Gerhard Friedrich über Hans Joachim Iwand (1969): „Iwand war ein Mann des Ostens. Er liebte die Menschen wie das Land des Ostens. Das heißt aber nicht, dass er sich einer östlichen Ideologie verschrieben hatte. Einige Wochen vor seinem Tode be­kannte er, er sei Preuße und denke in vielen Stücken ganz ähnlich wie Schoeps, er sei weder Sozialist noch Kommunist, sondern Kapitalist. Seine Herkunft aus Preußen und sein Preußentum lassen es verstehen, dass er im Grunde genommen ein konservativer Mann war, der die Ver­bindung mit dem Osten nicht aufgeben wollte und konnte und der aus seinem preußischen Konservatismus heraus revolutionär gegen das westliche Abendland und gegen den Amerikanismus wurde.“

Hans Joachim Iwand (11. Juli 1899-2. Mai 1960)

Von Gerhard Friedrich

Am 2. Mai 1970 jährt sich zum zehnten Mal der Todestag von Hans Joachim Iwand. Allen, die mit ihm Kontakt hatten, steht er als theolo­gischer Lehrer, hingebungsvoller Prediger und kirchenpolitischer Eiferer so lebendig vor Augen, als ob er noch mitten unter uns weilte.

Ein Bild von seiner Persönlichkeit als Mensch und Theologe zu ent­werfen, ist nicht ganz leicht, weil er in die üblichen theologischen Schulen und Schemata nicht hineinpaßt. Der Sache, der er sich hin­gegeben hatte – der Theologie, der Lehre von der Rechtfertigung des Sünders, der Herrschaft Jesu Christi in dieser Welt – war er so ver­pflichtet, daß er alles andere, Konfession und Höflichkeit, vergessen konnte aus Liebe und Hingabe für den, dem er mit ganzem Herzen und allem Vermögen dienen wollte. Er selbst charakterisiert einmal den Christen in der Welt mit folgenden Worten: „Die von Gott Er­wählten sind Menschen, die können nicht nur, sie müssen gegen den Strom schwimmen, sie müssen jetzt lieben, was geliebt zu werden in Ewigkeit sich lohnt, und müssen hassen, was ewig hassenswert ist. Darum sind sie der Welt ein Ärgernis. Aber gerade als Ärgernis sind sie das dieser Welt nötige, wenn auch ihr unbewußt nötige Salz, ohne welches sie verfault. Das ist die seltsame Dialektik der christlichen Exi­stenz, daß sie mitten in dieser Welt gelebt sein soll und doch in ihrer Substanz nicht aus dem Kosmos stammt noch stammen darf.“ Iwands Urteil über Ereignisse wie auch über Menschen konnte oft recht scharf, ja manchmal verletzend sein. Bisweilen hätte man ihn wegen Verbal­injurien belangen können; denn wenn er etwas als falsch erkannt hatte, so scheute er vor keinem und vor nichts zurück. Und doch war er ein Mensch voll großer Liebe und Güte, so daß man ihm, wenn man ihn kannte, nicht lange böse sein durfte, Sein Zorn wurde durch ein starkes Engagement und eine überaus große Liebe und Hingabe an die Sache verursacht. Nach außen erschien er vielen überheblich, selbstbewußt, anmaßend; dabei war er ein Mensch, der um die rechte Erkenntnis und den rechten Weg rang und sich auch nicht scheute, dieses Vertrau­ten einzugestehen.

I

Der Lebenslauf von Hans Joachim iwand ist bald erzählt. Aber wie­viel theologische Entscheidungen und kirchengeschichtliche Ereig­nisse in den hinter uns liegenden vierzig Jahren sind mit dem Namen Iwand verbunden. Sein Weg von Schlesien über Ostpreußen nach Westfalen-Rheinland führte über manche Höhen und durch große Tiefen. Immer war sein Blick darauf gerichtet, daß Jesus Christus auf Erden gehört und sein Wille verwirklicht wird.

Iwand wurde am 11. Juli 1899 als Sohn des Pfarrers von Schreibendorf in Schlesien geboren. Nach seinem Abitur 1917 in Görlitz konnte er trotz des Krieges in Breslau mit dem Studium der Theologie be­ginnen, wurde dann aber doch wie die andern seines Jahrganges als Soldat eingezogen. Nach dem Zusammenbruch stellte er sich freiwillig für kurze Zeit einem Frei­corps zur Verfügung, um seine schlesische Heimat zu schützen, kehrte aber bald wieder in die Hörsäle der Uni­versität zurück. In Breslau schloß er sich eng an den damals dort als Privatdozent wirkenden Rudolf Hermann an, der sich 1919 von Göt­tingen nach Breslau umhabilitiert hatte. Noch nachts um 12 Uhr ist Iwand mit seinen studentischen Freunden dem unverheirateten Privat­dozenten auf die Bude gerückt, um mit ihm bis morgens 3 Uhr Pro­bleme zu erörtern, die die jungen Leute beschäftigten. Als Iwand für einige Semester nach Halle ging, riß die Verbindung nicht ab. Wie der 316 Seiten umfassende VI. Band der nachgelassenen Werke Iwands „Briefe an Rudolf Hermann“ zeigt, ist Iwand mit dem 13 Jahre älteren theologischen Lehrer der Studienzeit stets in Kontakt geblieben, wenn die Ansichten über manche Fragen im Laufe der Zeit, besonders nach 1933, auch stark voneinander abwichen und Hermann vielem, was Iwand für des Einsatzes der ganzen Person wert hielt, nicht nur kühl, sondern oft sogar abweisend gegenüberstand. 1942 macht Iwand ihm den Vorwurf: „In jener besonderen schweren Zeit des Kampfes war es mir besonders bitter, daß unsere Gegner uns teilweise gerade mit den Argumenten bekämpften, die sie u.a. auch Ihren Äußerungen ent­nahmen.“ Der Brief an Hermann schließt mit dem für die Theologie und für den kirchenpolitischen Einsatz Iwands charakteristischen Satz: „Ich hoffe, daß jetzt, aus Leid und Tränen, das kommen könnte, was wir seinerzeit aus eigener Machtvollkommenheit nicht halten konnten.“

Nachdem Iwand 1922 sein erstes Examen abgelegt und im Predi­gerseminar in Wittenberg gewesen war, berief ihn 1923 der ostpreu­ßische Generalsuperintendent Gennrich zum Studieninspektor des Theologen-Konvikts „Lutherheim“ in Königsberg. Niemand ahnte damals, was dieser Schritt für die theologische Prägung der ostpreu­ßischen Pfarrerschaft und für die kirchenpolitische Entwicklung der ostpreußischen Kirche bedeuten würde. Iwand verstand es, durch seine scharfsinnigen Vorlesungen und unzählige Gespräche eine ganze theo­logische Generation zu gestalten, so daß dieses Konvikt, wie der Prä­sident der Evangelischen Kirche der Union D. Franz Hildebrandt, selbst ein alter Lutherheimer, einmal gesagt hat, zum Mittelpunkt der kirch­lichen Erneuerung in Ostpreußen wurde.

1924 promovierte Iwand mit der Arbeit „Über die methodische Verwendung von Antinomien in der Religionsphilosophie, dargestellt an Karl Heims Glaubensgewißheit.“ Diese Arbeit und auch die ganze Diskussion in den Briefen mit Rudolf Hermann zeigen, daß zunächst noch nicht Luther im Mittelpunkt seines Denkens und Forschens stand, sondern die Problematik der Religionsphilosophie und Metho­denfragen.

Dann aber wandte sich Iwand ganz dem Lutherstudium und den Zentralfragen der Theologie zu. Davon zeugt seine Habilitationsschrift von 1927 über „Rechtfertigung und Christusglau­be“, die 1930 als Buch erschien.

1929 kamen Julius Schniewind, 1930 Martin Noth und schließlich noch 1934 Günter Bornkamm als vierter im Bunde nach Königsberg. Besonders mit Schniewind verband Iwand eine tiefe, geistige Gemein­schaft, die sich in gegenseitigem Geben und Nehmen äußerte. Selten findet man eine solche brüderliche Verbundenheit natürlicher Art unter Hochschullehrern, wie es bei diesen sehr verschieden veranlagten und stark ausgeprägten Persönlichkeiten gewesen ist. Iwand besuchte Kollegs von Schniewind und saß mit den Studenten zusammen in den Vorlesungsräumen, und Schniewind erkannte neidlos die scharfsinnige Argumentationsweise Iwands in Diskussionen an. An jedem Mittwoch kamen diese beiden Männer zusammen, um gemeinsam das Neue Testament zu studieren; denn nach Iwands Meinung, wie er sie in einem Brief an Rudolf Hermann 1929 vertritt, wird „jede Dogmatik, die nicht in der Form der Exegese getrieben wird, philosophisch“.

Als die Deutschen Christen die Kirche zu erobern suchten, war Iwand theologisch, geistig und auch öffentlich proklamatorisch der Mittelpunkt des Widerstands. Darum ist es kein Wunder, daß er am stärksten angegriffen wurde. Man entzog ihm die Leitung des Lutherheims und des Gustav-Adolf-Heims und suchte ihm die venia legendi zu nehmen. Zunächst gelang dies den Deutschen Christen nicht; denn Gauleiter Erich Koch, der aus dem Elberfelder CVJM kam und zu­nächst der Kirche gegenüber sehr aufgeschlossen war, setzte Iwand wieder ein, so daß die äußere Existenz gesichert war. Die Spannungen zwischen Iwand und dem DC-Bischof Kessel blieben nicht nur bestehen, sondern verschärften sich. Als man den Kandidaten des Predigersemi­nars in Ostpreußen schriftliche Erklärungen abverlangte, sprang Iwand stellvertretend für seine ehemaligen Studenten ein und schrieb an den Bischof: „Man möge mir denselben Revers vorlegen, den man den Kandidaten von Neuhof vorgelegt hat, damit ich auf diesen unevangelischen Revers ebenfalls mit Nein antworten könnte. Auch sehe ich darin geradezu meine Pflicht, meine Studenten so zu erziehen, daß sie sich nicht durch Geld oder anderen Druck in ihrer alleinigen Bindung an die Verkündigung des Evangeliums irre machen lassen.“ Um die Heime zu erhalten und den dort wohnenden Studenten keine Schwierig­keiten zu bereiten, stellte Iwand seine Stelle als Studieninspektor frei­willig zur Verfügung und ging nach Riga, wo er eine Dozentur für das Neue Testament verwalten sollte. Zwei Tage, bevor die Möbelwagen abgehen sollten, erhielt er ein Ausreiseverbot; gleichzeitig wurde ihm das Verbleiben im Lutherheim unmöglich gemacht; dann aber befahl ihm wiederum der damalige Reichserziehungsminister Rust, dem Ruf nach Riga zu folgen. Um das Lutherheim als Zentrale des Widerstandes nach dem Weggang von Iwand zu vernichten, beantragte der DC-Bischof Kessel mit nicht stichhaltigen Gründen ein Konkursverfahren gegen den Verein Lutherheim. Die Intrigen und Verleumdungen, die damit verbunden waren, haben Iwand so sehr zugesetzt, daß er – wie er schreibt – „vor ganz unchristlicher Wut und Rache kaputt war und am liebsten diesen Leuten eine Ehrenforderung überreicht hätte … Was sind das für Bestien, die glauben, weil sie Theologen sind, darum kön­nen sie Dinge begehen, vor denen die Ethne zurückschrecken würden.“

Sein Bleiben in Riga war nicht von langer Dauer. Im Frühjahr 1934 nahm man ihm die venia legendi. Als Iwand als Ausgestoßener vor dem Nichts stand, schrieb er: „In der Not, in der wir zur Zeit sind, ist das Beste, geradeauszugehen und weder zu bereuen, daß wir die Fleisch­töpfe Ägyptens verlassen haben, noch sich ängsten, weil die Rosse des Zwingherrn hinter uns schnauben. Gott wird seine Kirche wunderbar führen, und wir müssen doch sehr froh sein, daß wir eine so große Zeit erleben. Jetzt kann man wieder Theologe sein, einfach aus der Sache heraus.“

Da die Leitung der ostpreußischen Bekennenden Kirche es nicht verantworten konnte, Kandidaten, die sich ihr unterstellt hatten und von ihr geprüft worden waren, in das offizielle Predigerseminar zu schicken, entschloß man sich, eine eigene Ausbildungsstätte zu errich­ten, und Iwand wurde der Leiter dieses Predigerseminars der Beken­nenden Kirche, das in dem Gutshof in Blöstau untergebracht war. Iwand zur Seite standen als Inspektoren G. Friedrich, jetzt Professor für Neues Testament, W. Hahn, jetzt Kultusminister von Baden-Würt­temberg, und zuletzt H. Maser, jetzt Oberkirchenrat in München. Die Fragen der Praktischen Theologie zu durchdenken und zu lehren, war für Iwand neu. Da aber seine ganze Theologie mit der Exegese eng verbunden und seine systematische Arbeit auf die Kirche ausgerichtet war, bereitete ihm die neue Aufgabe Freude.

Ein offizieller Kontakt mit der Fakultät in Königsberg bestand nicht mehr, wohl aber hatte Iwand noch weiter enge Verbindung mit den Studenten, die einst seine Schüler waren. Diese Theologen veranstal­teten Freizeiten – damals sprach man von Wissenschaftslagern -, zu denen man nicht die Professoren der Fakultät, sondern Iwand, den inzwischen aus Königsberg versetzten Schniewind und andere einlud. Ein solches Wissenschaftslager der Theologischen Fachschaft in Gum­binnen 1937 nahm die geheime Staatspolizei zum Anlaß, Iwand aus Ostpreußen zu vertreiben. Bei einem Bericht über die kirchenpolitische Lage passierte Iwand der Lapsus linguae, daß er von „3 Jahren im 4. Reich“ sprach – er meinte natürlich „4 Jahre im 3. Reich“. Ein Spitzel hatte dies gemeldet, und auf Grund dieses Versprechens wurde Iwand der Vorwurf gemacht, er habe staatsfeindliche, umstürzlerische Ansprachen gehalten. Die Folge war, daß Iwand Reichsredeverbot erhielt und aus Ostpreußen ausgewiesen wurde. Die Kandidaten des Predigerseminars ließen Iwand nicht im Stich, sondern folgten ihm nach, zuerst nach Paradies bei Jordan, dann nach Dortmund. Aber auch dort gab es keine Ruhe und kein ungestörtes Arbeiten. Am Samstagmorgen vor dem 3. Advent 1937 wurde das gesamte Prediger­seminar von der Gestapo abgeholt und in das Gefängnis gesteckt, mit Ausnahme von Inspektor Maser, der zufällig nicht anwesend war, als die Polizei alle Insassen des Seminars verhaftete. Am Adventssonntag erklang aus einer Zelle der Kanon: „Ubi sunt gaudia“ und der Gesang setzte sich fort von Zelle zu Zelle, so daß das ganze Gefängnis erfüllt war, und auch Iwand, der nicht besonders musikalisch war, stimmte in den Chor der Sänger mit ein. Am Heiligen Abend wurde das Pre­digerseminar ganz überraschend aus dem Gefängnis entlassen; man fuhr zum Fest nach Hause und traf sich im Januar wieder, um die Arbeit fortzusetzen. Da griff die geheime Staatspolizei erneut ein; sämtliche Kandidaten wurden ausgewiesen, so daß Iwand wieder ohne Aufgabe vor dem Nichts stand.

Da die zweite Pfarrstelle von St. Marien in Dortmund freigeworden war, bewarb sich Iwand um sic, und das Presbyterium der Gemeinde, das für die Besetzung zuständig war, wählte Iwand zum Pfarrer, ob­wohl man es darauf aufmerksam gemacht hatte, welchen Gefahren sich die Presbyter aussetzten, wenn sie sich in dieser Situation einen solchen Mann zum Pfarrer holten. Das Presbyterium ließ sich nicht entmutigen und einschüchtern, sondern entschied sich einstimmig für Iwand. Die Antwort der geheimen Staatspolizei war eine erneute Verhaftung von Iwand, die von November 1938 bis März 1939 dauerte. Während des Krieges und während der Bombenangriffe hat Iwand als Pfarrer von St. Marien gewirkt. Neben der üblichen Gemeindearbeit hat er einen Kreis von Gebildeten um sich gesammelt, mit denen er Luthers Römer­briefkommentar las.

Als der Krieg beendet war und die Fakultäten neu besetzt werden mußten, nahm Iwand 1945 den Ruf auf den Lehrstuhl für systematische Theologie in Göttingen an. So sehr ihm die praktische Verkündigung des Evangeliums am Herzen lag und er sich mit dem Problem der Prak­tischen Theologie beschäftigt hatte, so fühlte er doch seine spezielle Aufgabe in dem Durchdenken der systematischen Fragen. 1952 folgte er einem Ruf nach Bonn, wo ihm noch einige glückliche Jahre beschieden waren, wenn er auch nach dem Tode seiner Frau sehr unter Ein­samkeit litt. Am 24. April 1960 erlitt er einen Schlaganfall, an dessen Folgen er am 2. Mai verstorben ist.

II

Iwand zählt man meist zu den dialektischen Theologen, und beson­ders in der Zeit vor 1933 sah man ihn in engster Verbindung mit Gogarten. Das ist aber nur zum Teil richtig. Gogarten als Lutherinterpret vertrat manches, was auch Iwand bei Luther sah, aber Iwand grenzt sich von Gogarten ab und polemisiert gegen den bei Gogarten und Bultmann viel gebrauchten Begriff der Entscheidung, der ihm „in den Tod zuwider“ ist. Die Dialektiker – so schreibt er 1928 – trifft die Nemesis, „daß aus lauter Reden von Entscheidung ihre Reden so unentschieden sind. Sie machen den ganz merkwürdigen Fehler, daß sie selbst nicht tun, was sie von anderen getan wissen wollen. Denn sonst würden sie entschieden reden … Mich ärgert es, daß der Weizen mit soviel Unkraut gesät wird; denn leider ist in diesem Fall das Unkraut immer im Vorteil.“ Als Iwand 1929 zum erstenmal Gogarten persönlich begegnet, ist er menschlich von ihm angetan, da er „reizend, klug, interessant und sehr gebildet“ ist, theologisch aber ist er von ihm ent­täuscht: „Sehr viel zu lernen habe ich bei seinen Ausführungen kaum gefunden.“ „Ich habe schließlich eingesehen, daß man sich nicht darum ärgern darf, daß hier als neueste Weisheit verkündet wird, was wir schon als Studenten lernten.“

Dieselbe zurückhaltende Art nimmt Iwand sehr lange Karl Barth gegenüber ein. Als Barths „Christliche Dogmatik im Entwurf“ erschien, die nach Barths Römerbrief auf viele Theologen einen nachhaltigen Eindruck gemacht hat, urteilt Iwand zustimmend und kritisch zu­gleich, sie sei „etwas breit und in der Zitatenverwendung etwas ober­flächlich – wie mir scheint — aber beim längeren Lesen sehr angenehm und ernst. Ein scharfer Denker ist er nun eben einmal nicht, dafür aber doch ein sehr leidenschaftlicher“. Wie wenig sich Iwand als dialekti­scher Theologe fühlte, zeigt die Bemerkung aus dem Jahre 1929 an Rudolf Hermann, „daß die dialektische Polemik bald im Sande ver­laufen werde“.

Erst nach 1933 ändert sich die Haltung Iwands zu Karl Barth. Er sieht, daß man ein gemeinsames Ziel hat, und er bejaht die vorbildliche Haltung, die Barth den Deutschen Christen gegenüber einnahm. 1934 entschließt sich Iwand, der Bitte um Mitarbeit an der „Evangelischen Theologie“ Folge zu leisten, und er veröffentlicht dort seinen bekannten Aufsatz über „Die Predigt des Gesetzes“. Charakteristisch für Iwands Haltung zur dialektischen Theologie in dieser Zeit ist seine Besprechung von Barths „Prolegomena zur kirchlichen Dogmatik I“ unter dem Titel „Jenseits von Gesetz und Evangelium“, die 1935 erschien. Es ist auf der einen Seite ein freudig zustimmendes Ja zu diesem hilfreichen, not­wendigen Buch, das der Kirchenkampf den Lesern nahegebracht habe. Barth gelinge es, von der Lehre des Wortes Gottes her das Wesen der Häresie als etwas in der Kirche Vorkommendes greifbar zu machen. „An der Geschlossenheit und Konzentration, die die 2. Auflage der Prolegomena kennzeichnet, kündigt sich bereits der Aufmarsch eines Gegners an, dem gegenüber Barth scheinbar nichts anderes tun konnte, als den Eingang in die Dogmatik so geschlossen zu halten, wie die Offenbarung in sich geschlossen ist.“ Die „Kirchliche Dogmatik“ ist zu einer festen Burg geworden, „in die die Kirche zu ihrer Rettung flieht“, aus der „Vorstöße kommen, die nicht nur dem Feind halt geboten, sondern auch manchen, der in Gefangenschaft geraten war, befreiten und wieder heimholten“. Was Barth biete, sei mehr als eine subjektive Theorie, es handele sich nicht um Äußerungen, die aus einer bestimmten theologischen Schulrichtung kämen, „sondern Barth unterstellt sich selbst mit allem, was er sagt und lehn, von vornherein dem Sein der Kirche, man könnte sagen, er entwirft keinen Grundriß zu einem Neubau der Kirche, sondern er studiert den Grundriß der ecclesia in perpetuum mansura and sucht durch die Erforschung dieses Fundamentes den Maßstab für die christliche Rede, das Dogma frei­zulegen“. Auch das, was Barth über Wort Gottes und Kirche sagt, findet uneingeschränkte Anerkennung bei Iwand. Nicht die Kirche verfüge über das Wort Gottes. Dieses sei keine ihr inhärierende Potenz, sondern „Kirche wird von außerhalb ihrer selbst getragen und gehalten, bewegt und regiert“.

Trotz der starken Zustimmung zu der Dogmatik von Barth als Kompaß und Ziel für die theologische Existenz in der kirchenpolitischen Situation des Angefochtenseins des Glaubens durch innerkirchliche Häresie hält Iwand nicht zurück mit starker Kritik an der Grundkon­zeption von Barths Verständnis vom Wort Gottes, die die Frage der Christologie und der rechten Verkündigung berührt. Hier zeigt sich der alte Unterschied zwischen lutherischer und reformierter Anschau­ung. Barth betont den Gegensatz von Menschenwort und Gotteswort, Iwand geht von der Unterscheidung zwischen Gesetz und Evangelium aus. Da Gesetz wie Evangelium in gleicher Weise Gottes Wort sind, versucht Barth hinter diesen Gegensatz auf das beiden Gemeinsame zurückzugehen und von da aus „jenseits von Gesetz und Evangelium“ das Wesen des Wortes Gottes zu entfalten. Iwand dagegen betont im Gegensatz zu Barth gerade in der Menschwerdung des Wortes Gottes das gnadenhafte Handeln Gottes. „Wenn Christus Mensch wird, dann heißt das mehr, als daß Gottes Wort welthaft ist.“ Iwand stellt die Bedeutung der Christologie bei der Scheidung von Menschenwort und Gotteswort heraus. „Das Wort Gottes an sich ist das fressende Feuer“, ist der Tod, dagegen hat das menschgewordene Wort ret­tende Kraft, ist Leben.“ „Die Bedeutung dessen, was Gottes Wort heißt, wird also allein von Christus her gewonnen.“ Darum geht es bei dem Inhalt und der Ausrichtung der Verkündigung nicht um die Unterschei­dung zwischen Menschenwort und Gotteswort, sondern um die von Gesetz und Evangelium.

Als Barths berühmter Vortrag über „Evangelium und Gesetz“ erschien, konnte sich Iwand mit dieser Unterscheidung nicht einver­standen erklären. Barth mache sich die Sache zu leicht, wenn er die beiden Größen miteinander vertausche und statt von „Gesetz und Evangelium“ von „Evangelium und Gesetz“ rede. Auch 1936 äußert Iwand Bedenken gegen Barth, die theologisch-politischer Art sind. So schreibt er an Rudolf Bultmann: „Ich muß sagen, daß ich da mit den neuesten Schritten von Barth einfach nicht mitkann. Wir bilden hier keine Fronde gegen den Staat.“ Erst nach dem Krieg schloß sich Iwand sehr eng an Karl Barth an, was eine kleine Entfremdung mit Schniewind zur Folge hatte.

Daß Iwand, der vielen als typischer dialektischer Theologe erschien und der auch tatsächlich vieles mit Gogarten und Barth gemeinsam hatte, sich doch nicht als Dialektiker ansah, hat seinen Grund eindeu­tig in seiner theologischen Herkunft. Die Theologen, die Iwand neben Rudolf Hermann als Studenten geprägt haben, waren Martin Kähler und Carl Stange, die auch die Lehrmeister von Rudolf Hermann ge­wesen waren. Ihnen verdankte Iwand Entscheidendes in seinem theo­logischen Denken. Von Gogarten sagt Iwand selbst, daß seine Aus­führungen den Gedanken Hermanns und den von Stange vertretenen Thesen ähneln, und Analoges könn­te man von dem Verhältnis von Karl Barth zu Martin Kähler sagen. Soweit ich sehe, sind die Berüh­rungen zwischen Kähler und Barth noch nicht untersucht. Barth selbst scheint eine gewisse Aversion gegen Kähler zu haben, weil dieser ihm pietistisch erscheint. Jedenfalls beruft sich Barth kaum auf Kähler, an­scheinend kennt er ihn auch nicht. Das schließt aber nicht aus, daß Kähler vieles vorweg gesagt hat, was in anderer Form dann bei Barth erscheint, so daß sich Iwand nicht genötigt sah, auf Barth einzugehen, wenn etwas in ähnlicher Weise schon andere vorher geschrieben hatten, mit denen er sich theologisch verbunden fühlte. 1929 findet sich bei Iwand der bezeichnende Satz: „Die Dialektiker lernen ja erst jetzt langsam begreifen, daß sie nicht so neu in der Theologie sind wie in ihren liberalen Kreisen.“

III

Iwand konnte Dogmatik nur im Bereich der Kirche unter ständiger Bezogenheit auf die Exegese der Schrift betreiben. Da er beides in hervorragender Weise bei Luther fand, sah er in der Darstellung und Vergegenwärtigung der Theologie Luthers seine Hauptaufgabe. Die großen Themen, die ihn bewegten, waren „Gesetz und Evangelium“, „Glaubensgerechtigkeit“, die „Christologie“ und der „unfreie Wille“. Iwand kannte seinen Luther, besonders den jungen Luther. Er war mit ihm so vertraut, daß er ohne Mühe in der Diskussion längere Zitate aus Luther lateinisch vortragen konnte. In den letzten Semestern seines Studierens hatte er Luthers Römerbrief entdeckt. Was er bei Luther fand, wurde ihm zu einer Offenbarung wahrer Theologie und rechten Christseins. Als er auf Aussagen von der Stellvertretung Christi stieß, jubelte er auf: “Es muß jedem zur Erlösung werden. An solchen Stellen könnte man wirklich aufspringen und vor Freude wer weiß was tun.“ Mit Iwand Luthers Römerbrief oder die Heidelberger Dispu­tation zu lesen, war für jeden ein großer Gewinn.

Trotz großen Fleißes, einer immensen Belesenheit und starker Intelli­genz ist abgesehen von der Habilitationsschrift zu Lebzeiten Iwands kein größeres Werk von ihm erschienen. Man könnte vielleicht die Er­läuterungen zu Luthers De servo arbitrio in der Münchener Lutherausgabe 1939 und die kleine Schrift „Glaubensgerechtigkeit nach Luthers Lehre“, Theologische Existenz heute, Heft 75 (1941) nennen. Seine Promotion über Heim ist verschollen. Woher kommt trotz großer Begabung diese literarische Unergiebigkeit? Soweit ich sehe, hat es zwei Gründe. Einmal war es, wie auch bei Schniewind, die große Gewissenhaftigkeit, die ihn hinderte, etwas aus den Händen zu geben, was nicht bis zum letzten durchdacht und ausgeformt war. Sein unbe­stechlicher Wahrheitssinn gab sich mit vordergründigen Lösungen nicht zufrieden. Immer wieder faßte er die Probleme neu an, immer wieder versuchte er das Erkannte in anderer Form zu verdeutlichen. Das zeigen verschiedene Entwürfe zu demselben Thema, die er hinter­lassen hat und die den Herausgebern seiner Werke so große Mühe bereiten. Er hatte geradezu eine Scheu, etwas schnell auf dem theo­logischen Markt feilzubieten.

Dazu kommt ein zweites. Iwand sah während der Königsberger Tätigkeit genauso wie Schniewind seine Hauptaufgabe nicht im Bücher­schreiben, sondern im Lehren. Seine Zeit war ausgefüllt mit Diskus­sionen und Vorbereitung auf das Kolleg. Nach den gemeinsamen Mahl­zeiten im Lutherheim und nach den Übungen stand er oft 2—3 Stunden seinen Studenten zur freien Aussprache zur Verfügung. Iwand in der Vorlesung zu verstehen, war in den ersten Jahren seiner Dozenten­tätigkeit nicht leicht. Sein in die Tiefe bohrendes Denken spiegelte sich in seiner Diktion wieder, so daß viele seinen Gedankengängen nicht folgen konnten. Selbst der Ordinarius für Systematische Theo­logie in Königsberg, dem Iwand seine Arbeit über Heim eingereicht hatte, machte ihm den Vorwurf, die Ausführungen seien schwer ver­ständlich.

Ganz anders war es in der freien Diskussion. Iwand ging auf die Fragen ein und entwickelte seine Theologie. Man merkte, wie ihm die Gedanken zuströmten und er Formulierungen fand, die klar sagten, was er meinte. Was Iwand durch Aussprachen mit seinen Studenten an eigener Arbeit versäumt hatte, suchte er durch Nachtarbeit nach­zuholen, so daß man sich manchmal fragte, wann er überhaupt schlafe; denn am nächsten Morgen war er trotz langer Nachtarbeit pünkt­lich um 7 Uhr wieder zur Stelle und las vor dem gemeinsamen Früh­stück einen Abschnitt aus Augustin, Luther oder Kierkegaard als Mor­genandacht. Obwohl von Iwand eine theologisch stark prägende Kraft ausging, verabscheute er Schüler, die nur nachredeten, was er ihnen vorgesagt hatte. Als ein Student in einer Übung über Luthers Theologie einige Sätze aus einem Aufsatz von Iwand zitierte, der eben erschienen war, in der Meinung, nun das Richtige getroffen zu haben, wies ihn Iwand mit scharfen Worten zurück: Wenn man es so sage, sei es typisch obwohl ein Sohn von ihm nach Amerika ging und dort Dozent an einer Hochschule wurde. Mit einem gewissen seherischen Blick befürchtete er schon während des Krieges, daß Deutschland nach dem militärischen und politischen Zusammenbruch amerikanisiert würde, und darin sah er für die Deutschen ein kulturelles Verhängnis. Sein Blick war nicht nach dem Westen, sondern nach dem Osten gerichtet. Aus dieser seiner Einstellung und Überzeugung hat er nie ein Hehl gemacht.

Iwand war ein Mann des Ostens. Er liebte die Menschen wie das Land des Ostens. Das heißt aber nicht, daß er sich einer östlichen Ideologie verschrieben hatte. Einige Wochen vor seinem Tode be­kannte er, er sei Preuße und denke in vielen Stücken ganz ähnlich wie Schoeps, er sei weder Sozialist noch Kommunist, sondern Kapitalist. Seine Herkunft aus Preußen und sein Preußentum lassen es verstehen, daß er im Grunde genommen ein konservativer Mann war, der die Ver­bindung mit dem Osten nicht aufgeben wollte und konnte und der aus seinem preußischen Konservatismus heraus revolutionär gegen das westliche Abendland und gegen den Amerikanismus wurde.

Bereits als Privatdozent in Königsberg ging der Blick von Iwand über die Grenzen des Landes hinaus. Er fühlte eine Verantwortung für die evangelischen Brüder in Polen und im Baltikum. Er hätte es ge­wünscht, daß die Theologische Fakultät der Universität Königsberg „biblisch-lutherisch“ geprägt wäre und eine starke Ausstrahlungskraft für den ganzen Osten erhielte. Nach vielen Bemühungen gelang es ihm, neben dem Lutherheim das Gustav-Adolf-Heim zu schaffen, das für die Theologiestudenten aus Polen und dem Baltikum offen stand. Aus dieser Einstellung zum Osten ist es auch verständlich, daß Iwand den Ruf nach Riga annahm und das Wagnis auf sich nahm, Königsberg zu verlassen. Als Iwand aus Ostpreußen ausgewiesen wurde, schrieb er an Rudolf Hermann: „Daß ich aus dem Osten, aus Vaterland und Freundschaft weg mußte, war und ist mir das Schwerste von allem, was mich aus dem ganzen Zeitgeschehen persönlich betroffen hat.“

Nach dem Kriege wurde er der Vater der vertriebenen Ostpreußen. Er kümmerte sich nicht nur um seine Freunde aus den Reihen der Be­kennenden Kirche, sondern er war bereit zu verzeihen und zu vergessen. Seinen Bemühungen gelang es, das Gut Beienrode in der Nähe von Helmstedt zu erwerben und dieses als Mittelpunkt der versprengten ostpreußischen Kirche auszugestalten. Dort wurden die Witwen der gefallenen Pfarrer aufgenommen und ein Heim für die Alten eingerich­tet. Dort wurden weiterführende Schulen für die Söhne und Töchter der geflüchteten Bauern geschaffen. Dort wurden Freizeiten für Ost­preußen abgehalten und Hilfsaktionen für die Brüder und Schwestern im Osten organisiert. Beienrode wurde für Iwand, den Mann des Ostens, zu einer neuen Heimat. Im Park von Beienrode sind er und seine Frau begraben.

Wie schon vor 1933, so beschränkte sich auch nach dem Kriege Iwands Fürsorge nicht nur auf die Betreuung der Ostpreußen. Gerade als Mann des Ostens schmerzte es ihn, daß Deutsche im Osten so viel Wunden geschlagen und so viel verwüstet hatten. Auch nach dem Kriege gab es im Osten Christen. Das waren die Motive, die Iwand nach Prag, in das Baltikum und nach Moskau trieben. Nicht irgendwelche gesellschaftspolitischen Ideologien zogen ihn dorthin, sondern die Liebe zu den christlichen Brüdern. Sie zu besuchen, sie um Verzeihung zu bitten, sie zu stärken und von ihnen gestärkt zu werden, war sein Anliegen. Darum versuchte er, Theologen des Ostens zur Mitarbeit an den Meditationen zu gewinnen und die Meditationen nach dem Osten zu schicken. Der politische Riß, der durch Europa geht, sollte nicht auch ein kirchlicher sein. Er wollte eine Brücke zum Osten sein und nahm alle Belastungen auf sich, die mit einer solchen Aufgabe verbunden sind. „Legen wir die bitteren und falschen Vorstellungen nieder, die sich immer noch bei unserer Anschauung dem Osten gegen­über einstellen … und schlagen wir in die Hand, die sich, von dem reformatorischen Evangelium Luthers, von Hussens und Calvins Wir­ken herkommend, von dort uns entgegenstreckt. Denken wir daran, daß dort nicht nur das Evangelium von Jesus Christus lebt, sondern dadurch auch, freilich hindurchgegangen durch schwere Leiden und Erschütterungen in den wechselvollen Ereignissen des Krieges, eine in ihrem Glauben und Bekennen gefestigte und gesammelte Kirche, die Kirche Jesu Christi im Osten lebt.“ Diese Worte und nichts anderes enthalten das Bekenntnis Iwands zum Osten.

Geschrieben aus Anlass des 10. Todestages für den Pfarramtskalender 1970, hrsg. v. Verband der Evangelischen Pfarrervereine in Deutschland, 1969, S. 8-18.

Quelle: Gerhard Friedrich, Auf das Wort kommt es an. Gesammelte Aufsätze. Zum 70. Geburtstag herausgegeben von Johannes H. Friedrich, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1978, S. 492-505.

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