Auslegung zu Römer 12,16–21 (1525)
Von Martin Luther
Haltet euch nicht selbst für klug! Vergeltet niemand Böses mit Bösem! Fleißigt euch der Ehrbarkeit gegen jedermann! Ist es möglich, soviel an euch ist, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch selber nicht, meine Liebsten, sondern gebet Raum dem Zorn (Gottes); denn es steht geschrieben: ‚Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.‘ So nun deinen Feind hungert, so speise ihn; dürstet ihn, so tränke ihn. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln. Lass dich nicht das Böse überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. (Röm 12,16-21)
Von dem guten Wandel eines Christen
„Vergeltet nicht Böses mit Bösem“ (Röm 12,17).
Droben, wo er lehrt, man soll nicht fluchen, redet er von denen, die sich nicht rächen noch wiederum Böses tun können. Denn dieselben haben nicht mehr Macht, als dass sie fluchen und alles Unglück denjenigen wünschen, die ihnen zu mächtig sind. Hier redet er von Leuten, die untereinander gleich sind, da einer dem anderen wiederum Böses mit Bösem bezahlen und eine Tücke um die andere erweisen kann, sei es durch Tun oder Unterlassen; am meisten aber geschieht’s durch Unterlassen. Aber ein Christ soll Gutes tun dem, der ihm übel tut, und nicht ablassen; wie Gott seine Sonne scheinen lässt über Gerechte und Ungerechte (Mt 5,45).
„Fleißigt euch der Ehrbarkeit gegen jedermann“ (Röm 12,17).
Das ist, wie er zu den Thessalonichern sagt (1 Thess 5,22): „Meidet allen bösen Schein“, und Phil 4,8: „Was wahrhaftig, redlich, gerecht, keusch, lieblich ist, was wohl lautet, ist etwa eine Tugend, ist etwa ein Lob, dem denket nach.“ Dies alles ist vom äußerlichen Wandel gesagt; dass ein Christ nicht denken soll, altkirchliche Epistel am 5. Sonntag nach Epiphanias, er könne tun, was er will, ohne zu fragen, ob es niemand oder jedermann gefalle. Denn solches soll er tun nur in Glaubenssachen. Aber im äußerlichen Wandel soll er sich so halten, dass man nichts Sträfliches an ihm finde, sondern er jedermann gefalle; wie er sagt (1 Kor 10,32): „Seid gefällig jedermann und ohne Anstoß, beiden, den Juden und Griechen“; und St. Petrus (1 Petr 2,12): „Habt einen guten Wandel unter den Heiden“, und so fort.
„Ist es möglich, so viel an euch ist, so habt mit allen Menschen Frieden“ (Röm 12,18).
Vom äußerlichen Frieden ist das gesagt, mit allen Menschen, beiden, Christen und Heiden, Frommen und Bösen, Hohen und Niedrigen. Das ist, sie sollen keine Ursache geben dem Unfrieden, sondern eher alles leiden, was man tut, dass doch unsrerseits der Friede bleibe. Darum darf man nicht Böses mit Bösem vergelten noch zurückschlagen. Denn „wer dagegen schlägt, der richtet Hader an.“ Darum setzt er hinzu: „So viel an euch ist.“ Das ist, ihr sollt ja niemand etwas zuleide tun, dass von eurer Seite der Hader nicht komme, sondern von der anderen. Ihr sollt gegen jedermann friedlich sein, ob euch auch alle Menschen Unfrieden machen. Denn dass der Friede allenthalben bleibt, ist in keines Gewalt, wie man spricht: „Ich kann nicht länger Frieden haben, denn mein Nachbar will.“ Aber in unserer Gewalt steht ja, jedermann in Unfrieden zu lassen, beide, Feinde und Freunde, und von jedermann Unfrieden leiden. Ja, wo bleibe ich dann? Höre zu:
„Rächet euch selbst nicht, meine Liebsten“, sondern lasst Raum dem Zorn Gottes. Denn es steht geschrieben: ‚Die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr‘“ (Röm 12,19).
Da siehst du, wie er den Frieden so deutet, dass man des anderen Unfriede erleide, weil er Zurückschlagen und Rächen verbietet. Und er tröstet nicht allein, dass es gerächt werden soll, sondern schreckt auch davor ab, dass wir nicht Gott in sein Amt greifen, welcher allein rächen und vergelten will. Ja, er beklagt zugleich der Feinde groß Unglück damit, dass er anzeigt, wie sie in Gottes Zorn laufen, dass er uns zwinge, uns über sie zu erbarmen. Dass wir dem Zorn Raum geben und sie in Gottes Hand fallen lassen. Diese Rache aber und Zorn Gottes wird auf mancherlei Weise ausgerichtet. Bald durch die Obrigkeit, bald durch Teufel, bald durch Krankheit, Hunger, Pestilenz, Feuer, Wasser, Krieg, Feindschaft, Schande und alles Unglück, das auf Erden ist und sein mag. Denn alle Kreaturen sind Gottes Ruten und Waffen, wenn er strafen will; wie er Weish 5,18 sagt: „Er wird die Kreaturen wappnen, sich zu rächen an den Feinden.“
Darum spricht St. Paulus: „Lasst Raum dem Zorn.“ Ich aber habe dazugesetzt „Gottes“, auf dass der Text desto klarer würde und von Gottes Zorn, nicht von Menschen Zorn verstanden würde; als wollt St. Paulus (darunter) der Feinde Zorn verstehen, dass man demselben Raum lassen solle, wiewohl dasselbe wahr ist. Aber doch redet er hier nicht von solchem Zorn, sondern frei heraus von allem Unglück und Plage, welches alles Gottes Zorn heißt. Er hat auch darum „Gottes“ ausgelassen, dass man nicht meine, er rede allein von dem Zorn Gottes am Jüngsten Tage, und (davon), wo Gott selbst unmittelbar straft. Er will von allem Zorn geredet haben, es sei zeitlich oder ewig, womit Gott straft. Und es ist die Weise im Alten Testament so zu reden, wie Pinchas (Jos 22,18): „Dass der Zorn heute oder morgen ergrimme über uns.“ So heißt’s auch bei Mose an etlichen Orten: „Der Zorn ist angegangen unter der Gemeinde“ (4 Mose 11,1; 10,25). Das sage ich darum, dass man, wo die Obrigkeit straft, die das Schwert trägt, oder die Feinde Schaden antun, solches alles Gottes Rache heißt und diesen Spruch 5 Mose 32,25: „Die Rache ist mein“ nicht allein auf Gottes Strafe ohne alle Mittel allein deute.
„So nun deinen Feind hungert, so speise ihn; dürstet ihn, so tränke ihn. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln“ (Röm 12,20). Das ist’s, das ich sage: Euch über den Feind zu erbarmen, weil er in Gottes Rache fällt. Dass es christlich ist, ihm kein Leid, sondern nur Gutes zu tun. Es führt aber St. Paulus den Spruch Salomos an (Spr 25,21 f.). Denn feurige Kohlen aufs Haupt sammeln meint nach meinem Verstand, dass der Feind mit Wohltaten überschüttet wird, dass er zuletzt entzündet und erhitzt über sich selbst zornig und uns desto holder wird. Denn Kohlen bedeuten die Wohltaten. Darum bedeuten auch die Kohlen im Räuchergefäß die Wohltaten Gottes, die man im Gebet melden soll, dass das Gebet stark rauche und hinaufdringe.
Etliche deuten die Kohlen auf Gottes Gesetz und Gerichte; wie Psalm 18,9 sagt: „Kohlen sind von ihm angezündet“, dass der Feind durch Wohltaten umso tiefer sich verschulde und (noch) mehr auf sich lade Gottes Gericht und sein Gesetz. Aber ich acht’, dass solches von einem Christen seinem Feind nicht gewünscht werden soll; wiewohl es nicht ein ungeschicktes Verständnis ist und sich mit dem Wort „Lasst dem Zorn Raum“ reimt; das ist: Tut (nur) ihr Gutes; der Zorn und die Kohlen werden ihn wohl finden!
„Lass dich nicht das Böse überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“ (Röm 12,21).
Mit diesem Spruch schließt St. Paulus, und wie mich dünkt, deutet er selber die feurigen Kohlen nach dem ersten Verständnis, nämlich dass des Feindes Bosheit zu überwinden sei mit Gutem. Das (Lass dich nicht durch das Böse überwinden) ist ja nichts anderes, denn dass du auch böse wirst und Böses vergiltst dem, der dir Böses tut. Damit hat er dich überwunden, dass du ihm gleich böse wirst. Überwinde du aber ihn mit Gutem, so wird er auch gleich dir gut und fromm. Das ist ein geistliches Überwinden, da Herz, Mut und Seele überwunden werden, ja der Teufel, der zum Bösen treibt und es anrichtet.
Aus der Fasten-Postille 1525 (WA 17/II, 57–60).