Doktor Luthers Gespräch mit dem Teufel, Wartburg, 1521
Von Leszek Kolakowski
Leszek Kolakowski (1927-2009), der wohl bekannteste polnische Philosoph des 20. Jahrhunderts, hatte trotz kommunistischer Sozialisation immer auch ein Faible für Religionsphilosophie und ein feines Gespür für Ironie gehabt. Nach seinem Ausschluss aus der Kommunistischen Partei Polens 1966 und dem Lehrverbot 1968 emigrierte er ins Ausland. Im Frühjahr 1970 erhielt er, unter anderem auf Anregung von Jürgen Habermas, eine Berufung auf den Adorno-Lehrstuhl in Frankfurt a. M. Da die Fachschaft des dortigen Philosophischen Seminars ihm „mangelnde marxistische Linientreue“ vorwarf, nahm er aber stattdessen einen Ruf als Forschungsprofessor am All Souls College in Oxford an, dem er bis zu seinem Tod 2009 angehörte. Sein schlussendliches Urteil über den Marxismus hat immer noch Gültigkeit: „Die Selbstvergötterung des Menschen, welcher der Marxismus philosophischen Ausdruck verlieh, endet wie alle individuellen und kollektiven Versuche der Selbstvergötterung. Sie erweist sich als der farcenhafte Aspekt der menschlichen Unzulänglichkeit.“ In seinem Werk „Gespräche mit dem Teufel. Acht Diskurse über das Böse“ lässt er Luther auf der Wartburg ein Streitgespräch mit dem Teufel führen. Da fehlt zwar Jesus Christus, aber dennoch ist dieses Streitgespräch lesenswert, so wenn Kolakowski Luther sagen lässt:
Was willst du, räudiges Schwein? Wozu bist du hergekommen? Mich zu erschrecken? Ich fürchte dich nicht, du kümmerst mich so wenig wie der Kuhdreck an der fürstlichen Scheune. Oder willst du mich etwa versuchen? Zur Sünde verlocken, mir Zoten ins Ohr flüstern, meine Begehrlichkeit aufstacheln? Du würdest mich wohl am liebsten so zurichten, daß ich dem Knecht eins in die Schnauze gebe, mich wie ein Ferkel besaufe, die Dienstmagd notzüchtige, wie? Und wenn ich dies alles wirklich tun sollte? Nun denkst du gewiß, du hättest mich endlich unter deinen zottigen Pranken, hättest mir die Kette um den Hals geschlungen und heidi, hinunter zur Hölle! Hoppla, nicht so flink, du bist kein Habicht, ich kein Küken. Sündigen kann ich auch ohne dich, alles, wozu ich Lust habe, tu’ ich auch ohne deine Verführungskünste, du dreckige Bestie, ich kann gewiß auch ohne dich sündigen, was tust du dann? Unser Herrgott wird solcher Lappalien wegen nicht einmal den kleinen Finger rühren. Jaaa, wenn du mich in Verzweiflung stürzen würdest, mich an Gott zweifeln ließest, mit Furcht fülltest, mir Schaden zufügtest – gewiß, ich geb’s zu, dann wäre es dein Spiel, dann hättest du mich wie das Schnitzel in der Pfanne. Versucht nur, du Maulwurf, sieh nur zu, ob du mich, den Doktor Luther, soweit bringen kannst, daß mich Verzweiflung überkommt, daß ich Furcht empfinde oder in Schande falle. Gott ist eine starke Festung, und ich, ich hocke friedlich in ihren Mauern, da kannst du machen, was du willst. Die Sünden? Daß ich nicht lache! Nichts als ein Jux für mich, ein Jux auch für Gott, beide lachen wir uns schief und krumm. Ich lebe in Gott, stehe mit beiden Beinen in ihm, du bringst mich nicht vom Fleck, du nicht, verstanden? Nun, wie steht’s? Hau ab, hast wohl nichts zu tun, wie? Du verlierst Zeit, mach schon, geh zu den Schwachen, der Doktor Luther ist nichts für dich, du hast die Fährte verloren, hau ab, sag’ ich!
Bist du noch immer da? Steht da und glotzt und sagt kein Wort. Was soll das? Hat’s dir am Ende die Rede verschlagen? Du schweigst, als wärst du darauf aus, mich durch dein Schweigen zu besiegen. Aber daraus wird nichts, ich kann genausogut schweigen, sogar besser als du, nur wenn ich will natürlich, jetzt will ich nicht. Du aber guckst und schweigst, guckst und schweigst.
Was denn nun, bist du unter die Fische gegangen? Zur Steinsäule erstarrt? Mach, daß du ’rauskommst, sonst werd’ ich nervös. Ah, jetzt weiß ich’s, das ist es, worauf du aus bist, du wartest auf meinen Zorn, denkst dir, der Herrgott würde ihn mir als Sünde anrechnen. Da lache ich aber, bei soviel Dummheit! Weißt du denn nicht, daß jeder edle Zorn, der sich gegen den Satan richtet, beim Jüngsten Gericht in pures Gold verwandelt wird?
Du lieber Himmel, wenn dir wirklich soviel daran liegt – dann unterhalten wir uns eben ein wenig, warum nicht, mir kann’s nicht schaden, ich rede, mit wem ich will, mit Gott, mit dem Teufel, nur weiß ich nicht recht, worüber wir beide uns unterhalten sollten. Siehst du die Blätter hier auf dem Tisch? Weißt du wenigstens, was das ist, du Lumpenkerl? Die Schrift, die Heilige Schrift ist es, unsere Wehr gegen dein Geflüster, gegen all deinen Mumpitz, schau nur, schau, aha, ich weiß Bescheid, worauf du aus bist! Nun wird dir klar, daß das ganze Volk die Schrift lesen wird, und davor graust dir, nicht wahr? Der Haß hat dich geblendet, die blanke Furie überrannt. Nun sag schon, sag, du Krummnase, was wird wohl jetzt aus dir? Ah ja, jeder wird’s lesen, jeder die Wahrheit erkennen können, jeder Bauer, jeder Tagelöhner wird – wenn er nur lesen kann – alles wissen dürfen, und du? Wo bleibst denn du mit deiner Lüge, deiner Ketzerei? Das schmerzt, das kratzt, jetzt begreif ich’s erst, Kanaille, dies ist der Punkt, an dem du Unfrieden stiften, Verwirrung schaffen willst, an dem du schaden, den Menschen das Gotteswort stehlen willst. Nur hast du bei mir kein Glück mit diesen Ängsten, das Volk wird seine Schrift bekommen und basta. Sie wird zum Eigentum aller werden, und wenn du vor Ärger platzt. Die Schrift kommt …
»Vater unser, der Du bist im Himmel,
geheiligt werde Dein Name …«
Und? Du suchst noch immer nicht das Weite? Auch beim Anblick des Kreuzes nicht? Apage! Das ist alles? Nun, den Magen hat’s dir zumindest umgedreht, leugne nicht, du bist am Ende, hältst die Schnauze, dies Kreuz zerfrißt dir die Gedärme, nicht wahr? Von Doktor Luther darfst du kein Mitleid erwarten, er hat für Menschen keines übrig, wie sollte er da für dich welches aufbringen, alter Hexenopa. Du langweilst mich, hörst du? Du stehst und glotzt, als wolltest du meine Seele mit deinen Blicken durchbohren und Gott weiß was darin lesen. Was kann denn schon viel dabei herauskommen?! Gott – ja, der reicht bis auf den tiefsten Grund hinab! Gott sieht die geheimsten Gedanken so klar und deutlich wie eine Stadt im Mittagslicht, er erforscht die verborgensten und sündigsten Begierden, keine Schweinerei, kein schmutziges Gelüste entgeht seinem Blick. Und du? Du bringst es nicht einmal fertig, die Oberfläche der Seele flüchtig abzutasten, nur die allergröbsten Sünden fallen dir auf, und da bildest du dir ein, wunder wie schlau zu sein! So denkst du, und nicht anders, gib’s endlich zu! Jaja, sieh’s dir nur an, ich lasse auch Gott zusehn, soll er’s ruhig wissen, bitteschön, es liegt ja alles obenauf. Die Sünden? Ah ja, die Sünden. Aber was bin ich denn schon, ein Heiliger etwa? Kein Heiliger und kein Sünder, aber immerhin … Sünder und Sünder ist ein Unterschied, ich hab’s dir schon einmal gesagt, Gott schaut auf ganz andere Vergehen, das aber, worauf es in der Seele ankommt, ist bei mir so rein wie ein frischgewaschenes Tischtuch. Worauf bist du aus, was gibt’s da zu sehen, warum wälzt du deine Glotzaugen heraus? Völlerei sagst du, Sauferei? Nun denn! Wozu haben wir den Leib, was ist er denn anderes als ein Wischtuch voller Sünden? Ich sündige mit dem Leib, bin verfressen, zugegeben, na und? Der Geist ist willig, allein das Fleisch ist schwach! Geschlechtsgier? Aber doch nur in Gedanken, nur im Geiste, nicht in der Tat, gewiß, gewiß, auch das ist Sünde, wer aber das Weib ansehet usw. – Matthäus V, 28 – also Sünde, aber was soll man tun, schon der Bauch weigert sich, dem Geist zu gehorchen, was soll man da erst von all dem anderen sagen, von dem, was unterhalb des Bauches sitzt?!
Hochmut? Oh nein! Genug, Schätzchen, hier übertreibst du, Hochmut wirst du bei mir nicht finden, weder du noch mein Herr, es gibt keinen Hochmut in mir, keine Spur davon, nicht für ’n Sechser, nichts als reinste, allerreinste Demut. Was ich tu’, tu’ ich nicht aus mir heraus, sondern aus Gottes Allmacht. Was ich kann, kann ich durch Gott. Selbst bin ich nichts als Staub, in Gott aber bin ich alles, Gott diene ich, göttliche Wahrheit predige ich, nicht aus meiner eigenen Kraft, meiner eigenen Klugheit, sondern aus der Gottes. Demut! Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder usw. – Markus X –, da hast du das königliche Geheimnis! Ich kenne die Wahrheit, doch es ist nicht die meine, sondern Gottes Wahrheit, nicht aus mir ist sie gekommen, nicht auf mich führe ich sie zurück, die Kraft Gottes ist meine Weisheit, aus ihr kommt meine Kenntnis, ihr entspringt meine Klugheit, wo bleibt da der Hochmut? Kein Gramm davon wirst du in mir finden, nicht mal ein Stäubchen. Faulheit? Davon redest du wohl erst gar nicht, wie? Sogar du, schamloser Lügner, der du bist, schämst dich, im Zusammenhang mit meiner Person von Faulheit zu reden. Doch schade um die Worte. Neid? Wohl restlos meschugge, alter Gauner, was? Auf wen sollte ich wohl neidisch sein, und weswegen? Ich habe alles, was mein Herz begehrt, habe Gott, was brauche ich mehr? Sollte ich etwa auf dich neidisch sein? Deiner Zaubertricks, deiner magischen Kraft wegen und weil du die Macht hast zu erschrecken, zu verführen, zu versuchen? Das hieße, die Hölle zu beneiden, während man selbst im Himmel sitzt. Wie dumm du bist, Schluß mit dem ganzen Gerede, es ist umsonst, genug!
Der Kopf tut mir weh von deinem Geschwätz und all dem Unsinn. Jetzt geh’ ich wohl schlafen, hab’ heute genug gearbeitet, den ganzen lieben Tag am Tisch versessen, und warum dies alles? Natürlich, alles nur deinetwegen, um dir zuzusetzen, jawohl, um dir auch noch jenen letzten Zipfel zu entreißen, an welchem deine Klauen die Menschheit gepackt halten. Alles zielt auf dich ab, winde dich nur, spei, wirf mit Bosheiten um dich, du Untier, Gott wird dir trotzdem mit eigener Hand den Boden abgraben, Zoll um Zoll, und es ist gut so. Nicht hier auf Erden, nein. Hier unten sollst du regieren, die Welt sei dein Eigentum, hier magst du dich in Hermelin hüllen und dir eine Krone auf setzen, kannst auf allen Thronen sitzen, selbst auf dem päpstlichen. Vor dem Tor zum Königreich Gottes aber wirst du wie ein Hund winseln, den man bei Frost ausgesperrt hat, und man wird dir nicht öffnen. Du sagst, du willst nicht? Dann doch nur, weil du nicht kannst. Und warum kannst du nicht? Natürlich nur, weil du nicht willst. Du willst nicht, weil du’s nicht kannst, du kannst nicht, weil du’s nicht willst. Ich hätte das gesagt, wirklich? Jawohl, es ist die Wahrheit. Wenn du nur einmal wolltest, schon wärst du drinnen, aber du kannst nicht wollen, du bist gezwungen, dich nach dem Sumpf zu sehnen, um dich darin suhlen zu können, quälen mußt du dich, vor lauter Wut mit den Zähnen knirschen – und dabei ist dir sogar der Wunsch verwehrt, von all der Qual und dem Zähneknirschen freizukommen, denn wünschtest du es dir, so würde dies bedeuten, daß noch ein Funken Gutes in dir verblieben ist, daß du noch auf Erlösung hoffen darfst, aber Pustekuchen! Und so lebst du in Qual und verlangst zugleich nach ihr, sie aber bleibt ewig die gleiche, und du weißt, daß du einem nie endenwollenden Martyrium entgegengehst und es dennoch – wider die Natur sozusagen – noch vergrößern möchtest. Ein Wunder sondergleichen, und doch ist Gott zu ganz anderen Dingen imstande. Warum rollst du die Augen? Weil ich dich an dein Schicksal erinnert habe? Oho, du hast es im Kopf, dein elendes Los, nicht einen Augenblick lang lassen sie es dich vergessen, dies ist der Grund, weshalb du dich windest und zweiteilst und dreiteilst und die Seelen auf dich ziehst, nur damit noch mehr Qual die Welt erfüllt, damit du nicht allein bleibst in deinem Elend, deinem Grauen, deinem pechschwarzen Sarg, in dem du für alle Ewigkeit verfaulen wirst. Schlimm für dich, aber gerecht …
»Unser täglich Brot …«
Immerhin, einen Vorteil hast du – du kennst die Furcht nicht, du lebst im Tode, kennst keine Hoffnung, somit auch keine Angst. Wer Hoffnung hegt, muß in Angst leben, du aber, rettungslos verdammt, fürchtest dich vor gar nichts mehr. Damit willst du mich verblüffen? Daß dir die Furcht etwas Unbekanntes ist? Daß du in völliger Gewißheit lebst? Und ich? Lebe denn nicht auch ich in der Gewißheit, und ist dir das nicht schon seit langem bekannt? Ich habe mich ein für allemal meines Willens begeben, habe mich selbst für ewige Zeiten an Gott verpachtet, ich kenne keine Furcht, weil meine Gerechtigkeit nicht mein, sondern Gottes Eigentum ist, alles vermag ich, nichts gibt es, was mich schreckt, ich lebe nicht in mir, denn in mir selbst leben – das hieße, sich deinem Zepter zu unterwerfen, ein Leben in Gott aber bedeutet, daß man sich selbst aufgegeben hat. Ich sagte – nun bin ich dein, Herrgott –, sagte – nun gehöre ich dir, samt allem, was du begehrst, nun tu’, und es wird klug und weise sein, was immer du tun wirst. Mehr braucht’s nicht, nicht die Spur, der Rest ist dein, Versucher, nimm dir, was du willst, Tugenden wie Sünden, Klugheit wie Dummheit, Gerechtigkeit wie Ungerechtigkeit, ich gebe dir alles.
Sieh dir doch einmal an, womit du regierst! Alles kannst du haben, was immer du begehrst, bis auf das eine. Du willst die ganze Welt besitzen, Reichtum, Macht, Städte, Länder, Könige? Sie sind dein, im gleichen Augenblick. Du willst die Sünde regieren? Da hast du sie. Die Tugend? Auch sie ist dein, dein die Tugenden, die Gelehrsamkeit, Gerechtigkeit, dein die Reinheit und das Almosen – alles dein. Was denn noch? Nach dem einen, einzigen verlangst du? Das bekommst du nie. Schon die allerletzte, allerwinzigste Seele verwandelt deinen Palast in einen wüsten Trümmerhaufen, sobald sie gläubig vor Gott zu weinen anhebt, schon sind sie dahin, Städte und Reichtum, umsonst die guten und die bösen Taten, umsonst Babylon und Rom. Für diese eine Seele, die da um ihres Glaubens willen vor dem Angesichte Gottes wie Wachs zerfließt, wärst du bereit, die ganze Welt hinzugeben, die Sonne und die Sterne. Doch gerade sie hast du nicht, sie bekommst du nicht.
Wozu sag’ ich dir das alles, wenn du’s ohnehin weißt? Doch wohl nur, um die Zeit totzuschlagen, die mir wahrlich zu schade ist für unnützes Gerede.
Dies eine, einzige Mal kann ich – wenn du’s durchaus wünscht – einen Pakt mit dir schließen. Einen Pakt, für einen Tag, für eine Stunde – willst du? Ich würde die Arbeit an der Schrift für einen Tag zurücklegen, schon ein Vorteil für dich, denn wenn sie auch nur um einen Tag später gedruckt erscheint, so wird sich ganz ohne Zweifel zumindest eine Seele nicht retten können – dein Sieg also.
Nun gut, es sei dein Lohn. Dafür verlange ich von dir nur eines: Zeige mir für eine Stunde deine Wohnung, aber mit allem Drum und Dran! Den Papst will ich sehen, wie er bis an den Hals in siedendem Schwefel steckt, die römischen Prälaten, über dem Rost aufgespießt wie Wild, all jene betrügerischen Poeten, in alle Ewigkeit ins kalte Eis eingefroren. All das möcht’ ich sehen, mein Auge daran laben. Zeigst du’s mir? Für dich ist es nichts, es kostet dich keinen Pfennig, und der Gewinn ist sicher, ein, zwei Seelen gehen bei der Verspätung der Heiligen Schrift sicherlich zugrunde. Kein großer Verlust für mich, bei all den Seelen, die ich augenblicklich dem Herrgott gewinne – für dich aber ist’s viel. Nun? Steht der Handel?
Nein? Du sagst kein Wort, du Fetzen, du schweigst und basta! Na gut, wenn nicht – dann nicht, bitteschön sagen kommt nicht in Frage. Nun aber sieh zu, daß du fortkommst, aber ’n bißchen flott, wenn ich bitten darf; ich rede hier umsonst, und die Zeit verfliegt …
Tja, diesmal hast du gewonnen. Für einen Augenblick, einen sekundenschnellen blitzhaften Augenblick, hast du gewonnen. Aus eigener Kraft hatte ich dich vertreiben wollen, der Wille des Menschen sollte den Versucher verjagen, schon kam es mir so vor, schon glaubte ich daran, daß menschliche Kräfte ausreichen würden, wider den Satan zu fechten. Doch nun hat mir der Herr meine Ohnmacht gezeigt, maledictus qui confidit in homine, gedemütigt hat mich der Herr, gratias aeternas, meine Schuld. Bleib hier sitzen, Dämon, zu meiner Bestrafung.
Jaaa, … wahrlich, sie steckt in uns, die Wurzel der Hölle, et est radix inferni in nobis. Wahrhaftig, du hast gar leichte Arbeit, du Mißgeburt, gar leichtes Spiel, du brauchst die leere Straße nur anzustrahlen und mit dem Zeigefinger zu winken. Schon hebt das Menschlein einen Fuß, tut einen Schritt, nur ein winziges Schrittchen aus eigenem Willen, und ist schon mitten auf Satans Wegen, rollt höllenwärts wie ein Ball, klopft, keines Gedankens fähig, an Luzifers Tor, wo es um Einlaß bittet.
Leicht geht dir der Seelenfang von der Hand, er ist kaum eine Mühe für dich. So hat der Herr nun einmal die Welt erschaffen. Und warum? Hoppla – welch’ dumme Frage, sie allein schon gibt menschlicher Neugier freien Lauf, sie allein erhitzt den verdorbenen Geist, bittet den Teufel um Hilfe. Gott hat es weise gefügt – basta, laßt uns nicht lange fragen. Die Schrift spricht. Cuncta valde bona, valde bona.
Wie auch wir vergeben … Peccavi … So steht’s da, ich kann’s nicht ändern, muß deine Anwesenheit ertragen, bis daß es dem Herrn gefällt, dich von diesem Ort zu verjagen.
Herrgott, hab Mitleid! Dein Wille geschehe, nicht der meinige. Nimm fort von hier die unflätige Bestie, den schwarzen Geier, verjage den Aasfresser, doch bei alledem geschehe nicht mein Wille, sondern Deiner.
Moder und Furcht, Moder und Furcht! Meine Hand ist so kraftlos wie ein dürrer Ast, doch wenn Du sie anhebst, so wird sie stark sein wie Davids Schleuder. Du wirst sie heben, Herr, ich fühle, daß Du es willst, mit meiner schwachen Hand wirst Du den mächtigsten Herrscher der Welt in die Flucht schlagen, siehe, schon ballt sich die Faust, da ist das wohlgefüllte Tintenfaß, jawohl, so soll es sein, soll der schwarze Saft die kluge Fratze des Versuchers bespritzen, soll er ihm Deinen Haß zeigen. Mit meiner Hand, mit meiner Hand …
Da, dreckiges Schwein, nun flüchte!!
He, Diener, her zu mir, ist einer da vom Gesinde? Diener zu mir! Der Spiegel ist hin, ist zerschmettert!
Quelle: Leszek Kolakowski, Gespräche mit dem Teufel. Acht Diskurse über das Böse, München: R. Piper & Co. Verlag 21975, 79-88.
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