Heinz Eduard Tödt – Versuch einer ethischen Theorie sittlicher Urteilsfindung (vollständiger Text)

Stufen Urteilsfindung Tödt

Heinz Eduard Tödts „Versuch einer ethischen Theorie sittlicher Urteilsfindung“, zum ersten Mal 1977 in der ZEE 21 (S. 81-93)  erschienen, ist für den evangelischen Religionsunterricht in der gymnasialen Oberstufe wie auch für die Beratung in Sachen angewandte Ethik ein kanonischer Text. Dabei wird in der Regel nur das sechsstufige Schema skizzenhaft wiedergegeben. Es lohnt sich den Aufsatz ganz zu lesen, den Tödt mit den Worten beschließt:

„Im Rahmen der Theologie wird eine Theorie sittlicher Urteilsfindung der Klärung dienen, wie Gottes heilsamer Anspruch auf unser Leben den Menschen bis in die Konkretionen seines Sich-Verhaltens zu Mitmensch, Mitwelt und Selbst begleitet und bewegt. Es war die Schwäche evangelischer Theologie und Ethik im 20. Jahrhundert, daß sie entweder Konkretionen scheute, oder doch nicht aufzuweisen vermochte, welche Schritte getan, welche Sachmomente bedacht werden müssen, wenn konkrete Urteile und Entscheidungen zugleich zu Antworten auf Gottes Zuspruch und Anspruch werden sollen. Diesem Defizit evangelischer Ethik entgegenzuwirken dient auch eine Theorie sittlicher Urteilsfindung.“

Versuch einer ethischen Theorie sittlicher Urteilsfindung

Von Heinz Eduard Tödt

In der lebhaften und weitschichtigen Ethikdiskussion der Gegenwart stößt man kaum auf Bemühungen, die Eigenart und Struktur sittlicher Urteile (als Handlungen) zu klären. »Die gegenwärtige Diskussion philosophischer Ethik konzentriert sich weitgehend auf die Legiti­mation eines höchsten Kri­teriums oder Verfahrens zur Begründung sittlicher Normen« (Höffe 394). Normen sind aber nur ein Sachmoment im sittlichen Urteil. Was für die phi­losophische Ethik gilt, gilt offenbar auch für die neuere Entwicklung in der katholischen Moraltheologie – wenn das von Anselm Hertz, Wilhelm Korff, Trutz Rendtorff und Hermann Ringeling her­aus­gegebene »Handbuch der christlichen Ethik« (1978ff) einen repräsentativen Eindruck vermit­telt. Im Kapitel »Materiale Grundlegungsfragen heutiger Ethik« (Bd. I) beansprucht die Normtheorie den weitaus größten Umfang (114-167). In der deutsch­sprachigen protestanti­schen Ethik spart man in Übereinstimmung mit der Tradition die Normen weitgehend aus den Grundlegungen der Ethik aus, wobei diese an Konkretion verlieren, oder aber man behandelt Normen prag­matisch im Kontakt mit humanwissenschaftlichen Methoden und Erkennt­nissen, wie auch das genannte Handbuch zeigt.

In der Lebenswirklichkeit spielen sittliche Urteile eine erhebliche Rolle. Das moderne sittliche Bewußtsein wird von der Einsicht bestimmt, daß man mit der einfachen Deduktion aus festge­legten moralischen Einstellungen nicht der Vielfältigkeit und Eigenart anfallender Probleme gerecht wird, daß man vielmehr in einem sorgfältigen Verfahren den Weg vom Ethos zum kon­kreten Urteil und zur Handlungsentscheidung gehen muß – oder umgekehrt, heraus gefor­dert durch den Druck konkreter Probleme, sich auf die in diesem Fall maßgebenden sittlichen Gesichtspunkte rückbesinnen sollte. Der Klä­rung dieser Wege soll der vorgelegte Versuch zur Theorie sittlicher Urteile dienen und damit zugleich eine Erinnerung daran sein, daß die Ethik traditio­nell in den Zusammenhang der praktischen Philosophie gehört.

Es geht bei einer Theorie sittlicher Urteile also nicht um die Frage, wie sitt­liche Einstellungen (Haltungen) Zustandekommen, und nicht um die Vor­gänge moralischer Sozialisation. Es geht auch nicht um die Interpretation und Aktualisierung eines überkommenen Ethos, nicht um Normtheorie als Untersuchung der Verbindlichkeitsstruktur des Sittlichen und schließlich nicht um die spezifischen Strukturen und Vermittlungsinstanzen christlicher Ethik. Das alles sind Themen, die wohl berührt werden müssen, aber nicht [22] den eigentlichen Untersu­chungs­gegenstand bilden. Ich will mich vielmehr auf sittliches Urteilen beschränken, und zwar auf solches, das durch anfal­lende konkrete Probleme herausgefordert wird und in hand­lungssteu­ernde Entscheidungen mündet. Das ist nicht der einzige Typus sittlicher Urteile. Wir beurtei­len, solange wir leben, immerfort die Einstellungen und Hand­lungen anderer und die morali­sche Qualität von Institutionen und Verhält­nissen; wir beurteilen die Moral von Men­schen und Gruppen, mit denen wir zu tun haben, und unsere Auffassungen davon wirken sich auf unser Ethos aus. Aber hier soll es nur um sittliche Urteile gehen, mit denen wir unser eige­nes Verhalten zu klären und zu steuern versuchen. Das methodisch geordnete Nachdenken über sie – als Objektbereich – nenne ich ethische Reflexion, die zur ethischen Theorie führen kann. Solche ethische Theorie aber soll bezogen bleiben auf wirkliche sittliche Urteile und Entschei­dungen mitsamt ihren Konsequenzen im Verhalten.

Das ist auch noch der Fall, wenn wir nicht selbst vor einem sittlichen Pro­blem stehen, sondern andere angesichts eines solchen zu beraten haben, seien es Freunde oder seien es Menschen, die aus anderen Gründen bei uns Rat su­chen. Uns fällt dann die Aufgabe zu, mit ihnen ge­meinsam den Weg des sitt­lichen Urteilens in der betreffenden Sache zu durchlaufen, beratend, klärend, vorschlagend und doch nicht das inhaltliche Urteil, das alleine ihnen selbst zusteht, vorwegnehmend. Bei solcher Beratung ist die theoretische ethische Reflexion von erheblicher Bedeutung, kann man in ihr doch Klarheit darüber gewinnen, was man im sittli­chen Urteil eher intuitiv und wohl auch voreinge­nommen und unter Vernachlässigung der Prüfung man­cher Alternativen vollzieht. Ethische Reflexion soll also das sittliche Urteil, sei es das eigene, sei es das eines anderen, den man berät, zu größerer Klarheit und Verantwortbarkeit bringen.

Freilich geht es in sittlichem Urteilen nicht nur um kognitive Akte, son­dern auch um Akte der Willensbestimmung und der Selbstdefinition. Sittli­che Urteile enden in einem Entschluß, der sich etwa mit den Worten um­schreiben läßt: Das ist es nun, was ich für sittlich geboten halte, wofür ich mich verantwortlich fühle, wofür ich mich selbst einsetzen werde. Diese Ur­teile sind also integrierte kognitive und voluntative Akte, und gerade das letz­tere Moment heraus­zuarbeiten ist von großer Bedeutung; denn das heute so weitverbreitete systemtheoretische Denken – etwa in der Fassung Niklas Luhmanns – leitet zu einem zwar kognitiven, keinesfalls aber normativen Verständnis des Moralischen an, wobei Moral mehr oder weniger exklusiv vom gesellschaftlichen System her definiert wird. Bestimmt man dann noch die Person als »Umwelt für das soziale System«, wie es in der Systemtheorie üblich ist, so entfällt weitge­hend die Möglichkeit, noch das in den Blick zu [23] bekommen, was als Gebot des sittlichen Ge­wissens zugleich Erkenntnis- wie Willensbestimmung impliziert und sich als normative Funk­tion der sittlichen Vernunft geltend macht (vgl. zu diesem Gesamtzusammenhang Pfürt­ner 215-227).

I. Grundbegriffe und methodische Überlegungen

1. Beispiele für Probleme, auf die sich sittliche Urteile beziehen

Wie einleitend gesagt, will ich mich auf Urteile beschränken, welche nötig werden, weil anfallende Probleme das sittliche Subjekt herausfordern. Einige Beispiele seien genannt.

(a) Ein junger Mann mit pazifistischen Neigungen wird zum Wehrdienst einberufen. Es wird ihm zum Problem, ob er der Einberufung Folge leisten soll oder den Wehrdienst aus Gewis­sensgründen verweigern muß.

(b) Infolge eines unerwarteten Versagens von Empfängnisverhütungsmit­teln wird eine Frau schwanger. Das Ehepaar befindet sich in einer sozial be­drängten Lage und kann nach den gel­tenden staatlichen Gesetzen unter be­stimmten Bedingungen einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen. Die Entscheidung wird ihm nicht zu einem juristischen, wohl aber zu ei­nem sittlichen Problem, weil es sich fragt, ob die Tötung werden­den menschli­chen Lebens in dieser Lage zu verantworten sei.

(c) Ein Ärzteteam berät, ob bei einem Unfallpatienten, der nach medizini­scher Erfahrung nur noch mit sehr teuren klinischen Mitteln (Intensivstation) am Leben zu erhalten ist, aber kaum ein volles Bewußtsein wiedererlangen dürfte, – nachdem die Angehörigen ihre Unent­schlos­senheit bekundet haben -, die lebensverlängernden Maßnahmen fortgesetzt werden sol­len.

(d) Im Freundes- und Familienkreise Dietrich Bonhoeffers stellte sich, seitdem Hitlers expan­sive Außenpolitik in unzweifelhaft gewaltsame, erpres­serische und eine Kriegsgefahr erzeu­gende Handlungen überging und die Zu­kunft Europas gefährdete, die Frage, ob eine Ver­schwörung gegen das noto­risch rechtswidrig handelnde Staatsoberhaupt sittlich geboten sei. Bonhoeffer begleitete, nachdem er sich für die Verschwörung entschlossen hatte, diese mit sittlicher Rechenschaftsablage und theologisch-ethischen Reflexio­nen, in denen er nicht nur die Notwendigkeit der Verschwörung, sondern auch die damit verbundene Unentrinnbar­keit der Verwicklung in sittliche Schuld thematisierte.

(e) Eine christliche Gemeinde lebt in einem Ort, in dem der Bau eines Kernkraftwerks ange­kündigt wird und in der Bevölkerung sowohl Angst-[24]vorstellungen als auch ökonomische Gewinnerwartungen hervorruft. Sie sieht sich dem Wunsch vieler Gemeindeglieder konfron­tiert, als Gemeinde über diese Sache klärende Informationen einzuholen und zu dem Bauvor­ha­ben Stellung zu nehmen. Angesichts widersprüchlicher Auskünfte sowohl von Experten wie auch Vertretern der öffentlichen Hand liegt eine Unsicher­heit und Vertrauenskrise vor, die zu dem Versuch gemeinsamer Urteilsfin­dung veranlaßt (siehe auch Tödt 1979).

(f) Die Organe der EKD (Evangelische Kirche in Deutschland) sehen sich im Rahmen des ökumenischen Programms zur Bekämpfung des Rassismus immer wieder herausgefordert, zu dem Apartheidsystem in der Republik Südafrika, zu gewaltlosen und gewaltbenutzenden Be­wegungen dagegen und zu vorgeschlagenen Maßnahmen im eigenen Lande (Investitionsstop, Boy­kott u. ä.) Stellung zu nehmen. Die kirchliche, verwandtschaftliche, wirt­schaftliche und politische Verflochtenheit mit der Republik Südafrika macht es schwer, entschiedene Stel­lungnahmen abzugeben, die angesichts der in der EKD vorliegenden sozialethischen Be­schlüsse, Erklärungen, Denkschriften und Grundsätze konsequent erscheinen. Die vorliegen­den Stellungnahmen sind durchweg nur recht allgemein durch geordnete Verfahren der Urteilsbil­dung in Gemeinden und Synoden legitimiert.

In diesen rudimentär skizzierten und recht zufällig gewählten Beispielen für das Anfallen von Problemen, welche sittliches Urteilen herausfordern, begegnen uns sehr unterschiedliche Trä­ger der Urteilsentscheidungen: ein einzelner, ein Ehepaar, ein Freundeskreis in einer durch eine bestimmte Si­tuation bedingten besonderen Verantwortung, eine Kirchengemeinde und die Organe eines Kirchenverbandes (EKD). Es stellt sich hier die Frage, in­wiefern die Urteile mehrerer Personen gemeinsame sittliche Urteile sein kön­nen und wie die Interaktionen zwi­schen ihnen beschaffen sein müssen, soll den Entscheidungen das Prädikat »sittlich« zukom­men. Vor allem aber ist zu fragen, ob die in allen diesen Beispielen angedeutete Urteilshand­lung gemein­same Strukturen, Sachmomente und Verknüpfungsformen aufweist, die in einem einzigen Konzept zu fassen sind.

2. Die unterschiedlichen Ebenen sittlicher Urteile und ethischer Theorie

Wer sich durch ein Problem zu einer sittlichen Urteilsentscheidung herausge­fordert sieht, wird zur Reflexion gedrängt. Er fragt sich, was in der ihn be­treffenden Angelegenheit das eigent­liche Problem ist, welche Faktoren er bei einer Entscheidung zu berücksichtigen hat, welches Gewicht die sittlichen Kriterien, an denen er sich orientiert, haben, was die Folgen seiner Ent­schei-[25]dung sein werden usw. Alles dies sind praktische, durch das eigene Reagierenmüs­sen veranlaßte Reflexionen, die sich auf der Vollzugsebene abspielen. Urteile auf dieser Ebene nenne ich nicht »ethische«, sondern sittliche Urteile. Von der wissenschaftlichen Ebene ethi­scher Reflexion her gesehen ist das die sogenannte Objektebene (vgl. Höffe 394). Freilich kann sich die sittliche Re­flexion auf der Vollzugsebene auch mit wissenschaftlich-ethischen Überle­gungen verbinden, so daß letztere orientierend in die erstere eingreifen. Das war deut­lich der Fall in dem Beispiel (d): Der Ethiker Dietrich Bonhoeffer sah sich zur Teilnahme an der Verschwörung gegenüber dem Diktator Hitler sittlich genötigt und reflektierte diese Ent­scheidung ethisch. Eine ähnlich orientierende Bedeutung hat es auch, wenn einer, der sich entscheiden muß, durch einen anderen, der mit wissenschaftlich-ethischer Reflexion vertraut ist, beraten wird. Solche Beratung unterliegt ihrerseits bestimmten sittlichen Regeln. Der Be­ratende darf nicht die sittliche Entscheidung dessen, dem das Urteil zukommt, vorweg­neh­men wollen. Er sollte nur dazu beitragen, daß der Urteilende das Problem und die Entschei­dungs­alternativen sowie ihre Folgen klar erfaßt und sich auf die sittlichen Kriterien besinnt, die für ihn maßgebend sind. In diesem begrenzten Sinne kann er Vorschläge machen oder für Ent­scheidungsgremien Empfehlungen vorlegen. Die Reflexion des Beratenden ist, wenn sie methodisch geordnet ist, als ethische Reflexion zu bezeichnen, bezogen auf sittlich-praktische Urteilsbildungen auf der Voll­zugsebene. Muß es dem sittlich Urteilenden um die eigene sitt­liche Integrität gehen, so sucht der Berater, seiner Verantwortung für Mitmenschen, die sich ratsuchend an ihn gewandt haben, nachzukommen.

Reflexionen auf der wissenschaftlichen Ebene (Theorieebene) über sittli­che Probleme nenne ich also »ethisch«. Darum spreche ich von einer ethi­schen Theorie (Wissenschaftsebene) sittlicher Urteile (Vollzugsebene). Im heutigen deutschen und englischen Sprachgebrauch hat das Wort »ethisch« eine viel weitere Bedeutung. Die Differenz zwischen ethisch und sittlich ist weitgehend nivelliert. Bei einer theoretischen Erörterung aber müssen die Begriffe präzise gefaßt werden. Die leitenden Interessen der ethischen Refle­xion sind weitergespannt als die des seinen eigenen Problemen zugewandten sittlich Urteilenden. Darüber sollte nicht verges­sen werden, daß Ethik tradi­tionell zur praktischen Philosophie gehört und auch als Theorie praktische Interessen verfolgt. Auch der Vorgang der Beratung bei sittlichen Problemen sig­nalisiert, daß das leitende Interesse ein praktisches ist. Sofern der Ethiker einen eigenen in­haltlichen Entwurf der Ethik vorlegt, kann dieser für andere die Funktion einer Beratung ge­winnen, freilich mit den oben erörterten Begrenzungen: Das eigene sittliche Urteil kann er niemandem abnehmen, wohl aber ihm dabei helfen, es bewußt, mit Übersicht und in Überein­stimmung [26] mit seinem Gewissen zu vollziehen. Ein Ethiker beteiligt sich also an der Klä­rung sittlicher Probleme anderer und macht ihnen Vorschläge, die auf sachli­cher Kompetenz und persönlicher Glaubwürdigkeit beruhen sollten.

3. Zum Begriff des sittlichen Urteils und der ethischen Theorie

(a) Im heutigen Sprachgebrauch wird der Terminus »Urteilen« insbesondere als Terminus der Logik verwendet. Im Althochdeutschen stand »urteilen« für »erteilen« und bezeichnete ver­engt den »Wahrspruch, den der Richter er­teilte« (vgl. Kluge/Götze 826f). Wir tun gut daran, sittliche Urteile zunächst einmal in Parallele zu rechtlichen Urteilen zu begreifen; denn Sitt­lichkeit und Recht sind Zwillingskinder der Sitte.

(b) Sittliche Urteile entspringen dem, was Kant die praktische Urteilskraft nannte. Sie rich­ten sich letztlich nicht auf das, was ist, sondern auf das, was mit unserer Beteiligung werden soll, haben also den Charakter des Gebotes (Imperativ), das zugleich ein Selbstgebot ist. In sittli­chen Urteilen werden Verhaltensweisen geboten, die ohne Freiheit nicht denkbar sind, in denen aber zwischen Bedingungen der Natur bzw. der Gesellschaft und Freiheit vermittelt werden muß. Kein Gebot oder Selbstgebot kann uns auferlegen, was durch uns nicht werden kann, also jenseits von Realität liegt.

Ein sittlicher Imperativ vereinzelt den, der ihn als Selbstgebot akzeptiert, nicht, sondern stellt ihn unter ein allgemeines Gebot. Er fordert von ihm nur, was von jedem anderen an seiner Stelle und unter gleichen Umständen auch zu fordern wäre. Auf dieser Universalisierbarkeit beruht sein Geltungsan­spruch. Kant spricht davon, daß die sittliche Selbstgesetzgebung nicht nur für jeden Menschen gilt, sofern er der Vernunft folgt, sondern für jedes Ver­nunftwesen überhaupt. Die Maxime, der ein Mensch bei seinen Handlungen folgt, ist demnach nur ver­nünftig und sittlich meins, wenn man durch diese Maxime zugleich auch wollen kann, daß sie ein allgemeines Gesetz werde (Kategorischer Imperativ, erste Fassung, in der »Grundlegung zur Metaphy­sik der Sitten« BA 52; Weischedel IV 51).

Das sittliche Urteil bezieht sich bei Kant auf die Maxime – das subjektive Prinzip – der Hand­lungen und ihre Übereinstimmung mit dem »Gesetz«, das als objektives Prinzip für jedes ver­nünftige Wesen gültig sein soll. Maßge­bend ist dabei Kants »Idee von dem absoluten Werte des bloßen Willens«: »Es ist überall nichts in der Welt, ja auch außerhalb derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille« (BA 1,4; Weischedel IV 18f). Demnach ist nicht einfach das dem Urteilenden plausible Ver­ständnis der Grundverfassung seiner Lebens-[27]wirklichkeit das maßgebende und zu­reichen­de Kriterium für die Sittlichkeit seiner Urteile und Handlungen, nicht sein Bewußtsein von der Struktur sei­ner personalen Existenz als solcher, sondern eben die Übereinstimmung der Maxi­me seines Willens mit dem Gesetz als objektivem Prinzip für jedes ver­nünftige Wesen. Kant verdeutlicht damit die Aufgabe, sittliche Urteile als in­tegrierte Erkenntnis- und Willensakte zu denken.

Nun haben wir heute freilich den Boden der Metaphysik verlassen, der Kants System ermög­lichte. Das Grundprinzip der gesamten Philosophie Kants war das Prinzip der Identität: Ver­nunft galt als das Vermögen der Ein­heit, das selber zeitlos alles umspannte, was in der Zeit ist.

Uns stellt sich Vernunft als zeitlich und geschichtlich bedingt dar. Darum können wir nicht mehr einer unveränderten kantischen Pflichtethik folgen. Für sie lag in der Pflicht eine unbe­dingte Nötigung des Wollens und Han­delns seitens der praktischen Vernunft, die ein Ausfluß der sittlich-transzen­dentalen Freiheit des Vernunftwesens sei und der Autonomie als Selbstge­setzgebung der Vernunft entspringe. Ist Vernunft aber nicht in sich zeitlos identisch, sondern geschichtlich und vielgestaltig, so kann sie nicht mehr aus sich heraus Pflichten begründen, welche als allgemeine für jedes Vernunftwe­sen in jeder Situation gelten können. Ein anderes kommt hinzu. Das Pflicht­gesetz, bei Kant im mundus intelligibilis begründet, läßt die Sin­nenwelt als bloßes Material erscheinen. Das entspricht der Auffassung, »daß die Ver­nunft nur das einsieht, was sie selbst nach ihrem Entwürfe hervorbringt« (»Kritik der reinen Vernunft« B XIV; Weischedel II 23). So kann Vernunft in der Geschichte nur zur Existenz gelangen, wenn sie die zukünftige Ge­schichte der Menschheit nach ihrem eigenen Entwurf hervorbringt, wofür Kant in dem Konzept einer Völkerrechtsordnung in der Schrift »Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf« (Weischedel VI 191-251) ein Muster gibt. An Stelle dieses imperativen Verhältnisses der moralischen Vernunft zur Sinnenwelt fassen wir Begebenhei­ten, die zu sittlichen Urteilen herausfor­dern, nicht als bloßes Material sittlicher Handlungen, sondern als etwas, das in sich selbst Wert enthält und also sittlich etwas zu besagen hat.

(c) Der Objektbereich der ethischen Reflexion, mit dem wir es zu tun ha­ben, wenn wir über sittliche Urteile im Sinne unserer einleitenden Überle­gungen nachdenken, läßt sich vielleicht am genauesten mit dem Begriff des »Sich-verhaltens-zu« bestimmen. Im sittlichen Urteil, das in einem Ent­schluß und den daraus resultierenden Verhaltensweisen zum Ziel kommt, ge­winnt das Sich-verhalten-zu seine Bestimmtheit und Gewißheit. Es gliedert sich dabei in drei einander bedingende und wechselseitig durchdringende Aspekte: Handeln, Leiden und Iden­titätsstreben (vgl. Tödt 1978). In allen drei Aspekten kommt dem Verhalten des Menschen das Bewußtsein von Be-[28]dingtheit und Freiheit zu. Die Wahl, die im sittlichen Urteil liegt, ist dem­nach in jeder dieser drei Hinsichten nicht einfach eine »freie«, sondern eine, die sich auf gegebene Bedingungen einläßt, aber dies in bezug darauf tut, was es in seinem Wirklich­keits­verständnis »unbedingt angeht« (um einen Aus­druck Tillichs zu verwenden). Die sitt­liche Wahl spiegelt also nicht einfach gesellschaftliche Verhältnisse, sondern geht mit den aus ihnen entspringen­den Zumutungen und Herausforderungen kritisch um.

Mit dem Begriff des Sich-verhaltens-zu wird verdeutlicht, daß der Mensch in Relationen exi­stiert. Faßt eine Substanzontologie jeden Menschen primär als einzelnen, so wird in unserer Betrachtung ein jeder nicht durch das Abse­hen von seinen Bezügen, sondern gerade in der bestimmten Fassung seiner Bezüge zur Person. Diese Bezüge, deren Gesamtheit wir als unse­re Wirklich­keit bezeichnen, sind Wechselbeziehungen, in denen Menschen ihren Spiel­raum haben, das heißt unter Einwirkung stehen und selbst einwirken. Vom Handeln sprechen wir, wenn die Einwirkung des Menschen »nach außen« überwiegt; vom Leiden, wenn die Ein­wir­kungen »von außen« überwiegen, wenn also das Erfahren oder die Macht der Widerfahr­nisse das Übergewicht hat (»pathische« Dimension). Im Handeln wie im Erleiden steht je­weils die Bestimmtheit des Selbstseins, die Identität, auf dem Spiel. Es geht jedem Menschen darum, ein Selbst zu sein, Identität zu gewinnen. Im Verhaltens­akt des sittlichen Urteils macht es gerade das Sittliche aus, daß die Vielheit der Beziehungen im Verhältnis zu dem, was den Menschen »unbedingt angeht« und ihm selbst als das Wichtigste erscheint, zusammenge­bracht wird. Das Gewissen ist der Indikator für das Gelingen oder Mißlingen in dieser Hin­sicht.

(d) Was aber geht den Menschen un-bedingt an, wenn doch sein Sich-verhalten-zu in viele Bezüge sich auseinanderfaltet? Das, was »unbedingt an­geht«, übersteigt offenbar die Vielheit der Wechselbezüge des Menschen zu seiner Wirklichkeit und schließt sie zur Einheit zusam­men. Dieser Zusammenschluß zur Einheit, aus dem erst oberste sittliche Kriterien abgeleitet werden können, erscheint zunächst als Aufgabe der Person. Darum kann die Humanität oder personale Existenz als oberstes Kriterium des Sittlichen be­hauptet werden, so daß als sittlich nur gilt, was mit ihr in Übereinstimmung steht.

Für das religiöse Bewußtsein erscheint die Möglichkeit, diese Einheit zu gewinnen und einen Bezug auf das zu haben, was uns »unbedingt angeht«, nicht als eine Leistung des Menschen in seiner Subjektivität, sondern als et­was, was aller Leistung voranliegt und diese erst ermög­licht, also als Ge­schenk. Eben diese Einsicht und Erfahrung ist der Gottesbeziehung eigen. Darum legt der Mensch, der seine Gottesbeziehung nur in den Beziehungen [29] zum Mit­men­schen und der umfassenden Wirklichkeit erfährt, das Gottesver­hältnis als die alles bestim­mende und umgreifende Beziehung aus und vermag das coram deo von dem coram mundo (Mitmensch und Mitkreatur) und co­ram seipso zu unterscheiden. Sofern das sittliche Urteil sein letztes Kriterium in dem hat, was den Menschen »unbedingt angeht«, ist es noch kein religiöses Urteil. Aber die Erfahrung von etwas, was den Menschen un-bedingt angeht, ver­weist auf eine letzte Sinnerfahrung, der das religiöse Reden von Gott zu entsprechen sucht. Meine Überlegungen sind insofern von vornherein theo­logischer Art, als sie in der Orien­tierung an der christlichen Beantwortung der letzten Sinnfrage erfolgen. Sie berühren sich aber mit jeder ethischen Re­flexion, welche sich von einem obersten, uns unbedingt ange­henden sittli­chen Kriterium leiten läßt.

(e) Legen wir sittliches Urteilen als Objektbereich unter Anleitung des Be­griffs »Sich-ver­halten-zu« in den Aspekten Handeln, Leiden und Erfahren, Identität aus, so haben wir da­mit die Theorieebene bestimmt, auf der unsere weiteren Überlegungen sich bewegen sollen. Theo­rie verstehe ich dabei allge­mein als ein System untereinander durch Ableitungsbezie­hungen verbunde­ner Aussagen und Sätze. An diese ist die Anforderung zu stellen, daß sie wi­der­spruchsfrei, informativ und falsifizierbar sind und daß sie sich als opera­tionalisierbar erwei­sen, das heißt als orientierend in dem Reden über sittliche Urteile als Objektbereich wie auch in dem Finden sittlicher Urteile auf der Vollzugsebene.

II. Schema der Sach- und Verlaufsstruktur sittlicher Urteile

Unter »Schema« verstehe ich hier die methodisch geordnete Grundrißdarstellung des Sich-verhaltens-zu, wie es sich in Akten wie dem sittlichen Urteil vollzieht. Ein solches Schema sollte (1) alle Sachmomente, die im Begriff des sittlichen Urteils enthalten sind, darstellen, (2) keine überflüssigen Sachmo­mente einführen, (3) die Verknüpfung der Sachmomente sichtbar machen.

Das Schema kann voraussetzen, aber braucht – als sachlogische, nicht psy­chologische Glie­derung – nicht zu berücksichtigen, daß die faktische Urteils­bildung in aller Regel ein iterati­ver Prozeß sein dürfte, in welchem die einzel­nen Sachmomente des gedanklichen Urteilsver­laufs mehrfach und in ver­schiedener Reihenfolge ins Spiel kommen und durch ihre wechsel­seitige Be­leuchtung immer schärfer herausgearbeitet werden, bis es zum Urteilsentscheid kommt. [30]

1. Wahrnehmung, Annahme und Bestimmung eines Problems als eines sittlichen: Erstes Sachmoment

Es geht hier um das Moment, das die Urteilsbildung in Gang setzt, nämlich die Wahrnehmung eines konkreten Problems als eines den Urteilenden sitt­lich betreffenden.

(a) Menschen werden ständig durch Anforderungen, die von außen und in­nen – in ver­schränk­tem Wechselspiel – an sie herantreten, zu Reaktionen her­ausgefordert. Indessen geben sich die meisten Probleme als sektorale Pro­bleme, die technisch, ökonomisch, politisch, medi­zinisch, juristisch, also »praktisch« gelöst sein wollen und entsprechende Sachkompetenz for­dern. Probleme wollen in ihrer Eigenart und Begrenzung erkannt sein als eine Auf­gabe, der mit geeigneten Mitteln möglicherweise beizukommen ist. Es gehört zur hochgradigen Diffe­renzierung unserer Zivilisation, daß wir Probleme meist als sektorale erfassen. In ihnen allen aber gibt es eine latente sittliche, übergreifende Dimension. Man wird ihrer gewahr, wenn man das betref­fende Problem von seiner Sektoralität entschränkt und in den Gesamtzusam­menhang des Lebens einordnet. Sittliche Wahrnehmung des Problems ist also eine Form ganzheitlicher Wahrnehmung. Das Teilproblem wird in einen weiteren Zusammenhang inte­griert und jetzt erst voll in seiner sittlichen Be­deutung erkannt.

(b) Die Herausforderung durch ein begegnendes Problem ist zunächst nur ein Anlaß, auf dieses zu reagieren. Solche Anlässe sind bloße Bedingungen, daß es zu Urteilsprozessen kommt. Sie werden zum ersten Sachmoment im Urteilsakt, sofern die sittliche Dimension in ihnen entdeckt wird, sobald also der Urteilende wahrnimmt, daß mit diesem Problem ihm etwas vorgelegt wird, das ihn in seinem Verhalten unbedingt angeht.

Diese Wahrnehmung ist von dem Horizont abhängig, den das Wirklich­keitsverständnis dem Urteilenden vorgibt, und von der Bereitschaft, von dem Willen, das betreffende Problem in diesem Horizont zu sehen und zu bedenken. Naheliegender ist es für den modernen Men­schen, anfallende Pro­bleme in einem bloß sektoralen Zusammenhang wahrzunehmen und hier ihre technisch-pragmatische Problemlösung anzusteuern, so daß die sittliche Di­mension in ihnen gar nicht erst virulent wird. Ein sektorales Problem wirft zunächst die Frage nach der Lösungskompetenz des Urteilenden und Han­delnden auf, und sodann die Frage nach seiner Bedeutung für sittliche Identi­tät und Integrität. Die Art der Wahrnehmung des Problems als eines sittli­chen steuert seine weitere Behandlung, vorbehaltlich dessen, daß sie korri­giert wird durch die Rückwirkung der weiteren Sachmomente.

(c) Wie bedeutsam die Problemwahrnehmung ist, erkennt man besonders [31] deutlich, wenn eine Gruppe von Menschen sich durch ein Problem herausge­fordert sieht und sich nun dar­über einigen muß, was denn »das Problem für uns« in dieser Sache sei. Erfolgt die Einigung nicht oder beruht sie auf Täu­schung, so läuft die Urteilsfindung schnell in verschiedene Richtungen aus­einander. Das veranlassende Problem ist nicht als sittliches identifiziert und gemeinsam akzeptiert worden.

(d) Indem bei der Problembestimmung angegeben wird, inwiefern ein Pro­blem ein mich bzw. uns angehendes sittliches Problem ist, wird indirekt dar­auf verwiesen, nach welchen Prinzipien ein anfallendes Problem als ein sittli­ches identifiziert wird. Zugleich wird deutlich, welchen Aspekt des Sich-ver-haltens-zu es primär angeht: ob den des Handelns, des Erlei­dens und Erfah­rens oder des – durch beide vermittelten – Identitätsstrebens.

(e) Nimmt einer ein Problem als ein ihn sittlich betreffendes an, so zeigt er Bereitschaft zu einem Selbsteinsatz, den eine technisch-pragmatische Pro­blembehandlung nicht erfordert. Dabei kommt die individuelle Geschichte und Besonderheit ins Spiel. Ein an den Angriffs- und Vernichtungskriegen des Dritten Reiches Beteiligter z. B. wird mit der Erinnerung an deutsche Schuld als persönlich von den damaligen Ereignissen betroffen und in sie ver­wickelt anders umgehen müssen als ein in der Nachkriegszeit Geborener. In­dividuelle Eigenarten kommen auch den Gruppen und Verbänden, z. B. auch den Kirchen zu.

2. Situationsanalyse: Zweites Sachmoment

(a) Probleme fallen in komplexen Realzusammenhängen, in »Kontexten«, an. Diese sind immer schon durch Institutionen und Normen, durch Rollen und Interaktionsmuster, durch Bewußtseinslagen und Identitätsfindungs­weisen, naturale Gegebenheiten u. a. m. besetzt und strukturiert. Einen Kon­text »vollständig« zu erfassen wäre eine unendliche Aufgabe, ihn »objektiv« zu erfassen wäre schon deswegen unmöglich, weil der, der ein ihn betreffen­des Problem im Kontext wahrnimmt, bereits selbst in ihn verflochten ist. Die Annahme mancher Situationsethiker, daß die jeweilige Situation selbst von sich aus die Normen für die in ihr fällige Entscheidung hergibt, ist irrig. Zur Analyse eines Kontextes – als Situation und damit als Ausgrenzung aus einem Wirklichkeitsbereich verstanden – gehört immer Selektion, welche ihrerseits durch das Wirklichkeitsverständnis und die Intentionen des Urteilenden ge­steuert wird. Sie sollte in den für sie maßgebenden Auswahlkriterien durch­sichtig gemacht und so verantwortet werden.

(b) Nach Kant ist nichts in der Welt ohne Einschränkung gut zu nennen als allein ein »guter Wille«. In den sittlichen Urteilen, um die es in unseren Bei-[32]spielen geht, handelt es sich aber um ein Sich-Verhalten zu Problemen in rea­len Situationen, also nicht um einen guten Willen an und für sich, sondern in bezug auf etwas, was außerhalb seiner gegeben ist und zu dem er sich in ein sittliches Verhältnis setzen soll. Was der Wille in seinem »Sich-verhalten-zu« – unter den Aspekten Handeln, Leiden und Erfahren, Identitätsbestimmung – verursacht, läßt sich nicht mit der binären Wertung gut/böse beschreiben, da das Hervorgebrachte nicht allein von der guten Maxime und einem Ver­nunftgesetz als objektivem Prinzip abhängt. Vielmehr geht es in sittlichen Urteilsentscheiden gegenüber Problemen immer um Verhaltens­alterna­ti­ven, die auch ein Mehr oder Weniger an Ungutem enthalten oder enthalten kön­nen, sei es auch nur in unvorhergesehenen Folge- oder Nebenwirkungen. Um diese möglichst weit­ge­hend zu erkennen, wird die Situationsanalyse im Blick auf mögliche Handlungsalternativen vorangetrieben; sie stößt aber bald auf die Grenzen der Vorhersehbarkeit. Hier gibt es keine Wahl zwischen ein­deutig gut und eindeutig ungut, sondern nur ein Abwägen, welche Ent­schei­dung den sittlichen Vorzug verdient, also am ehesten zu verantworten ist, wobei die Indifferenz des Nichtentscheidens auch eine (defizitäre, oft verant­wortungslose) Entscheidung ist. Ungutes bewußt in Kauf zu nehmen, impli­ziert Schuld, es unbewußt anzurichten, ver­wickelt objektiv in Schuld, wes­wegen der Umgang mit Schuld zu einem fundamentalen Problem sittlicher Existenz wird. Schon die Situationsanalyse enthält das Wagnis des Irrtums, der zu einem in dieser Situation sittlich verfehlten Verhalten den Anlaß geben kann. Eine Situation nicht möglichst sorgfältig zu erfassen, ist eine Fahrläs­sigkeit.

(c) Zur Erfassung eines Problems in einer realen Situation stellen die sekto­ralen Wissen­schaften ein überbordendes Angebot an Begriffen, Kategorien, Methoden und Kenntnissen bereit. Infolge der weitgehenden Unvergleich­barkeit und häufigen Unvereinbarkeit fach­wissenschaftlicher Erkenntnisse und ihrer streitenden Richtungen ist dieses Angebot äußerst komplex, was man aus dem Widerstreit von Expertengutachten leicht ersehen kann. Der sitt­lich Urteilende begegnet dieser Unsicherheit zunächst mit einer Sichtung, die auf – intuitive oder methodisch verfahrende – integrative Kombinatorik zielt, und sodann mit einer Selek­tion, bei der er sich von den für ihn maßge­benden sittlichen Kriterien leiten läßt. Ihm geht es – insbesondere wenn er ge­meinsam mit anderen Betroffenen auf ein Problem zu antworten hat – um die Erkenntnis: »Das ist unsere Situation, in der sich unser Problem in dieser be­stimmten Weise stellt.« Die anfängliche Problemdefinition wird also gegebe­nenfalls durch Erkenntnisse der Situationsanalyse korrigiert, so daß es hier zu einer ersten Neudefinition kommen kann.

(d) Soll eine Situationsanalyse im sittlichen Urteil relevant werden, so muß [33] sie einfach genug sein. Dem dient die Fassung der Situation in einem Situa­tionsschema (vgl. zum Situations- und Handlungsschema Kamlah 118-134). In wiederkehrenden Situationen sind Situations­schemata leichter zu erken­nen als in neuartigen. Soll ein Situationsschema für das sittliche Urteil geeig­net sein, so muß es soweit generalisiert werden, daß es jeden, der in eben diese Situation gerät, vor das gleiche Problem stellt, wobei freilich die Beantwor­tung, die Lösung des Problems durch individuelle Lebenseigenarten mitbe­dingt sein wird.

Im Rechtsverkehr ist die Schematisierung von Situationen und den ihnen entsprechenden Verhaltensweisen üblich, so daß oft durch das bloße Unter­schreiben ausgefüllter Formulare Verträge geschlossen werden können. Auch wo Sitte noch ungebrochen oder weitgehend herrscht, richten sich die Menschen nach vertrauten Situationsschemata, auf die sie unter Ver­folgung üblicher Verhaltensschemata antworten. Wo aber die soziale Wirklichkeit plura­li­stisch undurchsichtig und nicht mehr im Sinne der Sitte verläßlich ist, wird die Situationsana­lyse zu einem unentbehrlichen Sachmoment für das Verhalten.

(e) Die Analyse des Problems in seiner Situation verweist auf die Frage, in welcher Hin­sicht die gegebene Situation sittlich problematisch ist. Ethische Theorie stellt hierfür mehrere Krite­rien bereit. So ist die Frage zu stellen, welche sittlich relevanten Güter hier auf dem Spiel ste­hen (Güterabwägung – im Blick auf mögliches Handeln bzw. Erleiden). Weiter ist zu fra­gen, welche Werteinsichten und Werthaltungen bei den Beteiligten tangiert sind (z. B. die Tu­gen­den des Gerechtigkeitssinnes, der Solidarität usw. – im Blick auf die sittliche Integrität und Identität der Betroffenen). Schließlich stellt sich die Frage, wer durch das in dieser Situa­tion sich stellende Problem in einer spezi­fischen Verpflichtung oder Verantwortlichkeit herausge­fordert ist.

Derartige sittliche Prinzipien und Kriterien müssen auf ihren Zusammen­hang und das in ihnen maßgebende höchste Prinzip als das Unbedingte hin geordnet werden, soll es sich um eine einheitliche, in sich konsistente Ethik handeln, welche den sittlichen Urteilen ihre Orientie­rung gibt.

(f) Daß die Situationsanalyse selbst ein Problem von sittlicher Relevanz ist, wird dort nicht deutlich, wo man sie intuitiv und unbewußt vollzieht oder wo man meint, sittliche Entschei­dungen dezisionistisch vollziehen zu können, und nicht erkennt, daß in ihnen immer das Sich-Verhalten zu Mitmenschen und umgebender Wirklichkeit und darin zum eigenen Selbst auf dem Spiel steht. [34]

3. Beurteilung von Verhaltensoptionen: Drittes Sachmoment

(a) Probleme fordern zu Lösungen heraus. Hat man sie in der Situation analysiert, in der sie begegnen, so stellt sich auch die tastende Vorstellung von Verhaltensalternativen ein, mit denen auf sie zu antworten geboten scheint. Eine große Zahl heutiger Probleme scheint wert­neutrale, gewissermaßen »technische« Lösungen zu fordern, bei denen keine sittliche Proble­matik er­kennbar wird. Das entspricht der sektoralen Aufgliederung der Lebenswelt und dem Bestand an Selbstverständlichkeiten, in den alles Verhalten einge­bettet ist. Indessen ist die gleiche Welt von Unsicherheiten und Widersprüch­lichkeiten durchzogen und erfordert, in die Zukunft hin weitergebildet und entworfen zu werden. Was auch immer als faktische Gegeben­heit von Welt vorliegen mag – ihre Zukunft ist auch Sache des Menschen. Das nötigt ihn, sich bewußt zur Welt zu verhalten und auch zu fragen, wie kurzfristige und scheinbar selbstver­ständliche technische und pragmatische Lösungen von Problemen zumindest langfristig sitt­lich zu beurteilen sind. Sektorale Pro­blemlösungsvorschläge werden also fraglich hinsichtlich ihrer Bedeutung für eine humane Zukunft. Sie sind, geht es um sittliche Urteile, sektoral zu entschränken und mit Verhaltensalternativen zu korrelieren, welche nach ihrer sittlichen Be­deutsamkeit beurteilt werden. Unserem Konzept zufolge wer­den wir Verhaltensalternativen in den drei Aspekten Handeln, Erleiden und Erfahren sowie Identität erörtern.

(b) Ist die begriffene Situation der terminus a quo des sittlich verantworte­ten Handelns, so ist ein in sittlicher Wahl zu findendes Ziel der terminus ad quem. Die Wahl dieses Zieles muß begründet werden, das heißt es muß ge­zeigt werden, daß es mit dem sittlichen Selbst- und Wirklichkeitsverständnis des Handelnden übereinstimmt und als Ziel für jeden, der dem glei­chen Pro­blem in der gleichen Situation begegnet, geboten ist.

Indessen ist die Wahl eines Zieles nicht zu vollziehen, ohne daß die Mittel, die zu ihm führen sollen, in Betracht gezogen werden. Kann ein Ziel sittlich geboten sein, wenn die Mittel, es zu erreichen, sittlich verwerflich sind? In dem Vortrag »Politik als Beruf« (1919) hat Max Weber dieses Problem in der Gegenüberstellung von Gesinnungsethikern und Verantwortungsethi­kern eindringlich behandelt. Seiner Auffassung nach ist die Welt nicht rational in dem Sinne, daß mit guten Mitteln gute Ziele erreicht würden, sondern so, daß der Verantwortungsethiker Ungutes in seinen Mitteln in Kauf nehmen muß um der Erreichung seiner Ziele willen, daß er aber sich bewußt ist, für Folgen und Nebenwirkungen der von ihm gewählten Mittel selbst einstehen zu müs­sen, also die »Verantwortung« für sie vor der Zukunft und der Geschichte (Webers Letztinstanzen) zu übernehmen. Freilich kennt nach der Auffas-[35]sung Webers auch der Verantwortungsethiker in der Wahl seiner Mittel Grenzen. Sie werden erreicht, wo die Identi­tät des Handelnden in Frage ge­stellt ist, so daß Gesinnungsethik und Verantwor­tungsethik nicht absolute Gegensätze sind.

In dem hier vorgelegten Schema sittlicher Urteilsfindung wird die sonst oft in der Diskussion dominante Ziel-Mittel-Relation des Handelns in den Zu­sammenhang von Situationsanalyse, Beurteilung der Verhaltensalternativen und Normenprüfung eingebracht. Dadurch tritt deut­lich hervor, daß die bloße Möglichkeit, mit bestimmten Mitteln bestimmte Ziele zu erreichen (pragmatisch-technische Möglichkeit), einer Einschränkung durch das sitt­lich Gebotene zu unterwerfen ist, sollen sich nicht die Bereiche, in welchen die rationalen Ziel-Mittel-Diskus­sionen vorherrschen, weiterhin eigenge­setzlich verselbständigen.

(c) Der zweite Aspekt des Sich-verhaltens-zu, das Leiden und Erfahren, das »Pathische«, tritt – trotz einiger bemerkenswerter Untersuchungen – in der heutigen ethischen Literatur auffal­lend zurück. Im oben angeführten »Handbuch der christlichen Ethik« finden sich nur zwei spärliche Hinweise auf diese Grunddimension menschlichen Lebens (vgl. Bd. II Register 541). Das Register des dritten Bandes, der den Titel trägt »Wege ethischer Praxis«, enthält nicht einmal das Stichwort »Leiden« – offenbar ein Indiz dafür, daß die Ethikdiskussion im­mer noch vom Aktionismus moderner oder neomo­derner Gesellschaften beherrscht wird. Ich entwickle daher bewußt das Kon­zept sittlicher Urteilsfindung nicht an Hand des Begriffs der (Urteils-)Hand­lung, sondern an Hand des Begriffs Urteilen als Sich-Verhalten-zu, weil in letzterem der Aspekt des Leidens gewichtiger zur Geltung kommen kann.

Leiden als leibseelisches Erfahren und Erdulden von schmerzhaften, man­gelbedingten, been­genden, gewaltsamen, entfremdenden, frustrierenden Einwirkungen von innen und von außen ist seit alters als zentrales sittliches Problem begriffen worden. Es gemahnt den Menschen an seine Eingebun­denheit in die persönliche, gesellschaftliche und natürliche Umwelt und an seine Zeitlichkeit und Endlichkeit, zu der er sich verhalten muß. Wirft Lei­den vielfach den Menschen auf sich selbst zurück, so verbindet es auch in ei­ner anderen Sphäre als der des gemeinsamen Handelns. Wo der Mensch das Leiden anderer nicht mehr als ein eigenes mitzu­fühlen vermag, da ist seine Humanität zutiefst in Frage gestellt.

Leiden ist kein rein passives Geschehen, sondern fordert bis hin zum Ster­ben ein bewußtes, personabhängiges, aktives Verhalten heraus, sei es in dem Versuch, in der Ataraxia das Lei­den nicht in den Personkern eindringen zu lassen, oder in dem Bemühen, ihm einen Sinn und eine »produktive Funk­tion« abzugewinnen. Heute ist die gesellschaftliche Dimension des Leidens [36] stark ins Bewußtsein getreten. Es gibt die Befürchtung, daß wir heute einen Raubbau an der Erde treiben, der, um die eigene Generation vor Mangel und dem daraus entspringen­den Leiden zu sichern, künftigen Generationen schwere Leiden auferlegt. Leiden und Handeln stehen in einer vielschichti­gen Wechselwirkung. Die sittliche Beurteilung von Verhaltens­alternativen hat beide Aspekte vollgewichtig zu berücksichtigen.

Wahrnehmen und Erfahren sind spezifische Weisen der »Passivität«, näm­lich des Getroffen­seins von fremden Einwirkungen. In ihnen spielt freilich die Verarbeitung dieser Einwirkun­gen eine so starke Rolle, daß das Empfin­den des Erleidens darüber oft zurücktritt. Es sollte aber nicht vergessen wer­den, daß die »Eindrücke«, die im Wahrnehmen und Erfahren der Ausgangs­punkt sind, nicht in der Verfügung des Wahrnehmenden liegen, sondern auf ihn eindringen. Nicht umsonst versuchen Menschen, sich gegen beunruhi­gende, schmerzhafte oder belastende Eindrücke abzuschirmen oder sie zu verdrängen, wie es z. B. in einem erheb­lichen Teil der deutschen Bevölke­rung gegenüber »unerträglichen« nationalsozialistischen Verbrechen ge­schah. Abschirmung gegen Eindrücke, die man nicht zu ertragen vermag, führt aber zu einem deformierten Wirklichkeitsverständnis, zu verengten Si­tuationsanalysen und so zu sittlich verfehlten Handlungen bzw. zur Absper­rung gegenüber möglichen, evtl, sittlich gebotenen Verhaltensoptionen.

(d) Menschen mit wachem sittlichen Bewußtsein wissen, daß sie in ihren Verhaltensweisen sich selbst verfehlen können und immer wieder selbst ver­fehlen. Es ist ihnen in ihrem Han­deln und Leiden immer auch um sie selbst, ihre Identität und Integrität zu tun. Diese ist nicht einfach das Ergebnis einer ungehemmten »Selbstverwirklichung«, als wäre das Zu-sich-selbst-kommen des Menschen in seiner Verfügung. Gerade die Selbsthingabe kann eine Wei­se sein, zu sich selbst zu kommen. Wenn der Mensch in seinem Verhalten sich selbst verfehlt, wirkt das Gewissen als ein Indikator dafür. Es hat daher im sittlichen Urteil einen unaufgeb­baren Ort.

Besagt die Gewissensstimme etwas über die Verträglichkeit von Handlun­gen und Zuständen mit dem sittlichen Selbstgefühl, so betreffen diese Aussa­gen doch nicht ein isoliertes Selbst (Individuum), sondern dieses Selbst in sei­nem Sich-Verhalten zu Mitmensch und Mitwelt und darin zu Gott. Insofern kommt das Gewissen auch in sittlichen Urteilen zu Wort, in denen es um in einer Situation anfallende Probleme und ihre Lösung geht.

Das Bundesverfassungsgericht hat besonders in seinen Urteilen zum Grundrecht der Kriegs­dienstverweigerung nicht berücksichtigt, daß das Ge­wissen in bezug auf bestimmte Situa­tionen reagiert und nicht bloß als Inbe­griff feststehender absoluter Prinzipien gelten kann. Anläßlich des Urteils des Bundesverfassungsgerichts zum Kriegsdienstverweigerungs-Neu-[37]ordnungsgesetz, das am 24. April 1985 erging, haben zwei Bundesverfassungs­richter einen derartig verengten Gewissensbegriff als unzutreffend, fragwür­dig und verkennend kritisiert (vgl. BVerfGE 69,57ff, bes. 77f; vgl. Tödt/Eckertz 480-487).

(e) Wie Situationen im sittlichen Urteil vereinfacht in den Situationssche­mata erfaßt werden, so auch Verhaltensweisen in Verhaltensschemata. Mit­menschen tragen an jeden schematisier­te Verhaltenserwartungen heran, mu­ten ihm Rollen im Interaktionsgefüge zu und setzen ihn unter eine Rechtfer­tigungsnötigung, wenn er diesen Erwartungen nicht entspricht. In plurali­sti­schen Gesellschaften sind diese Verhaltensschemata keineswegs einheitlich und übersicht­lich. Schon dieser Umstand nötigt zur kritischen Selektion, also zur Überlegung und Entschei­dung, welche Verhaltensalternative der Urteilende wählen sollte. Er selbst ist gefordert, sich zu entscheiden, sei es bloß nach Gesichtspunkten der Tradition oder gar der Opportunität oder nach solchen, die er im sittlichen Urteil erarbeitet. Dieses Urteil aber wird Bezug nehmen auf die sittlichen Normen, die in seiner Lebenswelt gültig sind. Solche Normen helfen, unter den möglich erscheinenden, situationsge­rechten Verhaltensalternativen diejenige auszuwählen, die den sittlichen Vorzug verdient.

4. Prüfung von Normen, Gütern und Perspektiven: Viertes Sachmoment

(a) Einleitend habe ich darauf hingewiesen, daß in der philosophischen und der katholisch-theologischen Ethikdiskussion die Verfahren zur Begrün­dung sittlicher Normen eine zentrale Funktion haben. In den von protestan­tischen Verfassern konzipierten Teilen des oben ange­führten Handbuchs der Ethik aber spielen sie durchweg eine ganz untergeordnete Rolle oder werden gar nicht behandelt (vgl. Bd. II Register 543). Darin dürfte sich ausdrücken, daß Nor­men nicht als oberste sittliche Kriterien aufgefaßt werden sollen. Aber sie haben als Sachmo­ment im sittlichen Urteil eine unumgängliche Funktion; denn die sozialen Verhaltensweisen von Menschen folgen im Re­gelfall Normen in einem weiten Sinne. In ihnen kommen die Regeln zum Ausdruck, die im Alltagsleben von Gruppen und Gesellschaften ausgehan­delt worden sind und eine mehr oder weniger große Geltung erlangt haben. Sittliche Normen sind im Zusammenhang von Institutionen, Rollen, sozia­len Beziehungsgefügen, regelmäßigen Interaktionsabläufen zu verstehen. Sie stehen nicht selten zueinander in Spannung oder konf­ligieren gar miteinan­der, so daß es bestimmter Meta-Kriterien bedarf, um das zwischen ihnen Strittige zu entscheiden und ihnen die Chance einer weiterreichenden Zu-[38]stimmung und Be­folgung zu sichern. Diese Alltagsnormen sind vielfältig an gesellschaftliche und geschicht­li­che Erfahrungen und so auch an naturale Grundkomponenten zurückgebunden, teilen aber auch die Problematik ent­fremdeter oder ungerechter gesellschaftlicher Zustände, zum Beispiel indem sie klassen- und schichtenspezifisch strukturiert sein können.

Es empfiehlt sich nicht, eine Theorie sittlicher Urteile durch ausschließli­che Benutzung des Norm-Begriffes zu verengen. Urteile werden auch ge­wonnen im Blick auf Güter, die in be­stimmten Situationen den Vorrang ver­dienen. Außerdem ist für sie von grundlegender Bedeu­tung die Nachfrage, in welcher Perspektive auf die Wirklichkeit sie gewonnen werden. Wer das Geschehen durch bestimmte Gesetzmäßigkeiten vollständig determiniert sieht, wird an­ders urteilen als der, der seine Wirklichkeit als eine offene kon­struiert. Aber im Zusammen­hang dieses Abschnittes mag es genügen, die Be­deutung von Normen für die Wahl von Ver­haltensoptionen darzustellen. Normen in diesem weiten Sinne sind sprachlich formulierbare Verhaltensdi­rektiven.

(b) Da Normen tief in die gesellschaftliche Wirklichkeit hineinverflochten sind, stößt bereits jede Situationsanalyse und jede Erörterung von Hand­lungsalternativen auf normative Ele­mente – und die Analyse selbst ist durch normative Elemente mitbestimmt –, da die Selektion, die zum Situations­schema führt und die denkbaren Verhaltensschemata aussondert, selbst nicht wertfrei ist. Die Normenprüfung bringt also zunächst nichts Neues hinzu, sondern be­treibt die Klärung eines Sachmoments, das bei allen Stadien des Urteils Verlaufs immer schon mitgespielt hat. Neu ist bei diesem vierten Sach­moment nur, daß nun die Frage nach dem sittlichen Geltungsanspruch der immer schon mitspielenden Normen so kritisch gestellt wird, daß sie (im Ur­teilsentscheid) zu einer Antwort gebracht werden kann. Dabei geht es nicht um die allgemeine Geltung von Normen, sondern um die Geltung der betei­ligten spezifischen Verhaltensnormen angesichts des spezifischen Problems in der bestimmten Situation.

(c) Eine spezielle Leistung von Normen ist die der Verknüpfung. Hat man ein Problem in der Situation, der es sich verdankt, analysiert (Situations­schema) und hat man die möglichen Verhaltensalternativen (Verhaltenssche­mata) herausgearbeitet, so ergibt sich die Frage, welcher der möglichen Ver­haltensalternativen der Vorzug zu geben ist. Diese Wahl wird mit Hilfe einer Norm entschieden. Aber solch eine Norm kann eine rein technisch-pragma­tische sein: Mancher entscheidet sich zum Beispiel für eine Verhaltensalter­native, weil sie den größ­ten Profit verspricht – ohne Rücksicht auf negative soziale und humane Nebenfolgen. Die ausschlaggebende Norm ist dann die der Profiteffizienz. Im sittlichen Urteil hingegen wird jede derartige sekto-[39]rale Norm integriert in eine umfassendere, welche sich am Begriff des Huma­nen als freier Verwirklichung der Menschlichkeit des Menschen orientiert – worin ein Maßgeblich-Letztes als definitiver Sinnbezug für menschliches Verhalten ausgesprochen wird. Indessen muß gerade die Bezugnahme auf ein Letztes, das uns schlechthin angeht, eben dahingehend konkretisiert werden, daß es den Ausschlag zu geben vermag für die Bevorzu­gung einer speziellen Norm, welche die Entscheidung zwischen möglichen Handlungsalter­nativen herbeiführt. Es muß also immer wieder eine Norm gefunden oder gewonnen werden, welche das am Problem orientierte Situationsschema mit einem der möglichen Verhaltens­schemata so verknüpft, daß der daraus entspringende Entscheid dem Urteilenden als sittlich verantwortbar und begründbar er­scheint.

Wenn dieses die Aufgabe der Normenprüfung ist, so wird es oft nicht darum gehen, unter vorgegebenen Normen (in denen sich Erfahrungen nie­derschlagen) eine auszuwählen, sondern gegebenenfalls im Urteil eine neue zu gewinnen – so wie Luther einmal erklärt hat, Christen seien im Glauben ermächtigt, auch neue Dekaloge zu entwerfen, die klarer seien als der des Mose (s. WA 39 I, 47). Sittlichkeit muß im Sinne dieser situationszugewand­ten Ermächtigung begriffen werden. Das entspricht dem, daß die soziale Wirklichkeit auch immer Entwurfscha­rakter hat und der Mensch nicht fest­gelegt, sondern ein offenes Lebewesen ist.

Daher ist der Festlegung auf eine formulierte Norm oft die Beschreibung der Grenzen eines Spielraumes, innerhalb dessen sittlich gebotene Verhal­tensweisen sich bewegen, vorzuziehen. Es wird dann nicht eine direkte Ver­haltensdirektive gegeben, sondern nur veranschaulicht, wo ein dem sittlichen Verhalten angemessener Spielraum verlassen wird. So hat Gerhard von Rad in seiner »Theologie des Alten Testaments« erklärt: »Im übrigen sind diese Gebote (in Israel) ja weit entfernt, so etwas wie ein Ethos zu umreißen; viel­mehr bezeichnen sie in ihrer negati­ven Formulierung doch nur Möglichkei­ten, die an der äußeren Peripherie des menschlichen Lebenskreises liegen, nämlich Praktiken, die Jahwe absolut mißfällig sind.« Die Normen sind dann Markierungen an den Grenzen des heilvollen Lebens, nicht aber Verhaltens­direktiven innerhalb des durch Jahwes Zuwendung eröffneten Spielraumes für das Verhalten in Israel (von Rad 405f).

5. Prüfung der sittlich-kommunikativen Verbindlichkeit von Verhaltensoptionen: Fünftes Sachmoment

(a) In Kants Moralphilosophie ist das Urteil nur ein sittliches, wenn die darin maßgebende Maxime – als subjektives Prinzip – in Übereinstimmung ge-[40]bracht wird mit dem »Ge­setz«, das als objektives Prinzip für jedes vernünf­tige Wesen soll gelten können. Aus dieser Übereinstimmung ergibt sich die Verbindlichkeit des sittlichen Urteils und des ihm entsprin­genden Verhal­tens. Wo aber die metaphysische Begründung der Vernunft als vorgegebener Einheit zugunsten der Geschichtlichkeit der Vernunft entfällt, kann Ver­nunft für sich die allgemeine Verbindlichkeit sittlicher Urteile als für jeden Menschen gültig nicht mehr be­gründen. Das ist heute der Fall. Zieht man die Eigenart der jeweils spezifischen Situation und der lebensge­schichtlichen Prägung der Identität in Betracht, so scheinen moralische Urteile partikular zu werden. Demgegenüber ist dennoch festzuhalten, daß Urteile nur dann sittlich im vollen Sinne des Begriffes sind, wenn sie die Aussage provozieren: Jeder Mensch sollte in dieser Situation und unter gleichen lebensgeschichtli­chen Voraussetzungen sich so verhalten, wie es der in Aussicht genommene Urteilsentscheid gebietet; denn etwas, was uns unbedingt angeht, ist nicht dem Belieben des Individuums anheimgestellt, sondern realisiert den Bezug auf ein Maßgeblich-Letztes, welches zugleich die Einheit der Menschen in ih­rer Menschlichkeit gewährleistet. Nicht aus der Vernunftnatur des Menschen ist dann freilich das Verbindliche, das unbedingt angeht, abzuleiten, sondern aus der zum konkreten Menschsein gehörigen Ver­antwortung.

(b) Unbeschadet der Individualität einer jeden Person ist die Auffassung ausgeschlossen, daß es für die Sittlichkeit des Urteils genüge, wenn jedes In­dividuum nur in Übereinstimmung mit seinem Gewissen und seinem eigenen Wirklichkeitsverständnis sich entscheide und dort, wo es nur diese Überein­stimmung gewinne, der Güte seiner Entscheidung gewiß sein könne. Bei ei­nem solchen Konzept könnten nur einzelne Personen für sich die Autoren sittlicher Urteile sein; das entspricht einem individualistischen Freiheitsbe­griff.

(c) Demgegenüber ist geltend zu machen, daß in sehr vielen Situationen nicht nur einzelne Personen, sondern Gruppen von Personen von einem Pro­blem betroffen sind und zu sittlicher Urteilsbildung und einem entsprechen­den Verhalten herausgefordert werden. In dem hier fälligen Interaktionsprozeß ist freilich, wenn er zu einem gemeinsamen sittlichen Urteil führt, das Urteilen jedes einzelnen ebensowenig zu entbehren, wie etwa in der christli­chen Gemein­de das gemeinsame Glaubensbekenntnis den Glauben eines je­den entbehrlich machen könnte. Die gemeinsame Einsicht in die Verhaltens­weisen, die angesichts dieses Problems in dieser Situation zu verantworten wären, erlaubt und gebietet es, das sittliche Urteil als ein gemeinsa­mes zu er­arbeiten und zu vertreten. Voraussetzung für diese Auffassung ist, daß Frei­heit nicht als Inbegriff der Selbstrealisierung der Subjektivität und nicht als bloß individuelle Selbstbe­stimmung, sondern als kommunikative Freiheit [41] begriffen wird; nämlich so, daß die Indi­viduen die Freiheit der anderen nicht bloß – was dem modernen Rechtsdenken naheliegt – als Be­schränkung der ei­genen Freiheit erfahren, sondern zugleich als deren Ermöglichung. Nur wo sich derartige Kommunikation ereignet, sind gemeinsame Urteile als sittliche möglich. Gäbe es aber keine gemeinsamen sittlichen Urteile, so könnte man freilich auch nicht von unsittli­chen Entscheidungen von Gremien, Gruppen und Vertretern von Institutionen sprechen.

6. Der Urteilsentscheid: Sechstes Sachmoment

(a) Die Bewegung, die von einem Problem, das als ein sittliches wahrgenom­men ist, ausgelöst wird, erlahmt entweder in sittlicher Unentschlossenheit oder mündet in einen Entschluß, der ein Fazit zieht aus dem Erwägen und Verknüpfen der vorangehenden Sachmomente. Wir nennen dieses Fazit den Urteilsentscheid, wobei darauf angespielt wird, daß hier eine (urtei­lende) ko­gnitive Einsicht und ein (willentlicher) verhaltensbestimmender Entschluß zusam­menkommen. Der sittliche Urteilsentscheid schließt ein, daß der Ur­teilende sich selbst zu einem Verhalten bestimmt, das heißt zu einem Tun und Lassen, das seiner Identität und Inte­grität gerecht wird, für das er also einzu­stehen bereit ist.

(b) Theorie und Beratung können nicht vorwegnehmen, was im Akt des Urteils inhaltlich zum Entscheid kommt. Aber Beratung kann Empfehlun­gen geben, auf Konsequenzen aufmerksam machen, durch Vorschläge Lö­sungsangebote vorlegen. Das sittliche Urteil selbst kann nur fällen, wer sich selbst durch dieses Urteil bestimmt, so daß er in seinem Verhalten es zu ver­antworten bereit und verpflichtet ist; denn dem Urteilsentscheid eignet ange­sichts der Unvor­hersehbarkeit von Verhaltensfolgen und angesichts einer letzten Undurchsichtigkeit eigener Maximen sowohl der Charakter des Wag­nisses wie der möglichen Schuld.

(c) Lassen sich Regeln für die Verknüpfung der Sachmomente 1-5 im Ur­teilsentscheid auf­stellen? Läßt sich ein Schematismus finden, dem die Inte­gration aller Momente im Urteils­entscheid folgt? Kant hat in seiner Theorie der Erfahrung den Schematismus aufgewie­sen, in welchem empirisches An­schauungsmaterial mittels der Verstandesbegriffe (Kategorien) und Ver­nunftideen sowie der transzendentalen Einheit der einen Apperzeption zur Synthesis gebracht wird. Derartige Urteile beziehen sich aber auf das, was ist, sittliche Urteile hingegen auf etwas, was sein soll und nicht induktiv aus dem, was ist, abgeleitet werden kann. Daher haben wir den sittlichen Urteilsent­scheid als konstruktiven Verhaltensentwurf zu betrachten, der in kreativer Synthese die Sachmomente zusammenbringt. [42]

Schon deshalb, weil eine Selbstbestimmung des Willens beteiligt ist, kann der Urteilsent­scheid nicht das Ergebnis einer bloß »logischen« Verknüpfung der Sachmomente sein. Aber der Urteilsentscheid ist auch nicht eine dezisionistische Entscheidung des Willens abgesehen von allen Kriterien außer de­nen, die er im Entscheidungsakt selbst hervorbringt. Er sucht vielmehr An­halt an den kognitiven Elementen, die in der Problemwahrnehmung, Situa­tions­analyse, Prüfung möglicher Verhaltensalternativen, einschlägiger Nor­men und kommunika­tiver Verbindlichkeit herausgearbeitet worden sind. Ist er zwar ein kreativer Akt, so hat er doch seine Grenze am Kompatibilitäts­prinzip: Er kann ein Verhalten nur als sittlich sich zu eigen machen, wenn es mit dem im Urteilsverlauf Erkannten vereinbar ist – auch wenn der Entschluß zu diesem Verhalten nicht nur als logische Folge aus der Verknüpfung der Sachmo­mente zu deduzieren ist. Die Orientierung am Kompatibilitätsprin­zip in der integrativen Verknüpfung trägt dem Rechnung, daß unsere Le­benswirklichkeit sich uns einerseits nicht durchgängig rational erschließt und doch auch nicht jeder Einsicht verschlossen bleibt. Wollte der sittlich Ent­scheidende die volle Wirklichkeitsangemessenheit dessen, was seinem Ent­scheid zufolge sein soll, unterstellen, so müßte er der Zukunft mächtig sein. Am Anfang des zweiten Abschnitts der Schrift »Der Streit der Facultäten« bemerkt Kant: »Wie ist aber eine Geschichte a priori möglich? – Antwort: wenn der Wahrsager die Begebenheiten selber macht und veranstaltet, die er zum voraus verkündigt« (A 132; Weischedel VI 351). Allen Ankündi­gungen des 19. Jahrhunderts zum Trotz, daß sich der Mensch nunmehr zum Subjekt seiner Geschichte aufschwinge, hat die menschliche Lebenswelt bisher nicht den Charakter der um­fassenden Durchsichtigkeit für menschliches Erkennen und der Durchlässigkeit für menschli­ches Planen angenommen.

III. Voraussetzungen und Konsequenzen des Schemas sittlicher Urteilsfindung

1. Sich-verhalten-zu, als Leitbegriff des Theoriekonzepts

Die vorangehenden Überlegungen beschränken sich, wie schon gesagt, auf Urteile, die ein durch Probleme herausgefordertes sittliches Verhalten betref­fen. Nur ein Teil des Objektbe­reichs ethischer Theorie wurde dabei ins Auge gefaßt, wenn auch ein bisher kaum in der Ethik-Diskussion erörterter. Jetzt sollen die Ergebnisse noch zu einigen wichtigen Traditionen der Ethik in ein Verhältnis gesetzt werden, freilich nur mit solchen, an denen konkrete sittli­che Urteile einen Anhalt finden. Unerörtert bleiben dabei die materialen [43] Grundlegungs­fragen heutiger Ethik (z. B. Begründungen der Geltung von Normen und obersten sittlichen Krite­rien) und die Grundformen heutigen ethischen Argumentierens (z. B. sprach- oder normanaly­tische, empirische oder transzendentalanthropologische).

Den Begriff des Sich-verhaltens-zu (vgl. oben, I 3) habe ich als Leitbegriff bei der Ausarbei­tung des ethischen Konzepts sittlicher Urteilsbildung ge­wählt, weil in ihm nicht nur die drei Aspekte Handeln, Leiden und Erfahren sowie Identität zusammenkommen, sondern weil er auch einen reflexiven Selbstbezug einschließt. Es muß grundlegend mitbedacht werden, daß der sittlich Urteilende und Sich-Verhaltende dabei auch immer sein Verhältnis zu sich selbst mitbestimmt und mit aufs Spiel setzt. Der Begriff des Handelns ist, wiewohl er das Moment des Selbstbewußtseins einschließen kann, dafür we­niger geeignet, zumal er sittliches Verhal­ten zu sehr auf überwiegende Akti­vität festlegt und Empfänglichkeit nicht mitthematisiert.

2. Komplementäre Zuordnung von Güter­und Tugendethik zur Verantwortungsethik

Seit seinen »Grundlinien einer Kritik der bisherigen Sittenlehre« 1803 hat Schleiermacher mehrfach den formalen ethischen Grundbegriffen die Drei­teilung »Pflicht/Tugend/Gut« gege­ben. Unter jeden der drei Grundbegrif­fe lasse sich das Sittliche ganz darstellen, freilich je­weils unter einem ande­ren Gesichtspunkt, wobei für Schleiermacher selbst der Begriff des (höch­sten) Gutes der maßgebende ist, weil nur in ihm der hervorbringende, der produzierende Charakter des Sittlichen recht zur Geltung komme, während Tugendlehre die Gefahr des Sub­jektivismus, Pflichtenlehre aber die der un­produktiven Gesetzlichkeit nahelege. Schleierma­chers Dreiteilung hat kräf­tig weitergewirkt und gibt auch heute sinnvolle Gesichtspunkte her.

Es ist überaus bezeichnend, daß das erwähnte »Handbuch der christlichen Ethik« 1978 bei den Grundlegungsfragen auf die Doppelheit von Tugenden (Werthaltungen) und Güterwerten rekurriert (vgl. Bd. 176f, 124f), aber nicht die Überlegungen einer Pflichtethik zur Geltung bringt. Offensichtlich wird ein Pflichtgesetz zu sehr als Statthalter eines traditional-hetero­nomen Den­kens verstanden, das der ethischen Rationalität der Neuzeit widerspricht. Denn wo ein materiales Pflichtgesetz – nicht nur ein formales, wie bei Kant – in Geltung ist, da wird offenbar vorausgesetzt, daß die Lebenswelt adäquat von diesem Pflichtgesetz her geordnet werden kann, weswegen schon Schlei­ermacher den Vorwurf erhob, es würden – da das Gesetz nichts produziere – dem Sein vom Sollen her unzulässige Beschränkungen auferlegt.

Nun kommt aber weder im Tugendbegriff noch im Güterbegriff der unbe-[44]dingte sittliche An­spruch und also die Verantwortlichkeit des Menschen so zum Ausdruck wie im Pflichtbe­griff. Das oben genannte Handbuch ver­knüpft in Band I die Frage nach der Verbindlichkeit des Sittlichen mit seiner Norm-Theorie. Die sittliche Sprache der Gegenwart, mindestens im deutschsprachigen Raum, hat offensichtlich den Begriff der Verantwortung die Nachfolge des Pflichtbegriffs antreten lassen. Worin liegt der Unter­schied? Offenbar darin, daß ein veränder­tes Verhältnis von sittlichem Sub­jekt und der ihm begegnenden Wirklichkeit vorausgesetzt wird. Für das Pflichtgesetz wird die Wirklichkeit zum Material der Pflicht; ihr werden die aus dem Sollen des Pflichtgesetzes entspringenden Handlungen und Verhal­tensweisen aufgeprägt, ohne daß thematisiert wird, was diese Wirklichkeit von sich aus zu sagen hat. Bei Max We­ber, der besonders wirksam den Begriff der Verantwortungsethik verbreitet hat, heißt Verant­wortung vor der Zu­kunft zu übernehmen: sich intensiv auf die Wirklichkeit und das in ihr Mög­liche einzulassen und dabei die Folgen des eigenen Tuns als etwas zu betrach­ten, was dem Täter zugerechnet wird, wofür er sittlich einzustehen hat. Tu­gendhaftes Handeln – in Übereinstimmung mit der eigenen Gesinnung und geprägten Werthaltung zu bleiben – genügt also nicht, um sittlich zu handeln. Vielmehr müssen die Folgen des Zusammenspiels von eige­nem Verhalten und konkreter Wirklichkeit verantwortet werden.

Der Begriff der Güter bzw. der Güterabwägung ist beim Überdenken ver­antwortlichen Ver­haltens zwar unentbehrlich, stellt aber nur einen Teil­aspekt dar, weswegen Franz Böckle den Begriff der »präsittlichen« Güter be­tont: »als Güter verstehen wir reale Gegebenheiten, die unabhängig vom per­sönlichen Denken und Wollen existieren. … Sie sind verantwortlichem menschlichen Handeln zur Beachtung aufgegeben« (Böckle 259, vgl. Anm. 4).

Meiner Auffassung sittlicher Urteilsfindung entspricht eine Theorie der Ethik, welche sich primär am Begriff der Verantwortung orientiert und kom­plementär die Begriffe Tugend und Güter(abwägung) heranzieht.

3. Zur Differenz von Pflicht- und Verantwortungsethik

Inwiefern entgeht eine am Begriff der Verantwortung orientierte Ethik den Beschränkungen der Pflichtethik? Georg Picht hat gezeigt, daß der Begriff der Verantwortung in der heutigen Moralsprache aus der Säkularisierung ei­nes ursprünglich christlich-eschatologischen Begriffes hervorgegangen ist (Picht 318ff). Man geht über den Pflichtbegriff nicht hinaus, wenn man sich zu einem Verhalten entschließt, das durch geregelte Zuständigkeit, zum Bei­spiel inner­halb von Institutionen, geboten ist. Der Beamte kann nicht für et­was »verantwortlich« ge­macht werden, wofür er nicht zuständig war oder [45] ist. Im modernen Lebenszusammen­hang aber fallen ständig Probleme an, für die keiner oder noch keiner in vollem Umfang zu­ständig ist. Was sich vieler­orts zeigen läßt, tritt zum Beispiel in der ökologischen Krise der Gegen­wart deutlich hervor. Hier drängt sich die Frage auf, wer denn sittlich dafür ver­ant­wortlich sei, daß künftige Generationen zureichende Lebensbedingungen auf der Erde vorfin­den. Die Auf­gabe, die Fortsetzung der menschlichen Ge­schichte zu ermöglichen, verweist uns auf dieje­nigen, die dazu beizutragen vermögen. Ihnen fällt sittliche Verantwor­tung in dieser Sache zu. Das erfor­dert eine neue Betrachtung des Verhältnisses von Subjekt und Umweltge­schehen. Picht formuliert etwas überspitzt: »Nicht das Subjekt setzt sich die Aufgabe, sondern die Aufgabe konstituiert das Subjekt« (337). Menschen streben unbeküm­mert um das Schick­sal kommender Generationen ihrem größtmöglichen Wohlbefinden nach – sie unterlassen dann aber die Wahr­nehmung von etwas, wofür nach sittlichem Urteil ihnen objektiv eine Mit­verantwortung zugerechnet werden muß, sofern die Menschlichkeit des Menschen als etwas gilt, was uns unbedingt angeht. Demnach leitet Verant­wortungsethik im Unterschied zu einer Pflicht- und Zuständigkeitsethik dazu an, sensibel und produktiv sich auf die Herausfor­de­rungen einzulassen, welche aus dem Geschehen heraus das wahrnehmende Subjekt treffen und es als verantwortliches konstituieren.

4. Verantwortung als säkularisierter und als theologisch entschlüsselter Begriff

Der Begriff der Verantwortung in diesem Sinne ist offensichtlich säkular ar­gumentierender ethischer Vernunft zugänglich, wie auch das Beispiel des de­zidierten Nicht-Christen Max Weber zeigt; in der ihm zufallenden Verant­wortung vor der Zukunft findet Weber das, was ihn »unbedingt angeht«. Ich habe anfangs angemerkt, daß ich von einer theologischen Theorie des Ethi­schen ausgehe. Sofern philosophische und theologische Argumentationen den Begriff Verantwortung benutzen, scheinen sie wechselseitig kommunikabel, »anschlußfähig« zu sein. In der Tat erlaubt der historisch-genetische Nachweis, daß Verantwortung ursprünglich ein christlich-eschatologischer Begriff ist, nicht den Schluß, daß er in seiner Bedeutung und Gel­tung nur theologisch begründet werden könne. Der Theologe wird vielmehr aufmerk­sam verfolgen, wie der Philosoph die Geltung eines solchen Begriffs begrün­det. Weber endet bei einem dezisionistischen Argument: »Ob man als Gesinnungsethiker oder als Verantwortungs­ethiker handeln soll, und wann das eine und das andere, darüber kann man niemandem Vor­schriften machen« (siehe das Ende des Vortrags »Politik als Beruf«). Einem christlichen Wirk-[46]lichkeitsverständnis entschlüsselt sich Webers scheinbar rational nicht be­gründbare Option als etwas, was theologisch einen stringenten Sinn hat: Ver­steht man den Menschen als das Wesen, das auf Gottes Anruf antwortet und das so vor Gott verantwortlich ist, und sieht man durch die Inkarnation Jesu Christi und die ihrem Sinn entsprechende Schöpfung den Menschen in eine verbindliche Solidarität mit seinen Mitmenschen und aller Mitkreatur ver­wiesen, so erscheint »begründet«, daß er vor Gott, vor der Mitwelt und vor sich selbst – das heißt in dem sein Sein konstituierenden Beziehungsgefüge – sich veranlaßt sieht, über sein Verhalten Rechenschaft abzulegen, sich ver­antwortlich zu wissen und dementsprechend sich zu verhalten.

5. Sittliche Urteilsfindung im Verhältnis zu christlicher Ethik

Es wird kaum ein Zufall sein, daß bisher in den Traditionen evangelischer Ethik keine Theorie sittlicher Urteilsfindung ausgebildet worden ist. Einige theologische Gründe, die einem sol­chen Unternehmen hemmend im Wege zu stehen scheinen, sollen hier genannt werden. Dabei ist freilich auch zu be­rücksichtigen, daß die philosophische Ethik, sei es daß sie an deutsch­spra­chige Konzepte der Philosophie oder auch an angelsächsische Konzepte mit ihrer Nei­gung zur analytischen Ethik angeknüpft hat, bisher keine derartige Theorie entwickelt hat.

Dietrich Bonhoeffers »Ethik« beginnt in ihrer Neuausgabe 1962 mit den Sätzen: »Das Wissen um Gut und Böse scheint das Ziel aller ethischen Besin­nung zu sein. Die christliche Ethik hat ihre erste Aufgabe darin, dieses Wis­sen aufzuheben« (E 19). Bonhoeffer bezieht sich hier auf die biblischen Aus­sagen, daß der Mensch sich nicht damit begnügte, alle Lebensorientierung aus Gottes Hand und Schöpfung entgegenzunehmen, sondern im Sündenfall für sich das Recht beanspruchte, selbst zwischen Gut und Böse zu unterschei­den und dementsprechend selbst zu wählen. Das Wissenwollen um Gut und Böse liegt also an der Wurzel der Entzwei­ung zwischen Mensch und Gott, Mensch und Mitmensch sowie Mensch und Mitwelt. »Um Gut und Böse wissen heißt sich selbst als Ursprung von Gut und Böse, als Ursprung einer ewigen Wahl und Erwählung wissen« (E 21). So muß man fragen, ob eine Theorie sittlicher Urteile nicht in sich selbst schon eine Verstärkung dieses verkehrten Wissenwollens um Gut und Böse ist, ist sie doch eine Theorie in der Situation des Menschen in der Entzweiung.

So sorgfältig die Bedeutung der Sünde für sittliches Wissen und Verhalten zu bedenken ist, so entschieden fordert doch auch die biblische Botschaft dazu auf, zu »prüfen, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute, das (vor Gott) [47] Wohlgefällige und das Vollkommene« (Röm 12,2). Die Aufforderung an die Christen, selbst zu prüfen, wird implizit vielmals und explizit an etli­chen Stellen des Neuen Testaments formuliert (Phil 1,10; vgl. 4,8; 1Thess 5,21; Lk 12,56f; Apg 4,19 u. ö.). Die paulinischen Briefe an seine Gemeinden enthal­ten geradezu paradigma­tische Anleitungen zur Urteilsbildung in den Ge­meinden, ohne daß in ihnen Fragen des Glaubens und des sittlichen Verhal­tens auseinandergerissen würden (vgl. 1Kor 8-10; Röm 14). Durch das Kommen des Glaubens haben die Christen also die Vollmacht, mitten in ei­ner von Sünde gezeichneten Welt zu prüfen, zu urteilen und entsprechend zu handeln. Dieses Handeln und Verhalten geschieht aber nicht im eigenen Na­men, sondern aufgrund der Gna­dengaben Gottes in Christus. Darum stehen den sittlichen Imperativen die indikativischen Aussagen über die Vergebung und Versöhnung, die Gaben des Heils in Christus, die Bevoll­mächtigung durch den Geist voran. Sittliche Normen von Christen, so sehr sie auch auf die in der heidnischen Umwelt geltenden Sitten Rücksicht zu nehmen haben, haben also einen Grund, der jenseits aller nur möglichen sittlichen Argumen­tationen liegt. Die zweite These der Barmer Theolo­gischen Erklärung formu­liert in diesem Sinne, daß Gottes Zuspruch der Ver­gebung aller unserer Sün­den mit »Gottes kräftigem Anspruch auf unser ganzes Leben« ver­bunden ist. Im Rahmen der Theologie wird eine Theorie sittlicher Urteilsfindung der Klärung dienen, wie Gottes heilsamer Anspruch auf unser Leben den Men­schen bis in die Konkretio­nen seines Sich-Verhaltens zu Mitmensch, Mitwelt und Selbst begleitet und bewegt. Es war die Schwä­che evangelischer Theolo­gie und Ethik im 20. Jahrhundert, daß sie entweder Kon­kretionen scheute, oder doch nicht aufzuweisen vermochte, welche Schritte getan, welche Sach­momente bedacht werden müssen, wenn konkrete Urteile und Entscheidun­gen zugleich zu Antworten auf Gottes Zuspruch und Anspruch werden sol­len. Diesem Defizit evangeli­scher Ethik ent­gegenzuwirken dient auch eine Theorie sittlicher Urteilsfindung.

Literatur
Böckle, F., Fundamentalmoral, München 1977 u. ö.
Bonhoeffer, D., Ethik, hg. v. E. Bethge, Neuausgabe, München 1963 u. ö. (zitiert als: E)
Hertz, A., Korff, W., Rendtorff T., Ringeling, H., (Hg.), Handbuch der christlichen Ethik, Bd. I–III, Freiburg i. Br./Gütersloh 1978 u. 1982
Höffe, O., Ethik und Politik. Grundmodelle und -probleme der praktischen Philosophie, Frankfurt a. M. 1979
Kamlah, W., Philosophische Anthropologie. Sprachkritische Grundlegung und Ethik, Mann­heim/Zürich 1972
Kant, I., Werke in sechs Bänden, hg. v. W. Weischedel, Darmstadt 1956ff [48]
Kluge, F., Götze, A., Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Berlin 1951 u. ö.
Luhmann, N., Pfürtner, St. H., Theorietechnik und Moral, Frankfurt 1978 (zitiert als: Pfürtner)
Luther, M., Werke, Weimarer Ausgabe, Weimar 1883ff (zitiert als: WA)
Picht, G., Wahrheit, Vernunft, Verantwortung. Philosophische Studien, Stuttgart 1969, 318-342: Der Begriff der Verantwortung
Rad, G. von, Theologie des Alten Testaments, Bd. II: Die Theologie der prophetischen Über­lieferung Israels, München 1960
Tödt, H. E., Das Menschliche im Menschen als Frage an heutige theologische Ethik, in: Ders., Das Angebot des Lebens, Gütersloh 1978, 15-36 (zitiert als: Tödt 1978)
Tödt, H. E., Kriterien evangelisch-ethischer Urteilsfindung. Grundsätzliche Überlegun­gen angesichts der Stellungnahmen der Kirchen zu einem Kraftwerk in Wyhl am Ober­rhein, in: Ders., Der Spielraum des Menschen, Gütersloh 1979, 31-80 (zitiert als: Tödt 1979)
Tödt, H. E., Eckertz, R., Friedenssicherung und Bundeswehr im Schulunterricht – Gewis­sens­bildung oder Indoktrination, in: Kritische Justiz 19 (1986), 480-487 (zitiert als: Tödt/ Eckertz)
Weber, M., Politik als Beruf, in: Gesamtausgabe 1984ff, hg. v. H. Baier, M. R. Lepsius u. a., Abt. I (Schriften und Reden), Bd. 17, hg. v. W. Schluchter

Quelle: Heinz Eduard Tödt, Perspektiven theologischer Ethik, München: Chr. Kaiser, 1988, S. 21-48.

Hier der vollständige Text Heinz Eduard Tödt – Versuch einer ethischen Theorie sittlicher Urteilsfindung als pdf.

Und hier der Vortrag von Heinz Eduard Tödt „Versuch zu einer Theorie ethischer Urteilsfindung“ von 1976 als pdf.

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