nicht mehr möglich. Der andere bleibt stumm, hat Berührungsängste. Er ist den alten Normen, der Struktur des Habens noch verhaftet. So wird er kritisiert, verfällt dem Urteil, wird distanziert, zurückgelassen [288] in dem Bereich der Unsicherheit und Angst. Diese Art von Kritik, von Gericht unter der Perspektive des allgemeinen Festes, diese gegenseitige Prüfung der Meinungen, des jeweiligen Lebensvollzugs tut weh. Wenn jemand kein Weggenosse mehr ist, mit dem man denselben Weg gegangen ist.

Das Urteil bedeutet aber nicht totale Vernichtung, ist nicht getragen von einer Liebe zum Tod, sondern ist der schmerzliche Preis für das neue Leben.

Wir kommen nicht darum herum, gerade weil wir nach vorne, auf das Überleben des Lebens dieser Erde schauen. Nein müssen wir sagen in diesen Tagen zu den Terroristen, von denen etliche einmal so dachten und lebten wie viele von uns. Wir müssen Nein sagen zu all denen, die jetzt zwischen polizeilicher Untersuchung und blinder Verfolgungsjagd auf alle eigenständig Denkenden nicht mehr unterscheiden wollen. Dies alles nicht, weil wir die Guten sind, sondern weil wir Menschen sind, die Ja sagen zum Leben.

Die deshalb nicht in den Maßstäben und der Sprache des Krieges, der Verachtung, der Vernichtung denken und reden wollen, obwohl sie das von Kindesbeinen an gelernt haben. Wenn selbst ein Mann – wie Golo Mann – in diesen Tagen mehrfach erklärt, daß wir im Kriegszustand mit den Terroristen leben und diese deshalb auch kriegsmäßig erschossen werden könnten, dann verfällt er in das Denkschema eben dieser Terroristen und sagt letztlich Nein zum Leben und hört auf, Weggefährte zu sein.

Leben, das war für viele lange ein schwammiger Begriff. Auf brutale Weise ist uns aber nun wieder klar geworden, daß es zunächst das Leben eines jeden von uns ist, als Mensch, der atmet, der singt, liebt und haßt, der Kind war und groß werden will, der ganz eigene Erfahrungen sammelt und bestimmte Menschen kennt, der trotz aller Vereinheitlichung wertvoll, einmalig bleibt. Und diese Leben sind einbezogen in die Natur, in das Leben dieser Erde, das entscheidend bedroht ist, von dem viele meinen, daß die Katastrophe angesichts der zerstörten Umwelt und den schon vorhandenen Schädigungen durch die Atomenergie nicht mehr aufzuhalten ist. Die Zerstörungskräfte der Wachstumswirtschaften des Kapitalismus und Sozialismus, die heute schon zwei Drittel der Menschen nicht satt werden lassen und die letzten Reserven der Natur angreifen, spitzen die aktuellen Ängste vor dem Terrorismus zu zur prinzipiellen Weltangst, die lähmt, die jedes Ja zum Leben, jedes eigenständige Leben zutiefst in Frage stellt.

Wie können wir überhaupt noch sinnvoll weiterleben, ohne mit den Wölfen zu heulen, ohne zu resignieren, ohne Amok zu laufen und andere und uns selbst zu zerstören?

Matthäus gibt gute wichtige Hinweise: Die Rückbesinnung auf die alten Träume der Menschen, das Annehmen von uns selbst als gewöhnliche Menschen, die Notwendigkeit der ständigen Kritik, die Orientierung an denen, die denselben Weg gehen. Dennoch – die Befreiung zum neuen Lebensmut ist damit noch nicht voll aufgetaucht. Als ich bei der Predigtvorbereitung den ganzen Abschnitt nochmal las, stieß mir zuletzt der Anfangssatz auf: Vor der ganzen Geschichte steht: Das Himmelreich ist gleich … und dann kommt diese Darstellung einer guten und bösen Wirklichkeit, einer elenden Wirklichkeit, die uns so vertraut vorkommt: Das alles soll dem Himmelreich gleichen?

Im Judentum gibt es zur Geschichte vom Festmahl eine hilfreiche weitere Geschichte: Ein Mensch kommt zu einem berühmten Rhabbi und bittet: Ich möchte sehen den Him-[289]mel und die Hölle. Der Rhabbi führt ihn in einen großen Festsaal, inmitten steht eine prachtvolle Tafel voller köstlicher Speisen. Viele Menschen sitzen an der Tafel. Der Mensch tritt näher und sieht voll Schrecken in die ausgemergelten, gierigen Gesichter von hungrigen Menschen. Haß steht ihnen im Gesicht. Er blickt auf die Speisen, einige am Tisch sind schon zerfallen, faul und schlecht. Warum, fragt sich der Mensch, haben sie nicht gegessen? Dann erkennt er den Grund: jeder hat nur einen Löffel und der ist nur am Ende zu greifen und länger als zwei Arme, so daß ihn niemand zum Munde führen kann. Voll Schrecken wendet sich der Mensch ab. Das ist die Hölle, sagt der Rhabbi! Nun der Himmel! Abermals kommen sie in einen großen Festsaal, er gleicht völlig dem ersten samt Tafel und Menschen. Beim Nähern sieht der Mensch wiederum die großen Löffel, doch alle essen, sind fröhlich und reden miteinander. Da erkennt er den Grund: Die Menschen reichen sich gegenseitig die Speisen mit den Löffeln zu. Es werden alle satt. Der Rhabbi tritt an den Menschen heran und spricht: Sieh, das ist der Himmel!

Liebe Freunde, es kommt auf uns an, wir sitzen noch am gedeckten Tisch, wenn auch schon viel zu faulen beginnt. Und wir haben alle unsere mehr oder weniger langen Löffel, die uns am vollen Leben hindern. Die Verhältnisse, die sind mal so. Dennoch können wir die Maßstäbe unseres Handels bestimmen. Phantasie und Findigkeit, Poesie und Witz, Nachdenken und Trauern, alles was wir sind, ist für uns da. Das einfache Ja zum Lehen wird lebendig, vielfältig lebbar. Was können wir nicht alles, wenn wir nicht mehr gelähmt auf den großen Feind schauen, der uns zu große Löffel gibt.

Matthäus sagt: So ein Leben gleicht dem Himmel. Und das ist für Christen noch mehr. Der ganze Trend christlicher Tradition schwappt geradezu über von Zusagen, daß eben solches Leben von Gott gewollt, durch Jesus legitimieren ist. Du brauchst dich nicht täglich zu verantworten und alles vor dir und den Altären der Theorien und Organisationen legitimieren. Du bist – wie es in alter Sprache heißt – gerechtfertigt, befreit zu eben einem solchen Leben.

So eine Legitimation läßt sich nicht theoretisch ableiten, sondern ist in der Bibel stets Ausdruck von geschichtlicher Erfahrung, von befreiender Lebenspraxis, selbst im Leiden, von gerade nicht leichtgläubigem eigenen Glauben.

Solch intensives Leben ist die Antwort auf die bitterernste Frage nach dem Sinn des Weiterlebens im Angesicht des drohenden Zusammenbruchs der Erde. Martin Luther sagte den wichtigen Satz: Wenn ich wüßte, daß morgen die Welt unterginge, so pflanzte ich heute noch ein Apfelbäumchen.

Im Alltag, in dem, was wir täglich tun, in den kleinen Dingen, taucht das neue Leben auf, die Alternative zu Anpassen, Amoklaufen oder Resignieren.

Ein Leben zwischen den gängigen Stühlen, durchaus standhaft, gerade weil es sensible Wege geht, zuversichtlich, nicht blind, mit langem Atem, weil es weiß, woher es kommt; aufrecht, weil es nach vorne sieht, wohin es geht, und gerade deshalb auch bereit, Umwege zu gehen, zu warten, um Zurückgebliebene nachkommen zu lassen.

Ein Leben, das in mir beginnt, beim Hineinhorchen in mich, bei der Liebe zu meinem Körper und dem Weitergeben all dessen an andere, in einem Blick, einer Umarmung, in einem Wort. [290]

Ein Leben voller Zärtlichkeit als Beginn einer eigenen Antwort auf terroristische Gewalt, eine Antwort, die eine große Geschichte hat, zu der die Geschichte des Jesus von Nazareth gehört, der zugleich die große Zukunft dieser Antwort ankündigt: Glücklich zu preisen, die Sanftmütigen, denn sie werden die Erde besitzen! Glücklich zu preisen, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden.

So soll es sein, so wird es sein. Amen

Quelle: Theologia Practica 13 (1978), Seiten 285-290.

Hier der Text der Predigt als pdf.

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