Auslegung zu Römer 12,17–21 (Kurze Erklärung des Römerbriefes, 1941)
Von Karl Barth
Aber nun lebt ja der Christ nicht nur innerhalb der Gemeinde, sondern auch außerhalb, in der Welt: eben in jener Welt, deren Gestalt er sich nicht mehr anpassen kann! Eben in diese Welt hinein ist ja die Gemeinde gestellt; eben für sie lebt sie ja ihr scheinbares Sonderleben. So wird alles darauf ankommen, dass sie es – indem sie ihren Protest gegen ihre Gestalt erhebt und durchführt – wirklich für sie und nicht gegen sie lebe.
Dass sie also und dass jeder einzelne Christ in ihr auf die ihr widerfahrende und ihn persönlich treffende Verfolgung nicht mit Fluchen – als stünde hier eine Partei gegen eine andere –, sondern mit Segnen antworte! (V. 14). Dies ist es ja, was Jesus Christus an jedem Christen „da wir noch Feinde waren“ (Kap. 5, 10) zuerst getan hat. Dieses ihm Widerfahrene ist es, was er als Christ gerade denen, die ihm als Feinde begegnen, zu bezeugen hat.
Er gehe gerade nicht seiner Wege – das wäre nicht aus der Erneuerung seines Denkens, das wäre allzu weltlich gedacht und gehandelt, wenn er sich vor der Welt flüchten wollte. Wie könnte er dann segnen? Stoischer Verzicht auf das Mitleben mit den Menschen in der Welt ist nun einmal noch nie das dem Christen befohlene Segnen gewesen. Segnen kann er nur, indem er auf die ihm widerfahrende Verfolgung damit antwortet, dass er erst recht mit den Menschen in der Welt lebt, mit ihnen sich freut, mit ihnen weint, mit ihnen ein Mensch ist (V. 15).
Um nun doch eben als solcher in Mitfreude und Mittrauer eine ganz bestimmte, nämlich die durch die Einheit der Gemeinde und ihren Auftrag bestimmte Linie verfolgen, welche darin bestehen wird, dass er den eigentümlichen Zug und Trieb in die Höhe, den Drang nach Gottähnlichkeit, der für die Welt, die das Evangelium noch nicht gehört hat, charakteristisch ist, nicht mitmacht, sondern immer da zu finden sein wird, wo ihn selbst Gottes Gnade in Jesus Christus gefunden hat, nämlich in der Niedrigkeit dessen, der seiner eigenen Klugheit und Macht für Zeit und Ewigkeit nichts zu verdanken sich bewusst ist, in der Niedrigkeit dessen, der, wo er auch stehe – in Freude oder in Trauer, in Erfolg oder in Mißerfolg, mit der Mehrheit oder mit der Minderheit gehend – ein Angenommener, ein von Gott auf seinen Weg und zu seinem Werk Zugelassener ist.
Immer da wird der Christ zu finden sein, wo es zum Bekenntnis der Menschlichkeit des Menschen im Gegensatz zu aller Gottähnlichkeit kommt (V. 16). Er wird auf dieser Linie bestimmt nicht Böses mit Bösem vergelten, sondern vor den Augen aller Menschen – ob sie es sehen oder nicht – für das göttlich Gute einstehen. Denn das göttlich Gute ist immer (und ist auch nie umsonst) bei denen, die Gott durch seinen Geist zu Armen, zu schlechterdings Bedürftigen gemacht hat (V. 17).
Eben in dieser seiner echten Bedürftigkeit vor Gott wird der Christ dann auch ein lebendiges, ein schlechterdings aufrichtiges Friedensangebot an alle Menschen – der Träger des an sie gerichteten göttlichen Friedensangebotes – sein (V. 18). Wenn sie es aber nicht annehmen? Und sie werden es ja gewiß trotz allem nicht alle annehmen! Nicht alle? Wie viele, wie wenige werden es annehmen? Soll er nun doch als Partei gegen Partei wider sie vorgehen? Gleiches mit Gleichem vergelten? Mindestens damit, dass er sie nun dennoch fallen lässt, dass er endlich und zuletzt, ein Bild des göttlichen Zornes, doch von ihnen weg und seiner Wege geht?
Paulus sagt in Vers 19–21 in aller Deutlichkeit, dass eine andere Vergeltung als die des Bösen mit dem Guten, als die Verstärkung also jener Teilnahme, von der in Vers 15 die Rede war, für den Christen nicht in Betracht komme. Er müßte ja selbst die Gnade fahren lassen, die ihm zuteilgeworden ist, wenn er statt ihrer auf einmal den Zorn und die Rache Gottes bezeugen wollte. Den Zorn und die Rache Gottes zu bezeugen ist – mit Vorbehalt des besonderen Auftrags, von dem nachher die Rede sein wird – Gottes Sache ganz allein.
Es ist der Auftrag der Gemeinde und so der Auftrag jedes einzelnen Christen bestimmt der, Gleiches gerade mit Ungleichem zu vergelten und also den Feind, den Menschen, der das Friedensangebot nicht annimmt, damit zu bekämpfen und zu überwinden, dass er ihn als Feind einfach nicht gelten lässt, dass er ihn seiner Feindschaft zum Trotz erst recht nicht als Feind sich so weit ausleben lässt, dass er ihm wiederum zum Feinde würde. Er wird ihn vielmehr damit aus dem Felde schlagen, damit „feurige Kohlen auf seinen Kopf häufen“, dass er auch ihn als einen Bedürftigen, als einen Hungernden und Dürstenden behandelt und also speist und tränkt, statt ihn, den Armen, als vermeintlicher Exekutor des göttlichen Gerichtes etwa noch ärmer zu machen.
Und das alles eben – wie sehr hat hier Nietzsche die Konsequenz des Evangeliums mißverstanden! – nicht etwa in Schwachheit, sondern in Kraft, nicht aus Minderwertigkeitsgefühl, sondern in königlicher Überlegenheit, nicht nachgiebig, sondern gerade damit echten Widerstand leistend, eben damit die siegreiche Schlacht schlagend: gerade damit beweisend, dass er, der Christ, vom Bösen nicht überwunden, sondern in der Lage ist, das Böse mit dem Guten zu überwinden.
Quelle: Karl Barth, Kurze Erklärung des Römerbriefes, München: Chr. Kaiser, ²1959, S. 189–191.