„Christus hat alle unsere Sünde auf sich genommen …“ Martin Luthers Auslegung von Galater 3,13: „Christus aber ist nicht nur unter den Sündern erfunden, sondern er hat selbst nach seinem und des Vaters Willen der Genosse der Sünder sein wollen, hat Fleisch und Blut derer angenommen, die Sünder und Räuber sind, in allen Sünden versunken.“

lamm-gottes

Christen tun sich oft mit dem stellvertretenden Sühnetod Jesu am Kreuz schwer. Ein Grund dafür ist der Eintrag einer bibelfremden Satisfaktionslehre, derzufolge Christus durch seinen stellvertretenden Tod Genugtuung bzw. Wiedergutmachung für eine göttliche Ehrverletzung durch die menschliche Sünde geleistet habe. Durch Jesu stellvertretender Tod sei also eine notwendige Änderung bei Gott bewirkt worden. In der Bibel hat freilich Jesu Stellvertretung eine umkehrte Ausrichtung. Sie bewirkt nicht etwas in Gott, sondern für die Menschen. In seiner Auslegung des Galaterbriefs (1531/35) hat dies Martin Luther mit Bezug auf den Schlüsselvers „Christus aber hat uns losgekauft von dem Fluch des Gesetzes, da er zum Fluch wurde für uns – denn es steht geschrieben: »Verflucht ist jeder, der am Holz hängt«“ (Gal 3,13) eindrücklich herausgestellt:

„Christus hat alle unsere Sünde auf sich genommen …“ Eine Auslegung von Galater 3,13

Von Martin Luther

3,13 Christus aber hat uns erlöst von dem Fluch des Gesetzes, da er ward ein Fluch für uns, denn es steht geschrieben (5.Mose 21,23): „Verflucht ist jedermann, der am Holz hanget“, auf daß der Segen Abrahams unter die Heiden käme etc.

– Der ganze Nachdruck liegt auf dem Wörtchen „für uns“. Christus ist, was seine Person angeht, unschuldig. Folglich mußte er nicht am Holze hangen, aber, weil jeder Räuber nach dem Gesetz ans Holz gehörte, darum mußte Christus nach dem Gesetz des Mose ans Holz gehängt werden, weil er die Person des Sünders und Räubers, nicht eines Einzelnen, sondern aller Sünder und Räuber vertreten hat. Wir sind ja Sünder und Räuber, darum sind wir des Todes und der ewigen Verdammnis schuldig. Aber Christus hat alle unsere Sünde auf sich genommen und ist dafür am Kreuz gestorben. Darum mußte er, wie Jes. 53,12 sagt, unter die Räuber gerechnet werden.

Das haben alle Propheten gesehen, daß der zukünftige Christus der größte Räuber, Mörder, Ehebrecher, Dieb, Tempelschänder, Lästerer etc. sein würde, der durch keinen Verbrecher in der Welt je übertroffen wird. Da gehts nicht um seine Person selbst, nicht darum, daß er von der Jungfrau Maria geboren ist als Sohn Gottes, da ist er der Sünder, der hat und trägt die Sünde des Paulus, der ein Lästerer, Verfolger und gewaltsamer Mensch gewesen ist, da trägt er die Sünde des Petrus, der Christus verleugnet hat, die Sünde Davids, der ein Ehebrecher gewesen ist, ein Mörder und die Heiden den Namen des Herrn lästern machte (2. Sam. 12,1). Alles in allem, Christus ist der, der hat und trägt an seinem Leibe alle Sünden aller Menschen. Nicht als hätte er sie selbst begangen, aber er hat die von uns begangenen Sünden aufgenommen an seinem Leibe, um dafür mit seinem eigenen Blute genug zu tun. Darum behaftet ihn jenes allgemein geltende Gesetz des Mose, ihn, der für seine Person völlig unschuldig ist, aber das Gesetz hat ihn unter den Sündern und Räubern gefunden. So nimmt die Obrigkeit als straffällig und bestraft, wenn sie jemanden unter den Räubern ergreift, wenn er auch niemals etwas Böses oder Todeswürdiges begangen hat. Christus aber ist nicht nur unter den Sündern erfunden, sondern er hat selbst nach seinem und des Vaters Willen der Genosse der Sünder sein wollen, hat Fleisch und Blut derer angenommen, die Sünder und Räuber sind, in allen Sünden versunken. Da also das Gesetz Christus unter den Räubern gefunden hat, hat es ihn als Räuber verdammt und getötet.

Diese Erkenntnis Christi und diesen allersüßesten Trost, daß Christus für [169] uns zum Fluch gemacht ist, um uns von dem Fluch des Gesetzes zu erlösen, nehmen uns die Sophisten, wenn sie Christus von den Sünden und den Sündern scheiden und ihn lediglich als Beispiel, das wir nachahmen sollen, vorstellen. Auf diese Weise machen sie uns Christus nicht nur unnützlich, sondern bestimmen ihn auch als Richter und Tyrannen, der über Sünden zürnt und die Sünder verdammt. Wir aber müssen Christus hineinmengen und erkennen, daß er wie mit Fleisch und Blut, so mit Sünden, Fluch, Tod und allen unseren Übeln zusammengemengt ist. –

Wenn es nicht absurd ist, zu bekennen und zu glauben, daß Christus unter den Räubern gekreuzigt wurde, dann wird es auch nicht absurd sein, ihn einen Verfluchten zu nennen und einen Sünder, der mit allen Sünden beladen ist. Das sind keine nichtigen Worte bei Paulus: „Christus ist für uns zum Fluch gemacht.“ „Gott hat Christus, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir zur Gerechtigkeit Gottes in ihm selbst gemacht würden“ 2.Kor. 5,21. –

Was immer ich und du und alle an Sünden begangen haben und in Zukunft noch begehen werden, gehört so eigentlich zu Christus, als wenn er selbst diese Sünden begangen hätte. Alles in allem, es muß unsere Sünde Christi eigene Sünde werden, oder wir sind in Ewigkeit verloren. –

Das ist unser höchster Trost, Christus so anziehen und ihn so einhüllen zu dürfen in meine, deine und der ganzen Welt Sünden, und daß wir ihn sehen dürfen als den, der unser aller Sünde trägt. Wenn wir Christus so ansehen, nimmt er leicht weg die fanatischen Meinungen der Gegner im Blick auf die Werk-Rechtfertigung. Die Papisten erträumen einen Glauben, der durch die Liebe erst richtige Gestalt gewinnt; durch diesen Glauben wollen sie die Sünde beseitigen und gerechtfertigt werden. Aber das heißt Christus wegtun von den Sünden und völlig aus ihnen herausnehmen und ihn unschuldig sprechen, uns aber beladen und belasten mit den eigenen Sünden. Wenn man von dem durch die Liebe gestalteten Glauben ausgeht, dann erblickt man die Sünde nicht in Christus, sondern in uns selbst, aber das heißt Christus aus der Mitte tun und ihn müßig machen. Denn wenn es wahr ist, daß wir durch unsere eigenen Werke und durch die Liebe die Sünde austun, dann trägt sie nicht Christus, sondern wir tragen sie. Wenn aber Christus das Lamm Gottes ist, das der Welt Sünde trägt, wenn er der ist, der für uns zum Fluch gemacht und in unsere Sünden eingehüllt ist, dann folgt notwendig, daß wir nicht durch unsere Liebe gerechtfertigt werden und daß nicht wir die Sünde beseitigen können. Gott hat unsere Sünde nicht auf uns, sondern auf Christus, seinen Sohn, gelegt. –

Als der barmherzige Gott sah, daß wir durchs Gesetz niedergeworfen werden und unter dem Fluch festgehalten sind, und daß wir durch nichts uns selbst befreien können, da sandte er seinen Sohn in die Welt und warf auf ihn unser aller Sünden und sprach zu ihm: Du sollst Petrus sein, jener Verleugner, du sollst Paulus sein, jener Verfolger, Lästerer und Gewaltmensch, du sollst [170] David sein, jener Ehebrecher, du sollst jener Sünder sein, der die Frucht im Paradies aß, jener Räuber am Kreuz, in Summa: du sollst aller Menschen Person sein und sollst aller Menschen Sünde getan haben, du also sieh zu, wie du Lösung schaffst und für sie Genugtuung. Da kommt das Gesetz her und spricht: Ich finde jenen Sünder, der aller Menschen Sünde auf sich nimmt und außerdem sehe ich keine Sünde, außer in ihm, darum sterbe er am Kreuz. Und so fällt das Gesetz über ihn her und tötet ihn. Durch diese Tat ist die ganze Welt gereinigt und von allen Sünden entsühnt und darum ist auch volle Freiheit von dem Tod und allen Übeln vorhanden. Denn wenn die Sünde und der Tod aufgehoben sind durch diesen einen Menschen, dann möchte Gott für den Fall, daß man das glaubt, nichts anderes sehen als lauter Reinigung und Gerechtigkeit. Und wenn denn Reste der Sünde bleiben, so möchte Gott sie nicht sehen — da die Sonne, Christus, darüber leuchtet. –

Aber sehen wir nun zu, wie in dieser Person Christi zwei extreme Gegensätze sich begegnen. Da stürmen auf ihn ein nicht nur meine, deine, sondern der ganzen Welt Sünde, aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und versuchen ihn zu verdammen, und sie verdammen ihn tatsächlich. Aber weil in dieser gleichen Person, die der höchste, größte und der alleinige Sünder ist, außerdem die ewige und unbesiegte Gerechtigkeit ist, stehen diese zwei gegeneinander: die höchste, größte Sünde und eben nichts als Sünde und die höchste, größte Gerechtigkeit und eben nichts als Gerechtigkeit. Da ist es notwendig, daß eines dem anderen weichen und sich besiegt geben muß, wenn sie mit ganzer Kraft gegeneinander angehen und zusammenstoßen. Die Sünde der ganzen Welt stürzt sich mit ganzer Kraft und Wut auf die Gerechtigkeit. Was geschieht? Die Gerechtigkeit ist ewig, unsterblich und unbesiegt. Die Sünde ist auch voller Gewalt, sie ist der allergrausamste Tyrann und herrscht und regiert in der ganzen Welt, nimmt gefangen alle Menschen in ihre Knechtschaft, ja die Sünde ist ein höchster und stärkster Gott, der das ganze Menschengeschlecht verschlingt, alle Gelehrten, Heiligen, Mächtigen, Weisen, Ungelehrten etc. Und diese Sünde, sage ich, stürzt sich auf Christus und will auch ihn, wie alle verschlingen. Aber sie sieht nicht, daß er die Person mit der unbesiegten und ewigen Gerechtigkeit ist; darum muß sie in diesem Zweikampf besiegt und getötet werden und die Gerechtigkeit muß siegen und leben. So wird die ganze Sünde in Christus besiegt, getötet, begraben, und es bleibt Siegerin und Königin die Gerechtigkeit in Ewigkeit. –

Wenn du diese Person Christus ansiehst, siehst du Sünde, Tod, Zorn Gottes, Hölle, Teufel und alle Übel besiegt und zu Tode gebracht. Sofern also Christus durch seine Gnade in den Herzen der Gläubigen regiert, ist da keine Sünde, kein Tod, kein Fluch. Wo aber Christus nicht erkannt wird, bleiben diese furchtbaren Mächte. Darum wissen die, die nicht glauben, nichts von jener Wohltat und von dem Sieg. Johannes sagt: „Unser Glaube ist der Sieg“ (1.Joh. 5,4).

Das ist die Hauptstelle der christlichen Lehre, die die Sophisten verwüstet [171] haben und die die Schwärmer heute von neuem verdunkeln. Hier siehst du auch, wie notwendig es ist, den Artikel von der Gottheit Christi zu glauben und zu bekennen. Den hat Arius geleugnet, aber dann mußte er notwendigerweise auch den Artikel von der Erlösung leugnen. Denn die Sünde der Welt, den Tod, den Fluch und den Zorn Gottes in ’sich selbst besiegen, ist nicht Sache irgendeiner Kreatur, sondern ist das Werk göttlicher Macht. Darum mußte ja der, der in sich alle diese Feinde überwunden hat, in Wahrheit und von Natur Gott sein. – Diejenigen, die die Gottheit Christi leugnen, verlieren schließlich das ganze Christentum und werden zuletzt Heiden und Türken. –

Diese göttliche Kraft, die Fluchmacht zu besiegen und Gerechtigkeit und Leben zu schenken, haben die Papisten den Werken zugeschrieben und gesagt: wenn ihr dies oder jenes Werk getan habt, werdet ihr Sünde, Tod und Zorn Gottes überwinden, und so haben sie uns in Wirklichkeit und der Natur nach zu Gott gemacht. –

Wir werden allein durch den Glauben gerechtfertigt, da der Glaube allein diesen Sieg richtig ergreift. Sofern du also diesen Sieg richtig glaubst, so viel hast du ihn. Wenn du glaubst, daß Sünde, Tod und Fluch abgetan sind, sind sie abgetan; Christus hat diese Mächte in sich selbst überwunden und abgetan, und er will, daß wir glauben, daß, wie in seiner Person hinfort keine Gestalt des Sünders mehr ist, keine Spur des Todes, so ist auch in unserer Person nichts mehr davon, da er alles für uns vollbracht hat etc. –

Daß aber unter der Herrschaft Christi in Wahrheit keine Sünde, kein Tod, kein Fluch mehr sei, bekennen wir auch täglich im apostolischen Glaubensbekenntnis, wenn wir sagen: „Ich glaube eine heilige Kirche“; d. h. doch nichts anderes, als wenn wir sagten: Ich glaube, daß keine Sünde, kein Tod in der Kirche sei; denn im Glauben an Christus sind wir keine Sünder, nicht schuldig des Todes, sondern schlicht heilig und gerecht, Herren über die Sünde und den Tod und dem ewigen Leben zugehörig. Aber das sieht allein der Glaube, darum sprechen wir: Ich glaube eine heilige Kirche. Wenn du aber deine Vernunft und deine Augen befragst, wirst du das Gegenteil wahrnehmen. Denn du siehst viel an den Frommen, was dich beleidigt, du siehst sie jeweils fallen, sündigen, siehst ihre Schwachheit im Glauben, siehst, wie sie am Zorn, am Neid und anderen bösen Leidenschaften leiden —: dann also ist die Kirche nicht heilig. Ich leugne diese Folgerung. Wenn ich meine und meines Nächsten Person ansehe, ist die Kirche nie heilig. Wenn ich aber Christus, den Versöhner, den, der die Kirche reinigt, ansehe, ist sie ganz heilig. Denn er hat die Sünde der ganzen Welt getragen.

Daher sind die Sünden in Wirklichkeit nicht dort, wo sie gesehen und gefühlt werden. Nach der Theologie des Paulus ist ferner keine Sünde, kein Tod, kein Fluch mehr in der Welt, sie sind in Christus, der als Lamm Gottes der Welt Sünde trägt, der zum Fluch gemacht ist, daß er uns vom Fluch befreite. Aber nach der Philosophie und der Vernunft nach sind Sünde, Tod etc. [172] nirgends anders als in der Welt, im Fleisch, in den Sündern. Die sophistische Theologie kann die Sünde gar nicht anders ansehen als metaphysisch, nämlich so: die Eigenschaft (Qualität) hängt an der Substanz oder am Subjekt; wie also die Farbe an der Wand, so hängt die Sünde an der Welt, im Fleisch oder im Gewissen. Daher muß sie durch gegenteilige Bewegungen, nämlich durch die Liebe abgetan werden. Die wahre Theologie aber lehrt, daß ferner keine Sünde mehr in der Welt sei, weil der Vater alle Sünde auf Christus geworfen hat (Jes. 53,6), der die Sünde besiegt, vernichtet, ja in seinem Leibe getötet hat. Christus, einmal der Sünde gestorben, ist wahrhaftig auferweckt aus den Toten und stirbt hinfort nicht mehr. Wo also Glaube an Christus ist, da ist die Sünde in Wahrheit abgetan, tot und begraben, wo dieser Glaube nicht ist, bleibt die Sünde. Wenn auch Reste der Sünde in den Heiligen bleiben, weil sie nicht vollkommen glauben etc., so sind diese Sünden dennoch tot, weil sie wegen des Glaubens an Christus nicht angerechnet werden. –

Ich beschwöre dich also bei Gott, daß du Christus von dem Gesetz scheidest und sorgfältig darauf achtest, wie und was Paulus sagt. Er sagt aber, daß notwendig alle unter dem Fluch seien, die das Gesetz nicht halten; und niemand hält das Gesetz. Also ist der erste Satz wahr, daß nämlich alle unter dem Fluch sind. Dann fügt Paulus den zweiten Satz hinzu: Christus, der für uns zum Fluch gemacht ist, hat uns von dem Fluch des Gesetzes erlöst. Also erlösen nicht Gesetz und Werke von dem Fluch, sondern ziehen eher hinein und unterwerfen uns dem Fluch. Daher kann die Liebe, von der die Sophisten sagen, daß sie den Glauben gestalte, nicht nur nicht von dem Fluch erlösen, im Gegenteil: sie stößt und verwickelt erst noch in den Fluch. – Es bleiben alle unter dem Fluch, die Christus nicht im Glauben ergreifen. –

Dieses Ergreifen Christi im Glauben ist recht eigentlich das „spekulative Leben“, von dem die Sophisten viel daherschwätzen (aber sie wissen nicht, was sie sagen). Dieses Anschauen, mit dem Christus ergriffen wird, ist nicht die törichte Vorstellung der Sophisten und der Mönche, daß sie in wunderbaren Dingen, die über uns schweben, schwelgen wollen, es handelt sich um ein theologisches Anschauen, um den gläubigen und göttlichen Anblick der am Pfahl für uns erhöhten Schlange, d. h. wir schauen Christus an, wie er am Kreuz für meine, deine und der ganzen Welt Sünde hängt. Es ist also offenbar, daß allein der Glaube rechtfertigt. Wenn wir aber durch den Glauben gerechtfertigt sind, schreiten wir hinaus in das aktive Leben. Auf diese Weise hätten die Sophisten richtig zwischen dem kontemplativen und aktiven Leben unterscheiden können, wenn sie das eine auf das Evangelium und das andere auf das Gesetz bezogen hätten, d. h. also, wenn sie gelehrt hätten, das spekulative Leben müsse eingeschlossen und geleitet werden durchs Wort Gottes und in diesem spekulativen Leben gälte es auf nichts anderes zu schauen als aufs Wort des Evangeliums; das aktive Leben aber müsse aus dem Gesetz gewonnen werden, dieses aktive Leben ergreift Christus nicht, sondern übt sich in Werken der Liebe gegen den Nächsten. – [173]

So siehst du, wie völlig aus dem apostolischen Geist heraus Paulus dieses allerschwerste Argument von dem Segen und dem Fluch behandelt hat, da er Christus nicht nur dem Fluch unterwirft, sondern sagt, er sei zum Fluch gemacht. So nennt Paulus Christus 2.Kor. 5, 21 „Sünde“; dort heißt es: „Den, der von keiner Sünde wußte, hat Gott für uns zur Sünde gemacht etc.“ Man kann diese Stellen richtig so auslegen, daß man sagt: Christus ist gemacht zum „Fluch“, d. h. zum Opfer für den Fluch; er ist gemacht zur „Sünde“, d. h. zum Opfer für die Sünde etc. Aber es ist doch richtiger, wenn die eigentliche Bedeutung der Worte festgehalten wird, der größeren Eindringlichkeit wegen. Wenn denn ein Sünder wirklich zu seiner Erkenntnis kommt, dann fühlt er nicht nur, daß er in diesem und jenem Fall ein Sünder sei (concretive vel adiective), er fühlt die Grundgewalt der Sünde (abstractive vel substantive), die alles durchdringt. D. h. er kommt sich nicht nur elend vor, sondern er spürt, daß er das Elend ist, er weiß sich nicht nur als Sünder und Verfluchter, sondern als die Sünde und den Fluch selbst. So, wenn wir im Lateinischen richtig ausdrücken wollen, daß jemand lasterhaft ist, dann nennen wir ihn das Laster selbst. Es ist aber eine gewaltige Sache, die Sünde, den Zorn Gottes, den Fluch und den Tod tragen; daher wird der Mensch, der Zias ernstlich fühlt, selbst zur Sünde, zum Tod, zum Fluch etc. –

Das heißt die Schriften wahrhaftig apostolisch auslegen. Denn ein Mensch ohne den Hl. Geist kann nicht so reden, nämlich daß er das ganze Gesetz in einem einzigen Wort (Fluch) zusammenfaßt und alles zusammen und auf einmal auf Christus wirft, und auf der anderen Seite faßt er alle Verheißungen der Schrift zusammen und erklärt sie sämtlich als in Christus erfüllt. Daher ist dies Argument, das nicht aus einer Schriftstelle, sondern aus sämtlichen Gesetzen genommen ist, auf das sich Paulus heftig stützt, apostolisch und hat festesten Grund.

Da siehst du, wie sorgfältig Paulus die Schrift gelesen hat und wie sorgfältig er die einzelnen Worte jener Stelle bedacht und erwogen hat: „Durch deinen Samen sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden“ (1.Mose 22,18). Erstlich schließt er aus diesem Segensworte: Wenn ein zukünftiger Segen über die Völker kommen soll, dann sind alle unter dem Fluch, auch die Juden, die das Gesetz haben. Und er bringt ein Schriftzeugnis bei, das zeigt, daß die Juden, die unter dem Gesetz stehen, unter dem Fluch seien: „Verflucht ist jedermann, der nicht bleibt in alledem etc.“

Dann geht Paulus auf das Wörtchen „alle Völker“ ein und schließt daraus, daß der Segen nicht nur den Juden gehört, sondern allen Völkern auf Erden. Wenn der Segen aber allen Völkern gehört, dann dürfte er ihnen unmöglich durch das Gesetz zukommen, da außer den Juden kein Volk das Gesetz gehabt hat. Und obwohl die Juden das Gesetz gehabt haben, ist ihnen der Segen durch das Gesetz so wenig zuteil geworden, daß sie im Gegenteil, je mehr sie das Gesetz zu halten suchten, nur um so mehr des Fluches, den das Gesetz ausspricht, schuldig geworden sind. Daher muß der Segen durch eine andere Ge-[174]rechtigkeit, die weit über die Gesetzesgerechtigkeit geht, zuteil werden und zwar nicht nur den Juden, sondern auch allen Völkern auf Erden.

Schließlich legt Paulus das Satzteilchen „durch deinen Samen“ aus, daß da aus dem Samen Abrahams ein Mensch geboren werden sollte, nämlich Christus, durch den der Segen zu allen Völkern kam. Wenn darum Christus alle Heiden, die er unter dem Fluch fand, segnen mußte, so war es in der Ordnung, daß er selbst von ihnen den Fluch wegnahm. Das konnte er nicht durchs Gesetz tun, da durchs Gesetz der Fluch nur vermehrt wird. Was hat er also getan? Er hat sich den Menschen unter dem Fluch verbunden, ihr Fleisch und Blut angenommen und sich so als Mittler zwischen Gott und die Menschen hineingestellt. – In einer Person hat er Gott und den Menschen verbunden. Uns Menschen unter dem Fluch hat er sich beigesellt und ist unsertwegen ein Fluch geworden, seinen Segen hat er in unsere Sünde, in unseren Tod und Fluch hinein verborgen und ist so in Verdammnis und Tod gekommen. Aber weil er Gottessohn war, konnte er von diesen Gewalten nicht gehalten werden, hat sie besiegt und über sie triumphiert. Alle, die ihm, dem Fleischgewordenen — und er ist um unsertwillen Fleisch geworden — anhangen, hat er mit sich geführt. Alle, die dem fleischgewordenen Gottessohn anhangen, werden gesegnet und von dem Fluch befreit –

Quelle: D. Martin Luther Epistel-Auslegung, Bd. 4: Der Galaterbrief, hg. u. übers. von Hermann Kleinknecht, Göttingen 1980, 168-174 (WA 40/I, 432-451).

Der Text findet sich hier als pdf.

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