Alfons Deissler über das Alte Testament: Die Bibel Israels kommentiert nicht bloß die Geschichte des „Bundes Got­tes“ in vorchristlicher Zeit …

Altes Testament

Nachdem Notker Slenczka die Kanonizität des Alten Testaments für die Kirche hinterfragt hat, wird öffentlich diskutiert. Eine prägnante Begründung dafür, warum das Alte Testament unverzichtbarer Teil des Kanons der Kirche Jesu Christ ist, hat der verstorbene katholische Alttestamentler Alfons Deissler (1914-2005) in seinem Artikel „Altes Testament“ im Praktischen Lexikon der Spiritualität geliefert. So schreibt er:

Altes Testament

Von Alfons Deissler

I. Zum Begriff

Der üblich gewordene Name „Altes Testament“ kommt nur ein einziges Mal im Neuen Testa­ment vor (2 Kor 3,14). An überaus vielen Stellen nennt das Neue Testament die Bibel Israels einfach „die Schrift“ und bezeugt sie somit auch als verbindliche Heilige Schrift für das neu­bundliche „Israel“ (= Kirche Jesu Christi). Ihr Umfang geht in der Kirche über den hebräi­schen Kanon hinaus und umfasst auch die allermeisten in der griechischen Judenheit als ver­bindlich geltenden heiligen Schriften. Von der Bibel Israels sagt Paulus in Röm 15,4: „Alles, was einst geschrieben worden ist, ist zu unserer Belehrung geschrieben, damit wir durch Ge­duld und durch den Trost der Schrift Hoffnung haben.“ Damit wird autoritativ bestätigt, dass das sogenannte „Alte Testament“ ein auch die christliche Existenz befruchtendes Gotteszeug­nis ist. Darum hat die Kirche immer daran festgehalten, dass das Alte Testament als vom Hei­ligen Geist inspiriertes Buch der erste Hauptteil ihrer Heiligen Schrift sei. Seine gelegentliche Benennung „Erstes Testament“ (prius testamentum) bei den Kirchenvätern wäre in der Kirche am besten beibehalten worden. Denn das Wort „alt“ verleitet viele Christen zur falschen Beur­teilung, dieses Buch sei „veraltet“ und „abgetan“.

II. Vom Verhältnis des Alten zum Neuen Testament

In der Praxis hat die kirchliche Verkündigung oft der dogmatischen Theorie widersprochen. Diese das Alte Testament faktisch stark herunterspielende Praxis hat die unzutreffende Über­zeugung genährt, dass im Neuen Testament alles Glaubensgut neu formuliert werde. Das widerspricht dem Tatbestand. Das Neue Testament setzt z. B. die Schöpfungstheologie des Alten Testaments voraus und stellt sie nur in einen von der Christologie neu eröffneten Ver­ständnishorizont. Auch [32] die Gottesbotschaft, wie sie insbesondere von den Propheten im Botenstil (JHWH spricht dabei im „Ich“!) verkündet wurde, stellt für die neubundliche Got­tesbotschaft Jesu und der Apostel den beständig durchscheinenden Hintergrund dar. Dazu kommt, dass die wesentliche Willensoffenbarung Gottes im Neuen Testament rezipiert und damit bestätigt wird (Dekalog, Gottes- und Nächstenliebe). Gewiss ist das Alte Testament von sich selbst her eine Gottesoffenbarung in einem langen Werdeprozess (revelatio in fieri), aber die auch das Neue Testament entscheidenden Themen werden in ihm nicht nur „gezeugt“, sondern zu einem guten Teil bereits „geboren“ (vgl. z. B. den transzendentalen Monotheis­mus, die bundeswillige engagierte Zukehr Gottes zu Welt und Mensch, das eschatologische Königtum JHWHs). Die Bibel Israels kommentiert nicht bloß die Geschichte des „Bundes Gottes“ in vorchristlicher Zeit, sie ist selbst ein „Gotteswerk“ in dieser Heilsgeschichte. Diese selbst ist mehr als nur „Vorgeschichte“. Die Propheten haben Israel auf eine Waagschale ge­stellt, die über Tod und Leben des Gottesvolkes entschied. Dies weist aus: der Weg JHWHs mit Israel ist ein wirklicher Weg, ist bereits „Bundesgeschichte“ im vollsten Sinne des Wor­tes. Aber ist die Ebene, auf der sich all dies vollzieht, nicht eine unansehnliche und für Chri­sten unfruchtbare „Niederung“, wie noch der bekannte „Holländische Katechismus“ (1969) sagt: „Was im Alten Testament auf niedriger Stufe und in grober Weise nach oben strebt, wird im Neuen Testament geistlich und klar“ (71)? Wer so urteilt, kennt weder die Bibel Israels gut genug noch die beeindruckende Spiritualität, die es in unseren Tagen hervorgebracht hat (vgl. z. B. Werke von M. Buber, F. Rosenzweig). Leider ist nicht einmal allen christlichen Theolo­gen bekannt, dass die im Kelchwort der Eucharistie vergegenwärtigte Stiftung des „Neuen Bundes“ unter Verwendung von drei alttestamentlichen Worten ge-[33]schieht: „Dies ist das Blut des Bundes“ (Ex 24,8) – „des neuen und ewigen Bundes“ (Jer 31,31) – „das vergossen wird für die Vielen zur Vergebung der Sünden“ (= Botschaft von Jes 53). Hier sind „Alter“ und „Neuer Bund“ unlösbar miteinander verbunden. Das ist nur die Mitte eines großen Krei­ses von Beispielen, wie man vom Alten Testament her das Neue Testament neu zu verstehen vermag.

III. Die wesentlichen Data des Altes Testaments für eine biblische Spiritualität

1. Die Gottesbotschaft als Frohbotschaft

a) In der Namensoffenbarung von Ex 3 empfängt auch das neubundliche Gottesvolk die uner­hörte Botschaft, dass der in seinem Wesen weltübersteigende Gott im freien „Überstieg“ über sich selbst sich auf ewig zu einem „Gott für Welt und Mensch“ gemacht hat. Wo es auch sei, wann es auch sei, wie es auch sei, „er ist da“ als heilvolles Gegenüber. So ist er des Men­schen „ewiges DU“. Dieser im Alten Testament hoch verehrte Name JHWH ist uns Christen nicht verlorengegangen. Denn der endgültige Heilbringer musste nach Mt 1,21 und Lk 1,31 den Namen „Jēschúa“ (= Jesus = JHWH ist Heil!) tragen als einen „Namen über allen Namen“ (Phil 2, 9). Hier muss die Jesusfrömmigkeit der Christen ansetzen. Jesus ist ein hochtheolo­gischer „Seins-Name“, die JHWH-Präsenz in Jesus bezeugend, während sein griechischer Beiname „Christus“ sein „Funktions-Name“ ist, der in Verkündigung, Gebet und Liturgie seinen eigentlichen Namen nicht verdrängen darf (vgl. den Orationsschluss: „durch Christus, unseren Herrn“).

b) Der „Lichtbogen“ der Selbsttranszendenz Gottes zu Welt und Mensch hin führt zunächst zur Schöpfung der Welt und des Menschen. Sie ist eine Urtat des Bundesgottes (in Gen 2 JHWH-Elohim genannt!). Darum ist alles Geschaffene „gut“ (Gen 1), und deshalb ist der biblische Mensch „weltfroh“ und „weltfromm“. Er empfängt alle Güter der Erde als Gaben aus der Hand des bundeswilligen Schöpfergottes und damit [34] zugleich als verheißende Vorgaben einer Zukunft, die auf der Kulmination des Schöpfungsgeschehens „neuer Himmel und neue Erde“ (Jes 65,17; 66,22) heißt. Nur wenn der Mensch irgendein irdisches Gut zu seinem Gotte macht, bricht er den Bund mit Gott. Konsequent zu dieser Schöpfungsperspekti­ve gehört im Alten Testament „Weltdienst“ (vgl. Gen 1,26.28; 2,5.15) zum „JHWH-Dienst“.

c) JHWH lässt durch seine Offenbarungsträger seine Bundesliebe in „Erfahrungsbildern“ ein­drucksvoll vergegenwärtigen: er bezeugt sich als Vater mit erbarmendem Herzen (vgl. Hos 11,1-9; Jer 31,20), als „Mutter“ mit engagierter Kindesliebe (Jes 49,15; 66,13; Erbarmen ist zudem etymologisch im Hebräischen „Mütterlichkeit“!), als rettender Hirt seiner Herde (vgl. Ez 34), als König, der seine Allmacht zugunsten Zions einsetzt. (vgl. Jes 52,7 und die König-JHWH-Psalmen), als „Gemahl“, der die Endzeit als glückende „Gottesehe“ in den Horizont des Gottesvolkes stellt (vgl. Hos 2,18-25).

2. Das „Ja“ des menschlichen Bundespartners

Das Gottesvolk und seine Glieder sind vom Gott des Bundes zu einer „dialogischen“ Existenz mit ihm gerufen. Die Antwort auf das göttliche Wort und die göttlichen Bundes- und Heilsta­ten erfolgt in verschiedenen „Modi“.

a) Die Grundantwort ist der Glaube. Er ist nicht als „Dass-Glaube“ (= „Ich glaube, dass …“) zu artikulieren, sondern ist ein personaler Akt, der sich auf Gott als Person bezieht: „Abraham glaubte JHWH“ (Gen 15,6) und entspricht darum dem Sprachspiel: „Ich glaube dir.“ Auch die Christen müssen bei Abraham dieses „Glauben“ lernen (vgl. Röm 4; Gal 3). Der inhaltliche Gegenstand des Glaubens ist das Engagement Gottes als JHWH: Alle Dogmen sind nur Vari­ationen dieses Grundthemas.

b) Eine erste „Verleiblichung“ dieses Glaubens ist das Gebet. Die Erweckung des Glaubens­aktes (= „Ich glaube dir, dem lebendigen Gott, [35] deine bundeswillige Zuwendung“) ist zu­gleich das Grundgebet des Bundespartners. Glauben und Beten gehören in der Wurzel zusam­men und befruchten sich gegenseitig. Dieses „Zusammen“ prägt den Psalter in all seinen Stü­cken. Sie sind zumeist, insbesondere in den Klageliedern, ein „Wortgeschehen“ in mehreren Phasen (z. B. Klage, Vertrauen, Bitte, Dankversprechen). Dabei ist besonders bedeutsam, dass der gläubige Beter im Alten Testament seine Angefochtenheit durch allerlei Leiden vor JHWH ins laute Wort bringt, während im Christentum das Klagen als Folgerung aus einer im Glauben gelebten Bundespartnerschaft trotz des Beispiels Jesu am Kreuz (vgl. Mk 15,34; Mt 27,46) soviel wie verschwunden ist, was einer Verlebendigung des Gottesverhältnisses Ab­bruch tut. Alle Psalmen werden als tehillim bezeichnet, also als „Preisungen“, weil sie JHWH als Bundesgott „aufleuchten“ (= hallel!) lassen.

c) Eine zweite (aber nicht sekundäre!) Verleiblichung des Glaubens ist die Realisierung der Wegweisungen JHWHs, vorab des Dekalogs. Sie sind keine willkürlich verordneten Vor­schriften, sondern haben als Gabe des Befreier- und Erlösergottes das wahre Menschsein in der Bundesgemeinschaft mit JHWH und dem JHWH-Volk zum Ziele. Das „Zehnerwort“ markiert – darum sind die meisten „Gebote“ negativ formuliert! – die von JHWH vorausge­währte Heilssphäre und zeigt innerhalb ihrer die Wege auf, die vom Anfangsheil ins Endheil führen. Die im Hebräischen gewählte Form: „du wirst nicht …“ enthält in sich die Ergänzung: sonst bist du nicht Israel! Das einzelne Mitglied des Bundesvolkes weiß dadurch, dass es immer zugleich in Stellvertretung für ganz Israel den Bund hält oder bricht. Dieser „eccle­si­ale“ Bezug aller Einzelexistenz im Bund prägt das Bewusstsein Israels, während die Christen zumeist stark individualistisch denken („Gott und die Seele“). Der erste (kleinere) Teil der „Zehn Worte“ geht auf das direkte [36] „Ja” zu JHWH aus. Der zweite (größere) Teil hat das „Ja“ zur mitmenschlichen Gemeinschaft zum Gegenstand. Dieses Gemeinschaftsethos gehört also zentral zum JHWH-Glauben. Weil JHWH geradezu leidenschaftlich der „Gott für die Menschen“ ist, muss ein „Ja“ zu ihm „mit ihm, in ihm und durch ihn“ sich den Menschen zu­kehren. „Menschendienst“ ist darum im Alten Testament ein unabdingbarer „JHWH-Dienst“. Das „Miteinander“, ja „Ineinander“ von Gottes- und Nächstenliebe im Neuen Testament hat im Alten Testament sein Fundament. Die Propheten haben als direkte Offenbarungssprecher Gottes fort und fort bezeugt, dass es ohne Gerechtigkeit und Brudersinn keine gültige Exi­stenz vor JHWH gibt (vgl. 2 Sam 12 [Natan]; 1 Kön 21 [Elija]; Am 2,4-16; 5,21-27; Hos 4,1f; 6,6; Mi 3,1-12; 6,1-8; Jes 1,10-17; 5,1-7; Jer 7,1-15; 23,13-19; Ez 18,5-9; Sach 7,1-14; Jes 58,1-11). Nach Jes 53 geschieht die Erhöhung des Gottesknechtes durch JHWH aufgrund sei­nes stellvertretenden Einsatzes für „die Vielen“.

IV. Resümee

Die Impulse des Alten Testaments für die Ausbildung einer spezifisch biblischen Spiritualität sind an sich enorm. Doch stellt sich ihnen bei den meisten katholischen Theologen und Chri­sten eine Mauer von Vorurteilen und Voreingenommenheiten entgegen. Es ist hoch an der Zeit, sie abzubauen. Der „Geistbraus“ (ruach), der in der theologischen Mittelachse des Altes Testaments waltet und im Gottesspruch der Propheten seine höchste Artikulierung findet, darf in der Kirche Jesu Christi, die ihre Geburt auf das erste Pfingstfest zurückführt, nicht länger vor den verschlossenen Toren bleiben. Sie aufzutun wird sich für die Spiritualität der Kirche und des einzelnen Gläubigen lohnen und die „Sache JHWHs und Jesu“ mehr voranbringen als die traditionellen Versuche einer Belebung „des Geistes“ durch Menschenwort und Men­schenweisheit. [37]

LITERATUR: A. Deissler, Die Grundbotschaft des Alten Testamentes (Freiburg 101986); ders., Ich werde mit dir sein. Meditationen zu den fünf Büchern Moses (Freiburg 21971); ders., Ich bin dein Gott, der dich befreit hat. Wege zur Meditation über das Zehngebot (Frei­burg 41980); ders., An mir findest du reiche Frucht. Meditationshilfen zum Hosea-Buch (Frei­burg 1977); ders., Biblisch glauben (Freiburg 1982); ders., Wer bist du, Mensch? Die Antwort der Bibel (Freiburg 1985); ders., Dann wirst du Gott erkennen. Die Grundbotschaft der Pro­pheten (Freiburg 1987).

Quelle: Christian Schütz (Hg.), Praktisches Lexikon der Spiritualität, Freiburg 1992, 31-37.

Hier der Text als pdf.

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