Von Karl Barth
Die Gemeinde Jesu Christi ist für die Welt da, will sagen: für alle, für jeden Menschen, für den Menschen aller Zeiten und Räume, der im Ganzen der irdischen Kreatur die Stätte, den Gegenstand und das Mittel, aber auch die Grenze seines Lebens und Wirkens hat. Menschliche Kreatur und also Welt ist auch die Gemeinde Jesu Christi selbst. So ist sie, indem sie für die Menschen, die Welt da ist, gewiß auch für sich selbst da. Sie ist aber die menschliche Kreatur, die in ihrem Wesen dazu bestimmt ist, für die übrige, von ihr verschiedene menschliche Kreatur zu sein … Sie errettet und erhält ihr eigenes Leben, indem sie es für die übrige menschliche Kreatur einsetzt und hingibt.
Eben damit und so ist sie für Gott da: für den Schöpfer und Herrn der Welt, für die Vollstreckung seiner Absicht und seines Willens mit und an der ganzen menschlichen Kreatur. Zuerst und vor allem ist ja Er, Gott, für die Welt da. Und indem die Gemeinde Jesu Christi zuerst und vor allem für Gott da ist, bleibt ihr gar nichts anderes übrig, als in ihrer Weise und an ihrem Ort ihrerseits für die Welt da zu sein, wie könnte und würde sie sonst für Gott da sein? Das Zentrum, um das sie sich „exzentrisch“ bewegt, ist also nicht einfach die Welt als solche, wohl aber die Welt, für die Gott ist. Weil eben Gott nicht in abstracto, nicht beziehungslos, sondern als Gott für die Welt ist, der er ist! Die Gemeinde Jesu Christi ist die menschliche Kreatur, deren Dasein gerade als ihr Dasein für Gott den Sinn und Zweck hat, um Gottes willen, im Dienst und in der Nachfolge seines Daseins Dasein für die Welt, für die Menschen zu sein.
Quelle: Gemeindeblatt der Evangelischen Gemeinde zu Beirut, 12. Jahrgang, Nr. 5, Mai 1966 (Pfingsten), S. 1.