Drei Weisen menschlicher Heilsausrichtung: „In ihrem Zentrum stehen ein Name und das mit diesem Namen verbundene Heilsgeschehen. Das eigene leibliche Leben wird in Beziehung zu diesem Namen gesetzt und dadurch in das Heilsgeschehen hineingenommen. Maßgeblich sind hier nicht anonyme Kräfte, die mir widerfahren und zu meinem Nutzen wirken sollen, sondern das konkrete Handeln des bestimmten NAMENS. Damit ist auf das Evangelium Jesu Christi bzw. auf den Bund des HERRN mit seinem Volk Israel verwiesen, wie sie in der biblischen Überlieferung bezeugt sind.“

Drei Weisen menschlicher Heilsausrichtung

Es ist nicht unproblematisch, abstrakt von „Heil“ zu sprechen, legt doch diese Redeweise den Schluss nahe, es handle sich dabei um eine Letztreferenz, die alles „Religiöse“ in sich aufzunehmen weiß. Gleichwohl lässt sich aus heuristischen Gründen legitim, die Heilsfrage zunächst anthropologisch zu fassen. Dabei lassen sich drei unterschiedliche menschliche Heilsausrichtungen unterscheiden – die dynamistische, die gnostische und die dramatische.

Die dynamistische Ausrichtung versteht Heil als die Integration lebensförderlicher Kräfte, Mächte oder Geister in das eigene leibliche Leben. Entsprechend gilt es, schädliche oder destruktive Kräfte abzuwehren. Integration und Abwehr vollziehen sich innerhalb eines rituell-moralischen Lebenszusammenhangs. Ein paradigmatisches Beispiel ist die Ahnenverehrung: Werden die Ahnen regelgerecht geehrt und versorgt, so erwartet man von ihnen lebensförderliche Wirkungen für das eigene Wohlergehen. Ähnlich lässt sich die fallbezogene Anrufung eines Heiligen verstehen, der als Nothelfer dem eigenen Leben zugutekommen soll. Die dynamistische Ausrichtung bildet sich typischerweise in einer Tempelkultur ab, in der durch rituelles Handeln konkrete Lebensbedürfnisse artikuliert und bearbeitet werden.

Demgegenüber sucht die gnostische Ausrichtung – nicht zu verwechseln mit der „Gnosis“ als religionsgeschichtlichem Konstrukt der Spätantike – das Heil in der kontemplativen Erkenntnis. Das leibliche Leben mit seinen sinnlichen Widerfahrnissen wird hier auf eine transzendente Referenz hin überschritten. In der Suche nach einer Einung mit dem Unbedingten können Schmerzerfahrungen, Verluste und auch leibliches Wohlergehen als letztlich fragiler Lebenshorizont relativiert oder überwunden werden. Seele bzw. Bewusstsein vermögen sich aus dem leiblichen Lebenszusammenhang zu lösen. Mystische Traditionen und der Neuplatonismus lassen sich exemplarisch als Ausprägungen eines solchen gnostischen Heilsweges verstehen.

Die dritte Weise bezeichne ich als die dramatische Heilsausrichtung. In ihrem Zentrum stehen ein Name und das mit diesem Namen verbundene Heilsgeschehen. Das eigene leibliche Leben wird in Beziehung zu diesem Namen gesetzt und dadurch in das Heilsgeschehen hineingenommen. Maßgeblich sind hier nicht anonyme Kräfte, die mir widerfahren und zu meinem Nutzen wirken sollen, sondern das konkrete Handeln des bestimmten NAMENS. Damit ist auf das Evangelium Jesu Christi bzw. auf den Bund des HERRN mit seinem Volk Israel verwiesen, wie sie in der biblischen Überlieferung bezeugt sind. In den Sakramenten der Taufe und des Herrenmahls wird das eigene Leben in dieses NAMENtliche Leben integriert und erhält so eine Verheißung, die über die eigene Lebensmöglichkeiten hinausweist. Diese Verheißung entwertet das leibliche Leben nicht, sondern integriert es auf die Zukunft hin als leibliche Auferstehung der Toten. Der Apostel Paulus hat diese dramatische Heilsausrichtung  in seinem Brief an die Römer prägnant zusammengefasst: „Unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.“ (Röm 14,7–9)

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