Eberhard Jüngel, Der evangelisch verstandene Gottesdienst – „Von diesem Augenblick an hat Gott das Wort. Von nun an ist er der Herr des Verfah­rens. Jetzt redet und handelt er. Und er redet zu uns und handelt an uns. Und das zu unserem Besten.“

Jüngel

Am Sonntag, den 22. April 2007 sprachen auf Einladung der Münstergemeinde Walter Kasper und Eberhard Jüngel im Ulmer Münster über den Gottesdienst aus katholischer bzw. evangelischer Sicht. Während Kaspars Vortrag Gottesdienst nach katholischem Verständnis eher weiter ausgreift, erweist sich Jüngel wieder einmal als theologischer Meister der anspruchsvollen Verdichtung. Sein Vortrag „Der evangelisch verstandene Gottesdienst“ kann als evangelischer Lehrtext  gelten (ist er doch in seiner konzisen, durchnummerierten Diktion päpstlichen Lehrschreiben nicht unähnlich).

Der evangelisch verstandene Gottesdienst

Von Prof. Dr. Eberhard Jüngel D.D.

Den besten Unterricht über den von der christlichen Kirche zu feiernden Gottesdienst erteilt der in rechter Weise gefeierte Gottesdienst selbst.

Diese meine Behauptung variiert einen Satz, den ich in dem jüngst unter den Titel Sacramen­tum caritatis veröffentlichten Nachsynodalen Apostolischen Schreiben des derzeitigen Papstes gelesen habe. Benedikt XVI. bestätigt die Auffassung der römischen Bischofssynode von 2005, dass „die beste Katechese über die Eucharistie die gut zelebrierte Eucharistie selbst ist“[1]. Zumindest darüber – aber ich hoffe nicht nur darüber – besteht also ökumenisches Ein­verständnis. Doch da es in der römisch-katholischen Kirche offensichtlich auch weniger gut zelebrierte Eucharistie-Feiern und in der evangelischen Kirche offensichtlich auch in prob­lematischer Weise gefeierte Gottesdienste gibt, mag eine neben die gottesdienstliche Feier tretende theologische Besinnung auf diese Feier nicht ganz unangebracht sein – dachte sich wohl der Papst, als er sein Lehrschreiben über das Sakrament der Liebe verfasste. Und da stellt sich erneut ökumenisches Einverständnis ein. Denn auch ich halte eine theologische Besinnung auf den evangelisch verstandenen Gottesdienst für nicht ganz unangebracht.

Meine Besinnung gliedert sich in einen eher grundsätzlichen kürzeren und einen am Gottes­dienst sozusagen entlanggehenden längeren Teil, der seinerseits dreizehn Abschnitte hat.

Mit der Rede vom evangelisch verstandenen Gottesdienst ist genauerhin der vom Evangelium her zu verstehende Gottesdienst gemeint. Darüber, dass der christliche Gottesdienst vom [21] Evangelium her zu verstehen ist, sollte ebenfalls ökumenisches Einverständnis möglich sein. Erklärt doch das Zweite Vatikanische Konzil[2]: „In der Liturgie spricht Gott zu seinem Volk, (in ihr) verkündet Christus noch immer das Evangelium. Das Volk aber antwortet Gott mit Gesang und Gebet“. Der Satz wirkt wie ein paraphrasierendes Zitat der bekannten Feststel­lung Martin Luthers, dass im Gotteshaus „nichts anderes geschehe, denn dass unser lieber Herr selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort und wir wiederum mit ihm reden durch Gebet und Lobgesang“.[3]

Ein solcher vom Evangelium her zu verstehender Gottesdienst aber ist der im Glauben an den in der Person Jesu Christi zur Welt gekommenen Gott vollzogene Gottesdienst, in dem die durch den Tod und die Auferweckung Jesu Christi von den Toten bewirkte Versöhnung der Welt mit Gott und die Rechtfertigung des Sünders durch Gott in der Kraft des Heiligen Geis­tes verkündigt und gefeiert wird. Dabei ist entscheidend, dass in solchem Gottesdienst Gott der eigentlich Handelnde und Wirkende ist, der Mensch also Gott gerade dadurch dient, dass er Gott „lässet seinen Gott sein und seine Werke in ihm wirken“.[4]

Das so verstandene Geschehen ereignet sich allerdings nicht nur in Gestalt der kultischen Feier, sondern in zweierlei Gestalt: nämlich einerseits in Gestalt der liturgischen oder kul­tischen Feier der zu diesem Zweck eigens zusammenkommenden Glaubenden und andrerseits in Gestalt des das ganze Leben der Glaubenden prägenden „vernünftigen Gottesdienst“ im Alltag der Welt, der von Paulus (Röm 12,1) sogenannten logike latreia.

Dem als kirchliche Feier von mir jetzt einfach liturgischer Gottesdienst genannten Geschehen soll in dieser Stunde unsere Aufmerksamkeit gelten. Von ihm her wird auch der vernünftige Gottesdienst im Alltag der Welt geprägt. Was [22] also kennzeichnet die kirchliche Gottes­dienstfeier? Was zeichnet sie aus? Zunächst ein Vorgang, der uns auch aus dem weltlichen Leben vertraut ist, der aber, wenn es um die kirchliche Feier des Gottesdienstes geht, elemen­tare und radikale Bedeutung gewinnt. Ich meine den Vorgang der Unterbrechung, der elemen­taren und radikalen Unterbrechung unseres alltäglichen Lebens. Der große evangelische Theo­loge Friedrich Schleiermacher hat den Begriff der Unterbrechung zur Kennzeichnung des öffentlichen Gottesdienstes der Kirche eingeführt, als er die gottesdienstlichen Versammlun­gen „zu einem rein religiösen Zweck, die zu bestimmten Zeiten wiederkehren, Unterbrechun­gen des übrigen Lebens“ nannte.[5]

Unterbrochen wird das alltägliche Arbeitsleben, also jedes Handeln, das etwas herstellen bzw. etwas Weltliches bewirken will. Und unterbrochen wird es durch das Evangelium, zu dem sich die gottesdienstliche Gemeinde zwar auch handelnd verhält. Aber das menschliche Han­deln ist in diesem Fall kein herstellendes Tun, kein weltliches Werk. Es soll ja Gottes Werk bezeugen, seine Heilstaten so darstellen, dass Gott selbst als der Wirkende erfahrbar wird. Das Handeln der gottesdienstlichen Gemeinde ist also ein darstellendes Handeln, das Gottes Taten und Werke zur Wirkung kommen lässt. Durch dieses darstellende Handeln der Kirche bringt sich im Grunde der im Evangelium redende dreieinige Gott selbst zur Darstellung. Er ist der eigentlich Handelnde, auf dessen Handeln die Gemeinde dann antwortet.

Wenn der oder die Geistliche, der Pfarrer oder die Pfarrerin der Gemeinde im Gottesdienst gegenübertritt, dann handelt die Amtsperson im Namen Gottes bzw. als Repräsentant Jesu Christi, dies aber wiederum so, dass Jesus Christus der eigentliche Handelnde ist. Das ihn repräsentierende Handeln setzt also das Handeln Jesu Christi nicht fort, sondern bezeugt es. Die Kirche ist kein „verlängerter Christus“, kein „Christus prolongatus“. Unter dieser Vor­aussetzung, aber auch nur unter dieser Voraussetzung reden auch die lutherischen Bekennt­nisschriften davon, dass die [23] ordinierten Geistlichen in Wahrnehmung ihrer gottesdienst­lichen Funktion die Person Christi repräsentieren und an seiner Stelle agieren: „repraesentant Christi personam propter vocationem ecclesiae … Christi vice et loco porrigunt“ [6]. Die geist­liche Vollmacht dazu hat zwar jeder Christ. Aber diese Vollmacht im Gottesdienst auszuüben kommt der ordinierten Amtsperson zu. Von dieser fundamentalen Einsicht aus sollen nun die wesentlichen Momente der gottesdienstlichen Feier wenigstens kurz bedacht werden.

1. Bereits mit der Eröffnung des Gottesdienstes im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes ereignet sich die elementare Unterbrechung unseres alltäglichen Lebens. Von diesem Augenblick an hat Gott das Wort. Von nun an ist er der Herr des Verfah­rens. Jetzt redet und handelt er. Und er redet zu uns und handelt an uns. Und das zu unserem Besten.

Insofern ist die Kirche, bevor sie selber zu reden und zu agieren beginnt, zunächst einmal hörende Kirche, ecclesia audiens. Das gilt auch für die die Person Jesu Christi repräsentieren­de Amtsperson. In der Kirche kann sachgemäß nur reden, wer zuvor gehört hat. Der Urakt aller am gottesdienstlichen Geschehen Beteiligten ist das Hören auf den in der Bibel redenden Gott.

2. Das Lautwerden seines Wortes geschieht im Gottesdienst in den sogenannten Schriftlesun­gen (lectiones) aus dem Alten und dem Neuen Testament. Dabei ist wichtig, dass beide Teile der Bibel zu Wort kommen. Denn für die ersten Christen waren die Schriften des Alten Testa­ments „die Heilige Schrift“. Und das im Neuen Testament bezeugte Evangelium ist – so Pau­lus (Röm 1,1f.) – voraus verheißen durch die Propheten in den heiligen Schriften des alten Bundes. Schon die Schriftlesungen manifestieren also, dass der christliche Gottesdienst um seine Herkunft aus dem mit Israel geschlossenen Bund Gottes weiß.

Beiden Lesungen, der alttestamentlichen und der neutestamentlichen lectio, ist gemeinsam, dass in ihnen die Gemeinde mit dem Wort eines anderen [24] konfrontiert wird, das ich mir nicht selber sagen kann. In der Schriftlesung wird dieses Wort, das ich mir nicht selber sagen kann, ohne jeden menschlichen Kommentar, ohne jede kirchliche Zusatzerklärung laut. Da­durch kommt zum Ausdruck, dass mich dieses Wort unbedingt angeht. Denn was ich mir selber sagen kann, geht mich wohl kaum unbedingt an. In den gottesdienstlichen Schriftlesun­gen ist Gott selber der Lehrer der Kirche, der doctor ecclesiae, der unser alltägliches Leben unterbricht und uns neue Perspektiven auf unser eigenes Leben eröffnet.

3. Diese Intention der Schriftlesungen wird in der Predigt aufgenommen und intensiviert, nun aber so, dass Gottes Wort ausgelegt wird: so ausgelegt wird, dass es mich sozusagen erobert, besser: dass es mir näher kommt, als ich mir selber nahe zu sein vermag. In der rechten Pre­digt geht mir Gott zu Herzen und baut mich von innen heraus neu auf. So lerne ich mich selbst neu zu verstehen. Damit das gelingt, muss allerdings der Wahrheitsanspruch der alten biblischen Texte in das Wahrheitsbewusstsein der eigenen Gegenwart übersetzt werden, wo­bei diese Übersetzung sich nicht als Anpassung, sondern als kritische Auseinandersetzung mit der jeweiligen Gegenwart zu vollziehen hat. Hier kann und muss die Predigt zuweilen auch pointiert politisch werden.

Doch entscheidend ist, dass die zeitgemäß zur Sprache gebrachte Wahrheit des Evangeliums sich in der Gemeinde so durchsetzt, dass – mit Benedikt XVI. zu reden – „der ewige Logos … Speise für uns“[7] wird: eine Speise, die den „inneren Menschen“ am Leben erhält und stärkt. Schon die Predigt lädt also dazu ein, zu sehen und zu schmecken, wie freundlich der Herr ist. Insofern hat jede rechte Predigt des Evangeliums bereits sakramentalen Charakter. Denn das ist das Wesen des Sakraments: zu geben und zu bewirken, was es darstellt. Schon die Predigt gibt und bewirkt das, wovon sie redet.

4. Was wir dann im Besonderen als Sakramente in Gestalt der Taufe und [25] des Abendmahls feiern, unterscheidet sich von der Predigt dadurch, dass (1.) in den Sakramenten der Festcharakter der gottesdienstlichen Feier besonders intensiv zum Ausdruck kommt; und dass (2.) in den Sakramenten sichtbar wird, was in der Predigt zur Sprache kommt.

Der Festcharakter kam in der Abendmahlsfeier der ersten Christen dadurch zum Ausdruck, dass diese das heilige Mahl – nach Acta 2,46 – „mit jubelnder Freude“ feierten. Die Gemeinde jubelt darüber, dass der Gekreuzigte lebt und dass sie mit ihm, ja von ihm leben darf. Sie feiert seine geheimnisvolle Gegenwart in Brot und Wein und freut sich auf die ewige Tischgemein­schaft mit ihm in Gottes kommendem Reich. Ohne einen zumindest verhaltenen Jubel kann man dieses Sakrament in der Tat nicht feiern.

Die besondere Sichtbarkeit der sakramentalen Handlungen entsteht dadurch, dass in ihnen zum Sprachgeschehen der Verkündigung eine alle Sinne affizierende Zeichenhandlung hin­zutritt. Durch sie kommt zur Darstellung, dass Gottes Gnade den ganzen Menschen erreichen und verändern will.

Für den evangelisch verstandenen Gottesdienst ist es bedeutsam, dass Wort und Sakrament nicht miteinander konkurrieren, sondern in unterschiedlicher Gestalt dasselbe bewirken: näm­lich das Zusammenkommen und Zusammenleben von Gott und uns Menschen zu unserem Heil. Deshalb haben die Reformatoren auch mit Bedacht die Behauptung Augustins wieder­holt, dass das Sakrament ein „sichtbares Wort (verbum visibile)“ ist, das dasselbe intendiert und bewirkt wie die Predigt.[8]

5. In der Taufe verbindet sich das sündenvergebende Wort mit dem elementaren Zeichen fließenden Wassers, das die Reinigung von allen Sünden bzw. den Tod des alten Adam und der alten Eva einerseits und die Geburt eines neuen Menschen andrerseits symbolisiert: eines neuen Menschen, der von nun an [26] zur Gemeinschaft der Glaubenden, also zur una sancta catholica et apostolica ecclesia gehört. In der Taufe vollzieht sich durch die Kraft der Gnade Gottes die Kehre eines Menschen weg von den diese Welt versklavenden Verderbensmächten hin zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes, die als wanderndes Gottesvolk unterwegs sind zum kommenden Reich der Freiheit.

6. Im Abendmahl bietet sich Jesus Christus diesem wandernden Gottesvolk in, mit und unter den elementaren Lebensmitteln Brot und Wein selber dar, um die Gemeinschaft der Glauben­den mit ihm und untereinander zu stärken. Ist die Taufe das Sakrament des Aufbruchs, in dem Jesus Christus einen Menschen auf seinen Glauben festlegt und so auf den Weg des Glaubens bringt, so ist das Herrenmahl das Sakrament der Wegzehrung, in dem Jesus Christus seinen Tod als Wende der Welt vergegenwärtigt und das wandernde Gottesvolk auf dem Weg zu Gottes kommendem Reich der Freiheit Schritt für Schritt voranbringt. Davon nimmt er nie­manden aus, der zum wandernden Gottesvolk gehört. Wer an die eucharistische Gegenwart Jesu Christi glaubt, der ist beim Abendmahl willkommen.

Auf Schriftlesungen und Predigt antwortet die gottesdienstliche Gemeinde mit ihrem Glau­bensbekenntnis, mit ihren Akklamationen, aber auch mit gesammeltem Schweigen, vor allem jedoch mit ihren Gebeten und mit ihrem Gesang.

7. Zum Glauben kommen heißt im Neuen Testament zwar nicht nur, aber doch immer auch so viel wie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.[9] Doch diese Wahrheit wird nicht nur erkannt. Zur Erkenntnis der Wahrheit des Evangeliums gehört das Bekenntnis zu dieser Wahrheit, durch das die Glaubenden zum Ausdruck bringen, dass ihnen die erkannte Wahrheit zu Her­zen gegangen ist, sie also im Zentrum ihrer Existenz angesprochen und für sich gewonnen hat.

Im Gottesdienst wird dieses Bekenntnis gemeinsam vollzogen. Im gemeinsamen [27] Beken­nen legen sich die Glaubenden auf das fest, was sie glauben. Und indem sie das tun, antwor­ten sie auf den Wahrheitsanspruch, der in den Schriftlesungen und in der Predigt zur Sprache gekommen ist. Das aber müssen sie so tun, dass alle Glaubenden in dieses Bekenntnis ein­stimmen können. Deshalb haben im Gottesdienst die überlieferten Bekenntnisse der alten Kirche ihren Sitz im Leben. Eine Homologie, die nicht die Glaubensgewissheit der ganzen Gemeinde zum Ausdruck bringt, wäre kein christliches Glaubensbekenntnis.

Das schließt den Mut, neue Glaubensbekenntnisse in der Sprache unserer Zeit zu formulieren, nicht aus. Doch dazu braucht es schöpferische Sprachkraft und erstklassige theologische Bil­dung. Wem es gelingt, in den Wahrheitsanspruch des Evangeliums mit neuen Worten so ein­zustimmen, dass dann in diese neuen Worte wiederum die ganze Gemeinde einzustimmen vermag, diesen Christenmenschen wollen wir gern einen Meister oder eine Meisterin nennen und obenan setzen. Zum beliebigen Experimentieren eignet sich der Gottesdienst allerdings nicht.

8. Die gottesdienstliche Gemeinde antwortet auf das ihr zugesprochene Wort Gottes aber nicht nur mit ihrem Glaubensbekenntnis. Sie antwortet auf vielfältige Weise. Dazu gehören auch die Akklamationen oder Zurufe, die aus dem Alten Testament einerseits und aus dem antiken Rechtswesen andrerseits herkommen. „Der antwortende Zuruf bestätigt das Ankom­men des Wortes“ Gottes und „macht den Prozess der Selbstgabe Gottes im Wort erst voll­ständig. Hierher gehört das Amen, das Halleluja, das Et cum spiritu tuo …“[10] und einst auch das maranatha.

9. Zur Antwort auf das bei uns angekommene Wort Gottes gehört aber auch das Schweigen, das freilich etwas anderes sein muss als die inszenierte „Abwesenheit von Rede und Ak­tion“.[11] Als inszenierte Abwesenheit von Rede und Aktion wäre das Schweigen seinerseits nur eine – nun eben stumme – Aktion, eine Art stummer Geschwätzigkeit. Doch das im Gottesdienst sich ereignende Schweigen ist, wenn es wirklich ein [28] auf Gottes Wort antwortendes Schweigen ist, eine der Wahrheit Gottes die Ehre gebende Stille, in der eben diese Wahrheit nachklingen und mir so nahe kommen soll, dass der ganze Mensch von ihr erreicht wird.

10. Als auf Gottes Wort antwortende Gemeinde haben wir schließlich und vor allem die betende und singende Gemeinde zu würdigen. Betend stellt die Gemeinde ihre Angewiesen­heit auf Gott dar, insofern sie bittet. Betend stellt die Gemeinde aber auch den in seiner Frei­heit ewigreichen, ihrer eigenen Bedürftigkeit Genüge tuenden Gott dar, insofern sie ihn lobt und preist. Sie tut das insbesondere, indem sie singt. „Singen ist menschliche Aussage in ihrer höchsten Potenz.“[12] Es gibt Wahrheiten, die erst dann in ihrem Element sind, wenn sie gesun­gen werden. Die Wahrheiten des Glaubens sind oft genug solche Wahrheiten, die nach einem neuen Lied verlangen.

11. Die betende und singende Gemeinde ist deshalb primär im Gotteslob vereinigt. „Gott loben, das ist unser Amt.“ Im Gotteslob erreicht die Antwort der Gemeinde ihre Spitze. Denn indem sie Gott loben, tun die Christen, was eigentlich alle Welt tun müsste – „Alles was Odem hat, lobe den Herrn!“ (Ps 150,6) –, was aber jetzt nur erst im Himmel Ereignis ist. Im Gotteslob stellt die irdische Gemeinde den himmlischen Gottesdienst dar und partizipiert an ihm. Diese Partizipation an der himmlischen Liturgie macht auch den schlichtesten Gottes­dienst auf Erden schön. Denn in der am himmlischen Gottesdienst partizipierenden gottes­dienstlichen Feier wird die Wahrheit des Evangeliums nicht nur erkannt und bekannt, sondern da gewinnt die Wahrheit jenen Glanz, jenen splendor veritatis, der sie unvergleichlich schön macht.

Das Gotteslob der Gemeinde wäre allerdings ein ganz und gar unverantwortliches Geschehen, wenn die Gemeinde vor lauter Loben die Augen für das Elend der Welt verschließen würde. Dietrich Bonhoeffers sehr spezielle Äußerung aus der Zeit der nationalsozialistischen Juden­verfolgung und Judenvernichtung hat allgemeine Bedeutung: „Nur wer für [29] die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen.“[13] Das Loben Gottes geht nur dann in Ordnung, wenn es die Not der Welt nicht verdrängt. Deshalb korrespondiert dem Lob die Klage und im Zusammenhang des liturgischen Gottesdienstes vor allem die Fürbitte. In der Fürbitte bringt die Gemeinde die Not der Welt vor Gott.

12. Der christlichen Gemeinde ist die Fürbitte wesentlich. In der Fürbitte ereignet sich die Solidarität der Christen vor Gott. Aber es sind keineswegs nur die Christen, nicht nur „des Glaubens Genossen“ (Gal 6,10), die auf die Fürbitte der gottesdienstlichen Gemeinde ange­wiesen sind. Die Solidarität der gottesdienstlichen Gemeinde gilt nicht weniger der Welt und ihren Kindern, den sogenannten Weltkindern. Deren Not bringt sie in der Fürbitte vor Gott.

Und da die Christen mit den Weltkindern auch eine gemeinsame weltliche Gestalt des Zusam­menlebens haben, die der Kirche gegenübersteht und ihr doch bei aller Eigenständigkeit wie­derum parallel zu stehen kommt, da es also neben der geistlichen Gestalt des Zusammenle­bens als Kirche auch die weltliche Gestalt des Zusammenlebens als Staat und als Gesellschaft gibt, nimmt die fürbittende Solidarität der gottesdienstlichen Gemeinde immer auch und sogar pointiert die Form einer Fürbitte für den Staat und die Gesellschaft an. Diese Fürbitte ist das politische Urphänomen des christlichen Lebens. Die sich als Gottesdienst ereignende christ­liche Gemeinde ist dem Staat darin treu, dass sie für ihn betet. Darauf kann sich der Staat ver­lassen. Und es gibt wahrscheinlich nichts, worauf sich der durch und durch weltliche Staat mehr verlassen kann als auf diese Solidarität der Kirche mit ihm, die sich in Gestalt der Für­bitte für ihn ereignet.

13. Ich schließe diese Erörterung der einzelnen Aspekte des liturgischen Gottesdienstes ab mit einem Hinweis auf den die gottesdienstliche Handlung abschließenden Segen.[14] [30]

Der liturgische Segen schließt die gottesdienstliche Handlung allerdings nicht derart ab, dass diese nach dem Segen als beendete Handlung nur noch der Vergangenheit angehört, ohne über die mit dem Segen zum Abschluss gekommene gottesdienstliche Handlung hinauszuwir­ken. Das Gegenteil ist der Fall. Dass der Segen nur der Schlusspunkt des Gottesdienstes ist, ein Schlusspunkt, der den Gottesdienst als erledigte Sache der Vergangenheit überantwortet, das ist schon dadurch ausgeschlossen, dass das Subjekt des Segnens Gott selbst ist. Und wenn Gott segnet, dann wird Zukunft aufgeschlossen, dann werden Möglichkeiten eröffnet.

Der Segen ist also alles andere als das, was man heute einen „frommen Wunsch“ nennt, – nämlich: fromm, aber wirkungslos. Der Segen ist wie Luther (bei der Auslegung von Gen 27,28 f.) bemerkt hat, „nicht Wunsch, sondern Gabe“, er ist nicht optativisch, sondern indika­tivisch zu verstehen.

In der gottesdienstlichen Segenshandlung wird der ganze Gottesdienst pointiert rekapituliert, und zwar so rekapituliert, dass die Pointe aller gottesdienstlichen Handlungen sich der Zeit, die auf den Gottesdienst folgt, mitteilt. Die Pointe aller gottesdienstlichen Handlungen aber ist der Friede des Herrn, der shalom Gottes, der durch den Tod Jesu Christi ein für allemal her­gestellt und im Gottesdienst vergegenwärtigt worden ist und der nun die Auseinandergehen­den begleiten soll. Deshalb: Gehet hin im Frieden des Herrn, dessen Angesicht über jeden Davongehenden auch dann leuchten wird, wenn wir nichts davon sehen.

Dieser Friede Gottes teilt sich in der Segenshandlung den Glaubenden mit, die nun in den durch den Gottesdienst unterbrochenen Zusammenhang des alltäglichen Lebens zurückkeh­ren. Und so ist die den liturgischen Gottesdienst abschließende Segenshandlung die Eröffnung der das ganze Leben charakterisierenden anderen Gestalt des christlichen Gottesdienstes, des vernünftigen Gottesdienstes im Alltag der Welt, in dem die Christen vor allem an die Seite derer gerufen werden, deren Not zum Himmel schreit. Das eucharistische [31] Brot verlangt gebieterisch danach, „Brot für die Welt“ herbeizuschaffen. Und der Wein des eucharistischen Mahles erinnert uns an unsere Verantwortung dafür, dass in unserer Welt Menschen nicht mehr verdursten müssen.

In diesem Sinne ist der Segen „ein alle bisherigen Worte [und Handlungen] in sich zusam­menschließendes ‚letztes‘ Wort … Es entlässt den Gesegneten in eine neue Situation, in eine neue Aufgabe hinein“[15]. Doch da wird man nicht etwa, nachdem die Zeit des Dienstes, des Gottesdienstes, nun zu Ende ist, aus dem Dienst in die Freiheit entlassen. Das genaue Gegen­teil ist der Fall. Macht doch die Wahrheit des Evangeliums, die im Gottesdienst verkündigt und gefeiert wird, aus Menschen, die auf die eigene Selbstverwirklichung bedacht und eben deshalb auf sich selbst fixiert und in sich selbst gefangen sind, freie Söhne und freie Töchter Gottes. „Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen“: was Jesus Christus im Johannesevangelium (8,32) verheißt – im Gottesdienst, da wird’s Ereignis. Im Gottesdienst ereignet sich die Kirche Jesu Christi als Kirche der Freiheit. Und mit dieser Freiheit werden die Glaubenden in die Welt entlassen, um in ihr die geistliche Freiheit eines Christenmenschen nun in die ganz und gar weltliche Freiheit zu transformieren.

Gehet hin im Frieden des Herrn – das heißt also zugleich: nehmt die Freiheit eines Christen­menschen mit und fangt in der Welt auf weltliche Weise etwas damit an.

Von Friedrich Nietzsche stammt der bedrohliche Satz: „Die Wüste wächst. Weh dem, der Wüsten birgt“. Der gottesdienstliche Segen besagt: Der Friede und seine Zwillingsschwester, die Freiheit, wachsen. Wohl denen, die hingehen im Frieden des Herrn!

Dieser Frieden verbindet sie auch extra muros ecclesiae, sodass sie auch in ihren weltlichen Geschäften Glieder der una sancta catholica et apostolica ecclesia bleiben, also rechte evan­gelische Christen.

[1] Nachsynodales Apostolisches Schreiben Sacramentum caritatis seiner Heiligkeit Papst Benedikt XVI., 2007, Zweiter Teil, Nr. 64.

[2] Constitutio de sacra Liturgia „Sacrosanctum Concilium“ c. 1, a. 33 (DH 4033).

[3] M. Luther, Predigt am 17. Sonntag nach Trinitatis, bei der Einweihung der Schlosskirche zu Torgau gehalten am 5. Oktober 1544, WA 49, 588, 15-18.

[4] M. Luther, Das Magnificat verdeutscht und ausgelegt. 1521, WA 7, 595, 35.

[5] F. Schleiermacher, Die praktische Theologie … S.W. 1. Abt., Bd 13, 1850, 69 f.

[6] ApolCA VII, BSLK 240, 42-47.

[7] Vgl. BENEDICTI PP. XVI, SUMMI PONTIFICIS LITTERAE ENCYCLICAE DEUS CARITAS EST, 2006, Nr. 13

[8] Vgl. ApolCA XIII, BSLK 292 f.: „Idem effectus est verbi et ritus, sicut praeclare dictum est ab Augustino sacramentum esse verbum visibile … Quare idem est utriusque effectus“.

[9] Vgl. R. Bultmann, Theologie des Neuen Testaments, hg. von O. Merk, 9. Aufl. 1984, 71.

[10] J. Ratzinger, Der Geist der Liturgie. Eine Einführung, 6. Aufl. 2002, 178.

[11] A.a.O., 179.

[12] K. Barth, KD 4/3, (1959) 31979, 994.

[13] „Schriftlich ist diese Äußerung von Bonhoeffer selbst nicht überliefert“ (E. Bethge, Dietrich Bonhoeffer. Theologe, Christ, Zeitgenosse, 51983, 506, Anm. 28.

[14] Vgl. Chr. Barben-Müller, Segen und Fluch. Überlegungen zu theologisch wenig beachteten Weisen religiöser Interaktion, in: EvTh 55 (1995), Heft 4, 351-373.

[15] P. Brunner, Zur Lehre vom Gottesdienst, in: Leiturgia. Handbuch des evangelischen Gottesdienstes, hg. von K.W. Müller und W. Blankenburg, Bd 1, 1954, 201.

Quelle: Der Gottesdienst nach katholischem und nach evangelischem Verständnis, hg. von der Evangelisches Medienhaus GmbH im Auftrag des Evangelischen Oberkirchenrats, Stutt­gart 2007, Seiten 20-31.

Hier der Vortrag als pdf.

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