Hans Ehrenberg, Die zehn Gebote vor den Nichtheiden (1952): „Mit den zehn Geboten bekommt der Mensch, als Individuum und als Gattung, sein Oben und sein Unten, sein Vorne und sein Hinten, sein Rechts und sein Links. Mit ihnen orientiert er sich selber in der Wirrnis des Daseins, er wird standörtlich bestimmt.“

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Kleinschriften, heißt es, haben weniger als 100 Seiten im Billigdruck. Hans Ehrenbergs „Die zehn Gebote vor den alten und den neuen Heiden“, erschienen im Schriftenmissions-Verlag Gladbeck im Jahr 1952, ist jedoch eine höchst anspruchsvolle Auslegung der zehn Gebote, besser als man es in vielen theologischen Ethiken finden kann. Hier der von ihm selbst verfasste Aufsatz:

Die zehn Gebote vor den Nichtheiden

Vom Hans Ehrenberg

Die zehn Gebote sind das Grundgesetz der biblischen Offenbarung für die zwischen Gott und Mensch aufgerichtete und zu errichtende zwischenmenschliche Ordnung. Sie haben etwas Paragraphen- und Lehrhaftes; sie bilden den Grundstock des Katechismus der Kirche. Und selbst die Feinde der Bibel sprechen von „neuen“ zehn Geboten, die anstelle der von ihnen verachteten ,,alten“ zu formulieren seien, so nach 1918 der „Zehn Gebote Hoffmann“ und neuerlich Stimmen aus dem kommunistischen Lager.

In der folgenden Darstellung betrachten wir die zehn Gebote als Grundgesetz der biblischen Welt. Sie sind tief in ihre biblische Umwelt eingebettet und springen dem Leser der Schrift dort, wo sie gerade erscheinen, unerwartet ins Gesicht. Aber sie verfilzen nicht mit ihrer Umwelt, zu der sie gehören; das läßt sie paragraphenhaft bleiben. Man kann von ihnen zunächst nur lehrhaft handeln. Doch ist das hier nur zum Teil unsere Absicht. Denn die innerbiblische Betrachtung der zehn Gebote findet zunächst außerhalb der Welt, in dem Gott allein gehörigen Eigenraum der biblischen Offenbarung, statt. Die Gebote scheinen abstrakt zu sein und ohne Zusammenhang mit der Wirklichkeit. Wo sie zitiert werden, ergibt sich der Schein strikter Gesetzlichkeit und lehrhaften Formalismus. So sind sie mehr unentbehrlich als beliebt. Das gestrenge „Du sollst“, mit dem sie beginnen, belastet sie und macht sie zur Last für uns.

Aber die innerbiblischen Zusammenhänge, in denen die Gebote auftreten, sind nicht leblos und verfügen über Anschaulichkeit und Geschichtlichkeit, Farbigkeit und Sinnenfälligkeit. Die Zusammenhänge gehören zu scharf profilierten entscheidenden Personen. [42]

Im Zusammenhang mit diesen Personen haben die Gebote, durch die Gottes Wort sich als Forderung an den Menschen erweist, eine bestimmte verbale Funktion Gottes übernommen. So bei Adam, den Gott ruft: „Adam, wo bist du?“ und durch diesen Ruf vor sein Angesicht zitiert. So bei Abraham, dem nicht nur Gerufenen, sondern — aus der Heimat, aus der Welt — Herausgerufenen und in die Verheißung, in das Land des Segens für alle Geschlechter Hineingerufenen. Unbedingter Personalismus beherrscht das Gesetz und macht seinen rigorosen Anspruch tragbar: das „du sollst“ wäre unerträglich, wenn es nicht hieße: „Du“ sollst! Ein menschlicher Gebietender, ein menschlicher Gebotsempfänger sind die Personen des Gebotes. Das Gebot ist nicht ein Kommando. Gott kann auch befehlen, z. B. bei Noah, in der Sintflutsgeschichte, wird der Mensch kommandiert, und die Sachen der Welt (Eigentum, Lebewesen, alte und neue Ordnung) und die Welt selber (Naturlauf, Rechtsordnung) werden in den Noachidischen Gesetzesbau hineinbefohlen; bei Noah tritt daher die Person des Kommandierten zurück. Aber nicht Noah, sondern Adam, Abraham, Moses sind die Hauptpersonen im Stationsweg des Dekalogs: Abraham, der in Freiheit gehorcht, ist einzig, und was mit ihm beginnt, ist Auserwählung, die Einzigartigkeit. Aber Noah ist nicht einzig; er ist die Gattung; bei ihm wird das Allgemeine neu geordnet und umgebaut. Von Moses aus rückblickend sehen wir die personenverbundene Linie der Ruf-Aktionen Gottes von Adam bis zu den Erzvätern, und die sach- und rechtgebundene der ordnenden Gewalt Gottes bei Kain und Noah. Dort also steht der Mensch als Person — Einzelner und Einzigartiger — hier als Gattung — Repräsentant des Generellen.

Abstrakt beurteilt wäre es nun ein Leichtes, das Menschheitlich-Gattungshafte und das Individualistisch-Personalistische in einer Synthese zu vereinigen; aber die Bibel deckt die ganze Schwierigkeit des Weges auf, auf dem diese Vereinigung stattfinden wird. Erst muß der einzigartige Personenweg Abrahams sich auslaufen, in dem er drei Generationen andauert, und den Vierten, [43] Joseph, als „Fremdling“ — Ausgestoßenen, Verkauften — in die Welt hinausversetzen, auf daß der Gott der Väter, geglaubt und gelobt auch von dem „Fremdling“, den findet, der die Linie der Gattung hinzubringt. Das ist der „Findling“, Moses, der als Volksmann und Volksheros beginnt, um den zu finden, der die Väter „heraus“gerufen und „hinein“gerufen hat, den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs (am Dornbusch). Dabei sind es im „Fremdling“ (Joseph) und im „Findling“ (Moses) die Nichtgenormten, die Rechtlosen, Schutzlosen und in die Weltordnung der Gattung nicht Eingeordneten, die Moses befähigen, den Ruf Gottes an die Väter aufzunehmen und in seiner totalen Einzigartigkeit an das ganze Volk, die Gattung, weiterzuleiten. So wird Moses zum Volksführer von Gottes Gnaden, zum Politiker Gottes. Wo die zwei Flüsse, der personalistische und der gattungsgemäße, sich vereinigt haben, bildet sich das Gesetz, das Gebot, das „Du sollst“.

Alle diese biblischen Vorgänge gehen uns durchaus nicht ohne weiteres ein; das biblische Personenrecht hatte als Straf- und Schutzrecht des Mörders (Kain) begonnen; das Gottesvolksrecht Israels, des Einzigartigen, über Geschichte und Mythos der Gebote statuiert, wird verordnet über dem Asozialen, dem Findling, der die Fremdlingschaft seines Gottesvolkes vom ausgestoßenen Nachfahren der Väter — Joseph — erbt. Die Aktion Gottes geschieht nicht auf der Basis des Normalen und um des Normalen willen, und die Gesetzgebung am Sinai wird mit einem geschichtlichen Geschehen verknüpft, das alle Arten von Gesetzlosigkeit aufweist: Da ist Gottes große Strafaktion gegen den Gesetzesverächter Pharao und sein ägyptisches Volk; da ist die aus ehrwürdigen Stämmen und fahrendem, verrufenem Volk zusammengewürfelte Mannschaft der Wüstenwanderung, während der der Aufenthalt am Sinai stattfindet. Da ist kein Hammurabi.

Es ist eine ungeheuerliche Sache, wenn Moses dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs folgt, der ihm die berauschende Größe des Revolutionärs und Gesetzgebers nicht beläßt. Und Moses kennt nichts anderes als Gehorchen — den Gehorsam diesem Gott gegenüber. Die [44] totale Begegnung von Gott und Mensch sowie die universale Ordnung von Gott und Welt ergibt sich in einer grotesken und unbedeutenden Volksgeschichte, die nicht zu der großen Weltgeschichte gehört, sondern sich durch deren Löcher hindurchmanövriert. Diese Geschichte, die des Auszugs der Kinder Israel aus Ägyptenland, wird die geschichtliche Komponente zum ersten Gebot, die die partikularistischste sowie die universalste Komponente des Menschengeschlechts ist. Luther hat sich daran gestoßen und das „der dich aus Ägyptenland geführt hat“ nicht in den kirchlichen Katechismus aufgenommen; aber uns Christen des 20. Jahrhunderts gehört es zum Bau des Dekalogs; denn wir ehren das Allgemeine nicht mehr höher als das Einmalige. So ist das Gebot eingebettet und gewinnt sich eine Umwelt. Der Gott des Gesetzes ist der Gott mit dem doppelten Angesicht, das eine in alle Welt schauend: „Ich bin der Herr“, das andere dem kleinsten Kreis zugewandt: „Ich bin dein Gott.“ Gott offenbart sich als GOTT. Als GOTT ist Gott der Fordernde und der Versprechende, der Herrscherliche und der sich Schenkende, der Gebietende und der in unser Leben Eingehende, jener das göttliche Ich, dieser das göttliche Du. Das göttliche Ich richtet den Menschen um seiner Gerechtigkeit willen, das göttliche Du stellt des Menschen Gerechtigkeit wieder her; wir stehen schon im Stationsgang des Dekalogs — erregend genug — in der Mitte des Evangeliums des Heilands der Kranken, des Erlösers der Sünder, des Erbarmers der Dirnen, des Retters der Zöllner.

Menschengesetze sind in allem partiell, dem Gegenstand, dem Raum, der Zeit nach; sie sind geschichtlich, das Historische beherrscht sie. Aber Gottes Gesetz ist nicht partiell und läßt sich von der Geschichte nicht Gewalt antun. Es hat nicht auch noch zusätzlich etwas Geschichtliches an sich, sondern ist selbständige Historie. Das Gesetz „geschieht“. Der Dekalog ist Befreiung aus dem Sklaventum in Ägyptenland. Das Gesetz ist Durchzug durchs Rote Meer. Das Gesetz ist Wüstenwanderung. Das Gesetz ist freie Siedlung in Gottes Land. Es sind das nicht zwei trennbare biblische Quellen, nicht einerseits [45] liturgische Ordnung, andererseits ethische, sondern Einheit und Ganzheit: Offenbarung! „Das Gesetz vom Berge stellt Gottes totalen Anspruch auf den Menschen dar, dem des Menschen totale Reaktion auf den göttlichen Anspruch entscheidenden Charakter verleiht. Der gefallene Mensch wird von Gott zur vollen Begegnung mit Ihm gebracht und als zerstörtes Ebenbild, Gottes Ebenbild, in seiner Ganzheit erfaßt. Durch das Gesetz wird der Mensch „existentiell“, nicht durch sich selbst, sondern durch den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, durch den herausrufenden, erwählenden Gott, der Glauben zur Gerechtigkeit anrechnet, wird der Mensch, den das Gesetz verdammt, Totalmensch-Persönlichkeit“ (Vom Menschen, biblisch und aktuell, 1947, Seite 70).

Das Gesetz Gottes genießt biblisch den Vorzug der zentralen Stellung. Diese ruht in zwei Angeln:

1. in der Tatsache, daß das Gesetz offenbart ist. Die Offenbarheit des biblischen Wortes ist beim Gesetz ein Bestandteil des Offenbarungsinhalts; man sieht beim Gesetz in das Studio des Offenbarers hinein. Zu dessen Berufsgeheimnissen gehören: der Berg der Offenbarung — die Besteigung des Berges durch den Mittler des Gesetzes — Gottes Niederfahren auf den Berg zum Treffen mit seinem Knechte — Gottes geheimnisvolles, halb sichtbares, halb unsichtbares Wohnen in der Wolke auf dem Berge — der Abstieg vom Berge mit den Gesetzestafeln, und

2. in der weiteren Tatsache, daß die von oben, nach unten vertikal vorgehende Offenbarung des Gesetzes eine horizontale Aktion auslöst und einschließt, die etwa das Gebot der Sonntagsheiligung gleichzeitig ein Gebot der Werktagsheiligung sein läßt. Das gottgegebene Gesetz vermag das, was das Gesetz, das vom Menschen gemacht ist, in seinem starren Menschenlegalismus gerade nicht vermag, nämlich unter die Menschen zu treten und zwischen ihnen zu wirken, zwischenmenschliche Beziehungen zu bewirken und in Freiheit walten zu lassen. Die Gebote führen nicht nur ein Leben über uns, als rigorose Satzungen, sondern auch ein Leben in und unter uns, als weise und anspruchslose Führungen. Wir [46] haben gefunden, daß Moses wie ein Jünger, des Noah beginnt, beim Recht des Volkes und des Menschen, und daß er in der Auseinandersetzung mit der durch den Noachidischen Bund offenbarten öffentlichen Gewalt Ägyptens seinen personalen, heilsgeschichtlichen Auftrag und seine Tat findet. Er tritt für alle ein, dabei aber wird er persönlich berufen und bevollmächtigt. So geschieht ihm eine Berufung, die Noah nicht widerfährt, aber zu den Erzvätern gehört. Am Dornbusch offenbart sich ihm Gott selber wie einstens die drei Engel dem Abraham.

Moses ist doppelschichtig. Sein vorzeitiger Tod auf dem Berge Nebo veranschaulicht den Verzicht des Gerufenen auf die persönliche Erreichung des Ziels, um den politischen Auftrag von den Zufällen zukünftiger Geschichte frei zu machen. Und die Gesetzgebung wie das Gesetz der zehn Gebote selber bleibt in einer seltsamen Spannung zu der den Erzvätern gegebenen Gnadenverheißung. Das Volk erfährt zunächst nur das Gesetz, die Verheißung muß ihm erst durch seine Propheten neu gesagt werden, auf daß es dann treu zum Gesetz stehen und Gehorsam üben kann. Die Königsgeschichten Israels und die Taten seiner Propheten verlaufen alle unter dieser Spannung.

Und das mosaische Gesetz erscheint uns notwendigerweise im widerspruchsvollen Wechsel zwischen strengster überweltlicher Verkündigung zu liegen und der Satzung, die auf dem Geschichtsboden der Völker natürlich wächst. Das folgt aus der biblischen Genese des Gesetzes selber. Der vertikale Ursprung des Gesetzes ist abrahamitisch, die horizontale Wirkungskomponente ist noachidisch. „Natürliche Theologie“ ist nicht notwendigerweise irgendwie außerbiblisch. Die Bibel selber kennt sie, im Nebenstrang der göttlichen Offenbarung. Der angebliche Gegensatz von natürlicher und offenbarer Theologie ist kein echter Gegensatz, ebenso wenig wie der von allgemeiner und spezieller (christlicher) Offenbarung. Sondern in diesen angeblichen Gegensätzen äußert sich nur unser abstraktes Denken gegenüber der übermächtigen Sachlichkeit der Bibel. Was uns unvereinbar erscheint und in uns den Geist der Alternative weckt, wohnt friedlich in der Bibel [47] nebeneinander und ist niemals in einen Streitzustand eingetreten. Die überweltliche Offenbarung selber verfügt über die Kraft, das angeblich Unvereinbare beisammenzuhalten. Finden wir dann allerdings das natürliche Gesetz auch draußen bei Heiden und Philosophen, so haben wir deren heidnisches Naturrecht mit Hilfe des biblischen aus dem Raum der Kirche auszuräumen, ohne es zu mißhandeln; es ist neutral, weder Freund noch Feind, sondern menschheitliche Vorgeschichte der eigentlichen Geschichte.

Wir sind durchaus nicht blind gegen die Parallelen der Religionsgeschichte zur biblischen Historie und nicht gefühllos gegen die Anreize der allgemeinen Religionen. Aber wir sind ein für allemal von dem mehr als monotheistischen Charakter der Sinaitischen Gesetzgebung herausgefordert. Denn der Mensch widersetzt sich niemals der Tatsache, daß es einen Gott gibt, — das „Ich bin der Herr“ gibt dem einen vollen Ausdruck und findet sich daher auch in der Religionsgeschichte —, aber immer lehnt er den Tatbestand ab, der kund tut, was für einen Gott es gibt: dieser Herr „Dein Gott!“. Das Allgemeine der Offenbarung ist verschlungen in das Spezielle. So wenig der Mensch eine stufenweise Vorerlösung erfährt, so wenig gibt es einen Gott, der sich vor der Offenbarung schon einmal offenbart hatte; die seit der theologischen Neuentdeckung des Dekalogs im 12./13. Jahrhundert und des theologischen Systems des Thomas von Aquino immer leidenschaftlicher geführte Kontroverse um eine Natürliche Theologie und eine Allgemeine Offenbarung soll durch die biblische Deutung der zehn Gebote niemals widerlegt, kann aber durch sie begraben werden. Denn durch die unnötige Kontroverse um die natürliche Theologie des Gesetzes wird Gott zerrissen, der unzerreißbare Gott, zerrissen in den monotheistischen Weltherren und den personalistischen Offenbarer („Ich bin der Herr” und „Ich bin Dein Gott!“).

Die Bibel aber erkennt keine Halbierung Gottes an. In Kategorien der Halbierung pflegen wir Menschen zu denken. Die rechte Interpretation der Gebote vermeidet die Halbierung, sowohl Gottes als auch des Menschen. [48]

Luther ist es nicht gelungen, die beiden Aussagen über die zehn Gebote, sie seien der Juden Sachsenspiegel, sie seien das Statut aller Völker, zu versöhnen. Luther vermeidet nur den Ausbruch eines Streites zwischen ihnen. Nachdem aber das letzte und das gegenwärtige Jahrhundert in dieser Kontroverse exzelliert haben, vermag man Luther darin nicht mehr ganz zu folgen, daß er die Sache des Gesetzes vor Gott in der Schwebe hält, ohne eine Entscheidung zu treffen, sondern man interpretiert das „du sollst“ durch ein „du darfst“. Das ist das Geheimwort, durch das der Kontrast zwischen dem fernen Westherren und dem sich uns schenkenden Gott aufgehoben wird. Der Gott, der „Du darfst“ spricht, läßt uns nicht darüber in Zweifel, was für ein Gott er ist, der Gott, der in Christo offenbart ist.

Die „anderen Götter“ sind auch Götter, die des Heidentums, die alle darin übereinstimmen, daß es einen Gott gibt, aber über die „Art“ Gottes nicht versuchen, Endgültiges auszusagen, und sie, die Götter, die „existieren“, ohne „etwas“ zu sein, gipfeln monotheistisch in Moira und Allah. Bis ins 17. Jahrhundert war die religionsgeschichtliche Frage unbekannt; religio (im Singular) war mit Christentum identisch. Im 17. Jahrhundert aber tauchte der Pluralsprachgebrauch des Wortes religio auf, und nach drei Jahrhunderten ist das Band, das religio und Christentum miteinander zusammenschloß, zerschnitten: Christus ist das Ende aller Religion! Und so wird auch der Dekalog nun ganz auf die Seite Christi treten; er gehört nicht zu den Religionen der Welt; soviel gemeinsame oder verwandte Züge zwischen ihm und den Gesetzen der Heiden aufgefunden sind, was bedeuten diese Parallelen gegenüber der einen großen Differenz, daß der biblische Dekalog von dem Vater Jesu Christi redet, von dem, in dem das Gesetz Erfüllung findet?

Unser Problem besteht darin, aus der Einheit und Einigkeit des lebendigen Gottes die Namen der toten Götzen zu eliminieren, mit deren Hilfe der Mensch dem lebendigen Gott zu entfliehen trachtet. Der Sieg Gottes über die Götzen ist der Sieg des Dekalogs der Schrift über die Gesetze der Völker. Jedes der Gebote trägt die [49] Marke des Siegers Gott. In jedem offenbart sich der Gott der Bibel aufs neue. Das biblische Gebot ist, verglichen mit dem entsprechenden Gebot der Völker, immer schon ein „neues“ Gebot. Es ist unablösbar mit dem Handeln Gottes in Seiner Geschichte verknüpft. Das Gebot dessen, der sich als Herrn, meinen Gott, kennzeichnet, ist eine Verordnung dessen, der sein Volk aus Ägyptenland befreit hat. Das ist eine ganz partikularistische Feststellung, kaum zu versöhnen mit dem universalen Namen Gottes, der da ist, was er ist, einem Gottesnamen ohne den kleinsten Anteil an Geschichte und doch geheimnisvoll mit diesem Namen vereint.

Also gehört das Gebot wirklich zur Geschichte. Die Trennung, die der Mensch zwischen der geschichtslosen Gesetzesform und dem Geschichtsablauf vollzieht, ist immer wieder dieselbe Zerreißung Gottes und seines Tuns, über deren Unerlaubtheit wir uns klar geworden sind. Die Linie „aus dem Tod ins Leben“ ist Geschichte in Lehrform. Unser Gesamtproblem mit dem Dekalog besteht somit darin, daß die vergötzte Einheit Gottes und seine vergötzte Vielfältigkeit entlarvt werden, in den Heidentümern selber, aber nicht nur daselbst, sondern immer auch im Christentum dort, wo die heidnischen Vergötzungen illegitim wiederkehren. Der, den wir Heiden nennen, und der in allen christlichen Kirchen weiterrumort, will sich mit Gott abfinden und von ihm loskaufen — sei es auf die unverbindlich abstrakte Art des Deisten, Unitariers und Rationalisten, der die bloße Existenz eines Gottes nicht verleugnet noch ableugnet, sei es auf die nicht weniger unverbindlich sentimentale Weise des „Frommen“, der besser als Gott selber zu wissen vorgibt, wo und wie Gott handelt.

Der Heide — wiederum sowohl außerhalb des Christentums als auch in ihm — zerreißt daher nicht nur Gott, sondern auch den Gott Anrufenden, den Menschen, den er auch in zwei Hälften zerlegt, den deistischen Menschen, der den großen Namen des „Philosophen“ trägt, und den sentimentalen, der zu klein ist, um einen Namen zu besitzen, den „kleinen Mann“. Noch heute sind die beiden die zwei halben, in die die Menschheit Gott [50] gegenüber zerfällt, hier die „Gottesleugner“ (die Philosophen), dort die „Frommen“ (die kleinen Leute). Und die „anwesenden“ Frommen vermögen die „abwesenden“ Philosophen nicht zu ersetzen; solange die Kirche nur die eine Hälfte der Menschheit hat, besitzt sie nicht den Menschen. Der vielgenannte Totalitätsanspruch Gottes erschöpft sich nicht am Individuum, sondern umspannt die Menschheit, die Gattung. Dostojewskis Wort: „Es ist niemand erlöst, ehe alle erlöst sind“ ist die legitime, radikale Folgerung daraus. Das Weberschiffchen der Gottesgeschichte läuft dauernd zwischen dem Einzelnen und Allen hin und her. Der Herr, der dein Gott sein will, nimmt deine Seele, Einzelner, so wichtig wie alle insgesamt und begnügt sich doch niemals mit dir allein. Dich will er ganz, und deshalb will er Alle.

Und so ergänzen wir das 1. Gebot, daß die Unteilbarkeit Gottes bezeugt, durch das zehnte, das die des Menschen etabliert. Denn die Sucht des Menschen — seine Begierde, sagt das 10. Gebot — ist das Zeichen für die Zerrissenheit und Gespaltenheit dessen, der sich selber bis zur Atomisierung aufgibt, darob die Gemeinschaft verliert und auch noch seine Zerrissenheit in anderes Leben hineinträgt. Wenn um der Sucht und Gier des Menschen willen dessen Zentrum von Gottangeredet wird, umfaßt Gottes Gebieten das Totale: die Menschen selbst, dessen Andere, der Anderen ihre. Dinge! Durch das 10. Gebot soll ebenso der ganze Mensch gehalten werden wie durch das erste der ganze Gott.

So fragen wir aus dem Geist des 1. und 10. Gebotes heraus: „Was ist der Mensch? Er ist das durch Gesetz aufgerichtete Fragezeichen! Ohne das Gesetz, das Gesetz Gottes, hat er weder Struktur noch Standort. Das Gesetz ist seine Basis und beherrscht seine Struktur“ (Vom Menschen, S. 77).

Im Kampf des Menschen gegen seine Atomisierung und seinen Nihilismus, •den er gegen das Herz aller Dinge, Gott und den Menschen selber, richtet, „kristallisiert sich der Werdegang des Menschen“ (Vom Menschen, S. 73), seine vielfältige Versuchbarkeit, wider die die Einzelgebote eingesetzt sind. Also wird sich im Gesetz die echte Summe [51] des Menschen offenbaren, indem Gott durch die Gebote die Aussprache mit dem Menschen eröffnet, von der das Haus des Lebens gebaut wird.

Das Gespräch verläuft gemäß der Ordnung, aus der sich das Wesen des Gesprächs ergibt; Sprechen und Hören sind geboten, die gott-menschlichen Tätigkeiten, und Sprechen und Hören wirken sich in ihren Kombinationsmöglichkeiten aus:

Zuerst kommt das Hören; wer keinen Götzen anhört, hört Gott, er — glaubt; das ist das erste Gebot.

Das zweite ist das Antworten; wer Gott anders antwortet als einem Götzen, hat keinen falschen Gottesdienst; das ist das andere Gebot.

Das Dritte ist das dein Hören geschenkte Ehren; der Glaubende hört nie auf, das an ihn ergangene Gotteswort anders als das Wort eines Götzen behandeln zu lassen; er ehrt den Gebrauch des Namens Gottes; das ist das dritte Gebot.

Der gläubig Antwortende darf nicht seine Antwort wie die einem Götzen gegebene zum Geplapper der Heiden werden lassen, sondern gibt die Gott gegebene Ehre auch der Sitte des Feiertags; das ist das vierte Gebot.

„Es ist also der sprechende Gott nicht ein toter Götze, der den sprechenden Gott hörende Mensch nicht ein Hörer der Lüge, der das vom sprechenden Gott gesprochene Wort ehrende Mensch nicht einer, der entheiligt, was heilig ist, der seine Antwort auf das gesprochene Gotteswort ehrende Mensch nicht der dem Tode verfallene“ (Vom Menschen, Seite 74).

Hören und Antworten setzen sich von Gottes Sprechen aus durch. Darum der Kampf zwischen Gott und Mensch um Hören und Antworten. Kirche steht immer in der Krise dieses Kampfes; die Gebote beider Gesetzestafeln bezeichnen die neuralgischen Punkte der Kirchlichkeit.

Alle Gebote zusammen und alle einzelnen stehen je an einem Kreuzwege, wo der Mensch, indem er mit Gott ringt, mit sich selber kämpft. Die Verletzung und Übertretung der Gebote enthüllt uns deren Natur und Inhalt vollständig. In jedem Gebote stehen sich die Ganzheit Gottes und die des Menschen total gegenüber. Der Welt-[52]krieg der Gebote, der Kampf zwischen Mensch und Gott, wird im Land der göttlichen Gebote ausgetragen. Im Raum des Gesetzes herrscht Feindschaft zwischen Gott und Mensch. Der Mensch übertritt die Gebote, verletzt jedes und tut nicht Gottes Willen. Unser Gewissen ist der uns in diesem Kampf Leitende und Befehlende. Das Gewissen ist ein unumschränkter Diktator und Tyrann. Es dient sogar auch dem Satan, der uns mit Hilfe des Gewissens verklagt; denn derselbe ist nicht nur der Versucher, sondern auch der Ankläger, und als solcher ein größerer Teufel denn als Verführer. Wir aber nehmen den Kampf des Menschen falsch, das ist moralistisch; wir benutzen ihn, um Richtgeist zu üben, meistens nur gegen andere, manchmal sogar gegen uns selber. Es geht uns jetzt aber darum, den Kampf um die Befolgung der Gebote so zu erfassen, daß nur Gott dabei der Richter ist.

Verstoß gegen die Offenbarung, die in den Geboten geschehen ist, macht es deutlich. Verstoß gegen die Offenbarung kann nur in zweierlei bestehen, in der Verkürzung und in der Erweiterung. Entweder wird die Offenbarung verkürzt oder erweitert; entweder etwas hinzugefügt oder etwas gestrichen. Es ist die von Moses selber wieder und wieder erwähnte Untreue gegen die Gebote, das Hinwegnehmen und das Hinzufügen. Den Geist des Hinzufügens vertritt die katholische Denkart, den des Hinwegnehmens die protestantische; beides ist gegen Gottes klaren Willen.

Das Gewissensverhältnis von gut und böse ist also das Grundverhältnis, das die Nichtheiden zu Geboten zeigen. Um die rechte Mitte zwischen Zuviel und Zuwenig und doch nicht nur um das rechte Maß geht es. Es ist also eine Wahrheitsfrage, daß man das Gebot gemäß dem Willen Gottes erkenne und nicht aus dem gottgegebenen nachträglich ein Menschengebot macht, durch falschen Übereifer oder falsche Milde. Davon handelt insonderheit das zweite Gebot nach der biblischen Zählung. Sind es die Katholiken, die so leicht zu Gottes Geboten etwas hinzufügen, haben sie darin keinen Respekt, so schwanken auch die Protestanten zwischen (puritanischem) Fanatismus und (liberalistischer) Erweichung. Und jedes Gebot [53] weist eine Inklination zu einer der beiden Konfessionen auf. Reizt das Gebot mehr zur Vergrößerung, so verführt es die Katholiken; reizt es mehr zur Reduzierung, so infiltriert es in die Reihen der Protestanten. Man darf diesen Satz sogar umkehren: Weil jedes einzelne Gebot entweder den Hang zum Wuchern oder zum Schrumpfen hat, so gibt es Katholiken oder Protestanten! (Siehe in „Vom Menschen“ S. 74 f. durchgeführt.)

Der Kampf der ersten Tafel wider das Widergöttliche und der der zweiten gegen das Widermenschliche füllt die Zeiten und Länder. Unsere Zeit hat es vorzüglich mit dem Widermenschlichen zu tun, mit der zweiten Tafel; um so mehr muß sie sich daran erinnert sein lassen, daß hinter der zweiten stets die erste Tafel steht. Heute ganz besonders. Daß das Widermenschliche aus Widergöttlichkeit geschieht bzw. daß das Widergöttliche widermenschliche Folgen hat, das ist die bevorzugte Erfahrung unseres Zeitalters. Darum steht heutzutage der ganze Dekalog zur Diskussion, mit Bevorzugung der zweiten Tafel.

In dieser kann man je drei Gebote zusammenbündeln, je nachdem das Verhältnis von Mensch zu Mensch das zweier Menschen untereinander oder das des Ichs zu sich selber ist.

Familie (5. Gebot in der Zählung der Bibel), Ehe (7. Gebot) und Ehre (9. Gebot) sind Dualgebote, während Mord, Unehrlichkeit und Unreinheit verboten sind um der Person des Menschen willen. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! Drei Nächsten- und drei Selbstgebote sind der Inhalt der zweiten Tafel.

Am Ende der zweiten Tafel steht der Mensch ganzheitlich vor dem Menschen, sich und dem anderen; am Ende der ersten Tafel ist er ein Ganzes vor seinem Gott.

Als Angriff auf den ganzheitlichen Charakter der Gebote und des Menschen geben sich jene einzelnen Übertretungen, die die katholischen und die protestantischen Versuchungen im Bereich der Offenbarung darstellen, so daß die Erfüllung der Gebote den ganzen Menschen vor dem ganzen Gott für den ganzen Menschen [54] stehen läßt. Die zehn Gebote sind der Werdegang des Menschen in nuce.

So wird der Mensch durch die an ihn gerichteten zehn Gebote in seiner Doppelstruktur als Bürger zweier Welten konstituiert, nach oben hin zu Gott, nach unten hin zu sich selber. Die „Orientierungen“ bilden sich. Mit den zehn Geboten bekommt der Mensch, als Individuum und als Gattung, sein Oben und sein Unten, sein Vorne und sein Hinten, sein Rechts und sein Links. Mit ihnen orientiert er sich selber in der Wirrnis des Daseins, er wird standörtlich bestimmt. Beim ersten Gebot findet sich nur die Dimension der Menschenstruktur nach oben und die nach unten, das letzte legt den vollendenden Strich an sein Porträt, indem seine Struktur durch die Dimension nach innen — das Begehren! — und die nach außen — die Gegenstände des Begehrens! — abgerundet wird. Die Gebote sind also im geheimen die Schöpfungsakte Gottes an der schon geschaffenen Kreatur, die gottmenschlichen Schöpfungshandlungen. Sie bereiten „Christus und uns“.

Die Alte Kirche, auch noch Augustin, glaubte nicht an einen irdischen Standort für uns; deshalb geben sie den Geboten gar keine deutliche Stellung. Die Mittelalterliche Kirche, als Schule und Haus der europäischen Nationen, macht aus den zehn Geboten den Untergrund, die Basis, die Struktur und den Standort des irdischen Menschenlebens. Mit dem 20. Jahrhundert, das den Übergang zum dritten Jahrtausend macht, werden die zehn Gebote in erhöhtem Maße notwendig, um die zerstörte Basis, das gebombte Heim, den zerschlagenen Untergrund und den geborstenen Standort zu erneuern. Das erste christliche Jahrtausend lebte ohne den Dekalog, das zweite machte aus ihm das Credo der Kindheit, das beginnende dritte erhebt ihn zum Bau, dem der Kirche und des Lebens. Die Alte Kirche reflektierte noch gar nicht auf den „Menschen in der Mitte“, das zweite Jahrtausend, ;Mittelalter und Reformation, gab dem Menschen diese Stellung, und das dritte erneuert alles „anthropozentrisch“; denn der Mensch ist nun nicht mehr Gottes Rivale im Miteinander, wo er endgültig die Mitte inne hat, es ist Gott in [55] ihm und er in Gott. Das „Für uns“, das schon in Luthers Katechismus so unterstrichene, wird das durchdringende Ferment der ganzen christlichen Erkenntnis und Lebensführung. „Ist Gott Mensch geworden, wie sollte denn der Mensch, so er Gottes Mensch ist, etwas anderes sein als — der Mensch?“ (Vom Menschen.)

Es ist also seit der Reformation etwas Urchristliches aufbewahrt geblieben, das mit zum neuentdeckten reinen und vollen Evangelium gehört, aber unverwertet blieb, bis es urplötzlich in unseren Tagen hervorgezogen wird. Letzteres geschah auf Veranlassung und durch die unfreiwillige Hilfe dessen, den wir den bösen Feind heißen. Im Bekenntniskampf ist die Zuspitzung des auszukämpfenden Gegensatzes über den Menschen erfolgt. Die Reinigung der Theologie von den Resten liberalen Humanismus und historischer Anthropologie war die erste Folge. Aber die zweite wurde eine von der Mitte des Glaubens aus erfolgte Wiederherstellung des Anthropologischen. Sie hat unsere biblische Darstellung der zehn Gebote gefärbt. Und so fassen wir unsere Wiedergabe der Gebote vor den Nichtheiden darin zusammen, daß wir die Treue des Menschen zu Gott, sein „die-Gebote-Halten“ als die vereinte Bemühung des Fremdlings und des Findlings verstanden haben. Nur in dieser äußersten Ecke menschlicher Existenz, in der der Fremde der Gefundene und der Findling der Nichtbeheimatete ist, nur da ist der Boden, auf dem Treue wächst. Verläßt man die Fremdlingschaft des Menschen, so wird Treue romantisch verschwärmt: Nibelungentreue! Verläßt man die Findlingschaft des Treuen, so wird Treue reaktionäre, sklavische Bindung.

Von vornherein ist in der Gesetzgebung des Moses das Element der Erneuerung enthalten. Es knüpft an an das erste Auftreten der Untreue (beim goldenen Kalb). Neue Tafeln ersetzen die alten; nicht der Inhalt der Tafeln ist neu, sondern die Tafeln selber sind neu. Die neuen Tafeln sind die des Herzens. Herzenssache wird, was als Gesetz geboten ist. Nur das Herz verbürgt Treue; denn es ist der Ort, wo Fremdlingschaft und Findlingschaft menschlich verschmelzen. Der Alte Bund, der die steinernen Tafeln empfing, erlebt die Stadien des Lebens-[56]weges von ihnen zu den fleischernen Stadien, über die neuen Tafeln des Deuteronomiums und die prophetische Ausrichtung des Gesetzes hin zur Verwirklichung, Aktualisierung, messianischer Erfüllung.

Das ist der Punkt, wo der Neue Bund sich anfügt. So werden die zehn Gebote zum Alten Gesetz, und Christus selber ist das Neue Gesetz: lex nova! Die Bergpredigt verkündet das Gesetz der Liebe als das der Erfüllung der Gebote.

Und die Welt, von der die zehn Gebote nicht übernommen waren, so daß Treue Untreue wurde, erklärt sich heute bereit, das Neue Gebot, die Bergpredigt, zu akzeptieren, auf daß Untreue zu Treue werde. Um so mehr erhebt sich die Frage von heute: Gibt es die neuen Tafeln ohne die alten? Gibt es Liebe ohne Gesetz? Gibt es Erfüllung ohne Gebot? Genau mit diesen Fragen stehen wir in der Predigt des 20. Jahrhunderts. Zur Botschaft der Agape — christlicher Liebe! — ist sie aufgerufen. Ihre Treue wird sich daran erweisen, daß sie Liebe nicht mehr als Gebot, sondern als Geschenk ausweist, aber das Gesetz nicht aufhebt. Die Liebe darf niemals ins Gesetz zurückfallen. Liebe ist nicht Pflicht. Das Zeitalter des kategorischen Imperativs ist völlig zu Ende. Dahin weist unser Zeiger! Darum: „Wenn von der ersten Tafel der totale Gott offenbar gemacht ist, so von der zweiten der totale Mensch. Aber, wenn Gott offenbart wird, dann ist alles Unpersönliche von seinem Wesen entfernt; wird der Mensch offenbart, dann wird das Unpersönliche dem Persönlichen einverleibt; denn Gott ist total Ich, der Mensch Ich und Es. Der totale Gott ist der Offenbarer seiner selbst und des Menschen in eins; der totale Mensch ist der den offenbaren Gott annehmende, der perfekte Mensch. Deshalb wagt das Gesetz in einem abschließenden Gebot den Rahmen der Gesetzlichkeit zu sprengen, um von dem menschlichen Herzen, seiner Innerlichkeit zu handeln, auf daß der Offenbarer und, der Empfänger der Offenbarung sich vermählen. Wenn das erste Gebot den Himmel auftut, ohne von der Erde zu reden, so läßt das zehnte das Irdische als ein Ganzes vom Himmlischen überwunden und erfüllt sein; [57] sein Mensch ist der vollkommene Mensch, vollkommen wie Gott selber als Vater im Himmel; die Gotteskindschaft des reinen Herzens schließt die beiden Tafeln des Gesetzes. Gottlosigkeit in den vier Geboten der ersten Tafel, Unmenschlichkeit in den sechsen der zweiten sind der Gegenstand der göttlichen Gesetzgebung. Sie beginnen im Glauben an den Einigen Gott, sie enden in der Liebe zum Ganzen des Nächsten; vom vollkommenen Gott zum vollkommenen Menschen geht der Weg des Gesetzes; es ist der Weg des Gottmenschen, Gott und Mensch zugleich, Christus Jesus.“ (Vom Menschen, S. 72.)

Quelle: Hans Ehrenberg u.a., Die Zehn Gebote vor den alten und den neuen Heiden, Schriftenmissions-Verlag, Gladbeck 1952, Seiten 41-57.

Hier Ehrenbergs Text als pdf.

Wer mehr über Ehrenbergs Texte wissen will, sei auf die Bibliographie verwiesen.

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