Hans Joachim Iwand, Predigtmeditation zu Matthäus 5,20-26 (1955): „Jesus sieht uns – die Kirchenmänner und Theologen – in unserer Frömmigkeit und Lehrgerechtigkeit, befleckt mit dem Blute dieser an ihrem Gewissen Verletz­ten. Wer so diesen Text liest, der kann wirklich nur noch erschrecken, denn ‚da ist keiner, der das Rechte täte, auch nicht einer‘ (Röm. 3,12). Wir leben miteinander, aber wir leben nicht wahrhaft miteinander. Der Mensch ist des Menschen größter Feind geworden. Darum reicht aus diesem innersten Bezirk der neuen Gottesge­rechtigkeit der Bogen hinein in die aktuelle Problematik. Wer Jesu Worte wirklich vernimmt, kann am ‚kalten‘ Kriege nicht mehr teilnehmen, sondern er muss teil­nehmen mit heißem Herzen und allem Tun, das dem Schutz des Lebens, der Frei­heit der Bildung und der offenen Türe zum Evangelium von Gottes freier Gnade dienlich ist.“

Predigtmeditation zu Matthäus 5,20-26 (1955)[1]

Von Hans Joachim Iwand

Hier haben wir wahrscheinlich das eigentliche Thema der ursprünglichen Bergpredigt.
Johannes Weiß zu Matth. 5,20

I.

Über unseren Text zu predigen, recht zu predigen, wer wird das heutzutage wagen, wer es können? Mitten in der wüstesten und verwirrtesten Diskussion über die Frage des Kriegsdienstes, einer womöglich zweiseitigen Aufrüstung, in einer Menschheitsepoche, in der die höchsten Ergebnisse der Wissenschaft von Politikern dem Ziele furchtbarster, totaler Lebenszerstörung dienstbar gemacht werden – und dies alles mitten in einer dem Namen nach christlichen oder zivilisierten oder hu­manistischen, jedenfalls sich kulturell für hochstehend haltenden Menschheit. Und dann solch ein Text und solch ein Thema! Welche Größe gewinnt unser Text mitten in dieser Umgebung, in dieser unter keinen Umständen zu umgehenden, mit keinen Ausflüchten zu vermeidenden aktuellen Problematik! Hier erst muß er sich ganz bewähren, in seiner Zeitnähe und seiner Zeitüberlegenheit. Denn Gottes Wort ist eindeutig, hilfreich und klar mitten in unseren Zweideutigkeiten, Phrasen und Un­klarheiten. In der Diskussion über unsere Frage, die auf der letzten Synode in Espelkamp so laut wurde, daß auch die sogenannte „Öffentlichkeit“ mithörte, hat man sich schließlich mit dem Gamalielischen Rate abgefunden, man solle Gottes­wort und Menschenwort in dieser Sache wohl unterscheiden. Wenn man uns nur gesagt hätte, was Gotteswort und was Menschenwort hierbei sind. Wenn man we­nigstens noch den Mut und den Glauben besessen hätte, den Carl Heinrich Rieger, ein Stiftsprediger zu Stuttgart, vor hundert Jahren noch besaß, als er zu unserer Stelle vermerkte: „Was Menschengebote waren, löste der Heiland ohne Beden­ken auf, handelte selbst dawider und gewöhnte seine Jünger daran, es als vergeb­liche Lehren beiseitezusetzen. Durch diesen bezeugten und gehaltenen Unterschied hat er ja freilich dem Gesetz und den Propheten einen göttlichen Ursprung und ein göttliches Ansehen beigelegt.“ Damit ist die Aktualität, um die es in unserem Text geht, um die es überall geht, wo Jesus das Gesetz auslegt, begriffen. Sie ist immer die unserer Aktualität vorgeordnete, sie will innerhalb dessen, was heute unter uns „aktuell“ ist, aktuell werden. Sie beansprucht den ersten Platz. Und sie will es werden, indem sie neu verkündigt, indem sie von den Predigern des Evangeliums in der Nachfolge Jesu neu gewagt wird. Rieger hat darin recht, daß er die Anti­these deutlich machte – indem Jesus seine Jünger dem neu verkündeten Gebot Gottes aussetzt, sie sozusagen unter seinen Blitzstrahl stellt, macht er diese frei von dem traditionellen, dem durch menschliche Interpretationen und Überlieferung faßbar und diesseitig gemachten Gottesgebot. Die Enthüllung des Gotteswillens im Gebot Jesu ist die einzige Möglichkeit, die Menschen aus ihren Menschensat­zungen herauszuholen. Die einzige!

Und hier dürfte denn auch die Entscheidung über die Anlage der Predigt fal­len. Die Predigt wird nicht anders aussehen als die Exegese und diese nicht anders als die darin schon intentional enthaltene Verkündigung. Adolf Schlatter etwa sagt: „Daß dieses Neue das Fundament nicht verlassen oder angreifen dürfte, hat Jesus mit V. 19 feierlich gesagt. Damit war aber nicht ausgeschlossen, daß auch er seine Jünger über den Dekalog hinausführen will“ (Der Evangelist Matth., S. 160). Nach Schlatter wird „auch den Pharisäern Gerechtigkeit zuerkannt“, es wird „anerkannt, daß das Verhalten des Pharisäers ernsthaft auf Gottes Gebot gegründet ist“. Schlatter will die Pharisäer durch unseren Spruch (V. 20) nicht „ver­dammt“ sehen und spricht hier sogar von einem „Aufstieg in der Gerechtigkeit“, der „vom Geringen zum Größeren führt“. „Dazu kann die Gerechtigkeit der Jün­ger nicht die der Pharisäer sein; denn sie haben Neues empfangen, und neue Gabe schafft neue Pflicht.“ Hier ist unser Spruch als Steigerung, ist die von Jesus gebotene Gerechtigkeit als stufenweiser Aufstieg verstanden. Der Dekalog betraf mit sei­nen Geboten „die Erhaltung der völkischen Gemeinschaft“. Er war die „erste Ab­grenzung gegen das Böse“. Jesus aber fragt nun, „was darüber hinaus ihr (der Frommen) Ziel sei“. Wenn man so unseren Text auslegt, wenn man Altes Testa­ment und Neues Testament als Stufen der zunehmenden Vollkommenheit der Offenbarung ansieht, dann freilich wird man unser Evangelium als Vertiefung der vorbereitenden Frömmigkeit auslegen, indem die Gesinnung, der Haß, das Wort, der Gedanke jetzt dem richtenden Urteil Gottes unterstellt werden. Aber der Sauerteig des Pharisäismus ist damit nicht „ausgefegt“ (1. Kor. 5,7 f. Die be­freiende, erlösende Antithese des „Ich aber sage euch“ kommt damit nicht zu­stande, wird vielmehr in ein komparatives Verhältnis, in einen „Aufstieg, der vom Geringeren zum Größeren führt“ (Schlatter) verwandelt. An einer solchen Predigt stirbt der Pharisäer nicht, und wo er nicht untergeht, kann der Jünger nicht aufer­stehen. Es kann dann nichts anderes als Belehrung bei einer solchen Predigt her­auskommen, Vertiefung, Gesinnungsethik und innere Verfeinerung im Verständnis der Übertretungen[2].

Aber der „Gerechte“ muß aus dem Wege geräumt werden, wenn Gott mit sei­nem Reiche zu uns kommen soll. Nur so kommt das „Ich aber sage euch“ Jesu zu seinem majestätischen Recht. Denn Gottes Gerechtigkeit ist Jesus, er selbst ganz allein. Jesus, als der Gekreuzigte und Auferstandene. Er ist das Subjekt der Ge­bote, ihr sie auslegendes und sie zu uns in Beziehung setzendes Subjekt. Er ist als der leidende und auferstandene Herr auch hier der Mittler, und eben dies ist das Mißverständnis der „besseren Gerechtigkeit“, daß wir meinen, zu ihr ein nicht durch Jesus vermitteltes Verhältnis besitzen zu können, ein „ungeschichtliches“, absolu­tes, und nicht ein durch dieses „Ich“ und Seine Geschichte – unsere Heils­geschichte! – vermitteltes. So bleibt dann alles im Bereiche des Ethischen, aber die Gerechtigkeit, um die es hier geht, greift höher (das heißt: peritteúein, überschie­ßen, im Überfluß vorhanden sein). Denn „Jesus versteht das Alte Testament bes­ser als es sich selbst versteht“ (J. Schniewind). „Es kann sich nicht um ein Mehr oder Weniger handeln, sondern um einen Artunterschied“ (L. Fendt). Nur daß man diesen Artunterschied noch radikaler fassen muß, als Fendt es tut. Es ist nicht so, daß die Pharisäer in ihrer Kasuistik quantitativ denken, also, wann man das Gebot noch erfüllt, wann man es nicht mehr erfüllt, sie denken dabei auch an die Gesinnung, fassen es auch qualitativ, indem sie an die „Wie-Beschaffenheit“ des Menschen dabei denken. Aber der Pharisäismus als ein klassischer Versuch, die Er­füllbarkeit der Gebote in einem „Orden“ (Μ. Weber), einer Art „Bruderschaft“[3] zu ermöglichen, muß den Gerechten als Typ, als from­mes Lebensideal zum Ziel haben. Das Ideal, nicht nur die Realisierung desselben, wird von Jesus gerichtet. Um dieses seines Ideals willen muß der Gerechte seine Gerechtigkeit gegen die Gerech­tigkeit Gottes, wenn und wo immer sic geschieht, geltend machen. So wird er – ge­rade als der Gerechte – zum Richter Gottes, wenn dieser vergibt. Wenn Jesus Tisch­gemeinschaft mit Zöllnern und Sündern hält, wenn er sich der Verlorenen und Ver­stoßenen annimmt. Der Pharisäer ist darum für Gott etwas Unerträgliches, weil er sich zwischen Gottes freie Gna­de und den Sünder stellt. Darum muß er aus dem Wege geräumt werden, damit Gottes Gerechtigkeit (= Gnade) zu ihrem Ziel kommt.

Das ergibt eine andere Art der Auslegung. Jetzt erst wird unser Text als „Tat­handlung“ Jesu, als Einheit von Wort und Tat, verständlich. Der hier richtet, ist mehr als Mose. Er ist Richter und Retter zugleich. Gott macht uns alle zu Schul­digen, um sich aller zu erbarmen. Zwar sind wir es schon je und je, aber erst durch sein Wort macht er uns zu dem, was wir sind. In seinem Anspruch an uns erkennen wir, was wir sind, erkennen, daß das Nein zum Bruder uns allen auf die Stirne gezeichnet ist und im Blute liegt. Jesus macht in seiner Auslegung das Gebot Gottes zum Spiegel, in dem wir begreifen, daß wir je und je schon von der Übertretung Ge­zeichnete sind. Er sagt nicht: „Das bist du! Das seid ihr!“ Sondern in der Redeform des „Wer – der“ läßt er den Namen aus, damit ihn jeder selbst für sich in der Heimlichkeit des Gewissens einsetzen kann. Es ist das Kennzeichen der drei Beispiele seiner Gesetzesausle­gung (21 ff.), daß er den Potentialis in einen Realis verwandelt: Wer haßt, der sieht sich gleichsam selbst, wie er auf dem Sprunge ist, zum Mörder zu werden-, wer ein Weib begehrt, der sieht sich in der Bewegung der Lust, um ein Zerstörer der Ehe zu werden. So zeigt uns Jesu Wort den Menschen in der Bewegung auf die böse Tat hin, zeigt ihn in seinem Leben! Nicht im Gewordensein sieht sich hier der Mensch, sondern in der furchtbaren An­fechtung des Hingeris­senwerdens, er sieht sich sozusagen auf dem Wege zur Tat, sieht sich als bereits durch sie gezeichnet, noch ehe sie geschieht! Er sieht sich dar­gestellt in der Liebe Gottes, sieht sich bedroht, gefährdet, angefochten vom Bösen, aber diese Liebe schafft ihm den freien Raum zur Umkehr, „solange du auf dem Wege bist“. Der von Gott geliebte Mensch – und Jesus ist diese uns begegnende Liebe Gottes zu den Menschen – wird sich darin offenbar in seinem Nicht-Sein, seinem Abfall, seiner Selbstentfremdung. Darin geht die Predigt Jesu weit, weit über alle moralisch gebundene Auslegung hinaus, ist sie wirklich Botschaft, Pre­digt. Form und Inhalt bedingen sich gegenseitig. Die hier zu vollziehende Wahr­heit kann nur verkündet werden, sozusagen steil von oben her, mitten hinein in das, was wir sind, tun, einander antun und dann auch noch gegeneinander recht­fertigen! Aus gerichteten, aus Sündern, Hassern, bildungs- und frömmigkeitsstol­zen Bruderfeinden baut Gott sein Reich! Darum ist er unser Gott, unser Richter und Versöhner zugleich. Als Hasser sind wir begnadet, als Verächter erleuchtet, als Feinde Gottes gerechtgesprochen. Das heißt Gerechtigkeit im höheren Sinn, Ge­rechtigkeit des Glaubens, die keine andere ist als die des Lebens, denn der Ge­rechte wird aus Glauben leben\ Und dies Leben wird wirklich das Neue, Anbruch und Zeichen des kommenden Gottesreiches sein.

II.

Haben wir so – man könnte diese neue Fassung mit vielen Zitaten aus Luther und seiner Auslegung belegen und sie als die evangelisch-reformatorische der mora­lisch-prinzipiellen gegenüber kennzeichnen – erst einmal in der obersten Spitze mit der Interpretation der „bes­seren Gerechtigkeit“ theologisch Stellung bezogen, so wird es nicht mehr so schwierig sein, die drei Beispielsituationen zum fünften Ge­bot dem einzufügen. Entscheidend ist, daß hier wirkliche Menschen sichtbar wer­den, das Menschenleben, wie es ist, daß wir mitten in unseren Denkschemen, seien es nun christliche oder humanistische, an unser faktisches Miteinander-Sein erin­nert werden, daß wir daran erinnert werden (im Gegensatz zu allen, auch den christlichen Ideologen), daß ich nicht von Natur aus so lebe, als ob ich des anderen Bruder wäre, sondern primär bin ich ein Hassender, einer, der sein Dasein durch­setzen, der sich auf Kosten anderer behaupten will, und daß ich in diesem meinem Verkehrt-Sein den darin verborgenen, den darin „vernichteten“ Bruder entdecke. Mit anderen Worten: Wo immer ich meinem Bruder begegne, ihm wirklich vor Gott, im Geist und in der Wahrheit begegne, da bin ich je schon sein Schuldner. Darum hat christliche Jüngerschaft, im Unter­schiede zu aller natürlichen Gemein­schaft, ihre Magna Charta in der Bitte: „Vergib mir meine Schuld!“ Sie ist darin ein Abglanz, eine Analogie zu dem Gnadenbund Gottes in Jesus Christus. Verge­bung und Glaube reparieren nicht unser natürliches Verhältnis zueinander, sondern sie konstituieren es erstmalig, und zwar alle Tage und zu allen Zeiten neu. Das ist aber das Unerhörte, daß wir im Hinhören auf dieses Gebot aus Feinden Freunde werden, Freunde werden müssen, daß es nicht nur darum geht, unsere Schuld und Sünde zu erkennen, sondern daß niemand mit diesem von Jesus selbst zu hörenden Gebot konfrontiert werden kann – in der besonderen Qualität der Vollmacht Gottes (vgl. Matth. 7,29) -, ohne damit und darin zum Täter zu werden. Es war eine der schlimmsten Verfehlungen in der Auslegung der Bergpredigt, daß man zwischen dem Erkennen und dem Tun einen Hiatus schuf, sozusagen einen frei bleibenden Raum für „eigene Entscheidung“. Zwischen dem Nein und dem Ja, der Sündenerkenntnis und dem Gehorsam zur Tat, mag psychologisch ein Raum sein, theologisch aber ist keiner, wenn anders es derselbe Geist Gottes ist, der tötet und lebendig macht! Indem der Pharisäer, der wir sind, vernimmt, daß dem Sünder, der wir zugleich sind, von Gott die Gnade des Tuns zugemutet wird, ist er als der „Selbstgerechte“ aufgehoben, ist er von sich selbst erlöst. Denn das eben ist ja sein Elend, daß er nicht zu glauben vermag, daß Gott den Sünder annimmt, um sein Gebot zu erfüllen.

III.

Aber man wird gut tun, auch die drei Stufen der Steigerung in der Predigt genau zu beachten. Der Haß bereitet den Mord vor. Haß bedeutet, daß ich mit einem bestimmten Menschen nicht mehr in einer Welt – in einer Stadt, in einem Dorf, in einer Kirche, in einer Familie usw. – Zusammenleben kann. Daß in meinem Da­sein es zur fixen Idee wird, daß er oder ich weichen müssen, daß, wenn er auch nicht physisch vernichtet wird, er doch wenigstens in seiner Ehre, in seiner Menschen­würde, in seiner gesellschaftlichen Stellung und was dieser Dinge mehr sind, so ruiniert werden muß, daß er vor sich und anderen nichts mehr gilt. Haß ist die Präsump­tion, daß der andere Mensch, Jesus sagt hier „Bruder“, faktisch nicht exi­stent ist. Haß verlegt das Entweder – Oder in den Innenraum des Lebens, dort gebe ich dem anderen keinen Zutritt, ich veräußerliche damit mein Verhältnis zu ihm, es wird gesellschaftlich, offiziell, „amtlich“, wobei dann auch umgekehrt die Gesellschaft, das öffentliche Dasein der Men­schen, so grausam unmenschlich, heuch­lerisch und leer wird, nur eine dünne Decke grundsätzlicher Gleichgültigkeit, ein harter Panzer äußerer Gewaltsamkeit, damit der Kampf aller gegen alle, dieser Dschungelzustand einer nur scheinbar zivilisierten Menschheit, nicht gänzlich zum Ruin des allgemeinen Lebens führt. Beispiele dafür sind heute leicht zu greifen. Man sollte aber nicht dabei nur an die private Sphäre denken, sondern Jesu Wort trifft genauso den Haß in seiner „kollektiven“ Form, in dem Gruppenhaß und der Gruppenabschließung.[4] Grausamstes Beispiel solchen Hasses ist das jahrzehntelang als Antisemitismus genährte Grundgefühl in unserem Volke (mit politischem Hin­tergründe!), bis es in Realität umgesetzt wurde: Für den Juden im deutschen Volke war schon längst kein Raum mehr da!

Die zweite Stufe neben dem Haß ist der Bildungsdünkel. Man muß hier daran erinnern, daß mit dem Pharisäismus jene Abgrenzung gegen das „ungebildete Volk“ verbunden war, welches das Gesetz nicht las und nicht lesen konnte. Aber dieser Bildungsdünkel reicht viel weiter. In Europa ist er ein Erbe der Renaissance und der von dieser aufgenommenen griechischen Auffassung von Bildung, die „aristo­kratisch“ war. Was aber bedeutet es, dem Bruder Mensch den Zugang zur Bildung zu verwehren? Jesus stellt solche Absonderung des anderen als „Narren“ und „Dummkopf“ der Schwere der Schuld nach noch über den Haß und weist den in dieser Sache Schuldigen als Kapitalverbrecher dem Synhedrium, dem „Reichsge­richt“ (Schniewind) zu. Gemordete Brüder! Ob man hier einmal wagen darf, zu fragen, wieweit das, was wir die Exklusivität der Bildung nennen und als diese weithin verteidigen, nicht in tiefer Schuld vor unseren Mitmenschen steht? Goethe konnte noch vom ganzen Volke gelesen und verstanden werden und er wollte das auch so. Auch die großen Musiker Bach, Beethoven, Brahms dachten darin nicht anders. Unter dem Einfluß von Schopenhauer und Nietzsche änderte sich das Bild. Vollends damit, daß Bibel und Gesangbuch aufhörten, zum allgemeinen Bildungs­stände zu gehören, mußte sich der Riß zwischen Oben und Unten in schrecklicher Weise weiten. Darum sollten sich die Jünger Jesu nicht auf der Seite der Bil­dungs­feinde finden lassen! Sie haben Schulen für das ganze Volk als erste eingeführt (Mönchtum, Luther, August Hermann Francke), der Pietismus hat seinerseits – als er noch rüstig war – Erstaunliches für die Volksbildung getan und den Kampf gegen die Unbildung auf der ganzen Linie, oftmals gegen die herrschenden Kreise, auf­genommen. Protestantismus und Jesuitismus haben in dieser Sache einen guten Stammbaum. Edle Bildung muß das ganze Volk umfassen. Auch die „Aufklärung“ sollte nicht en bloc geächtet werden, denn sic ging ja gegen Aberglauben und Un­mündigkeit des Menschen an. Hier sagt Jesus seinen Jüngern, wo sie bei solchen Auseinandersetzungen hingehören – und wohin nicht! Erzwungene Unbildung ist geistige Unfreiheit! Ist Mord in höherer Potenz. Man überlege sich nur einmal, was es heißt, Menschen als Analphabeten leben zu lassen. Hier ist der Mensch im Geist zu Tode getroffen. Daß sich daraus – wenn der Tag der Befreiung kommt – eine unerhörte Revolution ergeben mußte, wen will das wundern?

Die dritte und höchste Stufe der Übertretung des fünften Gebotes weist Jesus denen zu, die den Bruder – wobei man doch nicht nur an die Gemeinde oder den Volksgenossen, sondern an den Menschen schlechthin zu denken haben wird (gegen K. Bornhäuser und seine aus der „Bruderschaft“ gewonnene Deutung der Berg­predigt) – einen „Gottlosen“ nennen. Denn der „Narr“ ist eben der, der da sagt, es „ist kein Gott“ (Ps. 14,1). Der Begriff des Gottlosen erfährt hier, durch Jesu un­erhörte Auslegung, eine so im Alten Testament nicht vorhandene Dialek­tik. Das heißt aber: Absolute Gottlosigkeit, Gottlosigkeit, die als etwas Vorhandenes kon­sta­tierbar, irreparabel, letztgültig wäre, gibt es von Gott her gesehen nicht. Das Urteil „Du Gottloser“ ist kein vor Gott zu rechtfertigendes Urteil im Verhältnis von Mensch zu Mensch. Man versteht: Dazu ist ja Jesus Mensch geworden und „für alle“ in den Tod gegangen, damit diese tiefste und letzte Grenze zwischen Gott und Mensch aufgehoben, damit unser in letzter Instanz über den anderen Zu-Gericht-Sitzen hinfällig würde. Hier schon ist prinzipiell der Zaun zwischen Juden und Hei­den niedergelegt! Nicht erst in der Mission des Paulus. Aber Jesus tadelt diese Haltung der Frommen den anderen gegenüber nicht – etwa unter Zuhilfenahme moralischer Überlegungen, wie wir das gern tun – sondern er setzt sie dialektisch um, er wendet sie auf den zurück, von dem sie ausging, der „Fromme“ und der „Gottlose“ erscheinen auf einmal in ein und derselben Gestalt. Wer im anderen einen Gottlosen sieht, der ist es selbst. Der gehört nicht mehr vor ein menschliches, sondern vor das göttliche Gericht. Mögen die anderen Vergehen gegen das fünfte Gebot die Gemeinschaft und die Gesellschaft betreffen, dies Vergehen gehört vor Gottes Richterstuhl. Denn wie kann der noch an Gott und seine freie Gnade glau­ben, der vorgibt zu wissen, daß der andere Mensch, der Bruder, den er vor sich sieht, von ihr ausgeschlossen ist? Er setzt der Freiheit Gottes in seiner Menschengerechtigkeit, in seiner humanistischen oder christlichen Exklusivität selbst Schran­ken. Wer nicht mehr an die Möglichkeit der großen Wendung im Menschen selbst glaubt, wie kann der noch an Gottes Gnade, wie kann der noch an Jesus Christus als den Heiland der Sünder glauben?

Gewiß, wenn er Gott wäre, dieser „Gerechte“, er würde eben nicht mehr regnen lassen über Gute und Böse, nicht mehr seine Sonne über alle scheinen, nicht mehr sein Gnadenangebot an die ganze Welt ergehen lassen. Wie umfassend ist die Übertretung des Gebotes an diesem – obersten und schlimmsten – Punkte! Hier offenbart sich der Gerechte als einer, der selbst Gott spielen, selbst das Gericht in die Hand nehmen möchte, einer, der Richter spielt ohne Gnade und andere beur­teilt, wo er selbst auf Gnade angewiesen ist.

Wir wissen, warum Jesus hier (wo wir alle Getroffene sind!) so scharf wird. Denn um seinetwillen ist kein Mensch so ferne von Gott, daß er nicht je schon sein Sohn, sein Geretteter wäre. So entdeckt Jesus den Bruder, den von uns „erschlage­nen“ Bruder in unserem – notabene – bösen Herzen! Er hört seine Stimme, er ist sein Anwalt geworden, sein Verteidiger. Er entdeckt die Enge des menschlichen Herzens, das nur sich will und nur sich kennt und alle, die sich diesem Maßstab nicht fügen, als nicht existent ansieht! Er sieht den, der von uns als „Dummkopf“ abgewiesen ist, er sieht sie alle, denen die Güter und Schönheiten der Bildung und Kunst verwehrt sind, sieht sie als die von uns „gemordeten“ und „ausgestoßenen“ und zeigt uns unser Bild, das Bild der „Gebildeten“ mit diesem Flecken auf ihrem Geist. Und er sieht auch die als „gottlos“ Verfemten, die Menschen an den Zäu­nen und Gassen, die, die „von ferne stehen und ihre Augen nicht aufzuheben wa­gen“. Er sieht uns – die Kirchenmänner und Theologen – in unserer Frömmigkeit und Lehrgerechtigkeit, befleckt mit dem Blute dieser an ihrem Gewissen Verletz­ten. Wer so diesen Text liest, der kann wirklich nur noch erschrecken, denn „da ist keiner, der das Rechte täte, auch nicht einer“ (Röm. 3,12). Wir leben miteinander, aber wir leben nicht wahrhaft miteinander. Der Mensch ist des Menschen größter Feind geworden. Darum reicht aus diesem innersten Bezirk der neuen Gottesge­rechtigkeit der Bogen hinein in die aktuelle Problematik. Wer Jesu Worte wirklich vernimmt, kann am „kalten“ Kriege nicht mehr teilnehmen, sondern er muß teil­nehmen mit heißem Herzen und allem Tun, das dem Schutz des Lebens, der Frei­heit der Bildung und der offenen Türe zum Evangelium von Gottes freier Gnade dienlich ist.

Unser Text schließt mit einer praktischen Mahnung, die die Versöhnung mit dem Bruder vor das Opfer stellt. Deutlich soll also hier gesagt sein, daß Gott an einem bloß kultischen Dienst kein Gefallen hat, wenn nicht das Verhältnis von Mensch und Mensch unter uns, hier darf von der Jüngergemeinde die Rede sein, in Ord­nung ist. So war es früher – wo ist das jetzt noch so? – eine gute, biblisch begrün­dete Sitte, daß man vor dem Gang zum Abendmahl mit seinen Verwandten und Freunden die Dinge in Ordnung brachte, die sich zwischen uns gestellt hatten. Und daran zu erinnern, dürfte in der Predigt nicht unnütz sein. Darum auch das starke Verlangen, die Hindernisse der Abendmahlsgemeinschaft unter den christlichen Kirchen und auf unseren Synoden wegzuräumen, damit wir wirklich vor Gott und den Menschen mitein­ander versöhnt sind. Aber es gibt noch ein letztes, woran man erinnern kann. Martin Dibelius hat hier eine gute Deutung gegeben, die übrigens altkirchlich ist und schon von Luther verwendet wird. „Wer aber“, so sagt Dibe­lius (Jesus, S. 65), „wirklich spürt, was über die Welt hereinbricht, der ist sich auch klar, daß er unterwegs ist zum Gericht, und er wird handeln wie ein kluger Bauer, der auf diesem Wege seinen Widersacher vor Gericht trifft und schnell – während sie beide in die Stadt wandern – mit ihm einig wird; wenn sie erst beim Richter ankommen, dann ist es zu spät.“ Das aber führt an den Anfang zurück: Die Gegen­wart Jesu ist das „Noch-Nicht“, ist die Pause und der von Gott geschaffene freie Raum zur Umkehr. Von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen – das heißt die Weltenwende, die mit Jesus angebrochen ist, auch bei uns und heute aktuell wer­den lassen –, das aber erst ist Erfüllung des Willens Gottes, wie er uns in seinen Geboten begegnet.

Quelle: Hans Joachim Iwand, Predigtmeditationen, Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht 1963, S. 455-462.


[1] Vgl. in unseren Med. Jahrg. 4, S. 203 die den Text und die zeitgenössische Kasuistik gut herausstellende Med. von H. Braun. Ich selbst habe in „Herr tue meine Lippen auf“, Bd. 1., die Med. über unseren Text versucht (unter dem Aspekt: Predigt des Gesetzes!), und eine Predigt in Evgl. Theologie, 1950 Heft 4. Inzwischen ist die Literatur zu unserer Frage weiter angeschwollen. Ich erinnere aber in erster Linie — was die grundsätzliche Frage angeht — an Thurneysens: Die Bergpredigt Th. Ex. 46, wo der Versuch, die Bergpredigt christologisch zu interpretieren, in großartiger Geschlossenheit durchgeführt ist. Das ist aufgenommen in K. Barths Ausführungen zu unserer Stelle (K.D. II,2 771ff., III,4 471f.) im Zusammenhang mit dem „Schutz des Lebens“. Auch Bonhoeffers „Ethik“ mit der Betonung von Gottes Gebot als der konkreten Bede zum konkreten Menschen“ (S. 215) ist lehrreich, ebenso wie das über das „Recht auf das leibliche Leben“ (S. 102ff.) Gesagte. Die Friedensarbeit mit aller dahin- gehörigen Literatur wird sehr ernstgenommen weiden müssen, wobei zu beachten ist, daß es eben nicht um zeitlose Prinzipien, sondern um das konkrete Gebot Jesu geht. Aber auch an aktuellen Fragen dürfen wir nicht vorbeigehen. Statt vieler 5timmen gebe ich hier nur den Schluß der Rundfunkansprache, die Prof. G. Hahn über das Thema „Kobalt 60: Gefahr oder Segen für die Menschheit?“ gehalten hat. Abgedruckt Frankf. Allg. Zeitung, 19.2.55. Der Vortrag endet: „Einem vereinten Appell aller verantwortungsbewußten Wissenschaftler, denen die Gefahren der Anwendung eine; die Welt bedrohenden Kriegsmittel; bekannt find, sollte es doch gelingen, die Verantwortlichen der großen Politik aus beiden Zeiten de; eisernen Vorhang; an einen Verhandlungstisch zu bringen, heute ist der Krieg nicht mehr die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. In einem Bombenkrieg gibt es nicht mehr Sieger und Besiegte. Die großen Bomben zerstören in einem Augenblick die Stätten der Zivilisation. Die tödlichen Strahlen tun dann ihr Vernichtungswerk langsamer, aber umfassend. Zollten nicht die vielen Möglichkeiten für Frieden und Wohlstand der Völker den Sieg davontragen können, wenn die Menschen wirklich erfahren, um was es geht?“ Man wird von einer predigt über unseren Text verlangen müssen, daß sie wenigstens nicht unter oder hinter dem zurückbleibt, was der große Göttinger Gelehrte hier als möglich und notwendig herausgestellt hat. Man wird Ghandi und Tolstoi in ihrer ethischen Grundhaltung nicht einfach als „Schwärmer“ abtun können und sehen müssen, daß eine neue Weltlage eine neue Konkretisierung unseres Gebotes erfordert. Gegenüber dem Versuch, das 5. Gebot kasuistisch zu vereinfachen, erinnere ich an K. Holl; grundsätzliche Erwägungen zum „Neubau der Sittlichkeit“, S. 161ff., und auch an den Vortrag des jungen K. Barth „Die Gerechtigkeit Gottes“ in: „Das WG und die Theol.“ Von Predigten habe ich eingesehen Luther 10,3 242ff. und 52,404ff. (Hauspostille). Löhe, Evgl. Postille (Sommer) S. 39ff. Löhe hilft sich mit der Unterscheidung von Glaubensgerechtigkeit und der „wahren Lebensgerechtigkeit“, als ob das zwei Dinge wären.

[2] Vgl. in den Schmalkaldischen Artikeln: „Hieraus mußte folgen, daß sie allein die wirklichen Sunden (peccata actualia) bußeten als bose bewilligte Gedanken, bose Wort, bose Werk, die der freie Wille hätte wohl kunnen lassen.“ Unsere wirkliche Verlorenheit liegt in dem, was wir sind, nicht in dem, was wir tun, denken usw.

[3] H. Braun teilt mir eben zu unserem Text mit: „Nicht nur der Pharisäismus, sondern sogar die ihn verschärfende Qumran-Essener-Sekte steht gegen entscheidende Zentren der Jesusverkündigung.“ Typisch ist für die ganze Ausrichtung der Sektencharakter. Vgl. Max Weber, Ges. Aufs, zur Religionssoziologie III, Nachtrag: Der Pha­risäismus: „Das für das Judentum Ent­scheidende an der Bruderschaftsbewegung war: nicht nur von den Hellenen, sondern auch und gerade von den nicht heilig lebenden Juden sonderten sie sich ab. Es entstand der Gegensatz des pharisäischen Heiligen gegenüber dem ’am ha-arez’.“

[4] Zu diesem Thema vgl. den Vortrag Wilhelm Furtwänglers „Der Künstler und sein Publikum“, eine hervorra­gende Studie unseres öffentlichen Kunstlebens.

Hier der Text als pdf.

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