Dietrich Bonhoeffer über den Stierkampf (Barcelona 1928): „Ich hatte schon vorher mal eine Corrida gesehen und kann eigentlich nicht sagen, dass ich von der Sache so abgeschreckt wäre, wie viele Leute meinen, es ihrer mitteleuropäischen Zivilisation schuldig sein zu müssen. Es ist doch eine große Sache wilde ungehemmte Kraft und blinde Wut gegen disziplinierte Courage, Geistesgegenwart und Geschicklichkeit ankämpfen und unterliegen zu sehen. Das Moment der Grausamkeit spielt doch nur eine geringe Rolle, zumal im vergangenen Stierkampf zum ersten Mal die Pferde Bauchschutz hatten, sodass die entsetzlichen Bilder aus meiner ersten Corrida fehlten.“

Über den Stierkampf (Barcelona 1928)

Von Dietrich Bonhoeffer

Klaus kam am Karsonnabend früh. Ostersonntag vormittag hatte ich zu predigen, am Nachmittag hat uns ein deutscher Lehrer in die große Ostercorrida geschleift. Ich hatte schon vorher mal eine gesehen und kann eigentlich nicht sagen, daß ich von der Sache so abgeschreckt wäre, wie viele Leute meinen, es ihrer mitteleuropäischen Zivilisation schuldig sein zu müssen. Es ist doch eine große Sache wilde ungehemmte Kraft und blinde Wut gegen disziplinierte Courage, Geistesgegenwart und Geschicklichkeit ankämpfen und unterliegen zu sehen. Das Moment der Grausamkeit spielt doch nur eine geringe Rolle, zumal im vergangenen Stierkampf zum ersten Mal die Pferde Bauchschutz hatten, sodaß die entsetzlichen Bilder aus meiner ersten Corrida fehlten. Interessant ist doch, daß es einen langen Kampf gekostet hat, ehe man durchsetzte, den Pferden diesen Bauchschutz zu geben. Es ist eben wohl doch die Mehrzahl der Zuschauer, die einfach Blut und Grausamkeit sehen will. In dem Ganzen tobt sich ein gewaltiges Stück Leidenschaft bei den Leuten aus, in die man selbst mit hineingezogen wird. Ich denke, es ist kein Zufall, daß im Lande des düstersten und schroffsten Katholizismus grade der Stierkampf unausrottbar festsitzt. Hier ist der Rest uneingeschränkten, leidenschaftlichen Lebens und vielleicht ist es der Stierkampf, der, grade indem er die ganze Seele des Volkes in Aufwallung, ja zum Toben bringt, eine im übrigen Leben relativ hochstehende Sittlichkeit ermöglicht, weil die Leidenschaft mit dem Stierkampf abgetötet wird, – sodaß die sonntägliche Corrida das notwendige Pendant zur sonntäglichen Messe wäre.

Aus einem Brief an die Eltern vom 11. April 1928.

Quelle: Dietrich Bonhoeffer, Barcelona, Berlin, Amerika 1928-1931 (DBW 10), S. 48.

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