Karl Barth, Reformation als Entscheidung (1933): „Vermittlung könnte hier nur Übergang zum Feind bedeuten. Und fröhlich ist hier Widerstand zu leisten: hinter der gefallenen Entscheidung zieht man nämlich seine Straße fröhlich, und wenn man einer gegen hundert wäre, fröhlich, weil man seinen Gegner nicht zu fürchten hat. Die Sache der heute herrschenden Bewegung ist keine starke Sache. Wer die reformatorische Richtung verloren hat, der hat, wie gewaltig er sich auch stelle, das Rückgrat verloren. Er wird nicht schaffen, was er schaffen möchte.“

Reformation als Entscheidung

Von Karl Barth

Karl Barth hatte am 30. Oktober 1933 in Berlin vor Mitgliedern des Pfarrernotbundes einen Vortrag „Reformation als Entscheidung“ gehalten (siehe dazu Reformationstag 1933. Dokumente der Begegnung Karl Barths mit dem Pfarrernotbund in Berlin, hrsg. v. Eberhard Busch, Zürich: TVZ 1998), dessen Ausführungen in Sachen Kirche der Reformation für das Reformationsjubiläum 2017 unverändert gelten:

Unsere evangelische Kirche hat es in den vierhundert Jahren ihres bisherigen Bestandes zu keiner Zeit gänzlich unterlassen können, der Reformation des 16. Jahrhunderts zu gedenken, ihr geschichtliches Bild aufs neue hervorzurufen und sich einzuprägen, ihre eigene sachliche Verbundenheit mit ihr zu betonen und zu pflegen, sich selbst als Kirche eben jener Reformation verstehen zu wollen. Es war oft gar nicht selbstverständlich, daß dies geschah. Es geschah oft genug im Gegensatz zu dem eigenen Geist der betreffenden Zeit und darum mehr oder weniger künstlich und mühsam. Aber es geschah. Nacheinander und nebeneinander haben Orthodoxe, Pietisten und Aufklärer, Idealisten, Romantiker und Positivisten und manche andere unserer Kirche die Spuren ihres Wesens eingeprägt. Diese alle konnten es doch nicht lassen, ihre Aufmerksamkeit immer wieder den Ereignissen und Gestalten jener alten Tage zuzuwenden und womöglich sich selbst als die wahren Erben ihres Geistes zu fühlen und darzustellen. Kaum eine erhebliche Persönlichkeit oder Bewegung im Raume des Protestantismus, die die Kirche etwa ganz ohne Luther, oder auf reformiertem Gebiet ganz ohne Calvin hätte bauen wollen. Kein Wunder, daß man es auch heute nicht will! – Die Frage erhebt sich: Mit welchem Rechte geschah und geschieht dies? Wer darf sich auf die Reformation berufen? Wer sich ernstlich mit ihr eins wissen? Und die Beantwortung dieser Frage hängt offenbar ab von der Beantwortung der anderen Frage: Kraft welchen Gehaltes, kraft welcher Anziehungskraft hat denn die Reformation diese, wie es scheint, notwendige allgemeine Bedeutung in unserer evangelischen Kirche?

Es gibt ein religionsgeschichtliches Gesetz der Unvergeßlichkeit, der beharrlichen Begründergestalten und Begründungsereignisse. Aber der Hinweis auf diese allgemeine Erscheinung würde doch mehr eine Bezeichnung als eine Erklärung des genannten rätselhaften Tatbestandes bedeuten. Das ist es ja gerade: daß in der Reformation Kirche begründet, in der Kirche selbst neu begründet wurde. In der Tat: von daher ihre ausgezeichnete, ihre willig oder unwillig, verständnisvoll oder verständnislos anerkannte normative Stellung gegenüber den späteren Zeiten der Kirche. Was gibt ihr diese Stellung und Würde einer Kirchenbegründung? So müssen wir in der Tat fragen und eben darum ist die Beantwortung dieser Frage so schwer, weil die Frage so zu stellen ist, weil dadurch so viele auf den ersten Blick einleuchtende Antworten zum vornherein ausgeschlossen werden.

Man hat sich schon einreden wollen und man versucht es z. T. noch, sich einzureden, es sei der kulturelle, der politische, heute betont man besonders: der nationale Gehalt der Reformation, der ihr jene eigentümliche Denkwürdigkeit verleihe. Man wird nicht bestreiten können, daß sie solchen Gehalt tatsächlich gehabt hat. Aber unter diesen Gesichtspunkten kann man nur schon darum nicht so überzeugend von der Reformation reden, wie man es wohl möchte, weil es nun einmal sehr umstritten ist und bleiben wird, ob man ihre kulturellen, politischen, nationalen Wirkungen letzten Endes mehr begrüßen oder beklagen soll. Man wird ja, um nur ein Beispiel zu nennen, schwerlich sagen können, daß der faktische Ertrag des Lebenswerkes Martin Luthers der inneren und äußeren Einheit des deutschen Volkes gerade zuträglich gewesen sei. Und dieselbe Schwierigkeit würde sich für den Franzosen erheben, der es etwa unternehmen wollte, Calvin unter dem Gesichtspunkt seiner Nationalgeschichte zu würdigen. Aber selbst wer in der Lage wäre, sich der Wirkungen der Reformation auf diesen Feldern mittelst irgend einer Interpretation doch zu freuen, würde damit noch nicht in der Lage sein, von da aus die Existenz der evangelischen Kirche und deren beharrliche Beziehung gerade zu jenen Menschen und Geschehnissen zu erklären.

Dasselbe ist zu sagen von dem Versuch, die Bedeutung der Reformation zu begründen auf dem durch Thomas Carlyle berühmt gewordenen Wege der Würdigung der großen, der heroischen und schöpferischen Persönlichkeiten ihrer führenden Träger. Die Reformatoren waren nun einmal keine Dichter, keine Philosophen und keine Könige. Man muß ihre wirkliche Gestalt schon merkwürdig idealisieren und korrigieren, um sich zu ihrer Verehrung unter diesem Gesichtspunkt den nötigen Atem und das gute Gewissen zu verschaffen. Und wenn sie, was wiederum nicht bestritten werden soll, in ihrer Art „große Männer“, Menschen von ungewöhnlichem Format des Wollens und Vollbringens waren, so ist damit noch nicht gerechtfertigt und verstanden, daß und warum sie Kirche begründeten und bis auf diesen Tag eine gesetzgebende und richterliche Instanz in der Kirche sein konnten.

Man kommt aber auch damit nicht viel weiter, daß man die Reformationszeit beschreibt als eine Zeit der aufbrechenden Quellen und der durchbrechenden Kräfte der Innerlichkeit, als eine klassische Zeit tiefer und unmittelbarer Besinnung auf die letzten Gründe des menschlichen Daseins, als eine von den hohen Zeiten lebendiger Religion. In der wirklichen Reformation ging es überall – so weit man sehen kann, auch im intimen Leben der Reformation selbst –, sehr viel äußerlicher zu, es ist z. B. auch von ihnen selbst sehr viel mehr räsoniert und disputiert, dogmatisiert und politisiert worden als es den Liebhabern einer Religion und Metaphysik des Herzens aus der Nähe besehen recht sein dürfte. Man sollte nicht Luther sagen, wenn man Eckhart, Seuse oder Tauler meint! Und selbst sofern es wiederum ein Stück weit möglich und berechtigt sein sollte, die Reformatoren als Virtuosen der Religion zu verstehen, wie es jetzt auch von katholischer Seite speziell in Bezug auf Luther gerne zugegeben wird – als Virtuosen der Religion, kraft ihres glühenden Herzens oder kraft ihrer inneren Wesentlichkeit, kraft ihrer Mystik im besten und umfassendsten Sinn dieses Begriffs, hätten die Reformatoren vielleicht so etwas wie Heilige (gerade im Sinn des Katholizismus), sie hätten aber kraft dieser Eigenschaften nicht Väter unsrer Kirche werden können.

Man kam der Sache gewiß viel näher, wenn man in früheren Jahrhunderten das Verdienst und die Größe der Reformatoren schlicht darin sah, daß sie gewisse in der Kirche vergessene oder halb vergessene christliche Wahrheiten wieder ausgesprochen und damit die Kirche hergestellt haben: die Herrlichkeit und Autorität der Bibel, die Herrenwürde Gottes des Schöpfers, die Geltung Jesu Christi als des Versöhners des sündigen Menschen, die Gewalt des Glaubens an diesen Christus, die Freiheit des Christen in der Welt, die notwendige Demut und den notwendigen Mut der wahren Kirche. In der Tat: Fragt man die Reformatoren selbst nach der Bedeutung, die sie ihrem Wollen und Tun zumaßen, so bekommt man den schlichten Bescheid: es ging ihnen um die reine Lehre dieser Wahrheiten und in und mit dieser reinen Lehre um den rechten Gehorsam, das rechte Leben, die rechte Gestalt der Kirche, oder negativ: um ihre rechte Befreiung vom Papsttum als von einer mit dieser reinen Lehre nicht übereinstimmenden Form kirchlichen Gottesdienstes, kirchlichen Rechtes, kirchlicher Moral. Das können wir in Beantwortung unserer Frage gleich vorweg nehmen: Evangelische Kirche im Sinn der Reformation ist da und ist nur da, wo es um die reine Lehre der christlichen Wahrheiten geht, wo das ganze Leben der Kirche auf diese eine Aufgabe ausgerichtet, an ihr gemessen ist. Aber man beachte wohl: Es ging den Reformatoren um die reine Lehre jener Wahrheiten. Ganz unbekannt sind sie ja auch dem christlichen Mittelalter nicht gewesen. Und irgend einen Raum gönnt ihnen auch die heutige katholische Kirche. Gelehrt hat man sie vermeintlich auch in den späteren Zeiten der evangelischen Kirche. Die Reformatoren aber haben sie rein gelehrt, was im Katholizismus sicher nicht geschehen ist und nicht geschieht, während in allen späteren Zeiten der evangelischen Kirche eben dies die Frage war und ist, ob jene Wahrheiten rein oder vielleicht doch wieder unrein, und das heißt dann sofort: gar nicht gelehrt worden sind. Denn man kann mit diesen Wahrheiten nicht umgehen, wie man will. Man kann ihnen nicht ebensowohl diesen oder jenen Sinn, Nachdruck und Zusammenhang geben. Sie wollen in einer ganz bestimmten Meinung und Form gelehrt sein, sonst sind sie nicht mehr diese Wahrheiten. Das war es, was in der Reformationszeit Kirche begründet hat: daß da Tausende und Tausende überzeugt waren, jene Wahrheiten auf einmal in der einen rechten und darum notwendigen Meinung und Form verkündigt zu hören und darum jetzt auf einmal, wie seit vielen Jahrhunderten nicht mehr, als wirkliche gebieterische und heilsame Wahrheiten. Mit dieser Überzeugung: da hören wir die alten christlichen Wahrheiten in reiner und darum überlegener und darum gesunder Verkündigung – mit dieser Überzeugung war die evangelische Kirche da, mitten in der Papstkirche zunächst und nachher, als die Papstkirche das Licht der aufgehenden Sonne nicht sehen und dulden wollte, ohne sie, auf eigenen Füßen. Und das ist es, was die Reformation für alle Zeiten dieser evangelischen Kirche so wichtig, so maßgeblich gemacht hat: die klare oder dunkle Erinnerung an das unverwischbar Besondere, das damals in der Verkündigung der Kirche zu hören war und gehört worden ist, das Besondere, das damals den Wahrheiten den Stempel der Wahrheit aufdrückte. Das Geheimnis dieses Besonderen war und ist das Geheimnis der Reformation. Das wäre also jeweilen das Recht, sich auf die Reformation zu berufen, sich mit ihr eins zu wissen – da, wo das Wissen ist um dieses Besondere und wo nicht nur das Wissen darum ist, sondern wo dieses Besondere der reformatorischen Verkündigung weiterlebt, in Ehren steht und fruchtbar gemacht ist, wo es nicht ein Licht ist, das unter dem Scheffel steht, sondern ein Licht auf dem Leuchter, leuchtend allen denen, die im Hause sind. Aber was ist es um dieses Besondere? Was war es um die eine rechte und darum notwendige Form und Meinung der kirchlichen Verkündigung, die man damals auf einmal aufblitzen zu sehen meinte? Was heißt reine Lehre der christlichen Wahrheiten?

Es wird, um darauf richtig zu antworten, nützlich sein, noch einer weiteren Deutung der Reformation zu gedenken. Sie ist abgesehen von der der Reformatoren selber die älteste. Sie ist, wenn man will, auch die naivste. Aber sie ist lehrreich. Als Luther gestorben war, da hat man nämlich in der evangelischen Kirche ganz einfach gesagt: ein Prophet wie Elia oder Johannes der Täufer ist unter uns gewesen, ein Gottesmann, ein Lichtträger, ein Theologe, der seine Theologie a priori d. h. aus Offenbarung hatte. Schon Luther selbst war gelegentlich an entsprechende Aussagen über seine eigene Sendung und Ausrüstung mindestens hart herangekommen. Aber auch die Institutio Calvins ist nach seinem Tod ungescheut als ein Buch bezeichnet worden, wie es seit den Schriften der Apostel nicht mehr dagewesen sei. Das alles schmeckt stilistisch nach Renaissance. Aber es lohnt sich darum doch, darüber nachzudenken. Das könnte ja in der Tat das Besondere, die ausgezeichnete Reinheit der reformatorischen Lehre gewesen sein, daß sie etwas ganz Bestimmtes mit der Lehre der Propheten und Apostel gemeinsam hatte, gemeinsam nicht nur im Inhalt, sondern auch in der Form und Meinung, in der sie vorgetragen wurde. Ging es damals mit rechten Dingen zu, wenn dieses Besondere geradezu Kirche begründet hat, dann kann es ja auch gar nicht anders gewesen sein, dann muß dieses Besondere, diese Reinheit in der prophetisch-apostolischen Art jener Lehre bestanden haben. Wäre sie anderer Art gewesen, so müßten wir sagen: es war etwas anderes als Kirche, christliche Kirche, was hier begründet wurde. Andere Besonderheiten christlicher Lehre als eben die prophetisch-apostolische pflegen nicht Kirche, sondern Häresie zu begründen. Geschah damals legitime Begründung oder vielmehr Neubegründung, Reformation, d. h. Wiederherstellung der einen wahren christlichen Kirche, kehrte dort die Kirche gerade von der Häresie zu sich selber zurück, dann mußte es die Stimme der Propheten und Apostel sein, was man hier gehört hat. Und dies: daß man hier diese Stimme gehört hat, war es dann eigentlich und ursprünglich, was die Reformation für die ganze spätere evangelische Kirche unvergeßlich und normativ gemacht hat, noch macht und immer wieder machen muß. Sodaß wir nun weiter fragen müssen: Was denn eben diese prophetisch-apostolische Art der reformatorischen Verkündigung gewesen ist?

Und nun kann die Antwort einfach lauten: das christliche Denken und Reden der Reformatoren, wie es in ihrer Lehre zum Ausdruck kam, war wie das der Propheten und Apostel ein Denken und Reden, das aus einer soeben gefallenen Entscheidung kam und das auch inhaltlich nichts anderes sein wollte als eine Ankündigung und Verantwortung dieser soeben gefallenen Entscheidung. Eine Entscheidung ist da gefallen, wo es für einen Menschen mit der vermittelnden Betrachtung und Erwägung verschiedener Möglichkeiten, mit der Frage nach ihrer allfälligen höheren Einheit oder gar mit dem vermeintlichen Wissen um eine solche Einheit für einmal ein Ende hat, wo es statt dessen zu einem Urteil, zu einer Wahl, zu einem bestimmten Vorziehen und Zurückstellen, Über- und Unterordnen gekommen ist. Sich entscheiden heißt: sich in Freiheit seiner Freiheit entäußern. Wer sich entschieden hat, der hat sich gebunden. Das freundlich-schützende Dunkel oder auch die vornehme Höhe, wo er noch so oder auch anders konnte, liegt hinter ihm. Herausgetreten, herabgestiegen in das nüchterne Licht des Tages muß er nun Ja oder Nein sagen, dies oder das wollen, hier oder dort stehen. Solche durch Entscheidung gebundene Menschen waren die Reformatoren. Sie hatten gewählt. Der Ort, wo sie noch viele Möglichkeiten hatten, war ein von ihnen verlassener Ort. Und darum hatte ihre Lehre nur eine Dimension, nur ein Anliegen, nur eine Absicht. Sie war teils Aufruf an alle, sich mit ihnen zu entscheiden, teils Verantwortung über den Inhalt dieser Entscheidung gegenüber denen, die sich nicht mit ihnen entscheiden wollten, teils Verständigung mit denen, die sich schon mit ihnen entschieden hatten. Sie ging aber in keinem Wort hinter diese ihre Entscheidung zurück und so ist sie auch in keinem Wort abgesehen von dieser ihrer Entscheidung zu verstehen. Reformatorische Lehre ergeht gerade nicht von irgend einer höheren Warte aus. Sie vergleicht nicht, sie erwägt nicht, sie diskutiert nicht. Sondern sie zeigt an, sie erklärt, sie disputiert. Dies ists, was ihr Metall und Gefälle gibt. Dies ists, was sie mit der Verkündigung der Propheten und Apostel gemeinsam hat. Dies ists, was es in der katholischen Kirche vor der Reformation nicht gab und auch in der katholischen Kirche nach der Reformation nicht gibt. Und dies ists, was die Reformation der evangelischen Kirche unvergeßlich gemacht hat, obwohl es und indem es auch hier zu allen Zeiten fraglich und zu manchen Zeiten mehr als fraglich war und ist, ob man noch darum wußte und weiß: Reformation ist Entscheidung und da und nur da ist die Kirche der Reformation, wo Entscheidung ist.

Aber es gibt mancherlei Entscheidungen. Die Reformatoren kamen gerade wie die Propheten und Apostel von einer ganz bestimmten mit keiner anderen zu verwechselnden Entscheidung her. Alle menschlichen Entscheidungen, auch die ernsthaftesten und gewichtigsten – mit Ausnahme einer einzigen – haben es nämlich an sich, daß der Mensch sie, solange er Zeit hat, durch neue Entscheidungen überholen, korrigieren und geradezu ersetzen kann. Wir haben es doch reichlich erlebt, wie mancher noch gestern stand und mit höchster Entschiedenheit zu stehen schien, um dann – siehe da! – heute doch auch anders zu können. Es ist aber auch sehr tröstlich, sich klar zu machen, daß es auch für die höchsten Entschiedenheiten von heute ein morgen gibt, das viel oder alles ändern kann. Das hängt damit zusammen, daß der Mensch in allen seinen Entscheidungen – mit Ausnahme einer einzigen – eine seiner eigenen Möglichkeiten ergreift und wiederum: sich selbst für diese eine ergriffene Möglichkeit einsetzt und also sich selber von seiner Entscheidung her bindet. Der Verlust an Freiheit, den er in seiner Entscheidung erleidet, ist allemal – mit einer einzigen Ausnahme – zugleich ein Triumph seiner Freiheit. Solange er Zeit hat, kann er sich in derselben unverlorenen Freiheit heute anders binden als gestern, und morgen anders als heute. Eine nicht aufzuhebende Entscheidung, also eine solche, in der der Mensch sich unwiderruflich binden, in der er seine Freiheit nun wirklich opfern würde, müßte zugleich eine solche sein, auf Grund deren er keine Zeit mehr – jedenfalls zu einer Revision dieser Entscheidung schlechterdings keine Zeit mehr hätte. Diese Entscheidung kann aber – wenn wir den Grenzfall der Entscheidung zum Selbstmord hier außer Betracht lassen dürfen – keine andere sein als die Entscheidung zum christlichen Glauben. In dieser Entscheidung hat sich der Mensch unwiderruflich gebunden: ohne jeden Ausblick auf ein künftiges Anderskönnen, ohne jede offen bleibende Möglichkeit eines künftigen Überholens dieser Entscheidung. Ist er anders, ist er weniger streng gebunden, so war seine Entscheidung sicher nicht diese Entscheidung. Diese Entscheidung ist im Unterschied zu allen anderen die endgültig gefallene Entscheidung. Denn in dieser Entscheidung hat der Mensch seine Freiheit, d. h. eben die Möglichkeit künftigen Auchanderskönnens geopfert. Beides aber darum, weil der zum christlichen Glauben Entschiedene keine Zeit, keine ihm zur Abweichung vom Glauben zur Verfügung stehende Zeit mehr hat. Die Entscheidung zum christlichen Glauben ist nämlich die Entscheidung für Gott als den Herrn des Menschen. Und so steht seine, des Menschen Zeit nicht mehr in seinen eigenen, sondern in Gottes Händen. So ist ihm der Weg zu künftigen anderen Entscheidungen verrannt, so hat er sich seiner Freiheit, nicht zu glauben, wirklich und endgültig begeben. „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ Man bemerke, daß es nicht heißt: Ihr sollt nicht! sondern: Ihr könnt nicht! Zu seinen Jüngern hat Jesus Christus das gesagt. Die Situation ist eine weltweit andere als dort, wo Elia das Volk fragt: „Wie lange hinket ihr auf beiden Seiten?“ und wo es dann heißen muß: „Und das Volk antwortete ihm nichts“. Hier ist schon geantwortet: Ihr könnt nicht. Ihr könnt wohl etwas ganz anderes tun als meine Jünger. Ihr könnt wohl etwas ganz anderes tun als glauben, aber ihr könnt nicht glauben und im Glauben noch immer frei sein wollen, ein anderes Mal nicht zu glauben. In dieser Entscheidung seid ihr gefangen. Jede künftige Entscheidung kann, von ihr aus gesehen, nur ihre Wiederholung und Bestätigung sein. Ihr seid Gottes! Herkommend von der Entscheidung zum christlichen Glauben, sagt der Mensch mit den Propheten: „Herr, du hast mich überredet und ich habe mich überreden lassen; du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen“ (Jer. 20, 7) und darum mit dem Apostel: „Ich vergesse, was dahinten ist und strecke mich aus nach dem, was vorne ist“ (Phil. 3, 13). Die Bewegung, die mit diesen Worten beschrieben ist, ist eine eindeutige und unumkehrbare Bewegung. Der Mensch, der von dieser Bewegung ergriffen ist, kann über die Richtung, die er nimmt, so wenig mit sich reden lassen wie ein Kind, das nach seiner Mutter verlangt. Er ist eben tatsächlich umgekehrt und ein solches Kind geworden. Er existiert nun in dieser Richtung und darum kann er auch nur in dieser Richtung eine Zukunft haben. Nur die Entscheidung für den Tod oder dann eben die Entscheidung für Gott den Herrn im christlichen Glauben kann diesen unbedingten Charakter haben. Diesen Charakter hatte aber die Entscheidung, von der die reformatorische Lehre herkam und dies ist das Besondere, das Reine in der reformatorischen Lehre der christlichen Wahrheiten. – Ich darf das an einigen Beispielen klar zu machen versuchen.

Es handelt sich in der reformatorischen Lehre von der heiligen Schrift als dem einzigen Zeugnis wirklicher und maßgeblicher Offenbarung Gottes um die einfache Erkenntnis: Gott ist von uns Menschen da zu finden, wo es ihm gefallen hat, uns zu suchen. Also nicht da, wo wir meinen, ihn von uns aus suchen zu können: nicht im Bereich unserer eigenen Möglichkeiten, ob sie nun Vernunft oder Erfahrung, Natur oder Geschichte, inneres oder äußeres Universum heißen mögen. Nicht da, wo wir in unserer Weisheit über ihn meinen reden zu sollen, sondern da, wo er in seiner Weisheit zu uns geredet hat. Und er hat zu uns geredet, einmal für allemal. Und von diesem Perfektum: Deus dixit zeugt die heilige Schrift und nur sie. Darum kann und darf die Verkündigung der christlichen Kirche in keinem Sinn eine Philosophie, d. h. eine Entwicklung irgend einer selbstgefundenen Welt- und Lebensanschauung sein. Darum ist sie gebunden als Schriftauslegung. Alle andere Lehre hat in der Kirche kein Recht und keine Verheißung. Diese reformatorische Lehre von der heiligen Schrift ist sofort verständlich für den, der versteht: sie redet von der endgültig gefallenen Entscheidung her. Sie sagt, daß, nachdem Gott uns gesucht hat im Wunder seiner Herablassung in Jesus Christus, dessen Zeugen die Propheten und die Apostel sind, alle unsere Bemühungen, ihn von uns aus zu finden, nicht nur gegenstandslos geworden, sondern als in sich unmöglich hingestellt worden sind. Nachdem Gott zum Menschen geredet hat, hat der Mensch ganz schlicht keine Zeit mehr, sich selber über Gott unterrichten zu wollen. Von der gefallenen Entscheidung her konnte die Lehre von der heiligen Schrift tatsächlich nicht anders lauten als so, wie sie von den Reformatoren in großer Härte aber auch in noch größerer Freudigkeit vorgetragen worden ist. Von der gefallenen Entscheidung her konnte und kann eben nach irgend einer natürlichen Theologie auch nicht das geringste Bedürfnis bestehen.

Es handelt sich weiter in der reformatorischen Lehre von der Erbsünde um die einfache Erkenntnis: indem Gott der Schöpfer, der Versöhner, der Erlöser, indem Gottes Gebot und Gottes Trost sich uns zu erkennen gegeben hat durch sein Wort, ist uns unser Urteil gesprochen, vor dem es keine Entschuldigung und kein Entfliehen gibt. Denn indem wir dieses Wort hören, müssen wir uns sagen lassen, daß der Gebrauch, den wir von unserer Freiheit machen im Bereich unserer Geburt von Adam her, im Bereich unserer eigenen Möglichkeiten – mit Einschluß des Gebrauchs, den wir für den besten halten mögen – ein böser Gebrauch ist, der alle Zeit Feindschaft gegen Gott und Haß gegen unseren Nächsten bedeutet. Wir haben – und das eben ist unsere unendliche Schuld – faktisch keine Freiheit für Gott, wir sind in der Wurzel unseres Seins und Wesens solche, die diese Freiheit mutwillig weggeworfen und also verloren haben. Auch diese reformatorische Lehre redet von der endgültig gefallenen Entscheidung her. Sie sagt, daß, nachdem Gottes Herablassung in Jesus Christus sich als der einzige Weg zwischen Gott und Mensch erwiesen hat, des Menschen ungöttliche, unheilige, ungerechte Art nicht mehr zu verleugnen, sondern zu bekennen ist: Wer schlechterdings auf Erbarmen angewiesen ist, der ist eben erbärmlich. Die reformatorische Lehre sagt, daß der von Gottes wirklichem Wort erreichte und getroffene Mensch das anerkennen muß, weil er keine Zeit, keinen Atem, keine Luft mehr haben kann, sich über sich selbst, über den Gebrauch, den er von seiner Freiheit zu machen weiß und also über den faktischen Bestand seiner Freiheit Illusionen zu machen. Wie sollte die Lehre vom Menschen von dieser Entscheidung her anders lauten können als dahin: sein Dichten und Trachten ist böse von Jugend auf, sein Wille ist ein unfreier Wille. Wer sie von dieser Entscheidung her versteht, der wird auch in ihr neben dem hörbaren Entsetzen des Menschen, der sich selbst verloren geben muß, den unendlichen Jubel des aus seiner Verlorenheit erretteten Kindes Gottes keinen Augenblick überhören. Es handelt sich weiter in der reformatorischen Lehre von der Rechtfertigung des sündigen Menschen allein durch den Glauben um die einfache Erkenntnis: eben darum, weil wir, unsere eigene Freiheit gebrauchend, im Bereich unserer eigenen Möglichkeit niemals tun noch tun werden, was vor Gott recht ist – eben darum können wir unsere Gerechtigkeit nur dort suchen, wo Gott sie uns geschenkt und angeboten hat: in der Herablassung, in der er in Jesus Christus an unsere Stelle getreten ist, um gut zu machen, was wir böse machen. Das heißt ja glauben: Entscheidung für Gott als unsern Herrn. Ist er unser Herr, so ist er auch unsere Gerechtigkeit, so können wir unsere Zuversicht, vor ihm gerecht zu werden, wiederum nur auf ihn selbst setzen. Wieder hängt hier alles daran, daß wir verstehen: hier wird von der endgültig gefallenen Entscheidung her geredet. Die reformatorische Lehre sagt: nachdem Gott seine Ehre und Herrlichkeit darin erwiesen hat, daß er uns in Jesus Christus nicht weniger als sich selber gab, muß unsere Ehrerbietung, unser Dank und unser Gehorsam darin bestehen, von aller eigenen Gerechtigkeit hinweg zu seiner Gerechtigkeit zu fliehen. Der Mensch, der Gott Gott sein läßt, wie er Gott ist für uns in der Krippe zu Bethlehem und am Kreuz von Golgatha – dieser Mensch hat einfach keine Zeit und keinen Raum, sich nun dennoch mit seinen Werken, d. h. mit seiner Gesinnung und Haltung, mit seinem Ernst, seinem Anstand, seiner Tüchtigkeit selbst rechtfertigen zu wollen. Wie sollte die Lehre vom Heil anders lauten können von der gefallenen Entscheidung her als dahin, daß der Mensch, indem ihm seine Sünde vergeben wird, beansprucht ist zum Gehorsam des Glaubens, dessen Taten in Gottes gnädigem Urteil und nicht in der Selbsteinschätzung des Menschen gut sind. Nach einer anderen Güte als der Güte Gottes wird von der gefallenen Entscheidung her nicht mehr gefragt werden können.

Und so handelt es sich in der reformatorischen Lehre von der Gnadenwahl oder Prädestination um die in ihrer Absicht ebenfalls ganz einfache aber grundlegende Erkenntnis: die Entscheidung zu diesem christlichen Glauben an die geschehene Herablassung, an die kundgewordene Barmherzigkeit Gottes ist wohl eine Entscheidung des Menschen, aber nun gerade keine von den Entscheidungen, die er in und aus seiner eigenen Freiheit vollzieht. Das zeichnet sie ja aus vor allen anderen Entscheidungen, daß sie Entscheidung für Gott den Herrn ist, daß also gerade die Freiheit des Menschen in ihr geopfert wird. Das macht sie zur ernstlichen Bindung, zur gewissen notwendigen und unumstößlichen Entscheidung. Aber wer entscheidet denn sich selber für Gott den Herrn? Gerade wer das wirklich tut, also gerade wer glaubt, wird gerade dafür nimmermehr seine Freiheit geltend machen. Sondern das ist die Lehre des christlichen Glaubens von sich selber: daß er auf einer ganz und gar unverdienten und unbegreiflichen Wahl dessen beruhe, an den er glaubt, daß nicht der Mensch frei sei zu glauben oder nicht zu glauben, wohl aber Gott frei, sich zu erbarmen und zu verstocken nach seinem Wohlgefallen. Noch einmal kommt auch in dieser reformatorischen Lehre jedes Wort von der gefallenen Entscheidung her. Wer bloß über den Glauben nachdenkt, wird nie, wer aus dem Glauben denkt, der muß zu dem in dieser Lehre ausgesprochenen Ergebnis kommen. Die Reformatoren dachten aus dem Glauben, der dadurch rechtfertigt, daß in ihm Gott die Ehre gegeben wird. Darum lehrten sie – Luther und Calvin in dieser Sache in voller Einmütigkeit – die unbedingte, die doppelte Prädestination, das heißt aber die volle Freiheit Gottes. Diese Lehre sagt, daß wie Jesus Christus selber so auch der Glaube an ihn keine von den eigenen Möglichkeiten des Menschen, sondern die große rettende Möglichkeit Gottes für ihn ist: das Wunder des heiligen Geistes, den keiner sich nehmen kann. Der glaubende Mensch hat eben wirklich keine Zeit, sich seinen Glauben irgendwoher nehmen zu wollen. Er hat alle Hände voll damit zu tun, ihn zu empfangen und immer wieder zu empfangen. Das ist die Entscheidung des Glaubens, daß es dem Menschen aus dem Geheimnis Gottes heraus geschenkt wird, Gott für seinen Herrn zu halten. Von dieser Entscheidung her kann die Lehre vom Glauben nicht wohl anders lauten als so, wie sie in der Prädestinationslehre der Reformatoren formuliert worden ist.

Das eben Gesagte wollte von ferne keine Darstellung dessen sein, was die Reformatoren im Ganzen oder auch nur in diesen einzelnen Punkten von der christlichen Wahrheit gelehrt haben. Es sollte nur an vier herausgegriffenen Punkten die eigentümliche Richtung bezeichnet werden, in der ihre Lehre verlief. Diese Richtung war das Besondere, war die Reinheit, war die prophetisch-apostolische Art ihrer Lehre und das Geheimnis der ganzen Reformation. Diese Richtung war dem alten und ist dem neuen Katholizismus unerhört. Diese Richtung hat die Reformation in der evangelischen Kirche unvergeßlich gemacht.

Aber wir hörten ja schon: Oft genug ist diese Richtung auch der jeweils herrschenden Bewegung in der evangelischen Kirche selbst unerhört gewesen. Weil die Richtung der jeweils in der evangelischen Kirche herrschenden Bewegung oft genug heimlich oder offen, milde oder scharf, gerade die entgegengesetzte war! Merkwürdige Zeiten brachen dann an. Die Reformation blieb dann wohl stehen in ihrer Würde und Geltung, aber die Art, in der man sich mit ihr beschäftigte, erweckte den dringenden Verdacht, es gehe dabei im Grunde vor allem darum, sich dem Protest zu entziehen, der sich von jenem fernen Geschehnis her gegen das, was die Gegenwart dachte und wollte, wie ein Gewitter zu erheben schien. Die Reformation wurde geliebt und gelobt, aber die Liebe und das Lob wurde unter sorgfältiger Vermeidung des brennenden Punktes denjenigen Momenten der Reformation zugewendet, auf Grund derer sie Kirchenreformation gerade nicht hätte werden können. Die Reformatoren insbesondere wurden, besonders wenn etwa gerade wieder ein Jubiläum fällig war, eifrig zitiert und emporgehoben, ihre Gräber tüchtig gebaut und geschmückt und wie Samuels Geist bei der Hexe zu Endor erschien hier wirklich Luther, dort wirklich Calvin inmitten der festlichen Beschwörungen. Aber es war dann jeweilen nicht zu verkennen, wie froh jedermann war, wenn das Verschwinden dieser erlauchten Geister es erlaubte, wieder zur Tagesordnung zurückzukehren. Das wirkliche Leben der Kirche, wie es besonders in ihrer öffentlichen Verkündigung sichtbar wird, hatte eben, so weit es durch die herrschende Bewegung bestimmt war, jeweilen doch eine ganz, ganz andere Richtung. Es konnte nicht anders sein, als daß es sich in allen diesen merkwürdigen Zeiten als mehr oder weniger fraglich erwies, ob die Kirche in Wahrheit noch das sei, als was sie sich nach wie vor bezeichnete: evangelische Kirche?

Von einer anderen, der der Reformation entgegengesetzten Richtung in der Kirche muß man da reden, wo jenes Besondere, jene Reinheit, jene prophetisch-apostolische Art der reformatorischen Lehre dem Denken und Reden der Kirche verloren gegangen ist, das heißt aber: wo das Denken und Reden der Kirche bei allem Anspruch und guten Willen, gläubig zu sein, nicht mehr von jener gefallenen Entscheidung zum christlichen Glauben herkommt. Nicht darin wird ja die Entfremdung der evangelischen Kirche von der Reformation in solchen Zeiten bestehen, daß die christlichen Wahrheiten, die die Reformation wieder auf den Leuchter gehoben hat, etwa gar nicht mehr verkündigt oder gar geleugnet werden. Nein, gerade in solchen Zeiten wird man vielmehr die Beteuerung, und zwar die ehrliche Beteuerung auf allen Gassen hören: daß das Bekenntnis unangetastet bleiben, daß nach wie vor das Evangelium in der Kirche gelten und gehört werden solle.

Gerade in solchen Zeiten – es ist mehr als einmal so geschehen – wird hinsichtlich der überkommenen Glaubenssätze geradezu ein konservativer, um nicht zu sagen reaktionärer Zug durch die Kirche gehen. Ein allzu offener Liberalismus hüte sich in solchen Zeiten, daß er nicht das Opfer eines der Totschlagsversuche werde, die gerade in solcher Zeit an der Mode zu sein pflegen. Vielleicht, daß es dann nach krampfhaften Bemühungen in diesem Sinn früher oder später ungewollt doch zu seltsamen Durchlöcherungen und Veränderungen der überkommenen Glaubenssätze kommt. Aber wesentlich und ursprünglich handelt es sich nie darum, wenn die evangelische Kirche der Reformation wieder einmal untreu wird. Sondern wesentlich und ursprünglich handelt es sich dann immer darum, daß man in guter Treue von Haus aus von ganz anderswoher denkt und redet als die Reformation, nämlich nicht mehr von der gefallenen Entscheidung, sondern nun eben doch von der Betrachtung und Vergleichung, von der höheren Einheit zweier Möglichkeiten her, von denen der christliche Glaube nur noch die eine – vielleicht eine stark und ehrlich betonte, aber doch nur noch die eine ist. Man hat ihn nicht preisgegeben, aber man hat ihm gegenüber seine Freiheit wieder gewonnen. Seine Freiheit! Also doch Liberalismus? Ja, im Grunde, in dem Punkt, auf den alles ankommt, gerade doch Liberalismus, so heftig man ihn verabscheuen möchte. Das ist aber der Liberalismus in der Kirche: man wählt den Glauben, aus Gründen, mit Ernst und Überzeugung, aber man wählt ihn als eine seiner eigenen Möglichkeiten. Man bekennt sich zu ihm, aber man will doch die vielen anderen Möglichkeiten neben dem Glauben auch nicht übersehen, die man ja in derselben Freiheit auch wählen könnte. Man hat grundsätzlich doch noch oder doch wieder Zeit für sie. Man will gewiß Gott und nur Gott dienen, aber man will das nun doch wieder von jener höheren Warte aus tun, von der aus gesehen auch der Dienst Mammons eine ernste Möglichkeit ist. Es triumphiert, auch und gerade indem man nun doch Gott dienen will, die eigene Freiheit, in der man grundsätzlich in der Mitte steht. Diese Mitte wird behauptet. Man hat Zeit zum Vergleichen, zum Erwägen, kurz, Zeit für sich selber. Und in diesem grundsätzlichen Zeit-haben für sich selber und seine eigenen Möglichkeiten will man nun auch den christlichen Glauben verstehen und bekennen, erklären und verkündigen. Das heißt aber: man versteht und bekennt, man erklärt und verkündigt ihn nun in Beziehung zu demjenigen Verständnis seiner selbst und seiner eigenen Möglichkeiten, für das man gerade Zeit hat, m. a. W. das gerade zeitgemäß ist. Man muß ihn verstehen in Beziehung zur Moral, so sagte man einst, dann: in Beziehung zur Vernunft, dann: in Beziehung zur Humanität, dann: in Beziehung zur Kultur und heute bekanntlich: in Beziehung zu Volkstum und Staat. Man hat als Kind dieser oder jener Zeit, als Genosse ihrer Geschichte, ihres Geistes, ihrer besonderen Meinungen und Überzeugungen diese oder jene Bestimmung des Menschen bejaht und ergriffen als die derzeit allein richtige und der Glaube – nun, der Glaube muß nun unter allen Umständen in Beziehung stehen zu dem so bestimmten Menschen. Sonst würde er ja wohl – und das gehe doch nicht, so meint man jetzt seufzen zu müssen – „im luftleeren Raum“ sich befinden. Daß er in jener Beziehung stehen muß, d. h. daß er unter allen Umständen ein moralischer oder ein vernünftiger oder ein humanitärer oder also heute ein volksmäßiger Glaube sein muß, das ist in aller Stille merkwürdig gewiß und wichtig geworden. Muß man nicht sagen: ebenso gewiß und wichtig wie das andere, daß er Glaube sein muß? Ja, muß man nicht vielleicht sagen: noch viel gewisser und wichtiger als dieses andere? Offen herausgefragt: Was ist in solchen Zeiten sicherer und notwendiger, die Beziehung des Glaubens zur Moral, zur Vernunft, zur Humanität, zur Kultur, zu Volkstum und Staat, kurz, zum Menschen in irgendeiner der Bestimmungen, die er sich selbst gibt – oder der Glaube selber? Das ist jedenfalls sicher, daß alles Interesse, aller Eifer, alle Leidenschaft in solchen Zeiten diesen Beziehungen des Glaubens gilt, nicht dem Glauben selbst, nicht seinem Bekenntnis. Der Glaube und das Bekenntnis pflegen dann wohl als selbstverständlich vorausgesetzt zu werden! Es braucht dann nicht einmal so zu sein, daß der Glaube in dieser Gegenüberstellung gleich den Kürzeren zieht. Es braucht nur so zu sein, daß die beiden Notwendigkeiten wie die Balken einer leeren Waage sich im Gleichgewicht gegenüberstehen; der Mensch in seiner Freiheit aber sich selbst als das Zünglein an der Waage verstehen darf. Auch und gerade dann ist der Glaube selbst ein anderer geworden. Er ist nun diskutabel geworden wie die anderen Möglichkeiten, für die sich der Mensch entscheiden kann, diskutabel deshalb, weil ja nun die Beziehung zu diesen anderen Möglichkeiten, in die man ihn setzen will und damit diese anderen Möglichkeiten selbst seine eigenen Bedingungen werden. Frei ist er nun nicht mehr. Er kann nun nur noch sein, was er vermöge der Freiheit des Menschen und was er in jener Beziehung sein kann. Mag er noch immer ein höchst orthodoxer Glaube sein – es hat schon im 18. Jahrhundert eine prachtvolle Orthodoxie gegeben, die sich in dieser Lage befand – so ist er doch eingesehen von seinem Gegenüber her, gemessen an ihm, verpflichtet, Antwort zu geben auf die Fragen, die ihm von dorther gestellt, Genüge zu tun den Anliegen, die ihm von dorther entgegengebracht werden. Tut er das nicht, erweist er sich nicht als moralisch, als vernünftig, als völkischer Art und Aufgabe entsprechend, dann droht ihm schon heimlich die Kündigung. Er ist nun ein vielleicht sorgfältig und eifrig gepflegter aber eben doch ein domestizierter, ein gefangener und in fremden Dienst gestellter Glaube geworden. Und das um so mehr, wenn der Mensch in seiner Freiheit sich herausnimmt, jene dem Glauben gegenübergestellten menschlichen Möglichkeiten ihrerseits mit religiösem Glanz zu umgeben, sie auf eine göttliche Uroffenbarung zurückzuführen, sie mit der Ordnung der Schöpfung zu identifizieren oder noch höher hinauf: mit dem Gesetz Gottes oder schließlich ganz direkt mit dem heiligen Geist, der ja bekanntlich in uns allen lebe. Ist der Mensch wirklich in der Lage, seine eigene Bestimmung, so wie er sie zu verstehen meint, als Wort Gottes aufzufassen, wie sollte dann das Wort Gottes, das er im Glauben zu vernehmen meint, auf die Länge zu ihm dringen als Gottes Wort, wie sollte es ihm dann auf die Länge etwas anderes sein können als wiederum ein Wort, das er zu sich selber sagt, das er darum gestaltet entsprechend dem, was er sich selber zu sagen hat oder zu sagen wünscht. Er ist ein anderer geworden, dieser Glaube, der sich von Vernunft, von der Kultur, von Volk und Staat her hat Schach bieten lassen, der sich nur noch in diesem Gegenüber vernehmen lassen kann. Er wird sich – von jenem anderen Ursprung her verstanden und bekannt, erklärt und verkündigt – auch beim besten Willen darstellen und erweisen als derjenige Glaube, in welchem der Mensch Gott und dem Mam­mon dienen kann und dann auch tatsächlich dienen muß. Die der Reformation entgegenge­setzte Richtung ist, wo man sie einmal eingeschlagen hat, früher oder später noch immer darin sichtbar geworden, daß man der Reformation im Glauben und im Leben tatsächlich ganz fremd werden mußte. „Fällt der Mantel, so muß der Herzog nach!“ Hat man jene Richtung einmal verloren, dann wird man auf die Länge auch vergeblich orthodox sein wollen. Wie sollte man dann, um nur die vier erwähnten Punkte nochmals zu nennen, in Sachen der Auto­rität der heiligen Schrift, in Sachen der Erbsünde, in Sachen der Rechtfertigung, in Sachen der Prädestination noch so lehren können, wie es die Reformatoren getan haben? Wird man ihre Lehre, die so von ganz anderswoher kam, dann überhaupt noch verstehen können? Wird sie einem nicht notwendig, zuerst heimlich und dann offen, absurd erscheinen müssen? Wird man sie nicht auf der ganzen Linie umbiegen und abschwächen müssen – bis sie ungefähr wieder so lautet, wie sie im Katholizismus, von dem die Reformation ausgegangen war, gelautet hatte und bis heute lautet? Ist die Trennung vom Papsttum dann noch rechtmäßig und notwendig? Wir können nur sagen: Ja, so haben sich die Dinge noch immer abgewickelt, wo man die reformatorische Richtung, die der Freiheit Gottes genug tun wollte, verloren hatte zugunsten der anderen Richtung, die der Freiheit Gottes und der Freiheit des Menschen miteinander genug tun will, um im Ergebnis allein der Freiheit des Menschen genug zu tun. Es entsteht dann wirklich etwas ganz, ganz anderes: ein anderer Glaube, ein anderer Christus, eine andere Predigt, ein anderer Geist, eine andere Kirche. Mag man dann streiten darüber, ob man diese andere Kirche lieber als Humanitätskirche oder lieber als Volks- oder Staatskirche aufziehen will, ob sich ihre Predigt besser am einzelnen oder besser an der Gemeinschaft orientiert. Unnützer Streit! Die Kirche der Reformation wird sie, die nicht aus der Entscheidung für den christlichen Glauben, nicht aus dem Worte Gottes geboren ist, so oder so nicht mehr sein, sondern so oder so eine Kirche der heimlich oder auch offen triumphierenden natürlichen Theologie, des Optimismus, der Werkgerechtigkeit, des menschlichen Übermuts, der nie größer ist als wenn er auch noch religiös wird – eine Parallele zum Papsttum trotz alles anti­römischen Geschreis, das man in ihren Hallen da und dort noch immer vernehmen wird.

Es läßt sich nicht scherzen mit der Reformation. Es ist gewiß angebracht, sich ernstlich zu fragen, ob die Reformatoren mit ihrer Neubegründung der Kirche nicht etwas gewagt haben, was sie nicht hätten wagen sollen, weil die europäische Menschheit diesem Wagnis nicht gewachsen war. Ob sie uns nicht ein Erbe hinterlassen haben, mit dem wir, so wie es ist, nichts anzufangen wissen, weil es eine untragbare Zumutung für uns bedeutet, weil es einen Glauben von uns verlangt, den wir nicht aufbringen können, weil es dem nicht gerecht wird, was nun einmal unser Anliegen ist. So kann man allen Ernstes fragen. Und wer die Dinge so meint sehen zu müssen, der stehe dazu als ein ehrlicher Mann und baue die Kirche statt mit den Reformatoren auf den einen Grund Jesus Christus auf den besseren Grund von Offenba­rung und Vernunft, Glaube und Wissen, Evangelium und Volkstum. Auf die Einheit einer so gebauten Kirche mit der Reformation sollte dann aber ebenso ehrlich verzichtet werden. Der Gemeinsamkeit mit dem römisch-katholischen Denken und Wollen dürfte man sich dann nicht mehr schämen. Und Lutherfeiern – ja, Lutherfeiern würden dann ja wohl besser unter­lassen werden.

Können wir sie aber nicht unterlassen, wollen wir dennoch und dennoch evangelische Kirche, Kirche der Reformation sein und bleiben, möchten wir ihr Erbe nicht ausschlagen, möchten wir also auch die Reformation selbst nicht anders haben – wirklich als den heute noch leben­digen Anfang unserer Kirche nicht anders haben, als so, wie sie nun einmal war – ja, was wird uns dann übrigbleiben, als uns die Richtung, die sie hatte, fragen zu lassen, wie es denn mit der Richtung steht, die wir haben. Die Reformation als Entscheidung wird dann die evangeli­sche Kirche von heute nach ihrer Entscheidung fragen. Und wenn wir ihrer Frage standhalten, dann wird es ja wohl an den Tag kommen, ob es unter uns auch noch so etwas wie eine gefal­lene Entscheidung gibt und darum dann auch legitimes reformatorisches Bekenntnis, reine reformatorische Lehre – oder eben nur noch die Vermittlung und deshalb kein Recht, sich auf die Reformation zu berufen. Und wenn es dann vielleicht ebenfalls an den Tag kommen soll­te, daß es solche gefallene Entscheidung gerade in der heute in der evangelischen Kirche herr­schenden Bewegung nicht geben, daß diese Bewegung nichts anderes sein sollte als die letzte vitalste vollendete Gestalt der großen neuprotestantischen Untreue gegen die Reformation –nun, dann wüßten wenigstens alle die, die dieser Bewegung nicht verfallen sind, eindeutig, was sie zu tun haben. Was haben sie zu tun? Sie haben, gestärkt durch das, was uns die Reformation gerade heute zu sagen hat, Widerstand zu leisten. Im Namen der wahren gegen die in Gestalt dieser Bewegung herrschende falsche evangelische Kirche. Und darin wird dieser Widerstand bestehen, daß sie sich im Unterschied zu der herrschenden Bewegung wieder rücksichtslos und fröhlich, wie es vor vierhundert Jahren geschehen ist, hinter die gefallene Entscheidung stellen. Rücksichtslos sage ich: denn wer dieser Bewegung gegenüber nicht etwas ganz anderes will und darum auch tut als sie, der ist hier unbrauchbar. Zwischen der Entscheidung und der Nicht-Entscheidung kann nicht noch einmal vermittelt werden; zwischen Luther und dem Papst, zwischen Luther und den Schwärmern gab es auch keine Vermittlung. Vermittlung könnte hier nur Übergang zum Feind bedeuten. Und fröhlich ist hier Widerstand zu leisten: hinter der gefallenen Entscheidung zieht man nämlich seine Straße fröhlich, und wenn man einer gegen hundert wäre, fröhlich, weil man seinen Gegner nicht zu fürchten hat. Die Sache der heute herrschenden Bewegung ist keine starke Sache. Wer die reformatorische Richtung verloren hat, der hat, wie gewaltig er sich auch stelle, das Rückgrat verloren. Er wird nicht schaffen, was er schaffen möchte. Als die alten Schweizer bei Sem­pach zum Kampf gegen die gepanzerte Phalanx Leopolds von Österreich antraten, da soll einer von ihnen gerufen haben: „Schlagt auf ihre Speere, denn sie sind hohl!“ Sie sind hohl! Das wäre aber auch dann zu sagen, wenn man es ohne alle äußere Zuversicht sagen müßte. Und es wird sogar besser sein, wenn man es ohne alle äußere Zuversicht sagt. Die Gefahr der Zerstörung der evangelischen Kirche ist ja wahrlich in keiner Gestalt, auch nicht in der heuti­gen, eine solche, der man mit menschlichem Widerstand, mit menschlicher Rücksichts­losig­keit, Fröhlichkeit und Zuversicht wirksam entgegentreten könnte. Auf die Reformation als Entscheidung wird sich der heute gebotene Widerstand nur insofern berufen können, als er sich selbst verstehen kann mit den Worten Calvins (aus seiner Schrift an Karl V. von 1543 Corp. Ref. VI 510 f.), mit denen ich diesmal schließen möchte: „Die Reformation der Kirche ist Gottes Werk und ist von menschlichem Hoffen und Meinen so unabhängig wie die Aufer­weckung der Toten oder ein anderes Wunder dieser Art. Also muß man hinsichtlich der Mög­lichkeit, etwas dafür zu tun, nicht warten auf den guten Willen der Leute oder auf Verände­rungen der Zeitumstände, sondern muß mitten durch die Verzweiflung hindurch vorbrechen. Gott will sein Evangelium gepredigt haben. Laßt uns diesem Gebot gehorchen und gehen, wohin er uns ruft! Was der Erfolg sein wird, danach haben wir nicht zu fragen.“

Vortrag gehalten am 30. Oktober 1933 in der Singakademie Berlin.

Veröffentlicht als Heft 3 in der Reihe Theologische Existenz heute, München: Chr. Kaiser.

Hier der Text als pdf.

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