Rudolf Bultmann, Die Aufgabe der Theologie in der gegenwärtigen Situation 1933: „Christlicher Glaube muss eine kritische Kraft in den Fragen der Gegenwart sein.“

Nicht nur Karl Barth hatte im Frühsommer 1933 mit seiner Schrift „Theologische Existenz heute!“ zur theologischen Besinnung im Angesicht der nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland aufgerufen. Auch Rudolf Bultmann meldete sich zu Beginn seiner Vorlesung im Sommersemester am 2. Mai 1933 mit seiner Erklärung „Die Aufgabe der Theologie in der gegenwärtigen Situation“ zu Wort:

Die Aufgabe der Theologie in der gegenwärtigen Situation

Meine Damen und Herren! Ich habe in meinen Vorlesungen grundsätzlich nie über die Tagespolitik geredet und gedenke, es auch in Zukunft nicht zu tun. Aber es er­scheint mir doch als unnatürlich, wenn ich heute ignorieren würde, in welcher politi­schen Situation wir dieses neue Semester beginnen. Denn die Bedeutsamkeit des politischen Geschehens für unsere ganze Existenz ist uns derart zum Bewusstsein gekommen, dass wir uns der Pflicht nicht entziehen können, uns auf den Sinn unserer theologischen Arbeit in dieser Situation zu besinnen.

Es handelt sich also hier nicht um eine politische Stellungnahme, und unsere Sache kann es hier weder sein, ein heute oft allzuschnell gesprochenes «freudiges Ja» zu den politischen Ereignissen zu wiederholen, noch auch – je nachdem wie wir zu den Ereignissen stehen – skeptischer oder grollender Kritik Ausdruck zu geben. Wir haben hier die Ereignisse einfach daraufhin anzusehen, dass in ihnen große Möglich­keiten für die Zukunft gegeben sind, und uns zu fragen, welche Verantwortung wir gerade als Theologen angesichts dieser Möglichkeiten haben.

Da wir als Theologen im Dienste der Kirche den Grund und Sinn des christlichen Glaubens für unsere Generation zu entwickeln haben, muss das Erste die Besinnung auf das grundsätzliche Verhältnis des Glaubens zu Volk und Staat, auf das grundsätz­liche Verhältnis zwischen glaubendem und politischem Leben sein. Dieses Verhältnis ist aber dadurch bestimmt, dass sich der Glaube auf den Gott richtet, der der Schöpfer und Richter der Welt und ihr Erlöser in Jesus Christus ist. Das bedeutet, dass das Verhältnis Gottes zur Welt und deshalb des Glaubens zum weltlichen und damit zum politischen Leben ein eigentümlich doppelseitiges ist.

Gott ist der Schöpfer, d.h. die Welt ist sein; seine Gabe begegnet uns in der Welt, in der wir stehen, in ihren Gütern und Aufgaben, in ihren beglückenden und erschre­ckenden Erscheinungen, in ihren reich und arm machenden Ereignissen. Gott ist der Schöpfer, d.h. nicht: Gott ist die Ursache (αἰτία), auf die das Denken die Welt zurück­führt, oder der Ursprung (ἀρχή), von dem aus das Weltgeschehen in seiner Einheit und Gesetzlichkeit vom Verstande begriffen werden könnte. Gott ist der Schöpfer, d.h. vielmehr, dass er uns in unserer konkreten Welt, in der geschichtlich bestimmten Welt, in der Gegenwart unseres Lebens als der Herr begegnet. Der Schöpferglaube ist nicht eine philosophische oder weltanschauliche Theorie, die man im Hintergrund oder neben dem konkreten Erleben und Handeln hätte; sondern wir sollen ihn im konkre­ten Erleben und Handeln als den Gehorsam gegen unseren Herrn durchführen. Gott ist der Schöpfer, d.h. das Tun des Menschen ist nicht durch zeitlose Prinzipien be­stimmt, sondern durch die konkrete Situation des Augenblicks.

Die Situation gewinnt ihre Konkretheit durch verschiedene Faktoren. Zu ihnen gehört das, was wir die Schöpfungsordnungen nennen. Denn durch solche Ordnungen sind wir nicht Menschen im allgemeinen, die ihr Menschentum auszubilden haben; sondern wir sind dieser und jener Mensch, der diesem oder jenem Volke angehört, wir sind Mann oder Frau, Vater oder Sohn, jung oder alt, stark oder schwach, klug oder dumm usw. Zu solchen Schöpfungsordnungen gehört auch unser Volkstum und ge­hört die politische Ordnung des Staates, in der allein das Volkstum zum Gegenstand unserer Sorge und unseres Handelns werden kann. Wir brauchen uns hier nicht darauf zu besinnen, welche Stelle in der Rangordnung der uns begegnenden Ansprüche Staat und Volkstum einnehmen, ob es überhaupt Sinn hat, hier von Rangordnung zu reden, oder ob die Rangordnung der Ansprüche gerade nur die jeweils zu entschei­dende Frage des Augenblicks ist. Es genügt für jetzt zu erkennen, dass Gottesglaube und Volkstum in einem positiven Verhältnis stehen, sofern Gott uns in unser Volk und unseren Staat hineingestellt hat. Es genügt zu verstehen, dass – mit einem Wort von Fr. K. Schumann – «Volk ursprüngliches Beanspruchtsein bedeutet, dass im Volk stehen, Glied des Volkes sein heißt: Gemeinschaft des Schicksals tragen, sich bean­spruchendem Willen der Vergangenheit stellen, das eigene Sein vom Andern her bestimmt sein lassen, gemeinsamer Zukunft verantwortlich sein, sich selbst empfan­gen und so auch sich selbst wieder opfern können».[1] Es genügt zu wissen, dass der Glaube an Gott den Schöpfer dies von uns fordert.

Aber damit ist noch nicht Alles gesagt. Denn Gott ist der Schöpfer, d.h. er ist nicht den Ordnungen der Welt immanent, und nichts, was uns als Erscheinung dieser Welt begegnet, ist direkt göttlich. Gott steht jenseits der Welt. Deshalb gewinnt der Glaube, so sehr er die Welt als Schöpfung Gottes versteht, ja eben deshalb, weil er sie als Schöp­fung versteht, – er gewinnt ein eigentümliches Distanzverhältnis zur Welt. Jenes Verhältnis, das Paulus mit dem eigentümlichen ὡς μή bezeichnet:

«Das aber sage ich, meine Brüder: Die Zeit ist nur noch kurz. Hinfort gilt, dass die, die Weiber haben, seien, als hätten sie keine,
Und die da weinen, als weinten sie nicht,
Und die da sich freuen, als freuten sie sich nicht,
Und die da kaufen, als behielten sie es nicht,
Und die mit der Welt verkehren, als hätten sie nichts davon.
Denn die Gestalt dieser Welt geht dahin.» (I Kor 7, 29-31).

Das bedeutet nicht, dass der Glaube ein negatives Verhältnis zur Welt habe, sondern dass das positive Verhältnis, das er zu ihr und ihren Ordnungen hat, ein kritisches ist. Denn der Glaube weiß, dass Gott der Schöpfer auch der Richter der Welt ist. Er weiß, dass die Menschen es immer vergessen, dass die Güter und Ordnungen der Welt den Menschen in den Dienst stellen, ihm seine Aufgaben weisen und ihm nicht zu Besitz und Genuss gegeben sind. Er weiß, dass menschliches Streben, als individuelles wie als kollektives, immer dahin geht, über die Welt zu verfügen, sich zu sichern. Er weiß, dass der Mensch immer, seiner Geschöpflichkeit vergessend, sich als den Herrn seines Le­bens verstehen will. Durch solche sündige Verkehrung des menschlichen Selbstver­ständnisses werden auch die Ordnungen der Schöpfung zu Ordnungen der Sünde, und zwar umsomehr, je mehr sich der Mensch die sündige Tendenz seines Wollens ver­schleiert und die Ordnungen, in die er gestellt ist, mit dem Charakter direkter Göttlich­keit bekleidet. Alles kann dem Menschen zur Sünde werden, d.h. zum Mittel, sich selbst durchsetzen zu wollen, über sein Dasein verfügen zu wollen, auch Besitz und Familie, Bildung und Recht, Volkstum und Staat.

Deshalb sind alle Ordnungen, in denen wir uns vorfinden, zweideutig. Sie sind Got­tes Ordnungen, aber nur, sofern sie uns zu unserer konkreten Aufgabe im Dienst ru­fen. Sie sind Ordnungen der Sünde in ihrer bloßen Gegebenheit.

Um das klar zu machen, brauche ich nur daran zu erinnern, wie verschieden die Stel­lung der alttestamentlichen Propheten und Jesu zum Recht ist. Einer Zeit, die ihrer Pflicht gegen Gott durch prunkvollen Vollzug des Kultus zu genügen meint, und die im Volksleben ungebundene Eigensucht herrschen lässt, stellt die prophetische Predigt die Forderung von Recht und Gerechtigkeit als die Forderung Gottes entgegen. Das Recht bindet den Eigenwillen des Menschen. Denken Sie an einige Gesetze, auf die Jesu Bergpredigt Bezug nimmt. Das Gesetz der Ehescheidung sichert die Frau gegen die Willkür des Mannes, indem es ihm rechtliche Schranken setzt. Das Jus Talionis («Auge um Auge, Zahn um Zahn») schränkt die Vergeltung der Rachsucht auf ein für das politische Leben erträgliches Maß ein. Das «Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen» bindet den blinden Hass, der in jedem Gegner den Feind sieht, und erhebt den Begriff des Nächsten zu rechtlicher Geltung. Jesu «Ich aber sage euch» öffnet die Augen dafür, wie sich die Sünde des Menschen das Recht dienstbar macht, wie die rechtlichen Bindungen als Konzessionen gedeutet werden: ich darf …, ich darf meine Ehe scheiden, ich darf vergelten, ich darf hassen, – kurz ich kann bei formaler Legalität meinem Eigenwillen seinen Spielraum lassen. So protestiert Jesus gegen eine Ordnung des Rechts, die zur Ordnung der Sünde geworden ist. Jeder, der sein Weib entlässt, bricht die Ehe! Wer dich auf die rechte Wange schlägt, dem biete die andere auch dar! Liebet eure Feinde!

Nicht dass Jesus einen Anarchismus gefordert habe; aber sein Kampf gilt der Ord­nung des Rechts, sofern sie zur Ordnung der Sünde geworden ist. Ein Rechtsleben, das vom Gedanken des Dienstes bestimmt ist, das seinen ursprünglichen Sinn erfüllt, den Menschen an den Mitmenschen zu binden, wird von seinem Protest nicht getroffen. Gott fordert Recht und Gerechtigkeit.

Aber es liegt ja so, dass jede Rechtsordnung die doppelte Möglichkeit hat, in den Dienst der Sünde und in den Dienst Gottes gestellt zu werden. Alle Ordnungen sind zweideutig, und unser Verständnis der Ordnungen, in denen wir uns vorfinden, ist immer schon geleitet durch die Geschichte, aus der wir kommen. Und alle Geschichte der Menschen ist ebenfalls zweideutig. Sie bringt uns das große Erbe der Möglichkei­ten zu einem adeligen und freien Tun, und sie bringt uns gleichzeitig die Versuchungen zu gemeinem, gebundenem Handeln. Alle Geschichte birgt gleichzeitig die Taten des Heldentums und Opfermuts, und den Kampf Aller gegen Alle. Alle Geschichte ist infiziert von der Sünde, alles menschliche Tun von vornherein geleitet von jenem sündigen Selbstverständnis, in dem der Mensch sich selbst durchsetzen und über sein Dasein verfügen will. Und zu jeder großen und guten Tat muss die Kraft erst durch Selbstüberwindung gewonnen werden. Kein Staat und kein Volkstum ist eine so eindeutige Größe, ist so rein von Sünde, dass aus seinem puren Bestande Gottes Will­len eindeutig abzulesen wäre. Kein Volkstum ist so rein und lauter, dass man jede Re­gung des Volkswillens direkt als Forderung Gottes erklären dürfte. Wie die Natur uns unheimlich geworden ist durch die Sünde, so unser ganzes menschliches Mitein­ander, so auch das Volkstum. Aus ihm erwachsen Taten der Schönheit und des Adels; aus ihm brechen aber auch die Dämonien der Sünde hervor. Jeder Staat und jedes Volks­tum enthält wie die Möglichkeiten und Aufgaben zum Guten und Schönen, so auch die Versuchungen zum Bösen und Gemeinen.

Der christliche Glaube hat seine kritische Kraft gerade darin zu bewähren, dass in einer Zeit, in der das Volkstum als Schöpfungsordnung wieder in das allgemeine Bewusstsein tritt, auch die Besinnung darauf lebendig bleibt[,] dass das Volkstum zweideutig ist, und dass gerade um des Gehorsams unter das Volkstum als einer Schöpfungsordnung willen, die Frage lebendig bleiben muss, was echte Forderung des Volkstums ist, und was nicht. Wir empfinden es ja gerade in dieser Zeit der Krisis, dass wir erst wieder suchen und finden müssen, welches der echte Sinn von Besitz und Familie, die echte Ordnung von Geschlechtern und Altersstufen, der echte Sinn von Autorität und Erziehung ist. Und so gilt es auch, sich zu besinnen, welches der echte und geforderte Sinn von Volkstum ist. Wohl ist dem Menschen ein ursprüngliches Wissen darum gegeben, das, was wir den völkischen Instinkt nennen können. Aber hier wie überall ist der ursprüngliche Instinkt verschüttet, verkümmert oder verbogen und entstellt durch die Geschichte der Sünde, aus der wir kommen.

Christlicher Glaube muss eine kritische Kraft in den Fragen der Gegenwart sein, und er muss seine Positivität gerade in seiner kritischen Haltung bewähren. Wie kann er das? Weil er nicht nur von Sünde, sondern auch von Gnade weiß. Weil er Gott nicht nur als den Richter kennt, sondern auch als den Erlöser, der durch Jesus Christus seine ursprüngliche Schöpfung wiederherstellt. Die Erlösung durch Jesus Christus bedeutet die Vergebung der Sünde durch die Offenbarung der Liebe Gottes, und sie bedeutet deshalb die Befreiung des Menschen zur Liebe.

Nur wer den jenseitigen Gott kennt, der in Christus sein Wort der Liebe in diese Welt hineinspricht, der vermag sich aus der Verstrickung dieser sündigen Welt zu befreien und einen Blick zu gewinnen, für den die Ordnungen der Welt wirklich als Schöp­fungsordnungen erkennbar sind, deren er sich dankbar zu freuen hat, in denen er still zu leiden hat, in denen er als Liebender zu wirken hat. Er hat für solches Wirken den kritischen Blick gewonnen, den kritischen Blick gegenüber den lauten Forderungen des Tages, indem er das Gute und das Böse in ihnen misst an der Frage, ob und wie­weit in ihnen das Gebot der Liebe durchgeführt werde. Den kritischen Blick aber auch sich selbst gegenüber, ob sein Tun ein selbstloser Dienst sei.

Solcher kritische Blick wird das Werben und den Kampf für Staat und Volkstum nie zu einem Werben und einem Kampf für Abstrakta werden lassen. Denn wir dürfen uns nicht den Blick dafür verschleiern lassen, dass Staat und Volkstum aus konkreten Menschen bestehen, die unsere Nächsten sind. Volkstum birgt ebenso wie Menschen­tum die Gefahr, aus einem Konkretum zu einem Abstraktum zu werden! Ist unser Kampf für das Ideal des Volkstums der Kampf für ein Abstraktum oder für eine konkrete Realität? Das Kriterium für jeden unter uns ist doch dieses, ob er bei seinem Kampfe wirklich getragen ist von der Liebe, die nicht nur in eine Zukunft blickt, in der sie ihr Ideal verwirklichen will, sondern die auch den konkreten Nächsten sieht, der in der Alltäglichkeit des Lebens gegenwärtig mit uns verbunden ist. Wohl gibt es Härten in jedem Kampf, und es fallen Opfer. Das Recht, Opfer zu fordern und Härte zu üben, hat nur der, der in denen, die getroffen werden, die Nächsten sieht! Er wird die Art und Weise und die Grenze seines Handelns dann finden. Nur der kann seinem Volkstum echt dienen, der durch den Empfang der Liebe Gottes in Christus zur Liebe befreit ist.

M. D. u. H.! Dass dies der Sinn und die Forderung des christlichen Glaubens ist, und dass der Theologe diese Gedanken zu vertreten hat, daran kann gar kein Zweifel sein. Denn was ich gesagt habe, das ist einfach aus den Gedanken des Neuen Testaments und der Reformatoren geschöpft. Es mag also bequem oder unbequem sein, jedenfalls ist es so, und ich habe nicht vorzutragen, wie es nach unseren Wünschen vielleicht sein sollte, sondern wie es nach der Lehre der Kirche ist.

M. D. u. H.! Wir wollten uns angesichts der großen Möglichkeiten, die uns gerade jetzt erschlossen sind, unsere Verantwortung klar machen, so wie sie uns aus der kritischen Kraft des christlichen Glaubens deutlich wird. Wir verschließen unseren Blick nicht dagegen, dass mit den Möglichkeiten auch die Versuchungen gegeben sind; ja, es ist unsere Pflicht als Theologen, gerade darauf hinzuweisen, damit die Freude am Neuen rein und der Glaube an die neuen Möglichkeiten ehrlich sei.

Werden wir uns die Kraft des kritischen Blicks erhalten und den Versuchungen nicht erliegen? dass wir mit reinen Händen an Deutschlands Zukunft mitarbeiten und ehr­lich an diese Zukunft glauben? Muss ich erst darauf hinweisen, dass in dieser entschei­dungsvollen Zeit auch die Dämonie der Sünde auf der Lauer liegt? «Wir wollen die Lüge ausmerzen» lautet ein schöner und großer Satz in der Kundgebung der deutschen Studentenschaft. Zur Lüge gehört es auch, sich die Wahrheit zu verschleiern. Und ich will offen an drei Beispielen zeigen, welche Verantwortung wir als Kämpfer für das neue Deutschland diesen Versuchungen gegenüber haben; an den Beispielen der «Vorschusslorbeeren», des Denunziantentums und des Kampfesmittels der Diffamie­rung.

Das erste Beispiel ist verhältnismäßig harmlos. Wenn Ad. Hitler in einem sehr erfreu­lichen Erlass mahnte, alte Namen von Straßen und Plätzen nicht zu ändern, so musste sich die neue Marburger Stadtverordneten-Versammlung doch beschämen lassen, die in ihrer ersten Sitzung keine dringlichere Pflicht der neuen Zeit erkannte, als einigen Straßen und Plätzen neue Namen zu geben. Die Sache ist jedoch nicht so harmlos, wie sie auf den ersten Blick aussieht. Denn durch solches Verfahren, Vorschusslorbeeren zu verteilen, nährt man ein eigentümliches Gefühl der Sicherheit, das nicht mit dem Glauben an die Zukunft zu verwechseln ist. Denn der Glaube schließt Ernst ein, und der Ernst weiß, was Ad. Hitler in seiner Rede gestern wieder betonte, dass wir erst am Anfang stehen, und dass noch unendlich viel von uns gefordert ist an geduldiger Ar­beit und klarer Opferbereitschaft. Und ich brauche kaum darauf hinzuweisen, dass jene leichtsinnige Sicherheit am schnellsten umschlägt in Enttäuschung, wenn die Führung Opfer verlangt. Der Versuchung des Leichtsinns gegenüber haben wir den Ernst der Aufgabe einzuschärfen.

Das zweite Beispiel ist schlimmer, und die wiederholten Kundgebungen der Regie­rung gegen das Denunziantentum zeigen, welche Gefahr hier besteht. Ich weiß, dass z.B. der Kultusminister täglich Körbe voll Denunziationen erhält; ich weiß zum Glück auch, dass sie in die verdienten Papierkörbe wandern. Aber es liegt dabei nicht nur an dem etwaigen Erfolg der Denunziationen; sondern das Schlimmste ist dieses, dass solches Denunziantentum die Atmosphäre vergiftet, Misstrauen zwischen den Volks­genossen stiftet und das freie und ehrliche Wort des Mannes unterdrückt. «Wir wollen die Lüge ausmerzen», – dazu gehört auch, dass man das freie Wort ehrt, auch dann, wenn es anders lautet, als man zu hören wünscht. Denn sonst erzieht man zur Lüge.

Das führt uns schon auf das Dritte. Die Diffamierung anders Denkender ist kein edles Kampfmittel. Und wieder darf ich mich auf ein Wort Ad. Hitlers berufen, dass die anders Denkenden nicht unterdrückt, sondern gewonnen werden sollen. Durch Dif­famierung überzeugt und gewinnt man nicht, sondern man stößt die besten der Geg­ner ab. Man gewinnt durch den Kampf des Geistes, in dem man den Gegner ehrt. Ich muss als Christ das Unrecht beklagen, das gerade auch den deutschen Juden durch solche Diffamierung angetan wird. Ich weiß wohl, wie kompliziert das Judenproblem gerade in Deutschland ist. Aber: «Wir wollen die Lüge ausmerzen» – so muss ich denn ehrlich sagen, dass gerade die Diffamierung der Juden, die jene Kundgebung enthält, aus der dieses schöne Gelöbnis stammt, nicht vom Geiste der Liebe getragen ist. Halten Sie den Kampf für das deutsche Volkstum rein, und sorgen Sie dafür, dass edles Wollen für Wahrheit und Deutschtum nicht durch dämonische Verzerrung ent­stellt wird!

Aber noch ein Letztes ist endlich zu sagen. Haben wir Sinn und Forderung des christli­chen Glaubens richtig verstanden, so ist allerdings angesichts der Stimmen der Gegen­wart klar, dass dieser christliche Glaube selbst in Frage gestellt ist; m.a.W. dass wir uns zu entscheiden haben, ob christlicher Glaube für uns Geltung haben soll oder nicht. Er kann von seinem Wesen und Anspruch nichts preisgeben; denn «Verbum Domini ma­net in Aeternum». Und vor Verfälschungen des Glaubens durch eine völkische Religio­sität sollen wir uns ehrlicherweise ebenso hüten wie vor einer Verfälschung des völkis­chen Glaubens durch christlichen Aufputz. Es gilt: Entweder-Oder!

Die kurzen Worte dieser Stunde können an diese Entscheidung nur erinnern. Aber die Arbeit des Semesters wird die Entscheidungsfrage immer wieder zum Bewusstsein bringen und klären, damit die Entscheidung klar und gewissenhaft gefällt werden kann.

Marburg. Rudolf Bultmann.

Theologische Blätter 12 (1933), Seiten 161-166.


[1] Fr. K. Schumann, Gegenwartsdämonie und Christusglaube, Nördlingen, Druck u. Verlag Georg Wagner, 1932, S.26.

Hier der Text als pdf.

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