Vom (Un)Glück, zu denken. Ein positiver Begriff der Negativen Dialektik
Von Heiner Weniger
In der Silvesternacht des Jahres 1966, wo im November die Negative Dialektik herauskam – vermutlich jedoch nicht, um sie unter den Weihnachtsbaum zu legen – stellte Theodor Adorno drei Fagen:
1. Worüber haben Sie 1966 am meisten gelacht?
2. Welche Schlagzeile würden Sie 1967 am liebsten in der Zeitung lesen
3. und was spricht eigentlich gegen Sie?
Adornos Antwort auf die 3. Frage: „Dass ich eine steigende Abneigung gegen die Praxis verspüre, im Widerspruch zu meinen eigenen theoretischen Positionen.“
Die Antwort ist deshalb bemerkenswert, weil sie sein soeben erschienenes theoretisches Hauptwerk gegen sich selbst in Schutz nimmt vor dem, was kommt, und die Eigenwürde der Theorie verteidigt, sofern Denken selbst eine Form von Widerstand sein kann.
Wenn wir aber nun, was ja bereits hin und wieder auf unserer Tagung geschehen ist, Wert und Wirkung der Negativen Dialektik konfrontieren mit den Ereignissen der Jahre 1967, -68 und -69 so ist das Ergebnis erschütternd. Blutige Gewalt trifft die Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 und Rudi Dutschke am 11. April 1968 innerhalb eines Jahres. Adorno stellt sich in Vorlesungen vehement gegen die Darstellungen der Polizei und die Demonstrationsverbote und fordert in öffentlichen Aufrufen etwa gegen den SpringerKonzern die unabhängige Untersuchung der Vorgänge. Das, nicht zu vergessen, war für ihn selbstverständlich und Teil seiner Profession. Mehr und mehr aber kommt es zur Entfremdung zwischen dem Professor und den Studenten. Adorno ist nicht bereit, sich mit den verbalen und faktischen Ausschreitungen der Bewegung zu solidarisieren. Sein Kollege Jürgen Habermas spricht gar von Linksfaschismus. Es kommt zu unnötigen Konfrontationen sogar vor Gericht und den bekannten, surrealen Szenen in einer Vorlesung. Seinen Zustand bezeichnet Adorno als „schwer ramponiert“. Am 6. August 1969 stirbt er ganz unerwartet im Urlaub in der Schweiz.
Dramatisch fallen Theorie und Praxis, Denken und Leben, die nach Kritischer Theorie sich doch gegenseitig bedingen, auseinander. Das wird in den folgenden Jahrzehnten Thema der Frankfurter Schule sein. Was und wie richtiges Leben und insbesondere richtiges Denken nach Adornos Negativer Dialektik uns betrifft, das jetzt unsere letzte Aufgabe: Vom Glück und Unglück zu denken.
Adorno: „Die Theorie ist gerade durch ihr Herausgenommensein selber so etwas wie die Stellvertretung des Glücks. Das Glück, das durch die Praxis herzustellen wäre, findet in der heutigen Welt gar keinen anderen Reflex als das Verhalten des Menschen, der auf dem Stuhl sitzt und nachdenkt. Genau das, meine Damen und Herren, wäre heute Morgen in der Rotunde auch unser Glück.
1. Die Zeit dialektischen Denkens
Unter diesem Stichwort treffen wir vor hundert Jahren auf eine ganz merkwürdige Koalition von Husserl, Heidegger, Carl Schmitt auf der einen, Horkheimer und Adorno auf der anderen Seite, treffen bei den Theologen auf Barth und Elert, Tillich, Hirsch und Bultmann. Sie alle – die Versammlung könnte auf philosophischer und theologischer Seite nicht gegensätzlicher sein – treffen sich 10 00 Klafter tief bei Sören Kierkegard, suchen den qualitativen Unterschied von Zeit und Ewigkeit, Vergänglichem und Bleibendem, um in den bestürzenden Erfahrungen und Erlebnissen des 1. Weltkriegs einen Gesprächspartner zu haben.
Dialektisch zu denken wäre demnach einer erschütterten, widersprüchlichen Zeit und Gesellschaft angemessen.
Adorno hat bei Kierkegard gelernt, dem sog. Nichtidentischen, dem Andern in mir, verhaftet zu sein, den zentralen Punkt, die Mitte auszusparen und die Wahrheit nur in Konstellationen erscheinen zu lassen. Dialektik bei Kierkegard lernt man in zwei sich widersprechenden Sätzen – These und Antithese -, die es beide braucht, um die eine Wahrheit auszusagen.
Das ist kommunikativ kaum durchzuhalten, ohne sich laufend zu widersprechen. Die Zeit dialektischen Denkens ist bei Kierkegard und Adorno die Kindheit und als Modell zu finden im Ausstehen von und in der Sehnsucht nach Glück zu finden, dem Glück etwa, „das Namen von Dörfern verheißen wie Otterbach, Watterbach, Reuenthal, Monbrunn.“ Das Kind irrt, aber sein Irrtum stiftet ein Modell für Erfahrung. Adorno erinnert sich: „Früh in der Kindheit sah ich die ersten Schneeschaufler in dünnen, schäbigen Kleidern. Auf meine Frage wurde mir geantwortet, das seien Männer ohne Arbeit, denen man diese Beschäftigung gäbe, damit sie sich ihr Brot verdienten. Recht geschieht ihnen, dass sie Schnee schaufeln müssen, rief ich wütend aus, um sogleich fassungslos zu weinen.“
Kindliche Erfahrung aber soll dann doch zum Modell einer Welt werden, die nicht mehr durch das Tauschprinzip, also im Wesentlichen vom Geld, beherrscht wird. Eben dieser keineswegs nostalgische, aber nicht ungefährliche Rückzug ins Kindliche, Vitale und Emphatische öffnet denn auch die Tür zur Literatur und Kunst.
Wir wollten Leben und Denken nicht auseinandertriften lassen. Die strenge dialektische Form kommt literarisch selten vor. Bei Elke Heidenreich habe ich sie wieder gefunden. In ihrem Buch über das Altern beginnt sie in einem 1. Kapitel ihre Kindheit zu beschreiben unter der Überschrift Ich habe mein Leben komplett in den Sand gesetzt, um dann in einem zweiten fortzufahren: Ich hatte ein unfassbar wunderbares Leben. Und uns schließlich im 3. Kapitel aufzufordern: Und nun suchen Sie sich aus diesen zwei Lebensversionen doch bitte eine aus. Ich meine, die Wahrheit in These und Antithese von ein- und derselben Lebensgeschichte anzugehen, und die Synthese dann doch dem Lesepublikum zu überlassen, ist ihr meisterlich gelungen. Wahrheit als Mitte und Zentrum auszusparen und nur in Konstellationen zu erfassen, hat aber bereits Hegel schon nicht ausgehalten, wollte und musste eine Synthese finden, um zu einem positiven Schluss zu kommen.
2. Die Form dialektischen Denkens
Machen wir einen Sprung ins Jahr 1966, wo die Denkform der Dialektik einen großen Aufschwung nimmt. Es erscheint Adornos „Negative Dialektik“ und auf theologischer Seite ebenso bedeutsam, Eberhard Jüngels „Gottes Sein ist im Werden“ – eine Paraphrase zu Karl Barth. Ich möchte Ihnen, meine Damen und Herren, einen der maßgeblichen Vertreter von Theologie und Kirche im Gegenüber zur Philosophie Adornos vorstellen.
Das ist insofern ein glückliches Zusammentreffen, weil Jüngel eine positive Dialektik im Denken Gottes verfolgt, und wir e contrario zu Adornos negativer, beide zum bessern Verständnis beider vergleichen können. Die Theologie dient hier dem heuristischen Vergleich, worauf wir uns ja verständnishalber einmal einlassen können.
Jüngel nimmt die Geschichte modernen Gottesdenkens vom Theismus zum Atheismus auf. Die theistische These: Gott ist notwendig, ist Inbegriff der Theologie vor der Aufklärung. Spaßeshalber können wir uns den Denkvorgang der Scholastiker einmal vornehmen, indem wir nach und nach das wegdenken, was in unserm Leben und Denken nicht unbedingt notwendig ist.
Wir könnten uns beispielsweise den Starnberger See wegdenken. Zwar schade, aber denkbar. Oder das Mittagessen nachher – da wird’s dann schon schwieriger – aber auch das nicht überlebens-notwendig. Beim Auto, bei der Wohnung wird’s schon enger. Wir könnten uns auch den Trump und den Putin wegdenken, absolut nicht notwendig. Wir könnten – sorry, uns sogar liebe Menschen wegdenken, am Ende gar uns selber. Zuletzt den ganzen Planeten.
Was bleibt am Ende als unbedingt seinsnotwendig über? Was meinen Sie? Die Scholastiker sagten: Gott. Gott ist notwendig, das Höchste, was zuletzt übrigbleibt und deshalb vernünftig. Sie, meine Damen und Herren, gehen vielleicht nicht so weit und sagen: Das Denken bleibt übrig. Wir denken ja. Denken ist notwendig. Um mit dem Titel des Vortrags zu sprechen: Es ist ein Glück, zu denken. Danke, dass Sie diesen Ausflug ins Mittelalter mitmachten!
Wenden wir uns der Dialektik Eberhard Jüngels zu: Der Theismus hat zum Gegensatz den Atheismus: Für die Rationalität moderner Wissenschaft und Technik ist die Arbeitshypothese
Gott nicht notwendig. Bei dieser Widersprüchlichkeit zwischen Theismus und Atheismus kann es nicht bleiben, wenn etwa der atheistische Satz, dass Gott tot sei, in Gott selbst – man denke an den Karfreitag – aufgehoben ist.
Die Antithese zum Theismus, dass eben Gott nicht notwendig sei, wird bei Jüngel in einer höheren Position oder Synthese aufgelöst. Dazu bedarf es freilich einer neuen Ebene und Argumentation. Der qualitative Sprung wird syllogistisch korrekt durch ein Ereignis, durch die Kontingenz eines Geschehens ausgelöst, wodurch die Antithese negiert und die These gesteigert wird: Gott ist mehr als notwendig. Er tröstet. Er hilft. Dies kann als bestimmte Position und Synthese verstanden werden. Konsequent dialektisch gedacht, verhält sich diese Synthese Gott ist mehr als notwendig zur Antithese Gott ist nicht notwendig als Sprung, als qualitativer Unterschied, und verhält sich zur These als Steigerung, also quantitativ: notwendig – mehr als notwendig.
Aus der Erfahrung der Nicht-Notwendigkeit Gottes lässt sich keineswegs folgern, dass Gott mehr als notwendig sei. Mehr als notwendig ist allemal nur, was kontigent geschieht. Diese bestimmte Position, kann nicht unabhängig von Gott, nicht ohne das Ereignis des Wortes Gottes, nicht ohne Karfreitag und Ostern, verstanden werden. Auch nicht ohne die persönliche Erfahrung, dass Gott hilft. Jüngel behauptet gar, die beiden Sätze Gott ist nicht notwendig und Gott ist mehr als notwendig beschreiben kurz und bündig das Aufgaben und Handlungsfeld heutiger Theologie und Kirche.
Vom Theologen Eberhard Jüngel zum Philosophen Theodor Adorno ist es, was die Denkform der Dialektik betrifft, nur ein kleiner Schritt, was die Substanz oder den Gegenstand des Denkens betrifft, aber ein riesengroßer. Denn in der rationalistisch und marxistisch bestimmten Philosophie Adornos schlägt die Kritik des Himmels um in die Kritik der Erde, die Kritik der Religion um in die Kritik des Rechts und die der Theologie um in die Kritik der Politik. Die alles entscheidende Substanz im Denken Jüngels, nämlich der Name Gottes und die mit ihm verbundene Geschichte, fällt bei Adorno flach. Es gibt da nicht einmal wie bei Hegel eine Synthese des Vernünftigen, in der sich Sein und Dasein versammeln ließen. Sie würde immer wieder umschlagen in negative Dialektik, in eine bloße These, gegen die in Widersprüchen zu denken sei.
Dennoch hat auch Adorno einen Gegenstand des Denkens, ein entscheidendes Ereignis, auf das er sich immer wieder und substanziell bezieht: Auschwitz ist für ihn das radikal NichtVersöhnbare, der worst case, der sich nie mehr ereignen darf. Nehmen wir die Beschreibung Francis Bradley’s für Adornos negative Dialektik, die er als Motto vor den zweiten Teil seiner Minima moralia gestellt hat. Where everything is bad / It must be good / To know the worst. (Wo alles schlecht ist, muss es gut sein, das Schlimmste zu kennen.)
Der These everything is bad steht als Antithese gegenüber: It must be good. Es sollte eigentlich gut sein. Die Rettung dieses Gedankens ist aber keine Rettung, sondern die offene Wunde, die alles immer noch schlimmer macht, so dass auf dieser Ebene keine Lösung zu erwarten ist.
Das einzig Mögliche in solcher Lage ist, zu springen! Der qualitative Unterschied zwischen dem abstrakt guten Gedanken und dem worst case, dem konkret schlimmsten Ereignis, ist unendlich. Auschwitz, den Holocaust zu kennen ist die Schlussfolgerung derer, die den bad times zwar nicht entrinnen, aber auf das Schlimmste gefasst sind.
Der dialektische Gedanke aber endet nicht in einem klugen Wissen. Die negative Steigerung bad – worst vertieft das Grauen, folgt einer absteigenden Tendenz. Wer das Schlimmste kennt, kann das Schlechte einordnen, wahrnehmen, ohne es zu bewerten. The worst ist das Ende, nicht bloß Durchgangsstation und will in seiner Nicht-Versöhnbarkeit ernst genommen werden. Nicht Johnny, be good! ist das letzte Wort, sondern Know the worst! Konkret ist diese Negation gegenüber dem abstrakten, undifferenzierten Gedanken It must be good. Sie bezieht sich – eben konkret – auf den schlimmsten Fall, der in Auschwitz und im Holocaust nicht nur bleibenden Eindruck, sondern Maß und Ziel gefunden hat.
Dieser Schritt vom Schlechten zum Schlimmsten, dieses Wachhalten schreiender Not, soll weder traumatisieren noch beschwichtigen. Bei all dem Schlimmen, was dir widerfährt, wäre es zumindest ein schwacher Trost, dem Schlimmsten entkommen zu sein oder es zu kennen. Je älter Adorno wurde, hat er der Musik und der Kunst diese Chance gelassen. Prekärer als die Steigerung aber scheint mir der Sprung in den Abgrund, der jede Sinnstiftung, jede Genugtuung, es richtig zu machen, jede noch so versteckte und verdeckte Versöhnung verfehlt. Zu erinnern, nicht zu vergessen, mag logische Folge, mag künstlerische Motivation oder pädagogische Aufgabe sein. It must be good, to know the worst aber bleibt substanziell dem Grauen, dem Schrecken, dem Abgrund verhaftet. Keine Synthese, die sich daraus entwickeln ließe, sondern Sprung, offene Wunde, Negation.
Vergleichen wir beide, Jüngels und Adornos Dialektik, so ist es, was die Denkform betrifft, nur ein kleiner Schritt. Beide sind an Hegel geschult. Die Grafiken machen das deutlich. „Gott“ und „Auschwitz“ sind – der Logik, natürlich nicht der Moral nach – funktionsäquivalent. Im Verständnis von Axel Hutters Vortrag gestern müssten beide als Name und Begriff entfaltet werden, um ihrer jeweiligen Geschichte, aber auch der Einordnung in unsere Denk- und Lebenswelt, gerecht zu werden.
Adorno-Spezialisten mögen es für eine horrible Simplifikation halten, die Negative Dialektik auf den Namen/Begriff Auschwitz herunterzubrechen. Mag sein, dass Adorno in Sprache und Stil zuweilen rätselhaft, verschwurbelt und schwer zu lesen ist – so Vorwürfe -, im Denken ist er einfach, klar und präzise. Welch ein Glück!
Wir haben gesehen, wo und wie Adorno das Hegelsche System sprengt und zu ihm und Jüngel, der weiterhin im System verharrt, ein feiner, aber schneidend scharfer Unterschied besteht: Die Synthese, der Fortgang und die Aufhebung zu einer vernünftigen Einheit des Lebens und Denkens wird verweigert. Die Negation ist bei Hegel und Jüngel Durchgangsstation, bei Adorno Endstation. Auschwitz lässt Versöhnung nicht zu. Zu trauern wohl, aber wenn die Verzweiflung darüber sich dem Trost Eberhard Jüngels nicht anbietet, sich ihm geradezu entziehen möchte?
3. Negative Dialektik und negative Theologie
Sorry, dass wir da noch einmal ansetzen müssen. Mit den mittelalterlichen Mönchen, aber auch in der jüdischen Weisheit haben wir vorhin einen Weg beschritten, auf dem wir versuchten, loszulassen. Via negationis lassen wir nun auch das ständig um Sinn und Nutzen besorgte Denken los. Lassen auch das los, worüber wir nicht verfügen. Gott kann uns unbegreiflich werden, wie auch das Leid in Auschwitz unbegreiflich bleibt. Der Weg der negativen Theologie führt abwärts, weg von der Anstrengung, etwas glauben oder leisten zu müssen. Ob die Armut und Keuschheit des Geistes, die Einsicht in die eigenen Grenzen, ob das Schweigen sich mit Auschwitz und mit Gott verträgt?
Elie Wiesel erzählt:
„Wenn der Großrabbi Israel Baal-Schem-Tow sah, dass dem jüdischen Volk Unheil drohte, zog er sich für gewöhnlich an einen bestimmten Ort im Wald zurück; dort zündete er ein Feuer an, sprach ein bestimmtes Gebet, und das Wunder geschah: Das Unheil war gebannt. Später, als sein Schüler, der berühmte Maggid von Meritsch, aus den gleichen Gründen im Himmel vorstellig werden sollte, begab er sich an denselben Ort im Wald und sagte: Herr des Weltalls, leih mir dein Ohr. Ich weiß zwar nicht, wie man das Feuer entzündet, doch in bin noch imstande, das Gebet zu sprechen. Und das Wunder geschah.
Später ging auch der Rabbi Mosche-Leib von Sassow, um sein Volk zu retten, in den Wald und sagte: Ich weiß nicht, wie man ein Feuer entzündet, ich kenn‘ auch das Gebet nicht, ich finde aber wenigstens den Ort, und das sollte genügen. Und es genügte: Wiederum geschah das Wunder.
Dann kam der Rabbi Israel von Rizsin an die Reihe, um die Bedrohung zu vereiteln. Er saß im Sessel, legt seinen Kopf in beide Hände und sagte zu Gott: „Ich bin unfähig, das Feuer zu entzünden, ich kenne nicht das Gebet, ich vermag nicht einmal den Ort im Walde wiederzufinden. Alles, was ich tun kann, ist, diese Geschichte zu erzählen.“ Das sollte genügen. Und es genügte“.
Ich werde nie vergessen, so Elie Wiesel, dass wir versuchten, das Passah zu feiern in Buchenwald. Wie man es konnte? Wir hatten keine Mazzen, keinen Wein, aber wir hatten die Geschichte – und sie genügte.
Auch in unserm Glauben gibt es eine Mitte, die unverfügbar ist, wenn wir uns mit den raren, einfachen Worten Jesu das Abendmahl teilen, Schulter an Schulter im Kreis stehen und uns im Schweigen nahe sind. Sich verbergen im Gedankenlosen des selbstverständlichen Tuns: Ob dieser Weg ins Schweigen sich mit Auschwitz und mit Gott verträgt? Dietrich Bonhoeffer hat ihn theologisch umgesprochen: Menschen gehen zu Gott in Seiner Not, finden ihn arm, geschmäht, ohne Obdach und Brot, sehen ihn verschlungen von Sünde, Schwachheit und Tod.
Christen stehen bei Gott in Seinen Leiden.
Vom Glück zu denken, kann da wohl schwerlich die Rede sein. Denken, das einmal Befreiung und Freude an der Wahrheit war, muss nunmehr erkennen, selbst vom Grauen infiziert zu sein und Anteil zu haben an den Katastrophen der Moderne. Deshalb die Überschrift „Vom Glück und vom Unglück zu denken.“
Es muss sich selbst in Frage stellen und kann Leiden nicht ungeschehen machen, so dass auch der Schritt von der Theorie zur Praxis eben nicht stringent ist. Es gibt kein richtiges Leben im falschen, aber es gibt ein richtiges, logisches, ordnendes, beherrschtes Denken im falschen. Das war verantwortlich für das Ausmaß des Holocaust. Es wäre ein Unglück, sich dessen nicht bewusst zu sein. Aber das macht längst nicht glücklich. Die brave, überall geschätzte und gebrauchte instrumentelle Vernunft ist der Treiber dieser Katastrophe. Und nicht nur das; sie hat überdauert und verwaltet gewissenhaft unser beschädigtes Leben bis heute.
Meine Kirche etwa ist da ganz vorne dran und sucht ihre Krise mit eben dieser berechnenden Vernunft zu meistern, indem alles, was sich nicht rechnet, nach und nach abgeschafft wird – zugunsten von Renditen und Effizienz: Pfarrhäuser, Freizeitheime, soziale und seelsorgerliche Dienste. In den Gemeinden zerstört das Freiräume und Quartiere absichtsloser Begegnung und vertreibt, die hilfsbedürftig sind und die, die helfen könnten aus ihren Lebensräumen und Refugien.
4. Niech zyje Solidarnosc! Es lebe die Solidarität!
In einem letzten Kapitel der Negativen Dialektik, überschrieben „Meditationen zur Metaphysik“, wird noch einmal grandios deutlich, wie liebevoll Adorno sich der großen alten Tradition der Metaphysik annimmt und wie gnadenlos scharf seine Kritik ausfällt. Denn: Die instrumentelle Vernunft, die in der Moderne nahezu alles auf sich zieht, kann die Fragen der Metaphysik weder lösen noch ersetzen. Die alten Antworten von Plato bis Hegel jedoch sind längst obsolet, dass die Welt vernünftig sei, dass Geschichte zum Guten führe, dass Gott alles ordne.
(So hat das Chat GPT kurz zusammengefasst.)
Gravierender ist jedoch, dass das an der alten und neuen Metaphysik geschulte Denken Auschwitz nicht verhindert, ja nicht einmal wahrgenommen hat. Das kann weg. Es bleibt jedoch das metaphysische Bedürfnis, dass Unrecht nicht siegt, dass Tote nicht einfach verschwinden, dass Wahrheit mehr ist als Erfolg.
Dem hat sich das Denken nach Auschwitz zu stellen.
Der Schluss in der Negativen Dialektik gehört wohl zu Adornos schönsten und dichtesten Sätzen: „Solches Denken ist solidarisch mit Metaphysik im Augenblick ihres Sturzes“. Ganz schlicht: Die Fragen bleiben. Antworten müssen neu gefunden werden.
Solidarität ist der letzte und einzige positive Begriff der negativen Dialektik. Dass er wiederum verbunden ist mit dem gnadenlosen, vielleicht sogar schmerzlich negativen Augenblick eines Sturzes, ist der Dialektik geschuldet, die in Adornos Sprache ständig ein- und ausgeht. Halten wir fest, was das für das Denken nach Auschwitz bedeutet:
- Die Barbarei der Nazis, die Euphorie der Massen, die Mord-Beihilfe der Mitläufer, die verlogene Blindheit Überlebender, zu vergessen, zu beschwichtigen, wären das Dümmste, was passieren kann. Jedes Weiterdenken, jede Zukunftsperspektive wird dadurch verfälscht. Das einzusehen, verdient Solidarität. Where everything is bad, it must be good, to know the worst. Denken kann man lernen, Herr Alexander Gauland, und nebenbei auch ein bisschen praktische Vernunft!
- Als neuen kategorischen Imperativ hatte Adorno formuliert, das „Denken so einzurichten, dass Ausschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe.“ Negative Dialektik aber lässt sich schlecht verwalten, bleibt widerspenstig. Mit ihr lässt sich kein Staat machen und keine Schule gründen. Wir haben eingangs davon gesprochen, wie erschütternd die Ereignisse im Sommer 1969 waren, wie Theorie und Praxis, Denken und Handeln, die nach Kritischer Theorie sich gegenseitig bedingen, auseinanderfallen.
Ich habe zuletzt mit dem Ruf Niech zyje Solidarnosc! daran erinnern wollen, dass in der polnischen Widerstands- und Gewerkschaftsbewegung von 1980 beides, solidarisches Denken und Handeln beieinander waren. Für Jürgen Habermas war die Solidarnosc eine Bewegung, die Totalität und Gewalt ausschloss und den Begriff Adornos praktisch werden ließ.
3. Solidarität ist eine Haltung und dazu gehört nach Brecht nicht etwa nur das weise gesprächsfähige Denken, sondern auch die Weise, miteinander zu leben und sich verständlich zu machen. Theodor Adorno schrieb 1949: „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch.“- hat sich aber in der Negativen Dialektik korrigiert: „Das perennierende Leiden hat so viel Recht auf Ausdruck wie der Gemarterte zu brüllen;“ Dorothee Sölle auf dem Evangelischen Kirchentag 1965: „Wie man nach Auschwitz den Gott loben soll, der alles so herrlich regieret, das weiß ich nicht.“ Sie hat auch nach ihrem SchockSatz gesungen und Gott gelobt – nur anders!
Jede und jeder ist gefragt, womit oder wogegen sie sich solidarisieren. Auf dem Stuhl sitzen und nachdenken, where everything is bad, kann glücklich machen, aber auch läppisch sein. Allein die Plattform der sozialen Medien nutzen, ist für Viele unseres Alters schon zuviel, und in die Gilde leserbriefschreibender Ruheständler einzutreten, auch nicht unser Ding. Wir müssen uns bemühen, nicht nur unsere Anliegen, sondern auch das Forum und die Verbreitung dieser Anliegen zu reflektieren. Unsere Kirchen standen früher dafür zur Verfügung. Wir sollten ihre Möglichkeiten nutzen!
Ich lebe in einer Kirche, die mehr denn je darauf angewiesen ist, Geschehenes nicht zu verdrängen oder zu verharmlosen, wie es bei sexuellen Missbrauchsfällen immer wieder geschehen ist. Pfarrer sind aber nicht nur Täter. Sie sind auch Opfer einer Kirche, die Leiden, Lügen und Repression nicht nur verhindert, sondern auch verursacht.
Josef Pfisterer, Pfarrer im Waldviertel und Doktor der Theologie, ist verstorben in Ausübung seines Amtes, das er nimmer verschaffte. Es war mir nicht möglich, bei diesem Thema darüber hinwegzusehen.
Und so schließe ich mit dem, was – in aller Schwachheit – als Ausdruck meiner Solidarität zuhanden ist, mit einem Requiem für meinen Kollegen und Bruder im Geist nach Bob Dylan’s It’s all over now, Baby blue. Den hat Adorno knapp verfehlt, ihn wahrscheinlich auch gar nicht gekannt. Es bestehen erhebliche Zweifel, ob er seine Art und Musik akzeptiert hätte. Trotzdem. Als einer, der sowohl Theodor Adorno wie auch Bob Dylan kennt und schätzt, mache ich mich zum Informanten beider: Requiem für Josef Pfisterer.
Vortrag auf der Tagung „ Prekäres Glück in einer erschütterten Welt – 60 Jahre Theodor W. Adorno Negative Dialektik“ an der Evangelischen Akademie Tutzing, 1.-3. Mai 2026.



