Heinz Eduard Tödt – Versuch einer ethischen Theorie sittlicher Urteilsfindung (vollständiger Text)

Stufen Urteilsfindung Tödt

Heinz Eduard Tödts „Versuch einer ethischen Theorie sittlicher Urteilsfindung“, zum ersten Mal 1977 in der ZEE 21 (S. 81-93)  erschienen, ist für den evangelischen Religionsunterricht in der gymnasialen Oberstufe wie auch für die Beratung in Sachen angewandte Ethik ein kanonischer Text. Dabei wird in der Regel nur das sechsstufige Schema skizzenhaft wiedergegeben. Es lohnt sich den Aufsatz ganz zu lesen, den Tödt mit den Worten beschließt:

„Im Rahmen der Theologie wird eine Theorie sittlicher Urteilsfindung der Klärung dienen, wie Gottes heilsamer Anspruch auf unser Leben den Menschen bis in die Konkretionen seines Sich-Verhaltens zu Mitmensch, Mitwelt und Selbst begleitet und bewegt. Es war die Schwäche evangelischer Theologie und Ethik im 20. Jahrhundert, daß sie entweder Konkretionen scheute, oder doch nicht aufzuweisen vermochte, welche Schritte getan, welche Sachmomente bedacht werden müssen, wenn konkrete Urteile und Entscheidungen zugleich zu Antworten auf Gottes Zuspruch und Anspruch werden sollen. Diesem Defizit evangelischer Ethik entgegenzuwirken dient auch eine Theorie sittlicher Urteilsfindung.“

Schema der Sach- und Verlaufsstruktur sittlicher Urteile

Von Heinz Eduard Tödt

Unter »Schema« verstehe ich hier die methodisch geordnete Grundrißdarstellung des Sich-verhaltens-zu, wie es sich in Akten wie dem sittlichen Urteil vollzieht. Ein solches Schema sollte (1) alle Sachmomente, die im Begriff des sittlichen Urteils enthalten sind, darstellen, (2) keine überflüssigen Sachmo­mente einführen, (3) die Verknüpfung der Sachmomente sichtbar machen.

Das Schema kann voraussetzen, aber braucht – als sachlogische, nicht psy­chologische Glie­derung – nicht zu berücksichtigen, daß die faktische Urteils­bildung in aller Regel ein iterati­ver Prozeß sein dürfte, in welchem die einzel­nen Sachmomente des gedanklichen Urteilsver­laufs mehrfach und in ver­schiedener Reihenfolge ins Spiel kommen und durch ihre wechsel­seitige Be­leuchtung immer schärfer herausgearbeitet werden, bis es zum Urteilsent­scheid kommt.

  1. Wahrnehmung, Annahme und Bestimmung eines Problems als eines sittlichen: Erstes Sachmoment

Es geht hier um das Moment, das die Urteilsbildung in Gang setzt, nämlich die Wahrnehmung eines konkreten Problems als eines den Urteilenden sitt­lich betreffenden.

(a) Menschen werden ständig durch Anforderungen, die von außen und in­nen – in ver­schränk­tem Wechselspiel – an sie herantreten, zu Reaktionen her­ausgefordert. Indessen geben sich die meisten Probleme als sektorale Pro­bleme, die technisch, ökonomisch, politisch, medi­zinisch, juristisch, also »praktisch« gelöst sein wollen und entsprechende Sachkompetenz for­dern. Probleme wollen in ihrer Eigenart und Begrenzung erkannt sein als eine Auf­gabe, der mit geeigneten Mitteln möglicherweise beizukommen ist. Es gehört zur hochgradigen Diffe­renzierung unserer Zivilisation, daß wir Probleme meist als sektorale erfassen. In ihnen allen aber gibt es eine latente sittliche, übergreifende Dimension. Man wird ihrer gewahr, wenn man das betref­fende Problem von seiner Sektoralität entschränkt und in den Gesamtzusam­menhang des Lebens einordnet. Sittliche Wahrnehmung des Problems ist also eine Form ganzheitlicher Wahrnehmung. Das Teilproblem wird in einen weiteren Zusammenhang inte­griert und jetzt erst voll in seiner sittlichen Be­deutung erkannt.

(b) Die Herausforderung durch ein begegnendes Problem ist zunächst nur ein Anlaß, auf dieses zu reagieren. Solche Anlässe sind bloße Bedingungen, daß es zu Urteilsprozessen kommt. Sie werden zum ersten Sachmoment im Urteilsakt, sofern die sittliche Dimension in ihnen entdeckt wird, sobald also der Urteilende wahrnimmt, daß mit diesem Problem ihm etwas vorgelegt wird, das ihn in seinem Verhalten unbedingt angeht.

Diese Wahrnehmung ist von dem Horizont abhängig, den das Wirklich­keitsverständnis dem Urteilenden vorgibt, und von der Bereitschaft, von dem Willen, das betreffende Problem in diesem Horizont zu sehen und zu bedenken. Naheliegender ist es für den modernen Men­schen, anfallende Pro­bleme in einem bloß sektoralen Zusammenhang wahrzunehmen und hier ihre technisch-pragmatische Problemlösung anzusteuern, so daß die sittliche Di­mension in ihnen gar nicht erst virulent wird. Ein sektorales Problem wirft zunächst die Frage nach der Lösungskompetenz des Urteilenden und Han­delnden auf, und sodann die Frage nach seiner Bedeutung für sittliche Identi­tät und Integrität. Die Art der Wahrnehmung des Problems als eines sittli­chen steuert seine weitere Behandlung, vorbehaltlich dessen, daß sie korri­giert wird durch die Rückwirkung der weiteren Sachmomente.

(c) Wie bedeutsam die Problemwahrnehmung ist, erkennt man besonders deutlich, wenn eine Gruppe von Menschen sich durch ein Problem herausge­fordert sieht und sich nun darüber einigen muß, was denn »das Problem für uns« in dieser Sache sei. Erfolgt die Einigung nicht oder beruht sie auf Täu­schung, so läuft die Urteilsfindung schnell in verschiedene Richtungen aus­einander. Das veranlassende Problem ist nicht als sittliches identifiziert und gemeinsam akzeptiert worden.

(d) Indem bei der Problembestimmung angegeben wird, inwiefern ein Pro­blem ein mich bzw. uns angehendes sittliches Problem ist, wird indirekt dar­auf verwiesen, nach welchen Prinzipien ein anfallendes Problem als ein sittli­ches identifiziert wird. Zugleich wird deutlich, welchen Aspekt des Sich-ver-haltens-zu es primär angeht: ob den des Handelns, des Erlei­dens und Erfah­rens oder des – durch beide vermittelten – Identitätsstrebens.

(e) Nimmt einer ein Problem als ein ihn sittlich betreffendes an, so zeigt er Bereitschaft zu einem Selbsteinsatz, den eine technisch-pragmatische Pro­blembehandlung nicht erfordert. Dabei kommt die individuelle Geschichte und Besonderheit ins Spiel. Ein an den Angriffs- und Vernichtungskriegen des Dritten Reiches Beteiligter z. B. wird mit der Erinnerung an deutsche Schuld als persönlich von den damaligen Ereignissen betroffen und in sie ver­wickelt anders umgehen müssen als ein in der Nachkriegszeit Geborener. In­dividuelle Eigenarten kommen auch den Gruppen und Verbänden, z. B. auch den Kirchen zu.

  1. Situationsanalyse: Zweites Sachmoment

(a) Probleme fallen in komplexen Realzusammenhängen, in »Kontexten«, an. Diese sind immer schon durch Institutionen und Normen, durch Rollen und Interaktionsmuster, durch Bewußtseinslagen und Identitätsfindungs­weisen, naturale Gegebenheiten u. a. m. besetzt und strukturiert. Einen Kon­text »vollständig« zu erfassen wäre eine unendliche Aufgabe, ihn »objektiv« zu erfassen wäre schon deswegen unmöglich, weil der, der ein ihn betreffen­des Problem im Kontext wahrnimmt, bereits selbst in ihn verflochten ist. Die Annahme mancher Situationsethiker, daß die jeweilige Situation selbst von sich aus die Normen für die in ihr fällige Entscheidung hergibt, ist irrig. Zur Analyse eines Kontextes – als Situation und damit als Ausgrenzung aus einem Wirklichkeitsbereich verstanden – gehört immer Selektion, welche ihrerseits durch das Wirklichkeitsverständnis und die Intentionen des Urteilenden ge­steuert wird. Sie sollte in den für sie maßgebenden Auswahlkriterien durch­sichtig gemacht und so verantwortet werden.

(b) Nach Kant ist nichts in der Welt ohne Einschränkung gut zu nennen als allein ein »guter Wille«. In den sittlichen Urteilen, um die es in unseren Bei­spielen geht, handelt es sich aber um ein Sich-Verhalten zu Problemen in rea­len Situationen, also nicht um einen guten Willen an und für sich, sondern in bezug auf etwas, was außerhalb seiner gegeben ist und zu dem er sich in ein sittliches Verhältnis setzen soll. Was der Wille in seinem »Sich-verhalten-zu« – unter den Aspekten Handeln, Leiden und Erfahren, Identitätsbestimmung – verursacht, läßt sich nicht mit der binären Wertung gut/böse beschreiben, da das Hervorgebrachte nicht allein von der guten Maxime und einem Ver­nunftgesetz als objektivem Prinzip abhängt. Vielmehr geht es in sittlichen Urteilsentscheiden gegenüber Problemen immer um Verhaltensalterna­ti­ven, die auch ein Mehr oder Weniger an Ungutem enthalten oder enthalten kön­nen, sei es auch nur in unvorhergesehenen Folge- oder Nebenwirkungen. Um diese möglichst weitge­hend zu erkennen, wird die Situationsanalyse im Blick auf mögliche Handlungsalternativen vorangetrieben; sie stößt aber bald auf die Grenzen der Vorhersehbarkeit. Hier gibt es keine Wahl zwischen ein­deutig gut und eindeutig ungut, sondern nur ein Abwägen, welche Ent­schei­dung den sittlichen Vorzug verdient, also am ehesten zu verantworten ist, wobei die Indifferenz des Nichtentscheidens auch eine (defizitäre, oft verant­wortungslose) Entscheidung ist. Ungutes bewußt in Kauf zu nehmen, impli­ziert Schuld, es unbewußt anzurichten, ver­wickelt objektiv in Schuld, wes­wegen der Umgang mit Schuld zu einem fundamentalen Problem sittlicher Existenz wird. Schon die Situationsanalyse enthält das Wagnis des Irrtums, der zu einem in dieser Situation sittlich verfehlten Verhalten den Anlaß geben kann. Eine Situation nicht möglichst sorgfältig zu erfassen, ist eine Fahrläs­sigkeit.

(c) Zur Erfassung eines Problems in einer realen Situation stellen die sekto­ralen Wissen­schaften ein überbordendes Angebot an Begriffen, Kategorien, Methoden und Kenntnissen bereit. Infolge der weitgehenden Unvergleich­barkeit und häufigen Unvereinbarkeit fach­wissenschaftlicher Erkenntnisse und ihrer streitenden Richtungen ist dieses Angebot äußerst komplex, was man aus dem Widerstreit von Expertengutachten leicht ersehen kann. Der sitt­lich Urteilende begegnet dieser Unsicherheit zunächst mit einer Sichtung, die auf – intuitive oder methodisch verfahrende – integrative Kombinatorik zielt, und sodann mit einer Selek­tion, bei der er sich von den für ihn maßge­benden sittlichen Kriterien leiten läßt. Ihm geht es – insbesondere wenn er ge­meinsam mit anderen Betroffenen auf ein Problem zu antworten hat – um die Erkenntnis: »Das ist unsere Situation, in der sich unser Problem in dieser be­stimmten Weise stellt.« Die anfängliche Problemdefinition wird also gegebe­nenfalls durch Erkenntnisse der Situationsanalyse korrigiert, so daß es hier zu einer ersten Neudefinition kommen kann.

(d) Soll eine Situationsanalyse im sittlichen Urteil relevant werden, so muß sie einfach genug sein. Dem dient die Fassung der Situation in einem Situa­tionsschema (vgl. zum Situations- und Handlungsschema Kamlah 118-134). In wiederkehrenden Situationen sind Situations­schemata leichter zu erken­nen als in neuartigen. Soll ein Situationsschema für das sittliche Urteil geeig­net sein, so muß es soweit generalisiert werden, daß es jeden, der in eben diese Situation gerät, vor das gleiche Problem stellt, wobei freilich die Beantwor­tung, die Lösung des Problems durch individuelle Lebenseigenarten mitbe­dingt sein wird.

Im Rechtsverkehr ist die Schematisierung von Situationen und den ihnen entsprechenden Verhaltensweisen üblich, so daß oft durch das bloße Unter­schreiben ausgefüllter Formulare Verträge geschlossen werden können. Auch wo Sitte noch ungebrochen oder weitgehend herrscht, richten sich die Menschen nach vertrauten Situationsschemata, auf die sie unter Ver­folgung üblicher Verhaltensschemata antworten. Wo aber die soziale Wirklichkeit plura­li­stisch undurchsichtig und nicht mehr im Sinne der Sitte verläßlich ist, wird die Situationsana­lyse zu einem unentbehrlichen Sachmoment für das Verhalten.

(e) Die Analyse des Problems in seiner Situation verweist auf die Frage, in welcher Hin­sicht die gegebene Situation sittlich problematisch ist. Ethische Theorie stellt hierfür mehrere Krite­rien bereit. So ist die Frage zu stellen, welche sittlich relevanten Güter hier auf dem Spiel ste­hen (Güterabwägung – im Blick auf mögliches Handeln bzw. Erleiden). Weiter ist zu fra­gen, welche Werteinsichten und Werthaltungen bei den Beteiligten tangiert sind (z. B. die Tu­gen­den des Gerechtigkeitssinnes, der Solidarität usw. – im Blick auf die sittliche Integrität und Identität der Betroffenen). Schließlich stellt sich die Frage, wer durch das in dieser Situa­tion sich stellende Problem in einer spezi­fischen Verpflichtung oder Verantwortlichkeit herausge­fordert ist.

Derartige sittliche Prinzipien und Kriterien müssen auf ihren Zusammen­hang und das in ihnen maßgebende höchste Prinzip als das Unbedingte hin geordnet werden, soll es sich um eine einheitliche, in sich konsistente Ethik handeln, welche den sittlichen Urteilen ihre Orientie­rung gibt.

(f) Daß die Situationsanalyse selbst ein Problem von sittlicher Relevanz ist, wird dort nicht deutlich, wo man sie intuitiv und unbewußt vollzieht oder wo man meint, sittliche Entschei­dungen dezisionistisch vollziehen zu können, und nicht erkennt, daß in ihnen immer das Sich-Verhalten zu Mitmenschen und umgebender Wirklichkeit und darin zum eigenen Selbst auf dem Spiel steht.

  1. Beurteilung von Verhaltensoptionen: Drittes Sachmoment

(a) Probleme fordern zu Lösungen heraus. Hat man sie in der Situation analysiert, in der sie begegnen, so stellt sich auch die tastende Vorstellung von Verhaltensalternativen ein, mit denen auf sie zu antworten geboten scheint. Eine große Zahl heutiger Probleme scheint wert­neutrale, gewissermaßen »technische« Lösungen zu fordern, bei denen keine sittliche Proble­matik er­kennbar wird. Das entspricht der sektoralen Aufgliederung der Lebenswelt und dem Bestand an Selbstverständlichkeiten, in den alles Verhalten einge­bettet ist. Indessen ist die gleiche Welt von Unsicherheiten und Widersprüch­lichkeiten durchzogen und erfordert, in die Zukunft hin weitergebildet und entworfen zu werden. Was auch immer als faktische Gegeben­heit von Welt vorliegen mag – ihre Zukunft ist auch Sache des Menschen. Das nötigt ihn, sich bewußt zur Welt zu verhalten und auch zu fragen, wie kurzfristige und scheinbar selbstver­ständliche technische und pragmatische Lösungen von Problemen zumindest langfristig sitt­lich zu beurteilen sind. Sektorale Pro­blemlösungsvorschläge werden also fraglich hinsichtlich ihrer Bedeutung für eine humane Zukunft. Sie sind, geht es um sittliche Urteile, sektoral zu entschränken und mit Verhaltensalternativen zu korrelieren, welche nach ihrer sittlichen Be­deutsamkeit beurteilt werden. Unserem Konzept zufolge wer­den wir Verhaltensalternativen in den drei Aspekten Handeln, Erleiden und Erfahren sowie Identität erörtern.

(b) Ist die begriffene Situation der terminus a quo des sittlich verantworte­ten Handelns, so ist ein in sittlicher Wahl zu findendes Ziel der terminus ad quem. Die Wahl dieses Zieles muß begründet werden, das heißt es muß ge­zeigt werden, daß es mit dem sittlichen Selbst- und Wirklichkeitsverständnis des Handelnden übereinstimmt und als Ziel für jeden, der dem glei­chen Pro­blem in der gleichen Situation begegnet, geboten ist.

Indessen ist die Wahl eines Zieles nicht zu vollziehen, ohne daß die Mittel, die zu ihm führen sollen, in Betracht gezogen werden. Kann ein Ziel sittlich geboten sein, wenn die Mittel, es zu erreichen, sittlich verwerflich sind? In dem Vortrag »Politik als Beruf« (1919) hat Max Weber dieses Problem in der Gegenüberstellung von Gesinnungsethikern und Verantwortungsethi­kern eindringlich behandelt. Seiner Auffassung nach ist die Welt nicht rational in dem Sinne, daß mit guten Mitteln gute Ziele erreicht würden, sondern so, daß der Verantwortungsethiker Ungutes in seinen Mitteln in Kauf nehmen muß um der Erreichung seiner Ziele willen, daß er aber sich bewußt ist, für Folgen und Nebenwirkungen der von ihm gewählten Mittel selbst einstehen zu müs­sen, also die »Verantwortung« für sie vor der Zukunft und der Geschichte (Webers Letztinstanzen) zu übernehmen. Freilich kennt nach der Auffas­sung Webers auch der Verantwortungsethiker in der Wahl seiner Mittel Grenzen. Sie werden erreicht, wo die Identi­tät des Handelnden in Frage ge­stellt ist, so daß Gesinnungsethik und Verantwortungsethik nicht absolute Gegensätze sind.

In dem hier vorgelegten Schema sittlicher Urteilsfindung wird die sonst oft in der Diskussion dominante Ziel-Mittel-Relation des Handelns in den Zu­sammenhang von Situationsanalyse, Beurteilung der Verhaltensalternativen und Normenprüfung eingebracht. Dadurch tritt deut­lich hervor, daß die bloße Möglichkeit, mit bestimmten Mitteln bestimmte Ziele zu erreichen (pragmatisch-technische Möglichkeit), einer Einschränkung durch das sitt­lich Gebotene zu unterwerfen ist, sollen sich nicht die Bereiche, in welchen die rationalen Ziel-Mittel-Diskus­sionen vorherrschen, weiterhin eigenge­setzlich verselbständigen.

(c) Der zweite Aspekt des Sich-verhaltens-zu, das Leiden und Erfahren, das »Pathische«, tritt – trotz einiger bemerkenswerter Untersuchungen – in der heutigen ethischen Literatur auffal­lend zurück. Im oben angeführten »Handbuch der christlichen Ethik« finden sich nur zwei spärliche Hinweise auf diese Grunddimension menschlichen Lebens (vgl. Bd. II Register 541). Das Register des dritten Bandes, der den Titel trägt »Wege ethischer Praxis«, enthält nicht einmal das Stichwort »Leiden« – offenbar ein Indiz dafür, daß die Ethikdiskussion im­mer noch vom Aktionismus moderner oder neomo­derner Gesellschaften beherrscht wird. Ich entwickle daher bewußt das Kon­zept sittlicher Urteilsfindung nicht an Hand des Begriffs der (Urteils-)Hand­lung, sondern an Hand des Begriffs Urteilen als Sich-Verhalten-zu, weil in letzterem der Aspekt des Leidens gewichtiger zur Geltung kommen kann.

Leiden als leibseelisches Erfahren und Erdulden von schmerzhaften, man­gelbedingten, been­genden, gewaltsamen, entfremdenden, frustrierenden Einwirkungen von innen und von außen ist seit alters als zentrales sittliches Problem begriffen worden. Es gemahnt den Menschen an seine Eingebun­denheit in die persönliche, gesellschaftliche und natürliche Umwelt und an seine Zeitlichkeit und Endlichkeit, zu der er sich verhalten muß. Wirft Lei­den vielfach den Menschen auf sich selbst zurück, so verbindet es auch in ei­ner anderen Sphäre als der des gemeinsamen Handelns. Wo der Mensch das Leiden anderer nicht mehr als ein eigenes mitzu­fühlen vermag, da ist seine Humanität zutiefst in Frage gestellt.

Leiden ist kein rein passives Geschehen, sondern fordert bis hin zum Ster­ben ein bewußtes, personabhängiges, aktives Verhalten heraus, sei es in dem Versuch, in der Ataraxia das Lei­den nicht in den Personkern eindringen zu lassen, oder in dem Bemühen, ihm einen Sinn und eine »produktive Funk­tion« abzugewinnen. Heute ist die gesellschaftliche Dimension des Leidens stark ins Bewußtsein getreten. Es gibt die Befürchtung, daß wir heute einen Raubbau an der Erde treiben, der, um die eigene Generation vor Mangel und dem daraus entspringen­den Leiden zu sichern, künftigen Generationen schwere Leiden auferlegt. Leiden und Handeln stehen in einer vielschichti­gen Wechselwirkung. Die sittliche Beurteilung von Verhaltens­alternativen hat beide Aspekte vollgewichtig zu berücksichtigen.

Wahrnehmen und Erfahren sind spezifische Weisen der »Passivität«, näm­lich des Getroffen­seins von fremden Einwirkungen. In ihnen spielt freilich die Verarbeitung dieser Einwirkun­gen eine so starke Rolle, daß das Empfin­den des Erleidens darüber oft zurücktritt. Es sollte aber nicht vergessen wer­den, daß die »Eindrücke«, die im Wahrnehmen und Erfahren der Ausgangs­punkt sind, nicht in der Verfügung des Wahrnehmenden liegen, sondern auf ihn eindringen. Nicht umsonst versuchen Menschen, sich gegen beunruhi­gende, schmerzhafte oder belastende Eindrücke abzuschirmen oder sie zu verdrängen, wie es z. B. in einem erheb­lichen Teil der deutschen Bevölke­rung gegenüber »unerträglichen« nationalsozialistischen Verbrechen ge­schah. Abschirmung gegen Eindrücke, die man nicht zu ertragen vermag, führt aber zu einem deformierten Wirklichkeitsverständnis, zu verengten Si­tuationsanalysen und so zu sittlich verfehlten Handlungen bzw. zur Absper­rung gegenüber möglichen, evtl, sittlich gebotenen Verhaltensoptionen.

(d) Menschen mit wachem sittlichen Bewußtsein wissen, daß sie in ihren Verhaltensweisen sich selbst verfehlen können und immer wieder selbst ver­fehlen. Es ist ihnen in ihrem Han­deln und Leiden immer auch um sie selbst, ihre Identität und Integrität zu tun. Diese ist nicht einfach das Ergebnis einer ungehemmten »Selbstverwirklichung«, als wäre das Zu-sich-selbst-kommen des Menschen in seiner Verfügung. Gerade die Selbsthingabe kann eine Wei­se sein, zu sich selbst zu kommen. Wenn der Mensch in seinem Verhalten sich selbst verfehlt, wirkt das Gewissen als ein Indikator dafür. Es hat daher im sittlichen Urteil einen unaufgeb­baren Ort.

Besagt die Gewissensstimme etwas über die Verträglichkeit von Handlun­gen und Zuständen mit dem sittlichen Selbstgefühl, so betreffen diese Aussa­gen doch nicht ein isoliertes Selbst (Individuum), sondern dieses Selbst in sei­nem Sich-Verhalten zu Mitmensch und Mitwelt und darin zu Gott. Insofern kommt das Gewissen auch in sittlichen Urteilen zu Wort, in denen es um in einer Situation anfallende Probleme und ihre Lösung geht.

Das Bundesverfassungsgericht hat besonders in seinen Urteilen zum Grundrecht der Kriegs­dienstverweigerung nicht berücksichtigt, daß das Ge­wissen in bezug auf bestimmte Situa­tionen reagiert und nicht bloß als Inbe­griff feststehender absoluter Prinzipien gelten kann. Anläßlich des Urteils des Bundesverfassungsgerichts zum Kriegsdienstverweigerungs-Neu­ordnungsgesetz, das am 24. April 1985 erging, haben zwei Bundesverfassungs­richter einen derartig verengten Gewissensbegriff als unzutreffend, fragwür­dig und verkennend kritisiert (vgl. BVerfGE 69,57ff, bes. 77f; vgl. Tödt/Eckertz 480-487).

(e) Wie Situationen im sittlichen Urteil vereinfacht in den Situationssche­mata erfaßt werden, so auch Verhaltensweisen in Verhaltensschemata. Mit­menschen tragen an jeden schematisier­te Verhaltenserwartungen heran, mu­ten ihm Rollen im Interaktionsgefüge zu und setzen ihn unter eine Rechtfer­tigungsnötigung, wenn er diesen Erwartungen nicht entspricht. In plurali­sti­schen Gesellschaften sind diese Verhaltensschemata keineswegs einheitlich und übersicht­lich. Schon dieser Umstand nötigt zur kritischen Selektion, also zur Überlegung und Entschei­dung, welche Verhaltensalternative der Urteilende wählen sollte. Er selbst ist gefordert, sich zu entscheiden, sei es bloß nach Gesichtspunkten der Tradition oder gar der Opportunität oder nach solchen, die er im sittlichen Urteil erarbeitet. Dieses Urteil aber wird Bezug nehmen auf die sittlichen Normen, die in seiner Lebenswelt gültig sind. Solche Normen helfen, unter den möglich erscheinenden, situationsge­rechten Verhaltensalternativen diejenige auszuwählen, die den sittlichen Vorzug verdient.

  1. Prüfung von Normen, Gütern und Perspektiven: Viertes Sachmoment

(a) Einleitend habe ich darauf hingewiesen, daß in der philosophischen und der katholisch-theologischen Ethikdiskussion die Verfahren zur Begrün­dung sittlicher Normen eine zentrale Funktion haben. In den von protestan­tischen Verfassern konzipierten Teilen des oben ange­führten Handbuchs der Ethik aber spielen sie durchweg eine ganz untergeordnete Rolle oder werden gar nicht behandelt (vgl. Bd. II Register 543). Darin dürfte sich ausdrücken, daß Nor­men nicht als oberste sittliche Kriterien aufgefaßt werden sollen. Aber sie haben als Sachmo­ment im sittlichen Urteil eine unumgängliche Funktion; denn die sozialen Verhaltensweisen von Menschen folgen im Re­gelfall Normen in einem weiten Sinne. In ihnen kommen die Regeln zum Ausdruck, die im Alltagsleben von Gruppen und Gesellschaften ausgehan­delt worden sind und eine mehr oder weniger große Geltung erlangt haben. Sittliche Normen sind im Zusammenhang von Institutionen, Rollen, sozia­len Beziehungsgefügen, regelmäßigen Interaktionsabläufen zu verstehen. Sie stehen nicht selten zueinander in Spannung oder konf­ligieren gar miteinan­der, so daß es bestimmter Meta-Kriterien bedarf, um das zwischen ihnen Strittige zu entscheiden und ihnen die Chance einer weiterreichenden Zu- Stimmung und Be­folgung zu sichern. Diese Alltagsnormen sind vielfältig an gesellschaftliche und geschichtli­che Erfahrungen und so auch an naturale Grundkomponenten zurückgebunden, teilen aber auch die Problematik ent­fremdeter oder ungerechter gesellschaftlicher Zustände, zum Beispiel indem sie klassen- und schichtenspezifisch strukturiert sein können.

Es empfiehlt sich nicht, eine Theorie sittlicher Urteile durch ausschließli­che Benutzung des Norm-Begriffes zu verengen. Urteile werden auch ge­wonnen im Blick auf Güter, die in be­stimmten Situationen den Vorrang ver­dienen. Außerdem ist für sie von grundlegender Bedeu­tung die Nachfrage, in welcher Perspektive auf die Wirklichkeit sie gewonnen werden. Wer das Geschehen durch bestimmte Gesetzmäßigkeiten vollständig determiniert sieht, wird an­ders urteilen als der, der seine Wirklichkeit als eine offene kon­struiert. Aber im Zusammen­hang dieses Abschnittes mag es genügen, die Be­deutung von Normen für die Wahl von Ver­haltensoptionen darzustellen. Normen in diesem weiten Sinne sind sprachlich formulierbare Verhaltensdi­rektiven.

(b) Da Normen tief in die gesellschaftliche Wirklichkeit hineinverflochten sind, stößt bereits jede Situationsanalyse und jede Erörterung von Hand­lungsalternativen auf normative Ele­mente – und die Analyse selbst ist durch normative Elemente mitbestimmt –, da die Selektion, die zum Situations­schema führt und die denkbaren Verhaltensschemata aussondert, selbst nicht wertfrei ist. Die Normenprüfung bringt also zunächst nichts Neues hinzu, sondern be­treibt die Klärung eines Sachmoments, das bei allen Stadien des Urteils Verlaufs immer schon mitgespielt hat. Neu ist bei diesem vierten Sach­moment nur, daß nun die Frage nach dem sittlichen Geltungsanspruch der immer schon mitspielenden Normen so kritisch gestellt wird, daß sie (im Ur­teilsentscheid) zu einer Antwort gebracht werden kann. Dabei geht es nicht um die allgemeine Geltung von Normen, sondern um die Geltung der betei­ligten spezifischen Verhaltensnormen angesichts des spezifischen Problems in der bestimmten Situation.

(c) Eine spezielle Leistung von Normen ist die der Verknüpfung. Hat man ein Problem in der Situation, der es sich verdankt, analysiert (Situations­schema) und hat man die möglichen Verhaltensalternativen (Verhaltenssche­mata) herausgearbeitet, so ergibt sich die Frage, welcher der möglichen Ver­haltensalternativen der Vorzug zu geben ist. Diese Wahl wird mit Hilfe einer Norm entschieden. Aber solch eine Norm kann eine rein technisch-pragma­tische sein: Mancher entscheidet sich zum Beispiel für eine Verhaltensalter­native, weil sie den größ­ten Profit verspricht – ohne Rücksicht auf negative soziale und humane Nebenfolgen. Die ausschlaggebende Norm ist dann die der Profiteffizienz. Im sittlichen Urteil hingegen wird jede derartige sektorale Norm integriert in eine umfassendere, welche sich am Begriff des Huma­nen als freier Verwirklichung der Menschlichkeit des Menschen orientiert – worin ein Maßgeblich-Letztes als definitiver Sinnbezug für menschliches Verhalten ausgesprochen wird. Indessen muß gerade die Bezugnahme auf ein Letztes, das uns schlechthin angeht, eben dahingehend konkretisiert werden, daß es den Ausschlag zu geben vermag für die Bevorzu­gung einer speziellen Norm, welche die Entscheidung zwischen möglichen Handlungsalter­nativen herbeiführt. Es muß also immer wieder eine Norm gefunden oder gewonnen werden, welche das am Problem orientierte Situationsschema mit einem der möglichen Verhaltens­schemata so verknüpft, daß der daraus entspringende Entscheid dem Urteilenden als sittlich verantwortbar und begründbar er­scheint.

Wenn dieses die Aufgabe der Normenprüfung ist, so wird es oft nicht darum gehen, unter vorgegebenen Normen (in denen sich Erfahrungen nie­derschlagen) eine auszuwählen, sondern gegebenenfalls im Urteil eine neue zu gewinnen – so wie Luther einmal erklärt hat, Christen seien im Glauben ermächtigt, auch neue Dekaloge zu entwerfen, die klarer seien als der des Mose (s. WA 39 I, 47). Sittlichkeit muß im Sinne dieser situationszugewand­ten Ermächtigung begriffen werden. Das entspricht dem, daß die soziale Wirklichkeit auch immer Entwurfscha­rakter hat und der Mensch nicht fest­gelegt, sondern ein offenes Lebewesen ist.

Daher ist der Festlegung auf eine formulierte Norm oft die Beschreibung der Grenzen eines Spielraumes, innerhalb dessen sittlich gebotene Verhal­tensweisen sich bewegen, vorzuziehen. Es wird dann nicht eine direkte Ver­haltensdirektive gegeben, sondern nur veranschaulicht, wo ein dem sittlichen Verhalten angemessener Spielraum verlassen wird. So hat Gerhard von Rad in seiner »Theologie des Alten Testaments« erklärt: »Im übrigen sind diese Gebote (in Israel) ja weit entfernt, so etwas wie ein Ethos zu umreißen; viel­mehr bezeichnen sie in ihrer negati­ven Formulierung doch nur Möglichkei­ten, die an der äußeren Peripherie des menschlichen Lebenskreises liegen, nämlich Praktiken, die Jahwe absolut mißfällig sind.« Die Normen sind dann Markierungen an den Grenzen des heilvollen Lebens, nicht aber Verhaltens­direktiven innerhalb des durch Jahwes Zuwendung eröffneten Spielraumes für das Verhalten in Israel (von Rad 405f).

  1. Prüfung der sittlich-kommunikativen Verbindlichkeit von Verhaltensoptionen: Fünftes Sachmoment

(a) In Kants Moralphilosophie ist das Urteil nur ein sittliches, wenn die darin maßgebende Maxime – als subjektives Prinzip – in Übereinstimmung gebracht wird mit dem »Gesetz«, das als objektives Prinzip für jedes vernünf­tige Wesen soll gelten können. Aus dieser Überein­stimmung ergibt sich die Verbindlichkeit des sittlichen Urteils und des ihm entspringenden Verhal­tens. Wo aber die metaphysische Begründung der Vernunft als vorgegebener Einheit zugunsten der Geschichtlichkeit der Vernunft entfällt, kann Ver­nunft für sich die allgemeine Verbindlichkeit sittlicher Urteile als für jeden Menschen gültig nicht mehr begründen. Das ist heute der Fall. Zieht man die Eigenart der jeweils spezifischen Situation und der lebensge­schichtlichen Prägung der Identität in Betracht, so scheinen moralische Urteile partikular zu werden. Demgegenüber ist dennoch festzuhalten, daß Urteile nur dann sittlich im vollen Sinne des Begriffes sind, wenn sie die Aussage provozieren: Jeder Mensch sollte in dieser Situation und unter gleichen lebensgeschichtli­chen Voraussetzungen sich so verhalten, wie es der in Aussicht genommene Urteilsentscheid gebietet; denn etwas, was uns unbedingt angeht, ist nicht dem Belieben des Individuums anheimgestellt, sondern realisiert den Bezug auf ein Maßgeblich-Letztes, welches zugleich die Einheit der Menschen in ih­rer Menschlichkeit gewährleistet. Nicht aus der Vernunftnatur des Menschen ist dann freilich das Verbindliche, das unbedingt angeht, abzuleiten, sondern aus der zum konkreten Menschsein gehörigen Ver­antwortung.

(b) Unbeschadet der Individualität einer jeden Person ist die Auffassung ausgeschlossen, daß es für die Sittlichkeit des Urteils genüge, wenn jedes In­dividuum nur in Übereinstimmung mit seinem Gewissen und seinem eigenen Wirklichkeitsverständnis sich entscheide und dort, wo es nur diese Überein­stimmung gewinne, der Güte seiner Entscheidung gewiß sein könne. Bei ei­nem solchen Konzept könnten nur einzelne Personen für sich die Autoren sittlicher Urteile sein; das entspricht einem individualistischen Freiheitsbe­griff.

(c) Demgegenüber ist geltend zu machen, daß in sehr vielen Situationen nicht nur einzelne Personen, sondern Gruppen von Personen von einem Pro­blem betroffen sind und zu sittlicher Urteilsbildung und einem entsprechen­den Verhalten herausgefordert werden. In dem hier fälligen Interaktionsprozeß ist freilich, wenn er zu einem gemeinsamen sittlichen Urteil führt, das Urteilen jedes einzelnen ebensowenig zu entbehren, wie etwa in der christli­chen Gemein­de das gemeinsame Glaubensbekenntnis den Glauben eines je­den entbehrlich machen könnte. Die gemeinsame Einsicht in die Verhaltens­weisen, die angesichts dieses Problems in dieser Situation zu verantworten wären, erlaubt und gebietet es, das sittliche Urteil als ein gemeinsa­mes zu er­arbeiten und zu vertreten. Voraussetzung für diese Auffassung ist, daß Frei­heit nicht als Inbegriff der Selbstrealisierung der Subjektivität und nicht als bloß individuelle Selbstbe­stimmung, sondern als kommunikative Freiheit begriffen wird; nämlich so, daß die Individuen die Freiheit der anderen nicht bloß – was dem modernen Rechtsdenken naheliegt – als Be­schränkung der ei­genen Freiheit erfahren, sondern zugleich als deren Ermöglichung. Nur wo sich derartige Kommunikation ereignet, sind gemeinsame Urteile als sittliche möglich. Gäbe es aber keine gemeinsamen sittlichen Urteile, so könnte man freilich auch nicht von unsittli­chen Entscheidungen von Gremien, Gruppen und Vertretern von Institutionen sprechen.

  1. Der Urteilsentscheid: Sechstes Sachmoment

(a) Die Bewegung, die von einem Problem, das als ein sittliches wahrgenom­men ist, ausgelöst wird, erlahmt entweder in sittlicher Unentschlossenheit oder mündet in einen Entschluß, der ein Fazit zieht aus dem Erwägen und Verknüpfen der vorangehenden Sachmomente. Wir nennen dieses Fazit den Urteilsentscheid, wobei darauf angespielt wird, daß hier eine (urtei­lende) ko­gnitive Einsicht und ein (willentlicher) verhaltensbestimmender Entschluß zusam­menkommen. Der sittliche Urteilsentscheid schließt ein, daß der Ur­teilende sich selbst zu einem Verhalten bestimmt, das heißt zu einem Tun und Lassen, das seiner Identität und Inte­grität gerecht wird, für das er also einzu­stehen bereit ist.

(b) Theorie und Beratung können nicht vorwegnehmen, was im Akt des Urteils inhaltlich zum Entscheid kommt. Aber Beratung kann Empfehlun­gen geben, auf Konsequenzen aufmerksam machen, durch Vorschläge Lö­sungsangebote vorlegen. Das sittliche Urteil selbst kann nur fällen, wer sich selbst durch dieses Urteil bestimmt, so daß er in seinem Verhalten es zu ver­antworten bereit und verpflichtet ist; denn dem Urteilsentscheid eignet ange­sichts der Unvor­hersehbarkeit von Verhaltensfolgen und angesichts einer letzten Undurchsichtigkeit eigener Maximen sowohl der Charakter des Wag­nisses wie der möglichen Schuld.

(c) Lassen sich Regeln für die Verknüpfung der Sachmomente 1-5 im Ur­teilsentscheid auf­stellen? Läßt sich ein Schematismus finden, dem die Inte­gration aller Momente im Urteils­entscheid folgt? Kant hat in seiner Theorie der Erfahrung den Schematismus aufgewie­sen, in welchem empirisches An­schauungsmaterial mittels der Verstandesbegriffe (Kategorien) und Ver­nunftideen sowie der transzendentalen Einheit der einen Apperzeption zur Synthesis gebracht wird. Derartige Urteile beziehen sich aber auf das, was ist, sittliche Urteile hingegen auf etwas, was sein soll und nicht induktiv aus dem, was ist, abgeleitet werden kann. Daher haben wir den sittlichen Urteilsent­scheid als konstruktiven Verhaltensentwurf zu betrachten, der in kreativer Synthese die Sachmomente zusammenbringt.

Schon deshalb, weil eine Selbstbestimmung des Willens beteiligt ist, kann der Urteilsent­scheid nicht das Ergebnis einer bloß »logischen« Verknüpfung der Sachmomente sein. Aber der Urteilsentscheid ist auch nicht eine dezisionistische Entscheidung des Willens abgesehen von allen Kriterien außer de­nen, die er im Entscheidungsakt selbst hervorbringt. Er sucht vielmehr An­halt an den kognitiven Elementen, die in der Problemwahrnehmung, Situa­tions­analyse, Prüfung möglicher Verhaltensalternativen, einschlägiger Nor­men und kommunika­tiver Verbindlichkeit herausgearbeitet worden sind. Ist er zwar ein kreativer Akt, so hat er doch seine Grenze am Kompatibilitäts­prinzip: Er kann ein Verhalten nur als sittlich sich zu eigen machen, wenn es mit dem im Urteilsverlauf Erkannten vereinbar ist – auch wenn der Entschluß zu diesem Verhalten nicht nur als logische Folge aus der Verknüpfung der Sachmo­mente zu deduzieren ist. Die Orientierung am Kompatibilitätsprin­zip in der integrativen Verknüpfung trägt dem Rechnung, daß unsere Le­benswirklichkeit sich uns einerseits nicht durchgängig rational erschließt und doch auch nicht jeder Einsicht verschlossen bleibt. Wollte der sittlich Ent­scheidende die volle Wirklichkeitsangemessenheit dessen, was seinem Ent­scheid zufolge sein soll, unterstellen, so müßte er der Zukunft mächtig sein. Am Anfang des zweiten Abschnitts der Schrift »Der Streit der Facultäten« bemerkt Kant: »Wie ist aber eine Geschichte a priori möglich? – Antwort: wenn der Wahrsager die Begebenheiten selber macht und veranstaltet, die er zum voraus verkündigt« (A 132; Weischedel VI 351). Allen Ankündi­gungen des 19. Jahrhunderts zum Trotz, daß sich der Mensch nunmehr zum Subjekt seiner Geschichte aufschwinge, hat die menschliche Lebenswelt bisher nicht den Charakter der um­fassenden Durchsichtigkeit für menschliches Erkennen und der Durchlässigkeit für menschli­ches Planen angenommen.

Hier der vollständige Text Heinz Eduard Tödt – Versuch einer ethischen Theorie sittlicher Urteilsfindung als pdf.

Und hier der Vortrag von Heinz Eduard Tödt „Versuch zu einer Theorie ethischer Urteilsfindung“ von 1976 als pdf.

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