Hugh Lawrence Bond über Jonathan Edwards (1703-1758): „Die stärk­ste und dauerhafteste Wirkung jedoch erreichte Edwards durch seine anderweitigen Tätig­keiten. Seine machtvolle Predigt, sein Aufruf zur Erweckung und seine eindrucksvolle Beto­nung der persönlichen religiösen Erfahrung verschafften der Bewegung des Great Awa­kening Eingang in Neuengland und trugen dazu bei, dass Erweckung und religiöser Indivi­dualismus zu bleibenden Zügen amerikanischer Christlichkeit wurden.“

Jonathan Edwards (1703-1758)

Von Hugh Lawrence Bond

1. Leben

J. Edwards, Theologe, Philosoph, Erweckungsprediger und Religionspsychologe, wurde am 5. Oktober 1703 in East Windsor, Conn., geboren und starb am 22. März 1758 in Princeton, N. J. Als Student und Tutor am Yale College, wo er 1720 zum Bache­lor und 1723 zum Master graduiert wurde, geriet er unter den Einfluß der Erkenntnistheorie Lockes. In derselben Zeit erlebte er eine Bekehrung, die ihn zu der Überzeu­gung brachte, daß der Prüfstein religiöser Wahrheit ein „Sinn des Herzens“ (sense of the heart) sei. Edwards wurde kongregationalistischer Pfarrer in Northampton, Massachusetts, und wirkte durch seine machtvolle Predigt als ein Wegbereiter der Erweckungsbewegung in den amerikanischen Kolonien, die unter dem Namen Great Awakening (1734-44) bekannt geworden ist.

In Ablehnung des sog. Half-Way Covenant seines Großvaters und Vorgängers in Northampton Solomon Stoddard (1643-1729) trat er für eine strikt calvinistisch verstandene Kirchenzucht ein. Ed­wards’ Widerspruch gegen den „halben Bund“ mit Gott wandte sich gegen eine Frömmigkeitsform, die an die Stelle der von den Pilgervätern vorausgesetzten persönlich erlebten Heilsgewißheit eine „zucht­volle sittliche und religiös-kirchliche Lebensführung konventioneller Art ohne eigene tiefere religiöse Erfahrung“ setzte (Beyreuther 10). Edwards erregte mit seiner radikalen Forderung, daß nur aufgrund einer persönlichen Bekehrung eine volle Kirchenmitgliedschaft möglich sei, erhebliche Unruhen in seiner Gemeinde und wurde 1750 nach einer längeren Auseinandersetzung seiner Pfarrstelle enthoben. Er diente darauf sechs Jahre als Pfarrer, Schulmeister und Indianermissionar in dem Außenposten Stock­bridge, Mass., wo er einige seiner wichtigsten Abhandlungen schrieb. 1757 wurde er zum Präsidenten des College von New Jersey (heute Princeton University) gewählt, starb aber bereits wenige Monate später.

2. Werk

Edwards’ Werk gliedert sich in drei Hauptabschnitte: (1) eine spekulative Jugendphase, in der u. a. sein Essay On Mind entstand; (2) die theologische Entwicklung seiner großen Predigten bis zur Entlassung in Northampton; (3) die Reifung seines theologischen Denkens in Stock­bridge mit der Abfassung systematisch-theologischer Arbeiten.

Breitere Aufmerksamkeit fanden zunächst seine Predigten, in denen er sich als energischer Gegner des Arminianismus und unbeugsamer Parteigänger des orthodoxen Calvinismus zeigt. Ab 1735 engagierte er sich in der Bewegung des Great Awakening, die er in mehreren aus seiner Predigttätigkeit hervorgegangenen Schriften verteidigte.

A Faithful Narrative of the Surprising Works of God (1737) beschreibt das Erweckungsphäno­men als ein Zeichen, nicht aber ein Mittel zur Erlangung der Gnade Gottes. A Treatise Concer­ning Religious Affections (1746) analysiert die Unterschiede zwischen bloßen Gefühlsregungen und dem, was Edwards „gnädige oder heilige Gefühle“ (gracious, holy affections) nannte, unter denen die Liebe zu Gott um Gottes willen das höchste ist. Als Kriterien und empiri­sche Beweise echter Bekehrung arbeitete er zwölf positive Anzeichen heraus, darunter moralische wie intellektuelle Erleuchtung und eine sichtbare, dauernde geistgewirkte Frömmigkeit. Edwards’ Untersu­chung wird allgemein als der bedeutendste frühe amerikanische Beitrag zur Religionspsychologie angesehen.

Seine letzten Werke aus der Stockbridger Zeit behandeln verschiedene dogmatische und philosophische Fragen. Das wichtigste von ihnen ist die Abhandlung Freedom of the Will (1754), die auf der Grundlage einer eindringenden logischen und sprachlichen Analyse die arminianische Vorstellung der Willensfreiheit angreift und die ausführlichste Verteidigung der calvinistischen Prädestinationslehre aus Edwards’ Feder darstellt.

Er dehnt darin das newtonianische Kausalitätsprinzip auf den Willen aus, der durch moralische Ursachen bewegt werde. Jede Willensentscheidung ist durch den stärksten Beweggrund de­terminiert und unterliegt einer Notwendigkeit. Obwohl von Natur mit Wahlfreiheit ausgestattet, ist der Mensch aufgrund seiner absoluten Verderbtheit zur Wahl des Guten unfähig. Er ist frei, aber nur frei zu sündigen und trotz seiner moralischen Verantwortung außerstande, sich selbst durch seine eigene Entscheidung oder Handlung zu erlösen.

On the Nature of True Virtue und Concerning the End for Which God Created the World (beide posthum veröffentlicht) sind die spekulativsten und originellsten seiner Spät­schriften. In ihnen behandelt Edwards die, wie er sagt, unausschöpflichen Themen der Schönheit wahrer Heiligkeit und der Größe von Gottes Schöpfertum.

3. Wirkung

Edwards gilt als der letzte der großen Calvinisten Neuenglands. Er verwarf die Bundes- oder Föderaltheologie, die in kongregationalistischen Kreisen zunehmend Verbreitung gefunden hatte. Edwards’ Theologie förderte einen „missionarisch-eschatologisch bestimm­ten Aktivismus“ in Amerika (Beyreuther), der Evangelisation und Heidenmission als Zei­chen des nahenden Millenniums deutete. Edwards war der bedeutendste Prediger und Theologe der amerikanischen Kolonialzeit und der Begründer der neuengli­schen theologischen Schule.

Die Edwardianische Theologie blieb, wenn auch mit erheblichen Modifizierungen, in Yale und an­deren konservativ-kongregationalistischen Hochschulen bis in das späte 19. Jh. beherrschend. Zu ihren herausragenden Vertretern gehören sein zweiter Sohn Jonathan Edwards Jr. (1745-1801), sein Enkel Timothy Dwight (1752-1827), Samuel Hopkins (1721-1803) und Nathanael Taylor (1786-1858).

Seine philosophische Theologie, zusammen mit seinen Bemühungen, newtonianische Kosmologie und Lockesche Erkenntnistheorie mit orthodoxer calvinistischer Theologie zu verbinden, übte eine Zeitlang großen Einfluß auf das amerikanische Denken aus. Die stärk­ste und dauerhafteste Wirkung jedoch erreichte Edwards durch seine anderweitigen Tätig­keiten. Seine machtvolle Predigt, sein Aufruf zur Erweckung und seine eindrucksvolle Beto­nung der persönlichen religiösen Erfahrung verschafften der Bewegung des Great Awa­kening Eingang in Neuengland und trugen dazu bei, daß Erweckung und religiöser Indivi­dualismus zu bleibenden Zügen amerikanischer Christlichkeit wurden.

Werke

Bibliographie: Thomas Herbert Johnson, The Printed Writings of Jonathan Edwards 1703-1758, Princeton, N. J. 1940.

The Works of President Edwards, new ed. by Edward Williams/Edward Parsons, with Memoirs of the Life, Experience and Character of Jonathan Edwards, by Samuel Hopkins, 10 Bde., London/Edin- burgh 1817-1847. — The Works of President Edwards, 8 Bde., ed. by Sereno B. Dwight, New York 1829/30. — The Works of Jonathan Edwards, bisher 4 Bde., ed. by Perry Miller/John E. Smith, New Haven, Conn. 1957ff.

Literatur

Alfred Owen Aldridge, Jonathan Edwards, New York 1964. — BBKL 1, 1463 f (Lit.). — Erich Beyreuther, Die Erweckungsbewegung: KIG 4.R., 1963, 9-11. — James Carse, Jonathan Edwards and the Visibility of God, New York 1967. — Douglas J. Elwood, The Philosophical Theology of Jonathan Ed­wards, New York 1960 (Lit.). — Edwin Scott Gaustad, The Great Awakening in New England, New York 1957 (160-168: Quellenverz.). — Joseph Haroutunian, Piety Versus Moralism, New York 1932. — G. Hoffmann, Seinsharmonie u. Heilsgesch. bei J. Edwards, Diss. Theol. Göttingen 1956. — Clyde A. Holbrook, The Ethics of Jonathan Edwards, Ann Arbor, Mich. 1973. — Perry Miller, Jonathan Ed­wards, New York 1949. — Ders., Jonathan Edwards on the Sense of the Heart: HThR 41 (1948) 123-145. — Thomas Anton Schafer, Jonathan Edwards and Justification by Faith: ChH 20 (1951) 55-67. — William Warren Sweet, Der Weg des Glaubens in den USA, Hamburg 1950. — Harry G. Townsend, The Philosophy of Jonathan Edwards from His Private Notebooks, Eugen, Or. 1955. — Ola Elizabeth Winslow, Jonathan Edwards, New York 1940. — Ernst Wolf, Art. Edwards, Jonathan: RGG3 2 (1958) 309f (Lit.).

TRE 9 (1982), S. 299-301.

Hier der Text als pdf.

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