Eberhard Jüngel, Das Geheimnis des Ostertages: „Wer aber so stark ist wie der Tod, der ist stärker als er. Das gilt jedenfalls für die göttliche Liebe, die sich nicht am Liebenswerten entzündet, sondern das ganz und gar nicht Liebenswürdige liebenswert macht.“

EberhardJuengel

Hier ein weiterer ansprechender Text von Eberhard Jüngel aus der NZZ zum Ostertag:

Das Geheimnis des Ostertages

Von Eberhard Jüngel

Wer den Tod verstehen will, muss das Leben verstanden haben. Aus sich selbst heraus lässt sich der Tod nicht begreifen. Denn er ist stumm. Und macht stumm. Von unserem Leben her deuten wir den Tod. Der Tod verlangt allerdings danach, gedeutet zu werden. Denn als deutungsloses brutum factum ist er den Lebenden unerträglich. Hätte der Mensch auch sonst keinen Anlass, irgendetwas zu deuten, die Erfahrung des Todes macht ihn mit Notwendigkeit zum Deutenden. Aber indem er den Tod deutet, bringt er zum Ausdruck, was er vom Leben hält.

Was der christliche Glaube vom Leben hält, das wurde am Ostermorgen offenbar. Am Ostermorgen erschloss sich dem Glauben das Geheimnis des Lebens, das die Glaubenden feiern, über das sie sich freuen und das sie so zum Lachen bringt, wie sonst wohl nur Kinder zu lachen vermögen. Dabei lachen sie – seltsames Paradox – über eine todernste Angelegenheit. Am Ostermorgen lachen die Glaubenden über – ihren eigenen Tod. Sie tun so, als hätten sie ihn bereits hinter sich. Ja, am Ostermorgen wird der Tod ausgelacht. Da gewinnen Menschen eine Sprache, die dem stumm machenden Tod siegreich überlegen ist. Und überlegen ist sie, weil in dieser Sprache die Liebe zu Worte kommt, die nach dem eindrücklichen Satz aus dem Hohelied (8,6) «stark ist wie der Tod». Wer aber so stark ist wie der Tod, der ist stärker als er. Das gilt jedenfalls für die göttliche Liebe, die sich nicht am Liebenswerten entzündet, sondern das ganz und gar nicht Liebenswürdige liebenswert macht. Diese Liebe ist das Geheimnis des Lebens, das am Ostermorgen offenbar wurde.

Ist die Liebe das Geheimnis des Lebens, dann heisst leben aber allemal: zusammenkommen und zusammenleben und zusammenlebend immer intensiver zusammenkommen. Für den christlichen Glauben ist Leben ein beziehungsreiches Geschehen. Lebend beziehe ich mich auf mich selbst, auf meine Mitmenschen, auf meine soziale und natürliche Umwelt und in alledem zugleich auf Gott. Von diesem Verständnis des Lebens her erscheint der Tod als das genaue Gegenteil solchen Beziehungsreichtums. Im Tode endet das Verhältnis des menschlichen Ich zu seinen Mitmenschen, zu seiner sozialen und natürlichen Umwelt, zu sich selbst, aber eben auch zu Gott. Doch Gottes Beziehung zu diesem Ich, die endet auch im Tode nicht. Das ist das Geheimnis des Ostertages, das die Christen zum Lachen bringt.

*

Man verwechsle dieses Geheimnis nur ja nicht mit einem Rätsel, das seine Rätselhaftigkeit sofort verliert, wenn man die Lösung des Rätsels kennt. Es ist auch kein Secretum, kein Arkanum, sondern eben ein Mysterium, das umso geheimnisvoller wird, je besser man es versteht. Und das sich in einer ausgesprochen kühnen Sprache artikuliert. In Luthers Osterchoral klingt das so:

Es war ein wunderlicher Krieg,
da Tod und Leben rungen.
Das Leben behielt den Sieg.
Es hat den Tod verschlungen.
Die Schrift hat verkündet das,
Wie ein Tod den andern frass.
Ein Spott der Tod ist worden.

Zu kühn? Angesichts der Unausweichlichkeit des auf jeden Menschen doch noch zukommenden Todes, angesichts massenmörderischer Naturkatastrophen mutet eine solche Sprache wohl eher verrückt an. Und im ursprünglichen Sinne des Wortes ist die österliche Perspektive auf das Verhältnis des Lebens zum Tod in der Tat ver-rückt. Denn Jesus Christus, auferstanden von den Toten, sieht dem Tod nicht mehr – wie wir jetzt – entgegen. Er blickt auf ihn zurück. Und geht voran. Voilà: Ein neuer Mensch ist da.

Was ernsthafte Philosophie und tyrannische Ideologie, was Logos und Mythos in unserer Welt heraufzuführen versprechen – das wurde am Ostermorgen wahr: ein neuer Mensch, der deshalb neu bleiben, also nicht mehr veralten wird, weil er mit der Quelle allen Lebens, weil er mit Gott selbst zusammenlebt. In der Person des auferstandenen Christus ist er da. Uns allen weit voraus. Aber da. Und so da, dass seine Stimme, sein Wort vernehmbar ist und jeden erreicht, der sich von ihm den Weg bahnen und weisen lässt: den Weg zum Zusammenleben mit der Quelle des Lebens. Auf diesem Weg findet man sich dann ganz von selbst mit all denen zusammen, die sich verpflichtet wissen, schon in unserem irdischen Leben der tödlichen Beziehungslosigkeit Gedanken, Worte und Werke entgegenzusetzen. Denn wer das Geheimnis des Ostertages feiert, der ist darauf bedacht, die natürliche Angst vor dem Tod in österliche Sorge für das Leben zu verwandeln.

*

Österliche Sorge für das Leben – das ist Sorge für den Beziehungsreichtum menschlichen Daseins, der es dem menschlichen Leben erlaubt, sich so zu entfalten, dass die fundamentalen Lebensbeziehungen nicht mehr in Konkurrenz zueinander verwirklicht werden müssen, sondern zueinander in ein Verhältnis gegenseitiger Bejahung und Begünstigung treten. Die Beziehung des Menschen zu sich selbst, die Beziehung zu seiner natürlichen und sozialen Umwelt und die Beziehung zu Gott – wenn sie nicht widereinander streiten, sondern sich gegenseitig bejahen und begünstigen, dann tritt das ein, was die Bibel Frieden nennt. Deshalb entbietet der Auferstandene denen, denen er begegnet, den Friedensgruss: Friede sei mit euch!

Dieser Gruss ermutigt Menschen, ihrerseits für solche Verhältnisse Sorge zu tragen, in denen ein endliches Leben gerade in seiner Endlichkeit seine Würde zur Geltung bringen kann. Und das heisst, dass der Tod im Namen des Auferstandenen auf jene Grenze reduziert werden muss, die kein Mensch setzen darf, weil kein Mensch sie aufheben kann. Tod soll sein und muss werden, was der Herr über Leben und Tod aus ihm gemacht hat: nämlich die Begrenzung des Menschen allein durch Gott, der selber die Einheit von Leben und Tod zugunsten des Lebens und gerade so schöpferische Liebe ist. Martin Luther hat deshalb den bekannten Hymnus der St. Galler Mönche «Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen: media in vita in morte sumus» umzukehren aufgefordert: «Kehrt’s um: Mitten im Tode sind wir vom Leben umfangen, so spricht, so glaubt der Christ.»

Begründet ist die Gewissheit, dass der Mensch mitten im Tode vom Leben umfangen ist, in der österlichen Verheissung, dass der schöpferische Gott nicht nur das Nichtseiende ins Sein ruft, sondern auch den Toten mit seinem schöpferischen Wort begegnet, also auch im Tode nicht aufhören wird, mit seinem menschlichen Geschöpf zu reden. Und mit wem Gott redet, sagt wiederum Martin Luther, der ist, der wird eben dadurch, dass Gott mit ihm redet, gewiss unsterblich. Der atheistische Pastorensohn Gottfried Benn hat das ganz weltlich, ganz profan ausgedrückt, aber – freiwillig oder unfreiwillig – dabei diese österliche Botschaft wiederholt:

Kommt, reden wir zusammen,
wer redet, ist nicht tot.

Hier der Text als pdf.

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